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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Das Kaninchen vor der Schlange

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Es sind so Spiele, da kannst du deiner Mannschaft noch nicht einmal richtig böse sein, wenn sie verliert. Solche, bei denen du ohnehin keinerlei Hoffnung hattest, zumindest behauptet man das. Ein wenig Hoffnung hat man immer, und sei es zwischenzeitlich durch einen Pausenstand von 0:0, wo alles, aber auch wirklich alles noch drin gewesen wäre. Die Erinnerung war noch da an das Spiel in der Hinrunde, geradezu abgeschlachtet wurden wir einst in München. Wiedergutmachung war dringend nötig, auch nach der Niederlage zum Rückrundenauftakt in Wolfsburg.

Dass im Fußball nicht immer alles über das persönliche Können geht sondern vieles auch einfach nur Kopfsache ist, haben wir gesehen. Ein Gegentor reichte für den Genickbruch. Es ist einfach nur schade, wie ängstlich die Mannschaft agierte, ohne, dass es dafür wirklich einen ernsthaften Grund gab. 45 Minuten lang präsentierte man sich nahezu auf Augenhöhe, ein granatenmäßiger Fehler, das Gegentor, und schon nahm die bittere Geschichte ihren Lauf. Vorbei sind die Zeiten, als wir daheim gegen Bayern noch ganz gut aussahen.

Fast 2 Wochen ist dieses Spiel mittlerweile schon her. Ich weiß, ich weiß, das geht eigentlich gar nicht. Viel zu tun im Geschäft, wenig Zeit an den Abenden unter der Woche. An die kleinen Details dieses Tages kann ich mich mittlerweile schon gar nicht mehr erinnern. Was hängen blieb: es war ein Sonntagsspiel und es war ziemlich kalt, wo es tagsüber noch Temperaturen im Plusbereich hatte, rutschten diese im Laufe des Nachmittags in den Minusbereich. Von der frostigen Stimmung im Stadion ganz zu schweigen.

Volles Haus

Das erste ausverkaufte Spiel seit… ja, ich glaube, seit der Stadioneröffnung gegen Schalke damals 2011. Lange Zeit ist vergangen, und trotz der erfolgreichen Mission Europapokal vergangene Saison, blieben stets mal mehr, mal weniger Plätze leer, zu besten Zeiten pendelte es sich bei 55.000 Zuschauern ein. Ein Schnitt, für den nicht einmal ein Um- und Ausbau für 60.000 Zuschauer nötig gewesen wäre. Doch war es nicht das Interesse der VfB-Fans, dieses Spiel zu sehen, nein, es waren die Bayern-Sympathisanten aus ganz Deutschland, die zu diesem Spiel stets aus ihren Löchern gekrochen kommen.

„Südgipfel“ wird dieses Spiel bisweilen genannt, oft sind dabei die Größenverhältnisse schon vorher klar geregelt. Auch dieses Mal, Bayern marschiert in Richtung Meisterschaft, der VfB schon mit 2 Niederlagen in Folge. Sich nur nicht abschlachten zu lassen war die Devise. Die Kurve war an diesem Tag gut gefüllt, auch jene, die sonst nie ins Stadion kommen, besorgten sich eine Karte \“ um dann wieder zu bruddeln und sich nicht am Support zu beteiligen, dann verließen sie das Stadion vorzeitig, als sie genug gesehen hatten. Solche Leute braucht die Kurve nicht.

Auch, wenn ich hier und heute ohne echte Hoffnung war, so war es zumindest ein kleiner Lichtblick, dass Vedad Ibisevic nach seiner Gelbsperre wieder mit an Bord war, der Auftritt in Wolfsburg war an Harmlosigkeit und Planlosigkeit kaum zu überbieten. Begleitet von zahlreichen Fahnen und Doppelhaltern in der Cannstatter Kurve sowie einer Choreo im Gästeblock betraten beide Mannschaften unter Flutlicht das Spielfeld. Das kann ja heiter werden.

Auf Augenhöhe

Auf Spiele wie diese blicke ich nur äußerst ungerne zurück. Der Dolchstoß ins Herz, wenn ich mir das Spiel bei vfbtv erneut anschaue. Bei der Szene, in der sich die VfB-Spieler zu ihrem obligatorischen Motivationskreis zusammenfinden, kommentierte man „Ist das die Mannschaft, die die Seuche beenden kann? Es gibt Zweifel…“

Manchmal reicht ein einziger Pass, ein kleiner, genialer Moment, und schon kann es passieren. Es ging wahnsinnig schnell. Ein Zweikampf, ein Ballverlust der Bayern, und auf einmal rannte Martin Harnik aus der eigenen Hälfte über das ganze Spielfeld, Ibrahima Traoré begleitete ihn, es folgten 3 Bayern. Alle sprangen panisch auf, es waren gerade einmal 5 Minuten vergangen. Der Pass gespielt zur rechten Zeit, doch nicht ganz perfekt \“ einen Schritt war er zu spät, der Ball war weg, der Lautstärkepegel sank wieder. Huiuiuiui, das wär ja ein Auftakt gewesen!

Lange Zeit neutralisierten sich beide Mannschaften gegenseitig, es gab keine ganz klaren Torchancen auf beiden Seiten, keiner schien so wirklich drückend hinterher zu sein, das Tor zu erzielen. Auch, wenn es auf Seiten des VfB mehr Offensivbemühungen hätte geben dürfen, so war es aber zumindest nicht das allerschlechteste Spiel der bisherigen Saison. Es stand noch 0:0, das war jedenfalls schonmal nicht ganz so übel.

Zwei große Chancen zum 1:0

Dass es der VfB durchaus kann, auch innerhalb weniger Sekunden Tore zu erzielen, haben wir schon einige Male gesehen. Einwurf in der eigenen Hälfte, ein langer Ball quer übers Feld, eine Kopfballverlängerung, ein weiterer schneller Pass und schon tauchte Shinji Okazaki auf einmal vor Manuel Neuer auf, Dante kam zu spät. Alle hielten die Luft an, ich betete gerade zu, dass dieser Ball irgendwie den Weg ins Tor findet. Er schloss ab, der Ball knallte knapp am Pfosten vorbei gegen die Werbebande. War das schade!

Wenig später hatten wir erneut den Jubelschrei auf den Lippen. Martin Harnik vernaschte einfach mal so seinen österreichischen Nationalmannschaftskollegen David Alaba, mit Vedad Ibisevic und Ibrahima Traoré ging es blitzschnell Richtung Bayern-Tor, so schnell konnte die Bayern-Abwehr nicht einmal schalten. Eine lange Flanke von unserem Flummiball (Grüße an meine Kollegin Ann!), Martin Harnik stand mittlerweil am langen Pfosten bereit.

Unfassbar, wie dieser Ball nur nicht drin sein konnte! Viele jubelten schon vorschnell, der Ball überquerte die Linie nicht. Unser Stürmer, der seit einigen Minuten verwarnt war, stieg hoch, traf zuerst nur den Pfosten, von dort ging der Ball an den Unterschenkel von Manuel Neuer, trudelte dort aber nicht ins Tor, sondern in seine Torwarthandschuhe. Oh, wie bitter! Das wäre es gewesen, es war die größte und einzige Chance, das Spiel anders gestalten zu können. Wäre dieser Ball reingegangen, wer weiß, wie die Partie dann ausgegangen wäre?

Wohlverdienter Pausenstand

Die Kurve skandierte: Olé Olé Ola, wir sind immer für euch da! Wir wissen ja aber alle ganz genau, dass es bei weitem nicht alle sind, die diese Worte auch wirklich so meinen, wenn sie sie singen. Kurz vor der Pause dann nochmal Mario Mandzukic mit einer schnellen Drehung, weit über den Kasten von Sven Ulreich, der bis dahin relativ wenig zu tun bekommen hatte. Ohne weitere Vorkommnisse ging es alsbald in die Pause. Gar nicht schlecht bis hierher!

Doch verbesserungswürdig, bedenkt man, dass wir 2 große Chancen zur Führung hatten. Es hätte jetzt schon 2:0 stehen können. Jaja, die Theorie… Und immer wieder die große Frage, was wäre wenn… Was wäre gewesen,wenn wir zumindest eines der beiden Tore erzielt hätten? Was wäre gewesen, wenn Bruno Labbadia in der Halbzeitpause unseren Neuzugang Felipe Lopes für Cristian Molinaro gebracht hätte? So viele Fragen, wie immer keine Antworten.

Mit einer Mischung aus Hoffnung und Besorgnis schaute ich mich in der Halbzeitpause in der Kurve um. Viele, die sonst nie hier sind, Gesichter, die ich nicht kenne. Es ist offensichtlich, dass die Cannstatter Kurve derzeit ein Stimmungstief erlebt. Obwohl die Stimmung in dieser Partie zwischenzeitlich ganz gut war, wäre das vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Ich bin mir dessen bewusst, wie merkwürdig das aus meinem Mund klingen muss, wo ich doch selbst verhältnismäßiger Neuling bin, aber es gab Zeiten, da hattest du bei Heimspielen gegen Bayern durchweg eine Wand. Fraglich, wie es weiter geht.

Vorbei mit der Herrlichkeit

Der Rest der Partie ist schnell erzählt, da es sowohl keine wirklich nennenswerten VfB-Szenen gab und ich mich darüber hinaus weigere, mir das ganze Prozedere nochmal 1:1 anzuschauen, zu bitter die Erkenntnis, dass die Chancen der 1. Halbzeit nicht genutzt wurden, wenn man einmal das Endergebnis kennt. Die Cannstatter Kurve begrüßte Manuel Neuer mit ein paar warmen Worten im Kasten direkt vor unserer Nase, er wird sich bestimmt gefreut haben.

Bis heute ist es mir unverständlich, wie genau es passiert ist. Hat Cristian Molinaro den Mario Mandzukic nicht gesehen? Möglich, er hat ja keine Augen am Hinterkopf. Hat er das Rufen von Georg Niedermeier nicht gehört, dass er keinen Rückpass spielen soll? Vermutlich, vielleicht war es ja zu laut. Ein Rückpass reichte, schon war der Bayern-Stürmer zur Stelle und traf zum 0:1 für die Bayern.

Und schon offenbarte sich, warum das Stadion seit ewiger Zeit mal wieder ausverkauft war. Mit Ausnahme der Cannstatter Kurve sprangen überall die Bayern-Fans auf. Von weitem konnte man sie aufgrund gleicher Vereinsfarben nicht identifizieren, doch ist es bitter, dass so viele Bayern-Fans, oder vielmehr -Sympathisanten in unser schönes Neckarstadion gekommen sind. Welch grässlicher Lärm, wenn der Jubel der Gegner in einem voll gefüllten Stadion so laut ist, als wäre es ein Heimspiel vor durchschnittlicher Kulisse.

Eine Frage der Zeit

Damit war das Spiel theoretisch schon gegessen. Natürlich konnte man nicht einschätzen, ob der VfB nicht doch noch einmal zurück kommen würde, doch sah man ihnen schon irgendwie an, dass ihre Moral gebrochen war und sie sich ab dem Zeitpunkt des Gegentores nichts mehr zugetraut hatten. Es wäre durchaus vermeidbar gewesen, ein einziger Aussetzer, ein einziger Fehler, ein einziger Spieler \“ und schon war das ganze Spiel gegessen.

Wenige Minuten später jubelten die Bayern erneut, doch nur kurz: nach einer Ecke wurde das Tor wegen Abseitsstellung zurück gepfiffen, Glück für uns, dachten wir zunächst. Die Bayern hatten das Spiel im Griff, während unsere Jungs wie das Kaninchen vor der Schlange standen. Ängstlich, mutlos, ideenlos, außer Stande, etwas zu tun, wenn die Schlange zupackt.

Auch über das Kämpferische schien es nicht effektiv genug zu gehen. Beinah hätte Georg Niedermeier nach fast einer Stunde einen Elfmeter verursacht, über den Pfiff hätten wir uns nicht beschweren dürfen, wenn wir mal ehrlich sind. Jedoch war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bayern erhöhen würden, die Abwehr wackelte bedächtig, die Erinnerungen an das Hinspiel drängten sich immer mehr in meinen Kopf zurück.

Gebrochene Moral

Der bedächtige Blick auf die Uhr. Weniger als 20 Minuten noch. Unmöglich, das noch aufzuholen. Soeben hatte Thomas Müller zum 0:2 getroffen, wie vermutet, wie befürchtet, wie bitter. Viel zu einfach wurde es ihnen gemacht, von Wut und Gegenwehr war relativ wenig zu sehen. Rückwirkend betrachtet wird sich Cristian Molinaro am meisten ärgern, er wurde zur tragischsten Figur auf dem ganzen Platz.

Keine 10 Minuten später flog dann auch noch Martin Harnik mit Gelb-Rot vom Platz, nachgetreten gegen den sterbenden Schwan aus Frankreich. Als wäre es nicht schlimm genug, hat er sich damit auch selbst bestraft: er fehlt gegen seinen ehemaligen Club Düsseldorf. Danach passierte nichts wirklich erwähnenswertes mal, außer das übliche Pfeifen bei Mario Gomez‘ Einwechslung an alter Wirkungsstätte. Schlimm genug, dass er sich bei den wütenden Pöbeleien beim Warmmachen vor der Cannstatter Kurve einen abgegrinst hat. Du verdammter Judas…

Was soll ich sagen? Dumm gelaufen? Es hätte besser laufen können, den beiden Chancen in der ersten Halbzeit trauere ich bis heute nach. Kopf hoch, Jungs, so auch die allgemeine Meinung der Cannstatter Kurve, die der Mannschaft zumindest für die erste Halbzeit auf Augenhöhe applaudierte, trotz der Niederlage am Ende. Leise trollten wir uns nach Hause. Ob es in Düsseldorf besser wird, wird sich zeigen, dachte ich mir. Noch.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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