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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Niemals 2. Liga! Ganz sicher?

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Auf ein atemberaubendes Bild, das jeden im Stadion eine Gänsehaut machte, folgte 90 Minuten später die bittere Realität. Auf zwei ganz gute Spiele, die uns neue Hoffnung schenkte, erwartete uns nun weiterhin die traurige Wahrheit. Nach diesem Spiel, dessen Sieg so unglaublich wichtig gewesen wäre, könnte die Enttäuschung kaum größer sein.

Schlimmer gehts immer, das sollte jede brustringtragenden VfB-Fan mittlerweile klar geworden sein. Nichts bewahrt einen vor unvorhergesehen Geschehnissen, nichts gibt einem die definitive Gewissheit, nichts nimmt einem die schlimmsten Befürchtungen. Leidensfähigkeit ist eben jene Disziplin, die in jedem von uns ausgebildet wird. Und wir wähnten uns schon am Tiefpunkt gegen Ende der Hinrunde 2009/2010, nicht wahr? Es ging noch schlimmer – das Resultat sehen wir nach wievor auf dem 17. Tabellenplatz.

Das Wochenende fing schonmal schlecht an. Nach einer dringenden Behandlung beim zahnärztlichen Notdienst in Stuttgart-West und ergänzenden Kopf- und Bauchschmerzen glaubte ich zunächst an die Wiederholung des Kopfschmerz-Effekts vor Spielen, gegen Mainz brachte es den Heimsieg und eine damit verbundene schnelle Genesung. Diese war mir nicht gegönnt. Sollte ich mich daheim lieber auskurieren und auf das Spiel am Sonntag Nachmittag verzichten? Nicht doch, nicht bevor ein Zettel an meinem großen Zeh hängt.

Die Sonne lugte verführerisch hinter den Wolken vor, als sie ihre Bahn am Himmel über Cannstatt zog. Wer den Wetterbericht gelesen oder gehört hat, wusste, was er zu tun hatte: dick einpacken, es würde noch ziemlich kalt werden. Am Cannstatter Bahnhof trafen wir noch Freunde von uns, gemeinsam ging es zu Fuß los. Die heilige Strecke, gepflastert von unzähligen „Niemals 2. Liga!“-Aufklebern, die der VfB in Druck gegeben hatte.

Dies war auch die Botschaft, die den Beginn des Spiels so außergewöhnlich machen sollte. Bereits im Vorfeld wurde publik gemacht, der Verein würde 40.000 Schals verteilen, natürlich gratis. Der Andrang war groß, lange vor Beginn des Spiels. Jedoch das größte Objekt meiner Begierde war das frisch erschienen Szeneheft StoCCarda, herausgegeben vom Commando Cannstatt. Mir wurde die große Ehre zuteil, ein paar Bilder beizutragen und mit meinem Blog im Verzeichnis der Fotoquellen zu stehen. An der Stelle nochmal vielen Dank dafür, großartiges Werk, ich steuer gern wieder Material bei.

Mit Schmerzmitteln in der Blutbahn und schwerem Gewicht in der Handtasche stieg ich die Stufen hinab, an deren Unregelmäßigkeit ich mich schon gewöhnt hatte (nachdem ich gleich beim ersten Heimspiel stürzte), zu den Jungs vom Fanclub, von denen ich hoffte, schon bald mit ihnen feiern zu können. Langsam füllte es sich, gut so, ist es doch wichtig, dass man mit dem Verein nicht nur durch dick sondern wie gerade auch durch ganz ganz dünn geht.

Seit Wochen groß angekündigt in den Stadionzeitungen, jetzt leibhaftig am Spielfeldrand: die Band Pennywise, die die Tormelodie „Bro Hymn“ beigesteuert haben, sangen dieses Lied live. Meine Frage, ob sie das Lied live und a capella einspielen, wenn wir ein Tor schießen, wurde leider mit dem Abbau der Instrumente und der improisierten Bühne beantwortet. Lustig wärs bestimmt gewesen. Noch ahnte keiner, dass wir zum ersten und letzten Mal dieses Lied an jenem Tag gehört haben.

Endlich war es soweit, die Mannschaften standen im Spielertunne und machten sich bereit, den Rasen zu betreten. Die wenigsten konnten die beiden Derbygegner voll erkennen, war doch alles bedeckt mit den Schals. Die Botschaft „Niemals 2. Liga!“ war unmissverständlich. Sowohl wir Fans sollten alles geben, als auch die Mannschaft, die so viele Rückschläge hat hinnehmen müssen. Ein ganzes Stadion, wohin man auch blickte sah man jene Schals, gefertigt aus dem billigsten Material, aber dennoch mit einer Wirkung, die es außerhalb der Fanblöcke rund ums Commando Cannstatt nur selten gibt. Zwischen Ober- und Unterrang erschien das alte VfB-Wappen und erneut die riesige Aufschrift, die den Verbleib im Oberhaus befürwortet. Wir haben verstanden. Und die Spieler?

Mit dem Wissen über den Verlauf der letzten beiden Spiele, in denen man den damaligen Tabellen-Zweiten in die Knie zwang und dem Herbstmeister und eventuell zukünftigen Meister Dortmund einen mehr als verdienten Punkt abtrotzden konnte, sank man dennoch nicht zurück in die Gewissheit „Es wird schon gut gehen“ – denn dann ist ja bekanntlich sehr gefährlich.

Sie begannen engagiert, großen Grund zur Sorge hatten wir in den ersten Minuten zumindest noch nicht. Mit lauter Betonung auf „noch“, denn ach das änderte sich. Schnell fielen sie wieder zurück in die selbe Pomadigkeit und Trägheit, von der wir hofften, sie hätten diese im Ernst der Lage abgelegt. Es entstand ein Kick, von denen wir schon zu viele hatten: ein schlechter nämlich.

Ich weiß nicht, wie oft ich das Wort „Chancenverwertung“ schon heranzog, um ein Resumee des Spiels formulieren zu können, es ist und bleibt verbesserungswürdig, wobei dies noch die nettese Beschönigung der Tatsachen ist. Aus den Chancen, die erspielt wurden, wurde nichts gemacht. Es sollte noch knüppeldick kommen.

Nicht einmal eine halbe Stunde, schon senkten sich die Häupter und für ein paar Momente wurde es still im Neckarstadion. Ein beklemmendes Geräusch, ein verstörender Anblick, eine frustrierende Tatsache. Da war das gefürchtete Tor für die Gäste. Zum aktuellen Stand verfehlte die Botschaft zu Beginn des Spiels definitiv ihre Wirkung. Wohlwissend, dass diese Saison nach einem 0:1-Rückstand nie mehr als ein Unentschieden drin war. Es sollte auch diesmal nicht anders sein.

„Gammliges Brot im Regal“, da hatte einer der Vorschreier gar nicht so Unrecht. An mir sollte es nicht gescheitert haben, befinde ich mich in ausreichender Entfernung zum Kern der Kurve. Die Trägheit der Spieler griff über auf die Ränge und Tribünen. Keine Spur von Abstiegskampf, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite.

Was soll das? Beinahe jede Woche stelle ich mir nun diese Frage. Die Tatsache, dass der VfB einbrach, als ich mir in Stuttgart ein neues Zuhause geschaffen habe, stimmt mich nachdenklich. So viele Fragen, so wenige Antworten, überall nur Ungewissheit, wie es mit dem VfB und seinen stolzen Fans weitergehen sollte. Fast alle 2 Wochen die selben langen Gesichter bei den Halbzeittreffen, der selbe Frust wie nahezu jedes Spiel, mit wenigen Ausnahmen.

Wir haben schon zu viel gesehen, um uns auf zweite Halbzeiten zu freuen, wenn das Spiel schon schlecht begonnen hat, das war auch dieses Mal nicht anders. Kommt schon, ist das alles, was man von einem „kleinen Derby“ erwarten kann? Wenn ihr die Spiele schon nicht drehen könnt, dann erkämpft euch wenigstens ein Unentschieden. Eine Antwort blieb die Mannschaft schuldig.

Ganze 70 Minuten lang müde Beine, Pässe ins Nichts und halbhohe Flanken, so wird das natürlich nichts. Erst danach wachten sie auf, als ihnen dämmerte, dass sie nicht mehr viel Zeit haben würden. Stuttgarts Fans können schnell ungeduldig werden, wie es aussieht, wenn sie ihnen die Unterstützung versagen, haben wir bereits erlebt.

Immer wieder der Blick nach oben zur Anzeigetafel, immer wieder Hoffen, Bangen, Flehen, jeder Freistoß mit gefalteten Händen, jede Ecke mit lautstarker Anfeuerung. Statt dem ersehnten Ausgleich erreichte bis zum Schluss die Begrifflichkeit „mangelnde Chancenverwertung“ neue Ausmaße an der Mercedesstraße.

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Video von www.cannstatter-kurve.de

Mit Ciprian Marica und Pavel Pogrebnyak hatten wir zweifelsohne 2 zu unbeständige Stürmer, diese sollten bei Nichtgefallen ersetzt werden. Nur wer? Martin Harnik, bester Stürmer und treffsicherster Edeljoker Deutschlands, war bereits auf dem Feld. Hinzu kam Sven Schipplock, der die letzte Zeit ausschließlich für die Amateure in der 3. Liga kickte, bereits beim Schneetreiben in Bern erzielte er ein Tor beim Europa League Spiel.


Bilder: www.vfb-bilder.de

Mit Martin Harnik und Sven Schipplock standen also 2 frische Stürmer auf dem Feld, in die Torstatistik konnten sie sich nicht eintragen, aber in unser Gedächtnis konnten sie sich dennoch brennen – in dem beide jeweils 1893%ige Torchancen nicht nutzen konnten. Waren es die Nerven, gemischt mit der Angst, den Unmut des ganzen Stadions zu spüren zu bekommen? Anders kann man es sich nicht erklären. Der Unmut wurde ihnen dennoch zuteil.


Bilder: www.vfb-bilder.de

Diesen Anblick werde ich lange nicht vergessen können. Sven Schipplock hatte den Ausgleich auf dem Fuße. In den letzten Minuten spielte sich alles nur noch im Freiburger Strafraum ab, ein Schuss aufs Tor nach dem anderen, der Ausgleich lag in der Luft. Auf einmal lag er da, der Ball – vor den Füßen des 22-Jährigen Reutlingers. Völlig überraschend, doch bevor er realisieren konnte, welche Chance sich ihm bot, schoss er direkt auf den Torwart, der Ball war weg statt im Netz zu zappeln. Verzweifelte Schreie auf den Rängen, wie konnte er sich das nur entgehen lassen.


Bilder: www.vfb-bilder.de

Am Ende des Tages sollte er nicht alleine die Unglücksfigur gewesen sein. Martin Harnik gesellte sich hinzu, unser sonst immer treffsicherer Super-Joker, der das jämmerlichste Bild der bisherigen Saison darstellte. Nur noch wenige Sekunden würden uns bleiben, um aus dem 0:1 noch ein – wenn auch nicht ganz verdientes – Unentschieden zu machen.


Bilder: www.vfb-bilder.de

Der Freiburger Keeper ließ den Ball nach vorne abklatschen, mit Hängen und Würgen kam der Ball zu Harnik, vorbei am Keeper, Harnik alleine vor dem leeren Tor. Ich konnte spüren, wie alle im Stadion vor Anspannung auf einmal aufsprangen, bereit, das späte Ausgleichstor mit einem tosendem Jubel der Erleichterung zu zelebrieren. Statt Freude und Geschrei konnte ich in jenem Moment nur das „Klong“ hören, mit dem der Ball an den Pfosten knallte. In diesem Moment wird er sich gewünscht haben, die Erde möge sich auftun und ihn verschlingen. Verstörung überall, in einer kleinen Ecke des Stadions Erleichterung.


Bilder: www.vfb-bilder.de

Noch 3 Minuten Nachspielzeit, dann war es vorbei. Der Abpfiff des Schiedsrichters, der auch heute nicht seinen besten Tag hatte, verbunden mit der neuerlichen Niederlage sorgte für jede Menge Frust und Ernüchterung. Nicht nur, dass wir soeben das kleine Baden-Württemberg-Derby verloren hatten, wir hatten auch 3 Punkte liegen lassen, die am Ende der Saison so wichtig sind. Punkte wie diese entscheiden letztendlich über Abstieg oder Klassenerhalt, nur einem davon sind wir ein deutliches Sütck näher gekommen.


Bilder: www.vfb-bilder.de

Sehenden Auges aber mit leerem Blick starrte ich aufs Spielfeld, als die Mannschaft zur Kurve kam breiteten wir unsere Arme aus als wollten wir sagen „Was jetzt?“. Fest steht eines, dass eine schön anzusehende Schalparade mit der Aufschrift „Niemals 2. Liga!“ nicht unbedingt heißt, dass die Mannschaft den Kampf auch annimmt. Das Spiel wurde bereits in der 1. Halbzeit verloren, und wer die Fähigkeit, im richtigen Moment einzunetzen, vermissen lässt, darf sich auf Unmut und stürmische Zeiten gefasst machen.


Bilder: www.vfb-bilder.de

Mit hängendem Kopf liefen wir wieder nach Hause. Unzählige „Kopf hoch!“, es nützte rein gar nichts. Nicht einmal Felix konnte mich trösten. Seine Aussage, der VfB würde sicher nicht absteigen, verliert immer mehr an Substanz. Mit jedem Spiel, das uns keine Punkte einbringt. Eben Spiele wie dieses.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

2 Kommentare

  1. sehr schön – wie immer !!!!

  2. „Die heilige Strecke, gepflastert von unzähligen “Niemals 2. Liga!”-Aufklebern, die der VfB in Druck gegeben hatte.“

    Die Kleber sind nicht vom Verein. Dieser würde wohl kaum das alte Wappen darauf drucken.

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