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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Der dreifache Ibisevic

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„Oooooooh, wie ist das schön, sowas hat man lange nicht gesehen!“, die Laola schwappte durchs Stadion, wenn auch nur zaghaft. Der VfB gibt mir Rätsel auf. Eben noch 0:1 gegen das kleine norwegische Fischerdörfchen Molde verloren und haarscharf am Ausscheiden an der Europa League vorbei geschrammt, und nun, 42 Stunden später, eine ncht für möglich gehaltene Leistungssteigerung gegen den ungeliebten blauen Rivalen aus dem Ruhrpott. Da versteh mal noch einer den VfB!

Der Frust war kaum verflogen vom Spiel am Donnerstag Abend. Nur 15.500 Zuschauer sahen dabei zu, wie man kläglichst versagte und nur mit Schützenhilfe von Steaua Bukarest in die nächste Runde einzog. Schüttelnde Köpfe, selbstironische Lieder, die man in Stuttgart schon seit Jahrzehnten singt, wurden als Angriff gewertet, der Vogel wurde uns gezeigt. Die Stimmung ist hitzig in Stuttgart, der Graben zwischen Mannschaft und Fans ist auch bei Siegen ein großes Hindernis.

Wie sollten es die Jungs also schaffen, nur 42 Stunden später gegen die Schalker zu bestehen, die als Tabellen-Vierter angereist waren. Die Sorge, aus dem eigenen Stadion geschossen zu werden, war berechtigt, selbst beim Blick auf die Statistik, die uns ein wenig beruhigen sollte. Könnte es an müden Beinen scheitern? Wohl kaum, hat man sich gegen Molde ja nun nicht unbedingt den Allerwertesten aufgerissen.

Let it snow, let it snow, let it snow

Wir befinden uns im letzten Monat des Jahres, entsprechender Niederschlag in Form von Schnee deckte den Kessel und das Umland ein, mein erster Blick nach Draußen an jenem Samstag Morgen um 7:30 Uhr zeigte mir schneebedeckte Autos, Straßen, Gehwege. Warm anziehen, das riet ich auch meiner Kollegin Anna, die mich an diesem Tag mit ihrem Freund Peter begleiten würde. Ich freute mich sehr, wollte ich ihr doch so gerne mal zeigen, warum mir der Fußball und das ganze Drumherum so wichtig ist.

Da ich am Freitag Abend nicht gerade mit einer routinemäßigen Heimfahrt gesegnet war und das Schnee“chaos“ in Stuttgart die Bahnen haben verrückt spielen lassen, fand ich weder Zeit noch Muße, nach all dem Stress auch noch den Molde-Spielbericht zu verfassen, das holte ich dann am Samstag Morgen nach \“ Ausschlafen ist ja eh Mainstream. Wieder einmal kurz vor knapp wurde ich fertig, schnell essen und anziehen, weiter gehts zum nächsten Spiel \“ englische Wochen haben ihre Vor- und Nachteile.

Dick eingepackt bis zur Bewegungsunfähigkeit machten wir uns auf den Weg zum geliebten Neckarstadion. Felix hatte im Rucksack noch 2 Leihschals für meine Kollegin eingepackt, die beiden besitzen so etwas nämlich nicht. Anna müsste heute ihre Stadiontauglichkeit unter Beweis stellen, bringt sie Glück, nehm ich sie gern mal wieder mit. Die Vorfreude war groß, mischte sich aber dennoch mit Sorge und innerer Unruhe, wie vor fast jedem Spiel der letzten Monate, denn Worte wie Konstanz und Leistungen auf stabilem Niveau beim VfB allenfalls im Fremdwörterbuch nachzuschlagen wären.

Willkommen in meiner Welt

An der großen Treppe vor der Cannstatter Kurve stand ich nun da, mit suchendem Blick auf die Menschenmassen, die sich ihren Weg ins Stadioninnere bahnten, heute dürften es ein paar mehr werden als noch vor 2 Tagen gegen Molde. Geduldig wartete ich auf Anna, die ich am frühen Morgen noch mit einer romanartigen WhatsApp-Nachricht informierte mit den wichtigen Fragen und Antworten zum Wie, Wo und Wann. Grinsend kam sie mir auf der Treppe entgegen – „Willkommen in meiner Welt!“ begrüßte ich sie und ihren Liebsten.

Für die Zwei noch ein Bier spendiert und hinein in die gute Stube, die schon gut gefüllt war. Gut eine halbe Stunde hatten wir noch, für mich relativ kurz vor Anpfiff, meist bin ich spätestens 1 Stunde vor Anpfiff an meinem Platz. Im Block 33 postierten wir uns, zahlreiche Fragen zum Stadion und zur Kurve wurden geduldig beantwortet, amüsiert lauschte man unabsichtlich den hochgradig gehaltvollen Gesprächen um uns herum. Heute würde ein letztes Mal geschwiegen werden, 12 Minuten und 12 Sekunden für den Erhalt der Fankultur.

Unter der gespenstischen Stille von 55.800 Zuschauern betraten die Roten und die Blauen das Feld, beide nicht gerade mit besonders guter Stimmung bei den Fans gesegnet. Zählen wir mal nach: 20 Feldspieler, 2 Torwarte \“ passt, zumindest noch. Keine Fahne, kein Gesang, kein Geschrei, nur zaghaftes Klatschen. Wenn wir nicht für den Erhalt der Fankultur kämpfen würden, über die am 12.12. entschieden wird, könnte es einem fast das Herz brechen.

Soviel zum Thema Schweigen

Seit ein paar Sekunden rollte der Ball, man hielt einfach die Klappe und wartete 12 Minuten und 12 Sekunden ab, um dann in der Kurve so richtig Vollgas zu geben. Gegen Augsburg klappte das zunächst nicht so recht, bedingt einerseits durch die Uneinigkeit in der Kurve, andererseits durch das frühe Tor des Ex-Augsburgers Ibrahima Traoré \“ gejubelt wurde selbstverständlich, kein Fan würde da ganz ruhig bleiben.

Die Uhr zeigte uns 1 Minute und 34 Sekunden, die Schalker in der Hälfte unserer Jungs, große Nervosität war noch nicht aufgekommen. Es war der Moment, als Ibrahima Traoré den Ball mit einer Grätsche eroberte und via Doppelpass mit Arthur Boka, der sich wie eine Dampflok von niemand hat aufhalten lassen, selbst vorlegte. So schnell konnten die Schalke gar nicht schalten, schon war die Nummer 16, liebevoll von mir und einer anderen Kollegin „Flummiball“ genannt, fast am Strafraum und flankte nach innen.

Nur 12 Sekunden nach der Balleroberung durch Ibrahima Traoré hielt man einen Moment die Luft an, als die Flanke in den Strafraum flog. Vedad Ibisevic war mitgelaufen, hielt nur noch seinen Fuß hin und beendete damit abrupt das geplante Schweigen. Auch Timo Hildebrand, der den Meisten meiner Leserschaft als Held der Meisterschaft 2007 in Erinnerung geblieben ist, konnte nichts mehr machen. Jubelnd drehte er ab und küsste seinem Vorlagengeber liebevoll auf die Stirn, direkt vorm Schalker Gästeblock.

Schockfrosten alá VfB

Die Jungs herzten sich, ich herzte Anna, natürlich war die Freude groß. Ein frühes 1:0 in der 2. Minute, es dauerte einen Moment, bis sich die Aufregung wieder gelegt hat und wieder zurückgekehrt werden konnte zum Schweigen. Gerade einmal 12 Sekunden lagen zwischen Balleroberung in der eigenen Hälfte bis zum Torerfolg \“ anders gesagt, ein perfekter Konter, wie man ihn besser kaum machen kann. So konnte es gerne weitergehen.

Kurz darauf nach einer Ecke beinahe das 2:0, der Gewaltschuss aus der 2. Reihe brachte leider nicht das erste Saisontor für Raphael Holzhauser, der mittlerweile fester Bestandteil der Stammformation ist und als einer von 4 VfB-Spielern auf dem Feld stand, die bei -2° C mit kurzem Trikot spielten: Maza, Georg Niedermeier, Sven Ulreich und der bullige Österreicher. Ein kurzes lautes Raunen, schnell ging die Dezibelzahl wieder schlagartig nach unten.

Bisher ein ganz passables Spiel unseres geliebten VfB. Kurz vor Ablauf der Schweigeminuten noch 2 ganz gute Chancen für Ibrahima Traoré und Raphael Holzhauser, man hätte hier sogar schon noch höher führen können. Stattdessen waren wir es, die in einen Konter gelaufen sind. Einmal nicht aufgepasst, schon war der Ball im Tor, da konnte auch Sven Ulreich nichts mehr machen. Wer wars? Es wird doch wohl nicht etwa…?

Der Acht-Millionen-Fehleinkauf

Oh doch. Es blieb uns nicht erspart, wie so oft in den letzten Jahren treffen gerne ehemalige VfB-Spieler in den Partien gegen uns. So auch der Fehleinkauf von 2007, Ciprian Marica wechselte damals für rund 8 Millionen von Schachtjor Donezk zum VfB, erzielte dabei (als Stürmer wohlgemerkt) nur 19 Tore in 93 Spielen \“ Effektivität sieht anders aus. Er wird mir jedoch in Erinnerung bleiben durch jenes bannbrechende Tor im Champions League Spiel gegen Unirea Urziceni.

Ohne jede Chance für Sven Ulreich haute er den Ball in die Maschen. Gejubelt hat er nicht, wohl aus Respekt vor dem VfB. Merkwürdig, dabei hatte er hier alles andere als eine gute Zeit. Ob er nun vor der Cannstatter Kurve gejubelt hätte, hätte an der Tatsache, dass es nun 1:1 stand, aber ohnehin nichts ändern können. Der Schock stand mir ins Gesicht geschrieben, selbst Anna neben mir schimpfte wie ein Rohrspatz. Sie war schonmal im Stadion, noch bevor ich den VfB für mich entdeckt hatte.

Das Bruddeln der Stuttgarter und der Jubel der Schalker wurde schnell übertönt. Kurz darauf war die Zeit runter gelaufen, 10 Sekunden lang zählten wir herunter, bis schließlich ein großes Meer an weiß-roten Fahnen und und unzähligen Doppelhaltern in der Cannstatter Kurve erstrahlte, so sieht optischer Einsatz aus, quasi aus dem nichts heraus waren wir nun endlich da, wo wir hingehören, lautstark, lasst uns unsere Jungs nach vorne schreien: „Oh VfB, hier im Stadion, schlägt dein Herz, lebt deine Tradition, solange wir in der Kurve stehen, wird auch deine Fahne weiter wehen“

Lagerübergreigende Solidarität

Danach ebbte das Spiel beider Mannschaften ein wenig ab, klare Torchancen wurden Mangelware. Ich genoss sichtlich die Anwesenheit meiner Kollegin und freute mich, dass sie offenbar Spaß an Spiel und Stimmung im Stadion hatte. Durch den überdurchschnittlichen optischen Einsatz und der im Vergleich zu den letzten Spielen tollen Stimmung in der Cannstatter Kurve kann man wirklich Gefallen daran finden. Die vielen Doppelhalter eigeneten sich hervorragend als Fotomotiv.

So groß die Rivalität mit dem FC Schalke 04 auch ist, es reichte dennoch für einen „Scheiß DFB!“-Wechselgesang mit abschließendem Klatschen, das hat von den Gastvereinen in Stuttgart bisher keiner so recht erwidern können. Solidarität im ganzen Land, jeder steckt seinen Stolz ein Stück weit weg, man hält zusammen, denn nur gemeinsam kann man verhindern, dass uns unser geliebter Sport aus den Händen gerissen wird. Tolle Aktion! Gemeinsam gegen das Maßnahmenpapier!

Auf der Anzeigetafel stand es noch 1:1, doch man hatte intensiver als in den letzten Wochen das Gefühl, dass die Mannschaft diesen Sieg erzwingen wollte, mehr als anderes andere. Das spürte natürlich auch die Cannstatter Kurve, mit lauten Gesängen peitschten wir sie nach vorne. Von Fehlpässten verschont geblieben ist aber auch der VfB nicht, und so dauerte es ein bisschen, bis etwas wirklich Nennenswerte passierte.

Ein strammer Schuss ins Glück

In einer recht ruhigen Phase des Spiels plätscherte die Partie ein wenig vor sich hin, im Mittelfeld neutralisierten sich unsere Jungs mit den Königsblauen. Offenbar war es die Ruhe vor dem Sturm. Als ich mit Fuß-Warmhalte-Übungen zugange war und dem Treiben in der Kurve und auf dem Feld abwechselnd Beachtung schenkte, war der VfB wieder im Angriff, ein weiteres Mal, dass lediglich erst 1 Tor dabei raussprang, war zwar bedauerlich, aber noch waren es ja knapp 10 Minuten in der 1. Halbzeit, kein Grund zur Panik also.

Eine Flanke des durchaus bemühten, aber im Abschluss seit einigen Wochen unglücklichen Martin Harnik, Christian Gentner fiel im Strafraum zu Boden, ein Pfiff, Elfmeter! Namensvetter Christian Fuchs war etwas beherzt in den Zweikampf gegangen und sorgte für den Strafstoß zu unserem Gunsten in der 38. Minute. Aufregung pur im Stadion, Vorfreude, Anspannung, Nervosität, Angst, von allem etwas, zu vermischt, um es trennen zu können.

Wieder nahm sich Vedad Ibisevic den Ball, eine Woche zuvor verschoss er in Fürth, was durch den Nachschuss von Shinji Okazaki glücklicherweise ohne Folgen blieb. Und dieses Mal? Beide Mannschaften gaben den Strafraum frei, es gab jetzt nur noch Vedad Ibisevic und Timo Hildebrand, Auge in Auge, beide kennen sich noch aus der gemeinsamen Zeit in Hoffenheim. 55.800 Zuschauer, davon 4.000 mitgereiste Schalker hielten den Atem an. Anlauf, draufgezimmert, drin!

Mit der Führung in die Pause

Sven Ulreich lief in sein Tor zurück, die Fäuste geballt, die Augen geschlossen, der Kopf gesenkt, wilde Gesten brauchte es nicht, man sah ihm die Erleichterung an. Wenige Meter vor ihm wuselte alles wild durcheinander, keiner konnte stillstehen, als unsere Nummer 9 sein 2. Tor in dieser Partie schoss, das 2:1 kurz vor der Halbzeit, es war noch lange nicht die gewünschte Erlösung, aber es war ein unheimlich intensives Gefühl der Begeisterung, der Euphorie und der Erleichterung. An manchen Tagen kann Fußball so unheimlich einfach sein.

Nachdem Ibrahima Traoré kurz vor der Pause nur eine Millisekunde zu langsam war und es beinahe noch 3:1 geheißen hätte, pfiff Schiedsrichter Felix Zwayer zur Pause. Apropos Felix \“ der verweilte wie bei jedem Heimspiel im Block 37 und sorgte für tolle Fotos von der linken Seite der Kurve, damit eine abwechslungsreiche Auswahl an Bildern bereitgestellt werden kann zur Veröffentlichung bei vfb-bilder.de. „Nur“ mit 2:1 gings in die Halbzeit, wäre dies der Schlusspfiff, ich würds glatt so nehmen!

In Windeseile die Capri Sonne weg gezutscht und die wenigen Minuten eines etwas aufgelockerten Blocks genießen. Um die Befindlichkeiten meiner heutigen Gäste bemüht fragte ich nach dem rechten, ob beide Spaß haben und das Spiel gut sehen können, sie bejahten beides, wie schön. Selbst der Mann mit der Wildschweinkopf-Mütze blockierte nicht die Sicht, das Singen und Springen für die beiden ein völlig neues Terrain, bisher kannten sie lediglich die Sitzplätze auf der Haupttribüne.

Alte Liebe rostet nicht

Es konnte weitergehen, Seitenwechsel. Timo Hildebrand wusste genau, was auf ihn zukommt. Seit seinem Wechsel nach Valencia nach der Deutschen Meisterschaft 2007 hat er nie gegen den VfB auf dem Feld gestanden. Ich kann mich nicht erinnern, wass es eine Szene wie diese zuletzt im Neckarstadion gab. Er lief ins Tor vor der Cannstatter Kurve, hob die Hände, applaudierte uns zu. Wir erwiderte. Einen Moment Gänsehaut. Niemand hat ihn und seine Heldentaten der Meistersaison vergessen. Ich applaudierte ebenfalls \“ obwohl ich ihn als VfB-Spieler nie live gesehen habe.

Nach dem Wiederanpfiff blieb es bei hohem Niveau, sowohl was das Spiel selbst angeht als auch den Support in der Kurve, ein guter Tag für die aktiven Fans der Cannstatter Kurve, die ununterbrochen Gas gegeben hatte. Nach wie vor finde ich es bedauerlich, dass es trotz 4-6 Vorschreier noch nicht gelungen ist, regelmäßig auch die Blöcke linkerhand des Blocks 36 und rechterhand des Blocks 34 mitzureißen. Selbst an Tagen wie diesen sind es bei weitem nicht Alle, die sich an der positiven Stimmung beteiligen, das finde ich überaus schade.

Alleine an den Trainern konnte man schon sehen, wer hier mit wieviel Leidenschaft und Siegeswille angetreten war. Dick eingepackt mit bis oben verschlossener Jacke hockte Huub Stevens auf der Bank, machte sich Notizen und sah es nicht als notwendig an, seiner Mannschaft Anweisungen zu machen. Bruno Labbadia hingegen dauerhaft angespannt, gestikulierend, fordernd, motivierend, als wolle er selbst mitspielen, stets gut zu beobachten bei Torchancen durch Kopfbälle, wie er dann an der Seitenlinie steht und unfreiwillig mit dem Kopf nickt.

Die totale Eskalation

Ohne jemals als Intensität zu verlieren, ging es weiter, teilweise mit One-Touch-Pässen, bei denen man sich getrost die Augen reiben konnte. War das tatsächlich unser VfB? Ja, Schalke hatte einen richtig schlechten Tag erwischt, dennoch erstaunte es mich und wohl auch die meisten Anderen, wozu die Mannschaft 42 Stunden nach einem der schwächsten Spiele der bisherigen Saison im Stande war. Nein, ich verstehe diesen Verein manchmal nicht. Er vermag oft, zu überraschen, leider aber nicht immer positiv.

Immer wieder ging es ganz schnell, ein Ball in die Gasse, mit dem Risiko des Ballverlustes, Unsicherheit und Angst waren heute in der Kabine geblieben. Mit dem Kopf durch die Wand, diese Jungs wollten den Sieg übers Knie brechen, angepeitscht von einer euphorischen Cannstatter Kurve, die alles dafür geben würde, aus diesem Tag einen Feiertag zu machen. Und immer wieder Ibisevic, Ibisevic, Ibisevic.

Sein Pass in den Lauf von Raphael Holzhauser, abgesch(l)ossen direkt auf den Torwart, abgeprallt, oh man, Scheiße! Der Bosnier rannte ungebremst weiter, halb im Fallen drosch er drauf, gefühlte Sekunden war der Ball in der Luft. Elektrisierende Sekunden, statisch aufgeladen, positive Anspannung, eine halbe Ewigkeit war der Nachschuss in der Luft, bis er schließlich das Netz berührte und alles und jeder Einzelne in der Cannstatter Kurve, nein, im ganzen Stadion völlig eskalierte. Anna, ich hoffe, ich habe dir nicht wehgetan in meinem Überschwang.

Nur noch zu Zehnt

Da hüpfte selbst Sven Ulreich gefühlte 3 Meter hoch. Ein unbeschreibliches Gefühl, für dass ich jede Woche aufs Neue ins Stadion gehe, warum ich selbst die weitesten und anstrengendsten Strecken auf mich nehme, das ganze Geld, was dabei drauf geht, in solchen Momenten ist alles vergessen. Deshalb, liebe Freunde, mag ich den Fußball, deswegen, verehrte Leser, liebe ich den VfB Stuttgart.

Doch es wäre ja auch nicht unser VfB, wenn er uns selbst in Momenten des größten Glücks nicht ab und zu mal ein wenig Kummer bereiten würde. Der sonst so besonnene Japaner Gotoku Sakai grätschte an der Seitenlinie ins Standbein von Lewis Holtby, schnell war der Schiri da, die Hand ging zur Gesäßtasche, ein verzweifelter Aufschrei, die Diskussionen von Christian Gentner, Ibrahima Traoré, Vedad Ibisevic und Martin Harnik nützten nichts, bei aller Diplomatie, schockiert sahen wir unsere Nummer 2 vom Feld trotten.

Selbst auf viele Meter Entfernung, den Gesichtsausdruck des 21-Jährigen hätte man erraten können. Er war untröstlich. Ab sofort 23 Minuten in Unterzahl, wenn auch mit einem 2-Tore-Vorsprung. Anna und Peter haben davon nichts mitbekommen, die Mengen an Kaffee und Bier forderten ihren Tribut. Seit dem Eröffnungsspiel gegen Schalke (welche Ironie?!) vergangene Saison, habe ich kein einziges Mal mehr in der Pause den Block verlassen, weder daheim noch auswärts.

Nicht sehr lange in Unterzahl

Kurios war es durchaus, was sich 6 Minuten später zutrug, es relativierte die Schalker Überzahl durch ein Foul vom altbekannten Rüpel Jermaine Jones gegen Ibrahima Traoré, auch er sah die rote Karte und musste das Feld 17 Minuten vor Schluss verlassen, weiter ging es mit 10 gegen 10. Die Experten, sowohl die offiziellen als auch die selbsternannten, betitelten seinen Platzverweis als eher überharte Entscheidung. Uns ist das keinesfalls egal. Uns ist das scheißegal!

Mittlerweile stand Antonio Rüdiger auf dem Platz, er kam für den erneut bockstarken Raphael Holzhauser. Auch Soufian Benyamina, Christoph Hemlein und Benedikt Röcker saßen auf der Bank, die normalerweise bisher nur für die Drittligamannschaft aufgelaufen sind, deren Spiel am Freitag Abend jedoch witterungsbedingt abgesagt wurde.

Der 1,91m große „Rüdi“, Sohn eines deutschen Vaters und einer sierra-leonischen Mutter, wäre auch sogleich beinahe zu seinem ersten Tor gekommen, nur der Pfosten war im Weg. Verdeckt von einer Fahne sah ich es nicht einmal, erst in der Nachbetrachtung offenbart sich mir erst, wie nah wir hier dran waren am 4:1, was auch in der Höhe sicherlich nicht unverdient gewesen wäre.

Oooooh, wie ist das schön!

Angestimmt vom Oberrang bahnte sich die Laola-Welle ihren Weg durchs Stadion, zuerst zaghaft, dann euphorischer, es war ein gelungener Tag für den VfB und seine Fans. Soufian Benyamina kam noch zu seinem ganz kurzen Erstliga-Debüt, das freut besonders all diejenigen, die schon lange auf den Einbau der jungen Wilden aus der Amateurmannschaft warten. Gerne mehr davon!

Es war geschafft. Ich gebe zu, ich hatte nach dem Platzverweis für den VfB durchaus einen Moment Panik, malte mir gedanklich aus, was noch im schlimmsten Falle passieren könnte. Man war ja schon fast traurig, dass in den letzten 30 Minuten kein Tor mehr gefallen war. Der unbestrittene Held des Tages war definitiv Vedad Ibisevic, wie sind wir doch dankbar, dass wir ihn haben, unsere Lebensversicherung, zusammen mit Martin Harnik, einer von beiden trifft fast immer.

Mit dem Schlusspfiff konnte ich Anna dann auch ihre Stadiontauglichkeit attestieren, gerne wieder mal in wichtigen Spielen! Im Gegensatz zum schwachen Spiel gegen Molde hatte die Mannschaft ein gutes Recht, sich heute feiern zu lassen. Dennoch taten sie es nicht, sie kamen kurz zu uns in die Kurve, man applaudierte sich gegenseitig und als wir schon mit den Händen zur Welle animieren wollten, waren die Jungs schon auf dem Weg in die Kabine, ohne sich umzudrehen. Unterkühlte Stimmung, wirklich schade an einem sonst so tollen Tag.

Bis zum Rauswurf

Man kann es auch provozieren. Zwei mal wurden wir ermahnt, den sonst schon vollständig geleerten Block zu verlassen. Interessierte mich nur nicht die Bohne, es gab durchaus noch Gesprächsbedarf am Zaun zwischen Block 33 und 34, nettes Geplauder über das Spiel, die Szenen nach dem Abpfiff und die Frage „Warum nicht immer so?“ – gute Frage, kann ich nicht beantworten. Die Mannschaft aber wahrscheinlich auch nicht.

Bei der zweiten Ermahnung trotteten wir dann im Schneckentempo die rot-weißen Treppenstufen hoch, die Felix einst im Auftrag seiner Firma gestrichen hat, verabschiedeten uns von Anna und Peter und machten uns nach kurzem Aufenthalt am Fahnenraum selbst auf den Weg nach Hause, mittenrein durch einige gefrustete Schalker, die übermütig genug waren, in unmittelbarer Nähe zur Cannstatter Kurve ein leichtsinniges „Stuttgarter Arschlöcher“ anzustimmen. Ach, bitte.

Und so schlappten wir durch den Schneematsch nach Hause, wieder hieß die erste Amtshandlung: Bildbearbeitung. Einen Haken dahinter, weiter ging es zu einer Party in einer Kneipe, welche ich so schnell nicht vergessen kann. Eng, stickig, hoffnungslos überfüllt \“ ich habe an diesem Abend mehr gesungen, als ich vermutet hatte. Die Beteiligten haben diesen Tag in jeder Hinsicht unvergesslich gemacht, danke für die tolle Stimmung im Stadion, danke für den tollen Sieg, danke für die tolle Party.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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