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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Elf unglaubliche Minuten

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Von Neuanfängen, neuen Trainern und gebrochenen Flüchen – als Titel des Spielberichts wäre es etwas zu lang gewesen – dabei hätte es dennoch gepasst. Unser letztes Spiel in der Champions League Gruppenphase gegen die rumänische Mannschaft Unirea Urziceni sollte darüber entscheiden, ob wir ins Achtelfinale einziehen oder ob wir in der Europa League weiterspielen.


Mein Ticket

Viele erschreckende Szenen wurden von den Medien hochgepusht, die Stuttgarter Fans – zu Unrecht – als wütenden Pöbel dargestellt. Eine Stellungnahme von den Stuttgarter Ultras äußerte sich zu den Geschehnissen nach dem Heimspiel gegen Bochum, kombiniert mit dem Aufruf, beim Champions League Spiel wieder voll hinter der Mannschaft stehen zu wollen.

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Mein Tag begann wie ein normaler Mittwoch – früh aufstehen und auf Arbeit fahren, zumindest noch bis 10:45 Uhr, als ich mich auf dem Weg zum Hauptbahnhof machte und mich in den Zug setzte – zum ersten Mal würde ich die Strecke mit der Deutschen Bahn zurücklege. Für einen Fahrpreis von 29 Euro bedeutete das 7 Stunden Fahrzeit und 2 Mal Umsteigen in Hof und Nürnberg. Und das alleine geschuldet der Tatsache, dass es fast unmöglich ist, unter der Woche um die Mittagszeit herum Mitfahrgelegenheiten für die Strecke Leipzig-Stuttgart zu finden. Ich war versorgt mit Lesestoff und MP3-Player, also machte ich mir da eigentlich keine großen Sorgen.


Meine Mädels Bea (links) und Julia (rechts)

Nach einer kurzen Panikattacke, als vor Hof der Zug eine halbe Stunde lang stand und ich voller Nervosität erst einmal den Zugbegleiter suchen musste, der mich zumindest bezüglich des zu erwischenden Anschlusszuges nach Nürnberg beruhigen konnte, verlief der Rest der Reise planmäßig und ich kam etwa halb 7 Uhr Abends in Stuttgart an. Willkommen in Stuttgart, willkommen im Kühlschrank – mit einem gefühlten Temperaturunterschied von 20 Grad im Vergleich zur Leipziger Mittagssonne.

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Direkt gings auch zum Stadion, die Erinnerung an die hässlichen, wenn auch notwendigen Szenen war noch immer lebendig in meinem Kopf. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte dafür, dass es nicht wieder soweit kommen muss. Dass es ruhig bleiben würde, dessen war ich mir doch ziemlich sicher. Ein kurzer Plausch mit einem alten Bekannten sowie mit meinen beiden Mädels Bea und Julia, und schon schlüpfte ich ein weiteres Mal durch die Eingangstore des Stadions.

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Mannschaftsaufstellung

Bereits am Sonntag zuvor wurde unser neuer Trainer Christian Gross vorgestellt, der bereits 10 Jahre beim FC Basel war und auch in der englischen Premier League den Club Tottenham Hotspur aus der Abstiegszone geführt hatte – erfahren im Abstiegskampf, also wird es nun seine Aufgabe sein, mit unserer Mannschaft den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Unmittelbar nach der Bekanntgabe erkundigte ich mich bei meinem Schweizer Kumpel Michel, selbst Fan des FC Basel, der mir bis auf die Langweiligkeit seiner Interviews nur gutes zu berichten hatte.

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Wechselgesang

Abgesehen von der Tatsache, dass zumindest die Fahnen in den 3xer-Blöcken noch nicht im Einsatz waren, so war die Unterstützung der Fans für ihre Mannschaft wieder da, als wäre nie etwas gewesen. Mit einem neuen Trainer auf der Bank und einigen unschönen Ereignissen ein paar Tage zuvor war es nicht abzusehen, wie wir in dieses Spiel hineingehen würden – aber so viel sei gesagt: weder ich, noch andere Leute, haben eine Erklärung dafür, was in den ersten Minuten passiert ist.


Nach 11 Minuten 3:0 – Champions League Rekord!

Viele Zuschauer waren noch gar nicht an ihren Plätzen  – man wog sich in Gelassenheit, spielen wir doch in der 1. Halbzeit auf das Tor vor der Baustelle an der Untertürkheimer Kurve, das berühmte, berüchtigte und gefürchtete „Baustellentor“, was in dieser Saison bisher nie getroffen wurde. Glück für diejenigen, deren Aufmerksamkeit von Beginn an beim Spiel war, brach doch nach 5 Minuten der erste Jubel aus. Und unter was für Umständen! Unser rumänischer Problem-Stürmer Nummer 1, Ciprian Marica, traf in der 5. Minute ins Baustellentor – was zum…?

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Oft wird gesagt, dass es egal ist, wer, wann und wie die Tore geschossen werden, solange man am Ende mindestens eines mehr schießt als der Gegner, doch diese Umstände waren doch höchst amüsant, erfreulich und erstaunlich zugleich. Auch wenn die frühe Freude etwas getrübt wurde von der zeitgleichen Angst, es am Ende wieder aus der Hand zu geben, wie so häufig in den letzten Monaten. Fürs erste freute man sich aber, und wie!

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Torjubel vom 1:0 durch Ciprian Marica, 5. Minute

Die Stimmung im Stadion nahm sofort an Fahrt auf – „Olé Olé Olé, Olé Olé Ola, Olé Olé Olé, wir sind immer für euch da!“. Es wurde lediglich 3 Minuten nach dem erleichternden 1:0 unterbrochen: als das Stadion erneut Kopf stand beim 2:0 – ja was ist denn hier los? Unser Youngster und einer der Publikumslieblinge, Christian Träsch, absolvierte einen Sololauf über fast die gesamte gegnerische Spielhälfte, durchbrach die Abwehr und schob lässig zum 2:0, als wäre es das Einfachste der Welt.

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Das 2:0 durch Christian Träsch, 8. Minute

Ich konnte es kaum fassen, ungläubig und euphorisch zugleich feierte ich mit meinen Sitznachbarn Andi und Martin sowie dem netten Unbekannten rechterhand, der ebenso keine Erklärung parat hatte. Absolut unglaublich, was hier abgeht. Und es war ja noch nicht vorbei. Die Freude hatte das Neckarstadion fest im Griff, die Stuttgarter standen Kopf, und als unser zweiter russischer Problem-Stürmer Pavel Pograbnyak in der 11. Minute das 3:0 schoss, so wurde die Baustellen-Arena endgültig zum Tollhaus. Unbegreiflich, unerklärlich, unbeschreiblich – 3 Mal Baustellentor innerhalb von nur 11 Minuten, 2 Stürmer trafen, die sonst nicht oder nur äußerst selten treffen, die schnellste 3:0-Führung in der Champions League Geschichte, ein neuer Rekord mit einem neuen Trainer.

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Das 3:0 durch Pavel Pogrebnyak, 11. Minute

Nur 11 Minuten, nach Wochen und Monaten der Tristesse und des Frustes, nach unsäglich schlechten Leistungen und unnötig hergeschenkten Punkten, nur 11 Minuten um das alles für einen Moment vergessen zu machen. Verziehen haben wir die schlechten Leistungen sicherlich nicht, aber es war ein vielversprechender Neuanfang. Dass wir uns diese 3:0-Führung zum Sieg nicht mehr nehmen lassen würden, dessen war sich wohl jeder bewusst.

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Nach dieser unglaublichen Anfangsphase schalteten die Jungs einen Gang zurück und ließen den Rest des Spiels gemächlich angehen. Uns war es (fast) egal, wir erfreuten uns am aktuellen Spielstand. In der Halbzeit besuchte ich zum letzten Mal im Jahr 2009 meinen Kumpel Martin, einander sahen wir uns an mit einem glücklichen, dennoch fragenden Blick. Oft wurden unsere Treffen in der Halbzeitpause überschattet von schlechter Laune aufgrund der miesen Darbietungen an dem Rasen, zum ersten Mal seit langer Zeit erfreuten wir uns an einem Heimspiel unserer Mannschaft.

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Die zweite Halbzeit begann zunächst mit einem Schock, als Unirea den Anschlusstreffer zum 3:1 erzielte, das konnte uns allerdings nicht anhaben, denn es war zugleich der Endstand des Spiels. Ein paar sehenswerte Chancen für unsere Jungs waren auch dabei, aber weitere Tore sind nicht mehr gefallen. Hauptsache Weiterkommen, Hauptsache ein Sieg – zumindest theoretisch. Es steht dennoch sehr viel mehr in einem Spiel während einer so schwierigen Phase: Kampfgeist, Leidenschaft, Siegeswille, ohne diese Tugenden und ohne ein kleines bisschen Glück kann man keinen festgefahrenen Karren aus dem Dreck ziehen.

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Olé Olé Ola

Es war ein guter Neuanfang – wir brauchten einen Sieg, und wir bekamen einen Sieg, weil wir mit dem Kopf durch die Wand gebrochen sind, unsere Jungs haben das gut gemacht, auf eine Art und Weise, die so nicht unbedingt zu erwarten war, nicht, nach allem, was in den letzten Tagen, Wochen und Monaten passiert ist. Direkt nach dem Spiel ging es auch schon wieder nach Hause, über Nacht fuhren wir gen Heimat, wo ich müde, aber glücklich ins Bett fiel um Mittags wieder zum Dienst im Büro anzutreten. Ereignisreiche 24 Stunden, das steht außer Frage.

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VfB Allez

Natürlich ist es müßig, nun diskutieren zu wollen, dass es doch etwas mit dem Trainerwechsel zu tun hatte, so kurzfristig lagen die Ereignisse beieinander, zu unwahrscheinlich, dass es nur am Trainer liegt. Doch eines steht fest: ein kleines Stückchen Magie brachte die Lebenslinie des VfB Stuttgart wieder zum Ausschlagen.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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