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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Unsre Kleinen sind für euch zu groß

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Es war wie ein wunderschöner Ausflug in eine entfernte Zeit. Damals noch, als unsere Erstliga-Mannschaft zum Derby gegen Karlsruhe antrat und sie in 3 von 4 Fällen deutlich in die Knie zwingen konnte. Welch wunderbare Zeit, die Erinnerung an die eindrucksvolle Choreographie über die Cannstatter Kurve. Drei Jahre später ist Karlsruhe in die 3. Liga abgestiegen, der VfB hat seinen liebsten Feind aus den Augen verloren.

Aber nicht aus dem Sinn, die Antipathie, hat nichts an Intensität verloren, auf beiden Seiten. Während wir uns mit kleinen „Alibi-Derbys“ gegen Freiburg und Hoffenheim behelfen mussten, spielte der ungeliebte badische Nachbar gegen Paderborn, Oberhausen und Andere. Bald machte die Wahrscheinlichkeit die Runde, als würde es bald wieder das baden-württembergische Derby geben, doch nicht in der 1. sondern in der 3. Liga.

Wo sich seit Jahren unsere jungen Wilden, der VfB Stuttgart II behaupten und ihr Können unter Beweis stellen können, landete nun auch der KSC. Derbytime! Dass es nicht gegen die Profis aus der ersten Mannschaft ist, war den meisten Leuten ziemlich egal. Die DFL legte den Zeitpunkt des Spiels bereits auf Anfang August fest (vor Beginn der Bundesliga-Saison für die Profis) und verlegte die Partie vom eigentlichen „Heim“stadion der Amateure, dem Gazi-Stadion auf der Waldau (gehört eigentlich den Stuttgarter Kickers, das Robert-Schlienz-Stadion neben dem Neckarstadion erfüllte die Auflagen für die 3. Liga nicht), direkt ins Neckarstadion, wo natürlich 60.000 zahlende Zuschauer Platz gefunden hätten.

Schnell war klar, das die Anfrage groß sein wird und das sanierungsbedürftige Gazi-Stadion in Degerloch mit 11.436 Plätzen keinesfalls ausreichen würde, von der Infrastruktur ganz zu schweigen. Sofort schrien alle auf bei der Festsetzung des Spiels, leider aber auch solche, die noch nie ein Spiel der Amateure gesehen haben und die Partie nur auf den Hass auf Karlsruhe reduzieren wollten. So würde ich uns jedoch nicht einschätzen, waren wir doch schon mehrmals bei den Amateuren, wenn es sich zeitlich anbot.

Und so begab es sich, dass an jenem sonnigen Samstag Mittag fast 20.000 (wohlgemerkt doppelt so viele wie ins Gazi-Stadion gepasst hätten) Leute zum Neckarstadion pilgerten. Angemerkt sei hierbei allerdings auch, dass sich nach kurzem Zögern auch unsere Fanszene dazu entschied, die Amateure zu unterstützen, wäre es doch zumindest nicht in Degerloch. Dieser Entscheidung hatten wir im Nachgang eine erstklassige Stimmung zu verdanken.

Selbstverständlich herrscht für Bundesligaspiele strikte Stehplatzpflicht. Ganz so eng sahen wir es jedoch nicht, wenn es ums Drittligaderby geht \“ da durft es gern der Sitzplatz auf der Haupttribüne sein, weniger, um sich zu entspannen und gelangweilt berieseln zu lassen, in erster Linie im Hinblick auf die Perspektive, die sich für tolle Fotos bot. Toller Blick auf die Kurve, toller Blick Richtung Gästeblock und aufs Spielfeld sowieso. Die Spiegelreflex musste mit, es lohnte sich im Nachgang definitiv.

Vorm Stadion trafen wir noch ein paar Freunde, alles war eigentlich wie immer, eine kleine Einstimmung auf die neue Saison. Die Sonne schien uns auf den Pelz, perfektes Wetter an diesem Samstag Mittag. Kurz nachdem der Großteil der aktiven Fans im Stehblockbereich „freundlich“ von den mitgereisten Karlsruhern begrüßt wurde, fanden auch wir uns auf unseren Plätzen ein. Schön, wieder hier zu sein. Auch der Gästebereich war bereits gut gefüllt. Ob sie so zahlreich angereist wären, wenn sie geahnt hätten, was passiert?

Wirklich lange mussten wir nicht wirklich warten. Nach nicht einmal 3 Minuten gab es Freistoß in der gegnerischen Hälfte, Kapitän Tobias Rathgeb ist da der Mann für die ruhenden Bälle. Ein langer Ball, noch ein Fuß dazwischen und alles sprach auf. Die heimischen Fans zum Jubel, die mitgereisten Badener vor Frust. Wenn ich ehrlich bin, hielt sich mein Mitleid für den mies in die Saison gestarteten KSC in Grenzen. Breit grinsend wurde abgeklatscht, der Blick zur Cannstatter Kurve immer wieder mit einem Schmunzeln und einem gewissen Gefühl „Das sind unsre Leute“, auch wenn wir heute ausnahmsweise nicht bei ihnen waren.

„Klick, klick, klick, klick, klick“, unablässig schrieb meine Kamera Fotos auf die Speicherkarte. Noch im Jubel des 1:0 klopfte es mir auf die Schulter \“ der Verlobte meiner Kollegin war ebenfalls da, genau eine Reihe über mir, getrennt von einem schmalen Durchgang. Nicht zu Unrecht zweifelte Felix daran, ich würde vom Spiel überhaupt etwas mitbekommen, wenn ich die ganze Zeit auf die Kurve schau. Doch, wie man ja weiß, die Frau sich auf mehrere Sachen zu konzentrieren weiß.

Viel zu sehen war auf dem Spielfeld nichts von den Karlsruhern, und noch weniger zu hören gab es aus dem Gästeblock. Wie so üblich vorher das große Maul gehabt und dann nicht mal laut genug sein, damit die Cannstatter Kurve auch etwas zu Ohren gekommt. Typisch KSC, große Fresse, nichts dahinter. Währenddessen genoss man das Spiel, das unsere jungen Wilden vom VfB II weitgehend dominierten und nur wenige Male den KSC gewähren ließen, wobei auch da nichts wirklich zu befürchten war.

Eine halbe Stunde war in etwa rum, als eine weitere Unachtsamkeit der KSC-Abwehr den davoneilenden Christoph Hemlein, der schon für die Profis spielte und im Pokal sogar ein Tor gegen den FSV Frankfurt schoss, nicht mehr stoppen konnte. Einmal maß genommen, abgezogen, abgedreht \“ mit weit ausgestreckten Armen, als wolle er jeden Moment abheben \“ denn genau so muss er sich gefühlt haben. Davonrennen konnte er seinen jubelnden Teamkollegen nicht.

Vor den begeisterten Zuschauern auf der Haupttribüne und in der Cannstatter Kurve wurde er zu Boden gerissen und musste eine Traube von Spielern über sich ergehen lassen. Darunter lag der glückliche Lockenschopf \“ es sei ihm gegönnt. Wir haben ihn nicht aus den Augen verloren, seit er einst gegen den Zweitligisten traf, leider immer wieder ein Opfer des fehlenden Vertrauens in die hervorragende Jugend- und Amateur-Arbeit des VfB. Dennoch bin ich mir sicher: er kann bei uns ein großer werden.

Eine halbe Stunde vorbei im Drittliga-Derby, der VfB II mit 2:0 in Führung. Die Cannstatter Kurve hüpfte, klatschte und sang, als wäre es die 1. Liga, als wären es nicht Hemlein, Röcker und Weis, sondern Harnik, Niedermeier und Ulreich. Tage wie diese seien unseren Kleinen gegönnt, auf dass sie daran wachsen und zu Großen werden, die nachrücken in die Profikader.

Genüsslich und geradezu entspannt konnte man sich zurück lehnen. Vom KSC gab es keinerlei Gegenwehr, auf dem Feld nicht, und im Gästeblock verstummte auch der letzte Hauch der Motivation. Traurig standen sie da mit ihren blauen Leibchen, still wurde es in der Ecke. Ein Genickbruch im übertragenen Sinn. Wie gehabt hält sich mein Mitleid in Grenzen.

Bis zur Halbzeitpause passierte dann auch nicht mehr viel, Zeit zum Entspannen bei einem Spiel, was so gut wie schon gewonnen war. Doppelt schön gegen den KSC, noch lieber wäre es uns natürlich gewesen, hätte es sich hier um ein Wiedersehen in der 1. Liga gehandelt, jahrelanges Unvermögen hat die Badenser allerdings tief in die Knie gezwungen \“ immer tiefer, immer tiefer, immer tiefer, KSC!

Der zweite Durchgang begann mit einem kleinen Schrecken, wäre doch beinahe der Anschlusstreffer vor der leeren Untertürkheimer Kurve gefallen. Die Sinne kurz geschärft, rollten sie weiter in Richtung Cannstatter Kurve. Nahezu im Minutentakt erarbeiteten sie sich Chancen und versuchten nach bestem Wissen und Gewissen, Konter sauber durchzuspielen. Mit letzter Kraft warf sich jedoch stets ein Badenser dazwischen, die Chancenverwertung scheint auch in der 3. Liga ein Problem des VfB zu sein.

In der Hoffnung, noch ein Tor vor der Cannstatter Kurve zu sehen und eventuell ein Motiv mit der Kamera zu erwischen, das den jubelnden Torschützen und seine Mitspieler vor der euphorischen Kurve zeigt, genoss ich die zweite Halbzeit zusehendst. Doch leider wurde es nichts mit dem gewünschten Motiv. Macht nichts, Hauptsache gewonnen. Eine historische Niederlage für den ungeliebten Nachbarn zauberte uns allen ein hämisches Grinsen ins Gesicht.

Viele Meter von ihnen entfernt, bilde ich mir jedoch ein, weit mehr als die Freude in ihren Gesichtern zu sehen: die Spieler des VfB II schienen gleichermaßen erleichtert, dieses Spiel gewonnen zu haben. Stolz. Eine Menge davon. Und zwar zurecht. Nach dem Abpfiff klatschte man sich noch am Mittelkreis ab und machte sich auf den Weg in die Kurve, den keiner der Spieler so schnell vergessen wird.

Schnell über die Bande gesprochen, in den Innenraum zwischen Spielfeld und Fanblock. Dankbar wurden sie abgeklatscht von jenen, die auch jede Woche aufs Neue für die Profis ihre Stimme erheben und alles geben. Eine U-M-B-A wurde angestimmt, sie wurden gefeiert, als wären sie Meister geworden. Deren Party ging bestimmt noch lange weiter, als wir alle schon wieder zu hause waren. Nur allzu verständlich, wer wird schon nicht gerne Derbysieger.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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