my life. my love. my blog.

Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Mit blauem Auge davon gekommen

| 3 Kommentare

Ich war verwirrt. Ein Blick auf die Tabelle vor dem Spiel wäre clever gewesen, ich war seit Tagen völlig wuschig, weil es überall hieß, dass wir, unabhängig vom Geschehen auf den anderen Plätzen, unbedingt gewinnen müssten, um in die K.O.-Runde der Europa League einzuziehen. Seit dem Tor des norwegischen Fischerdörfchen bis nach dem Schlusspfiff war ich der festen Überzeugung, ausgeschieden zu sein. Und so wurde aus einer Niederlage doch noch irgendwie ein Sieg. Doch… zu welchem Preis?

Nein, wir haben uns nicht mit Ruhm bekleckert Ja, wir haben uns regelrecht blamiert. Viele Fragezeichen nach dem Weiterkommen, dass unsere Mannschaft so eigentlich gar nicht verdient hat, und ich schäme mich fast, diese Worte laut auszusprechen. Wer so spielt, verdient nichts Anderes als das Ausscheiden. Wir dürfen uns bei Steaua Bukarest bedanken, dass es dennoch gerreicht hat.

Ich greife die Worte von Twitterer kimosch46 auf: „Ein gutes Pferd springt nicht höher als es muss. Der VfB hingegen rennt einfach in das Hindernis rein, macht es so kaputt und kommt weiter.“ Wo er Recht hat… Der VfB hätte gut daran getan, sich für das schändliche 0:2 im Hinspiel, das viele meiner Freunde und Bekannte live miterlebten, zu revangieren, um den Molde-Komplex zu besiegen, besonders deutlich konnte man sich gegen die Norweger nämlich weder dieses Jahr noch vor 2 Jahren durchsetzen.

Ich schaff es noch, ich schaff es noch!

Bevor es soweit war, dass ich überhaupt im Stadion stehen konnte und noch voller Hoffnung war, dass es ein erfolgreiches Spiel werden würde, hatte ich schon Stress. Clever wie ich war schlug ich einem unserer Kunden vor, an diesem Donnerstag zusammen mit meinem Chef in Weil der Stadt vorbei zu kommen um einige Sachen zu besprechen. Problem: ich versäumte im Vorfeld, das Spiel als Termin in meinen Kalender einzutragen. Die ursprüngliche Uhrzeit von 17 Uhr konnte ich noch auf 16 Uhr vorverlegen \“ ob es trotzdem reicht, wusste ich nicht.

Verständlicherweise war ich den ganzen Tag in Sorge, es würde nicht mehr reichen. Es fing an zu schneien, die Straßen vereisten, die Anfahrt im Auto nach Weil der Stadt wurde schwierig. Ein paar Minuten zu spät erreichten wir das Büro des Kunden und hatten uns besprochen, immer wieder erhaschte ich einen Blick auf die Armbanduhr meines Chefs, unauffällig, wie ich doch hoffe.

Nach gut einer Stunde war es geschafft, wir packten zusammen, mein Chef fuhr mich zum Bahnhof und ich erwischte sogar den Anschluss 2 Züge früher. Etwas weniger Panik. Die Strecke bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof zog sich ewig, dort stand auch schon die nächste Bahn Richtung Stadion bereit, gleich reingehopst, Türen zu und weiter gehts. Ich schaff es noch, ich schaff es noch, ich schaff es noch!

Das Stadion ist leer? Es muss Europapokal sein!

In der Bahn noch schnell umgezogen und schnellen Schrittes zum Stadion gehetzt, es reichte sogar noch für ein weniger gesundes Abendessen. Treppe runter, meine Leute gefunden, tief durchatmen! Der erste Teil war geschafft. Ein Teil der Fanclubleute war auch schon da, ich nahm meinen Platz wieder im unteren Bereich in den ersten Reihen ein. Ich mag Europapokalspiele, man solle dankbar dafür sein. Dankbar bin ich aber auch für die Bestuhlung, die mir die Möglichkeit gibt, mich auf die Sitze zu stellen und einen besseren Überblick zu bekommen.

Ich schaute mich um, wie ich leider zugeben muss ein gewohntes Bild in der Europa League: unzählige leere Sitzschalen, 15.500 Zuschauer sollten am Nikolaustag den Weg zum VfB finden, das waren gerade einmal 200 mehr als beim mageren 0:0 gegen Kopenhagen, als ich mir sicher war, dass es fürs Weiterkommen nicht mehr reichen würde, wie sollten wir denn auch in Kopenhagen und Bukarest gewinnen können? Ich wurde glücklicherweise eines Besseren belehrt, mir wäre nur einfach wohler gewesen, wenn es hier und heute um nichts mehr gegangen wäre.

Nur langsam kamen die Leute an ihre Plätze, auch die Cannstatter Kurve blieb an diesem Tag voller Lücken. Woran liegts? Ein Spiel unter der Woche? Die Witterungsbedingungen? Die schwierige Uhrzeit um 19 Uhr, die für die Berufstätigen und/oder weiter weg wohnenden Leute nur schwer machbar ist? Allgemeines Desinteresse an der Europa League? Sicherlich ein Mix aus allem. Wirklich schön waren ja auch die anderen beiden Heimspiele gegen Kopenhagen und Bukarest nicht, war es eine weise Vorahnung? Ich weiß es nicht.

Alles oder Nichts

Fritzle hat an solchen Tagen einen schwierigen Job. Bei wahnsinnig wenigen Zuschauern ein paar Kinder zu finden, die man bespaßen kann, ist sicher nicht gerade einfach. Mit einer Nikolausmütze versuchte er es dennoch. Zumindest war es in dem Kostüm bestimmt schön warm, schön im Winter, schlecht im Sommer. Die Minuten vergingen, bald war es soweit. Ein paar mutige Schlachtenbummler aus Norwegen waren im anderen Eck des Stadions auszumachen, gut 120 Molde-Fans machten sich auf den Weg.

Es war soweit, die Mannschaften betraten das Feld, mein Herz schlug bis zum Hals. Alles oder nichts, davon war ich ausgegangen. Im Falle einer Niederlage wirds das gewesen sein \“ doch hatte ich dabei nicht im Blick, dass wir dennoch weiter sind, wenn Kopenhagen gegen Bukarest nicht gewinnt, denn wir hatten einen Punkt mehr. Ich wünschte mir so sehr das Weiterkommen, wie die meisten aktiven Fans auch, internationale Auswärtsfahrten sind das, wovon wir später noch unseren Kindern erzählen.

Es lag an uns, das Historisches geschieht. Würden wir weiterkommen, stehen zum ersten Mal gleich 7 Clubs in der K.O.-Runde des Europapokals: Bayern, Dortmund und Schalke in der Champions League, Gladbach, Hannover, Leverkusen und hoffentlich dann auch wir in der Europa League, „Die glorreichen Sieben“. Wenn das mal nicht zusätzlichen Druck erzeugt, wir wissen alle, dass man diesem nicht immer stand halten kann.

Einfach nur beschämend

Viel schreiben kann und will ich nicht über die erste Hälfte. Fehlpässe auf 2 Meter, lächerliche Zweikampfführung, kein Biss, kein Wille, keine Leidenschaft. Wohlgemerkt: es war unser entscheidendes Spiel. Davon sah man allerdings nicht viel, es machte eher den Eindruck, als stünde es bereits 3:0 und man hätte sich bereits schon vor Wochen für die nächste Runde qualifiziert. Es war einfach nur beschämend, frustrierend, enttäuschend.

Molde hingegen war frischer, schneller und willensstärker als wir. Und dabei war deren Hinrunde in der norwegischen Liga schon längst zu Ende, auch waren sie Gruppenletzter und schon längst ausgeschieden. Von allen 5 Gruppenspielen hatten sie nur eines gewinnen können \“ das gegen uns. Was war da los bei unseren Jungs? Völlig blockiert standen sie neben sich, das Raunen wurde lauter.

Auch die Cannstatter Kurve tat sich schwer. Viele Lücken klafften dort, wo man sonst Schulter an Schulter mit seinem Nebenmann (oder der Nebenfrau) steht, wo alle mitmachen sollten, alles geben für den Verein mit Tradition aus Cannstatt. Fröstelnd stand ich auf dem Metall-Klappsitz und hatte eine gute Sicht, die ohnehin schon zaghafte Stimmung endete trotzdem an dem unnützen Zaun, den man zwischen den Blöcken 33 und 34 gezogen hat. Schon jetzt war es eine reine Enttäuschung, schlechte Stimmung, schlechtes Spiel.

Die Strafe folgt auf dem Fuß

Mit viel Glück konnten wir zu Elft weiter spielen, Vedad Ibisevic fuhr beim Kopfball den Ellenbogen im Strafraum aus, erwischte Vegard Forren am Kopf, der zu Boden sank und blutüberströmt vom Platz geführt werden musste, er ließ sich behandeln und spielte weiter. Manche Schiedsrichter geben für solche Aktionen Elfmeter und einen Platzverweis, wir alle kennen das ja schon.

Eine elendige erste Halbzeit neigte sich dem Ende. Viel Nennenswertes war bisher nicht passiert, der VfB gab nach 15 Minuten den ersten Torschuss ab, völlig frei versemmelte Martin Harnik, viele Torchancen gab es nicht \“ aber wenn es welche gab, vergab man sie kläglichst. Auf der anderen Seite musste Ulle oft eingreifen, und das, obwohl es Molde hätte egal sein müssen, ob sie gewinnen oder verlieren, sie jammerten ohnehin, sie müssen sich jetzt auch noch für dieses Spiel fit halten. So kanns gehen manchmal.

Kurz vor Schluss noch eine der wenigen Chancen für den VfB, Gotoku Sakai, der an diesem Tag völlig von der Rolle war, wollte einen Querpass auf rechts machen, daraus wurde ein völlig verunglückter Querschläge, Molde reagierte schnell und schaltete schlagartig auf Konter um. Meine Gesichtszüge froren ein, die Kinnlade klappte runter, der Atem stockte. Als hätte ich es geahnt. Wortlos flehte ich „Bitte nicht!“.

Der Schock vor der Pause

Davy Claude Angan am Ball, 25 Jahre alt, 184 cm groß, geboren in der selben Stadt wie unser Arthur Boka. Neben ihm rannte der ebenfalls neben sich stehende Cristian Molinaro, er konnte ihn nicht mehr einholen. Davy Claude Angan gegen Sven Ulreich, wer ist der Sieger in diesem Duell? Ulreich tauchte ab, fing den Ball ab, konnte ihn jedoch nicht fest halten. Und an gebrauchten Tagen wie diesen, ist der Nachschuss eben drin. Der stille Gruß an Gott, gellende Pfiffe und wütende Schreie in der Cannstatter Kurve. Ich schwieg und schloss die Augen. „Bitte nicht!“…

Unmittelbar danach ertönte der Pausenpfiff, entsprechend frustrierte Reaktionen von den paar Tausend Zuschauern, die da waren. Viele sehen nur den hohen Kartenpreis, in keinem Verhältnis zur dargebotenen Leistung. Die Pfiffe schalten im nahezu leeren Stadion. Ich griff zu meiner eisgekühlten Capri Sonne und versuchte mich an Zeiten zu erinnern, als es Spiele wie diese nicht gegeben hat, in dem der einfachste Gegner der Gruppe einfach besiegt wurde, Zeiten, als ein 0:1 noch lange keine Niederlage bedeutete. Vergangene Zeiten.

Ungläubig schaute ich durch die Reihen. Wirklich gut gelaunt waren hier nur die allerwenigsten, dem Glühwein oder bedingungslosem Optimismus geschuldet. Was für eine Scheiße. Mund abwischen und einfach besser in die zweite Hälfte starten, das war das einzige, was wir hätten tun können.

Wie zugenagelt

Manche hätten es nicht für möglich gehalten, doch es half tatsächlich, wesentlich besser kamen die Jungs aus der Kabine. Umso trauriger, dass 70% Ballbesitz und unzählige Torschüsse nicht reichen, wenigstens eines von 3 Heimspielen zu gewinnen. Der Wille war ihnen dennoch nicht abzusprechen, zumindest nicht in der zweiten Halbzeit. Wie verrückt rannten sie an und schossen aus allen Lagen \“ teils unglücklich, teils Unvermögen.

Der Ball wollte einfach nicht rein, das Tor der Norweger schien vor der Cannstatter Kurve wie vernagelt. Es trieb einen in den Wahnsinn, half aber zumindest der tristen Stimmung im Stadion wieder ein wenig auf die Beine, wilde Gesten unseres Martin Harnik, „Kommt schon Leute, feuert uns an!“, das taten wir. Doch waren wir immer wieder verzweifelt, wenn nur wenige Zentimeter fehlen oder aus guter Position direkt auf den Torwart geschossen wird. Warum konnten sie nicht schon in der ersten Halbzeit so spielen?

Es nützte alles nichts, nicht ein einziger Ball fand den Weg ins Netz der Norweger. Wer kann es uns verdenken, dass wir enttäuscht waren? Selbst wir, die Cannstatter Kurve, wir sind immer mit dabei, sowohl daheim als auch auswärts, wir folgen den Jungs wenns sein muss bis ans Ende der Welt. Für viele, und auch für mich, wie ich zugeben muss, ist dieser Verein ein großer Teil unseres Lebens, irgendwo verständlich, dass man frustriert ist, wenn man beide Spiele gegen ein kleines norwegisches Fischerdörfchen verliert.

Der Österreicher, das Lied und der Vogel

Mit leerem Blick starrte ich aufs Spielfeld. Ich war mir sicher, dass das hier das Ende ist. Ich verstand zuerst gar nicht die Freude unseres Fanclub-Kumpels Christoph, der uns nach Fürth begleitet hat, warum er sich so an das 1:1 in der Partie Kopenhagen gegen Bukarest klammerte. Ich dachte, dass wir dann trotzdem gewinnen müssten, dem war ja aber nicht so. Nach Abpfiff dann die Ansage des Stadionsprechers, der den Endstand der anderen Partie durchgab, wo zumindest leichter Jubel ausbrach. Wir waren dennoch als Gruppenzweiter weiter, dank der Schützenhilfe der Rumänen. Ich war verwirrt.

Zaghaft kam die Mannschaft in die Kurve, viele klatschten dennoch, man war ja trotzdem weiter, wenn auch glücklich und eher unverdient. „Scheißegal!“, möchte man sagen, doch ist die Schande dennoch unwahrscheinlich groß. Wir kennen dieses Gefühl, teilweise hochgradig peinliche Auftritte auf internationalem Parkett. Wir Fans singen dann stets das gleiche Lied: „Stuttgart international kann man nur besoffen sehen!“. Galgenhumor. Einer legte es auf die Goldwaage.

Einst feierte er im Block mit uns, die Kurve skandierte „Martin Harnik Fußballgott!“ nach einer grandiosen Partie gegen seinen Ex-Klub Bremen. Das ist nun fast 8 Monate her. Viel ist wieder passiert, doch immer wieder wurde er zum umjubelten Helden. Umso schockierender die Tatsache, dass er dieses Lied voller Hohn beklatschte und uns auf halbem Weg in die Kabine noch den Vogel zeigte, wütende Pfiffe schlugen ihm daraufhin aus der Cannstatter Kurve entgegen.

Verloren und trotzdem weiter

Beide Seiten waren frustriert über die erneute Niederlage und den schwachen Auftritt, sowohl das Auspfeifen als auch das Zeigen des Vogels waren unangebracht, er bezog dazu später Stellung auf Facebook (Teil 1 und Teil 2), in der er seine Lage nochmal schilderte und zum Abreagieren aufrief, im gleichen Atemzug wünschte er sich eine geile Stimmung beim Heimspiel gegen Schalke, was nur 2 Tage später stattfinden würde \“ zum Zeitpunkt dieses Spielberichts sind es nur noch wenige Stunden.

Frustriert über die schwache Leistung der Mannschaft, aber dennoch erleichtert über die unerwartete Schützenhilfe und das damit verbundene Weiterkommen liefen wir rasch nach Hause, wo ich mich logischerweise gleich an die Bildbearbeitung machte. Was bleibt ist die Verhärtung des Molde-Komplexes, einige Fragezeichen doch immernoch die Hoffnung, dass es bessere Tage geben wird: Tage, an denen wir mit der Mannschaft gemeinsam feiern, wenn die Jungs und die Fans zusammenwachsen, wenn auch kleine norwegische Fischerdörfchen kein Problem mehr darstellen.

Gefällt mir (1 mal bewertet)
Loading...

Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

3 Kommentare

  1. Pingback: my life. my love. my blog. » Der dreifache Ibisevic

  2. Pingback: my life. my love. my blog. » Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt

  3. Pingback: Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel | my life. my love. my blog.

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.