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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Von verlorenen Zähnen und verlorenen Wetten

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Die Zeit stand still für einen kurzen Augenblick. In jenem Moment, als sich die weiße Jubeltraube zur Cannstatter Kurve bewegte und alles in Wallung brachte, schien es wie in Zeitlupe abzulaufen. Menschen fielen über einander her, Bierbecher flogen durch die Luft, alles schrie, Momente der Freude, Momente des Glücks. Warum bin ich Fußballfan? Für Momente wie diese.

Felix wird mich wahrscheinlich die nächsten Wochen (und Monate) an meine Worte vom vergangenen Donnerstag erinnern. Vom Stadion bis nach Hause sind es zu Fuß etwa 15-20 Minuten, je nach maximal möglicher Schrittgeschwindigkeit. Nach dem unheimlich frustrierenden 0:0 gegen Kopenhagen bruddelte ich die komplette Strecke lang, drohte mit Verschenken meiner Dauerkarte und Stornierung sämtlicher Auswärtsfahrten. „Schatz, darf ich dich an deine Worte von Donnerstag erinnern…?“ – „Klappe!“

Das Grinsen steht mir auch einige Tage später ins Gesicht geschrieben. Auf so etwas haben wir in der Tat lange warten müssen. Den ersten Heimsieg in der Bundesliga brauchten wir dringend, nicht nur fürs magere Punktekonto, sondern auch für die Fans, für die Kurve, und vor allem für die Köpfe. Die bisherigen Heimspiele waren allesamt zum Vergessen. Wolfsburg, Düsseldorf, Hoffenheim und Leverkusen \“ 2 Punkte aus 4 Spielen.

Nie hätte ich es mir träumen lassen, dass die ersten 3 Bundesliga-Heimpunkte gegen die Überraschungsmannschaft aus Frankfurt zustande kommen würden. Ich war mir sicher, dass es in der Verfassung vom Kopenhagen-Spiel schwierig bis unmöglich sein müsste, etwas Annehmbares aufs Feld zu bringen. So sicher, dass ich eine Wette mit meinem guten Kumpel Marco einging \“ Wetteinsatz: ein Kaffee. Ich habe selten so gerne eine Wette verloren.

Am Sonntagmorgen erhielt Felix noch einen Anruf seines Chefs und bot ihm „für umme“ 2 VIP-Tickets inkl. Speis und Trank auf der Haupttribüne an. Da schrillten sofort die Alarmglocken. Haupttribüne plus Spiegelreflex-Kamera bei einem aus Fansicht hochgradig interessantem Spiel frohlockten. Da ich aber der Meinung war, bei entsprechend viel anreisenden Hessen würde jede Stimme in der Cannstatter Kurve gebraucht werden, entschied ich mich dagegen und ließ Felix mit seinem Arbeitskollegen allein losziehen, zusammen mit meiner Spiegelreflex-Kamera.

Die Beiden verabschiedeten sich auf die Haupttribüne, während ich den Schal eng um den Hals wickelte und durch die Parkhaus-Einfahrt vor der Haupttrüne in Richtung Treffpunkt ging. Dort traf ich meinen Wettpartner, der nochmal seine Meinung kund tat, er wäre sicher, dass wir gegen Frankfurt gewinnen. „Jaja, wers glaubt!“ – schmunzelte ich mit etwas schmerzverzerrtem Gesicht. Dabei hoffte ich so sehr, er würde Recht behalten.

Nur noch wenige Meter bis zur geliebten Cannstatter Kurve, über Umwege noch ein Cannstatter Blättle besorgt (mit einer anrührenden wie auch nachdenklich machenden Geschichte über die drohende Zukunft unseres Sports), und die Treppenstufen hinunter, die Felix als Maler und Lackierer höchst persönlich in unseren Vereinsfarben angestrichen hat. Hier bin ich Fan, hier will ich sein. Stuttgart wurde zu meiner neuen Heimat, fernab der östlichen Plattenbau-Atmosphäre \“ ich bereute es nicht eine Sekunde. Am wenigsten an Tagen wie diesen.

Die ersten Schritte die Treppen hinunter, schon konnte man ganz klar erkennen, dass die Stimmgewalt des Gäste-Anhangs heut wesentlich größer sein würde als bei den Spielen zuvor. Frankfurter Fans sind in deutschen Stadion oft der tonangebende Teil. Und als wäre das alles nicht schon respekteinflößend genug, hat die Eintracht auch noch einen Lauf, 19 Punkte aus 8 Spielen \“ mehr als doppelt so viele wie unser VfB.

Sie reisten an mit unseren Meistertrainer Armin Veh, der den VfB 2006/2007 sensationell zur Meisterschaft führte und vor so ziemlich genau 4 Jahren nach einer bitteren Klatsche in Wolfsburg seine Sachen packen musste, sowie den Ex-VfBlern Stefano Celozzi (2009 \“ 2011) und Martin Lanig (2008 \“ 2010) \“ letzterer erzielte bei Vehs letztem VfB-Spiel das einzige VfB-Tor, das ich jemals in Wolfsburg sah, zur damaligen Halbzeitführung. Warum ich das noch weiß? Ich kanns euch ehrlich gesagt nicht einmal sagen.

Während ich mit den Jungs und Mädels unseres Fanclubs ein nettes Schwätzchen hielt, ging mein Blick immer wieder rüber zur Haupttribüne, auf der ich hoffte, meine bessere Hälfte erspähen zu können, möge meine Spiegelreflex-Kamera, die er bei sich trug, an diesem Tag für schöne Bilder sorgen. Entdecken, lachen, winken, pöbeln \“ das Übliche eben.

Angeführt von Schiedsrichter Peter Gagelmann betraten die Mannschaften das Feld, das frei von Schnee und Regen prima bespielbar war. In mir brodelte es, ich war unruhig und nervös. Jeder, der behauptet, er rechne in einem Spiel mit 0 Punkten und macht sich nicht einmal für den kurzen Moment eine kleien Hoffnung, lügt. Ich hoffte und betete, konnte es mir jedoch nicht wirklich vorstellen.

Doch auch vermag es mein Verein mitunter zu Stande zu kriegen, mich äußerst positiv zu überraschen. Später sollte das Spiel in Erinnerung bleiben als eines der wenigen der Hinrunde, welches kaum Wünsche offen ließ. Ganz offensichtlich war es ihnen Ernst mit diesem Spiel, der erste Torschuss (oder war es eine Flanke?) von Raphael Holzhauser nach nicht einmal 20 Sekunden.

Es ist kein Geheimnis, dass sich der Verein mit dem roten Brustring ungleich schwerer tut gegen Mannschaften, die sich aufs Verteidigen beschränken und mit Mann und Maus hinten drin stehen, als gegen Jene, die sich aktiv am Spielbetrieb beteiligen. Die Frankfurter Eintracht gehört zu Letzteren, viel Optimismus daraus schöpfen konnte ich allerdings zunächst nicht.

Zumindest nicht bis zur 6. Minute des Spiels. Angriff der Roten vor der Untertürkheimer Kurve, schwer zu sehen von der 2. Reihe der Cannstatter Kurve aus mit einem kurzsichtigen Blick. Gotoku Sakai und Ibrahima Traoré in Co-Produktion, Traoré flankte vors Tor, die der Frankfurter Bamba Anderson unfreiwillig aus seiner Sicht ungünstig abfälschte. Da stand er, Christian Gentner, hielt volley einfach nur seinen Schlappen hin, durch die Hosenträger des völlig überforderten Keepers Kevin Trapp und bescherte uns den ersten raschen Torjubel des Tages.

Ich traute meinen Augen kaum, der Blick zum Linienrichter, er hielt die Fahne nicht nach oben. Was Tore gegen Frankfurt angeht, bin ich ja durchaus vorgeschädigt. Was fast noch viel unglaublicher war als die Tatsache, dass von der Anzeigetafel seit der 6. Minute der Stand von 1:0 herunter grüßte: sie spielten das ziemlich gut! Viel besser als ich erwartet, oder anders, als ich befürchtet habe, und zwar zu recht, die letzten Auftritte waren gerade daheim nicht immer besonders erfreulich.

Mitte der 1. Halbzeit hatten wir dann sogar etwas Glück, dass der Frankfurter Goalgetter Alexander Meier nicht präzise hinter den Kopfball kam, so dass das Spielgerät gegen das Ballfangnetz der Kurve schlug. Was machte eigentlich die Kurve? Sie gab ihr Bestes, doch trotz der 1:0-Führung wollte man noch nicht so recht in Fahrt kommen, das habe ich bereits oft schon viel besser erlebt. Was noch etwas fehlt in Stuttgart ist das Mitreißen der äußeren Blöcke der Cannstatter Kurve sowie natürlich von Haupt- und Gegentribüne und der Untertürkheimer Kurve.

Von den Frankfurtern hörte man hin und wieder etwas, jedoch nicht so viel, wie ich im Vorfeld befürchtet hatte. Nicht einmal 4.000 Frankfurter waren zu diesem Spiel am Sonntag Nachmittag angereist. Zwischen hämischen Anti-Gesängen und atmosphärischen Melodien der Kurve versank man für ein paar wenige Sekunden erneut im großen Jubel \“ Martin Harniks 2:0 zählte allerdings nicht aufgrund einer Abseitsstellung. Das wärs gewesen, 10 Minuten vor der Pause.

Was uns allen jedoch noch mehr als Christian Gentners schnelles Führungstor aus dieser 1. Halbzeit in Erinnerung bleiben sollte, war jene Szene kurz vor der Pause. Ich selbst erfuhr es erst von meiner ehemaligen Kollegin Daniela, deren Nachricht per WhatsApp trotz notorisch schlechtem Netz in der darauf folgenden Halbzeitpause zu mir durchkam. Ich konnte kaum glauben, was da zu lesen war \“ wenige Minuten zuvor lag einer unserer Spieler verletzt am Boden, die Teamärzte eilten herbei, es wurde dann weitergespielt.

Hin und wieder gibt es echte Typen beim VfB. In jüngster Vergangenheit war das da zum Beispiel Timo Gebhart, der beim entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt mit offener Achillessehne und blutigem Knöchel spielte. Und nun ist es Georg Niedermeier \“ der sich in diesem Moment im Luftzweikampf mit einem harten Frankfurter Hinterkopf einen Zahn ausschlug und dennoch bis zum Ende weiter spielte. Er hat sich durchgebissen, wortwörtlich. Die Ironie: erster behandelnder Arzt: Dr. Best.

Kurz darauf war erstmal Pause, zeit zum Durchatmen. Wie verdammt froh ich über diese Halbzeitführung war… Möge sie lange halten und bestenfalls noch ausgebaut werden. Es war unheimlich schwer zu mutmaßen, wie die 2. Halbzeit verlaufen würde, vieles hinge natürlich auch davon ab, wie die jeweiligen Trainer auf ihre Mannschaften einwirken, und auch, wie die Fans auf ihre Mannschaft einwirken.

Im 2. Durchgang würden sie in unsere Richtung spielen, ob sie den Ball wunderschön ins Tor hinein tragen oder einfach draufzimmern \“ uns soll es egal sein, solange wir die jenigen sind, die am Ende mit Jubel gesegnet sind. Man durfte in jedem Fall gespannt sein, denn ein Selbstläufer war das hier nicht, eher im Gegenteil. Harte Arbeit für Mannschaft und Fans, die 3 Punkte am Neckar zu behalten. Naives Rechnen in der Tabelle war jetzt noch strikt verboten, der Ärger wäre am Ende nur viel zu groß.

Die Massen, die sich schon vor der Halbzeitpause in Bewegung gesetzt hatten, kehrten langsam auf ihre Plätze zurück. Sie sahen teilweise nicht einmal, wie uns Martin Harnik beinahe das 2:0 beschert hätte, direkt mit dem Wiederanpfiff. Nur an die Latte, ein Raunen ging durch das mit 54.840 Zuschauern gefüllte Stadion. Tief durchatmen, Konzentration! Die Identifikation ist groß, die Erwartungshaltung allerdings auch.

Niemand will sich hier mit grauem Mittelmaß zufrieden geben, niemand außer den Verantwortlichen im Vorstand, die ihren Teil dazu beigetragen haben, dass der Kader so dünn ist und Verletzungen schwerer ausgeglichen werden können als in anderen Mannschaften. Man muss eben stets das Beste mit dem machen, was man zur Verfügung hat, das ist jedem Fan bewusst \“ doch sei an dieser Stelle natürlich auch die Frage gestattet, ob wir in den letzten Jahren nicht zielgerichtet doch hätten etwas erfolgreicher sein können.

Sie wussten durchaus, uns an diesem Nachmittag mitzureißen. Nach wochenlanger Tristesse ist der VfB wieder auf dem Weg zu alter Stärke, das spürte man auch an der Stimmung im Stadion, auch wenn diese noch deutlich Luft nach oben hat. Hüpfend parodierten wir amüsiert das Pippi-Langstrumpf-Lied der Eintracht, große Gegenreaktionen in Form von Pöbelei gab es nicht. Hatten sie bereits schon aufgegeben?

Wenige Minuten später der nächste aussichtsreiche Angriff unserer Jungs, diesmal wurde Martin Harnik aus dem Abseits zurück gepfiffen \“ Fehlentscheidung! Wie wäre das schön gewesen, auch Ibrahima Traoré verpasste Momente später den perfekten Abschlusszeitpunkt. Man spürte, dass hier noch mehr drin war als ein knappes 1:0, welches ja stets zu jeder Zeit ein gefährliches Ergebnis ist. Eine kleine Unachtsamkeit reicht dann in der Regel aus, um dir den Lohn für deine Mühen aus den Händen zu reißen. Die Kurve schrie die Mannschaft nach vorne, wir brauchten ganz dringend endlich das 2:0.

Aus dem Nichts heraus gabs dafür fast den Ausgleich, Stefan Aigner zog motiviert aus der 2. Reihe einfach mal ab, da musste sich Sven Ulreich aber ganz schön lang machen. Puuuuuh, das war ja was! Mein Blick ging herüber zu meiner Kumpeline Saskia, unser Gesichtsausdruck sprach Bände. In Momenten wie diesen bin ich unheimlich froh, dass bei uns ein guter Keeper im Kasten steht, Sven Ulreich ist der Hoffnungsträger der Landeshauptstadt.

Eine gute Stunde lang hat die Eintracht aus Frankfurt geradezu nicht statt gefunden. Zu unserem Glück, denn die Eintracht in Topverfassung hätte weitaus mehr aus diesem Spiel herausholen können, sehr zu unserem Leidwesen. Als in den Medien hochstilisierter Bayern-Jäger Nr. 1 taten sie sich lange schwer in diesem Spiel, was uns natürlich zu Gute kam.

Noch führten wir 1:0, noch war das Spiel jedoch nicht gewonnen. Die Anspannung wurde größer beim heimischen Anhang, mir wurde bewusst, dass es schon eines verdammt großen Glücks bedarf, um die Eintracht über die kompletten 90 Minuten förmlich auszuknocken. Es wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein \“ mein böses Bauchgefühl trügte nicht, und so geschah das, was meiner Ansicht nach schon viel früher hätte passieren können.

Sich auf einer knappen Führung auszuruhen und dann den Spielbetrieb einzustellen ist jedenfalls eine denkbar schlechte Idee. Der Ball kam vor der Untertürkheimer Kurve irgendwie zum Mannschaftskapitän Alexander Meier, vor dem man schon vorher hätte gewarnt sein müssen, der immer wieder bemerkenswerte Freiheiten auf dem Feld bekam, was sich meinem Verständnis vollends entzog. Ein, wie ich zugeben muss, sehenswerter Schlenzer ins lange Eck, der Jubel bei den Gästefans, Frustration im Rest des Stadions. Bittere Sache.

Es war noch genug Zeit, das Spiel noch in die richtigen Bahnen zu lenken, 23 Minuten waren noch zu spielen, da sollte doch etwas drin sein \“ doch wir alle wissen, wie oft uns diese Saison ein Gegentor schon gelähmt hat. Einzig und allein verließ ich mich darauf, dass unsere Jungs wesentlich stärker und stabiler sind, als noch vor einigen Wochen.

Es wurde turbulent, die Schlussphase des Spiels sollte uns allen noch viele Nerven kosten. Die Fouls wurden rüder, insbesondere die der Frankfurter gegen unsere Jungs mit rotem Brustring. Carlos Zambrano fällte Martin Harnik an der Seitenlinie, er war bereits gelb-verwarnt, über die Ampelkarte hätte er sich keinesfalls beschweren dürfen. Offenbar keinerlei Reaktion von Schiedsrichter Peter Gagelmann, das brachte die Cannstatter Kurve endgültig auf die Palme, wüste Pfiffe, „Schiri, du Arschloch!“ – ihm wirds relativ egal gewesen sein.

In den letzten 20 Minuten spielten beide Mannschaften auf Sieg, was die Partie für den neutralen Zuschauer ungeheuer interessant machte, doch uns beinahe zur Verzweiflung brachte. Das bange Warten auf ein weiteres VfB-Tor, das sehnliche Hoffen, dass uns ein weiterer Gegentreffer erspart bleibt. Vollgas in der Kurve, die Motivation wurde im Lauf des Spiels größer, die Gesänge wurden lauter.

Für die letzten 10 Minuten kam Shinji Okazaki für den erneut starken Raphael Holzhauser ins Spiel, gefolgt vom vermeintlichen 2:1 durch Vedad Ibisevic \“ abgepfiffen, wieder Abseits, diesmal (leider) die korrekte Entscheidung. Wie immer der bange Blick zur Uhr, ob wir hier noch etwas reißen können? Schwer zu sagen, es bedarf enormer Konzentration und einem letzten energischen Kraftschub. Für uns war dieser eine Punkt definitiv zu wenig, aufs ganze Spiel betrachtet.

Nach einer erneuten Frankfurter Chance, die Sven Ulreich problemlos parieren konnte, ging es auf einmal doch ganz schnell. So gefällt mir das, schnelle, präzise Pässe, schneller Antritt und schneller Abschluss: weiter Abwurf von Sven Ulreich auf Ibrahima Traoré, tolles Solo übers Mittelfeld, weiter zu Christian Gentner, Pass auf Martin Harnik, der vor dem Tor nach innen flankt. Wieder stieg er zum Kopfball hoch, unser Bosnier Vedad Ibisevic. Der Ball im Tor, die Fahne blieb unten, ich vergewissterte mich dieses Mal genau, bevor ich der Emotion freien Lauf lasse. Diesmal zählts!

Als ich die Jungs auf Vedad Ibisevic stürzen sah und sich sogleich auch Maskottchen Fritzle zum Torjubel gesellte, gab es in der Kurve kein Halten mehr. Der lang ersehnte 2:1-Treffer war da, der erste Bundesliga-Heimsieg dieser Saison zum Greifen nah. Geistesgegenwärtig lief ich die Treppen nach unten, wo sich schlagartig ein Haufen Fans versammelte und feierte mit den Jungs, versuchte in diesem wackligen Trubel noch einigermaßen brauchbare Fotos zu machen, glaubt mir, es war nebensächlich.

Eine Last fiel von uns ab, doch schnell musste man sich wieder zur Konzentration zwingen, denn durch war die Nummer hier immernoch nicht. Ich war jetzt schon völlig fertig, die ganze Situation stieg mir zu Kopf, die Aussicht auf diese verdammt wichtigen 3 Punkte ließen meinen Puls erst spät am Abend wieder zur Ruhe kommen. Aus den Kehlen der Cannstatter Kurve schmetterte es: „Solange wir in der Kurve stehen, wird auch deine Fahne weiter wehen, oh VfB!“ – es war eine Verschmelzung von Freude und Anspannung zugleich.

Wie wichtig es war, sich nicht auf den Siegtreffer zu verlassen, sollten wir schon bald erfahren, es wurde nochmal richtig spannend. Eine Minute vor Ende der regulären Spielzeit traf Karim Matmour zum vermeintlichen Ausgleich, es wurde Abseits angezeigt. Und wie das nunmal immer so ist, fühlten sich die Frankfurter auch lange nach Ende der Partie um den regulären Ausgleich betrogen. Hmmmm, da war doch mal schonmal was, oder? Ich würde sagen: ausgleichende Gerechtigkeit.

Für den bockstarken Ibrahima Traoré, der unheimlich viel gelaufen ist, viel geackert hat, kam zu guter Letzt noch der Hüne Maza, mehr ein taktischer Wechsel um Zeit zu gewinnen, als dass Bruno Labbadia noch ein Tor hätte erzwingen wollen. Zwei Minuten gabs oben drauf \“ Ohje, meine Nerven! Man sehnte sich den Abpfiff herbei, doch uns blieb an Anspannung in dieser Partie rein gar nichts erspart.

Unfassbar, wie er den noch wegbekommen hat. Die allerletzte Szene des Spiels, Karim Matmour wollte zum späten Ausgleich einnicken, Sven Ulreich tauchte ab und schlug den Ball weg. Unfuckingfassbar. Direkt danach kam er endlich, der erlösende Abpfiff nach einer packenden Schlussphase. Die Arme nach oben, das Gestein fiel zu Boden. Das war so verdammt wichtig, und gleichermaßen unerwartet. Ich wurde positiv überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass dieses Spiel so enden würde.

Gebührend wurde die Mannschaft gefeiert, endlich mal wieder eine Welle mit den Fans, ein tolles Gefühl. Durch diesen Sieg gelang uns ein Sprung auf Platz 8, fernab der Abstiegszone, in der wir orientierungslos seit Monaten umherdümpelten. Draußen war es schon finster geworden, die Uhren wurden in der Nacht zuvor auf Winterzeit umgestellt, die Stunde Extra-Schlaf scheint der Mannschaft die nötigen Kräfte für den Schlussspurt gegeben zu haben. Vorm Stadion traf ich Felix wieder, erleichtert fielen wir uns in die Arme, es bedurfte keines einzigen Wortes, die Jubelfaust reichte völlig aus.

Endlich mal wieder ein erfreulicher Weg nach Hause, nicht mit hängendem Kopf wie so oft in den letzten Wochen. Ich wiederhole mich, aber das war richtig wichtig, das haben sie sich heute ehrlich und tapfer erkämpft, gerannt bis zum Umfallen und sich für die Mühen belohnt. Für mich bedeutete das zwar eine verlorene Wette, aber das war mir egal. Daheim bearbeitete ich noch die Bilder und ging zufrieden schlafen.

Ein Ausblick auf die nächsten Wochen: Es geht mit straffem Programm weiter. Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung ist es bereits Mittwoch Morgen, am Abend trifft unser geliebter VfB im DFB-Pokal auf den Zweitligisten aus St. Pauli, möge dieses Unterfangen von Erfolg gekrönt sein und dem damit verbundenen Einzug ins Achtelfinale. Es folgen die Auswärtsspiele in Dortmund und Kopenhagen sowie das Heimspiel gegen Hannover \“ alles innerhalb der nächsten anderthalb Wochen. Es bleibt spannend, umso wichtiger war der Sieg heute, als Beweis: „Wir können es doch noch!“

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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