my life. my love. my blog.

Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Mit dem Kopf durch die Wand

| 7 Kommentare

Dabei hatte ich meine Stadionjacke gerade erst gewaschen. Hinter mir flogen die Bierbecher, gut festhalten, in Deckung gehen und die Kamera in Sicherheit bringen, für den Fall, dass ich im tosenden Jubel zu Boden geh. Mittendrin zwischen 3.000 Schlachtenbummlern, die dem VfB bei etwas beiwohnen durften, was sie schon seit exakt 4 Monaten nicht mehr geschafft hatten: ein Spiel zu drehen. Ein immens wichtiger Sieg, der nicht alles wieder heil gemacht hat, aber uns zumindest ein paar Steine vom Herzen hat fallen lassen.

Frankfurt. Main-Metropole. Mit 700.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Deutschlands. Hier ist die Heimat der Eintracht mit ihrer respektablen Fankurve. Ein nicht ungefährliches Pflaster für die anreisenden Gästefans. Beinahe wäre unser beider Vorhaben „34er-Saison“ an dieser Tatsache gescheitert. Felix und ich sprachen lange über das Pro und Contra einer kompletten Saison. Es brauchte 2 große Kompromisse: ich fahre entgegen eigener Aussagen dennoch ein weiteres Mal nach Wolfsburg. Und Felix traut sich in neutraler Kleidung in die hessische Großstadt.

Ich war schon unzählige Male in Frankfurt. Mal zum Sightseeing, mal zum Shoppen, mal zum Freunde treffen und ganz oft als Umsteigepunkt bei Reisen durch ganz Deutschland. Ganze 11 Jahre habe ich gebraucht, um mich das erste Mal ins Frankfurter Waldstadion zu wagen. Ohne jegliche Hoffnung, gebeutelt von Frust und Enttäuschung, aufgestautes Misstrauen aus den letzten Spielen, ich war mir sicher, ohne Punkte heim zu fahren. Am Ende waren es drei. Der VfB ist und bleibt eine Wundertüte.

Ohne Erwartungen nach Frankfurt

Anders als bei anderen Auswärtsspielen in gewohnter Stammbesetzung verzichteten wir aus verschiedenen Gründen aus das touristische Kulturprogramm, die Reise zum Sonntagsspiel begann somit erst am späten Vormittag. Ohne Fankleidung, dafür mit allem anderen, was man so braucht, vom Fresskorb bis zum Laptop, machten wir uns zu Fünft auf den Weg. Es regnete nahezu durchweg, während wir einen Großteil der Fahrt mit Diskussionen zur aktuellen VfB-Krise zubrachten.

Auf eine Aussage konnte ich nicht einmal etwas antworten. Ich wiederholte die Worte der Mitfahrerin immer und immer wieder in meinem Kopf. Es machte grundsätzlich Sinn, die Anwendung des Vorschlags erschien mir aber nahezu undenkbar: „Wenn du denkst, dass heute nichts, aber auch wirklich gar nichts bei rumkommt, dann brauchst du ja aber am Ende gar nicht enttäuscht sein?!“ – so wahr, und dennoch so entfernt.

Wir sprachen über die Leistungen, über Europareisen, das Auswärtspublikum, Mobbingvorwürfe und die panische Angst, die einen befällt, wenn der Abstand nach unten immer kleiner wird. Wie konnte es passieren, dass der VfB innerhalb von 6 Jahren nahezu an die Wand gefahren wird, 2007 Deutscher Meister, 2011 beinahe abgestiegen, 2012 überraschend im Europapokal und nun, 2013, erneut bedrohlich nahe am Abgrund.

Die Angst vor dem tiefen Fall

Die Fast-Abstiegs-Saison 2010/2011 ruinierte mein Nervenkostüm langfristig, niemand braucht das noch einmal. Doch als eventuell letztes Mittel, um die Vereinsoberen aufzuwecken? Schwer zu sagen. Muss man denn aber auch erst einmal sterben, um zu erkennen, ob das Leben nun lebenswert ist oder nicht? Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob es der Abstieg wäre, der uns in die Spur zurückführt, oder ein neuer Trainer, der nicht immer ein Allheilmittel sein kann, doch der in dem dunklen Filz der Vorstandsmachenschaften oft die ärmste Sau von allen ist.

So redeten und diskutierten wir Kilometer um Kilometer, bis wir schließlich die Main-Metropole erreichten. Für ein ausgedehntes Mittagessen und/oder das übliche Touri-Programm war keine Zeit mehr, so parkten wir in Stadionnähe und liefen die letzten Meter zu Fuß. Mein Herz pochte schneller, als wir dem Waldstadion mit jedem Schritt näher kamen. Diese Aufregung und Angespanntheit vor jedem Spiel, besonders auswärts. Hoffentlich lohnt sich das heute.

Mehr als 2 Stunden vor Stadionöffnung waren wir bereits vor den noch geschlossenen Eingangstoren angekommen. Eine Viertelstunde später öffneten sich die Pforten, nach einer schnellen und freundlichen Kontrolle ging es weiter zum Gästeblock. Dort traf sich wie immer alles, was zusammen gehört, wuseliges Treiben an den Imbissständen, viele bekannte Gesichter. Diverse Bratwürste, Steaks und Currywürste später (nicht ich, ich hatte keinen Hunger) ging es hinein in den Block.

Bekannte Gesichter

Ist man so früh schon vor dem Spiel am oder sogar schon im Stadion, kann sich die Zeit mitunter sehr lange hinziehen. Freundliche und ausgelassene Gespräche verkürzten die Wartedauer und ließen mich einen Moment vergessen, wieviel Angst ich vor dem möglichen, nein, sogar wahrscheinlichen Ausgang dieser Partie hatte. Die Eintracht hat seit 5 Spielen kein Tor mehr geschossen. Dass sie heute treffen würden gegen Deutschlands liebsten Aufbaugegner, daran hatte ich keinen Zweifel.

Gedankenverloren schaute ich mich um. Moment mal, den kenn ich noch. Ein freundschaftlicher Klapps auf seinen rechten Arm, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Du bist aber auch überall dabei, oder?“ lachte er mich an. In Hamburg stand er bereits neben mir, damals mit seinem Vater, heute alleine mit Freunden. Damals gewannen wir \“ und da in solchen Zeiten jedes Mittel recht ist, auch der Aberglaube, solle er sich lieber nicht allzu weit weg bewegen. An der Stelle: viele Grüßle!

Wie wir das Hinspiel gegen Frankfurt gewinnen konnten, weiß ich bis heute immer noch nicht. Dankbar darum, dass alles gut ging, aber umso sicherer, dass es heute wohl kaum ausreichen würde. Wochen des Frustes, chancenlos gegen Rom aus der Europa League ausgeschieden, nur mit Müh‘ und Not weiter im DFB-Pokal. Positive Erwartungen an einen Sieg brachte ich nicht mit in die hessische Großstadt, lediglich Angst, Panik und eine böse Vorahnung.

Qualität statt Quantität

Wie die Mannschaften das Feld betraten, hatten viele nicht einmal richtig sehen können, mittendrin in einem weiß-roten Fahnenmeer. Es war angerichtet. Oh man, Panik! Früher hätte es so etwas nicht gegeben. Mit Selbstvertrauen in jedes Spiel, „Wird schon werden“ war die Devise. Aktuell macht einem jedes einzelne Spiel große Bedenken, und wenn die Jungs gegen die Erwartung dann dennoch gewinnen, tja, dann ist zumindest die Freude umso größer. Es wurde leider seltener in den letzten Wochen, eigentlich ganz untypisch für eine VfB-Rückrunde.

Der Gästeblock war nicht zum Bersten voll, doch kommt es vielmehr auf Qualität statt Quantität an. Was bringt ein voller Block, wenn die Beteiligungsrate schockierend gering ist? Wir waren hier zu Gast bei einem Gegner, der bekannt ist für seine leidenschaftliche und vor allem laute Kurve. Drei Vorschreier heizten dem Gästeblock ein, es funktionierte ganz gut, selbst in den oberen Reihen, wo ich in den letzten Spielen nicht mehr viel vernehmen konnte von dem, was in den ersten Reihen seinen Anfang nahm.

Keine Minute gespielt, schon der erste Eckball für Frankfurt. Mir ging die Pumpe, dabei hatte ich noch mehr als 90 Minuten vor mir, die ich überstehen musste. Es stimmt schon, ich war ohne die Erwartung angereist, dass der VfB hier siegen würde. Doch wäre ich dennoch weniger enttäuscht, wenn sie \“ wie fast schon erwartet \“ verlieren? Frankfurt spielt oben mit in dieser Saison, kein Gegner, den man aktuell einfach mal so plattmacht.

Gehopst wie gesprungen

Im Spiel selbst passierte erst einmal nicht viel, meine Aufmerksamkeit gehörte zunächst den guten Fotomotiven im Gästeblock. Respektvoll und ein wenig neidisch blickte ich auf die Beteiligungsquote der Frankfurter, das gemeinsame Hüpfen fand nicht nur in deren Fankurve stand sondern auch bei den Ausläufern der Haupt- und Gegentribüne sowie dem Oberrang. In Stuttgart gibt es so etwas ja derzeit leider nicht, lediglich auf das unablässige Bruddeln ist in der Landeshauptstadt stets Verlass!

Nach 16 Minuten landete eine gar nicht so schlecht gedachte Flanke von Christian Gentner auf dem Kopf von Vedad Ibisevic, er verfehlte das Tor jedoch deutlich. Ganz so übel sah das Spiel bisher gar nicht aus, aber das war auch in Leverkusen der Fall, als wir in Führung gingen und binnen weniger Minuten mit leeren Händen dastanden.

Führt der VfB, verliert am Ende noch, liegt er zurück, erholt er sich davon nicht \“ keine guten Aussichten, egal was passiert. Aus mir spricht die Furcht und wochenlanger Frust, wer will es mir aber auch verdenken. Wer auch immer in Führung geht, meist hat es nichts Gutes zu heißen für den Verein für Bewegungsspiele. Vom Verein für Begeisterung sind wir aktuell meilenweit entfernt. Wenige Sekunden später sogar noch weiter.

War ja irgendwie klar

Ein einziger Pass von Pirmin Schwegler reichte der Eintracht, um nach hunderten torlosen Minuten wieder ein Lächeln auf den Lippen zu tragen. Stefan Aigner brauchte den Ball nur noch an Sven Ulreich vorbei legen, schon stand es 1:0 für die Eintracht. Überrascht war ich nicht wirklich, die Pessimistin in mir hatte wieder mal Recht behalten. Dennoch schüttelte ich den Kopf, wie viele andere auch.

Eine Viertelstunde lang begegneten sich die Mannschaften auf Augenhöhe, wie Frankfurt das machte, war durchaus clever, sehr zu unserer Bestürzung. So stand ich nun im Gästeblock und durfte mir nach etwas mehr als 20 Minuten die Häme der Frankfurter anhören: „Wir singen Stuttgart, Stuttgart, zweite Liga…“, es war das Salz in der offenen Wunde. Wir waren aber auch wirklich verdammt nah dran.

Gehörnt, beschämt, frustfriert. Antworten konnte man nur noch „In der Zweiten kennt ihr euch ja aus“, was es aber nicht weniger schmerzhaft machte. Die Eintracht gestärkt, der VfB geknickt, zu unserem Glück gelang es den Frankfurtern nicht, weitere Chancen im ersten Durchgang zu verwerten. Allerdings waren unsere Jungs nicht weniger unglücklich. Erst einmal Pause, durchatmen, Kraft tanken. Unsere Trinkpäckchen hatten wir im Auto vergessen, da lagen sie gut.

„So eine erbärmliche Vorstellung“

Es war 16:19 Uhr. Mein Handy vibrierte im Bauchtächle, die Halbzeitpause war noch nicht einmal 5 Minuten alt. Auf dem Display eine Nachricht eines daheim gebliebenen Freundes: „Herzlichen Glückwunsch. Das ist so eine erbärmliche Vorstellung… So spielt ein Absteiger…“ Recht hat er ja irgendwie, auch wenn es mich schmerzt, das zugeben zu müssen. Er war nicht hier in Frankfurt, zu diesem Zeitpunkt ohne jeden Zweifel, dass es die richtige Entscheidung war.

Mit leerem Blick starrte ich auf die vorderen Reihen. Was gäbe ich dafür, inmitten dieser Leute im Jubel unterzugehen, blaue Flecken, Schrammen, eine biergetränkte Jacke \“ was mir am Ende des Spiels erst noch unwissentlich bevor stand, schien so unendlich weit weg. Wohin geht die Reise des VfB? Nach unten? Ein notwendiges Übel, um endlich aufzuwachen, die Notbremse zu ziehen? Dunkle Wolken über Bad Cannstatt, es wird dauern, bis die Sonne wiederkommt.

Die Mannschaften betraten wieder das Feld, die wenigen verbleibenden Optimisten hatten noch Hoffnung, dass es nach 4 Monaten endlich wieder gelingen würde, aus einem Rückstand einen Sieg zu machen. Die reinste Utopie! Doch was bleibt einem als Fan anderes übrig, wir fahren trotzdem zu jedem Spiel, opfern unsere Freizeit, geben unser Geld aus \“ weil wir unseren Verein lieben. Auch dann noch, wenn alle Hoffnung scheinbar verloren ist.

Vom Punkt zum Punkt?

Die zweite Halbzeit hatte gerade begonnen, etwas frischer als zuvor kamen unsere Jungs aus der Kabine und waren in der gegnerischen Hälfte unterwegs. Der kleine Ivorer Arthur Boka, normalerweise Außenverteidiger, war heute im Mittelfeld eingesetzt und stellte sich bis dahin nicht dümmer als alle anderen Mitspieler an. Im Strafraum versuchte er den Ball nach innen zu flanken, Pirmin Schwegler, der Vorlagengeber zum 1:0 grätschte, Boka lief weiter, der Frankfurter setzte nach, Boka stürzte. Ein Pfiff! Und kurzer Jubel im Gästeblock, direkt vor uns.

Elfmeter für den VfB! Nach nicht einmal 5 Minuten die Chance zum Ausgleich. Die Freude um mich herum war groß, dennoch mahnte ich die Leute um mich herum, schrie beinahe schon apatisch „Der ist noch nicht drin, DER IST NOCH NICHT DRIN!!!“. Oh Gott, meine Nerven. Elfmeter sind ein Fall für den meist sehr sicheren Elfmeterschützen Vedad Ibisevic. Jeder hielt die Luft an. Bitte, bitte, bitte, lass diesen Ball seinen Weg ins Netz finden.

Der Bosnier lief an, sowohl die Frankfurter in Rot-Schwarz als auch seine Kollegen in Weiß-Rot, kurz nach ihm lief jeder in den Strafraum hinein, in der Hoffnung, im Falle des Nicht-Treffens noch entsprechend reagieren zu können. Nicht atmen! Kevin Trapp orientierte sich nach links, unser Elfmeterschütze schoss nach rechts \“ Tor! Ausgleich! Jaaaaaaa! Kurzes, aber heftiges Abklatschen und Umarmen. Es war noch zu früh, um sich sicher zu sein, dass dies der Startschuss zu einer Aufholjagd war, hier war der VfB noch lange nicht durch.

Vorahnung mal anders

Mit dem Ausgleich wurde auch die Laune der 3.000 mitgereisten Stuttgarter schlagartig besser. Ob es reicht, um zumindest mit einem achtbaren Punkt wieder ins Ländle zurück zu fahren, wird sich noch zeigen, dachte ich mir. Die Pessimistin in mir konnte jedoch ihr Maul mal wieder nicht halten: „Am Ende verlieren sie doch wieder!“. Als würde mich das vor Enttäuschungen schützen… Wie es Felix wohl geht? Der war wie üblich am anderen Ende des Gästeblocks verschwunden, trotz seiner Körpergröße von fast 2 Metern vermochte ich ihn nicht zu entdecken.

Mit einem Punkt hätte man zumindest einigermaßen leben können, mühsam ernährt sich eben das Eichhörnchen. Da war sogar zwischendurch sogar noch Zeit, Scherze zu machen. An der Seitenlinie kündigte sich die erste Auswechslung des VfB an, „So früh schon? Haben wir schon die 80. Minute?“ – mehr Galgenhumor als alles andere. 20 Minuten vor Schluss verließ Shinji Okazaki den Platz, für ihn kam der Maskenmann, Alexandru Maxim, unser sympathischer Winterneuzugang.

Kurz darauf gabs Eckball für den VfB, nachdem Arthur Bokas Freistoß kurz vor der Strafraumgrenze von der Frankfurter Mauer unschädlich gemacht wurde. Zu meiner rechten stand Katrin, die ich schon von vielen Spielen kenne. Der Rumäne, der gerade vor 2 Minuten erst aufs Feld kam, lief nach seinem Nasenbeinbruch aus dem Heimspiel gegen Rom mit seiner schwarzen Gesichtsmaske Richtung Eckfahne. Ich sagte zu ihr: „Pass auf, der Maxim schnibbelt jetzt ne richtig schöne Ecke rein und irgendjemand machts mit dem Kopf rein!“.

Der Mann für die wichtigen Tore

Eine halbe Ewigkeit war der Ball in der Luft. Er flog, und flog, und flog. Lass mich einmal mit einer solchen ausnahmsweise positiven Ansage Recht haben! Bitte lass den VfB dieses Spiel noch irgendwie gewinnen! Das Herz raste, meines und das der 2.999 anderen VfB-Fans, die der Flugbahn dieses Eckballs angespannt hinterher schauten. Was anschließend passierte, musste ich mir Stunden später daheim noch einmal genauer anschauen. Eine Fahne verdeckte mir die Sicht, schade, aber irgendwie war es mir egal.

Er ist eben doch ein wahrer Niederstrecker. Georg Niedermeier, aus dem unscheinbaren Winter-Neuzugang der Saison 2009/2010, der von Bayerns Amateuren zu uns kam, wurde ein gestandener Innenverteidiger, der immer wieder in den letzten Jahren für wichtige Tore gut war. Völlig unbehelligt von der Frankfurter Abwehr rauschte er heran, Arme und Beine wie ein Fötus angelegt, mit dem blonden Kopf vorne weg, mitten ins Herz! Das hälst du ja im Kopf nicht aus!

Alles schrie und hüpfte wild durcheinander, alles herzte und umarmte sich. War das hier ein Traum oder die Wirklichkeit? Einen Moment hielt ich inne, jene Zeit, die es braucht, um ein irreguläres Tor noch zurück zu rufen. Es war die Wirklichkeit! Unser Schorsch ist VfBler durch und durch, nach Toren rennt er erst einmal zu uns, bevor er sich von seinen Kollegen beglückwünschen lässt, Vedad Ibisevic hatte er sogar regelrecht davongestoßen \“ erst einmal zum Gästeblock, der vor Jubel fast überkochte.

Unverhofft kommt selten oft

Er ist und bleibt der Mann für die wichtigen Tore. Einige Reihen vor mir ging eine kleine, jedoch ziemlich pervers stinkende Rauchbombe hoch, ein bisschen Qualm, nichts Dramatisches. Hier war was los! So sehr die Häme der Frankfurter weh tat, wir wollten uns rächen. Das Ergebnis umgebogen, die Hoffnung zurück. Jeder packte seinen Nebenmann, genüsslich hüpften wir auf und ab und sangen ein Liedchen für die Frankfurter. Tja, liebe Eintracht-Fans, was ihr könnt, können wir schon lange.

Und dennoch war es noch lange nicht vorbei. Es waren immernoch 20 Minuten zu spielen, der VfB führte, wie ich zugeben muss, doch ziemlich überraschend. Zuvor hatten wir nur 34% Ballbesitz und nur einmal aufs Tor geschossen, laut Statistik. Es gab jetzt nur eine einzige Devise: irgendwie das Ergebnis halten! Die Tordifferenz sieht in der Tabelle nach wievor grässlich aus, doch sind -16 Tore in jedem Falle besser als das, was ich vor dem Spiel befürchtet hatte: -20 und schlimmer.

Noch 10 Minuten. Einer unserer Vorschreier schrie in sein Megafon. Ein langes, anhaltendes Schreien. Stille. Der Block erwiderte. Das konnte nur eines bedeuten. Pogo Time! Die Gasse ging direkt neben mir auf, wie schon in Fürth sah ich mich chancenlos der wilden Schubserei ausgeliefert. Die Kamera packte ich vorsichtshalber zurück ins einigermaßen schützende Bauchtächle, bevor beide Seiten des Gästeblocks aufeinander zustürmten. Es tat weh, ich hatte Angst, zu stürzen, und dennoch war ich dabei.

Das Glück auf unserer Seite

Jetzt nur nicht den Ausgleich kassieren, es wäre bitter, nach diesem Comeback doch Punkte liegen zu lassen. Die Uhr tickte, mein Blick ging immer wieder besorgt zu dem Anzeigewürfel, der vom Dach des Waldstadions herunter hing. Ich war viel zu aufgeregt, um mich der guten Stimmung im Gästeblock einfach so hinzugeben und das Spiel, das so sehr an meinen Nerven zehrte, als „gewonnen“ zu akzeptieren.

Gewusel im Frankfurter Strafraum, Eintracht-Spieler Bamba Anderson ging zu Boden, es folgte ein Pfiff. Fassungslos versuchte ich zu deuten, was da drüben nun passiert. Elfmeter? Oh Gott, bitte nicht! Es folgten wüste Pfiffe der heimischen Fans, die unsere Minen ein wenig erhellten. Einen Moment lang war mir das Herz in die Hose gerutscht. Es gab keinen Strafstoß für Frankfurt, keine Chance zum Ausgleich. Oh man, Scheiße, Schiri, pfeiff ab!

Sekunden später erfasste uns die selbe Panik, wieder ging ein Frankfurter im Strafraum zu Boden, Sven Ulreich wollte den Ball kurz vor der Torauslinie klären. Später zeigten die Fernsehbilder, dass unsere Nummer 1 den Ball spielte und es somit kein Elfmeter war. Doch wir alle wissen natürlich, dass da draußen auch Schiedrichter rumlaufen, die solche Elfmeter geben würden. Glück gehabt, tief durchatmen, aber ganz ganz ganz tief! Nahezu betend faltete ich meine Hände vor dem Gesicht und hoffte, dass es bald vorbei sein würde.

Hitzige Schlussminuten

Kurz darauf ging Vedad Ibisevic in einem Zweikampf mit Pirmin Schwegler zu Boden, quittiert mit einer entsprechend aufgebrachten Reaktion unsererseits. Er lag auf dem Boden, stand gar nicht mehr auf. Von Fairness scheint die frustrierte Eintracht nicht viel zu halten, statt den Ball ins Aus zu spielen und eine Behandlung des Bosniers zu ermöglichen, spielten sie weiter.

Die letzten Minuten liefen, jeder, aber auch wirklich jeder in diesem Stadion, war aufgebracht. 50.600 Zuschauer, die Spieler beider Mannschaften, die Trainer, die Betreuer. Rudelbildung, es wurde geschubst, gekabbelt, hier war viel Frust im Spiel, „Frankfurter Arschlöcher“ auf der einen Seite, „Stuttgarter Arschlöcher“ auf der andere. Wie es uns interessiert! Nur noch wenige Minuten, dann haben wir es geschafft.

Auf den Tribünen setzten sich die ersten Leute in Bewegung. Freundlich winkten wir ihnen zu, „Auf Wiedersehen!“. Auf dem Feld lag alle paar Sekunden irgendein Spieler auf dem Boden, kein Spiel für schwache Nerven. Kein Spiel für mich also, streng genommen. Die vielen Nicklichkeiten forderten ihren Preis, 4 Minuten Nachspielzeit, Zeitspiel, Fouls, Pfiffe. Flehend schaute ich immer wieder auf die Uhr, richtete die Kamera auf die vorderen Reihen des Gästeblocks, die schon freudetrunken den Zaun erklettert hatten.

Dass ich das noch erleben darf…

Die pure Erleichterung nach 94 Minuten, es war geschafft. Wie ging das eigentlich? Fürs erste sollte mir diese Frage egal sein. Die Jubelfäuste in den Frankfurter Himmel gestreckt, die Wangen aufgepustet und erstmal ein genüsslichen „Puuuh!“. Das hätte hier auch ganz anders laufen können. Die Jungs haben nach vielen schlimmen Wochen und dem Aus im Europapokal Moral gezeigt und sind nach einem Rückstand zurück gekommen. Ich hätte es ja fast nicht geglaubt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre.

Es war 17:25 Uhr. An den daheim gebliebenen Kumpel, der mir nach dem 0:1 eine Nachricht angesichts der erbärmlichen Leistung der Mannschaft schrieb, antwortete ich: „Herzlichen Glückwunsch. Du bist daheim.“ – ob er sich letztenendes dann doch ein wenig geärgert hat? Du weißt vorher eben nie so ganz, was kommt. Der VfB ist und bleibt eine Wundertüte. Völlig egal wie, Hauptsache die Punkte geholt. Zum richtigen Zeitpunkt? Nächster Gegner am morgigen: Borussia Dortmund. Oh Gott, da will ich jetzt noch gar nicht drüber nachdenken.

Grinsend und schnaufend gleichermaßen schleppten sich die völlig ausgepumpten Jungs zum euphorischen Gästeblock. Alle klatschten, ein Gefühl, das wir fast schon vergessen hatten. Das wir das noch erleben dürfen! Ewig lang blieben wir noch im Gästeblock. Genervt bekam ich unfreiwillig die Aussage einer der Ordnungskräfte mit: „Haben die kein Zuhause?“ – doch, überall, wo der VfB ist. Es war ein kleines Stück Zuhause, fernab der Heimat.

Pogo neben der Imbissbude

Wie groß unsere Erleichterung war, zeigte sich abermals am Blockausgang. Bevor sich ein Großteil der Masse in Bewegung setzte und sie ihre Heimreise per Fanzug antreten konnten, feierte man ausgelassen zwischen Blockausgang und Imbissbude. Es wurde gesungen, geklatscht, gehüpft und Pogo gemacht. Langsam schlich ich mich heran, um diesen Minuten beizuwohnen, welche neben dem unerwarteten Ergebnis noch ein i-Tüpfelchen draufsetzten.

Solche Momente sind es, die mich niemals haben daran zweifeln lassen, ob der Weg, den ich vor über 5 Jahren einschlug, der richtige war. Ich war einfach nur dankbar, der Mannschaft für diesen erkämpften dreckigen Sieg, dem Gästeblock für die gute Stimmung, unseren Ultras für die lustigen Szenen vor dem Block und allen Wegbegleitern, die eine Art Familie für mich geworden sind. Die Menge zog ab, wir setzten unseren Weg in entgegen gesetzte Richtung fort, zum Parkplatz.

Schnell wieder umgezogen, hinein gesetzt ins kalte Auto, erschöpft, hungrig, durstig, aber erleichtert und grinsend gleichermaßen. Sofort fing ich an, die Bilder zu bearbeiten, bis zu unserer Rückkehr nach Stuttgart war ich mit der Auswertung und Aufbereitung hunderter Fotos zugange. Zurück in Bad Cannstatt wurde noch gespeist, bevor wir daheim abgesetzt wurden. Auswärtsfahren ist einfach toll. An solchen Tagen ganz besonders.

Gefällt mir Gefällt mir
Loading...

Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

7 Kommentare

  1. Pingback: my life. my love. my blog. » Bittere Erkenntnisse

  2. Pingback: my life. my love. my blog. » Kämpferischer Einsatz ohne Belohnung

  3. Pingback: my life. my love. my blog. » Torlos in Niedersachsen

  4. Pingback: my life. my love. my blog. » Befreiter Aufbruch zu neuen Ufern

  5. Pingback: my life. my love. my blog. » Gebrauchter Tag in Augsburg

  6. Pingback: my life. my love. my blog. » Das war mein Jahr 2013

  7. Pingback: my life. my love. my blog. » Zehn Minuten zwischen Himmel und Hölle

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.