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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Mit einem Bein im internationalen Geschäft

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Für Begeisterungsstürme sorgte ein Freitag im August nicht gerade. Es war 13 Uhr, als im schweizerischen Nyon die Hand in den Lostopf griff und ausgerechnet den schwersten aller Gegner in diesem Topf herauszog: Dynamo Moskau. Als wir vor 2 Jahren in die Qualifikation zur Europa League mussten, trafen wir auf Molde und Bratislava und kamen nur mit Müh und Not weiter. Moskau war definitiv kein Freifahrtschein. Habe ich die „Europapokal-Brezeln“ zu früh im Geschäft ausgegeben?

Stunden später, als ich in den Reihen meiner Kollegen das Sommerfest in unserem Büro in Sindelfingen genoss, war klar, dass das Auswärtsspiel wohl kaum machbar sein dürfte, aus zeitlichen und finanziellen Gründen. Auch, wenn die Termine dafür noch am selben Abend neu vergeben wurden, da mehrere Moskauer Vereine sonst am selben Tag spielen müssten. Das betraf natürlich auch das Hinspiel, welches in Stuttgart ausgetragen werden würde.

Die Nervosität war selbstredend groß, doch eine Art hämische Wiedersehens“freude“ unter vielen Freunden und Bekannten stand ebenfalls im Raum. Ein Wiedersehen mit dem gescholtenen Kevin Kuranyi, der 2005 einen eher unrühmlichen Abgang zum FC Schalke hinlegte, verbunden mit der Aussage, er wolle Meister werden. Er wurde 2007 weinender Vizemeister und sah seinen ehemaligen Kollegen dabei zu, wie sie die Meisterschale in die Luft streckten. Dumm gelaufen.

Für die Fans wurde er schnell zum Feindbild Nummer 1 unter den Spielern, die den VfB verließen und wurde stets ausgepfiffen, wenn er am Ball gewesen war. Das eine oder andere Mal versuchte er sich einzuschmeicheln und betonte, dass er sich vorstellen könnte, nach Stuttgart zurück zu kommen, doch warum dorthin zurückkommen, wo mit brennenden Fackeln auf dich gewartet wird? Im Jahre 2012 wechselte er schließlich nach Russland zu Dynamo Moskau, wo er nach anfänglichen Schwierigkeiten mittlerweile sogar Kapitän ist.

Nur 11 Tage später war es dann soweit, Qualifikationshinspiel im heimischen Neckarstadion, Anpfiff um 18 Uhr mitten unter der Woche, der Feierabend musste entsprechend früh erfolgen \“ alles kein Problem, solange die Arbeit geschafft werden würde, habe ich einen der verständnisvollsten und coolsten Chefs, die man sich nur vorstellen kann. Den haben anscheinend nicht alle, nur 20.400 fanden den Weg zum Stadion.

Für uns war es das erste Mal in der Kurve nach der Sommerpause. Es fühlt sich gut an. Trotzdem sieht es aber anders aus: bei internationalen Spielen, das sehen die Richtlinien der UEFA so vor, müssen Stehplätze zu Sitzplätzen umgewandelt werden. Als 2011 unsere neue Kurve eingeweiht wurde, wurden in den Treppenstufen der Stehränge die Sitzplätze direkt mit integriert, die bei Bedarf hochgeklappt werden können, ein interessantes und gutes Konzept, mit denen andere neue Stadien, wie z.B. Wolfsburg und Hoffenheim nicht dienen können. Ich nehme es dankbar entgegen, als Verlängerung von 159 cm Körpergröße.

Bloß kein Gegentreffer lautete die Devise. Würde es Moskau gelingen, in unserem Stadion ein Tor zuschießen oder sogar zu gewinnen, wäre das schonmal Gift und eine mehr als harte Herausforderung für das Rückspiel eine Woche später. Die gute Nachricht war: Moskau machte von Beginn an nicht den Eindruck, als wollten sie unbedingt das Auswärtstor erzielen. Die schlechte Nachricht allerdings: sie standen hinten drin und machten es den Unseren umso schwerer.

Kein schönes Spiel, auf gar keinen Fall. Überlegenheit im Durchgang eins, doch ohne die Tore, die wir so dringend brauchen. Immer wieder gab es Chancen, die größte davon nach 27 Minuten, doch der Moskauer Keeper konnte den Ball noch vor der Linie festhalten, das wäre es gewesen. Wir müssten wohl bis zum Ende geduldig sein, das dämmerte uns relativ schnell. Zur Halbzeitpause stieg ich von meinem „Thron“, der blechernen Metallkonstruktion herunter und sichtete die ersten hundert Bilder auf meiner Kamera.

Das wird Felix wohl auch gemacht haben, er ist in dieser Saison im Block 37 zu Hause, damit wir unterschiedliche Perspektiven fotografieren und zur Veröffentlichung auf vfb-bilder.de anbieten können. Dass ich durch den Gewinn an zusätzlicher Höhe auch eine bessere Sicht auf die Geschehnisse in der Kurve hatte, zeigte sich in der weitaus höheren Anzahl der bereits gemachten Fotos. Haben Abendspiele normalerweise ihren Reiz, leide ich unter den Lichtverhältnissen und einem entsprechend großen Ausschuss.

Kaum ein anderes Bild im zweiten Durchgang. In Richtung der Cannstatter Kurve wurden die Aktionen unseres VfB von Minute zu Minute zwingender \“ sie wollten, konnten bisher aber nicht. Der unruhige Blick auf die Uhr, jedes Mal aufs Neue, wenn eine Aktion nicht gut zu Ende gespielt wurde oder spätestens beim 191 cm großen Moskauer Keeper Anton Shunin, den dritten russischen Nationaltorwart, endete. Wer noch Haare auf dem Kopf hatte, konnte sie sich eigentlich nur noch raufen.

Die Zeit rannte uns zunehmend davon, es sah aktuell nicht aus, als käme das hoch gegriffene Wunschergebnis 2:0 zu Stande. Noch 19 Minuten. Wir werden doch nicht etwa… nur 0:0 spielen? Oder Schlimmeres? Eine oft gestellte Frage, wie alle Jahre wieder: was wäre hier wohl bisher passiert, wenn der VfB ausnahmsweise Geld in die Hand genommen und ordentliche Spieler verpflichtet hätte? Eine Antwort gibt es darauf nicht, zumindest keine zufrieden stellende.

Zu Beginn der Saison präsentierte man nach zahlreichen Abgängen mit Tim Hoogland (ausgeliehen ohne Kaufoption vom FC Schalke) und Tunay Torun (ablösefrei von Hertha BSC Berlin) nur 2 externe Neuzugänge, die den Verein nichts gekostet haben. Das Geschrei war wie ebenfalls alle Jahre wieder groß. Zumindest wurden mit Raphael Holzhauser, Antonio Rüdiger und Kevin Stöger 3 junge Wilde von den Amateuren hochgeholt.

Wie komme ich jetzt darauf? Weil es manchmal des Ausholens bedarf. Wer dabei war, das Spiel live auf Kabel Eins gesehen hat oder schlichtweg die unzähligen Spielberichte gelesen hat, wird es wissen. Es war Tim Hoogland, der aus der 2. Reihe abzog. Er scheiterte, wie viele andere auch, am Keeper. Der entscheidende Unterschied: er hielt den Ball nicht fest und präsentierte ihn auf dem Silbertablett für den mitgelaufenen Vedad Ibisevic. Nur noch 19 Minuten \“ aber eine Sorge weniger.

Ein erleichterter Jubel beim 1:0 durch einen, der aus dem ungeliebten Hoffenheim zu uns kam \“ manchmal sind es eben die unerwartet zustande gekommenen oder die zu Beginn müde belächelten Transfers, die uns sehr große Freude bereiten können. Es hatte schon ein Stück weit etwas Befreiendes, als Vedad Ibisevic erleichtert abdrehte und genüsslich seine Hände auf die Bande vor der Kurve knallte \“ als wollte er förmlich sagen: „Geht doch, na also!“. Die ersten beiden Gratulanten: Tim Hoogland und das Fritzle.

Es war aber noch nicht vorbei. Wir wissen, was in 19 Minuten passieren kann. Da ich diesen Spielbericht viel zu spät nach dem Auswärtsspiel in München schreibe, kann ich das nur nochmal betonen und dreifach rot unterstreichen. Die Sinne schärfen, Jungs! Ein Gegentor und das Zittern beginnt von Vorne. Das durfte uns nicht passieren, zu instabil ist das Mannschaftsgefüge noch, zu neu die Saison, und die Erwartungen der Fans sind unbestritten immer wieder aufs Neue die selben: hohe.

Mittlerweile war es etwa 19:50 Uhr \“ die Nachspielzeit hatte bereits begonnen. Mit dem 1:0 konnten die meisten von uns gut leben, so ließ es sich schon beruhigter angehen für das Rückspiel eine Woche später in Moskau. Ans Einstellen des Spielbetriebs dachten die Jungs aber glücklicherweise noch nicht und so versuchten sie bis zum Schluss das Beste aus ihren Aktionen heraus zu holen.

So auch eine Flanke von Ibrahima Traoré, die er vors Tor brachte. Ich hielt kurz den Atem an, in der Hoffnung, jemand möge bitte seinen Dickschädel hinhalten und auf das Wunschergebnis von 2:0 erhöhen. Wer konnte denn bitte ahnen, dass das auch wirklich so eintreffen würde? Wunderschöner (Halb-Flug-)Kopfball von unserem neuen Mister Zuverlässig, Vedad Ibisevic, der zusammen mit Martin Harnik den unrühmlichen Abgang der Nummer 33 vergessen machen könnte. Wunschergebnis! Die Freude war riesig, das Spiel an für sich war es nicht. Aber: Who cares?

Zufrieden ging es wieder nach Hause zur Sichtung und Bearbeitung von insgesamt 559 Fotos \“ du liebe Zeit. Die brauchte ich auch, bis spät nachts war ich beschäftigt. Im gleichen Atemzug brach es mir jedoch das Herz, nicht zum Rückspiel nach Moskau reisen zu können. Für wenige Tage viel zu hohe Kosten, und damit war ich durchaus nicht die einzige \“ zumindest 150 Unentwegte fanden sich eine Woche später ein im Khimki-Stadion und sahen ein 1:1 und den damit verbundenen Einzug in die Gruppenphase. Torschütze für den VfB: Vedad Ibisevic. Längst einer von uns, wir haben ihn schnell in unsere Herzen geschlossen.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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