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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Im Angesicht des Todes

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Totenstarre. Totenstille. Totenblässe. Es fühlte sich an wie der Tod, der Tod in der 1. Liga. Jeder wusste, was dieses Ergebnis zu bedeuten hatte. So gibt man 3 wichtige Punkte aus der Hand, so unverständlich, so enttäuschend, so beängstigend in so ziemlich jeder Hinsicht, die man sich nur vorstellen konnte. Die Geschichte eines Spiels, das alles hatte: Schneller Rückstand, unerwarteter Ausgleich, bejubeltes Führungstor, erneuter Ausgleich und zwei weitere Tore für den Gegner. Nur keine weiteren Punkte. Es wird eng werden am Ende.

Samstag, 18:30 Uhr, besser als die Sonntagsspiele, aber dennoch kann man sich schönere Uhrzeiten vorstellen, zumal wir danach noch zu einem Geburtstag in Waiblingen eingeladen waren. Der Frühling hat Einzug gehalten, mit teilweise schon sommerlichen Temperaturen. In der Sonne knackig heiß, im Schatten dennoch recht frisch, eine gute Idee, die Jacke dennoch mitzunehmen. Es war alles bereit für einen schönen Fußballnachmittag, an dessen Ende ich gern einen Sieg gefeiert hätte.

Vor Ort sprach es sich schnell rum: für die Durchsage, dass sich der Einlass wegen eines Stromausfalls verzögern würde, waren wir zu spät. Zunächst war unklar, ob der Strom wieder da ist, bzw. ob er rechtzeitig wieder da sein würde, um 39.000 Menschen durch die Eingänge an ihren Platz zu bekommen. Anderthalb Stunden vor Anpfiff setzten sich einige von uns langsam in Bewegung, der Strom war offensichtlich wieder da.

Die Stufen hinunter, die meine bessere Hälfte Felix im Rahmen seines Jobs als Maler und Lackierer neulich weiß und rot anstreichen durfte – es stolperten wohl viele Leute darüber, unter anderem auch ich beim ersten Heimspiel gegen Dortmund. Einiges hat sich im Stadion verändert, als ich damals zum ersten Mal hier war. Einiges hat sich auch in meinem Leben mit dem VfB Stuttgart verändert: von gelegentlichen Heimspielen mit einer Anreise von 500 Kilometern bis hin zum Umzug nach Stuttgart – Bad Cannstatt. Alles richtig gemacht, würde ich sagen.

Es war angerichtet. Der Gästeblock neben uns war auch schon gut gefüllt, durch gleiche, bzw. ähnliche Vereinsfarben kaum zu unterscheiden von den unseren. Später sollte man den Unterschied zwischen Pfälzern und Schwaben beim Jubeln gut erkennen können. Mir wäre es lieber gewesen, wir hätten stattdessen gejubelt. Aber wer hätte sich das schon nicht gewünscht. Seit wann läuft aber alles so, wie man es sich in der eigenen Vorstellung ausmalt.

Seit 5 Spielen ungeschlagen, hofften wir, das einst das Spiel in Frankfurt, wo der VfB in Unterzahl mit 2:0 gewann, die lang ersehnte Wende gewesen sein würde, durch 2 Untentschieden gegen Wolfsburg und Bremen konnte man mich nicht von dieser Überzeugung abbringen. Pünktlich wurde das Spiel angepfiffen, die vorher ausgegebenen Autofähnchen mit der Aufschrift „Flagge zeigen!“ wurden auf Haupt- und Gegentribüne gewedelt. In besseren Zeiten als diesen erfreuen sich solche Fahnen-Aktionen größerer Beliebtheit, einst gesehen bei früheren Spielen wie zum Beispiel bei meinem ersten Heimspiel gegen Hamburg.

Die Ernüchterung kam schneller, als uns allen lieb war. Kollektives Schnarchen in der eigenen Abwehr, brennende Lauterer und ein Jubel auf der falschen Seite. Unfassbar, wie viele Menschen vor Freude nach nur 17 Minuten aufsprangen. Nicht nur im voll gefüllten Gästeblock, nein, auch auf der Gegentribüne und schockierender Weise auch zahlreiche Freudensprünge auf der Haupttribüne – geschuldet der relativen Nähe zwischen Kaiserslautern und Stuttgart? Überall um uns herum, mitten ins Herz. Es war Lakic, der von den Lauterer Fans seit seiner Vertragsunterzeichnung in Wolfsburg gehasst, aber in diesem Moment geliebt wurde.

Mittlerweile habe ich es ungewollt ziemlich gut drauf, „eine Fresse zu ziehen“, wobei mir natürlich die Begeisterung viel besser zu Gesicht steht. Niemals aufgeben, nie waren diese Worte so oft, ja fast schon inflationär gebraucht wie in dieser Saison. Aus Wochen wurde Monate, und aus Monaten wurde eine längst verkorkste Saison, die Hoffnung, den Kopf am Ende noch aus der Schlinge ziehen zu können, haben manche schon längst verloren.

Besonders viel konnte man nicht erkennen, wenn man in den vorderen Reihen der Kurve steht, der Sichtwinkel ist spitz und der Verlass auf den Jubel der anderen übersteigt manchmal schon das eigene Auge. Zuerst ein kurzer Aufschrei des Protestes, gefolgt von erleichtertem Jubel. Ein Tor war es nicht, aber ein Elfmeter. Ob berechtigt oder nicht, vermag ich nicht zu sagen – war auch egal in diesem Moment.

Die letzten Elfmeter wurden sicher verwandelt, die Frage, wer denn heute verschießen darf, wich der Zuversicht auf den gleich folgenden Ausgleich. Kuzmanovic, strotzend vor Selbstbewusstsein, trat an und verwandelte. Mit der Hand war er noch dran, doch der Strafstoß schien für den Pfälzer Torwart doch etwas zu stark geschossen. Wir sind wieder im Spiel!

Dass es Momente in einem Spiel geben kann, die selbst bei Rückstand Kräfte freisetzen und bestehende Situationen völlig außer Kraft setzen können, wissen wir ja alle mittlerweile. Die Tatsache, dass das Selbstvertrauen mit einem Ausgleichstor größer wird, auch. Ebenso, dass selbst ein eher unzuverlässiger Verteidiger in unsrer Startelf stehen kann. In dem Moment hatten wir auch Cristian Molinaro wieder lieb, als er musterfültig auf Pavel Pogrebnyak passte, der zum 2:1 für den VfB vollendete und damit das Spiel noch vor der Halbzeit drehte. Tosender Jubel bei den Brustringträgern. Na also, geht doch, warum nicht gleich so?

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht ging es in die Halbzeitpause, das obligatorische Treffen mit meinem Schatz und unserer Kumpeline Diana, die wir zuerst erschreckten da sie uns nicht gesehen hat, und die dann von ihren neusten Erlebnissen bei der Busfahrt nach Bremen berichtete. Endlich mal wieder erfreute Gesichter, nicht die (fast schon) übliche Enttäuschung (wie so oft). Im Eifer des Gefechts, äh Gesprächs fast schon den Wiederanpfiff verpasst, schnell wieder rein, vorbei an den Ordnen die sonst von jedem außer mir die Karte nochmal sehen wollte. Als wäre es das normalste der Welt. Kaum wieder an meinem angestammten Platz ging es wieder weiter, wenn das mal kein perfektes Timing ist.

In 45 Minuten werde ich mir von Herzen wünschen, dieses Spiel hätte nur eine Halbzeit gedauert. Viel vermag ich über jene Spielhäfte nicht verlieren, zu enttäuschend und markerschütternd waren diese Minuten. Dabei gegann die 2. Halbzeit zumindest wenig aufregend, doch jeder war sich dessen bewusst, dass ein Vorsprung von einem einzigen Tor unter Umständen nicht ausreichen würde. Im Hinspiel wurde aus einer 3:0-Führung (!!) für den VfB nur ein 3:3 – müßig zu sagen, dass manches anders gelaufen wär, wenn wir dieses Spiel gewonnen hätten. Aber: „Hätte, hätte, Fahrradkette“.

Wir schreiben die 64. Minute, die Gäste wechseln aus, Hoffer kam für Petsos. „Wayne?“ fragte man sich, doch nur 4 Minuten später schoss er den Ausgleich. Pures Gift für jeden VfB-Fan, weise Voraussicht laut Flo, der eine Abneigung gegen österreichische Stürmer hat, deren Nachname mit einem „H“ beginnt. Wieder sprangen überall verteilte Fans der roten Teufel auf, ein unwahrscheinlich hoher Anteil, wie ich es zuletzt bei Liga- und Pokalspiel gegen die Bayern erlebt habe. Im größten Schmerz können wir aber auch nicht mehr machen, als hilflos zuschauen und uns fragen, ob es uns erneut gelingen würde, das Spiel zu unserem Gunsten zu gestalten.

Noch war die Hoffnung auf den Sieg nicht tot, sie hing an lebenserhaltenden Maschinen und die Entscheidung, sie besser abzustellen, war noch nicht getroffen worden. Wie hilflos und lächerlich sich unsere Spieler jedoch anstellten, war erschreckend und gab wenig Mut, dass es reichen würde. Ein Punkt ist eigentlich zu wenig gegen direkte Mit-Abstiegskandidaten, das sage ich schon seit 3 Wochen, war beide Male aber dann doch recht froh darüber, bei entsprechend großer Fortune.

Noch 10 Minuten zu spielen, auf der Anzeigetafel stand 2:2, ein gefährliches Ergebnis gegen gefährliche Lauterer. Wenn es drauf ankommt, gibt es keinerlei Garantie, dass unsere Spiele keine Nerven zeigen. Und wer so offensichtlich um weitere Tore bettelt, bekommt sie auch. Bitteschön, 79. Minute, 2:3. Bitter. Gang, ganz bitter. Die vorübergehende Führung drehte Kaiserslautern erneut. Wieder war es Lakic. Es wurde still. Die ersten Massen setzten sich in Bewegung. So sieht also Hoffnung an den Klassenerhalt aus…?

Die Moral gebrochen, das Selbstvertrauen zunichte. Mit viel Glück würde doch irgendwie noch das 3:3 fallen, jedenfalls mit der Vereinsbrille auf der Nase. In Wahrheit wurde es schlimmer. Das 2:4 setzte der Demütigung noch eine goldene Krone auf. Wie dumm man sich nur anstellen kann, demonstrierte unsere Mannschaft auf beeindruckend seelenlose Art und Weise. Ohje, VfB! Wenn wir uns noch retten wollten, brauchen wir schon fast ein Wunder. Was sage ich, wir brauchen definitiv ein Wunder. Auf eine zielstrebige, kämpfende, leidenschaftliche und konzeptorientierte Mannschaft scheint ja kein Verlass zu sein.

Es blieben jetzt noch 4 Minuten regulär und 3 Minuten Nachspielzeit übrig, bis die Niederlage „perfekt“ war, dabei war sie das ganz und gar nicht. Ich weiß nicht, was mir den Dolch tiefer ins Herz bohrte: war es die Niederlage und die Art, wie wir untergingen oder waren es die wedelnden Taschentücher der Lauterer Fans und das hämische Liedgut? Beides zusammen wird zu einer weiteren Narbe auf einem geschundenen VfB-Herz, welches seine Zeit brauchen wird, sich wieder zu erholen.

Dann war es auch schon vorbei, welch eine Schande, welch eine Demütigung. Schwer, das in Worte zu fassen, unverständlich für Nicht-Fußballfans, nachvollziehbar für jene, die dabei waren. Wie gelähmt sahen wir die Mannschaft auf uns zulaufen, unfähig zu klatschen und zu applaudieren. Stattdessen wütende Pfiffe und die immer lauter werdende Frage: Wollt ihr uns verarschen? Schimpf und Schande, ich sehne mich so sehr nach den vergangenen Zeiten, als einen die Angst vor dem Abstieg nicht lähmen konnte, nur die Frage, ob es um die Champions League- oder doch eher um die Europa League Plätze geht. Wenn ein Spiel manchmal doch nur 45 Minuten hätte…

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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