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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Schön gespielt wird später

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Jedes Mittel soll uns recht sein, wenn es um wichtige Punkte geht. Der Stachel saß noch tief nach der Niederlage im kleinen Derby, meine Lust auf dieses Spiel gegen Augsburg bewegte sich im Minusbereich. Zu groß war der Schmerz, zu elend die 90 Minuten, die man im Breisgau erlebte. Umso wichtiger war es, die Köpfe nicht hängen zu lassen und einfach die anderen Spiele zu gewinnen. „Einfach“ war es allerdings nicht wirklich.

Ende November, wieder einmal englische Woche für unsere Roten. Für mich bedeutet dies: ein früher Feierabend, um noch rechtzeitig ans Stadion zu kommen. Es hatte schon den ganzen Tag geregnet und hörte gar nicht mehr auf, so auch am Abend, als das Heimspiel um 20 Uhr anstand. Dick und warm eingepackt lief ich durch den Regen zum Stadion, ohne vorher nochmal daheim gewesen zu sein, vor der Schleyerhalle traf ich Felix, gemeinsam suchten wir den üblichen Treffpunkt auf. Ein trockenes Plätzchen, viel wert bei einem solchen Wetter.

Mit der roten Laterne reisten die bayerischen Schwaben an, um ihr Glück bei den württembergischen Schwaben zu versuchen. Letzte Saison stand hier ein 2:1-Sieg zu Buche, das Auswärtsspiel reihte sich ein in eine Phase, in der man schon fast verloren hat, wenn man gegen den VfB das Führungstor schoss, eine aufregende und schöne Zeit. Meine Hoffnung auf einen versöhnlichen Hinrundenendsport waren durch das Freiburg-Spiel vorübergehend zum Erliegen gekommen. Was also konnte man erwarten von den Augsburgern?

Ein großes Thema machte diese Tage die Runde. „12:12„, 4 Zahlen mit großer Bedeutung für uns Fans, insbesondere die nationale Ultraszene. Am 12.12.2012 wird über das viel diskutierte DFL-Maßnahmenpapier „Sicheres Stadionerlebnis“ entschieden, was das Ende der Fankultur sein könnte, wie wir sie kennen. Unter dem Spruch „Ohne Stimme \“ keine Stimmung!“ einigten sich soweit ich weiß alle Fanszene darauf, an diesem und den nächsten beiden Spieltagen in den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden zu schweigen.

Gespenstische Stille in allen Stadien, um zu zeigen, dass Fußball nur mit Stimmung Spaß macht \“ so war es eigentlich auch bei uns in Stuttgart angedacht. Es wehten die Fahnen und Schals, als die Mannschaften das Feld betraten. Es war jedem Einzelnen selbstverständlich freigestellt, sich an diesem friedlichen Protest zu beteiligen. Wer singen wollte, sollte singen, doch man hatte die Hoffnung, dass der Protest von allen mitgetragen würde, denn das, was im Maßnahmenpapier steht, geht uns alle an, nicht nur in der Stehkurve.

Die aktiven Fans vom Commando Cannstatt entschieden sich gegen den Protest, wollten Stimmung machen, wurden aber vom Großteil der Kurve überstimmt. So wollten wir schwiegen, die meisten 12 Minuten, die anderen 10 Minuten. Sich gegenseitig in der Kurve zu zerfleischen ist nicht das Ziel, wir stehen alle jedes Heimspiel gemeinsam Seite an Seite, man sollte an einem Strang ziehen, Pfiffe innerhalb der Kurve sind überhaupt nicht zielführend. Bei den nächsten beiden Spielen würde es besser laufen, dessen bin ich mir sicher.

Noch vor Anpfiff gab es noch eine Schweigeminute für die 14 Todesopfer der Brandkatastrophe in Titisee-Neustadt. Beide Mannschaften stellten sich am Mittelkreis Arm in Arm auf, Stadionsprecher Holger Laser erklärte den Hintergrund. Und so schwieg man, das erste Mal an diesem Tag. Man hätte eine Nadel zu Boden fallen hören können. Kein Prolet, der in der Stille etwas schrie, kein Böller, kein Gesang. Stille. Ein kurzer Pfiff beendete sie fürs erste, das Spiel wurde angepfiffen.

Und schon wieder wurde es still. Es machte mir schon ein wenig Angst. Dort, wo sonst Fahnen wehen, Hände klatschen und man Arm in Arm von der ersten bis zur letzten Reihe hüpft, war es gespenstisch ruhig wie einst beim Spiel gegen den verhassten Retorenklub aus Sinsheim. Vor dem Spiel entschied ich mich bewusst, dass ich schweigen würde, betonte jedoch, dass ich natürlich nicht für Schweigen garantieren kann, wenn der VfB in den ersten 12 Minuten in Führung gehen würde. Das haben die Jungs bestimmt extra so geplant, als hätten sie gewusst, was passieren würde.

Kurz laut wurde es nur, als Martin Harnik eine Chance zum Kopfball hatte und im Strafraum fiel, keiner konnte so recht sagen, ob da ein Foul begangen wurde oder nicht, ohne Ahnung ging es weiter, im Nachgang betrachtet war es auch Nichts. Auch ein Querpass von Ibrahima Traoré, der von 2009 bis 2011 selbst das Trikot der Gäste trug, konnte von Raphael Holzhauser nicht im Tor untergebracht werden. Wieder wurde es still.

In der 11. Minute ließ Vedad Ibisevic die Augsburger Abwehr einfach stehen, flankte in die Mitte wo es ausgerechnet der Fuß des Ex-Augsburgers Ibrahima Traoré war, dass dem Ball die richtige Richtung ins Tor gab. Er jubelte nicht, ließ sich dennoch von seinen Kollegen beglückwünschen. Viel getröstet wird es die Augsburger Fans nicht haben, dass er sich gegen den Jubel entschied. Sie lagen zurück und es gab Nichts, was sie dagegen hätten tun können.

Ein kurzer Aufschrei, danach verstummte man wieder, als wäre nichts geschehen. Kurz darauf zählte man die letzten Sekunden gemeinsam hinunter, etwas unbeholfen, keiner wusste so recht, was man tun soll, wenn man bei Null angekommen ist. Etwas singen? Wenn ja, was? Fahnen wehen? Hüpfen? Oder einfach nur „Heyyyyyy!“ schreien, ähnlich wie beim Start einer Laola-Welle. Der einfachste Weg ist manchmal dann doch der richtige, gefolgt von Fahnen, Singen und Hüpfen.

Auch die Augsburger stiegen ein in den Support, wehten ihre weiß-grün-roten Fahnen, hören konnte man sie allerdings nicht, zu wenige und zu friedliche Fans sind hier im Gästeblock gestanden. Es regnete weiterhin, die vordersten Reihen und natürlich auch die Vorschreier hatten mit dem Niederschlag zu kämpfen, hin und wieder drückte der Wind den Regen in die Kurve hinein. Alles halb so wild, das haben wir hier schon viel schlimmer erlebt.

Beim VfB war fürs Erste die Luft raus. Erst kurz vor der Halbzeit wurde es kurz aufregend, als unser blonder Ösi nur einen Schritt zu spät kam im Dreikampf gegen 2 Augsburger, es hätte schon das 2:0 sein können. Augsburg erhöhte nun ein wenig den Druck, ganz minimal, so dass man es kaum spürte, viele waren schon halb in der Pause. So wahrscheinlich auch unsere schlafmützigen Jungs.

Keiner fühlte sich so recht zuständig für Ja-Cheol Koo, der aus 25 Metern per Traumtor in den Winkel zum 1:1 traf. Ein wenig aus dem Nichts, ungläubig starrte ich aufs Spielfeld, hob die Arme als wollte ich sagen: „Hä?“ Das konnte echt nicht wahr sein, Augsburg hat mit dem ersten Schuss auf unser Tor gleich getroffen. Kurz vor der Halbzeit den Ausgleich zu kassieren ist natürlich im höchsten Maße ungünstig. Mit diesem Schock ging es dann erstmal in die Pause. Schon leicht genervt zuzelte ich an meinem Trinkerle und schaute mich in der Kurve um, bis es schließlich weitergehen konnte.

Die aktiven Fans vom Schwabensturm, der zweiten großen Ultragruppe neben dem Commando Cannstatt, hielten ein Banner hoch, auf dem sie für die von Dortmunder Fans ins Leben gerufene Initiative „Ich fühl mich sicher!“ warben. Im Bestreben, das ganze Banner auf ein Bild zu bekommen, verließ ich meinen angestammten Platz und wanderte ein paar Reihen nach oben, dann wieder runter.

Nach einer Flanke von Gotoku Sakai, der in Bukarest sein erstes Tor für den VfB erzielte, flankte auf den Torschützen Ibrahima Traoré, der aber aber Tor vorbei köpfte, ein Raunen ging durch die Reihen, man konnte hier allen ansehen, wie groß die Sorge war. Ich wäre wesentlich beruhigter gewesen, wenn man den roten Faden, den man durch das überraschende 1:1 verlor, schnell wieder gefunden hätte.

Dem war aber leider nicht so, meine Unruhe mündete schließlich in meinem persönlichen negativen Höhenpunkt des Spiels. Mein Magen verkrampfte schlagartig, mir wurde schlecht. Ohne Konsequenzen, ich wollte mich aber lieber hinsetzen, das kannst du aber im Stehblock nicht bringen. Ich hielt tapfer durch, nach 20 Minuten waren die Schmerzen durchgestanden, nach etwa 65 Minuten.

Hinterher blicke ich mit einem Schmunzeln darauf zurück, könnte man doch sagen, mir war schlecht durch die Darbietung des VfB \“ es war wirklich ein erbärmliches Spiel \“ und es ging mir besser kurz bevor es uns allen wesentlich besser gehen sollte. Noch 20 Minuten waren zu spielen, als ein gut gezielter Freistoß des VfB-Torschützen den Kopf von Vedad Ibisevic fand. Vor unserer Nase das 2:1, der Jubel entsprechend groß, schnell lief ich die Stufen nach unten und hielt die Jungs via Kamera fest.

Langsam ging es wieder nach oben, doch postierte ich mich auf der anderen Seite der Treppe. Jetzt war ich schonmal drüben, also lief ich noch weiter bis zum trennenden Zaun, weiter in Richtung Stimmungskern. Dort verbrachte ich den Rest des Spiels, und ich bin mir sicher, dass ich nicht zum letzten Mal dort war. Die Stimmung war gut und ausgelassen nach dem 2:1, dennoch war äußerste Vorsicht geboten.

Tolle Paraden von Sven Ulreich bewahrten uns vor dem erneuten Ausgleich. Die Uhr tickte, schön anzusehen war das Spiel nicht. Danach würde am nächsten Tag kein Hahn mehr krähen, wenn es mit diesem aktuellen Spielstand zu Ende geht. Die bayerischen Schwaben warfen nun alles nach vorne, was noch einigermaßen gerade aus laufen konnte, äußerste Anspannung bei den 38.940 Zuschauern, die an diesem verregneten Mittwoch Abend den Weg ins Neckarstadion gefunden hatten.

Dann war es endlich geschafft, Schiedsrichter Bastian Dankert, der erst 4 Erstligaspiele geleitet hat und das ganze Spiel über nicht durch Fehlentscheidungen aufgefallen war, pfiff das Spiel ab und machte einen Haken hinter den Heimsieg der Schwaben gegen die Schwaben. Man freute sich, keine Frage, jeder Punkt ist wichtig, doch das, was wir in diesem Spiel gesehen habe, stimmt uns langfristig gesehen nicht unbedingt hoffnungsvoll.

Abgehakt, Punkte einsacken, Mund abputzen, weiter machen. Mit einem guten Freund schwätzte ich noch an besagtem kleinen Zaun zwischen Block 33 und 34, bis sich die Wege fürs Erste wieder trennten und ich erleichtert Felix in die Arme fiel, der auf mich gewartet hatte. Man war sich einig, dass dies einer der dreckigen Siege war, die man eben manchmal auch einfahren muss. Einen Preis fürs schön spielen gibt es aktuell nicht, doch das macht nichts, wenn es nur Ausnahmen sind.

Das Wetter hatte sich gebessert, zu Fuß ging es zurück nach Hause, wo erneut unsere Bilder auf mich wartete. Über 450 Bilder zum Sichten, Sortieren und Aufbereiten. Da saß ich nun bis nach Mitternacht, fiel dann völlig schlapp ins Bett und war am nächsten Arbeitstag einfach nur hundemüde. Aber zumindest glücklich. Ich hatte Recht behalten, kurz vor Feierabend antwortete ich auf „Viel Spaß!“ nur: „Spaß ist irrelevant! Erfolg ist wichtig! Dann kommt der Spaß von alleine“. Wohl wahr. Nächste Station: auswärts in Fürth. Der nächste Abstiegskandidat.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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