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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Totgesagte leben länger

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Es gibt Tage, die treten genauso ein, wie man es erwartet hatte. Und es gibt jene Tage, die ganz anders verlaufen. Die dafür sorgen, dass du dir erstaunt die Augen reibst und dich fragst, ob du gerade träumst oder wach bist. Solche, denen du es am Anfang nicht ansiehst und die dennoch eben jene Momente enthalten, die dich glücklich und zufrieden machen. Zumindest fürs erste.

„Schießbude Wiese“ hallte es durchs nicht komplett ausgefüllte Neckarstadion. Der Regen sorgte für tristes Wetter an diesem grauen Sonntag Nachmittag. Wer nicht im Trockenen stand, den störte das nicht. Mein guter Freund Franz, gebürtiger Crailsheimer und seit 6 Jahren in Leipzig zu Hause, fand treffende Worte für das Spiel gegen Werder Bremen: „Der Patient springt unerwartet von der Bahre“ – welch geflügelte und doch wahre Worte.

Stunden zuvor. Von frühs bis nachmittags ging ich dem nach, was ich seit Wochen und Monaten tu: die Einrichtung meiner Wohnung. Jede Stunde wird da ausgenutzt, so auch am Sonntag. Mein Gefühl das Ergebnis des Spiels betreffend war nicht ganz eindeutig, jedoch entwickelten sich im Laufe des Tages Präferenzen in Richtung Heimsieg – oder war es doch nicht mehr als eine Hoffnung?

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass der VfB auf internationaler Bühne sowohl auswärts als auch daheim sehr wohl dazu im Stande ist (wie gegen Bern und Getafe), überzeugend aufzutreten und den Zuschauern das zu liefern, was sie so oft vermisst hatten: Siege. In Sachen Bundesliga sieht die Statistik schon andersaus. Nach 10 Spielen gerade einmal 7 Punkte, 2 Siege, 1 Unentschieden, 7 Niederlagen – trotz der von Natur aus schlechten Hinrunde ein sehr viel schlechterer Schnitt, als erwartet werden konnte.

Von der europäischen Sonnenseite des Lebens hinein in den ernüchternden Alltag der Liga. Die Hoffnung, Werder Bremen wäre nach 3 Niederlagen in Folge schon zu sehr angeschlagen, um große Gegenwehr zu liefern, war allgegenwertig. Niemand hatte vor Anpfiff den Hauch einer Ahnung, dass es zum Schützenfest werden würde.

Einst ärgerte ich mich noch: beim 6:3 und 4:1 war ich nicht dabei gewesen, das war vor meiner Zeit als Dauerkartenbesitzerin. Dann hatte ich mit einer Plastikkarte auf einmal Zutritt zu allen Heimspielen – und prompt folgte eine herbe 0:2-Niederlage im Herbst vor einem Jahr. Noch heute bin ich erzürnt über so viel Pech bei der Spiel-„Auswahl“.

Das Wetter spielte nicht mit, und wer die Erfahrung von 90 Minuten Dauerregen in der Kurve bereits gemacht hat, überlegt zweimal, sofern er nicht gerade zum allerengsten Dunstkreises des Commando Cannstatt gehört. Gerade so platziert, das man fleißig am Support mitwirken konnte und dennoch nicht nass wurde, neue Perspektiven, neue Foto-Möglichkeiten. Das alles nutzte ich auch direkt aus, ein herrliches Meer aus Fahnen und Doppelhaltern schmückte die Untertürkheimer Kurve, eine wahre Pracht.

Der erste Jubel nach nur 10 Minuten, was ich denn hier los? Ciprian Marica, der in den letzten Wochen wichtige Tore erzielte, beglückte uns mit der Freude des frühen 1:0. Trotzdem wollte ich dem Ganzen noch nicht so ganz trauen, Werder hatte noch mindestens 80 Minuten Zeit, den Ausgleich oder Schlimmeres zu erzielen. Ich habe schon erlebt, wie die Vorfreude über beispielsweise einen 1:0-Halbzeitstand mit einem 1:4 in bitterer Ernüchterung endete (wie z.B. damals in Wolfsburg). Abwarten und Tee trinken. Tee wäre nicht schlecht. Doch darauf kann man bei der fast unsäglichen Stadiongastronomie vergebens warten.

Und das Gefühl trügte nicht. Weitere 12 Minuten später sah ich das Unheil schon kommen, Keeper Sven Ulreich offenbar nicht, als er mit Vollgas nach dem Ball hechtete und an der Strafraumgrenze den Bremer Aaron Hunt umrannte. Erst später in den Zusammenfassungen wurde klar, dass diese Entscheidung zu hart, nahezu an der Grenze zur Fehlentscheidung zu verorten war. Ein Pfiff und kollektives Raunen sorgten für angespannte Minen. Elfmeter für Bremen.

Das junge Mädel vor mir konnte es nicht mit anssehen. Dabei hatte sie gar keinen Grund dazu. Alle (oder zumindest die, die mutig genug waren) schauten gebannt in Richtung Baustelle. Torsten Frings, ausgemusterter Nationalspieler, trat an – mit einer nahezu makellosen Statistik was verwandelte Elfmeter angeht. Ich sah ihn schon drin. Er lief an, schoss, und dann ein lauter Jubel. Er kam NICHT aus der Ecke der Gäste. Vor mir, hinter mir, links von mir, rechts von mir und in mir: Riesenfreude, Ulreich hat ihn gehalten. Im Nachhinein war das für mich der Moment, in dem vom psychologischen Aspekt das Spiel entschieden wurde.

Auch, wenn es die Spielstatistik so beschreibt, das Spiel war ein einziger Höhepunkt, mit Highlights im 10-Minuten-Takt. Weitere 10 Minuten nach dem gehalteten Elfmeter von Frings gab es die nächste Traumkombination vor dem Tor, direkt vor der Untertürkheimer Kurve. Hacke, Spitze, 1, 2, 3, Marica auf Cacau, 2:0, der Wahnsinn! Und es war ja noch LANGE nicht vorbei.

Mit der nach gerade einmal einer halben Stunde doch schon deutlichen Führung ließen es die Jungs etwas gemächlicher angehen und schalteten ein paar Gänge zurück und ließen Werder anrennen. Unser Glück, dass die das Unvermögen an diesem Tag gepachtet haben und aus den paar Chancen nichts machen konnten. Schließlich dürstete es auch den VfB danach, wieder aufzuwachen und nahm wieder am Spielgeschehen teil.

Und wenn man die Chancen ohnehin schon auf dem Silbertablett präsentiert bekommt, warum nicht noch das 3:0 vor der Pause machen? Das dachte sich auch Cacau, der nach Vorarbeit vom Timo Gebhart sein 2. Tor machte. Wochen des Kummers, wie weggeblasen. Frust, Depression unf Angst, alles vergessen für 90 Minuten. Pausenstand 3:0, unglaublich, aber verückterweise wahr. Kein „Booaaah, kotzt mich das wieder an“, kein „Stümpertruppe!“, kein „Wär ich lieber auswärts zu den Amateuren gefahren“, einfach nur die helle Begeisterung allerorts. Bis auf das grüne Häuflein Elend, wo sich das Mitleid eines jeden Brustringträgers jedoch gelinde gesagt in Grenzen hält.

„Das spiel endet 5:0!“ – „Nein, 6:0, mit nem Tor von Träschi“ – so der Dialog zwischen mir und meiner besseren Hälfte in der Pause, kurz bevor es wieder zurückging an den Platz, von wo aus man alles erdenklich Machbare tun würde, um die Mannschaft zum Sieg zu schreien.

Mit dem 4. Tor ließen sie sich wahrlich Zeit, da war die 10-Minuten-Regel ausnahmsweise ausgehebelt. Und ehrlich gesagt: selbst wenn es beim 3:0 geblieben wäre, ich wäre nicht einmal traurig gewesen. 3 Punkte sind 3 Punkte, egal ob mit 3 Toren, oder 1 Tor, oder 10 Toren, mir egal, solange wir siegen.

Das 5:0 hätte auch schon früher fallen können. Timo Gebhart wurde nach einer Stunde im Strafraum gefoult, korrekte Entscheidung auf Elfmeter. Zwei Elfmeter in einem Spiel, und der arme Franz hockte in Leipzig und musste die Bundesliga-Konferenz („Tor in Stuttgart! Elfmeter in Stuttgart! Tor in Stuttgart! Elfmeter in Stuttgart!“) ertragen. Cacau trat an und fand seinen Meister in Tim Wiese, der problemlos gehalten hatte. Stünde es 0:0 wäre das Pfeiffkonzert ein deftiges gewesen.

Spätestens mit dem tollen Treffer des ebenfalls über Saison-Durchschnitt spielenden Christian Gentner war die Sache klar, „der Drops war gelutscht“, wie ich ironischerweise ausgerechnet Dennis zitiere, ebenfalls langjähriger Leipziger Kumpel, ein Grün-Weißer mit der Raute im Herzen und immer mit Leidenschaft und Humor dabei. Mitleid mit Tim Wiese? Nein, nicht wirklich. Einfach nur die Euphorie im Stadion, die mit jedem Tor, jeder angekommenen Flanke und jeder guten Aktion mehr Verzückung hervorrief, als wir uns hatten träumen lassen.

Einst gegen Gladbach fabrizierte die Mannschaft ein ebenfalls galaktisches 7:0, das uns erfreute, und weitere Tore auf Seiten des VfB waren gern gesehen – ungeachtet der logischen Erkenntnis, man hätte liefer ein paar Siege mehr mit wenigen Toren gesehen als 2 mit so vielen Toren. Sei es drum, dieser Tag stand im Zeichen der Schießbuden-Taktik. Bremen gelang nichts, uns gelang alles. Das übertrug sich auch auf die Kurve, die ebenfalls eine der besten Performances der letzten Monate darbot.

Just in dem Moment sagte ich noch zu meinem Nachbarn: „Also ein 5:0 tät mir jetzt schon gefallen!“ – 10 Sekunden später starrte er mich kurz ungläubig an, zuckte mit den Schultern und umarmte mich. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich auf einmal hellseherische Fähigkeiten entwickeln würde. Es war Georg Niedermeier, der wieder mit seinem blond gelocktem Schopf zur rechten Zeit am rechten Ort war und nur noch einnicken musste. Langsam wurde es schwer, sich die Torschützenliste zu merken. Eine durchaus verkraftbare Sorge.

„Jetzt noch das 6:0 durch Träschi, dann bin ich wirklich glücklich!“ hebte ich noch ermahnend den Zeigefinger. Vielleicht klappts ja nochmal? Noch eine Viertelstunde zu spielen, vielleicht geht ja noch was. Als alle dachten, da würde nichts mehr passieren, spielte 4 Minuten vor Ende der regulären Spielzeit zum 6. und letzten Mal die Tormelodie ab, man kann sie nicht oft genug hören.

Gerade wollte ich noch sagen, dass ich dem bockstarken Boka so sehr ein Tor gönnen würde – nicht gesagt, trotzdem getan. Traumpass des diesmal leider torlosen Martin Harnik, da war er, der kleine Schwarze, äääääh stark Pigmentierte (immer politisch korrekt bleiben!), vernaschte bei der Gelegenheit auch gleich noch Tim Wiese und schob ins leere Tore ein. Das Stadion hat zu diesem Zeitpunkt schon längst Kopf gestanden.

Dieses Mal wurde es nicht gesungen, zu recht. Wir erlebten eine 7:0-Gala gegen Gladbach und fanden uns alsbald wieder im Tabellenkeller. Niemand sang „Der VfB ist wieder da“, so schön dieser Sieg auch wahr, desto realistischer ist man als Stuttgart-Fan bereits geworden nach diesem ersten Drittel der Saison 2010/2011. Ob er nun endgültig wieder da ist oder ob es sich in einer Woche wieder nur als Strohfeuer entpuppt, wird sich zeigen. Der Freude in diesem Moment tat das keinen Abbruch. Standing Ovations für die Helden der Stunde.

Wer es noch wagte, zu bruddeln, tat dies nur aus Sarkasmus. Es gab nichts, aber auch rein gar nichts zu mäkeln, bis auf den verschossenen Elfmeter von Cacau. Doch wen interessierte das schon, wenn man einen Sparringspartner als dankbaren Gegner hatte, den man nach allen Regeln der Kunst verdreschen durfte? Wen kümmerte es noch, dass der Elfmeter gegen den VfB eine zu harte Entscheidung war? Es war im Prinzip egal, die Mannschaft hat genau das umgesetzt, was der Trainer vorgeben hatte: Kampf, Siegeswillen, Leidenschaft, Tempo, Cleverness. Und sie setzte das um, was die Fans vorgegeben haten: Sieg. Klingt so einfach, und war an diesem Sonntag ausnahmsweise auch wirklich einfach.

Mit stolz geschwellter Brust und hoch erhobenen Hauptes ging es in die Wohnung nach Cannstatt. Da diese noch nicht wirklich wohnreif vorbereitet ist, fuhren wir später weiter zu meinem Felix, wo ich die Bilder sichten und sortieren konnte und wo ich mit einem Grinsen einschlummerte, gefolgt von den schönsten Träumen weiterer Siege. Solange sie eintreten und uns den Abstieg ersparen, müssen es auch nicht immer 6 oder 7 Tore sein.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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