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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Zuhause im Glück

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In genau diesem Moment bin ich in einer seltenen Situation. Ich sitze an meinem Computer, habe das leere Textdokument vor mir und mir will nicht einfallen, wie ich einen der denkwürdigsten Tage meines Daseins als VfB-Fan beschreiben soll. Nicht, weil es nichts zu erzählen gibt. Sondern vielmehr, weil so viele Einflüsse auf mich eingewirkt haben, dass es schwer fällt, diese Emotionen zu ordnen und schriftlich zu formulieren.

Zwei lange Jahre hat es nun gedauert, 24 Monate war unser geliebtes Neckarstadion eine Baustelle. Geplanterkmaßen, setzte man sich seit vielen Jahren dafür ein, dass die Laufbahn im Stadion entfernt wird und das weite Rund zu neuen Tribünen dicht am Spielfeldrand umgebaut wird. Ein reines Fußballstadion für die Landeshauptstadt, der Traum von vielen Menschen kostete uns einige Entbehrlichkeiten in den Spielzeiten 2009/2010 und 2010/2011 \“ seit ich mich stolze Dauerkartenbesitzerin nennen darf.

Bevor wir jedoch unsere neue Kurve in Augenschein nehmen konnten, stand die jährliche Karawane Cannstatt auf dem Programm, organisiert von der aktiven Fanszene unseres Vereins. Wie schon in den letzten Jahren war klar, dass ich hier mitmachen würde. Mit den Leuten unseres Fanclubs Boys in Red erschienen wir gerade noch rechtzeitig an der Aral Tankstelle in der Daimlerstraße, alle Jahre wieder Treffpunkt aller Fans, die gemeinsam laut, friedlich und in weiß-rot durch Cannstatt zum Stadion laufen wollen. Es waren Hunderte, wenn nicht sogar Tausende, die sich schon versammelt hatten.

Der Bitte, erst einmal nach hinten durchzulaufen, um die Leute von der Straße zu bekommen, kamen mir ohne Meckern und Murren nach. Es folgten nicht nur viele dem Aufruf zur Karawane, der gemeinsame Aufruf von Fanszene und Verein, an diesem Tag ein weißes Heimtrikot mit rotem Brustring zu tragen, wurde erhört. Wohin man auch sah, man konnte die VfB-Fans nicht anhand ihrer Kleidung auseinander halten.

Meine langjährige Freundin Julia überquerte die mit Brustringträgern vollgestopfte Daimlerstraße, der neue Riesenschwenker unseres Fanclubs funktionierte auch bestens als Erkennungsmerkmal. Schon bald ging es los, die Nervosität stiegt. Bald, geliebtes Stadion, bald sind wir wieder bei dir.

Nach den ersten Metern musste ich mich jedoch \“ oder sagen wir korrekterweise, freiwillig \“ aus der Menge reißen um Fotos zu machen. Ich war nicht die einzige, die diesen Plan hatte. Nicht nur Karawanen-Mitläufer, sondern auch interessierte Passanten nahmen diesen Moment auf die Speicherkarte ihrer Kamera auf.

Nach Wochen des schlechten und wechselhaften Wetters schien es Petrus eine Freude zu sein, uns gerade heute eine schwüle Hitze vorbei zu schicken. Das Wetter völlig unterschätzt war ich zumindest nicht die einzige, die zur langen Hose in den Kleiderschrank gegriffen hatte. Ein Griff daneben \“ es war für derzeitige Verhältnisse doch recht warm gewesen.

Tapfer kämpfte ich mich vor zum Anfang der Karawane, fotografierte fleißig und verzichtete aus Gründen der Dokumentation auf ein Rückfallen nach hinten. Das Ganze wurde zum schweißtreiben Wettlauf, als ich auf die Mercedesstraße einbog, hinter mir die riesen Masse laut singender VfBler, sah ich schnell zwei riesen Probleme auf mich zukommen: meine Knie signalisierten mir, dass ich einen Gang runter schalten sollte, und die Brücke an der Schleyerhalle war bereits jetzt voller Menschen und es würde gewiss nicht leicht werden, einen achtbaren Platz mit guter Aussicht zu ergattern. Unterwegs traf ich auch meinen langjährigen Kumpel Jonas von der Webseite groundchecker.de sowie Markus von stuttgartsupporter.de

Mit einer einigermaßen guten Aussicht habe ich Glück gehabt, die Karawane noch viele Meter von uns entfernt. Ein Kraftakt, von ganz hinten, überholen, bis hier vor. Doch es hat sich gelohnt. Die Bilder, die ich während der Karawane und besonders oben auf der Brücke machen konnte, sind toll geworden, und geben dem Betrachter einen guten Eindruck davon, wie viele Teilnehmer es wirklich gewesen sind. Neben mir tauchte auf einmal der Anstimmer auf, ich weiß bis heute nicht, wie er so schnell auf die Brücke gekommen ist. Auch er freute sich über die rege Teilnahme \“ zu Recht.

Die Schleyerhalle bildete auch den Schlusspunkt der Karawane, geschlossen ging es die letzten Meter weiter, von wo aus sich die Wege trennten und jeder für die letzten Stunden bis zum Anpfiff dem nachging, was er für richtig hielt: noch etwas essen und trinken im benachbarten Palm Beach, mit Freunden noch ein kühles Bier trinken, mit mehreren Monaten nicht gesehenen Kumpels auf der Treppe am Fahnenraum treffen oder einfach direkt hinein ins Stadion, voller Neugierde auf das, was nun unser neues Zuhause sein wird. Ich war nicht die einzige, die sich für letzteres entschieden hat.

Wir waren früh dran. Noch knapp 2 Stunden bis Anpfiff, schon jetzt die Schmerzen in den Beinen. Doch die Freude über die neue Kurve war größer als alles andere. Der Moment, als ich die Treppenstufen zum Block hinauf ging und einen ersten Blick auf das warf, was die Heimat von tausenden Fans werden soll: die Cannstatter Kurve. Das alles lässt sich kaum in Worte fassen. Ich hörte um mich herum nichts mehr, ich lief die ersten Treppenstufen hinunter, streifte meine Hand über die Wellenbrecher aus Metall, ließ meinen Blick nach links und nach rechts schweifen. Ja, genau das ist es. Dieses Gefühl, genau das. Schöne neue Heimat. Doch vollends glücklich war ich in diesem Moment dennoch nicht.

Die Tatsache allein, diesen Tag in Cannstatt zu verbringen, machte mir schon seit Monaten ein unsäglich schlechtes Gewissen. Vor einmal halben Jahr, als die äußerst schwierige Saison 2010/2011 ohne abzusteigen überstanden war, erhielten wir eine Einladung zur Eisernen Hochzeit von Felix‘ Großeltern am 6. August. Eine Feierlichkeit anlässlich 65-jähriger Ehe, was nun nicht jedes Paar zusammen erlebt.

Die erste Augustwoche war so unglaublich weit weg und ebenso unwahrscheinlich, dass die neue Saison direkt an diesem ersten Augustwochenende wieder losgehen würde. Wir hatten uns geirrt. Ich bin mir nicht sicher, ob der Rahmenterminplan des DFB zu diesem Zeitpunkt schon veröffentlicht war, fest stand, das die Erkenntnis erst durchsickerte, als wir bereits mit „Klar kommen wir!“ beantwortet hatten. Die Terminierung der ersten Spieltage sorgte für blankes Entsetzen: just an diesem Tag, just zu dieser Uhrzeit.

Was tun? Für Felix war es klar, dass er zu Eisernen geht. Die Aussage „Dann verpassen eben mal ein Spiel!“ war für mich so unverständlich wie höhere Mathematik. Auf der einen Seite nicht besonders toll, wenn ich nicht dabei bin. Aber würde ich es verkraften, das erste Spiel der Saison, das erste Spiel in der neuen Kurve zu verpassen? Bei der Frage, welches Problem das kleinere Übel ist, entschied ich mich, ins Stadion zu gehen. Für alle Beteiligten war diese Entscheidung okay, auch wenn es gute Argumente benötigte.

Da stand ich, mit meinen Leuten vom Fanclub, doch ohne meine bessere Hälfte. Per SMS ließ ich ihn seit Beginn der Karawane regelmäßig wissen, was, wie und wo passiert. Für ihn muss es ein schwacher Trost gewesen sein, zu wissen, wie viele Menschen zur Karawane gekommen sind und wie sich die neue Kurve anfühlt, während er beim Mittagstisch mit vielen Verwandten war. Ich fühlte mich wie eine Rabenfreundin. Dennoch wollte ich es gegen nichts eintauschen, das Risiko schlechter Laune und permanenten Beschwerens, ich seie nicht dort, wo ich hingehöre, wäre untragbar groß geworden.

Eine gefühlte Ewigkeit kroch der Minutenzeiger unter der Schwüle der Stunden voran, als würde er es uns absichtlich schwer machen, den großen Moment der Einweihung endlich erleben zu können. Haupt- und Gegentribüne sowie Untertürkheimer Kurve und der Gästeblock füllten sich allmählich, es war schön zu sehen, wie der Aufruf nach weißen Trikots mit weißem Brustring wahr gemacht werden konnte. Vor dem Stadion wurden noch ein paar billige Shirts mit rotem Streifen ausgeteilt an jene, die den Aufruf entweder nicht mitbekommen oder ihn mangels Kleiderauswahl ignoriert haben.

Auf dem Spielfeld wurde nach Zeitplan das vom VfB geplante „Bunte Rahmenprogramm“ abgewickelt, viele altgediente (teilweise wortwörtlich!) VfB-Spieler waren geladen und begutachteten das, was einst vor vielen Jahrzehnten am Cannstatter Wasen aufgebaut wurde. Viele wurden beklatscht, ein paar andere aufgrund der jüngsten vereinspolitischen Ereignisse ausgepfiffen \“ 2 Stichworte: Hansi Müller, Mitgliederversammlung 2011. Eines von vielen Kapiteln im ungeschriebenen Buch: „Wie man sich seinen Heldenstatus beim VfB Stuttgart selbst kaputt macht“.

Sogar Björn, Vorsitzender des Fanclubs Cannstatter Kurve Berlin, mit denen ich 3 tolle Tage in Glasgow verbracht hatte, hat es irgendwie ins Rahmenprogramm geschafft, warum er sich mit einigen Ehemaligen und weiteren Fanclub-Vertretern hat ablichten lassen dürfen, habe ich nicht ganz mitbekommen. Zu kurz war meien Aufmerksamkeitsspanne. Der suchende Blick nach alten Kurvenkumpanen und bekannten Gesichtern war derzeit viel interessanter. Alle Tage wieder war auch Markus von der Cannstatter Kurve, ehemals LostBoys99 dabei, mit Presseumhang und der fotodokumentarischen Freiheit, dort zu sein, was anderen Fotografen nicht gestattet ist. Und ja, ich bin ein wenig neidisch.

Unser Maskottchen Fritzle, der sonst immer zum Song „Whatever you want“ von Status Quo aus dem Spielertunnel aufs Feld kommt um die Kinder glücklich zu machen, kam in außergewöhnlicher Manier mit einem Fallschirm direkt ins Stadion gesegelt. Er hing in den Seilen wie ein unschuldiges Baby im Tragetuch, welch goldiger Anblick. Fast noch goldiger war seine Freude über den heil überstandenen Sprung, der beinahe auf dem Stadiondach ein jähes Ende hätte finden können.

Langsam konnte es wirklich losgehen. Noch standen wir auf den ersten paar Stufen ganz vorne im Block 33. Eigentlich hatten wir vor, dort unsere Zaunfahne zu platzieren, was jedoch aufgrund vorangegangener Reservierungen nicht machbar war und wir die Fahne anderweitig anbringen mussten. Der Schwenker, den wir vor wenigen Wochen in Beutelsbach bemalt haben, zeigte sich in voller Pracht.

Für mich ging es ein paar Stufen weiter nach oben zu den anderen vom Fanclub, ich musste noch einen unserer neuen Schals verteilen, die ebenfalls seit dieser Saison im Umlauf sind. Dort verblieb ich für den Rest des Spiels, hätte ich zuweit unten vermutlich keine gute Position zum Fotografieren gehabt. Ich sollte recht behalten, auch ohne meine neue Canon EOS 500d konnte ich gute Fotos machen. Immer wieder dachte ich an Felix, der bei der Eisernen Hochzeit seiner Großeltern verweilte und in diesem Moment gern dabei gewesen wäre.

Mir klopfte auf einmal jemand auf die Schulter. Vermutlich jemand vom Fanclub? Ich wusste nicht, wer hier auf sich aufmerksam machen wollte, ahnungslos drehte ich mich um. Stand auf einmal mein Felix vor mir! Der Unterkiefer klappte nach unten, mehr als ein „Ääääh?“ brachte mein Mund zunächst nicht hervor. Mit kurzer Jeanshose und altem Brustring-Trikot war er im Stadion, rechtzeitig vor Anpfiff. Ich wusste nicht, was größer war: die Verwirrung oder die Freude. Offenbar hat das der Spitzbube von langer Hand geplant gehabt. Ein echter Teufelskerl. MEIN Teufelskerl.

Die Spannung stieg, die Gänsehaut kam mit jeder Minute mehr und mehr. Nach einer gefühlten Ewigkeit war es soweit, es war kurz vor 15:30 Uhr und die Mannschaften betraten das Feld, unter tosendem Applaus einer neuen Kurve, eines neuen Gefühls in einem tollen Stadion, welches mich vom ersten Moment an gefesselt und nie wieder losgelassen hat. Über uns tat es einen Schlag. „Pyro?“, so der erste Gedanke. Nein, wir waren unschuldig \“ es waren Kanonen mit roten und weißen Papierschlangen, die sich zu Hauf über der neuen Cannstatter Kurve entleerten und damit den Startschuss für die neue weiß-rote Wand gaben. Eine nette Geste, das Herz schlug bis zum Himmel.

Schulter an Schulter mit den Menschen, die mir wichtig sind, war es endlich soweit. Der Anpfiff durch die Trillerpfeife von Schiedsrichter Wolfgang Stark, unter dem der VfB eine durchaus positive Bilanz hat, eröffnete unser Spiel, an das wir uns immer wieder gern zurück erinnern werden. Die Vorzeichen waren die selben wie jedes Jahr am 1. Spieltag: Hoffentlich schadlos aus der Affäre ziehen, denn die Statistik prophezeite nichts Gutes. Mit dem Ergebnis vom letzten Heimspiel gegen Schalke hätte ich leben können. Damals hieß es 1:0 durch einen Elfmeter, der keiner war.

Es waren die selben Lieder wie schon letzte Saison, die gleichen Fahnen, die gleichen Leute, das gleiche Stadion. Und doch fühlte es sich anders an. Es war besser, viel besser. Es war voller, lauter, euphorisierender und mitreißender als ich es mir je hätte träumen lassen. Gänsehaut, die ganze Zeit. Jedes Klatschen, jedes Hüpfen und jedes Singen war lauter und engagierter, man brauchte offenbar nicht lang, um mit der neuen Kurve warm zu werden.

Es sei mir gestattet, an einem Tag, an dem die Emotion des aktiven Fans im Vordergrund stand, auch das Geschehen auf dem Rasen zu umreißen. Das Spiel selbst war ein wenig zerfahren, hin und her ging der Ball, ohne wirkliche Großchancen brachte das alles nichts, für keine der beiden Mannschaften. Ungewiss, wie es ausgehen würde, wirklich offensichtliche Feldüberlegenheiten suchte man vergeblich.

Doch wie es nunmal so oft im Fußball ist: ein einziger schneller Gedankenblitz reicht aus, um eine Partie in die eine Richtung kippen zu können. Es war ein Kopfball von unserem mexikanischen Innenverteidiger Francisco Javier Rodríguez Pinedo. Wer das ist? Nun, genannt wird er von allen nur „Maza“, benannt nach seinem Geburtsort Mazatlan/Sinaola. Der Ball kam weiter zum gebürtigen Brasilianer mit deutscher Staatsbürgerschaft: Cacau. Er musste seinen Lockenkopf nur noch in die richtige Position bringen und die mexikanisch-brasilianische Co-Produktion zum 1:0 in der 37. Minute sorgte für die ersten Begeisterungsstürme.

Bald darauf war auch schon Halbzeitpause. Seit Stunden ohne etwas zu Trinken war mir bereits bei Anpfiff klar, was ich der Pause tun würde: etwas zu trinken holen. Das ich das lieber hätte sein lassen sollen und lieber fast verdurstet wäre, ist mir erst zu spät bewusst geworden. Der Weg nach draußen war lang, verstopften erstmal viele Zuschauer den Ausgang. Einmal draußen, das erste Problem: lange Schlange bei den „Auflade-Tanten“ für die Dauerkarten, die als einziges Bezahlungsmittel gestattet sind. Dummerweise habe ich das nicht schon vor dem Spiel gemacht. Die nächste riesen Schlange beim Getränkestand.

Scheinbar ging nichts voran, als ich mit den frisch aufgeladenen 10 Euro am Getränkestand eine Cola holen wollte. Die Aggressionen wurden größer, als die völlig überforderten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit dem wütenden Mob zurecht kommen mussten.

Das Spiel hatte schon längst wieder begonnen, ich hätte so schlau sein sollen, es direkt sein zu lassen. So schlau war ich leider nicht, und somit wird es mich bis in alle Ewigkeit verfolgen, das ERSTE Tor vor der NEUEN Cannstatter Kurve verpasst zu haben. Es war das 2:0 in der 56. Minute durch Martin Harnik. Und ich habe es nicht gesehen. Das erste verpasste Tor in meiner Zeit als VfB-Fan.

Hätte ich mir nur meine Karte vorher aufgeladen oder ein Trinkpäckle mitgenommen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Die Frustration ist endlos, auch jetzt noch nach dem Spiel. Es wird nicht das letzte Tor vor der Kurve gewesen sein. Auch nicht das letzte von Martin Harnik, von dem ich trotz müdem Lächeln am Anfang immer viel gehalten habe. Doch es war das erste Tor vor der neuen Kurve, eine Kombination, die es so nie wieder geben wird.

Kurz darauf kehrte ich mit einem Becher Cola an den Platz zurück, durch ein Wucherpfand von 2 Euro reichten 10 Euro auf der Karte nicht für einen zweiten Becher. Es war wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Schnell verpuffte die erfrischende Wirkung, rettete mir scheinbar aber meine Kräfte für den Rest des Spiels. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ohne Trinken die 2. Halbzeit stehend und supportend schadlos überstanden hätte.

Was das Spiel selbst anging war der Sieg nicht in Gefahr, es hätte schon mit dem Teufel zugehen müssen, wenn wir diese 2:0-Führung doch noch hergeschenkt hätten. Während ich mich innerlich maßlos drüber ärgerte, bei diesem Tor nicht dabei gewesen zu sein, nahm das Spiel seine Lauf. Schalke hatte immer wieder Chancen, den Anschluss zu erzielen, blick aber entweder an der Abwehr hängen oder scheiterte spätestens am starken Sven Ulreich, der eine Parade nach der anderen hinlegte. Nein, der Sieg war wirklich nicht in Gefahr.

Kurz vor Schluss ließ man sich sogar noch zu einem verhaltenen „Einer geht noch, einer geht noch rein“ hinreißen, was vornehmlich in den Blöcken 33 und 34 angestimmt wurde. Aus einer undurchsichtigen Situation heraus, nur 2 Minuten vor Schluss, Shinji Okazaki nahm den Ball wunderschön an, umkurvte einen Schalker und zog beherzt ab. Dass dieser Schuss zum Volltreffer werden würde, merkten wir erst, als alles schreiend explodierte und das Stadion zum Beben brachte. Wunderschön, „diese Ballannahme!“ brüllte mir Simon immer wieder ins Gesicht, wild gestikulierend und freundestrahlend.

Wie unser Japaner vor Begeisterung einen Meter hoch gesprungen ist, einen Sprint zur Trainer- und Ersatzbank hinlegte und dort jeden herzte und zu Recht geherzt wurde, nahm ich schon gar nicht mehr wahr, in der neuen Kurve geriet auf einmal alles durcheinander vor Freude, alles schrie, hopste, jegliches Gefühl für Zeit und Raum war für einen Moment ausgehebelt, ein sensationelles Tor, ein sensationeller Sieg. Ein glatter und ungefährdeter 3:0-Sieg war sicher selten so emotional wie an diesem Samstag Nachmittag.

Die Schmerzen in meinen Beinen, die zwischenzeitlich nahezu unerträglich waren, schluckte ich runter und sagte mir immer wieder, ich könne jetzt nicht einfach schlapp machen. Die Ehrenrunde der Spieler war lang und ausgiebig, der Blick auf die erste Tabelle der Saison äußerst erquickend. Zum ersten Mal seit Jahren (oder gar Jahrzehnten) gab es einen Sieg direkt zum Auftakt, und es kam noch besser: wir standen auf Platz 1 der Tabelle, zusammen mit dem VfL Wolfsburg auf dem stellvertretenen 2. Platz, die aber dem Alphabet zufolge trotz gleichem Ergebnis hinter uns standen.

Nach dem Ende des Spiels wollte ich rasch zur schnellen Sichtung und Bearbeitung der Fotos nach Hause, es gelang mir nicht, verblieb ich noch ein paar Minuten und ließ die letzten Stunden nochmal innerlich Revue passieren. Was für ein Tag! Es war das Gegenstück zu dem Tag vor etwas mehr als einem Jahr, als wir einen ähnlich emotionalen Tag erlebt haben.

Gemeinsam standen wir im Mai 2010 das letzte Mal in der alten Cannstatter Kurve, stellten eine Wahnsinnschoreo auf die Beine und machten diesen Tag unvergesslich. Tränen rollten, gestandene Männer bekamen weiche Knie. An diesem Tag verabschiedeten wir unsere Kurve, um heute, 15 Monate später mit einer neuen Kurve neue Geschichte und neue Geschichten schreiben zu können. Das hier war die erste von vielen, und wir hoffen natürlich alle, dass es ein positives Vorzeichen für den Rest der Saison ist.

Mit letzter Kraft schleppte ich mich heim, Felix holte das noch weit hinterm Schlachthof geparkte Auto, ich war lange vor ihm daheim, zog die Speicherkarten auf meine Festplatte und legte los. Alleine auf meiner Kamera hielt ich 1004 Fotos fest, ich würde eine Weile beschäftigt sein, dessen war ich mir sicher.

Hier endet das erste Kapitel der neuen Bundesliga-Saison. Noch nicht vollständig regeneriert, aber schon jetzt gefangen genommen von dem neuen Kurvengefühl freue ich mich sehr auf die neue Saison, die für uns schon mit einem Paukenschlag begann. Lasst uns alle unseren Teil dazu beitragen, den Stufen aus Beton und den Wellenbrechern aus Metall unser Lebensgefühl einzuhauchen und sie zu dem zu machen, was sie ohne jeden Zweifel für jeden von uns bereits ist oder noch vollständig werden wird: unser neues Zuhause. Nirgendwo ist es schöner.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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