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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Die Geier kreisen schon

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Nach 75 Minuten wandten sich unsere Blicke gen Himmel. Finstere Zeichen an einem strahlend blauen Himmel. Ein großer Vogel kreiste minutenlang über das weite Rund und beobachtete geduldig das Treiben auf dem Feld, das uns zur Verzweiflung brachte. Die Vermutung liegt nahe, es handle sich um einen Geier, der ja bekanntermaßen dort auftaucht, wo die Dinge schon halb tot sind. Wie der VfB Stuttgart. Ein böses Vorzeichen?

Noch vor 7 Tagen lagen wir uns freudeschreiend in den Armen. Die Ausgangssituation war dabei ähnlich, ein schneller 0:2-Rückstand. Wut, Enttäuschung, Verzweiflung und Resignation. Wars das schon mit der 1. Liga? Gegen den direkten Konkurrenten, die punktgleiche Borussia aus Mönchengladbach. Der VfB kam zurück und gewann noch mit 3:2 – wir wissen, dass rein theoretisch alles möglich ist.

Der Winter scheint sich endgültig verabschiedet zu haben, frühlingshafte Temperaturen bereiten uns immer häufiger den einen oder anderen schönen Tag. Endlich wieder ohne Jacke ins Stadion, mit hochgekrempelten Ärmeln ging es die heilige Strecke entlang bis zum geliebten Stadion, auf das wir selbst in stürmischsten Zeiten der Verzweiflung nicht verzichten würden.

Die selben bekannten Gesichter wie jedes 2. Wochenende, die Hoffnung auf den nächsten Sieg war ungebrochen. Als die Mannschaften des VfB Stuttgart und des 1. FC Nürnberg aufs Spielfeld kamen, konnte ich sie nicht sehen – ein Meer aus Schals versperrte mir auf positive Art und Weise den Blick auf die Protagonisten des Abstiegskampfes. Kämpfen und Siegen, niemals aufgeben!

In den ersten Minuten sah es tatsächlich so aus, als würde der VfB nicht das tun, was er meist tut: die erste Halbzeit einfach mal komplett verschlafen und erst aufwachen, wenn es zu spät ist. Was ich sah, wusste zumindest für derzeitige schwierige Verhältnisse zu gefallen. Alles, was nicht sofort zum Ballverlust, Fehlpass oder Torchance des Gegners führt, ist gut für die Seele.

Und wieder ein Fall von „zu früh gefreut“ – nach 11 Minuten war es schon vorbei mit der guten Laune. Eine nahezu lächerliche Situation genügte, um einen einmal mehr enttäuschenden Sven Ulreich zu überwinden. Direkt vor unserer Nase, der gut gefüllte Gästeblock mit zahlreichen Clubberern auf der Gegentribüne feierte, des einen Freud ist des andren Leid. Unsere Mundwinkel senkten sich nur allzu schnell nach unten.

Noch war nichts verloren, die „Niemals 2. Liga!“-Schals wurden noch immer nach oben gehalten. Die Verunsicherung bei unserer Mannschaft wuchs zusehendst, der vom neuen Trainer Bruno Labbadia eingeführte 8-Stunden-Tag schien nicht effektiv genug zu sein. Pässe und Einwürfe, die man schon in der E-Jugend beherrschen sollte, funktionierten einfach nicht. Nürnberg war an diesem Samstag das beste Beispiel, wie eine Mannschaft auftreten sollte, wenn sie nicht absteigen will. Der VfB war das beste Gegenbeispiel.

Dann war da noch die Sache mit Julian Schieber. Von Anfang an war mir unwohl, als in der Sommerpause veröffentlicht wurde, dass er für eine ganze Saison zum 1. FC Nürnberg ausgeliehen werden würde, um Spielpraxis zu sammeln. Die Tatsache, dass ein Spieler hergegeben wird, den man für ein großes Talent hält, ist immer die eine Seite. In dem Moment, wenn sich dazu noch das Gefühl gesellt, man würde diese Entscheidung noch bereuen, wird es zur schlimmen Befürchtung.

„Tor für die Gäste. Torschütze mit der Nummer 23, Schieber“ – Verzweifelt kniff ich die Augen zu, mein Kopf sank, die Kräfte schwanden. Die Jugendarbeit wird früher oder später zum Bumerang. In das selbe Tor, in das schon einige ehemalige (oder in dem Falle ausgeliehene) VfB-Spieler getroffen haben, wie Gomez für Bayern, um nur einen zu nennen. Das konnte doch nicht wahr sein. Und wir hatten noch nicht einmal eine halbe Stunde gespielt und standen nun einem Rückstand gegenüber, der immer schwerer wieder einzuholen war. „Aufwachen, aufwachen!“ tönte es von allen Seiten.

Nahezu verstört verfolgte ich weiterhin das Spiel, aus dem unerschütterlichen Glauben, dass glückliche Siege wie der letztes Wochenende in Gladbach enorme Kräfte freisetzen und entscheidende Richtungen einschlagen können, wurde nur noch eine kleine kümmerliche Flamme. Sie hungerte nach Nahrung, einem schnellen Spielzug der die Wende einleiten konnte.

Diese Flamme, sei sie auch noch so spärlich geworden, loderte kurz auf, als viele schon auf dem Weg in die Halbzeitpause waren, um möglichst schnell an den Bier- und Wurstständen zu sein. Sie verpassten den 1:2-Anschluss durch unseren neuen Youngster, Patrick Funk. Irgendwann muss man ja anfangen, sich gegen die drohende Niederlage zu stemmen.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge quetschte ich mich durch den Menschenstrom, der nach dem Halbzeitpfiff die Zuschauer aus dem Block drängte. So oft war es genauso abgelaufen. Eine mehr oder weniger unbefriedigende erste Hälfte, das Treffen mit meiner besseren Hälfte und eine mal größere mal kleinere Hoffnung auf die zweite Hälfte. Doch wann ist jemals nur die Hälfte für sich allein gut genug?

Sie kamen mit Schwung aus der Kabine, unsere Brustringträger, stellvertretend für unseren Verein, unser Aushängeschild, unsere Hoffnungsträger. Vielleicht geht hier ja doch noch was? Der VfB begann vielversprechend, man wollte die Wutrede von Labbadia noch bis hinaus auf die Ränge gehört haben. Hoffentlich nützt es was, liegt es doch allen fern, sich an die schlechten Spiele mit noch schlechteren ersten Halbzeiten zu gewöhnen.

Der Anschlusstreffer durch Funk kurz vor der Pause kam zur rechten Zeit und so, wie sie nach Wiederanpfiff aufs gegnerische Tor zurannten, gab uns ein wenig von dem Glauben zurück, das Unmögliches möglich werden kann. Lange hielt es nicht an, in der 51. Minute war der alte Torabstand wieder hergestellt. Das konnte nicht wahr sein. Ändern konnten wir daran leider nichts. Da nützte kein Brüllen und kein Schreien.

Knapp 40 Minuten sollten eigentlich lange genug sein, um aus der mehr als bedrohlichen Lage noch ein achtbares und moralisch akzeptables Unentschieden zu machen. Den unbedingten Willen, den Hals aus der Schlinge zu ziehen, ließen unsere Spieler jedoch gänzlich vermissen. Jeder Fehlpass kollektives Raunen, jeder Ballverlust das blanke Entsetzen. Nach etwas mehr als einer Stunde war die Sache dann scheinbar endgültig gegessen, das 1:4 auf der Anzeigetafel verhieß nichts Gutes.

Anscheinend war er das, der berühmt-berüchtigte Sargnagel. Von einem 1:4 zurückkommen können nur wenige. Die Körpersprache der Mannschaft, die wir Woche für Woche bei Sturm und Regen, bei Hitze und Sonnenschein anfeuern, hatte sich aber schon längst ihrem Schicksal ergeben. Auch von den Blöcken 74 und 75 hörte man keinen Mucks mehr, lediglich das wütende Pfeiffen durchschnitt die Stille.

Soviel zum Abstiegskampf, so viel zum Thema „Niemals 2. Liga!“, soviel zur Leidenschaft. Die letzte halbe Stunde kam einem vor wie eine Ewigkeit. Wer sich schon mit der mehr als deftigen Niederlage abgefunden hat, tröstete sich entweder mit Galgenhumor, schwieg mit enttäuschtem Gesichtsausdruck oder verließ das Stadion direkt. Gut zu sehen vom Oberrang, wie die Verzweifelten vom Ort der Pein flüchteten.

Nach gefühlten 3 Stunden wurden wir erlöst. Ich wusste, was nun kommen würde. Statt uns über einen weiteren Schritt nach vorne freuen zu können, schlugen der Mannschaft (verdiente) Pfiffe entgegen, wild gestikulierend wollten wir ihnen zu verstehen geben, dass der Klassenerhalt auf Messers Schneide steht. Vermutlich wäre auch der Schal-Aufdruck „Immer 1. Liga!“ besser gewesen, klappte man die „Niemals 2. Liga!“-Schals in der Mitte um, konnte man das lesen, was uns erwartet, wenn es so weitergeht.

Haben sie es verstanden? Kein Klatschen der Mannschaft für die zumindest bis zum 1:3 gute Unterstützung, stattdessen blutleere Körper mit emotionslosen Gesichtern. Als sie uns wieder den Rücken zuwandten, hatte Sven Schipplock, Ersatzstürmer, wütend abgewunken. Ein weiteres Signal, dass etwas faul ist im Ländle.

Still und leise schlichen wir nach Hause, glücklicherweise ohne auf euphorisierte Nürnberger Fans treffen zu müssen, die auf der Mercedesstraße unseren Weg hätten kreuzen können. Für Pöbeleien und die Verstärkung dieser Schmach hatte ich schlichtweg keine Kraft, die letzten Kräfte würde ich schon noch brauchen.

Was war das wieder für ein Spiel? Niemand kann es einem sagen. Wie geht es weiter? Niemand kann es einem sagen. Werden wir uns noch vor dem Abstieg retten können? Niemand kann es einem sagen. Wenn es nicht einmal die eigene Mannschaft beantworten kann, für die man bis ans Ende der Welt reisen würde, wer sonst? Die Antwort liegt und lag schon immer auf dem Platz. Geht es so weiter, ist klar, wo uns dieser frustrierende Weg hinführen wird.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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