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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Nicht einmal mit 11 Stürmern

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Die Jungs hätten stundenlang mit 11 Stürmern spielen können \“ sie hätten wohl trotzdem kein einziges Tor geschossen. Sind wir schon so weit gesunken, dass wir nach einem deutlichen 0:3 neidlos anerkennen müssen, wie viel besser der Gegner war \“ wenn dieser nicht etwa FC Barcelona heißt sondern Borussia Mönchengladbach? Ist es schon an der Zeit, in Frage zu stellen, was der Verein bereit ist zu kämpfen?

Ich bin mir dessen bewusst, wie spät dieser Spielbericht kommt. Ich zeige mich geständig und ehrlich zu gleich, indem ich sage: ich hatte in dieser ganzen Woche nicht den Hauch einer Muße, auch nur ein paar weitere Worte über dieses Spiel zu verlieren. Es war nicht immer der Mangel an Zeit, der verhinderte, dass ihr diese Worte zeitnah lesen konnte.

Vielmehr war es Abneigung, das Geschehene und Gesehene in Wort und Bild zu verpacken, es mit verbitterter Mine runter zu schlucken und sich auf das zu konzentrieren, was vor einem liegt und das zu verdauen, was ich vor einigen Tagen im Neckarstadion sehen musse. Nicht durfte. Ich musste. Im Nachgang betrachtet wäre jeder andere Beschäftigung freudebringender und erfüllender gewesen.

Läuft es ein paar Wochen nicht sonderlich gut, genieße ich auch mal ein paar fußballfreie Wochenenden. Erschreckend, das zu sagen, bzw. zu schreiben, aber schon die Sommerpause hätte gerne noch etwas länger sein dürfen, so gebeutelt war man noch von der kräftezehrenden letzten Saison. Auch die Winterpause war kürzer, als ich gewollt hatte, lief es ja in den Spielen zuvor nicht gerade rosig. Und beim Rückrundenauftakt auf Schalke, dem wir bei Bekannten beiwohnten, bekleckerte man sich auch nicht gerade mit Ruhm und verlor 1:3 \“ wo soll das enden? Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort hören wollen würde.

Nun also wieder Fußball. Bei klirrender Kälte hinausziehen zum Wohnzimmer, wo die Freunde einen empfingen und man sich dort einfand, was für uns wie ein zweites Zuhause geworden ist. Die Beine werden seit Monaten schwerer und schwerer, die Schmerzen im Knie werden stärker und geben mir nicht mehr die Energie, die ich gebrauchen könnte. Mehr dazu später.

Es gibt durchaus dankbarere Aufgaben jenerzeit, als gegen Gladbach spielen zu müssen. Vor gar nicht allzulanger Zeit machten wir uns über sie lustig und sangen lautstark „Einer geht noch, einer geht noch rein“ \“ ein sattes 7:0 gab es vergangene Saison. Zum Rückrundenstart empfingen die Gladbacher, das Überraschungsteam der Saison, niemand geringeres als die Bayern. Und sie gewannen mit 3:1 \“ ich freute mich mit ihnen. Zumindest bis mir dämmerte, das wir das nächte Opfer dieses hungrigen Teams werden könnten.

Wie gewohnt liefen wir zum Stadion, vor Ort tauschte Felix noch seine Dauerkarte im Block 33 gegen eine im Block 37, damit er von der anderen Seite Fotos machen konnte, während ich bei unseren Freunden und Bekannten verweilte. Es erschien mir nicht weniger wichtig, mit unserem Freund Gerd über die nächsten Wochen in meinem Leben zu sprechen, die nicht einfach zu verdauen sind und das eine oder andere gute Wort mit Sicherheit gut tut.

Angeführt von Schiedsrichter Günter Perl betraten die Mannschaften das Feld. Unsicherheit und Unbehagen sind ständige Begleiter in unruhigen Zeiten, das haben wir bereits gelernt. Dass wir letzte Saison zum Heimspiel gegen Gladbach noch schlechter waren \“ nämlich das frustrierte Schlusslicht \“ wird zur Randnotiz. Wie viel Spaß wir damals hatten, würde schon bald vergessen sein.

So schlecht begann das Spiel eigentlich nicht. Man kam einigermaßen wach und warm aus der Kabine hinein in den bitterkalten Wind der Kesselstadt, man erarbeitete sich Chancen und blockte ab, wo die Gladbacher zu frech sein wollten. Soweit alles schön und gut. Warum aber lässt Bruno Labbadia kein Verhalten bei gegnerischen ruhenden Bällen trainieren? Die Frage bleibt unbeantwortet.

Grinsend tippelte er übers Feld und sorgte für den ersten Schock: Mike Hanke, rehabilitiertes Beispiel vor dem Rande der gescheiterten Existenz, nutzte nach 31. Minuten einen Freistoß zur Führung per Kopf. An Sselbigem hätten wahrscheinlich 20.000 VfBler in der Cannstatter Kurve nur zu gerne ihre Wut ausgelassen.

Es dauerte ein bisschen, sich davon zu erholen. 0:1 zurück zu liegen ist immer so eine Sache. Zu wenig, um zu kapitulieren, doch nicht immer genug, um den Glauben an den Ausgleich zu wahren. Ein wenig beklemmend, konnte man doch nicht wirklich Wut und Trotz in den Gesichtern und Aktionen unserer Jungs erkennen.

Bald ist Halbzeit, wenige Minuten bis die Mannschaft mit kontraproduktiven Pfiffen von der Haupttribüne in die Kabine geschickt worden wäre. Einmal schnellte der Puls dann aber doch nach oben, als Tamas Hajnal mit einem aussichtsreichen Kopfball am guten Keeper Marc-Andre ter Stegen scheiterte, was aus Sicht unserer Kurve wahrhaft spektakulär ausgesehen hatte. Dennoch änderte es nichts am Ergebnis, das uns auf der 17 mal 7 Meter großen Anzeigetafel gezeigt wurde. Auch ein Freistoß kurz darauf konnte den Weg ins Tor nicht finden. Halbzeit. Erste Pfiffe.

Ganz still blickte ich hinaus aufs Feld, ließ meinen Blick über die Tribünen wandern und schlürfte gedankenverloren am Trinkhalm meines Saftpäckchens. Heute war ich nicht so ganz bei der Sache, aber wen wundert das. Der Wind blies mir ins Gesicht, immer wieder zog ich den Schal weit nach oben ins Gesicht hinein.

Die zweite Halbzeit erscheint mir im Nachgang betrachtet doch eigenartig beklemmend. Nun ist das Spiel schon wieder einige Tage her (anderthalb Wochen, um genau zu sein), und an viel erinnere ich mich nicht mehr. Ein paar Mal versuchte der VfB, auf den Ausgleich zu drängen, andere Male war die Borussia vom Niederrhein kurz davor, das 2:0 zu schießen.

Im Großen und Ganzen neutralisierten sich beide Mannschaften, die Uhr tickte erbarmunslos und die Nachlässigkeiten in unserem Pass- und Offensivspiel lassen sich vergleichen mit jenen luxuriösen Situationen, wenn man mit 2 Toren vorne liegt \“ und nicht mit einem Tor hinten. Nur noch 10 Minuten, das Unheil abzuwenden.

Da war es, das Unheil. Nicht etwa in Gestalt des Schlusspfiffs, sondern vielmehr in einer Form, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt \“ in jenem Moment, wenn der Gegner, der vorne sträflichst allein gelassen wird, auf einmal durch ist und alleine vorm Keeper steht. Ich bin mir nicht sicher, ob wir hier Sven Ulreich, der gerade seinen Vertrag bis 2017 verlängert hat, tatsächlich einen Vorwurf machen können. Vor dem gut gefüllten Gästebereich jubelte Bald-Dortmunder Marco Reus über sein 0:2. Und da war uns allen klar: das wird nichts mehr.

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug gewesen, setzten die Gladbacher, bzw. Igor de Camargo nur 3 Minuten später noch einen drauf und machten das 0:3 deutlicher, frustrierender und peinlicher, als es ohnehin schon zu diesem Zeitpunkt war. Ich wollte nicht mehr, ich konnte nicht mehr. Ich wollte nur noch schnell nach Hause, ins Warme, weit weg von dem, was mir oft das Herz zu brechen vermag.

Ich erinnere mich nicht mehr, ob Schiedsrichter Perl 2 oder 3 Minuten hat nachspielen lassen, jedoch erschien die Zeit nahezu endlos. Machtlos mussten wir dabei zuschauen, wie sich die nächste Niederlage vor unseren Augen abspielte. Heute sah man nicht unbedingt in eine bessere Zukunft. Stattdessen sah man Verzweiflung, Lustlosigkeit, Frustration, wie auch im Gesicht eines jeden VfB-Fans, der diesem Spiel beigewohnt hatte.

Da half auch kein Augenreiben. Du fragst dich, wie es so weit kommen konnte, dass ein finanziell vermutlich weniger gut aufgestellte Verein dich daheim derart düpieren kann. Ich begreife es nicht. Da meine Gedanken ohnehin ganz woanders waren, nahm ich das 0:3 zur Kenntnis, doch allen Ärger, der damit sonst immer verbunden ist, ließ ich gar nicht erst an mich heran. Ein verdientes Ergebnis, auch in dieser Höhe. Sprechen wir hier etwa schon von Resignation?

Das übliche Prozedere nach jedem Spiel, ob gewonnen, unentschieden oder verloren: die Mannschaft kommt in die Kurve, bedankt sich bei den Fans, und meistens klatschen die meisten dann auch zurück. Wo Frust und Nervosität regieren, entlädt sich der Ärger allerdings nur allzu oft in Form von wüsten Pfeiffen und lauten Buhrufen. Inwiefern sie förderlich für die Spieler sind, bleibt abzuwarten. Viele ausgebreitete Arme und die unausgesprochene Frage: „Was jetzt?“.

Als Felix und ich uns wieder zusammenfanden, traten wir auch bald den Weg nach Hause an. Es war dunkel, es war kalt, und ziemlich traurig im abendlichen NeckarPark. Zahlreiche gesenkte Häupter, zwischendrin immer mal wieder ein Gladbacher, der gut daran tat, sein Mundwerk nicht allzu weit zu öffnen. Lange hielten wir Gleichschritt mit unseren Freunden, bald jedoch musste ich wegen Schmerzen und Erschöpfung einen Gang herausnehmen. Am Bahnhof trennten sich die Wege, wir liefen langsam nach Hause, mit der letzter Kraft, die mir in den Beinen noch übrig geblieben ist.

Eigentlich hatte ich ja vor, alles in mich aufzusaugen. Es war die letzte halbwegs realistische Chance auf einen nicht unrealistischen Heimsieg vor… ja, vor. Vor was? Wer sich erinnert: vor etwa einem Jahr brach ich mit Felix und Freunden auf in Richtung Lissabon, wir kamen über Leverkusen mit zwei Niederlagen innerhalb weniger Tage zurück. Auf der Rückfahrt verletzte ich mich am Knie. Dies hatte nicht nur monatelange Beschwerden zur Folge, sondern nun auch die Gewissheit: es muss operiert werden.

Da ich aber nicht innerhalb von 2 Tagen wieder soweit laufen kann, dass ich mit Krücken ins Stadion humpeln kann, werde ich das nächste Heimspiel gegen Berlin aussetzen müssten. Und ihr könnt mir glauben: es bricht mir das Herz. Somit wird in einer Woche meine Serie von fast 3 Jahren ohne verpasstes Heimspiel reißen. So viele schöne Erinnerungen, auch ein paar schlechte. Viele Spiele, viel Spaß, viele Tore, immer mit aller Leidenschaft, die ich aufbringen konnte. Das wars nun mit einer Serie, die nicht jeder vorweisen kann.

Seufzend schlief ich des Nachts ein. Mit den Gedanken nicht bei dem Spiel, dass ich gesehen habe, bei den Spielern die traurig und ein Stück weit ratlos in Richtung Cannstatter Kurve trabten. Vielmehr mit vielen Erinnerungen an alle Spiele der letzten Jahre. Ein Moment, so viel intensiver als nur 90 enttäuschende Minuten. Es ist nur ein Spiel, dass ich aussetzen muss, aus triftigen Gründen. Es sei mir verziehen. Mein neues Ziel: eine 34er-Saison \“ doch dazu muss Wolfsburg erst einmal absteigen. Ich wünsche mir selbst viel Glück dabei. Und dem VfB wünsche ich viel Glück, wieder zu jener Stärke zu finden, die uns viele Jahre in Europa eingebracht haben.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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