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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Schlimmer geht’s (n)immer

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Zwei Tage zum Abreagieren musstet ihr mir schon zugestehen. Heute breche ich mein Schweigen \“ um immernoch sprachlos zu sein. Fassungslos denke ich heute an das zurück, was sich uns am Mittwoch Abend offenbarte. Wie die Spieler und der Trainer habe auch ich keine Erklärung dafür. Schon die ganze Saison warten wir bisher vergebens darauf, dass der Knoten platzt. Die Statistik stimmte uns optimistisch, der Glaube an den ersten Dreier war da. Er hielt 5 Minuten.

Ich habe ja in den paar Jahren, die ich für und mit dem VfB nun schon unterwegs bin, schon einige bittere Spiele erlebt, war voller Hoffnung, sah viel Enttäuschendes und ging so oft geknickt nach Hause. Es liegt in der Natur eines Fußballvereins, dass er unmöglich alle Spiele gewinnen kann, doch überhaupt mal eines in der Bundesliga zu gewinnen, darauf wartet unser Verein für Bewegungsspiele von 1893 bis heute.

Nun sitze ich hier und muss mich gezwungenermaßen an etwas erinnern, woran ich mich nicht erinnern will. Oh Schmerz, das Herz. Es hat gelitten am Mittwoch Abend, der Frust, die Enttäuschung und das Unverständnis sind zurückgeblieben, lange nachdem die Mannschaft in den Katakomben des Neckarstadions verschwunden war. Gibt es ein Patentrezept für Momente wie diese, die es einem leichter machen, mit so etwas umzugehen, die einen nicht davon verrückt werden lassen?

Ausgerechnet Hoffenheim. Wer glaubte, es könne in dieser Saison nicht mehr schlimmer kommen, sah sich schnell getäuscht. Nach der äußerst heftigen Schelle in München blieb ich entspannt und besann mich darauf, dass es unmöglich schlimmer kommen könnte. Ich hatte mich getäuscht. Der verletzte Stolz unzähliger Württemberger und den \“Neig’schmeggdn\“ bereitete uns allen mindestens eine schlaflose Nacht.

Ich weiß gar nicht mal richtig, wie ich die richtigen Worte finden soll. Dafür gibt es keine. Offiziell: VfB Stuttgart 0, Hoffenheim 3. Oder auch: Schlimmer geht’s beim VfB anscheinend doch immer. Doch war es nicht das Ergebnis allein, das uns Sorgenfalten bereitet, sondern vielmehr die Art und Weise, wie dieses zu Stande gekommen ist. Mit \“Arbeitsverweigerung\“ könnte man es noch am Schnellsten formulieren. So sieht es aus, wenn fast niemand \“ bis auf Sven Ulreich, die ärmste Sau auf dem Platz \“ das tut, wofür er fürstlich bezahlt wird.

Was soll man groß sagen. Wie bereits geschrieben, ich will mich im Grunde nicht daran erinnern \“ mein Engagement und Pflichtbewusstsein für meinen Blog und meine Leserschaft tue ich es dennoch, das Hochholen all der schlimmen Gedanken und Gefühle, es macht mich kirre. In weniger als 24 Stunden werde ich schon dabei sein, den nächsten Spielbericht zu schreiben, morgen um 8 Uhr in der Frühe ist Abfahrt nach Nürnberg. Was uns dort erwartet: etwas Besseres? Geht es wirklich nicht noch schlimmer?

Wie schon gegen Bukarest und Moskau startete ich direkt vom Geschäft aus, in einer überaus geschäftigen Woche war schlichtweg keine Zeit, um vorher nach Hause zu gehen. Mit dem Bauchtäschle vorne dran, gefüllt mit meinen Stadionutensilien, bahnte ich mir meinen Weg am Wasen entlang, wo zum Zeitpunkt dieser Blog-Veröffentlichung das Volksfest startete. Vor Ort die selben lieb gewonnenen Leute wie jedes Mal.

Mit Sicherheit war ich nicht die Einzige, die das Gefühl hatte, dass es gerade das Spiel gegen Hoffenheim ist, was uns den lang ersehnten ersten Sieg in der Bundesliga bescheren würde. Das dachte man auch schon gegen Düsseldorf, als man zwar schon unten in der Tabelle stand, es doch aber noch nicht allzu übel ausgesehen hatte. Im Beisein der Fanclubleute konnte es losgehen, gegen die Hoffenheimer, die von uns nur Spott und Häme bekommen.

Es war eigentlich wie immer. Man kannte die Leute, den Block, das Stadion, die Mannschaft und die Gesänge in der Kurve. Und dennoch fühlte sich 90 Minuten alles so befremdlich an, gerade die Jungs haben wir praktisch nicht wieder erkannt. Doch was war denn nur geschehen? Wie konnte es passieren, dass Hoffenheim bereits nach 3 Minuten in Führung geht? Wie konnte es passieren, dass das 0:2 und das 0:3 direkt vor der Kurve fallen und wir dabei zusehen musste, wie die Jungs jegliche Arbeit verweigert hatten?

Was ist geschehen? Womit haben wir Fans das verdient? Was geht in deren Köpfen vor? Wie war es möglich, das binnen weniger Monate ohne den Abgang wichtiger Stammspieler scheinbar das komplette Gefüge zerbrach? Warum kämpften sich nicht? Warum rannten sie nicht? Warum haben sie sich nur so schnell aufgegeben? So viele Fragen. Keine Antworten. Nur ein stilles Schweigen, ein ratloser Blick und ein gebrochenes Herz.

Mag sein, dass ich mich mit dieser Behauptung äußerst weit aus dem Fenster lehne: es hätte keinesfalls so weit kommen müssen. In den ersten paar Minuten kam der VfB bereits zu Chancen, hätten sie da das Tor gemacht… tja, wer weiß, wie dieses Spiel dann ausgegangen wär? Und ich würde hier nicht voller Sorge sitzen und gerade zu Angst vor dem haben, was da auf uns zukommen könnte. Aber es hat mal wieder nicht sollen sein. Ohne dem Schicksal die Schuld daran zu geben, es war die Mannschaft selbst, die entschieden hatte, zu verlieren.

Wie auch beim Bericht zum Spiel in München verzichte ich auch offensichtlichen Gründen darauf, mir das alles in mühsamer Kleinstarbeit bei vfbtv anzuschauen und zu analysieren, live dabei gewesen zu sein war an sich schon Strafe genug. Als ich 2009 Dauerkartenbesitzerin wurde, verdrängte ich eine Zeit lang, dass es auch solche Tage geben wird, dass es solche Spiele auch mal über Wochen hinweg geben wird, und man schier verzweifeln und jedes Mal aufs Neue eigentlich nicht nochmal hingehen will \“ um sich dann doch wieder brüllend im Stehblock wieder zu finden. Wo die Liebe hinfällt, wächst ja bekanntlich kein Gras mehr.

Ich hätte es irgendwie ahnen müssen, schon die Platzwahl lief schief. Wo wir sonst immer gewohnt waren, dass Sven Ulreich kurz vor Anpfiff in unsere Richtung gelaufen kommt und sie somit im zweiten Durchgang zur Cannstatter Kurve spielen würden, war es umgekehrt. Ein Omen? Im Block sichtete ich einen \“Acht Zehn Drei Und Neunzig\“ Pullover, jenes Motiv, was auch ich mir wenige Tage zuvor im Internet bestellte, beim geschätzten Blogger und Twittererkick Philipp, auch bekannt als \“El Pibe\“, Gründer und Macher der Seite Kick-S, einem Portal über den Stuttgarter Fußball, definitiv lesenswert.

Dass ausgerechnet er selbst das war, wusste ich nicht mit Sicherheit, doch ich ahnte es. Ich schaute ihn an, er schaute mich an. \“Bist du die Ute?\“ – \“Bist du der Philipp?\“. Welch schöner Zufall. Was folgte, war weniger schön: das Gegentor nach 5 Minuten. Das konnte doch nicht wahr sein? Schon zu Beginn machte das Stimmungsbarometer des Neckarstadions einen gewaltigen Knick nach unten, es erholte sich nicht mehr an diesem Abend. Philipp, ich hoffe unser nächstes Wiedersehen fängt nicht auch so an.

Offenbar stand die Mannschaft unter Schock, oder anders, sie wusste beim besten Willen auf einmal nicht mehr, was zu tun war. Gerade ein paar wenige Monate sind vergangen, dass der VfB dafür ligaweit bekannt war, nach einem Rückstand noch hoch gewinnen zu können, nichts von alledem ist geblieben. Was wir sahen, war einfach nur ein unkoordinierter Hühnerhaufen ohne Konzept, ohne Kopf, ohne Wille. Leblose Körper wurden nur von den Stollen am Schuh am Rasen festgehalten, wie sie ohne Rückgrat überhaupt noch aufrecht stehen konnten (von Laufen konnte keine Rede sein), ist mir ein anatomisches Rätsel.

Fassungslos. Das Wort habe ich schon in diesem Bericht verwendet, und ich werde es wieder verwenden. Fassungslos sahen wir dabei zu, wie nichts, aber auch wirklich gar nichts funktionierte. Wenn nicht einmal Pässe über einen Raum von 2 Metern nicht ankommen und der Gegner schon wieder beim Kontern ist, darf man sich als Fan zurecht fragen, ab welchem Maß seelischer Grausamkeit einem das Geld für die Dauerkarte ganz oder teilweise zurück erstattet wird.

Das Maß war schon jetzt voll. Doch: es war ja gerade einmal Halbzeitpause. Kopfschüttelnd stand ich da, den einen Kumpel Marco direkt neben mir, den anderen Marco ein paar Meter weiter \“ beiden stand das Grauen ins Gesicht geschrieben. Besorgt schaute ich auf mein Telefon, ob mich eine Nachricht von Felix aus dem Block 37 erreicht hat, so etwas wie \“Schnauze voll!\“ oder \“I gang jetzt hoim!\“. Nichts dergleichen, noch nicht.

In Bremen schaffte es die Mannschaft, aus einem recht ausweglos scheinenden 0:2 zur Pause noch ein 2:2 zu machen, es war das einzig positive, was ich noch glauben konnte, als es langsam anfing mit regnen. \“Nur\“ 0:1 gegen Hoffenheim, was an sich ja schon schlimm genug ist, aber es war noch nicht vorbei. Das war es wirklich nicht, doch nicht so, wie wir gefleht hatten.

Kurz nach Wiederanpfiff fiel das 0:2, die ersten Massen auf Haupt- und Gegentribüne setzten sich in Bewegung, vereinzelt sah ich ein paar frustrierte Gestalten in der Kurve an mir vorbei stapfen, mit hochrotem Gesicht und bruddelnd bis zum geht nicht mehr. Ich würde ja nie vorzeitig das Stadion verlassen, aber Verständnis in diesem Moment hatte ich vielleicht ein kleinen wenig. Auch die Stimmung in der Kurve erholte sich nicht mehr, kaum mehr Beteiligung an den Gesängen, kaum noch Klatschen, das bis zu unserem Block 33 hinüber reichte.

Auch bei den Jungs schien der Wille gebrochen, das 0:3 fast nur noch Formsache. Immer mehr flüchteten vom Ort dieser Schmach, nur die Hartgesottenen blieben zurück, aber auch nur, um ihren Unmut laut kund zu tun. Das Pfeifen wurde immer lauter und lauter, die Wut konnte man spüren, in sich selbst und um sich herum. Ausgerechnet Hoffenheim, für die gerade einmal 400 \“Sympathisanten\“ mitgereist sind und die einen ähnlichen Sympathiestatus besitzen wie Steuererklärungen, hohe Benzinpreise und Durchfall \“ und das ist noch höflich ausgedrückt.

Der Blick auf die Uhr verhieß uns nichts Gutes. Mit der Einstellung ein 0:3 aufzuholen, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit werden. Dem Spiel war nichts Positives abzugewinnen. So verstrichen die Minuten, in der Hoffnung, dass es bald vorbei ist. Es waren mit Abstand die frustrierensten Minuten, die ich je hier erlebt habe \“ schlimmer als das 3:5 gegen München, das 2:4 gegen Kaiserslautern und das 0:1 gegen Köln. Ich habe hier ja schon einiges erlebt, aber eine herbe Niederlage gegen den Retortenklub sponsored by SAP, noch nicht.

Es war still geworden in der Kurve, auch die Vorschreier stellten weitgehend das Einheizen ein, es nützte ja immerhin nicht das Geringste. Hängende Köpfe, leere Gesichter, niedergeschlagene Fans \“ bis einer das Mikrofon ergriff und uns Mut machte. Wie scheiße es gerade laufen würde und dass es schlimmstenfalls dazu kommen könnte, dass unser geliebter VfB in die 2. Liga absteigen muss, sich schon bald keiner mehr für den Verein interessiert und es dennoch dann eben jene geben wird, die immer noch hier sein werden. Wir. Für immer Cannstatter Kurve!

Die erste Niederlage in der Geschichte dieser Begegnung besiegelte somit den schlechtesten Saisonstart der Vereinsgeschichte. Schon ernüchternd, wenn man genau darüber nachdenkt. Man hatte sich so viel vorgenommen, sowohl die Fans als auch die Mannschaft, zumindest behaupteten sie das. Wie es soweit kommen konnte, dass ein kollektives Versagen eine solche Vorstellung ergeben konnte, will mir einfach nicht in den Kopf.

Wäre dieses Spiel vielleicht nur unglücklich oder unverdient verloren gegangen, hätte die Gefühlslage ein wenig anders ausgesehen, es wäre lediglich Frust über ein paar dumme oder fahrlässige Aktionen innerhalb von 90 Minuten, doch wie willst du 90 Minuten Totalversagen schnell verdauen? Von Vergeben mal ganz abgesehen? Sie ahnten vielleicht schon, was ihnen blüht, wenn sie in die Kurve gelaufen kommen. Es wurden jedenfalls keine Rosen verteilt.

\“Kommt, kommt, kommt\“ skandierte die Kurve, immer wieder laute Pfiffe, wie ich sie schon lang nicht mehr so laut hier hab hallen hören. Bis auf wenige Meter kamen sie heran und mussten sich unseren Unmut anhören. Schnell trotteten sie wieder von dannen, an ihren Schuhen die Schande, in ihren Köpfen hoffentlich früher oder später die Gewissheit, dass es so nicht wieder passieren darf. Unter gar keinen Umständen.

So schnell war ich selten aus dem Stadion heraus. Ich wollte so schnell wie möglich weg von dieser Schmach, ohne große Verabschiedungszeremonien liefen wir heraus, trafen noch ein paar Bekannte und schlichen im Trauermarsch gen Heimat. Ich bearbeitete meine Bilder noch bis nach Mitternacht, konnte danach aber kaum schlafen. Wohin führt der Weg, VfB? Eine Erklärung für das, was gegen Hoffenheim passiert ist, habt ihr nicht. Dann zeigt es uns doch gleich in Nürnberg.

Wir erwarten ja nicht, dass der VfB jedes Spiel gewinnt, dass er jedes Jahr um die Champions League spielt und jeden Gegner nach Belieben vorführt. Nein, wir sind Schwaben und manchmal auch mit wenig zufrieden. Aber wir wollen, dass sich unsere Mannschaft den gottverdammten Arsch aufreißt und sich zumindest anstrengt. Das ist nicht zu viel verlangt für uns Fans, die immer hinter der Mannschaft stehen. Mögen unsere Worte \“Kämpfen oder gehen!\“ schon sehr bald Früchte tragen.

Für immer Cannstatter Kurve, für immer VfB, für immer mein Verein, meine Liebe, meine Leidenschaft, mein Leben. Durch dick und ganz ganz dünn, mit euch zusammen.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

8 Kommentare

  1. So genial geschrieben. Wir woll’n euch kämpfen seh’n!

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