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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Da wär mehr drin gewesen

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Wir Fußballfans wissen: 5 Minuten können sich ganz unterschiedlich anfühlen. Ist eine Niederlage unausweichlich, sind die letzten 5 Minuten unendlich lang. Läuft es auf ein unentschieden hinaus können 5 Minuten ungeheure Hoffnungen wecken, dass noch ein dreckiger und glücklicher Sieg dabei rauskommt. Wir kennen beides, schon alleine in dieser Saison. Und ein weiteres Mal wurden wir in der Hoffnung enttäuscht, dass 5 Minuten genug sind, um das rettende Tor zu erzielen.

Endlich wieder international, das erste Spiel der Gruppenphase. Donnerstag, 19 Uhr Anpfiff gegen Steaua Bukarest aus Rumänien. Eine unbefriedigende Uhrzeit, wenn es im Geschäft sehr viel zu tun gibt und man es sich eigentlich kaum leisten kann, sich rar zu machen. Ging nicht anders, Prioriäten eben. Halb 5 setzte ich mich in Böblingen-Goldberg in die S-Bahn, die mich zum Stadion bringen sollte, die Zeit war zu knapp, um zuvor noch einmal heim zu gehen.

Den Weg zum Neckarstadion lief ich dieses Mal ausnahmsweise allein, Felix wartete dort bereits auf mich, zusammen mit den Jungs und Mädels von unserem Beutelsbacher Fanclub „Boys in Red“. Dort, wo sich sonst dicht gedrängt die Fanszene versammelt, war beängstigend viel Platz. Gerade einmal 10.000 Karten konnte der VfB für dieses Spiel im Vorverkauf absetzen, eine erschreckende Bilanz. Noch einmal 7.000 Karten gingen an der Abendkasse weg. Selbst im Pokalspiel gegen den FSV Frankfurt kamen 18.270 Zuschauer, beim Drittliga-Derby sogar 19.970 Zuschauer.

An für sich schlimm genug, dass nur wenige die Zeit finden, doch leider bleibt auch der VfB nicht von Erfolgsfans verschont. Jene, die sich zurückziehen, wenn es schlecht läuft \“ so wie jetzt gerade \“ und ins Stadion geströmt kommen, wenn sich die Erfolge einstellen. Nur wenige wollten den VfB sehen, und auch, wenn man mit seinem Verein durch dick und vor allem ganz ganz dünn gehen sollte, ein wenig Verständnis habe ich ja auch, angesichts der zuletzt doch eher dürftigen Leistungen und den hohen Kartenpreisen.

Hinein in den Block, der wieder einmal mit Bestuhlung versehen wurde. Reichlich Platz, um die letzten Minuten vor dem Spiel sitzend zu verbringen. Anders als sonst, verbrachte ich das Spiel nicht weit oben sondern sehr weit unten, beim Fanclub. Die einzige Möglichkeit, dort unten einigermaßen gescheite Fotos hinzubekommen, weniger Zuschauer und Bestuhlung, die mich gleich 30 Zentimeter größer machen und einen guten Überblick verschaffen, so traurig die Gründe für den vielen Platz auch sind.

Viele Rumänen haben den Weg zu uns gefunden, einige, die direkt aus Rumänien kommen, doch eine vermutlich höhere Zahl an Rumänen, die in Deutschland und sogar im Ländle leben. Wie viele, machte sich beim ersten Tor der Rumänen bemerkbar. Bei der Auslosung freuten wir uns über 3 durchaus machbare Gegner, es hätte uns wesentlich schlimmer treffen können. Dass man diese 6 Spiele aber noch lange nicht gewonnen hat, haben allzu viele der VfB-Fans unterschätzt.

Vielleicht war ich ja auch eine von denen, die zu viel erwartet haben, gerade in einer Phase, die in Sachen Bundesliga allenfalls kontraproduktiv verläuft. Erst einen Punkt aus den ersten 3 Spielen ist nichts, worauf man stolz sein könnte. Doch das alles war erst einmal irrelevant, nun galt es, in der Europa League gleich den richtigen Grundstein zu legen, um möglichst lange im internationalen Geschäft zu bleiben, die uns nicht nur spannende Spiele sondern auch schöne Auswärtsfahren bescheren soll.

Hinein ins Spiel, die Anspannung war natürlich selbstredend groß. In den letzten Jahren wurde das erste Spiel doch allzu oft vertendelt, das sollte heute endlich mal anders laufen. In der Fast-Abstiegs-Saison 2010/2011 standen wir lange im Tabellenkeller, spielten aber in der Europa League groß auf, da versteht man ja die Welt nicht mehr.

Meinen Platz hatte ich gesucht und gefunden, perfekt \“ mit dem im Februar operierten Bein stand ich auf dem roten Metallsitz, mit dem rechten Bein auf der Rückenlehne der Vorderreihe. Bereits gegen Moskau lernte ich schnell, wie schmerzhaft das mit der Zeit werden würde. Es war mir egal, schließlich bin ich für eine, die für Fotos einen guten Überblick gut gebrauchen kann, nicht gerade hoch gewachsen. Felix lacht darüber, zurecht, bei 1,96 Metern.

Die Tribünen im Stadion gaben ein trauriges Bild ab, nur kleckerlesweise sah man Zuschauer, riesen Löcher auf der Untertürkheimer Kurve, Haupttribüne und Gegentribüne, es hatte fast schon etwas geisterspielmäßiges. Auch die Cannstatter Kurve war nur zur Hälfte voll, Grund genug, um in diesem Spiel noch etwas näher zusammen zu rücken und alles zu geben. Heute wäre ein guter Zeitpunkt, um den bisherigen Liga-Frust für zumindest ein paar wenige Tage vergessen zu machen.

Das dachten sich wohl auch die Jungs, denn wir jubelten eher, als wir für möglich gehalten hatten. Schon nach 5-Minuten köpfte Vedad Ibisevic nach toller Flanke von Tamas Hajnal ein, drehte jubelnd ab vor einer fast ausgestorbenen Untertürkheimer Kurve. Für euphorische Freudesausbrüche war es noch viel zu früh, ich erhob die Jubelfaust und richtete mein Augenmerk wieder auf die Cannstatter Kurve, die ein weiteres Mal das schönste Motiv war, das meine Stadionkamera zu Gesicht bekommen kann.

Ich tat gut daran, mich nicht allzu sehr zu freuen, denn nur wenige Sekunden später war es das dann auch schon wieder. Als ich weitgehend mit der Kamera beschäftigt war und nur so halb die Geschehnisse auf dem Platz zur Kenntnis nahm, schafften es 5 unserer Jungs nicht, einen Bukarester Angriff schadlos zu überstunden. Durch war er, vorbei an Sven Ulreich, der von Arthur Boka noch überrumpelt wurde, auch Gotoku Sakai konnte das schnelle 1:1 nicht mehr verhindert.

Da war es wieder: das fassungslose Kopfschütteln. Die ersten Pfiffe. Das kam… „überraschend“ ist ja gar kein Ausdruck. Umso überraschender war dann leider aber der Blick zur Gegentribüne, der rasante Ausgleich ließ sie sich outen: die rumänischen Fans, zu Hauf verteilt zu unserer Linken. Ein schockierendes Bild, mit Galgenhumor ließe sich sagen, es hätte fast mehr rumänische Fans gegeben als die einheimischen Stuttgarter. Traurig. Bukarest und Stuttgart trennen übrigens fast 1.400 Kilometer, nur mal so für die Statistik.

Wir hofften und bangten, sahen viele Angriffe auf beiden Seiten, die aber ohne Gefahr abgewehrt oder abgepfiffen wurden. Besonders viel bekam ich nicht mit, ich nutze Momente wie diese gnadenlos aus \“ ist die Sicht ausnahmsweise gut, leidet die Aufmerksamkeit dem Spiel gegenüber. Meine geschätzten Fotografenkollegen werden es bestimmt kennen, dieses Gefühl der Zerrissenheit. Mit dem 1:1 ging es schließlich erst mal in die Pause, ein unzufriedenes Bruddeln machte die durchlöcherte Runde.

Ich begab mich wieder nach oben, wo Katrin so freundlich war und meine Jacke und meinen Rucksack in ihre Obhut nahm. Ein Schluck getrunken, man war mir hoffentlich nicht böse, dass ich wieder nach unten ging, Tage wie diese sind äußerst selten. Meist ist es zu voll in der Kurve, dass die Sicht so weit unten nur noch schlechter ist als oben. Einen Tod muss ich sterben \“ entweder gut auf die Kurve sehen können und gute Fotos machen, oder bei meinen Leuten vom Fanclub stehen. Der Spagat ist selbstredend unwahrscheinlich schwierig.

Wieder unten angekommen postierte ich mich \“ wieder einmal auf dem Sitz stehend, trotz der befürchteten und schnell eingetretenen Schmerzen \“ neben unserem Fahnenschwenker Christoph, der sich zunächst einen Spaß daraus machte, mir immer dann die Fahne vor die Linse zu halten, wenn ich grade ein Foto machen wollte. Ich lachte mit, würde ich es mir bei fremden Leuten wohl eher nicht trauen. Das zweigleisige Leben der Fanfotografen in der Kurve.

Schaute ich mir das Spiel für ein paar Momente an und ließ es auf mich wirken, so muss ich dennoch eines sagen: es war schon besser als die mehr als frustrierenden Auftritte gegen Wolfsburg, Bayern und Düsseldorf. Und dennoch ließ es mich immer wieder verzweifeln. Fehlpässe, Schlampigkeit, Ballverluste \“ in einem Wort: Ungenauigkeit. Nicht zuletzt denke ich da zurück an die berunruhigende Menge an Lattentreffern des VfB, die das Spiel genauso gut hätte mit Glück zum hohen Sieg hätte machen können.

Über dem Kopf wurden oft die Hände zusammen geschlagen, und auch wenn wir nur wenige waren, die ganzen „Neinnnn!“s waren laut genug. Wir hatten es in der Hand, um in der 2. Halbzeit genug Tore zu schießen. Immernoch 1:1, die Zeit rannte uns weg. Nur noch 10 Minuten, was unter Umständen viel oder aber auch sehr wenig Zeit sein kann \“ entweder um ein Tor zu schießen oder um sich von einem gegnerischen zu erholen.

Bis in die Haarspitzen konzentriert schauten wir dabei zu, wie die Sekunden eiskalt herunter liefen. Wieder einmal ein Bukarester Angriff. Wenn man vom schnellen Ausgleich mal absieht, war es nicht unbedingt Weltklasse, was sie hier ablieferten. Ein Pfiff durchschnitt die zum Schneiden dick gewesene Luft \“ das konnte doch jetzt nicht wirklich ernst gemeint sein. Oh doch. Elfmeter. In der 80. Minute. Bärendienst hast du uns da erwiesen, Maza.

„Ulle! Ulle! Ulle!“ – es half nichts. Die Rumänen jubelten und uns blieb nichts anderes übrig, als uns bewusst zu werden, das dies vermutlich das Ende ist. Wer 75 Minuten lang immer wieder am eigenen Unvermögen scheitert, wie sollte man da noch den Karren aus dem Dreck ziehen können? Es wurde still in der Cannstatter Kurve, wie im Rest des Stadions auch. Die Enttäuschung waberte langsam aber sicher vor sich hin und ergriff jeden, ob man sich nun mit fast schon krampfartigen Schmerzen auf den Beinen hielt oder bruddelnd auf einem gepolsteren VIP-Sitz hockte. „Das wars“, dachte man. Man dachte.

Der Fußballgott kann ein unheimlich gemeines Biest sein, eine widerspenstige Hure, ein bockiges Kind. Aber er kann auch ab und zu Mal Engelsflügel haben und den Menschen Hoffnung schenken, die sie bereits verloren hatten. Noch waren 5 Minuten zu spielen. Gewurschtel im Bukarester Strafraum, unmittelbar vor unseren Nasen. „Schieeeeeß dooooch!“. Der Ball bei Cacau, die Flanke vors Tor. Da stand er, Georg Niedermeier, alias „Der Niederstrecker“, er trägt den Spitznamen zurecht.

Bis auf sein Tor damals gegen Wolfsburg, das mir bis heute immer wieder Gänsehaut macht, trifft er fast nur per Kopf \“ selbst wenn der Ball nur kniehoch bei ihm ankommt, abtauchen und drauf mit der Rübe. Fast in Zeitlupe sahen wir den Ball fliegen, es zappelte im Netz. Die Begeisterung brach aus uns heraus. Er rannte zur Kurve, sprang auf die Bande und stand für gefühlte Minuten still auf der etwa 10 cm breiten Wand, die Arme weit ausgestreckt. Wenn es einen Inbegriff für die positive Entladung von Frust gibt: es muss etwa so aussehen.

Die Kamera hatte ich im Anschlag \“ in der rechten Hand, den Zeigefinger auf dem Auslöser. Habe ich die Gunst der Stunde, nein, Minute, nein auch nicht, Sekunde, genutzt? Habe ich in dem einen Moment, in der er einen auf Mario Balotelli machte, ein Foto gemacht? Nein. Ich vergaß meine Aufgabe als Fotografen und brüllte einfach nur in seine Richtung. So sehr ich meine ehrenamtliche Aufgabe als vfb-bilder.de-Fotografin ernst nehme, in diesem Moment war ich nicht mehr Herrin meiner Emotionen, alles musste raus, was keine Miete zahlt.

Wieder der Blick zur Uhr. Doch diesmal kein ängstlich-beunruhigter, im Gegenteil, ein hoffend-betender. Dort, wo wir schon so oft mit den Jungs feiern durften, taten sie in diesen letzten verbleibenden Minuten alles, um uns an den Rand der Verzeiflung zu bringen. So manch einer wäre zu gern über die Bande gesprungen und hätte die Großchancen verwertet, die der VfB im Sekundentakt sträflichst liefen ließ. Auch der Bukarester Torwart hatte einen guten Tag und schmiss sich in alles, was seinem Tor zu nahe kam.

Am Spiefeldrand wurde derweil die Tafel hochgestreckt, 3 Minuten Nachschlag gibts oben drauf durch Freistöße und den Elfmeter 10 Minuten zuvor. Sekunden vor Schluss haben nicht gerade Wenige die Jubelfaust schon in der Luft gehabt, bevor uns klar wurde, dass es beim 2:2 bleiben würde. Gleich mehrere Stuttgarter direkt vor dem gegnerischen Tor, doch der Ball war nicht drin. Alles Schreien, Hoffen und Beten nützte am Ende rein gar nichts. Unsere Moral würde kein weiteres Mal belohnt werden.

Leiser Frust beim Abpfiff, das wars, keiner war so recht zufrieden mit dem Ergebnis. Es wäre wahrhaftig mehr drin gewesen als ein Remis \“ doch wer so viele Chancen liegen lässt, kann eben nicht als Sieger vom Platz gehen. Immer wieder das selbe leidige Thema, wie oft macht es sich der VfB am Ende selbst so schwer. Das Spiel hätte zum hohen VfB-Sieg werden können. Uns ist dennoch bewusst, dass es genauso gut hätte auch verloren werden können, wenn Niedermeier nicht ein weiteres Mal zum Niederstrecker geworden wäre.

Ich war ganz und gar unzufrieden. Wohlwollend klatschte ich dennoch den Jungs zu, die mit hängenden Köpfen in die Kurve gegangen waren. Das war kein Remis, das grade noch so gerettet wurde, das waren schlicht un ergreifend 2 unnötig liegen gelassene Punkte, die am Ende den kleinen Unterschied zwischen Europa und Boden der Tatsachen ausmachen können. Wir verabschiedeten uns schon rasch darauf und liefen heim, wo ich bis nach Mitternacht noch meine Bilder bearbeitete.

Frust und Enttäuschung, damit würde es beim nächsten Ligaspiel in Bremen nicht gerade einfacher werden. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Moral schon wesentlich präsenter war als bei den 3 bisherigen Ligaspielen. Wenn dann noch eine ansprechende Torgefahr und vor allem Chancenverwertung hinzu kommt, gepaart mit dem nötigen Quäntchen Glück, dann dürfen auch wir wieder in Liga, Pokal und Europa unsere Erfolge feiern. Oh, wie wär das schön.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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