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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Kleine Hoffnungen und große Enttäuschungen

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Als wäre die Niederlage mit der Nationalmannschaft gegen England nicht genug gewesen, so sollte die 1:4-Pleite des VfB Stuttgart in Wolfsburg einer recht bescheidenen Woche noch einen drauf setzen. Es hat nicht sollen sein: achtbar aus der Affäre ziehen ohne wieder (wie bereits im Mai) 4 Gegentore zu kassieren. Mein Antrag wurde abgelehnt. Und auch, wenn man davor berechtigterweise gewarnt wurde, tut es nicht weniger weh.

Es wurde eine Woche zum Vergessen. Die Hoffnungen auf die Wende nach lahmen, erfolglosen Spielen war bei den heimstarken Wolfsburgern nicht besonders groß, aber sie waren da. Aber wie das nun mal so ist: man lässt sich nur selten von Freunden belehren, die einen nur vor großer Enttäuschung bewahren wollen. Hört man deswegen jedes Mal auf sie, auch wenn sie schon manchmal Recht hatten? Nein, natürlich nicht. Denn man steht für seine Liebe und Leidenschaft ein – und auch wenns manchmal weh tun muss, man tut es immer und immer wieder.

Die Volkswagen Arena in Wolfsburg ist keinesfalls Neuland für mich, bereits zum 2. Mal trat ich gemeinsam mit Stammfahrer Reinhardt die Reise von knapp 250 Kilometern zur Autostadt an, dick eingepackt mit jeweils 2 Paar Socken, 2 Paar Hosen, 2 Paar Pullis und 2 Paar Schals – man kann ja nie wissen. Es wurde wie erwartet kalt in Wolfsburg, für Frostbeulen für mich keine erfreuliche Angelegenheit, was tut man nicht alles. Wenn ich das hier überstanden habe, warten in diesem Jahr noch 2 weitere Spiele im Dezember auf mich. Da schlottern einem schon vom bloßen Gedanken vor Kälte die Knie. Brrrrr.


Grüße an Daniel, der hier neben mir steht und mit dem ich mittlerweile fleißig E-Mails schreibe

Ein großer Wunsch ging bereits im Vorfeld des Spiels in Erfüllung: das Sichern einer Stehplatzkarte für Block 29, zu dem ich vom Oberring aus im Mai noch etwas neidisch nach unten blickte und mir wünschte, beim Commando Cannstatt einmal direkt mit zu machen, beim engagierten Publikum, welches knöcheltief in Bier, Blut und Schweiß steht und 90 Minuten seine Berufung darin sieht, die Mannschaft mit lauten Gesängen nach vorne zu treiben. Von daher freute ich mich über die Möglichkeit, mich für nur 16 Euro unter echtes Schwabenvolk zu mischen – und das Tolle daran war: keiner stellte blöde Fragen, warum ich als Leipzigerin einen VfB-Schal trug.

Das Verweilen im Stehblock bewahrte mich an jenem Samstag Nachmittag vor Unterkühlung, denn schon eine Stunde vor Beginn der Partie wurde kräftiger Support geleistet, genüsslich machte ich mit und freute mich immer mehr. An die Worte meines Kumpels Jonas, der mich vor diesem Tag gewarnt hatte, waren für ein paar Minuten vergessen. Ich kannte nur eines, und das war Singen, Schreien und Springen.

Wie immer war ich mit dem Anpfiff des Spiels sehr angespannt, durch die permanente Bewegung im Gästeblock wurde es mir allerdings etwas einfacher gemacht. Zum Einlaufen der Mannschaften folgte die nächste Premiere: ich durfte einen Doppelhalter mithalten, was durch den starken Wind sehr erschwerlich wurde, denn der Doppelhalter bot eine große Angriffsfläche für den eiskalten Wolfsburger Novemberwind. Tapfer und stolz zugleich hielt ich den einen Stab, analog zu meinem Stehblock-Nachbarn links von mir, in die Luft und kam mir dabei ein wenig vor wir Arthur, der gerade das Schwert aus dem Stein gezogen hat.

Die ersten 45 Minuten des Spiels waren wie ein wundervoller Traum für mich: fantastischer Support im Block 29, noch eine relativ gute Sicht aufs Spielfeld und schließlich machte Martin Lanig in der 17. Minute das 1:0 für den VfB Stuttgart auf der Seite des Gästeblocks. Wie sagte es einst Jürgen Klinsmann: „da gehen die Gefühle mit einem Gassi!“, dem kann ich nur beipflichten. Auf einmal fand ich mich wieder in einem weiß-rot jubelnden Getümmel, Menschen die ich noch nie zuvor im Leben getroffen habe, lachten und jubelten, umarmten mich als wäre man gemeinsam groß geworden. Mit einem Satz sprang ich auf die Wellenbrecher vor mir, und sah die Jubeltraube von VfB-Spielern an der Eckfahne, nur wenige Meter von mir entfernt. Das ich beinahe abrutschte und gefährlich hätte stürzen können, verdrängte ich schnell, so groß war die Freude, in diesem großartigen Moment dabei gewesen zu sein. Bis zur Halbzeitpause genoss ich hervorragende Stimmung und den 1:0 Halbzeitstand, der mich grinsend von der Anzeigetafel am Stadiondach anlachte und mir als Sahnehäubchen für die ersten 45 Minuten noch den Führungstreffer von Energie Cottbus gegen Bayern München schenkte, es war fast wie im Märchen. Nur etwas kälter. Und windiger. Habe ich schon erwähnt, das es kalt war?

Aber letztenendes sollte es nicht sein. Während die erste Halbzeit wie ein Traum war, so wurde die zweite zum Alptraum. Es ging alles so schnell, wie im Zeitraffer. Ohne selbst etwas dagegen tun zu können, sah ich dabei zu, wie meine Mannschaft einbrach. Jedes Wolfsburger Tor bohrte sich wie ein Dolch in mein Herz. Erst gefeiert, dann gelitten. Wieder wurden es 4 Gegentore, Endstand aus Stuttgarter Sicht: 1:4 – nach 1:0-Führung.

Ehe ich mich versah, wurde das Spiel abgepfiffen, es war vorbei. Nicht nur ich konnte es nicht begreifen, so ging es allen anderen mitgereisten VfB-Fans wohl auch – kopfschüttelnd und nahezu starr vor Enttäuschung verweilte ich noch im Gästeblock und litt zusätzlich darunter, das die Mannschaft nicht für eine anständige Verabschiedung als Dankeschön für guten Support zu uns kam – das lag aber nicht an den Jungs sondern an ein paar Idioten, die meinten, laut pfeiffen zu müssen, was zur Folge hatte, dass die Jungs auf halber Strecke kehrt machten und sich Mario Gomez sogar zu einer abwinkenden Handbewegung hat hinreißen lassen. Die Enttäuschung über diese Aktion(en) war groß, das Verständnis für den Frust der Spieler allerdings auch.

Es gehört zu den unpraktischsten Dingen der Welt, im Stadion angerufen zu werden, nach einigem „WAS? Ich versteh dich nicht!“ habe ich meinen Fahrer Reinhardt dann doch noch gefunden und wir verweilten noch ein wenig, sprachen über das Spiel, die Stimmung und die nachweislich große Enttäuschung, angesichts der zwar erwarteten Niederlage und doch kam alles schlimmer, als jeder von uns gehofft hatte.

Auf dem Weg zum Auto mussten wir das halbe Stadion umkreisen. Mein Fahrer und mittlerweile guter Bekannter und Freund sehnte sich nach einem warmen Plätzchen und einem Happen zu Essen, bevor wir die Heimreise antreten wollten und so zog er sich in eine Kneipe am Stadion zurück während ich noch in der Kälte, die von „ziemlich schlimm“ (Stand von Nachmittags) nun schon „ekelhaft abartig“ wurde, am Stadion wartete. Ohne guten Grund würde ich auf so eine Idee nicht kommen, aber das große Gefährt in rot und silber zwang mich förmlich zum Verweilen: ich wartete noch, bis der VfB-Bus das Stadion verlassen hat. An einem eiskalten Metallgitter wartete ich geduldig, während ich ein paar Spieler in den Bus habe einsteigen sehen.

Mit einem traurigen Blick wandte ich keinen einzigen Moment meine Augen vom „Objekt der Begierde“ ab, und auch wenn ich mörderlichst frierte, wurde mein Warten an einem eigentlich schon komplett verdorbenen Tag doch noch belohnt. Als Jens Lehmann aus den Katakomben zum Bus lief und sein Zeug einlud, rief ein kleiner Junge links von mir „Jeeeens Lehmann!“, keine Reaktion, zumindest noch nicht. Später kam er doch noch zu uns, gab zuerst dem Junior ein Autogramm aufs Trikot. Auf eine Autogrammjagd war ich kein bisschen vorbereitet! Alles, was ich zum Signieren dabei hatte, war der neue Tickethalter, den mir Sabine in Berlin zum Länderspiel gegen England mitgebracht hatte. „Egal, muss das eben herhalten“ dachte ich mir und steckte die Aufbewahrung für mein Block 29-Ticket zwischen die kalten Gitterstäbe. Ich freute mich natürlich, doch es sollte noch besser werden. Auch Mario Gomez kam noch zu uns, er steuerte direkt auf mich zu. Einem Ohnmachtsanfall schon ziemlich nah, doch mit letzter Kraft sah ich ihn schließlich wenige Zentimeter vor mir stehen. Und wie das nun mal so ist: Man überlegt sich im Vorfeld, was man in diesem Moment alles sagen könnte, doch statt den richtigen Worten, bei denen er mich vielleicht auch mal angesehen hätte, konnte ich nur „Kopf hoch, Mario, trotzdem gute Leistung!“ sagen. Argh!

Bevor ich wirklich wieder loswollte, kam noch Horst Heldt zu der Handvoll VfB-Fans, inklusive mir, die noch auf ein kurzes Statement hofften, das sie dann von unserem Manager bekamen, der sich für die Leistung der 2. Halbzeit entschuldigte und weder sich, der Mannschaft, noch uns Fans erklären konnte, woran es gelegen hatte. Zu guter letzt wandte ich mich an ihn mit den Worten: „Ich war schon letzte Saison in Wolfsburg, heute erneut, nächstes Jahr würde ich ja gern wieder fahren, aber ich habe ein wenig Angst, das wir wieder mit 4 Gegentoren abgeschlachtet werden. Darauf hab ich auch keine Lust mehr.“ Entschuldigend und beschämt zugleich nickte er mir mit traurigem Blick zu und wiederholte, wie leid ihm das alles tun würde, im Namen der Spieler und des Trainers. Ich wünschte, ich könnte ihm glauben.

Just in dem Moment, als unser Manager Horst Heldt, in den Bus einstieg, kam mein Fahrer Reinhart dazu und wir gingen gemeinsam zum Auto, um die Heimreise anzutreten. Richtig freuen konnte ich mich allerdings nicht über die beiden Autogramme und die Tatsache, auch den Manager mal aus der Nähe gesehen zu haben, zu groß war die Enttäuschung über das Neuerliche Abschlachten, oder vielmehr: den katastrophalen Einbruch in der 2. Halbzeit. Den größten Teil der Rückfahrt habe ich geschwiegen und aus dem Fenster gesehen. Ich war mir sicher, es würde Konsequenzen haben.

Und diese kamen gleich am nächsten Mittag: mit sofortiger Wirkung wurde unser Meistertrainer Armin Veh, der uns als „Übergangslösung“ 2007 zum Meister machte, entlassen. Eine Entscheidung, die positive Hoffnungen und negative Befürchtungen unter den Fans gedeien ließ. Positiv, weil er die Mannschaft zu letzt nicht mehr erreichen konnte, er schien innerlich bereits aufgegeben zu haben und wollte seinen Vertrag im Winter ohnehin nicht mehr verlängern wollen. Negativ, weil es nur zum Teil am Trainer liegt, vielmehr am Manager Horst Heldt, der das ganze Geld aus Transfers und Prämien nicht immer sinnvoll investiert hatte und 4 Neuzugänge bereits wieder verkauft wurden, 3 weitere sind ständig verletzt und/oder bieten nicht die erwartete Leistung.

Aber alles Monieren nützt nichts: Unter der Leitung der neuen Übergangslösung Markus Babbel, der bisher 2. Co-Trainer bei uns war, mussten wir noch die letzten Spiele bestreiten. Im Winter beginnt die Suche nach einem richtig ordentlichen neuen Trainer. Ob das gelingt, wird man sehen.

Zu guter letzt noch einen lieben Gruß an Markus von den LostBoys99, der mich seit jeher mit super Bildern versorgt und mir aufgrund mangelnder (eigener) Fotoausbeute gestattet hat, ein paar Bilder einzufügen. Ebenfalls liebe Grüße an Daniel, den netten jungen Mann der links von mir stand und mit dem ich jetzt nette Mails schreibe. Es gibt eben paar schöne Zufälle 😉

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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