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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Die Invaliden von Stuttgart

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Warum mussten es ausgerechnet blaue Krücken sein? Die Knieverletzung, die ich mir wenige Tage zuvor auf der Rückfahrt vom Auswärtsspiel in Leverkusen zuzog, zwang mich zu dem Schritt, erst einmal mit Gehhilfen vorwärts zu laufen. Unangenehme Begleiterscheinung: man ist langsam. Für den Weg zum Stadion, der sonst 15 Minuten Fußweg benötigt, brauchte ich eine Stunde. Das Laster der tampferen Kämpfernaturen.

Auf dem Plan stand das Rückspiel gegen Benfica Lissabon. Nach dem Hinspiel in Portugal hatte ich eine Woche zuvor beigewohnt, leider wurde das Spiel knapp mit 1:2 verloren. Die Chancen zum Weiterkommen waren dennoch gegeben. Überschattet wurde das Spiel von Trainer Bruno Labbadias Entscheidung, Stammkeeper Sven Ulreich, der ein paar Böcke in den letzten Spielen geschossen hat, aus dem Tor zu nehmen, und dafür den erfahrene Marc Ziegler zu bringen, der erst Anfang der Saison zu uns zurückkehrte.

Torwartwechsel hatte es schonmal beim VfB gegeben. Wir errinnern uns an unseren wenig rühmlichen Torwart der Saison 2007/2008: Raphael Schäfer, der uns mehr Punkte gekostet hat, als er Bälle gehalten hat. Er war ohnehin ein Missverständnis. Für ihn kam der damals sehr junge Sven Ulreich ins Tor, hielt aber auch nicht alles, was aufs Tor geflogen kam und wurde erneut durch Schäfer ersetzt. Tohuwabohu, am Ende qualifizierte man sich auf dem 6. Platz doch noch für den UEFA-Cup.

Für mich stand heute leider nicht das durchgängige Stehen und Anfeuern auf dem Programm. Bei Ersterem musste ich definitiv passen. Besonders warm wars nicht, zu später Stunde. 90 Minuten lang saß ich auf meinem Allerwertesten und schaute dem Spielgeschehen zu, welches auch nicht gerade Begeisterungsstürme hervorrief.

Dass auch der eigentliche Ersatz-Keeper Marc Ziegler nicht alles halten kann, war zu befürchten. Das 0:1 nach 31 Minuten konnte er nicht verhindern. Bedröppelte Gesichtsausdrücke, sie knüpften nahtlos an nach den langen Gesichtern von Leverkusen. Das geplante Halbzeittreffen fiel flach, die Mengen auf der Treppe, die aus dem Block herausführte, mochte ich meinem lädierten Knie nicht zumuten. Stattdessen hockte ich da, das linke Bein nach vorne gestreckt, mit verschränkten Armen und begeisterungsloser Mine. Harte Zeiten in Stuttgart.

Kurz nach Wiederanpfiff die einzige Szene des Hoffen und Bangens. Es war keine Torchance, die uns den Atem anhielten ließ. Es war Marc Ziegler, der direkt vor uns nach einem gehaltenen Ball und einer ungewollten Kollision mit dem Knie des Gegenspielers leblos zu Boden sank. „Der wird gleich wieder aufstehen“ werden sich die meisten gedacht haben. Doch er stand nicht wieder auf. Er blieb liegen.

Eine Spielertraube sammelte sich um ihn herum, der Schiedsrichter winkte die Sanitäter herbei, die direkt mit der Trage angerückt kamen. Als Marc Ziegler auf die Trage gehoben wurde, fiel sein Arm herunter, frei von jeglichem Bewusstsein. Es war beängstigend. Bewusstlos wurde er abtransportiert, aufbauener Applaus und stiller Schock mischten sich, als er in die Katakomben getragen wurde.

Für ihn kam Sven Ulreich. Nicht einmal 50 Minuten durfte Marc Ziegler sein Können zeigen. Inwieweit diese Torwart-Wechsel-Geschichte Sinn gemacht hat, sollte sich noch zeigen. Für knapp 10 Minuten war das Spiel unterbrochen. Der Rest geriet fast zur Nebensache. Doch Fußball gespielt wurde an diesem Abend auch noch, das Spiel wurde nicht unterbrochen. Ob es Marc Ziegler wieder gut geht, bzw. wieder gut gehen würde, war unklar bis Spielende.

Knapp 10 Minuten waren noch zu spielen, der Ausgleich wäre schön gewesen, doch gemessen am Auftreten der Mannschaft war das schon fast utopisch. Das fast schon folgerichtige 0:2 kam in der 78. Minute. Es war vorbei. Der Traum vom europäischen Fußball war vorbei, für mindestens ein ganzes Jahr. In diesen Minuten dachte ich eigentlich nur noch ein eines: an meinen Aberglauben und die Geschichten, die man über Benfica Lissabon erzählt. Einst spielten auch Hertha BSC Berlin und auch der 1. FC Nürnberg gegen Lissabon. Beide verloren und stiegen danach in der Bundesliga ab. Ist unser VfB stark genug, diese „Serie“ reißen zu lassen? Ich weiß es nicht.

Still und leise leerte sich das Stadion. Für mich begann der lange Weg zurück, mit der Krücke unterm Arm und dem Ausscheiden aus der Europa League im Gepäck lahmte ich den Weg entlang. Im Schneckentempo die Mercedesstraße hinunter, Abbiegen in die Daimlerstraße, bis zum Cannstatter Carré und weiter nach Hause. Ich konnte nicht mehr. Mein Knie verheilte und Marc Ziegler gehts auch wieder gut. Und auch der Torwartwechsel, war er auch nur von kurzer Dauer, sollte seine positive Wirkung in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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