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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Klassenerhalt!

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Tage wie dieser lassen einen vergessen, welch steiniger Weg hinter einem liegt, wie viel Schmerz man erlitten hat und auch da noch gehofft hat, wo es manchmal schon fast vergebens schien. Tage wie dieser lassen sich nicht mit vernünftiger Logik oder nachhaltiger Statistik vorhersagen. Tage wie dieser geben dir das Gefühl zurück, was du bei jedem Spiel in dir trägst: Leidenschaft, Begeisterung und den Willen, auch da noch ein zartes Licht in harten Zeiten zu sehen, wo andere nur Dunkelheit sehen. Wir haben es geschafft. Und es fühlt sich gut an.

Freud und Leid in dieser Saison wurden ja eingehend behandelt, mal mit mehr, mal mit weniger Schreibfreude. Zwischenzeitlich kam mein Bestreben nach zeitnahen Berichtsveröffentlichungen ganz zum Erliegen, was erst wieder gegen Ende dieser denkwürdigen Spielzeit besser wurde. Es gab insgesamt betrachtet wenig Gutes und dafür viel Schlechtes, was uns bisweilen geboten wurde. Dass es der VfB geschafft hat, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, grenzt beinahe schon an ein Wunder.

Kommen wir zunächst zu den knallharten Tatsachen: nach einigen Siegen in Folge und so manchem wenn auch unerwarteten Punkt, den man in der Rückrunde gesammelt hat, war der Sprung ans rettende Ufer nicht mehr weit. Durch den Sieg gegen Hoffenheim am vergangenen Samstag sah die Welt auf Platz 12 schon gar nicht mehr so übel aus wie noch vor ein paar Monaten.

Eines stand fest: uns hätte bereits ein Punkt gegen die aufstrebenden Champions League Anwärter aus Hannover genügt. Man hätte sich gar eine Niederlage „leisten“ dürfen, wenn Wolfsburg oder Frankfurt zeitgleich verlieren. Und das taten sie freundlicherweise auch. „Nichts für Ungut“ an all jene, die den Niedersachsen und/oder Hessen zugeneigt sind, doch jeder ist sich bekanntlich nicht nur in Sachen Fußball selbst der Nächste.

Selten hat mich vor einem Spiel derart eine Anspannung und Nervosität ergriffen wie es dieses Mal der Fall war. In jedem Falle galt es zu verhindern, dass wir den Klassenerhalt nicht perfekt machen würden und das entscheidende Spiel bei den ebenfalls hinter ihren Erwartungen zurückliegende Bayern hätten \“ so viele Nerven hätte ich nicht gehabt, da mit Optimismus hinein zu gehen.

Förmlich zitternd ging es ein letztes Mal in der Saison 2010/2011 in Richtung Neckarstadion. Die heilige Strecke durchs Cannstatter Carré, über Daimler- und Mercedesstraße bis zum geliebten Fleckchen, was für viele \“ und auch für mich \“ nicht mehr aus dem Leben wegzudenken ist. Aus unbekannten Stadionzuschauern werden Freunde und Verbündete, aus kühlem Beton wird ein meist herzliches Zuhause.

Für die Dinkelacker-Retrotrikots, von denen 2000 Stück vor dem Spiel verteilt werden sollten, kamen wir zu spät. Dennoch war es nicht unnütz, das Palm Beach aufgesucht zu haben, kreuzten sich auf dem Weg über die Ultras-Treppe die Wege von meinem Kumpel Daniel und mir \“ prompt wurde kurzfristig ein kleines Tooor.de-Treffen organisiert, mit Jonas, David und Marc. Gab es in dieser Form auch schon lange nicht mehr.

Die Sonne brannte erbarmungslos, doch das war zu vernachlässigen. Viel zu sehr war ich in Gedanken rund um die Frage „Was ist, wenn…?“ – dass ich die Leute um mich herum überhaupt einigermaßen registrieren und grüßen konnte in meinem fast schon tranceähnlichen Zustand der Besorgnis, verwundert mich nicht weniger wie die Tatsache, dass mich auch jene alte Bekannte nicht vergessen haben, mit denen der Dialog seit einem Jahr aus nicht mehr als „Servus“ bestand.

Bis zum Anpfiff wollte die Zeit kaum vergehen, da saß ich nun auf meiner Sitzschale, Energie tankend für den letzten (vor-)entscheidenden Kraftakt, einmal vertieft ins Cannstatter Blättle, dann wieder mit Simon direkt neben mir. „Schau mal, der Okazaki hat grade getroffen“ \“ meinte er zu mir während des Aufwärmens, als er locker gegen Marc Ziegler einschob. Ohne zu wissen, was passieren würde, kommentierte ich das trocken mit „Der soll lieber gleich im Spiel treffen!“. Das tat er bisher nie, Winter-Neuzugang Shinji Okazaki wartete bis zu diesem Tag auf sein lang ersehntes Tor.

Noch etwas ganz Anderes: wie heißt es eigentlich richtig? Einlauf? Auflauf? Hürdenlauf? Für mich ist es irgendwie der Einlauf. Der Mannschaften, wohlgemerkt, wenn sie mit einem Kind an der Hand dem Schiedsrichter hinterher aufs Spielfeld dackeln. Ich konnte kaum etwas erkennen, die Sicht ging unter in einem Meer von Fahnen und Doppelhaltern. Eine Woche hatte ich diesem Moment entgegen gefiebert. Weglaufen konnte ich nicht, und wollte ich auch nicht.

Meine Freundin Michi, die fast jeden Mittwoch zum Fernsehen bei mir daheim in Cannstatt eingeladen ist, sollte Recht behalten: „Das Spiel wird unerträglich“. Beide Teams, für die jeweils viel Geld auf dem Spiel stand, begannen zögerlich und spielten auf Sicherheit. Ausgeglichen ging der Ball hin und her, ohne besondere Vorkommnisse. Und selbst das war schon fast zu viel für mich. Ihr wisst ja wie das ist, wenn ihr diese Saison miterlebt habt: VfB-Mikado, wer den ersten Fehler macht hat verloren. Bloß kein Gegentor fangen von den Hannoveranern, die ihren Fans schon jetzt die beste Saison der Vereinsgeschichte geliefert haben.

Viel passierte nicht, folgerichtig ging es mit einem 0:0 in die Pause, wo \“ wie immer \“ Felix und Diana auf mich warteten. Erleichtert war ich, nicht aufgrund eines berauschenden Spiels, vielmehr durch den Schatten, in den ich mich zumindest für knapp 15 Minuten zurückziehen konnte. Die Sonne nahm ihren Lauf und brannte mir schon während der 1. Halbzeit humorlos ins Gesicht. Ich war geblendet, wenn auch nicht der tollsten Spielkünste aller Zeiten.

Zurück im Spiel, auf zur zweiten Halbzeit, zurück in die Sonne, die sichtlich daran Freude zu empfinden scheint, blonde hellhäutige Menschen zu ärgern. Da war sie wieder, die Aufregung, fast hätte ich sie bei der schwachen Vorstellung vergessen. Aber eben nur fast. Nicht nur der VfB sondern auch Hannover 96 meldeten sich zurück, letztere mit einer Torchance, die über die Latte segelte. Hallo, wach!

Es ist noch gar nicht so lange her, da strapazierte ich die Speicherkarte meiner Digitalkamera mit jeder Torchance, die sich dem VfB bietet. Um ganz sicher zu gehen, Material zu bekommen, an dass ich mich später gern zurückerinnern würde, schaltete ich stets dann ein, wenn sich der Ball aufs Tor zu bewegte, vorher abwiegend, ob das ein Tor werden könnte oder eben nicht. Ergebnis dieses Spleens sind zahlreiche Tor-Aufnahmen, teils entscheidende zum 1:0 in der 94. Minute. Man kann also sagen, ich habe ein gewisses Gespür dafür.

Jene weise Vorahnung hatte ich auch diesmal, nur beim Torschützen hatte ich mich geirrt. Es war nicht wie vermutet Martin Harnik, der mit dem Ball nach vorne in unsere Richtung stürmte, nein. Er ließ den Ball liegen für den nachrückenden Tamas Hajnal, der durch die Beine eines Hannoveraners zum 1:0 für den VfB einschoss. Ein Ausbruch des Jubels, der erste Schritt war getan.

Mit jeder Menge Adrenalin in der Blutbahn feierten wir ab der 58. Minute ausgelassen den Führungstreffer. Schon 3 Minuten später sollte es endgültig zur Party werden. Cacau eroberte den Ball, legt quer rüber auf Shinji Okazaki, der wie eingangs angekündigt zum 2:0 traf \“ sein erstes Bundesligator für den VfB. Jetzt wurd das Neckarstadion endgültig zum Tollhaus. Alles warf sich durcheinander, überall wurde gebrüllt, geherzt und der Abstand zum rettetenden Ufer war so knapp, dass wir nur noch hinüber springen mussten.

Schon lange wurde es nicht mehr so laut im Neckarstadion. Der letzte derart laute Jubel liegt meiner Erfahrung nach 2 Jahre zurück, und geschrien wurde das Lied „Niemals 2. Liga!“ niemals lauter \“ zu Recht. Wir waren drauf und dran, unseren Plan in die Tat umzusetzen. Mir stellten sich die Nackenhaare auf, und ich bin sicher, da war ich nicht die Einzige.

Doch noch waren wir hier nicht fertig. Dass wir doch nochmal 25 Minuten lang um unseren Sieg zittern mussten, was jedoch durch die zeitgleichen Rückstände von Wolfsburg und Frankfurt weniger relevant war, ahnte noch keiner. Von Hannover 96 hatte man zu Recht mehr erwartet. Den unbedingten Willen, sich direkt auf einem Champions League Platz häuslich einrichten zu wollen, ließen sie vermissen, zu unserer Freude.

Ein Lebenszeichen schickte uns Hannover dann doch noch, der Anschlusstreffer zum 2:1 ging schon fast mitten im Jubel unter. Wer es dann doch registrierte, wurde zurecht nervös. Diese Saison ist zu verrückt, um auch an den letzten Spielen das Unvorhergesehene geschehen lassen zu können. Fast eine halbe Stunde mussten wir jetzt also das Ergebnis halten oder auf das 3:1 spielen.

Glücklicherweise blieb es uns erspart, zuzusehen, wie das Spiel auf der Kippe steht, denn kurz nach Hannovers Anschlusstreffer war die Luft wieder raus und die Verhältnisse auf dem Platz stellten sich wieder so dar wie vor dem 2:1 \“ VfB top, Hannover flop. Eine Tatsache, die man vor dem Spiel auch nicht unbedingt vermuten konnte. Beste Saison der Vereinsgeschichte trifft auf die fast schlechteste.

Und so bestätigte sich auch noch meine Vorahnung nach den ersten Niederlagen der Hinrunde, die ich mit Entspannung sah: „Spätestens in der Rückrunde sind sie wieder da!“ – besser spät als nie. Den Abpfiff sehnte man sich natürlich inbrünstig herbei, Schiri, pfeif ab, pfeif ab! Nach knapp 93 Minuten tat er das dann auch. So fühlt sich Erleichterung an, wenn ein ganzes Gebirgsmassiv, die Last und die Sorge einer ganzen Saison von einem abfällt. Geschafft. Ohrenbetäubender Jubel, man lag sich freudeschreiend in den Armen.

Sie ließen sich Zeit mit der Ehrenrunde. Begonnen auf der Gegentribüne, ganz langsam weiter in Richtung Untertürkheimer Kurve, welche unser vorübergehendes Zuhause war in dieser Saison, bevor sie die Runde mit der Haupttribüne abschlossen. Fast jeder Spiel trug den „Niemals 2. Liga!“-Schal bei sich, ob einfach um den Hals gehängt, zum Turban gewickelt wie Christian Gentner oder vermummt wie Timo Gebhart auf Krücken, der sich etwas wacklig auf dem Rasen fortvewegte, die Feierlichkeiten aber nicht missen wollte. Und natürlich folgte ihnen eine Horde Journalisten, Fotografen und Kameraleute.

Zu guter letzt kam unser Trainer Bruno Labbadia noch in den Genuss jener Huldigung, die wie Balsam auf sein angekratztes Image sein musste: die Spieler feierten Bruno und warfen ihn mehrfach in die Luft. Der Blick auf die Tabelle war eine Wohltat: Platz 11. Wohlgemerkt: wir haben gefühlt mehr Zeit auf den Abstiegsplätzen verbracht als sonstwo.

Die Rettung in vorletzter Sekunde nahm uns die Last, die wir keinesfalls mit nach München mitnehmen wollten. Die Freude war groß, die Rettung geschafft zu haben, trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack. Wie konnte das alles nur passieren? Das erkannte auch das Commando Cannstatt und präsentierte Transparente mit der Botschaft, man würde nun von Vorstand und Aufsichtsrat Antworten erwarten. Man darf gespannt sein, was passiert.

Ein letztes Mal verließ ich den Block in der Untertürkheimer Kurve und wurde freudig empfangen von vielen Freunden und Bekannten, denen meine Erschöpfung sichtlich nicht entgangen zu sein schien. Es wurde Zeit, wollte ich daheim noch schnell meine Bilder für vfb-bilder.de bereitstellen, bevor es weitergeht zum Fanclub-Fest am Abend. Ein anstrengender Tag. Aber mit Sicherheit ein glücklicher, sei der spät klar gemachte Klassenerhalt auch nicht das gewesen, was wir uns vor der Saison erhofft hatten. Zur neuen Saison sehen wir uns wieder auf der anderen Seite, wenn es dann für immer und für alle Zeit heißt: „Für immer Cannstatter Kurve!“

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

6 Kommentare

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  3. Ich würde sagen, dass unser vfb diese saison ganz viel unterstützung braucht.
    und zwar von jedem, von uns!!!

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