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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Raus mit Applaus

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Wenige Tage nach dem desaströsen 3:5 in der Liga folgte nun die nächste Klatsche gegen den selben Gegner: 3:6 zeigte am Ende die Anzeigetafel. Und dennoch, verwende ich als Oberbegriffe für dieses Spiel folgede Wörter: Moral, Leidenschaft, Kampf, Vergebung, aber nicht Vergessen. Ein Ergebnis, was den Spielverlauf nicht wiederspiegelt, uns aber am Ende erneut nicht das Geringste nützt.

Wer hätte gedacht, dass ein 3:6 auf eine gewisse Art und Weise doch noch versöhnlich war, wer diese Worte nicht nachvollziehen kann, hat das Spiel nicht gesehen. Es war nicht gerade ein Sahnestückchen der Fußballkunst, doch die Stimmung im Stadion, insbesondere zwischen dem 1:2 und dem 3:5 war unbeschreiblich. Als hätte ich es vorher schon gewusst, beendete ich die Hinrunde in den Reihen des Stimmungskerns, beim CC.

Das Dumme war nur: als viele erst an ihren Plätzen angekommen waren, sprangen auch die immer wieder zwischendrin verteilten Bayern-Fans auf den Tribünen auf. Der frühe Schock der frühen Führung mit einem platzierten Fernschuss aus über 30 Metern, nach nur 6 Minuten lagen wir wieder hinten. Du liebe Zeit, mir schwant Böses.

Die Ereignisse des wenige Tage zurückliegenden Bundesliga-Spiels schienen sich auf dramatische Weise zu wiederholen. Keine 2 Minuten später das 0:2, Mario Gomez – ich wünschte mir, den Sitz rausreißen zu können und ihn eigenhändig auf diesen Verräter werfen zu können. Allein der Wunsch half nichts, mein Handicap in Sachen Körpergröße und Kraft hätten diesen Versuch auch eher kläglich aussehen lassen.

Eben jener musste nach einer halben Stunde das Spielfeld verlassen, angeblich war er angeschlagen. Nun gab ich mich genüsslich dem hin, was wohl jeder von uns dachte: mit dem wütenden Gesang „Gomez du Arschloch!“ konnten wir zwar nichts am Spielstand ändern, es tat dennoch unglaublich gut. Er ist für alle Zeiten für uns gestorben.

Mit seiner Auswechslung kippte das Spiel so langsam, kurz darauf erzielte Pavel Pogrebnyak den 1:2-Anschluss, gerade wo Saskia und ich bei der Mannschaftsaufstellung noch gegenseitig „Oh Gott, nein!“ gesagt hatten. Schreiend fielen wir uns in die Arme, vielleicht ist hier ja doch was drin.

Viel passierte dann erstmal nicht mehr, und als sich die meisten schon auf dem Weg zum Bier- und Wurststand begaben, gab es erneut Grund zum Feiern: das 2:2, wieder Pogrebnyak. Träum ich oder wach ich? Mit breitem Grinsen sprang ich meinem Schatz in die Arme, jedoch mit dem Gedanken im Hinterkopf, die Hoffnung nicht allzu hoch wallen zu lassen. Die Bayern brauchen nicht lange, um ein oder mehr Tore zu schießen, doch aus einem 0:2-Rückstand ein 2:2 zu machen, zeugte schon von einer Moral, wie wir sie wenige Tage zuvor ansatzweise schonmal sehen konnten, die jedoch unbelohnt blieb.

Das Wahnsinnsspiel nahm nach Wiederanpfiff seinen Lauf, Spannung, Spiel, aber ohne Schokolade. Miroslav Klose, der für Mario Gomez eingewechselt wurde, erzielte aus dem Nichts das 2:3, doch das schockte uns nicht wirklich. Munter kämpften die Jungs weiter, voller Adrenalin, bedingungsloses Anpeitschen von den Rängen und vor allem von der Fankurve, es war der Oberhammer.

Für wenige Minuten wurde das Spiel ein wenig ruhiger, bis sich die Ereignisse überschlugen. Unser Holländer Khalid Boulahrouz, der bereits wegen Foulspiels in der 22. Minute die gelbe Karte sah, wurde in der 67. Minute mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Verwirrung auf allen Seiten, Rudelbildung beim Schiedsrichter. Für die Zuschauer im Stadion war die Sache klar: die VfB-Spieler diskuteren, was den Unmut hervorruf, sie sollten sich zusammenreissen um nicht noch mehr Platzverweise zu riskieren.

Nach längerer Diskussion machte sich Boulahrouz auf dem Weg in die Kabine, später erfuhr man, das der gefoulte Bastian Schweinsteiger sich für seinen Gegenspieler einsetzte, um ihn vor der roten Karte zu bewahren. Wohlgemerkt bei einem Spielstand von 2:3, bei dem das nicht selbstverständlich ist. Er wäre der Bu-Mann gewesen, wenn das Spiel noch eine andere Wendung, zu Gunsten des VfB genommen hätte. Hochachtung, Herr Schweinsteiger!

Spannend ging es weiter, nur 5 Minuten später bringt Bayern-Keeper Butt unseren Cacau im Strafraum zu Fall – Elfmeter, die dicke Chance, Jubel bei allen Brustringträgern, auf den Rängen und natürlich auch auf dem Feld. Das 3:3 schon fett eingeplant, hallte nur noch das Geräusch des Entsetzen durch die Reihen, als Christian Gentner verschoss – ein weiterer Kandidat für die Liste der Spieler, die keinen Elfmeter mehr schießen sollten. In bester Gesellschaft mit Cacau und Ciprian Marica.

Doch wer dachte, man müsse dem verpassten Ausgleich lange hinterher trauern, der irrte. Wieder nur 5 Minuten später kam es zur Ecke vor der eigenen Kurve. Voller freudiger Erwartung stiegen alle auf ihre Stühle und versperrten mir die Sicht. Beim Versuch, ebenfalls hochzukletter, wurde bereits gejubelt. Das Tor habe ich nicht selbst gesehen, aber das war mir egal. Das 3:3, gut 13 Minuten vor Ende der regulären Spielzeit. Der Jubel kannte keine Grenzen mehr. Immer wieder wude ich gedrückt, umgestoßen, zerquetscht, ich stürzte ein paar Mal zu Boden, aber es war der tollste Schmerz den es für einen Fußballfan geben kann: der Schmerz beim übermütigen Jubeln. Ich werde es so schnell nicht vergessen, das erste Mal erlebte ich einen Wechselgesang zwischen Fankurve und Haupt- und Gegentribüne.

Die Ernüchterung ließ dann aber leider auch nicht allzu lange auf sich warten. Das 3:3 von Delpierre sollte das letzte Tor des VfB gewesen sein. In der 81. Minute befand sich unsere Abwehr erneut im kollektiven Koma, das Tor von Müller eine Leichtigkeit des Seins. Immernoch brüllten wir auf der Kurve alles aus unseren Lungen, was wir noch hatten. Eine Hinrunde lang immer wieder Frust und Schmerz, doch dieses Mal war es ein anderes Gefühl, es war die Leidenschaft, die wir nur selten in den letzten Monaten verspürten und der Funke, der zwischen Mannschaft und Fans übersprang.

Nur noch 9 Minuten, hier war noch längst nichts entschieden, zumindest dachten das alle. Bei so einem verrückten Spiel kann alles passieren, auch noch 2 weitere VfB-Tore hielt jeder im Stadion für möglich, ob VfB-Fan oder Bayern-Fan. In der 86. Minute war der Traum vom Weiterkommen selbst für Optimisten gestorben. Miroslav Klose, der bis zu diesem Tag seit einem halbes Jahr nicht mehr getroffen hat (wenn ich mich recht entsinne), zerstörte unsere Träume. Das war das 3:5 und das Ende aller Hoffnungen.

Dass unser Kapitän Matthieu Delpierre kurz darauf ebenfalls wegen wiederholten Foulspiels mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde, bemerkten nur die wenigsten. Erst auf der Anzeigetafel las ich es, konnte es mir nicht erklären, doch letztendlich machte es auch keinen Unterschied mehr. Wir würden auch dieses Spiel gegen die Münchner verlieren.

Wir waren ausgeschieden, beide Mannschaften hätten es dabei belassen können. Nur traf das auf Ribery nicht zu, der der Meinung war, noch mit dem 3:6 einen draufsetzen zu müssen. Individuelle Klasse vs. Auflösungserscheinungen der Hintermannschaft, mehr kann man dazu nicht sagen. Dann war es geschafft, Schiedsrichter Meyer erlöste die Mannschaft.

Anders als beim 3:5 im Ligaspiel vor wenigen Tagen war die Stimmung eine ganz andere. Am Sonntag der Mannschaft noch den Rücken zugekehrt und vor der Haupttribüne protestiert, heute friedlich und applaudierend. In einem der offiziellen Presseberichte stand geschrieben: „Als würde ein Vater seinem flegelhaften Sohn verzeihen“ – so fühlte es sich auch an. Wieder eine derbe Klatsche, aber eine so selten dagewesene Moral, dass man ihnen nicht böse sein konnte. Sie haben alles gegeben, es hat nicht gereicht. Am Sonntag zu gewinnen, wäre um einiges wichtiger gewesen, was auch die Wut und den Aufstand erklärt. Der DFB-Pokal war im Grunde nicht wichtig, ihn gibt es jedes Jahr. Abgestiegen ist man jedoch schnell, der Wiederaufstieg ist aber überaus schwierig.

Und so verabschiedeten wir die Jungs in die Winterpause mit dem Gesang „Und so in die Rückrunde!!“, wir hoffen, sie haben verstanden. Was bin ich froh, erst einmal ein paar Wochen fußballfreie Zeit genießen zu können. Die Winterpause ist kurz, aber die Zeit sollte gut genutzt werden, um uns von dieser schlimmen Saison zu erholen.

Das Ziel: Mit neuer Kraft in die Rückrunde, hoffentlich mit neuen Kräften, sowie mental als auch vom Personal und vor allem mit dem, was uns ausmacht: Leidenschaft. Vielleicht waren die Buchstaben „VfB“ nicht gerade die Abkürzung für „Vorbild für Bayern“, aber ohne jeden Zweifel waren sie es für „Verein für Begeisterung“. Unser Verein, unser Stolz, unser Leben.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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