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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Hellseherische Fähigkeiten und andere Mysterien

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Um 10 Jahre gealtert sitze ich nun hier, nachdem ich halbwegs das verdaut habe, was 36 Stunden hinter mir liegt. Ein Abend, der an Spannung und Nervenzerren lange nicht mehr da war. Um nicht zu sagen: „Das ist typisch der VfB“, so ist es doch genau das, was zu Beginn der Saison zu erwarten war. Vielleicht nicht ganz so heftig und nervenaufreibend, doch verwundern sollte es einen nun wirklich nicht.

In einer Zeit, die ohnehin hektisch und chaotisch ist, in der sich so viele Dinge in meinem Leben einschneidend verändert haben, so ist eine wichtige Konstante geblieben: mein geliebtes Neckarstadion. Am Donnerstag Abend war ich nicht kaputter, als wenn ich gerade 5 Stunden Autobahn hinter mir hätte, doch das Gefühl, zum ersten Mal direkt nach Feierabend ins Stadion zu gehen, war einfach toll und ließ mich den anstrengenden Arbeitstag vergessen.

Nach einem knappen 0:1-Sieg auswärts in der slowkischen Hauptstadt Bratislava vor einer Woche, wo ich leider nicht mit dabei sein konnte, sollte uns im Rückspiel ein 0:0 oder 1:1 reichen, schlimmer dürfte es nicht werden. „Sollte reichen, irgendwie“ – man wog sich in Sicherheit, voller Hoffnung, in die Gruppenphase der Europa League einzuziehen, für die wir in der Rückrunde der letzten Saison einen beispiellosen Endspurt hingelegt haben.

Frisch vom Geschäft zog es Felix und mich nach Bad Cannstatt, begleitet zu allen Seiten von Gleichgesinnten. Ein warmer Tag Ende August, ich hätte den dicken 2. Pulli gar nicht mitnehmen brauchen, den Regenschirm auch nicht. Durch den gesonderten Fraueneingang und einer kurzen Diskussion, ob meine Kamera mit der Auflösung mit ins Stadion darf oder nicht war es soweit, die letzten Meter zum Eingang der Gegentribüne. Das zweite und letzte Mal über diesen Eingang, bevor ich am Sonntag meinen Platz in der Untertürkheimer Kurve beziehe.

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Treppenstufe um Treppenstufe, es war an der Zeit, neue Perspektiven zu entdecken. Erstmals auf dem Oberrang der Gegentribüne offenbarten sich mir neue Blickwinkel, wenn auch nicht ganz freiwillig. Der Blick aufs Spielfeld war gut, die Position für gute Fotos war auch nicht die Schlechteste. Die Vorfreude aufs Spiel war groß, wenngleich verbunden mit dem Wunsch, nach 90 Minuten wieder heimfahren zu können.

Die Supporterblöcke direkt unter uns legten direkt los wie die Feuerwehr, gerade von oben hatte man einen perfekten Blick darauf, wie sich das Commando Cannstatt und dessen Sympathisanten zu einer Symbiose vereinten, die in den Blöcken 51 und 52 die Stimme der Fans erklingen ließen. Es war nicht nur schön anzuhören sondern auch schön anzusehen. Arm in Arm, so muss es sein.

So erfreulich das Treiben auf den Rängen war, desto weniger ansprechend war die Leistung auf dem Platz. Wie eingangs beschrieben bietet der VfB in den frühen Zügen der Spielzeit nur selten Anlass für Begeisterungsstürme, doch vermag er es durchaus hinzubekommen, sich selbst im Wege zu stehen. Es hatte sich angedeutet, was von den Optimisten unter uns noch mit „Die sind noch nicht so ganz im Spiel“ kommentiert wurde, sahen Pessimisten (und Realisten) das natürlich anders. Man hatte es also kommen sehen, als der Ball hinter unserem Torwart Sven Ulreich ins Netz einschlug und Grund genug war, die Hände über den Kopf zusammenzuschlagen. Aktueller Stand: Verlängerung. Doch noch waren ja 81 Minuten zu spielen, in denen bekanntermaßen viel passieren kann.

Ich war jetzt schon bedient. Da sich unsere brunstringtragenden Jungs anscheinend nicht dazu aufraffen konnten, ein gescheites Spiel zu machen, geschweige denn ein Tor zu schießen, zog sich das enttäuschende Grummeln vor erst hin bis zur Halbzeitpause. Inmitten von Bruddlern, alten Menschen und Gelegenheits-Stadiongängern wäre ich gerade lieber zuhause gemütlich auf der Couch als im Stadion, zumal die Hoffnungen auf die Wende schon jetzt drastisch gesunken waren.

Meine Herren, Platzwechsel bitte. Dass bis zum Ende der Hinrunde letzter Saison kein VfB-Tor auf der Untertürkheimer Kurve fiel, ließ mir zumindest den Hauch eines Gedankens, es würde vielleicht in der 2. Halbzeit werden nach dem hoffentlich wütenden und lauten Anschiss unseres Trainers Christian Gross.

Im Moment sah es danach aus, als würde man in die Verlängerung kommen, würde nichts mehr passieren. Doch gerade dann geschah das, was nicht nur ich befürchtet hatte: das 0:2, nur 10 Minuten nach Wiederanpfiff, nach einem katastrophalen Stockfehler unseres Abwehrmanns Georg Niedermeier. Wieder jubelten die Gäste und für einen Moment überlegte ich, ob ich das Stadion vorzeitig verlassen sollte, in Ermangelung der Fähigkeit, noch Schlimmeres erdulden zu müssen. Aktueller Stand: Ausgeschieden.

Verwunderung der negativen Art erntete auch in der 2. Halbzeit der russische Schiedsrichter, der viele Fouls der Slowaken nicht geahndet hat. Doch irgendwann ist das Maß voll, das hat er sich dann wohl doch noch ins Gedächtnis gerufen. Nachdem er in der 18. Minute bereits gelb gesehen hatte, kassierte er kurz nach dem Tor nach einer Tätlichkeit gegen Timo Gebhart die Gelb-rote Karte und verließ im Schneckentempo das Spielfeld, begleitet von lauten Pfiffen und Buh-Rufen.

Ein Platzverweis des Gegners zur rechten Zeit kann Gold wert sein, das stellten auch wir fest. Auf einmal kam alles Schlag auf Schlag, schneller als man sich besinnen konnte. Der Slowake hatte gerade das Feld verlassen, da fing der VfB an, richtig aufzudrehen. „Holla, da steckt ja doch noch Feuer in diesen leblosen Körperhüllen“ dachte ich mir als Timo Gebhart nach einem Gewusel im slowakischen Strafraum knallhart zum 1:2 abzog und die Hoffnung in die 14.000 Stadionbesucher zurückbrachte. Gemäß der Auswärtstorregelung hätte uns dieser Anschlusstreffer noch nicht gereicht, um in die Gruppenphase einzuziehen. Ein Tor musste her, knapp über eine halbe Stunde war noch zu spielen. Aktueller Stand: Immernoch ausgeschieden.

Da war sie wieder, die hochgeschätze Moral, die Leidenschaft, zum ersten Mal seit einiger Zeit hatte ich das Gefühl, als würde der VfB dieses Spiel wirklich mit aller Macht drehen zu wollen, in die Gruppenphase einzuziehen, sich mit den Fans gut stellen zu wollen. Der gute Blick aufs Spielfeld ließ mich natürlich wieder zur Kamera greifen, nach etlichen Fotos des Fanblocks direkt unter uns, machte ich wieder das eine oder Video.

Und auch hier habe ich es irgendwie gewusst, wann ich die Kamera einschalten sollte. Sie lief mit, als Zdravko Kuzmanovic den Ball von links hereingab und dieser auf geradem Weg zum Mittelkreis zurückkullerte, wo bereits unser zurückgekehrter Neuzugang Christian Gentner lauerte und einfach draufdrosch. Was sich hier abspielte, kam mir vor, wie eine Zeitlupe, als der Ball vorbeirollte am ersten, am zweiten, leicht abgefälscht, vorbei am Torwart ins Tor – mitten ins Herz. Der Jubel kannte jetzt keine Grenzen mehr, wohin man auch sah, überall war die pure Freude zu sehen, jeder umarmte und herzte sich. Aktueller Stand: Weiter.

Es entwickelte sich ein Schlagabtausch, indem sehr viele Chancen erarbeitet und wieder vergeben wurden. Relativ schnell war dann das Feuer und die Leidenschaft aber wieder verflogen und es wurde wieder eine Zitterpartie, in der man hoffen und bangen musste, dass Bratislava nicht im letzten Moment das 2:3 schießt.

Das Hoffen machte sich bezahlt, der Abpfiff des Schiedsrichters kam nach 94 Minuten einer Erlösung gleich. Jubelnd und erleichtert, aber auch nervlich am Ende fiel ich meinem Schatz in die Arme, das war schon beim Zuschauen anstrengend genug. Deswegen fuhren wir auch relativ zeitnah nach Hause.

Eines steht fest: sollte sich der VfB so etwas wieder erlauben wie gegen Bratislava und Molde, indem er erst 0:2 hinten liegt und dann das Spiel doch noch zu unserem Gunsten dreht, dann wird er in der Bundesliga ganz schnell feststellen, dass man damit zu leicht auf die Nase fällt. Am Sonntag ist Borussia Dortmund zu Gast wenn unsere neue Untertürkheimer Kurve eingeweiht wird. Wie schön wäre es dann also, mit einem souveränen Erfolgserlebnis durchzustarten und alle vom Gegenteil zu beweisen, dass der VfB eben doch nicht jedes einen holprigen Start hat. Man wird ja noch träumen dürfen.

Und um den Titel „Hellseherische Fähigkeiten und andere Mysterien“ zu erklären: Gerd, Vater von Philipp (gemeinsamer Freund von Felix und mir) scherzte vor dem Spiel noch und gab seinen Tipp ab: „Der VfB kommt zurück… nachdem er 0:2 hinten lag“. Diese hellseherischen Fähigkeiten sind wirklich manchmal schon ein wenig unheimlich, aber beeindruckend sind sie allemal. Zu den weiteren Mysterien gehören die Tatsache, dass der VfB obligatorisch die Hinrunde verpennt und die Eigendynamik eines Platzverweises zur rechten Zeit.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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