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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Der Held zwischen den Pfosten

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„Einmal beim VfB im Tor zu stehen, war immer mein Kindheitstraum. Ich wollte in diesem Stadion vor 60.000 Zuschauern auflaufen. Ich freue mich auf jedes Bundesliga-Spiel, aber vor allem auf jedes Heimspiel. Der VfB ist mein Verein, mit ihm will ich Erfolg haben.“ – Worte unseres Helden. In Zeiten, in denen das Geld mehr lockt als alles andere, haben wir einen zwischen den Pfosten stehen, der sich wie kein Zweiter mit dem VfB identifiziert.

Es ist die Geschichte einer großen Liebe, die Geschichte eines weiteren weltklasse Spiels von ihm. Jede Woche aufs Neue rettet er uns mit super Paraden die Punkte, und wenn es am Ende für den Punktgewinn nicht reicht, so bewahrt er uns stets vor Schlimmerem. Der Nachmittag in Dortmund war ein weiterer Beweis dafür, wie unverständlich es ist, dass er bisher noch nicht für die Nationalmannschaft in Betracht kam.

So oder so ist er eine feste Größe in unserem Team, nicht mehr wegzudenken auch die lauten „Ulle, Ulle, Ulle!“-Rufe bei jeder seiner Paraden. Bei ihm können wir uns bedanken, dass wir mit einem Punkt aus Dortmund zurückfahren konnten. Ein Ausflug, der sich trotz fehlender Tore gelohnt hat. Es war mein erster Ausflug ins Dortmunder Westfalenstadion, obwohl ich schon mehrmals in Dortmund war, jedoch immer ohne Stadionbesuch.

Und noch eine Premiere: es war die erste gemeinsame Fahrt mit meinem langjährigen Kumpel und Fotografen-Kollegen Jonas, mit dem wir mitgefahren sind und es insgesamt jede Menge Spaß gemacht hat, trotz einiger Widrigkeiten. Um 8 Uhr am Samstag Morgen sollte es losgehen, mein Veto, nicht erst um 9 Uhr aufzubrechen, stellte sich als richtig und wichtig heraus. Wir bekamen gleich morgens beim Aufstehen eine Vorstellung davon, was uns wettertechnisch erwarten würde: es regnete durch.

Bepackt mit Vespertasche, wetterfestem Schuhwerk und Laptop machten wir uns auf die Reise in Richtung Nordwesten. Der Regen peitschte gegen die Windschutzscheibe, auch ein Steinschlag gehört zu den notwendigen Opfern dieser Reise. Nach 2 kurzen Pausen und einem kleinen Nickerchen erreichten wir den Ruhrpott. Eine ewig lange Parkplatzsuche brachte uns letztendlich einen kostenlosen Parkplatz ein \“ mir sen ja schließlich Schwoba! Naja, fast alle.

Bereits auf dem Weg nach Dortmund war Jonas der Meinung, sein Gefühl für den Ausgang des Spiels dem entsprechenden Wetter anzupassen. Wir fuhren los bei starkem Regen und einer wahrscheinlichen Niederlagen, wir kamen an bei leichtem Nieselregen und laut Jonas würde der VfB unentschieden spielen \“ blame it on the weatherman! Kurz umgezogen und schon liefen wir den Massen hinterher, deren Weg uns an den Westfalenhallen vorbei zum Stadion führte. Noch eine Wurst to go, wir erreichten das Westfalenstadion kurz vor Stadionöffnung.

Gleich ging es hinein, 2 unterschiedliche Blöcke, durch eine hohe Plexiglaswand voneinander getrennt, im Gästebereich \“ warum trennt man diese voneinander ab? Hallo, Sinn, wo versteckst du dich? Mein Blick ging sogleich auf die gewaltige Südtribüne, nur wenige Zuschauer hatten sich schon eingefunden auf dem Betonkonstrukt, welches die Wellenbrecher bis unters Dach stapelte. Immer wieder habe ich in den letzten Jahren gesagt bekommen, dass es selbst für die anreisenden Gastvereine jedes Mal der Wahnsinn ist, wenn die Südtribüne einen guten Tag erwischt.

Noch immer ärgerte ich mich, auch jetzt noch, einen Tag nach dem Spiel. „Wäre ich doch nur letzte Saison dabei gewesen!“ jammerte ich immer wieder. Am Abend zuvor schaute ich mir noch fast jedes erdenkliche Video auf YouTube an, welches nochmal die Highlights des letzten Spiels Ende März diesen Jahres zeigte. Es war eine Werbung für den Fußball, einfach ein geiles Spiel. Es war damals das letzte Auswärtsspiel, welches Opfer meiner selbst auferlegten „2-Monats-Regel“ war \“ ich verzichtete auf alle Auswärtsspiele innerhalb der ersten 2 Monate nach meiner Knie-OP im Februar.

Und somit verpasste ich dieses Spiel, welches Bundesliga-Geschichte schrieb. Stattdessen hockte ich „nur“ mit Felix bei seinen Eltern und schaute das Spiel auf Sky \“ nach dem 2:0 von Dortmund schien es den erwarteten Lauf zu nehmen, nach zwischenzeitlichen 2:3 und 4:3 schoss Christian Gentner in der Nachspielzeit noch das 4:4 \“ ein Tag, den keiner jemals vergessen wird, am wenigsten jene, die selbst mit dabei waren. Ich wäre nur allzu gerne eine davon gewesen.

6.200 Stuttgarter Fans machten sich auf den Weg, was gäbe es diesmal, Fußball-Wahnsinn Teil 2? Man durfte gespannt sein, eines dieser Wundertüten-Spiele, wo vom 0:0 bis 5:5 alles passieren konnte, Heimsieg, Auswärtssieg, keiner konnte es voraussagen. Laut Statistik waren wir sogar regelrechte Angstgegner für den Deutschen Meister der vergangenen beiden Jahre.

Durch die Plexiglaswand unterhielt ich mich noch mit Felix, wir diskutierten unter anderem über die mögliche Aufteilung für Fotos, 2 unterschiedliche Standpunkte mussten es natürlich schon sein, um eine gute Auswahl bieten zu können. Einer der Ordner kam auf uns zu und fragte uns, ob wir denn im selben Block sein wollten. Wir bejahten, und er rief kurzerhand 2 Jungs von weiter unten zu sich hoch, die ebenfalls getrennte Blöcke hatten. Auf „legalem Wege“ gestattete er uns, die Blöcke zu tauschen, würde man es illegal machen, müsse er uns rausschmeißen, und das fände er, wie er meint, echt scheiße. Ein lobenswerter Zug des Ordnungsdienstes, der bei zunehmender Gästeblockfüllung regelrecht überfordert schien.

Absperrbänder zwischen manchen Wellenbrechern sperrten gewisse Bereiche ab, nach und nach wurden diese geöffnet, die Ordner reagierten allerdings unfreundlich und ruppig zugleich mit Zwangszuweisung von Plätzen. Stand ich einfach nur da, war es in einem Moment noch in Ordnung, im nächsten schickte man mich 10 Meter weiter nach links. Eigenartiges Verhalten, doch auf den Rauswurf wollte ich es dann doch nicht anlegen. Meinen endgültigen Platz fand ich dann am Rande eines Wellenbrechers, der zum Dranlehnen prima geeignet war \“ auf Zehenspitzen stehend bedarf es schließlich anderweitiger Stabilität.

Nach und nach zählte die Uhr auf den 4 Anzeigetafeln in jeder Ecke des Stadions runter, am Seitenrand wurde noch die Initiative „Ich fühl mich sicher!“ vorgestellt, wo jeder Fußballfan jedes Vereins sein Zeichen setzen sollte, um dem DFL-Maßnahmenpapier und der gebetsmühlenartigen Medienmeinung, in Fußballstadien würde die Gewalt eskalieren (natürlich ohne Belege) entgegen zu wirken. Ich habe mich schon eingetragen. Ihr auch?

Die Nervosität stieg, vor meinem inneren Auge spielten nochmal die Bilder von letzter Saison ab. Was gäbe ich nur dafür, hier und heute zu versinken in einem weiß-roten Jubelmeer, lauter zu sein als 73.800 Dortmunder, der Mannschaft zuzujubeln, wenn sie in die Kurve kommt. Es war möglich, definitiv. Ich dachte an Gentes 4:4, unter den 3 Lagen Klamotten stellten sich Gänsehaut ein. Ein Blick durch den Gästeblock, es wurde gut voll, ein Blick nach oben, auch der Oberrang in der Ecke war durchweg von VfB-Fans besetzt.

Dass Julian Schieber sich mit seinem Wechsel zu Borussia Dortmund nicht unbedingt Freunde gemacht hat, merkte man nicht nur am Tag zuvor auf seinem Facebook-Profil, sondern auch auch bei der Mannschaftsaufstellung des Gastgebers. Auch ich bin ihm gegenüber nicht unbedingt sehr positiv eingestellt. Im März traf er noch doppelt zum 2:2 und 2:3 für den VfB, das waren noch Zeiten. Mit seiner Reservistenrolle mit einigen Einwechslungen wollte er sich irgendwann nicht mehr zufrieden geben und wurde für besseres Gehalt Reservist mit wenigen Einwechslungen in Dortmund.

Beide Mannschaften betraten vor der gelben Wand das Feld, jeder mit einem Kind an der Hand, jene mit Luftballons in weiß, rot, schwarz und gelb. Auf gehts Stuttgart, kämpfen und siegen! Es wäre unwahrscheinlich wichtig, sich hier gut zu präsentieren und danach mit erhobenen Kopf wieder nach Stuttgart zurück zu kehren. Ob es wieder so ein Spektakel wird wie letzte Saison, blieb abzuwarten.

Anfeuerungsrufe an unseren Helden des Tages, als er nach dem obligatorischen Motivationskreis klatschend mit dem Daumen nach oben in das Tor vorm Gästeblock lief. Anpfiff für eine hoffentlich erfolgreiche Partie. Den ersten Warnschuss gab Christian Gentner gleich nach nicht einmal 2 Minuten ab, es sollte hoffentlich nicht die letzte Möglichkeit sein. Im Gegenzug kurz darauf wurde auch Dortmund das erste Mal gefährlich, Sven Ulreich parierte glänzend, auch das sollte nicht das letzte Mal sein.

Im Vorfeld der Partie veröffentlichte die Stuttgarter Fanbetreuung das Schreiben von Borussia Dortmund, welches fast alles verbot, was zu einem atmosphärischen Auftritt gehört, keine Fahnen, keine Trommeln, keine Megaphone, keine Choreographie \“ nur Schal und Trikot waren erlaubt. Wie durch Zauberhand schafften es dennoch 2 Fahnen in den Gästeblock. Um alle fast 6.200 im Gästebereich zu koordinieren, bedurfte es 6 Vorschreien, die ihre Stimmbänder an diesem Nachmittag stark strapazieren mussten.

Es war natürlich unglaunblich schwer, akustisch gegen eine Südtribüne mit alleine 25.000 Stehplätzen anzukommen. Dennoch tat man das Beste, für bessere Stimmung hätte es allerdings eines Standpunktes weiter unten benötigt, weiter oben war die Beteiligung am Support weniger intensiv, was ein paar Vereinzelte natürlich nicht rausreißen konnten, auch drangen die Vorschreier nicht sehr gut zu den hinteren Reihen vor.

Begleitet von den üblichen Pöbeleien trat Gotoku Sakai nach wenigen Minuten zum ersten von insgesamt nur wenigen Eckbällen für den VfB an, vor der Südtribüne schlug ihm die Missgunst der Dortmunder entgegen, wie könnte es auch anders sein. Die Kopfballverlängerung von Christian Gentner erreichte statt Serdar Tascis Kopf unseren Martin Harnik, der mit rechts statt mit links den Ball annehmen musste und diesen über das Tor beförderte. Das hätte schon das 1:0 sein können.

Wiederrum nur kurz darauf hatte Dortmund einen Freistoß zugesprochen bekommen, Anspannung pur bei solch gefährlichen Situationen. In solchen Momenten musst du immer darauf gefasst sein, dass gleich die Anderen jubeln. Marcel Schmelzer trat an, Mats Hummels (von dem Felix jahrelang dachte, er würde „Max“ heißen) rannte los, der Ball war im Tor. Jubel bei den Schwarz-Gelben, das konnte doch nicht wahr sein, es waren doch nicht mal 10 Minuten gespielt.

Der Blick zum Linienrichter, in der Hoffnung, er hebe die Fahne hoch. Er tat uns den Gefallen, Mats Hummels war im Abseits, kein Treffer für Dortmund. Jesses Gott! Tief durchatmen, der Blick in die Gesichter der Mitgereisten sprach Bände. Sven Ulreich ohne jede Schuld, das wäre ein früher Nackenschlag gewesen, von dem man sich eventuell nicht so schnell hätte erholen können. Da haben wir Glück gehabt, ebenso kurz darauf beim Schuss von Marcel Schmelzer, der nur knapp an Ulles Kasten vorbei glitt.

Glück hatte auch unser bulliger Heißsporn Raphael Holzhauser, seit Wochen in der Stammelf mit bockstarken Leistungen, beim Zweikampf gegen Dortmunds Glasknochen Sebastian Kehl ging er etwas übermotiviert mit dem Ellbogen nach außen und erwischte die Nase des ehemaligen Nationalspielers. Wildes Pfeifen und Provozieren auf beiden Seiten der Fanlager, der Kapitän musste mit Nasenbeinanbruch ausgewechselt werden, was den gebürtigen Stuttgarter Jürgen Klopp, der auch jenseits Dortmunds viele Sympathien genießt, äußerst erzürnte.

Der Österreicher war mit Gelb nach 20 Minuten gut bedient, es hätte hier auch ganz anders laufen können. Vor den Augen von Schiedsrichter Felix Zwayer hätte sich Raphael Holzhauser nicht über Rot beschweren können, unser Glück, dass er weiterspielen durfte. Da können die Dortmunder schimpfen und pöbeln wie sie wollen. Absicht konnte man beiden keinesfalls unterstellen, weder Absicht noch Schauspielerei.

Der aus Stuttgart angereiste Anhang spürte, dass es ruppig zugehen würde, in der Luft lag das selbe Gefühl wie einst im März. Mein Blick ging kurzzeitig rüber zur Südtribüne, von der mir schon so viel berichtet wurde. Es wäre einfach nur gigantisch, meinten auch Andreas und Ramona, die ich vor dem Spiel am Imbissstand traf. Über alle Maßen beeindruckt hat mich an diesem Tag der Auftritt der Südtribüne allerdings nicht, sie haben anscheinend nicht ihren besten Tag erwischt.

Kaum hatten sich alle Beteiligten wieder beruhigt (bis auf Jürgen Klopp, der immernoch rasend vor Wut auf der Seitenlinie umher lief), da gabs den nächsten Aufreger und die nächste von insgesamt 4 gelben Karten im Spiel, alle für den VfB. Vorsicht war geboten, gerade bei den nun verwarnten Raphael Holzhauser und William Kvist handelte es sich um 2 wichtige Stützen im Mittelfeld, beide hatten den enorm wichtigen Job, die Dortmunder kalt zu stellen, bevor diese ihr Spiel aufziehen.

Beinah hätte uns die Borussia nach knapp einer halben Stunde geschockt, bis ins Mark erschüttert waren wir vor Erleichterung, dass uns hier das Gegentor erspart geblieben ist. Wieder war es Sven Ulreich, der uns davor bewahrte. Wie dieser Ball aber nicht reingehen konnte, weiß man weder beim VfB noch beim BVB. Es war eine dieser viel beschworenen Tausendprozentigen, bedanken können wir uns bei unserer Nummer 1.

Nach einer Ecke der Schwarz-Gelben lenkte er den Schuss von Mats Hummels noch an die Latte, den Abpraller nahm er mit dem Kopf, doch Arthur Boka, gerade genesen von der Fleischwunde, die er sich in Hamburg zuzog, klärte noch auf der Linie, bevor Ulle den Ball dann sicher hatte. Du liebe Zeit, der VfB wie Vogelwild, riesen Glück, anders kann man es wirklich nicht sagen. In den Blöcken 60 und 61 wurden kurz die Backen aufgeblasen, „Puuuuuuuuuh“ im Kollektiv.

Es war eines der wenigen Male, dass wir insgesamt lauter waren als die Dortmunder. „Ulle, Ulle, Ulle!“ schallte es durch das Stadion, das mit einer Kapazität von 80.645 Zuschauern ein weiteres Mal bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Davon träumen wir in Stuttgart, wie ich mit ein wenig Neid zugeben muss. Das letzte ausverkaufte Spiel liegt lange zurück, soweit ich weiß das erste seit dem Umbau, das tolle Spiel gegen Schalke. Danach schien man weniger Lust darauf zu haben, völlig unverständlich.

Wenig später vergab der zweite unserer Österreicher, Martin Harnik, die Chance zum 1:0 aus Sicht des VfB, auf dem Rasen, der vom Regen noch getränkt war, rutschte er aus, dessen Schuss aus der Drehung war kein Problem mehr für Roman Weidenfeller. Knapp 5 Minuten vor der Halbzeitpause knockte ein Foul kurzzeitig Georg Niedermeier aus, direkt vor unserem Gästeblock. Er hielt sich die selbe Seite seines Gesichtes, wo ihm beim Heimspiel gegen Frankfurt im Zweikampf ein Zahn herausgeschlagen wurde. Schorsch konnte weiterspielen.

Auf den Tribünen setzten sich schon die ersten Massen in Bewegung, kurz vor der Halbzeitpause gabs noch einmal eine Chance für den VfB, starke Flanke von Ibrahima Traoré, den meine Kollegin Ann neulich als „Flummiball“ bezeichnete, Roman Weidenfeller konnte den Ball nur nach vorne abklatschen lassen, direkt auf den heran eilenden Vedad Ibisevic. Pech für uns, das der Ball ins Aus abprallte und nicht ins Tor.

Halbzeitpause. Ohne Getränk, es war ja schließlich alles verboten. Felix und Jonas mutmaßten noch auf der Fahrt, ob man denn sonst nichts anderes tragen dürfe \“ nur Trikot und Schal, sonst nichts. Oh Gott, die Bilder in meinem Kopf! Es kam einem Wunder gleich, dass hier noch keine Tore gefallen waren. Chancen auf beiden Seiten, ein tolles Spiel beider Mannschaften, es fehlte nur der Torjubel. Zur Halbzeitpause hätte ich das Ergebnis so genommen, ein Punkt in Dortmund wäre allemal aller Ehren wert gewesen.

Weiter mit Halbzeit 2, der VfB spielte in Richtung des Gästeblocks, der BVB auf die gelbe Wand. Keine 5 Minuten nach Wiederanpfiff war es wieder der VfB mit der Chance, der Kopfball von Vedad Ibisevic strich aber knapp am Gehäuse der Dortmunder vorbei. Mittlerweile war auch der Himmel aufgerissen und schickte uns sogar ein paar Sonnenstrahlen runter, ein gutes Zeichen war es offenbar für Jonas, der das Spiel auf der gegenüber liegenden Seite des Stadions verfolgte.

Enorme Offensivkraft auf Seiten der Gastgeber: Marco Reus, Mario Götze und Robert Lewandowski machten uns zu schaffen, eine hervorragende Abwehrarbeit bis hierher. Mir wurde immer wieder ein wenig flau im Magen, wenn einer der Drei am Ball war, dass sie es können, haben sie schon mehrfach bewiesen. Doch auch der VfB ließ es sich nicht nehmen, mutig nach vorne zu spielen, auch wenn die Durchschlagskraft fehlte.

„Solange wir in der Kurve stehen, wird auch deine Fahne weiter wehen“ \“ der Gästeblock sang, hüpfte und klatschte, sei man auch den vielen Dortmundern nicht gewachsen, weder akustisch noch optisch (wie denn auch, wenn nichts erlaubt ist). Die Dunkelheit senkte sich langsam über dem Westfalenstadion, als sich Julian Schieber zur Einwechslung bereit machte. Etwas weniger als eine Stunde war gespielt, als er beim Stand von immernoch 0:0 eingewechselt wurde, begleitet von lauten Pfiffen aus unserem Gästeblock.

Wir wissen selbst, dass Julian Schieber kein Schlechter ist. Vor einem halben Jahr jubelten wir ihm noch zu, nun war er im Trikot des Gegners. Und dass er uns so auch weh tun kann, haben wir einst selber erfahren müssen, als er nach Nürnberg ausgeliehen war und beim Spiel gegen uns doppelt traf. Nun stand er wieder auf dem Feld, als Feind, und als Hoffnungsträger der Dortmunder, Jürgen Klopp verließ sich hier auf sein Bauchgefühl, dass ausgerechnet der Backnanger motivierter als alle Anderen sein würde.

Der Wechselgesang zwischen dem Unter- und dem Oberrang des Gästeblocks war kaum absolviert, als uns der Schrecken erneut in die Glieder fuhr. Eine gute Kombination der Dortmunder im Strafraum lenkte den Ball auf unseren Ehemaligen, allein vor Sven Ulreich war nun die große Frage, wer der Held sein würde: Sven Ulreich für uns, oder Julian Schieber für die Dortmunder. Wie sehr es wehgetan hätte, wenn jetzt alle aufspringen, 80.645 Zuschauer hielten für eine Sekunde den Atem an, als der Ex-Stuttgarter auf unseren Torwart zurannte.

Ein paar Vereinzelte konnten nicht hinsehen, drehten sich weg, aus Angst, dies würde das Gegentor sein, was aus Dortmunder Sicht fast schon überfällig war. Auge in Auge, ein paar wenige Millisekunden, und dann der große Jubel \“ im Gästeblock! Todesmutig warf sich Ulle in diesen Schuss, der das überfällige Gegentor gewesen wäre. In meinem Kopf hallte die Worte von Sven Ulreich wieder, immer wieder betonte er, dass der VfB sein Verein wäre. Und Ulle ist unser Mann, wir sind unheimlich stolz, dass er einer von uns ist.

Die Partie flachte ein wenig ab, Torchancen wurden etwas seltener, beide Mannschaften überlegten genau, was sie mit der verbleibenden Zeit anfangen wollen. Noch waren 20 Minuten zu spielen, Bruno Labbadia wechselte zum ersten Mal, für den verwarnten Heißsporn Raphael Holzhauser kam Zdravko Kuzmanovic, dessen Tage in Stuttgart endgültig gezählt sind. Frischer Wind für die Partie, deren Endergebnis wohl die Allerwenigsten korrekt getippt hatten.

Von der Intensität her war dieses Spiel genauso spannend wie vor einem halben Jahr \“ nur eben ohne die Tore. Es lag in der Luft, dass hier jederzeit etwas noch hätte passieren können. Es war nur die Frage, wann, und wer. Sind es die überlegenen Dortmunder, oder gereicht uns eine erhellende Idee zum Auswärtssieg? Jeder spielte auf Sieg, das spürten wir auch im Gästeblock und ließen mit der Kraft unserer Kehlen den Jungs zukommen: „Wir glauben an euch!“.

Noch 15 Minuten, Spannung bis in die Haarspitzen. Jene VfB-Fans, die einen Sitzplatz inne hatten, erhoben sich schlagartig von ihren Plätzen, als Vedad Ibisevic das Laufduell gegen Mats Hummels gewann und schnurstraks auf Roman Weidenfeller zurannte. In 6 Spielen gegen Dortmund erzielte er bisher 6 Tore, kommt heute Nummer 7 im 7. Spiel? Von hinten grätschte ihm Mats Hummels in die Beine, er stolperte und kam kurz vor der Torlinie zu Fall, der Ball war noch im Spiel.

Laute Proteste natürlich aus dem Gästeblock, der Kontakt war da, ohne Chance an den Ball zu kommen räumte der Dortmunder Abwehrspieler unseren Bosnier ab. Kein Elfmeter, die Proteste wurden nur noch lauter, kurz unterbrochen von einem hellen Aufschrei der Hoffnung, heimlich, still und leise rauschte unser Flummiball an und hatte den Ball zurück, die Hereingabe mündete aber ebenfalls nicht in einem Tor. Danach wurden die Pfiffe wieder laut. Vielleicht hätte sich Vedo, wie er von allen genannt wird, besser gleich nach der Grätsche fallen lassen.

Weiter gehts, nicht unterkriegen lassen. Denke man nur zurück an die letzte Partie unserer beiden Mannschaften, zu diesem Zeitpunkt des Spiels fielen vor einem halben Jahr noch 5 Tore! Die Jungs kämpften verbissen, was wir ihnen hoch anrechneten. Im Gästeblock war man schier am Verzweifeln, auf der Südtribüne aber wahrscheinlich auch. Um jeden Zentimeter wurde gefightet, wer hier noch ruhig blieb, ist entweder neutral oder schlichtweg tot.

Noch 5 Minuten, alles stand im Westfalenstadion. Für Ibrahima Traoré kam Shinji Okazaki, kaum stand er auf dem Feld, rutschte ALLEN, die dem Brustring zugehörig sind, das Herz in die Hose. Der Blick auf die andere Seite des Spielfelds, wieder einmal Ballbesitz für die Schwarz-Gelben. Bisher hats prima geklappt mit dem Halten der Null durch das Halten der Nummer Eins, doch dieses eine Mal hätte nicht einmal Sven Ulreich etwas ausrichten können. Er hatte überraschende Unterstützung erhalten.

Gewusel im Dortmunder Strafraum, perfekte Ballannahme von Robert Lewandowski, geschickte Drehung und mit links abgezogen. Sven Ulreich streckte sich vergeblich, doch die Latte bewahrte ihn und uns alle vor dem späten Knock-Out. Die pure Dramatik bei allen Zuschauern, die Nerven flatterten wie Vogelwild. Hoffen und Beten, bitte, bitte, bitte, kein spätes Gegentor. Wir haben es verdient, hier einen Punkt zu holen, von den Torchancen her war es ausgeglichen, auch wenn wir bei dieser Aktion mehr Glück als Verstand hatten.

Die letzten Minuten und Sekunden liefen, das Adrenalin schoss mir durch die Blutbahn. Mit weit aufgerissenen Augen und heftigem Herzschlag beobachtete ich die Szenen auf dem Platz, jeder Ballgewinn frenetisch bejubelt, jeder Ballverlust der Dortmunder laut gefeiert, das brachte uns Zeit. Obendrauf gabs noch 3 Minuten Nachspielzeit durch die vielen Unterbrechungen bei Fouls, vergebenen Torchancen und Abseitsentscheidungen.

Hier würde es noch eines ganz besonderes Geniestreichs bedürfen, um hier noch ein Tor zu erzielen. In der Nachspielzeit gabs bei uns noch den taktischen Wechsel, der mexikanische Hüne Maza kam für Vedad Ibisevic. „Auf gehts, Jungs aus Cannstatt, schießt ein Tor!“ brüllten wir aus Leibeskräften, am Ende hat es dennoch nicht sollen sein. Nach einer gefühlten Ewigkeit pfiff der Schiedsrichter ab und sorgte für Freude und Erleichterung bei den 6.200 Mitgereisten. Mit dem Punkt können wir besser leben als offenbar die Dortmunder.

Sie wurden zurecht gefeiert für einen couragierten Auftritt, auch wenn kein Auswärtssieg am Ende zu Buche steht, sie haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles gegeben, den Punkt nehmen wir gerne mit. Besonders gefeiert wurde Sven Ulreich, der uns mit 2 Wahnsinnsparaden den Punkt festgehalten hat. Danke Ulle! Uns ist bewusst, dass wir uns heute bei dir ganz besonders bedanken müssen.

Schnell leerte sich der Gästeblock, die Meisten wollten ganz schnell zu ihren Bussen oder zum eingesetzten Sonderzug, der etwa eine Stunde später am Dortmunder Hauptbahnhof abfuhr. Bei Blickkontakt zeigten Felix und ich uns die Jubelfaust, dieser Punkt mehr Gewinn als Verlust. Viel Zeit war nicht, um sich noch von netten Leuten zu verabschieden, die man an dem Tag nicht einmal kurz getroffen hatte, es musste schnell gehen.

Draußen sammelten wir Jonas ein und liefen schnellen Schrittes zum Auto zurück, hindurch zwischen unzähligen Schwarz-Gelben, für die das Unentschieden wie eine Niederlage war. Es war still zwischen ihnen, ein paar wenige schimpften vor sich hin wegen des Fouls von Raphael Holzhauser an Sebastian Kehl, der nach seiner Auswechslung direkt ins Krankenhaus gebrachten werden musste.

Wieder zog man sich um, ich holte den Laptop raus und verbrachte die Rückfahrt weitgehend mit der Aufbereitung der Bilder. Auch ein Stau konnte unsere gute Laune nicht trüben, bei toller Musikmischung hatten wir 3 Spaß und erreichten unser wunderschönes Stuttgart eine halbe Stunde später als geplant. An dieser Stelle die herzlichsten Grüße an Jonas, ich hoffe, wir können so eine Fahrt mal wiederholen. Danke auch für die ungeplante Stadtrundfahrt, „Zuffenhausen, allez!“ wird unser Running Gag.

Das war gut, das war erfolgreich, das war richtig wichtig! Im Moment macht es Spaß, dem VfB zuzusehen, dass alle 3 Tage ein Spiel ist, schlaucht zwar uns Fans, aber offenbar nicht die Jungs, die einen guten Lauf haben. Möge er anhalten bis Kopenhagen, nun sind erstmals seit Wochen ganze 5 Tage Pause. Am Mittwoch um 20 Uhr brechen wir auf nach Dänemark. Nach dem Heimspiel schrieb ich die Europa League vorzeitig ab \“ doch wenn die Jungs so weitermachen, wie bisher, stehen die Chancen gut, dass wir weiterhin jubeln dürfen.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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