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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Mehr Last als Lust

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„Stuttgart international, kann man nur besoffen sehen!“ – dann reiche man mir bitte geschwind den harten Stoff herüber, denn ich kann es langsam tatsächlich nicht mehr sehen. Vermutlich wars das wohl mit Europa, eine Erkenntnis, die auch wenige Tage später schwerer wiegt, als ich mir eigentlich zugestehen will. Ein Heimspiel gegen Kopenhagen ohne Tore und ohne positive Aussichten, über die Gruppenphase hinaus im Wettbewerb zu bleiben. Eine herbe Enttäuschung an einem gebrauchten Abend.

Enttäuscht. Halb angelehnt, halb sitzend auf den kalten Metallsitzen, die man fürs das Europa League Spiel aufgebaut hat, ließ ich mich von meiner besseren Hälfte trösten, der nur wenig aufbauende Worte in meinen Kopf heranbringen konnte. Einer der Wenigen, die immer stets positiv eingestellt sind, immer an das Beste glauben und niemals verzagen. Er sah Optimismus, wo keiner mehr war.

Wütend und frustriert liefen wir heim in jener Nacht, selten hatte ich so wenig Lust verspürt, zu später Stunde unter der Woche noch Bilder aufzuarbeiten von einem solchen Spiel. Es nützte nichts, ich bruddelte leise vor mich hin, während Felix schon lange schlief. Ein enttäuschender Abend: enttäuschendes Spiel, enttäuschende Stimmung, enttäuschende fotografische Ergebnisse, zumindest von meiner Warte aus.

Zwei Tage sind seitdem vergangen, meine Laune hat sich trotz des plötzlichen Wintereinbruchs zwar etwas gebessert, doch plagt mich immernoch der Frust über vergebene Chancen und liegen gelassene Möglichkeiten. Wie die Möglichkeit, überhaupt international zu spielen zu dürfen. Auf keinem Fall bin ich die erste, die sich die Frage stellt, ob diese (Noch-)Dreifachbelastung aus Bundesliga, Europa League und DFB-Pokal nicht zu viel ist für den dünn besetzten Kader. Viele Fragezeichen über dem VfB, das vergebliche Warten auf Antworten.

Dabei war man sich doch eigentlich einig, „man müsse einfach nur so spielen wie in Hamburg„. Es hätte der lang ersehnte Befreiuungsschlag in der Europa League werden können. Denke ich an die Stunden vor dem Spiel, so wa ich ja noch optimistisch gewesen. Ich brach direkt vom Geschäft aus auf, komplett schon in Stadionkluft mit Bauchtäschle und Schal und fuhr von Böblingen aus mit meiner langjährigen Bekannten Julia, die ich im Sommer 2008 bei meinem ersten Besuch auf dem Trainingsgelände kennenlernen durfte.

Im Hellen stiegen wir in die S-Bahn, im Dunklen stiegen wir in Cannstatt wieder aus, wo sich unsere Wege trennten und ich schnellen Schrittes zum Stadion eilte. Offensichtlich würde es leer werden, das ahnte ich schon, ohne die tatsächliche Anzahl verkaufter Karten zu kennen. Lediglich 15.300 Zuschauer verirrten sich hierher an einem Donnerstag zu einer unchristlichen Uhrzeit: 21:05 Uhr.

Wessen Weg nach Stuttgart weit ist, oder wer für Arbeit oder Schule früh aufstehen muss, für den war ein zu erwartender Grottenkick einfach keine Reise wert \“ Schande, wenn man bedenkt, wie oft in jedem Jahr laut nach internationalen Ansprüchen geschrien wird, und der VfB in jenen schweren Stunden einfach fallen gelassen wird, wo er die Geduld und den Zuspruch der Fans am Meisten braucht.

„Bringt eh alles nichts!“ wird in solchen Momenten gern vorher gesagt, „Siehste, hab ich doch gesagt“ hinterher \“ kaum auszudenken, was wäre, wenn es mal wieder ausverkauft wäre. Wie wär das schön. Ein Heimspiel verpassen, für uns unvorstellbar. Manch anderen fällt diese Entscheidung anscheinend recht weiter, ein einheitliches Bild leerer Sitzschalen.

Ich schäme mich fremd für jene, die ohne jede Not daheim geblieben waren \“ sie werden zum Heimspiel gegen Bayern und Dortmund aus ihren Löchern kriechen und bei Auswärtsspielen im tiefsten Winter den Kopf über jene schütteln, die aus unerschöpflicher Leidenschaft und grenzenloser Liebe für ihren Verein überall hingehen würden.

Heute gesellte ich mich wieder zu den Jungs und Mädels unseres Fanclubs, während Felix wie immer die andere Seite des harten Kerns „bearbeiten“ sollte, nur so können Fotos aus verschiedenen Perspektiven entstehen, auch wenn es keineswegs einfach ist, das Spiel über nicht bei einander sein zu können.

Die Augen waren an diesem Abend ganz Besonders auf einen gerichtet: William Kvist, 19 Jahre spielte er in Kopenhagen, seit Beginn der letzten Saison bei uns im Schwabenländle. Seine alte Liebe zu Gast im Neckarstadion, ohne jeden Zweifel für jeden Spieler etwas Besonderes, der die meiste Zeit seiner aktiven Karriere bei einem Club gespielt hat. Er soll in unserem Spiel der Denker und Lenker sein, ob es ihm gegen den FC Kopenhagen gelingt, vermochte zuvor keiner zu sagen.

Der Schiedsrichter führte beide Mannschaften aufs Feld, in der Kurve wehten Fahnen, Schals wurden in die Höhe gestreckt. Auch, wenn nicht viele da waren, so wollte die Cannstatter Kurve ihr Möglichstes tun, die anderen mitzureißen. Es sollte nur bedingt gelingen, doch wen wundert es, wenn 40.000 leere Plätze die Stimmung nicht kochen lassen. Auch begünstigt durch die denkbar schlechte Ausgangslage mit einem von 6 möglichen Punkten, hätte es uns allen und nicht zuletzt der Mannschaft gut getan, hier ein Erfolgserlebnis zu erarbeiten.

Die ersten Minuten waren vergangen, ohne auch nur den Hauch von Spannung aufkommen zu lassen. Etwas derart Uninspiriertes und Schwaches habe ich zuletzt an jenem traumatisierenden Abend gegen Hoffenheim gesehen. Mehr fällt mir dazu auch leider nicht ein. Viel gesehen hat man nicht, und das lag nicht an einer versperrten Sicht. Einfach nur fad und langweilig, ohne Druck, ohne Ideen, ohne Plan. „Laaaaaaangweilig!“ hörte man aus den Reihen hinter mir.

Das ließ auch jeden noch so engagierten Vorschreier verzweifeln, wie willst du auch für Stimmung sorgen, wenn es den Einen oder anderen scheinbar überhaupt nicht bockt, wie man so schön sagt. Hier mal ein bisschen singen, da mal ein bisschen hüpfen, Schals wedeln, Fäuste hoch, doch auch die Fans waren wenig angetan von dem, was sie von der Mannschaft geboten bekommen haben. Eine gewisse Lethargie machte sich breit. Ins Bild passte natürlich da ein einziger ernsthafter Torschuss in der ersten Halbzeit.

Nach einer halben Stunde hätte es beim genauen Hinsehen sogar Elfmeter geben können, groß moniert wurde allerdings nicht \“ kein Wunder, war es ja vor der Untertürkheimer Kurve, in der nur wenige Sitzschalen besetzt waren. Kurz vor der Pause gerieten wir dann doch noch einmal kurz in Panik, als Kopenhagen einen ihrer seltenen Angriffe startete, die gerade noch so entschärft werden konnten. Das war auch schon alles im ersten Durchgang. Das kann doch nicht euer Ernst sein?

Die ersten leichten Unmutsbekundungen begleiteten die Jungs in die Kabine, in denen sie sich ernsthaft hinterfragen sollten, was sie von sich selbst und von diesem Spiel erwartet hatten und warum sie dies bisher nicht zielgerichtet umsetzen konnte. Es stand 0:0 zur Halbzeit gegen den vermeintlich schwersten Gruppengegner, es war im Prinzip noch genug Zeit, entsprechend zu agieren und gegen hinten drinnen stehende Dänen die richtigen Nadelstiche zu setzen. Doch hatten sie dazu überhaupt die Lust?

War diese Dreifachbelastung einfach zu viel? Warum aber haben sie sich in der vergangenen Saison so abgemüht, um ins internationale Geschäft zu kommen? Nach einer wie eigentlich immer schwierigen Hinrunde rafften sie sich auf und kamen auf Platz 6, wo sie nun gegen die Besten Europas spielen dürfen. Ein Privileg, möchte man meinen, und eine Ehre. Davon gesehen hat man bislang nicht viel, oder, gelinde gesagt, gar nichts.

Tage wie diese sollten Feiertage sein, an denen gerade dann die Menschen ins Stadion strömen. Natürlich sind Kopenhagen, Molde und Bukarest nicht die ganz großen Namen, doch etwas mehr Engagement von Fans und Mannschaft hätte man ohne Widerrede erwarten können. Noch gab ich die Hoffnung nicht auf, schlürfte wie immer meinen Eistee und sehnte mich nach wärmeren, festen Schuhwerk. Seit die Sonne unterging, ist es spürbar kalt geworden.

Mit dem Wiederanpfiff sollten sie dann in Richtung Cannstatter Kurve spielen, vor den Augen der Treuesten, die Woche für Woche dabei sind, wenn es um Punkte oder ums Weiterkommen geht. Der zweite Durchgang sollte dann auch tatsächlich aufregender werden, nur nicht so, wie wir es uns erhofft hatten, in Form von Torjubel, sondern in Form von wortwörtlicher Aufregung. Ein weiteres Mal großer Frust über die Fehlentscheidungen des Schiedsrichter-Gespanns.

Zur Pause war Neuzugang Tunay Torun für den seit Wochen bockstarken Raphael Holzhauser gekommen, den wir dringend gegen Frankfurt benötigen, er geriet auch sofort ins Blickfeld der Zuschauer und sorgte für den ersten richtigen Zündstoff der Partie. Ein Abpraller kurz nach Wiederanpfiff geriet direkt vor seine Füße, bevor er uns das sehnlichst erwartete 1:0 hätte bescheren können, wurde er rüde gefällt. Sind 15.000 Zuschauer zwar nicht besonders laut, sie waren es garantiert in diesem Moment.

Wildes Pfeifen, wütendes Gestikulieren, ich wartete auch den direkt folgenden Jubel, der da hätte bedeutet „Elfmeter“. Der Jubel blieb aus, die Wut wurde noch größer. Er gab den fälligen Strafstoß nicht und zeigte dem Türken zum Gipfel der Empörung auch noch Gelb für eine vermeintliche Schwalbe. Wozu gibt es eigentlich bei internationalen Spielen weitere 2 Schiedsrichter auf der Torlinie, wenn sie dabei tatenlos zusehen und billigend diese Fehlentscheidung durchwinken? Es waren gerade einmal 2 Meter, die er entfernt stand.

Im Gegensatz zur inspirationslosen ersten Hälfte, war der zweite Durchgang wesentlich engagierte, aber genauso erfolgreich: nämlich null. Null Tore. Die Zeit lief gegen uns, wir sollten dieses Spiel gewinnen, wenn wir uns die Chancen aufs Weiterkommen erhalten wollen, es sieht zappenduster aus am Ende der Tabelle. Bei der Auslosung freute man sich, gegen Bukarest und erst recht gegen Molde rechnete man schon mit sicheren 6 Punkten, tatsächliche Ausbeute: 1 Punkt.

Viel erinnern an den genauen Hergang der letzten Minute kann ich mich leider mittlerweile nicht mehr. Was ich noch weiß: hinten standen sie relativ sicher, was ja auch schonmal nichts schlechtes war, doch nach vorne spielten sie es nicht intelligent genug zu Ende. Man spielte es aus dem Mittelfeld eigentlich ganz geschickt heraus, auf den letzten Metern vor dem Tor schien sie allerdings die Angst zu lähmen und so landeten sämtliche Bälle entweder im Ballfangnetz vor der Cannstatter Kurve oder direkt in den Armen des dänischen Keepers schwedischer Abstammung.

Neben mir tauchten auf einmal ein paar finstere Typen auf, die mir ein wenig Angst machten und mir leider auch die gute Sicht auf den harten Kern der Cannstatter Kurve versperrten. Ich tat mein Bestes, doch war mir vielmehr daran gelegen, endlich das so dringend benötigte Tor im Netz einschlagen zu sehen. Ein dreckiges 1:0 hätte gereicht, schmutzig, unverdient, glücklich. Egal, irgendwie, irgendwer, zur Not auch Sven Ulreich in der letzten Minute, die schon fast angebrochen war.

Es hat am Ende nicht sollen sein. Auch 3 Minuten Nachspielzeit gingen torlos zu Ende, Kopenhagen war damit sichtlich mehr geholfen als uns, die Reaktionen auf dem Feld und auf den Rängen klar verteilt. Mit dem Abpfiff setzte endgültig die Aufbruchsstimmung ein, viele eilten direkt nach draußen, ein paar blieben noch da für ein kurzes, verhaltenes und bestenfalls aufbauendes Klatschen. Den Meisten wird bewusst gewesen sein, dass dies das offensichtliche und vorzeitige Ende unserer Europa League Saison 2012/2013 gewesen sein dürfte.

In weniger als 2 Wochen reisen wir mit dem Bus nach Kopenhagen, gebucht haben wir bereits vor Monaten. Bittere Tatsache, dass es der VfB selbst bei einem Sieg kaum schaffen kann, noch auf den 2. Platz zu kommen, ich erspare mir deshalb auch an dieser Stelle jegliche Rechnerei, welche Mannschaft gegen wen wie spielen müsste \“ traurig aber wahr, dass dieser offensichtlich lustlose VfB scheinbar kein Interessiere daran hat, der „Belastung“ durch die Europa League über die Gruppenphase hinaus stand halten zu wollen. Bitter für uns Fans \“ wir lieben solche Spiele, und erst recht die spektakulären Auswärtsfahrten.

Am Oberrang wurde der Banner „VfB-Fans für den Erhalt der Fankultur \“ gegen das DFL-Maßnahmenpapier“ zusammen gepackt, auch wir machten uns allmählich auf den Weg nach Draußen. Auf den Stufen nach oben zum Block hinaus sah ich 2 junge Männer, die tapfer auf ihren Sitzen verharrten, einer der Ordner stand bei ihnen und bat sie, zu gehen \“ „Nein, wir bleiben so lange sitzen, bis der VfB ein Tor schießt!“, wie gern wir es gesehen hätten.

Mittlerweile ist es Samstag Abend, bald setze ich mich vor den Fernseher und schaue mir die Sportschau an, gefüllt mit Spielen jener Mannschaften, die scheinbar durch die Bank weg ihren Fans weniger Kummer zufügen als unsere Mannschaft uns selbst. Eine äußerst subjektive Sichtweise, nicht wahr? Es ist selten einfach, VfB-Fan zu sein, man wird enttäuscht und sieht teilweise wochenlang nur grauenhafte Leistungen des Vereins, den man über alles liebt. Es ist nicht immer leicht. Aber so ist die Liebe manchmal eben.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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