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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Choreographie einer bedingungslosen Liebe

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Am Ende ist es immer die Liebe, die gewinnt. Ein Tag ist vergangen seit dem letzten Saisonspiel des VfB \“ so viele Emotionen, so viele Eindrücke und so viele Gedanken an das, was hinter uns liegt. Es fällt schwer, in Worte zu fassen, was dieses Spiel so besonders gemacht hat, das wird den meisten anderen, die diese Zeilen lesen, nicht anders ergehen. Ein unvergesslicher Tag, der uns mit Gänsehaut in Erinnerung haften bleiben wird.

Ausschlafen kann ich in der Sommerpause immernoch. Früh morgens begann schon unser Tag, Felix machte sich auf zum Aufbau für das am Abend stattfindende Saisonabschlussfests unseres Fanclubs Boys in Red, während ich auf dem Frisör stuhl Platz nahm und meine unnormal lang gewordene Mähne um gut 20 Zentimeter kürzen ließ. Einen guten Anlass gab es ja, sich herauszuputzen. Ein letztes Mal in der Kurve stehen, bevor man sich etwa 3 einhalb Monate nicht sehen wird, schon jetzt ein schrecklicher Gedanke.

Petrus zumindest meinte es nicht gerade gut mit uns: „Wechselhaftes Wetter“, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Am Morgen regnete es schon leicht, die Hoffnung, dass es zum Nachmittag hin trocken wird und auch trocken bleibt, schien sich zumindest fürs erste zu bestätigen. Bei wolkigem Himmel liefen wir zum letzten Mal in dieser Saison die heilige Strecke entlang, mehr und mehr kam dann auch die Sonne raus. Ob das bis zum Abend anhält?

Es war nicht besonders heiß, um die 16 Grad, ausreichend für kurze Hosen, dennoch hatten wir unsere Pullover dabei, für den Fall der Fälle. Phasenweise wehte mir der Wind durch die noch ungewohnt offen getragenen Haare, als wir am Stadion eintrafen. Es war kurz nach 1 Uhr nachmittags, meine Kollegin Daniela, die ich vor dem Heimspiel gegen Bremen kurz meinen Leuten vorstellen konnte, weilte da noch längst auf dem benachbarten Frühlingsfest. Meine andere Kollegin, die namentlich nicht genannt werden will, würde heute auf der Untertürkheimer Kurve Platz nehmen.

Vor dem Stadion wurde noch nett geschwätzt, wie immer eigentlich, schon mit dem ersten Anflug von Wehmut, dass wir diese Erfahrung noch auskosten sollten, so lange sie andauert. Es wird uns schon sehr bald fehlen, schneller als uns lieb ist. Die nicht ganz fußballfreie Zeit im Gegenzug, Anfang Juni beginnt die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine, kann aber kaum ein ausreichender Trost sein für das, wofür man jedes Wochenende zu den teilweise unmöglichsten Uhrzeiten aus dem Bett springt und sich freudestrahlend einer Sache bewusst wird: Fußball ist unser Leben.

Es war ein Tag der Abschiede, in vielerlei Hinsicht. Durch die Eingangskontrolle durch, beladen mit Dauerkarte, Rucksack und fast dem kompletten Fanclub-Material ging es hinein ins geliebte Wohnzimmer. Ohne vorher etwas Genaueres gewusst zu haben, hatte ich schon im Gefühl, dass etwas Großes auf uns wartete. Anders als sonst, wo ich gelegentlich ein recht genaues Gefühl für den Spielverlauf habe, war es diesmal auf Seite der Fans… Ich lief die Stufen langsam hinab und schaute mich langsam um. Ein breites Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen: „Das wird geil!“.

Mit Klebeband wurden sie zuvor auf die metallenen Wellenbrecher gebappt, die Zettel im A5-Format hingen zuhauf überall im Stehplatzbereich der Cannstatter Kurve. Auf dem Boden wurden helle Papptafeln ausgelegt, viele weiß-rote Fahnen und zahlreiche Absperrbänder offenbarten eine leise Ahnung von dem, was wir hier und heute zu Gesicht bekommen sollten. Sorgfältig wurden die Zettel gelesen, sie enthielten Anweisungen zur bevorstehenden Abschluss-Choreographie.

Felix war wieder mal woanders. Er tauschte kurzerhand wieder seine 33er-Karte gegen ene 37er-Karte, um alternative Foto-Perspektiven liefern zu können. Mit einer positiven Unruhe konnte ich den Beginn des Spiels kaum noch abwarten. Die Reihen füllten sich, auch der Gästeblock, der nur 7 traurige Hanseln zählte, als ich das Stadion betreten hatte, war schon etwas fülliger geworden, jedoch nichts im Vergleich zu manch anderen Fans, die sich in dieser Saison auf die Reise nach Stuttgart gemacht haben.

Bevor sich die Gänsehaut bei einer eindrucksvollen Choreographie Bahn brechen sollte, war es erstmal an der Zeit, sich zu verabschieden \“ von 4 Spielern, die den VfB verlassen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sah ich dabei zu, wie unser langjähriger Kapitän Matthieu Delpierre (Hoffenheim), unser abstiegskampferprobtes Kampfschwein Timo Gebhart (Nürnberg), unser holländischer Kannibale Khalid Boulahrouz (Ziel unbekannt) sowie der aus Karlsruhe gekommene Stefano Celozzi (vermutlich Frankfurt), verabschiedet wurden. Wenn es dem seit einigen Jahren angekündigten „Umbruch“ gut tut…?!

Time to say goodbye! Das galt auch für Christian Pitschmann, der sein letztes Spiel als Stadionsprecher gemacht hat. Für ein lukratives Jobangebot beim SWR in Karlsruhe akzeptierte er die Bedingung, seine Tätigkeit für den VfB zu beenden \“ sein Nachfolger wird höchstwahrscheinlich Holger Laser, der seit einigen Jahren für vfbtv unterwegs ist. Für ihn gabs noch einen kleinen Film mit persönlichen Worten des Abschieds von den Spielern. Die Trauer hält sich in Grenzen, eine nicht gerade kleine Menge an Zuschauern freut sich auf jemand Neues, mich eingeschlossen.

Die letzten Minuten gebanntes Warten, laute Pfiffe bei der Mannschaftsaufstellung der Wolfsburger, unser Mitleid für den 2011 abgewanderten Christian Träsch hält sich in Grenzen. Er ging, der sportlichen Perspektive und der Weiterentwicklung wegen \“ und musste alsbald feststellen, dass er dort weder von den Fans geliebt noch für seine Stärken (die er in Stuttgart ja hatte) vom Trainer geschätzt wird, bis auf einen prall gefüllten Geldbeutel das beste Beispiel, wie man sich binnen kurzer Zeit die Karriere ruinieren kann. Gewinnen wir heute, spielen die Wolfsburger außerdem nicht international, sondern wir. Na Trä$ch, ist es das, was du wolltest?

Schließlich kam die Mannschaftsaufstellung des VfB. Ein letztes Mal voller Inbrunst die Namen unserer Helden geschrien. Weit kam ich nicht, denn schnell bemerkte ich, dass es an der Zeit war, mit der Choreographie Geschichte zu schreiben. Auf dem Oberrang wurden lange, bedruckte Banner nach unten ausgerollt, die über die Stehplätze soweit nach unten gereicht wurden, bis der Banner zu Ende war. Zuerst jede 2. Bahn, dann die Zwischenbahnen auch noch, zum Schluss wurden noch die hellen Papptafeln hochgehalten.

Durch ein kleines Schlupfloch konnte ich die Anzeigetafel auf der anderen Seite erspähen, die die Choreographie in voller Pracht zeigte: die alten Wappen vor der Fusion zum heute bekannten VfB Stuttgart 1893 e. V., ein großes 1893, ein altes Mannschaftsfoto und das Bildnis des Robert Schlienz, einer der ewigen Stuttgarter Helden. Alleine in Schwarz und Weiß war es wunderschön anzusehen \“ und noch waren wir ja nicht fertig.

Zu den Klängen von „Arrival to earth“ aus dem Soundtrack von Transformers wurden die langen Banner von der Mitte der Kurve heraus langsam gedreht und brachten somit Farbe ins Spiel: die 1893 war nun hinterlegt von einem roten Brustring, den auch Robert Schlienz zierte, aus den alten Wappen vor der Fusion wurde das allseits gewünschte traditionelle VfB-Wappen, wofür man sich seit Jahren einsetzt und in letzter Zeit ganz besonders intensiv. Das Video zur Choreographie hier im Video.

Ein sensationeller Moment, auch wenn ich nichts zur Vorbereitung dieser Gänsehautaugenblicke beitragen konnte, so war ein unvergleichliches Gefühl, in diesem Moment in der Kurve zu stehen. Währenddessen liefen die Mannschaften aufs Feld, wo zuvor die Papptafeln in die Höhe gestreckt wurden, wedelte man nun mit den Fahnen. Ich kann es nicht oft genug sagen: sensationell. Chapeau, Commando Cannstatt \“ ich ziehe meinen Hut vor euch und allen Strippenziehern hinter dieser Choreographie. Ich bin stolz, Woche für Woche mit euch in der Kurve stehen zu dürfen!

Ich bin überwältigt. Überrascht bin ich dennoch nicht, dass es die aktive Fanszene wieder einmal geschafft hat, etwas Wunderschönes auf die Beine zu stellen \“ die Derby-Choreographie 2008 gegen Karlsruhe und die Abschluss-Choreographie zum Abschied der Cannstatter Kurve 2010, bei der ich selbst mitwirken durfte, sind nur ein paar Beispiele unerschöpflicher Kreativität, bedingungsloser Leidenschaft und grenzenlosem Engagements. Danke euch!

„Es kann zu Sichtbehinderungen kommen“ \“ es sei verziehen, dass man zumindest teilweise nicht sehen konnte, wie die Jungs aufs Feld liefen, teilweise mit ihren eigenen Sprösslingen an der Hand. Die Banner wurden langsam nach unten durchgegeben und man freute sich gemeinsam, wie schön das ausgesehen hat und wie wunderbar reibungslos das geklappt hat. Nicht das erste und auch nicht das letzte Mal, dass ich schmunzelnd und mit verträumten Blick auf meine Kurve blickte und zu mir selbst sagte: Ja, es ist Liebe.

Die Erinnerungen sind nicht verblasst an jenen 1. Mai vor 2 Jahren, als ich erstmals erlebte, wie viel Arbeit so eine Choreographie macht, als ich eine kleine Ahnung von dem bekam, was dahinter steckt. Einst war es ein emotionaler Tag, an dem uns eigentlich nur eins wirklich bewegen konnte: ein letztes Mal in der Kurve stehen, in der manche von uns Jahrzehnte verbrachte haben. Das Spiel wurde zur Nebensache, nur die wenigsten erinnern sich, dass wir 2:2 gegen Mainz gespielt haben und am Ende des Tages nicht nur von unserer Kurve Abschied nehmen mussten, sondern auch von den Spielern Jens Lehmann, Roberto Hilbert und Ricardo Osorio.

„Oh VfB, hier im Stadion, schlägt dein Herz, lebt deine Tradition, oh VfB, solange wir in der Kurve stehen, wird auch deine Fahne weiter wehen“ \“ ordentlich Zunder für einen ohnehin leidenschaftlichen Auftritt der Cannstatter Kurve. Auf dem Spielfeld haben die ersten Spielminuten begonnen. Der große Banner „Tradition bewahren und an Helden ihrer Zeit erinnern“, der beim Wenden der Choreographie von schwarz zu rot wechselte, wurde zusammengeschoben, damit die fleißen Helferlein unverzüglich mit der Aufräumarbeit beginnen konnten. Sie verpassten nicht viel.

Fakt ist: gewinnen wir dieses Spiel und wenn Leverkusen in Nürnberg nicht gewinnt, rutschen wir auf Platz 5, durch die Ergebnisse des letzten Spieltags waren wir bereits außer Gefahr, vom 6. Platz auf den 7. Platz zu rutschen. Für die Wolfsburger ging es noch darum, den 7. Platz zu erreichen, der zur Qualifikation für die Europa League berechtigt. Dementsprechenden Einsatz der Mannschaften konnte man also schon erwarten.

Und tatsächlich, von einer langen Beschnupperungsphase konnte wahrlich nicht die Rede sein. Von jetzt auf gleich waren sie da, unsere Jungs, und spielten die ersten Minuten ansehnlich, wenn auch nicht effektiv im Sinne von Toren. Der Himmel zog sich indes wieder zu und schickte Regen hinab. Wenig erbaulich kam die Meldung von der Anzeigetafel daher, das uns informierte, dass Leverkusen in Nürnberg führt. Bleibt es dabei, könnten wir so viele Tore schießen wie wir wollten, es würde uns nichts nützen.

Auch Wolfsburg kam einige wenige Male in unserer Hälfte zu besuch, konnte bislang aber aus recht wenigen Bemühungen nichts machen. Beinahe eine Viertelstunde war schon gespielt, als es den ersten richtig spannenden Moment in diesem Spiel gab. Da war es Christian Gentner, der den Ball zugespielt bekam, während unbemerkt sein Kompagnon Martin Harnik einen tollen Sprint übers Spielfeld hinlegte, zum perfekten Moment war er vorne durch, nachweislich nach Abspielen des Balles.

Er schlug eine lange Bogenlampe, sehr schwieriger Ball. Wer auf dem Sitzplatz residierte, erhob sich während der gefühlt sekundenlangen Flugbahn von seinem Platz, hoffend, zitternd, bangend. Tamas Hajnal rannte wie ein verrückter hinterher, der Ball immernoch in der Luft, senkte sich rechtzeitig vor dem Tor bedrohlich Richtung Erde, als klar war „Der kommt auf den linken Pfosten!“. Im Zweikampf mit Marco Russ gelang es jedoch nicht, den Ball im Netz unterzubekommen. Stattdessen im Netz: der Wolfsburger, mit dem Schuh voran.

Angestachelt von dieser Torchance schaukelte sich die Cannstatter Kurve gegenseitig hoch. „Alle einhaken!“, schnell legte man seinen Arm um den daneben postierten Fan, ob Mann oder Frau, ob alt oder jung, ob Bankangestellter oder Lastwagenfahrer, voller Inbrunst schallte es „Achtzehnhundertdreiundneunzig“ durchs Neckarstadion. Ein geschlossener Auftritt unserer Kurve, die zuletzt sonnige Zeiten erlebte. Keine Selbstverständlichkeit, keiner hat die letzte Saison vergessen. Allerhöchstens verdrängt.

Was macht eigentlich mein Knie? Das hat sich an das Gehopse im Stadion schon fast gewöhnt, kollektives Hopsen stellt kurzzeitig keine Probleme dar, Langzeitbelastung allerdings schon noch, sei es drum, bis zum letzten Atemzug mit aller Kraft für den geilsten Club der Welt. Das sind jene Tage, wo ich darüber hinweg sehe, wie anstrengend das alles ist für jemand, der noch nicht zu 100% nach einer Knie-OP wieder fit ist. Ich bin auf einem guten Weg, war am Maifeiertag sogar mit Felix 8 Kilometer Fahrrad fahren, doch dauerhaftes Stehen gehen nicht schmerzlos an mir vorbei.

Kurz darauf bekam der VfB eine von zahlreichen Ecken zugesprochen, die Zuschauer schrien die Jungs nach vorne, sie mögen bitte ein Tor schießen, als gäbe es nichts Einfacheres, als wäre es mit dem Wort „Bitte“ getan. Die Schals wedelten unter ständigem „Ooooooooh“, wie es so üblich ist, eine zu Beginn der Saison wieder eingeführte Tradition bei Eckbällen. Mehrmals holte ich Luft, angespanntes Warten. Warum tritt der Hajnal nicht einfach die Ecke?

Schwer zu erkennen von der anderen Seite des Spielfelds, aber offenbar sah Schiedsrichter Günter Perl Handlungsbedarf in Sachen Tornetz, das durch die Torchance einige Minuten zuvor vom Wolfsburger Marco Russ beschädigt wurde. Einer der Teambetreuer musste ausrücken, das Spiel war kurz unterbrochen. Und wie das nunmal bei den sparsamen Schwaben so ist, tuts auch mal das Klebeband. Notdürftig wurde das klaffende Loch im Tornetz an den Pfosten gebappt. Die Ecke, die dann tatsächlich noch ausgeführt wurde, brachte allerdings auch nichts ein.

Zu den unangenehmsten Situationen, die du als Fan im Stadion ausgesetzt sein kannst, sind vermeintliche Tore, die keine sind. Es ist ärgerlich, wenn der Ball drin ist, aber der Schiedsrichter den Treffer nicht geben will, sei es aus berechtigten oder unberechtigten Gründen. Und es wird nicht besser, wenn du den Ball schon drin siehst, obwohl er nicht drin war. Das vermaledeite Tornetz vermag manchmal so komisch zu zappeln, das du dir aus einer Entfernung von etwa 100 Metern einbildest, der Ball wäre drin gewesen. Er war es nicht. Er war auf dem Tornetz gelandet.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Wolfsburger das Ergebnis aus Hannover erfahren haben, dort führte nämlich Kaiserslautern, was den Grundstein legen würde für den Einzug ins europäische Geschäft, mit einem Auswärtssieg könnte den Wolfsburgern sogar noch das Kunststück gelingen, an Hannover vorbei zu ziehen. Sie kamen immer besser ins Spiel, sehr zum Argwohn des Publikums, das das Neckarstadion leider nicht vollständig ausfüllte. Häufiger kamen sie in den Strafraum, ein Gefühl des Unbehagens und des „Das gefällt mir nicht!“ machte sich spürbar breit.

Und dieses Unbehagen wurde nicht kleiner, als das zuletzt ziemlich erfolgreiche Wolfsburger Traumduo, bestehend aus Patrick Helmes und Mario Mandzukic, sich von den mitgereisten Niedersachsen feiern ließ. Nachlässige Abwehrarbeit unseres scheidenden Matthieu Delpierre, Mandzukic steckte durch auf Helmes der nur noch den Schlappen hinhalten musste. Verkehrte Welt in Stuttgart, dieses Tor kam zwar nicht unbedingt aus dem Nichts, wenn man die letzten 5 Minuten betrachtete, doch es war äußerst schmeichelhaft.

Viel passierte dann erstmal nicht bis zur Halbzeitpause, erwähnenswert war lediglich die Präsentation des nebenberuflichen Hobbyschauspielers Mario Mandzukic. Nach einem Zweikampf blieb er regungslos am Boden liegen, ließ sich behandeln und unter größten Schmerzen vom Feld hiefen \“ um Sekunden später wie ein junges Reh über den Rasen zu hüpfen.

Erstmal Pause, ein wenig sacken lassen und mein Trinkpäckle schlürfen, dass ich natürlich wie immer dabei hatte. Zum Wiederanpfiff ließen es beide Mannschaften diesmal etwas langsamer angehen, es war aber weniger ein Zeichen der Erschöpfung, geschweige denn der Lustlosigkeit, nein, es war eher der sintflutartige Regen, der mittlerweile eingesetzt hat. Eimerweise Regen prasselte nieder auf die ohnehin schon klatschnassen Spieler, kaum Halt auf dem glichtigen Boden, keine Präzision beim Passen.

Der Regen sorgte auch für eine relativ laute Geräuschkulisse auf dem Dach, donnernde Geräusche machten kleinen Kindern Angst. Für Unterhaltung sorgte der Regen dann aber auch noch, als er über der Eckfahne zwischen Cannstatter Kurve und Haupttribüne in einem Wasserfall runterging, minutenlang amüsierte man sich, machte Fotos und schmunzelnde über wieselflinke Fotografen, Kameraleute und Sanitäter, die bis auf wenige tapferde Ausnahmen im Regenponcho geflüchtet sind. Noah, wo ist die Arche?

Ebenfalls für Belustigung war die wieder aufgegriffene Idee, die Trinkbecher gegen das Ballfangnetz zu werfen, das über fast die komplette Breite der Kurve gespannt war, um uns vor Gehirnerschütterungen und Nasenbeinbrüchen zu bewahren. Dort verfingen sich die Trinkbecher und wurden minutenlang unter Anfeuerungsrufen mit Papierkugeln, bestehend aus Überresten nicht benötigter Stadionzeitungen, beworfen.

Wir lagen zurück, wurden durch teilweise starken Wind, der den Regen in die Kurve trieb, gelegentlich nass und hatten trotzdem unseren Spaß. Vor Monaten wäre das noch undenkbar gewesen. Die 4 Vorschreier in der Kurve haben sich längst ihrer Oberbekleidung entledigt und heizten der Menge oben ohne ein. Da freut sich die Damenwelt!

Leider ließ die unmittelbare Antwort auf den Rückstand schon lang auf sich warten. Fast eine Stunde war gespielt, vom großen Aufbäumen war nichts zu sehen. Es gab nur 2 Dinge, die in jenen Minuten richtig stark waren: die Cannstatter Kurve \“ und der Regen, der nach wie vor anhielt. Er kam fast schon den Tränen gleich, als Wolfsburg auch noch das 0:2 erzielte. Aus der noch entspannten Stimmung wurde nun leichte Enttäuschung, obgleich des zumindest erreichten 6. Platzes. Die Leidenschaft der ersten Minuten schien wie weggespült, verschwunden im Gullideckel.

Doch noch ließen wir uns nicht unterkriegen, nicht in dieser Rückrunde, nicht in dieser Saison, nicht bei unseren Jungs, nicht vor diesem Publikum und schonmal gar nicht von einem Werksverein wie den Wolfsburgern, die zumindest in Sachen Heimspiele in Stuttgart in positiver Erinnerung sind, viele Siege, ein Unentschieden. Noch war genug Zeit, um nicht auch noch eine Niederlage in die Statistik einfließen zu lassen.

War es Felix, der im 37er-Block nahezu unablässig auf den Auslöser seiner Kamera drückte und mich dadurch mit richtig tollen Aufnahmen unterstützte, der kurz innehielt um mit seiner Riesenhand die Regenwolken vom Stuttgarter Himmel zu wischen? Ich weiß es nicht. Der Regen hörte fast schon abrupt wieder auf, Aprilwetter im Mai.

Freistoß für den VfB, der Rasen immernoch getränkt vom Unwetter, die Unruhe auf den Rängen spürbar. Doch wo Liebe und Leidenschaft sind, ist auch immer die Hoffnung dabei \“ und der Jubel war riesig, als Cacau in einer fast schon langweiligen Phase der Partie zum Anschluss traf. Hier war noch was drin! Noch ziemlich verhalten wurde in der Kurve \“ und überall auch \“ geherzt und abgeklatscht, wir würden die Energie ja schließlich eventuell noch brauchen, oder? Es war der Beginn von 6 unfassbaren Minuten, die das ganze Haus völlig auf den Kopf stellten.

Hier brannte der Baum im Wolfsburger Strafraum, unmittelbar vor den Augen einer Cannstatter Kurve, die nicht nur heute so viel Herzblut hinein gebracht hat, die immer alles gibt und für mich ein zweites Zuhause geworden war. Und die Mannschaft konnte das spüren, aus der Distanz schlenzte Gotoku Sakai, der starke Partien hinter sich hat, den Ball aufs Tor, abgeklatscht, dann unser Mexikaner Maza mit einem Seitfallzieher ins Tor \“ hier war jetzt endgültig der Damm gebrochen, die Frisur, die ich mir vor dem Spiel noch so schön hingerichtet hab, völlig zerstört durch die grenzenlose Freude inmitten von Freunden und Fremden.

Freudestrahlend mit der flachen Hand auf das Trikot klatschend rannte er zur Trainerbank und ließ sich zurecht feiern, die Mitspieler auf dem Feld vermochten ihm nur schwer zu folgen. Mit Müh und Not hielt ich mit der Kamera drauf, bevor mich ein unbekannter Ellenbogen von links fast schon ausknockte.

Kurz musste man im Anschluss fürchten, noch kurzerhand das 2:3 zu kassieren, wir hatten ja immerhin schon die 79. Minute in einem Spiel, wo noch einiges hätte möglich sein können. Nix da, weiter, weiter, immer weiter. Gotoku Sakai rannte weiter wie ein Verrückter, er war schon längst angekommen in Stuttgart. Eine seiner tollen Flanken war gedacht für Vedad Ibisevic, mit weit aufgerissenen Augen und kurz vorm kollektiven Nervenzusammenbruch kollabierte beinah das Stadion, als er mit dem Bein drüber säbelte.

Auf der anderen Seite kam Ibrahima Traoré angeflitzt, der außer einem Tor im Pokalspiel gegen den FSV Frankfurt noch nie in Erscheinung trat seit seinem Wechsel aus Augsburg. Nur die wenigsten hatten auf dem Schirm, dass er aus spitzem Winkel durch die Beine des Gegners noch das 3:2 erzielt, 10 Minuten vor Schluss. Die komplette Cannstatter Kurve war schier am Ausrasten \“ nur wenig poetische Zeile vermag mir zu jenen Momenten gelingen.

Alles stürzte sich auf den am Boden liegenden Traoré, inklusive das Maskottchen Fritzle, und wäre die Mauer nicht im Weg gewesen, die Zuschauer der Cannstatter Kurve, die im 7. Himmel schwebte, gleich noch dazu. Bei aller Leidenschaft, einen Platzsturm hat das Neckarstadion an diesem Nachmittag nicht erlebt. Und für die Freude, die durch die Reihen schwappte, wurden die Wellenbrecher erfunden. Viele sah ich stürzen, es waren Sekunden, die an meinem Auge scheinbar in Slow-Motion vorbei zogen. Konnte es so etwas wie das hier tatsächlich geben? Tage wie diese sind der Grund, um Fußball zu lieben.

Viel passierte bis Abpfiff nicht mehr, sie spielten es konsequent zu Ende. Währenddessen vernahm man die Ergebnisse aus Nürnberg und Hannover, Leverkusen siegte letzten Endes klar und deutlich mit 4:1 und versaut uns damit den 5. Platz, Hannover gewann doch noch gegen die in Führung gegangenen Leverkusener, was allenfalls „Hätt eh nichts genutzt“ beim Wolfsburger Anhang hervor rief.

Mit der schrillen Trillerpfeiffe des Günter Perl gingen noch einmal im Kollektiv alle Arme zur Jubelfaust in die Luft. Es war vorbei. Leider nicht der erhoffte Platz 5, doch immerhin mit einem Sieg verabschiedet und einen tollen Tag für die Cannstatter Kurve perfekt gemacht. Nicht wenige freuen sich auf über Platz 6 und die damit verbundenen Touren ins Ausland \“ für jene freue ich mich dann aber trotzdem. Wir werden dabei sein, egal wohin uns die Qualifikation auch führen wird.

Langsam kam die Mannschaft zu uns, machte dann noch eine Kurve und begann die Ehrenrunde bei der Gegentribüne, hinten rum zur Untertürkheimer Kurve, an der Haupttribüne entlang und schließlich zur Heimat der Treuen, der Cannstatter Kurve. Wie kleine Jungs pogten die Spieler wild durch im Kreis, auch das Trainer- und Betreuerteam wurde gefeiert. Welch schönes Gefühl, eine ganze Saison letztendlich erfolgreich gestaltet zu haben, ohne Trainerwechsel, und ein zufrieden machendes „Bruno Labbadia, oh ohohoooo“ \“ ein Lied, was sonst nur mit der Häme der in Stuttgart siegreichen Bayernfans zu vernehmen war.

Wir feierten Matthieu Delpierre, Timo Gebhart, Khalid Boulahrouz, Sven Ulreich und Julian Schieber, dessen Einwechslung in der 70. Minute die Wende ins Spiel brachte, minutenlang feierten wir uns gegenseitig, welch ein toller Tag für unsere wunderschöne Stadt. Mit großem Applaus in die Sommerpause und mit neuem Elan an die Leistungen der Rückrunde anknüpfen. Wir alle wissen, wie das in den letzten Jahren war, doch keiner von uns hat je die Hoffnung aufgegeben, dass es auch mal eine konsequent erfolgreiche Saison geben kann.

Wir verblieben auf der Stehtraverse, bis wir von den Ordnungskräften mehr oder weniger höflich nach draußen geleitet wurden. Die große Choreographie hat ihre Spuren auf den Stufen der Kurve hinterlassen, viele Helferlein waren dabei, Fahnen und Überreste der Choreo einzusammeln. Draußen blieb es fürs erste Trocken, als sich die Fanszene noch gemütlich mit flüssiger und fester Nahrung versammelte. Doch bald mussten wir, getrieben vom erneuten Wolkenbruch, schon weiter, ich musste ca. 700 Bilder sichten und bearbeiten, bevor wir am Abend noch zum Fanclubfest wollten, welches trocken und äußerst lustig und erfolgreich zelebriert wurde.

Definitiv ein weiteres unvergessliches Spiel. Doch es war nicht nur die Mannschaft, die diesen Tag so besonders machte, vielmehr war es der Ausdruck der kollektiven Leidenschaft und der Liebe zum Verein, die sensationelle Choreo wird weiterhin einen positiven Eindruck der Stuttgarter Fanszene in die Welt hinaus tragen. Was nehme ich mit, abgesehen von Schmerzen, zersausten Haaren und 700 Fotos? Ich weiß schon: das Gefühl, mit der Wahl des Vereins die wichtigste und richtigste Entscheidung meines Lebens getroffen zu haben, jene Entscheidung, die Menschen in mein Leben und Geschichten geschrieben hat, für dich ich mehr als dankbar bin. Meine ganz persönliche Liebeserklärung an diesen Verein und dessen Fans.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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  1. WOW! Danke Dir…

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