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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Frieren für den Hinrundenabschluss

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Sommer, Sonnenschein, Temperaturen um die 30 Grad – das war das Wetter zum Saisonauftakt, ein halbes Jahr ist es her. Zum letzten Spiel der Hinrunde 2009/2010 gegen die TSG 1899 Hoffenheim gab es als krassen Gegensatz eiskalte -17 Grad und Schnee, Wind und Eis. Die Hoffnung, die Hinrunde ohne abgefrorene Körperteile zu überstehen, war das kleinere Übel, es interessierte mich vielmehr, nach einer nahezu verkorksten Hinrunde einen erfolgreichen Abschluss im Jahr 2009 zu schaffen. Und es gelang: (Eskimo)Prüfung bestanden.

Man nannte uns „Klimagipfel“ – das Spiel mit den tiefsten gemessenen Temperaturen an jenem 17. Spieltag, ein Flutlichtspiel um 18:30 Uhr – nieder mit der Spieltagszerstückelung! Es hatte wenigstens eine gute Seite: im Vergleich zu normalen Spieltagen konnte ich relativ „ausschlafen“, mein Chauffeurservice holte mich halb 10 am Vormittag ab. Darauf hatte ich mich die ganze Hinrunde schon gefreut: eine Fahrt durch verschneite weiße Landschaften, Blitzeis auf der Autobahn und andere unangenehme Kuriositäten sind uns glücklicherweise erspart geblieben.

In Stuttgart angekommen zog es mich zu allererst in die Königsstraße zum Flanieren über den Weihnachtsmarkt – wobei „Darüberhetzen“ dem ganzen schon eher entspricht, abgesehen von einer fünfminütigen Auszeit zum Verzehr von Schokofrüchten, soviel wird ja wohl noch erlaubt sein. Dann ging es aber schon in Richtung Stadion, beladen mit diversen Beuteln an Geschenken, die ich in der Halbzeitpause meinen Mädels Bea, Julia und Lena übergeben wollte.

Selbst mit Zwiebelsystem – mehreren Lagen an Kleidungsstücken inklusive Leggins unter den Jeans, mehrere Shirts und Pullover, Handschuhe und einer Nikolausmütze auf dem Kopf – gewann ich auf dem Weg zur heiligen Stätte einen vage Vorstellung von dem, was mich in den nächsten Stunden begleiten würde: eine Schweinekälte jenseits von Gut und Böse. Aber wir haben nun einmal keinen August mehr mit tropischen Temperaturen, und das Leben ist ja bekanntermaßen weder ein Ponyhof noch ein Wunschkonzert, nicht wahr?!

Zuerst durfte ich meinen Kumpel Phil begrüßen, der wie bei jedem Heimspiel fleißig Flyer verteilte und keinen Zweifel daran ließ, ihm würden jeden Moment die abgefrorenen Finger abfallen, die nur noch von seinen dicken Handschuhen zusammengehalten wurden.

Von hinten vernahm ich meinen Namen, gerufen von einer wohlbekannten Frauenstimme – Julia, Bea und Lena entdeckten mich, mein schwarzer Rucksack mit dem aufgestickten VfB-Wappen ist schließlich einmalig bei den Leuten unter 1,60 Metern Körpergröße mit künstlichem Fell an der Jacken-Kapuze – zumindest glaube ich das. Man begrüßte sich herzlich, hielt ein kurzes Schwätzchen und verabschiedete sich vorerst wieder – bis zur Halbzeitpause. Tapfer leistete ich Phil noch Gesellschaft, einander aufpassend, dass der andere nicht am Boden festfriert. Dann wurde es aber auch Zeit, man wünschte sich noch ein schönes Weihnachtsfest und drückte gegenseitig die Daumen für ein erfolgreiches Spiel.


Meine Mädels: Bea, Julia, ich & Lena

Als ich die Treppen zum Block 37c hochlief, kamen mir erste Zweifel, ob der Platzwart die Funktion der Rasenheizung verstanden hatte: auf einem schneebedeckten Spielfeld machten sich die beiden Mannschaften warm. Ich konnte lediglich unsere Spieler Cacau und Arthur Boka erkennen – man verzeihe mir den leicht rassistisch anmutenden Unterton, ein Schelm, wer Böses dabei denkt, aber man musste wirklich ganz genau hinsehen, um die weißen Leibchen unserer Jungs auf dem weißen Rasen zu erkennen.

Ich hatte befürchtet, dass meine Fotokamera bei diesen Temperaturen früher oder später ihren Dienst verweigern würde, hatte ich zudem auch noch vergessen, die Batterien frisch aufzuladen. So musste ich wehleidig hinnehmen, dass ich das, was ich mit am Besten kann – Torvideos – nicht machen konnte, welch traurige Begebenheit.

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Danke! Dafür gabs ne Welle!

Bibbernd verfolgte ich den Beginn der ersten Hälfte, erfreute mich daran, dass wir kompakt standen und uns schon die ersten Chancen erarbeitetet hatten. Während die Jungs auf der Suche nach den richtigen Mitteln gegen ebenfalls gut gestaffelte Hoffenheimer waren, war ich auf der Suche nach der richtigen Warmhaltetechnik bei diesen arktischen Temperaturen, der Steinboden machte es auch nicht gerade einfacher. Letztenendes war es am wirksamsten, auf einem Bein stehen – alle 5 Minuten im Wechsel – schnell mit dem Fuß zu kreisen. Das sah mit sicherheit genauso dämlich aus, wie es sich anhörte – bewahrte mich aber wenigstens vor Frostbeulen.

Der Blick war ohnehin auf das Spielfeld gerichtet. Nach einer halben Stunde machte sich jeder so seine Gedanken, dass ein Tor dem Spiel gut tun würde – das hat der Fußballgott erhört und beschenkte uns noch vor Heiligabend mit einem Elfmeter, den der Hoffenheimer Andreas Ibertsberger durch ein Handspiel im Strafraum verschuldet hatte. Das Geschenk nahmen wir gerne an, Ciprian Marica schoss sein erstes Bundesligator in der laufenden Saison: schnell, hart, platziert – nichts zu machen für den Ersatzkeeper Haas, ein weiteres Mal drückte sich Ex-VfB-Torwart Timo Hildebrand vor seiner Rückkehr an die alte Wirkungsstätte.

Der Jubel war groß und das Blut geriet jedem in Wallung, welch willkommende thermische Erwärmung – in dieser Kälte blieb also nur zu hoffen, wir würden noch mehr Tore für unsere Mannschaft sehen, da würde jedem schon automatisch warm ums Herz werden.

Der Blick auf die Uhr offenbarte mir die näher rückende Halbzeitpause, schon fast auf dem Sprung nach draußen schaute ich mir noch die letzte Aktion der Hoffenheimer vor dem Pausenpfiff an, ein Freistoß in aussichtsreicher Position – böse Erinnerungen wurden wach, kassierten wir doch gegen Bochum kurz vor Schluss noch den Ausgleich aus ähnlicher Position, nur eben auf der Seite vor der Cannstatter Kurve. Die Mauer sprang hoch – nur einer nicht: Alex Hleb. Und eben jener war kurz genug gewachsen, damit die Flugbahn des getretenen Balls direkt über seinen Kopf unhaltbar ins Tor segelte – auch das noch, der Ausgleich zum Halbzeitpfiff. Nichtsdestotrotz freute ich mich auf die Geschenkübergabe mit meinen Mädels, zu der ich unverzüglich aufbrach.

Als die Geschenke den Besitzer wechselten und ich noch einmal eindringlich darauf hinwies, es jeweils erst am 24. Dezember zu öffnen und der letzte Live-Klatsch im Jahr 2009 beendet war, bewegte sich jeder wieder bibbernderweise zu seinem Platz zurück. Nicht ohne ein letztes Abschiedsfoto, „Die 4 Frostbeulen“ nenne ich es. Alle dick eingepackt, aber die Temperaturen, die uns vom Stadionbesuch abhalten, müssen erst einmal erreicht werden!

Die zweite Halbzeit lief wieder etwas behäbig an, der Blick in Richtung des Stimmungskerns in der Cannstatter Kurve ließ mich seufzen – ich wäre lieber dort und würde mich mit Hopsen und Springen warm halten, statt einsam und allein ohne einen einzigen meiner gewohnten Nachbarn – wo waren die eigentlich alle? Währenddessen wurde der Hoffenheimer Luiz Gustavo für ein rüdes Foul an Sami Khedira vom Platz gestellt, ich persönlich habe es nicht einmal mitbekommen, dass wir seit der 52. Minute in Überzahl gespielt haben.

Mein Warmhalteprozedere führte ich fürs Erste unbeirrt fort, nach den ersten 13 Minuten der zweiten Hälfte musste ich es jedoch kurzfristig unterbrechen: Cacau, unsere schwarze Perle, erzielte die 2:1-Führung, und schon war es für einen Moment weg: die Kälte und die Angst, nicht wieder in die Spur zurückzufinden. Dass auch der tollste Verein der Welt es bisweilen schafft, Führungen noch aus der Hand zu geben, ist mir jedoch schnell wieder in den Sinn gekommen und so blieb zwar die Freude über den erneuten Führungstreffer, musste sich den Platz aber mit der Hoffnung teilen, es nicht wieder zu versauen.

Dann passierte lange Zeit nichts, das galt auch für meine Fotokamera, die sich nur noch gelegentlich dazu durchringen konnte, mir 5 Sekunden lang nütztlich zu sein: Kamera an, Fotomachen, Kamera aus – zu mehr reichte es nicht. Die letzten 10 Minuten des Spiels begannen, bitte, um Himmels Willen, bitte wenigstens heute einen dreckigen, aber verdienten Heimsieg. Jeder verzweifelte Angriff der Hoffenheimer unter der nüchternen „Anfeuerung“ des mitgereisten Anhangs trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn, der sofort zu Eis zu gefrieren drohte.

In der ganzen Hinrunde der Saison 2009/2010 schien dies nun der 3. Heimsieg zu werden, da waren sie, 3 Punkte auf dem Silbertablett, verziert mit einer Weihnachtsmütze und dem flehentlichen Wunsch, mit einem Sieg in die Winterpause zu gehen. Das kollektive Raunen machte die Runde, als Timo Gebhart völlig mutterseelenallein vor dem Tor auftauchte und eigentlich nur hätte nach links zum mitgelaufenen Cacau abspielen müssen – zu eigennützig, zu dämlich, solche Fehler können bitterböse bestraft werden, das weiß nicht nur ich.

Nur noch 8 Minuten. Die Uhr tickte, das Herz pochte, der Körper fror – und plötzlich hielt alles dreis für einen Moment an, in jenem Augenblick, als der lange ersehnte Bundesliga-Heimsieg mit dem 3:1 besiegelt wurde. An diesem Abend gab es einen Fußballgott – er trug das Trikot mit dem Brustring, Beflockung auf dem Rücken: Khedira. Wer auf dem Sitzplatz festgefroren war, fand schon probate Mittel, sich für diesen Moment zu erheben, die Arme in die Luft zu strecken und alles, was die vereisten Lungen hergaben, in den Stuttgarter Abendhimmel hinauszuschreien: SIEG!

Kurz vor Ende der regulären Spielzeit bekam Ludovic Magnin seinen letzten Einsatz im VfB-Trikot, er wechselt in der Winterpause in die Heimat zum FC Zürich, auf dass er dort einen schönen Winter seiner Karriere verbringen möge, ich wünsche ihm alles Gute. Mit tosendem Beifall für Magnin und die anderen Jungs wurde das Spiel schließlich abgepfiffen, sie war vorbei, die unterm Strich erschreckende Hinrunde, nun wollte man nur noch feiern. Frenetisch wurden sie bejubelt für eine Leistung, die sicherlich nicht weltklasse war, aber uns doch wenigstens ein Gefühl gibt, dass wir wieder auf dem Weg zurück sind, zurück dorthin, wo wir hingehören.

Mit einem Gefühl des puren Glücks verließ ich zum letzten Mal im alten Jahr das Stadion, schaute mich noch einmal um – wie damals, als ich zum ersten Mal hier war, mit der selben Leidenschaft, dem selben Kribbeln – heißgeliebtes Stadion, wir sehen uns schon bald wieder.

Ebenso zum letzten Mal in diesem Jahr führte mich mein Weg nach dem Spiel in die VfB-Fankneipe, die auch an diesem Abend gut besucht war, mit 4 Bekannten im Schlepptau, einer von ihnen, Rouven, ist schon längere Zeit ein guter Bekannter von mir. Genächtigt wurde später bei einem der Jungs in der Nähe von Heilbronn, am nächsten Tag ging es per Mitfahrgelegenheit zurück nach Leipzig, wenn auch nicht ohne Hindernisse, wie gefrierende Scheiben und eine gelegentlich vereiste Wischwasseranlage, die uns alle paar Kilometer zum Tankstellen-Boxenstopp zwang.

Die 3 Punkte konnte man mir jedoch nicht mehr nehmen, das war eines der wichtigsten Dinge an diesem Wochenende. Nicht alles lief optimal, aber das gute Gefühl des Sieges und im Besitz der Tatsache, eine – wenn auch traurige – Gewissheit mit nach Hause zu nehmen, das kann so viel mehr wert sein, als die Kurzfassung sich auch anhören mag: „19.12.2009, VfB Stuttgart – TSG 1899 Hoffenheim, 3:1″.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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