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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

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Lange verharre ich vor einem leeren Blatt in der Textverarbeitung meines Rechners. Der Cursor blinkt, mit den Ellenbogen stütze ich mich auf der buchefarbenen Platte meines Computertisches ab, das Kinn auf die gefalteten Hände gelegt. Wortlos starre ich minutenlang die erste Seite des Word-Dokuments an. Der größte Moment meines Fandaseins. So viel zu schreiben, so unendlich viel zu erzählen. In Worten lässt sich das Erlebte nicht wiedergeben. Ich versuche mich dennoch und blicke zurück auf unfassbar emotionale Momente.

Die Geschichte beginnt bereits vor über anderthalb Monaten, am 3. März diesen Jahres. Nervös und angespannt saßen Felix und ich am Sonntag Abend vor dem Rechner und warteten ungeduldig auf die Auslosung des DFB-Pokal-Halbfinale. Vier Kugeln waren noch in dem gläsernen Behältnis, aus dem Rennfahrer Timo Glock die erste Kugel mit den Bayern zog. Größer konnte die Anspannung nicht sein, als er nach der zweiten Kugel griff.

„Bitte nicht den VfB, bitte nicht den VfB, bitte nicht den VfB…“ – und zeigte das Wolfsburger Wappen in die TV-Kamera. Die Losfee war ausnahmsweise keine Hure und bescherte uns mit dem ungeliebten badischen Nachbarn aus Freiburg das vierte Heimspiel in Folge. Nach St. Pauli, Köln und Bochum war es diesmal sogar ein Erstligist, den es in Richtung Berlin aus dem Weg zu räumen galt. Was wie eine machbare Aufgabe klingt, könnte spannender kaum sein, denn die Bundesligatabelle beider Vereine spricht nicht gerade für uns.

Das wichtigste Spiel der Saison

Anderthalb Monate stand der Gegner fest, der SC Freiburg, gegen den wir Hinspiel in der Bundesliga gar nicht gut ausgesehen hatten. Was lange wie weit entfernt schien, wurde in der letzten Woche und besonders in den letzten 24 Stunden vor Anpfiff dieser Partie immer nervenaufreibener. Der Sieg gegen Gladbach konnte nicht einmal wirklich genossen werden, mit dem Kopf war man schon beim Pokalspiel.

So viel stand für uns auf dem Spiel. In der Bundesliga weit weg vom eigentlichen Ziel, den Europapokalplätzen, und dann auch noch den Rivalen vor der Brust. Die Angst, sich zu blamieren, den Badensern den Vortritt zu lassen und eine Saison ohne Europapokal, das alles machte die Aufregung nur noch größer. Es wurde zum wichtigsten Spiel der ganzen Saison gemacht, und das stimmt auch. Verlieren war keine Option. Und das war das Spannende aber auch das Beängstigende daran.

Man hatte Großes vor an jenem Mittwoch Abend, den 17. April des Jahres 2013. Es lag eine Stimmung in der Luft, die von Anspannung geprägt war, einer positiven Anspannung und Vorfreude auf ein erfolgreiches Spiel. Die hundertprozentige Konzentration konnte an jenem Arbeitstag nichts so recht zu Tage treten, zu nervös war ich. Hibbelig rutschte ich auf meinem Bürostuhl hin und her, neben mir stand der Rucksack mit meiner Spiegelreflex auf dem Boden.

Gemeinsam zum Stadion

Mit Glück erreichte mich die Info, die S-Bahn- und Regionalbahnstrecke zwischen Böblingen und Stuttgart sei wegen eines Unfalls gesperrt, noch bevor ich die Agentur verließ. Meine ebenfalls nervöse Kollegin und Freundin Ann, die ich zu Beginn der Saison zur Dauerkartenbesitzerin machte, nahm mich ein Stück mit, den Rest des Weges legte ich per Stadtbahn zurück. Trotz Stau im Berufsverkehr kam ich noch rechtzeitig am Cannstatter Bahnhof an, wo es vor VfB-Fans und Ultras wimmelte: gemeinsam wollte man um 19 Uhr zum Stadion marschieren. Felix war bereits schon da, verabschiedete sich bald zum Vorlaufen.

Immer vorneweg marschierte ich und fotografierte den euphorisierten Mob, der die Daimlerstraße runter lief und laut singend in die Mercedesstraße einbog. Erinnerungen kamen hoch an die Karawane Cannstatt, die Jahr für Jahr für tolle Eindrücke sorgt. Flotten Schrittes hatte ich meine Mühe, mitzuhalten, im Gleichschritt mit den anderen Fotografen erreichten wir allesamt mit hochrotem Kopf die Brücke an der Schleyer-Halle, wo der gemeinsame Weg zum Stadion endete und der gemeinsame Weg zum Pokalfinale erst beginnen sollte.

Zügig packte ich meinen Kamerarucksack in den Fahnenraum, in der Hoffnung, meinem „Baby“ würde nichts zustoßen. Recht schnell ging es dann ins Stadion, eine große Choreographie wurde im Vorfeld angekündigt und würde eine gute Kameraposition erfordern. Wie sehr ich mit meiner Platzwahl fototechnisch ins Klo griff, sollte sich bald noch zeigen. Meinen Platz nahm ich sogleich ein, es war noch luftig in den Stehblöcken der Cannstatter Kurve.

Nervöse Anspannung

Auf dem Boden waren weiße Papptafeln zwischen die Betonstufen und die Metallstufen geklemmt, die zu internationalen Spielen ausgeklappt und in Sitzplätze verwandelt werden können. Wie auch immer das Motiv aussehen würde, ich war fest davon überzeugt, dass es die Fans und Ultras wieder einmal geschafft haben dürften, eine einzigartige Choreographie zu zaubern. Nach Karlsruhe, Mainz und Wolfsburg sollte ich auch dieses Mal nicht enttäuscht werden.

Minutenlang schaute in der Kurve umher, die Anspannung war auch den anderen Leuten deutlich anzusehen. Der Block füllte sich, die Spieler machte sich warm, die letzten Minuten vor dem Spiel vergingen ein weiteres Mal quälend langsam. Es war ein weiteres Mal ziemlich warm, selbst jetzt noch zu später Stunde. Waren es die Temperaturen oder die Nerven? Genau trennen konnte ich es nicht, ich wusste nicht einmal, was ich noch denken soll. Was passiert, wenn…?!

Durch den Lautsprecher direkt vor mir schrillten die Frequenzen, in enormer Lautstärker vernahm man sowohl die ersten Pöbeleien in Richtung Gegner sowie die ersten Anweisungen für das Ausführen der Choreographie. Der Grundstein war gelegt, es war angerichtet. Schon bevor die Mannschaften das Feld betraten, gab es den Startschuss für die Choreographie, welche fast die ganze Cannstatter Kurve bedeckte.

Choreographie eines würdigen Pokalfinalisten

In leuchtenden Farben erstrahlte das Motiv: mit altem VfB-Wappen, dem Stuttgarter Stadtwappen und dem Schriftzug „FINALE“, aufgefüllt mit Farbtafeln und Fähnchen. Aus fotografischer Sicht stellte sich relativ schnell raus, das die unteren Reihen wenig sinnvoll waren, aus Angst, einen noch schlechteren Platz zu bekommen, verharrte ich dennoch. Bereuen tue ich es jedoch nicht: ich hatte sehr nette Gesellschaft inmitten einiger Bekannter und Freunde.

Auch die Freiburger zauberten eine kleine Choreographie im Gästeblock, mit roten und silbernen Folien sowie einem großen Pappschild einer Pokaltrophäe \“ „Go! Get the cup!“ war auf einem Banner zu lesen, welcher am Oberrang befestigt war. Sie waren zu Scharen angereist, weder die Frankfurter noch die Dortmunder sind mit so vielen Leuten angereist: 12.000 Freiburger Fans in einem ausverkauften Neckarstadion, sie waren überzeugt davon, sich gegen den VfB durchsetzen zu können.

So viel Vertrauen in die eigene Mannschaft hätte ich auch gerne gehabt, doch versagtem dem VfB zuletzt oft die Nerven in wirklich wichtigen Spielen. Das war so ein Spiel, das war ihnen bewusst. Würde der Erwartungsdruck zu groß sein? Was ist, wenn den Jungs in so einem wichtigen Moment die Nerven flattern und sie versagen? War ich im Hinspiel in Freiburg noch mit dem Selbstbewusstsein eines designierten Derbysiegers angereist, war mir die Gefährlichkeit des SC Freiburg in dieser Saison sehr wohl bewusst. Das kann genauso gut ins Auge gehen.

Verlieren verboten!

Die zusammengeknüllten Papptafeln flogen in Scharen nach vorne auf die Leute vom Ordnungsdienst, die Fahnen, die während der Choreo behutsam auf den Boden gelegt wurden, wehten jetzt in der lauen Cannstatter Frühlingsbrise. Pokalhalbfinale! Schiedsrichter Florian Meyer pfiff das Spiel an, in dem von Anfang an der VfB den Ton angab \“ sowohl die 11 Spieler auf dem Rasen sowie die 8.000 Stehplätze in unserer geliebten Cannstatter Kurve.

Auf der anderen Seite des Stadions, auf einem Sitzplatz im Block 74a in der Untertürkheimer Kurve, hatte inzwischen einer Platz genommen, der den Brustring zwar im Herzen trägt, der aber gleichermaßen fürchtete, der VfB würde sich durch einen Sieg automatisch für die Europa League qualifizieren. Das bedeutet nämlich für ihn, dass er mir Urlaub geben muss: mein Chef. Nach langer Abstinenz auch endlich mal wieder im Stadion und den Blick auf das, was seiner Mitarbeiterin so viel bedeutet.

Von Anfang an Vollgas zu geben, so war die Ansage bei jedem Einzelnen, stand er nun in der Kurve oder draußen auf dem Feld. Versagen verboten, eine Niederlage und das damit verbundene Ausscheiden war keine Option gewesen. Viele Bundesligisten sind teilweise schon in frühen Phasen des Pokals ausgeschieden, alleine in der 1. Runde schieden bereits 6 Erstligisten aus dem Wettbewerb aus. Wir waren noch hier. 90 Minuten trennten uns vom Finale. Zwischen uns und Berlin standen nur 11 Badenser, die um jeden Preis in die Knie gezwungen werden mussten.

Der frühe Jubel einer begeisterten Kurve

Noch völlig euphorisiert von der tollen Choreographie wurden die ersten Minuten des Spiels beinahe zur Nebensache. So nah waren wir dran, bereits nach 3 Minuten jubeln zu dürfen. Martin Harnik ganz alleine vor Keeper Oliver Baumann, so viele Möglichkeiten: an ihm vorbei und locker einschießen, lupfen, durch die Beine schießen… Er entschied sich für: direkt anschießen. Wäre ein prima Einstand in das Spiel gewesen, die Szene stellvertretend für seine Torflaute in der gesamten Saison.

Viele waren noch nicht einmal auf ihren Plätzen, als die erste Torchance des Spiels kläglichst vergeben wurde. Die Kurve war völlig euphorisiert, von Beginn an machte \“ soweit ich es überblicken konnte \“ jeder in der Kurve mit, selbst die Sitzplätze und der Oberrang konnten zeitweise mitgerissen werden. Wohlwollend sahen 60.000 Zuschauer, wie unsere Jungs auf dem Rasen loslegten wie die Feuerwehr, mit hohem Druck, schnellen Pässen und kämpferischen Einsatz, gegen Freiburger, die sichtlich nervös und ängstlich waren. Anders kann ich mir den Ausgang des Spiels nicht erklären.

Martin Harnik hatte die erste Chance bereits vergeben, besser machte es aber Arthur Boka. Vedad Ibisevic setzte sich im Zweikampf klasse durch, über den wieselflinken Ibrahima Traoré ging es weiter, eine lange Flanke, eine löchrige Freiburger Abwehr, ein Fuß, ein Aufschrei, der Rest versank im grenzenlosen Jubel. Wohlgemerkt waren erst 9 Minuten gespielt, der VfB führte bereits. Völlig von Sinnen rastete die Kurve völlig aus, um mich herum stürzten alle aufeinander, drückten und herzten sich, alles schrie, alles hoffte, alles jubelte.

Die prompte Antwort der Gäste

Auf den Knien rutschte er über den Rasen, bevor eine weiß-rote Jubeltraube auf ihn stürzte. Der kleine Ivorer, der auf Fotos beim Autogramme geben kaum größer zu sein scheint als meine Wenigkeit, scheint ganz gerne mal die ganz wichtigen Tore zu machen. In Genk erzielte er vor fast 2 Monaten das wichtige 1:0, von dem sich die Gastgeber damals nicht mehr erholten. Ein Spiel später, gegen Lazio Rom, war in der Europa League dann Endstation. Parallelen zum DFB-Pokal?

Wie nah Hoffnung und Angst in einer solch wichtigen Partie beieinander liegen, sollten wir wenige Minuten später feststellen. Der Ball erreichte Jan Rosenthal, der die Freiburger am Ende der Saison in Richtung Frankfurt verlassen wird. Arthur Boka, der 4 Minuten zuvor noch selbst das Führungtor gemacht hatte, war nicht schnell genug. Er war auch zu schnell für Sven Ulreich. Unhaltbar wäre der nicht gewesen, doch kein Vorwurf an unsere Nummer Eins.

12.000 Freiburger sprangen im Stadion von ihren Plätzen auf und offenbarten die erdrückende Menge: nicht nur der Gästeblock jubelte, auch auf Gegentribüne, Haupttribüne und Untertürkheimer Kurve klatschten die mitgereisten SC-Fans. Augenblicklich schnürte sich mir die Kehle zu, mir wurde schlecht und schwindlig. Kurz mal hinsetzen? Ging nicht! Bedrückt und beängstigend musste ich mit anhören, wie Stadionsprecher Holger Laser ihn als Torschütze über das Mikrofon bekannt geben musste, die wohl schwerste Aufgabe als die Stimme des Stadions.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Die Laune ließ man sich dennoch nicht vermiesen, zumindest was den Gesamtauftritt der Kurve und allgemein der VfB-Fans im Stadion betrifft. Die Stimmung war super und der Wichtigkeit dieses Spiels mehr als angemessen. Was in den nächsten Minuten folgte, war beinhartes Verteidigen der Breisgauer, immer wieder kamen unsere Jungs in Richtung Oliver Baumann, immer wieder war entweder ein Kopf, ein Fuß oder ein anderes Körperteil im Weg.

Sie bohrten einfach immer weiter in die Freiburger Abwehr, irgendwann musste die Lücke ja gefunden werden?! Immer wieder machte ich Fotos, unter anderem auch von 2 Herrschaften neben mir im Block, die um die Zusendung des Fotos gebeten hatten und sich bisher aber leider noch nicht per Mail gemeldet hatten. Ein junger Mann neben mir, den ich schon oft im Stadion in meiner Nähe gesehen habe, glich in Anbetracht der Spannung des Spiels mittlerweile einer Kalkwand.

Die Leichenblässe war ihm ins Gesicht geschrieben, „Gehts dir gut? Du siehst nicht so fit aus“ \“ er deutete mit gequältem Lächeln auf das Spielfeld und entgegnete mit kratziger Stimme: „Das Spiel“. Wie Recht er doch hat, es ging mir und uns allen nicht anders. Überall verstreut in der Kurve standen Freunde und Bekannte von mir, uns alle einte an diesem Abend die selbe Anspannung und am Ende jene grenzenlose Begeisterung, von der wir noch lange schwärmen würden.

Mit Köpfchen geht alles

Eine Viertelstunde lang bearbeitete man die Verteidigung der Breisgauer unablässig, die Substanz bröckelte schon langsam. Dann war es endlich soweit, ein Loch tat sich auf, und die Kaltschnäuzigkeit, die uns in dieser Saison schon so oft abging, war da, wo sie hingehört \“ in den Sturm des VfB. Wie das Tor entstanden war konnte ich aus meiner Perspektive fast schon logischerweise nicht erkennen, zu weit weg das Tor vor der Untertürkheimer Kurve, zu spitz der Winkel, fast auf gleicher Höhe konnte ich nur sehen, wie einer mit weißem Trikot jubelnd abdrehte.

Aus Freiburger Sicht war jene kritische Situation im Strafraum ja schon fast geklärt, mit „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ kommt man allerdings nicht weit. Keiner der Männer im schwarzen Trikot bekam den Ball weg, schnell kam Christian Gentner daher, probierte es einfach nochmal mit einer hohen Flanke vors Tor, mal gucken, was passiert. Aus ähnlicher Positon lupfte er gegen Gladbach 3 Tage zuvor noch selbst ins Tor.

Vorne stand unsere Nummer 7, der die erste Chance des Spiels so unnütz vergeben hatte. Martin Harnik sprang hoch, Latte, Georg Niedermeier flog hinterher, in das Tor hinein, halb auf Oliver Baumann drauf. Der Ball war schon hinter der Linie, als der Österreicher seinen legendären Thor-Hammer auspackte. Ihm folgte der erneut bockstarke Alexandru Maxim, der ihm halb auf Schulter, halb auf den Rücken sprang, die Zunge lässig rausgestreckt, Martin Harnik mit einem verbissenen und gleichermaßen erleichterten Gesichtsausdruck.

Lass die Kurve weiter tanzen

Wieder eines dieser kuriosen Tore. Als ich mir das Spiel später auf diversen Video-Portalen erneut zu Gemüte führte, musste ich nicht nur grinsen über das putzige Bild, welches das Gespann Harnik-Maxim beim Jubel abgab, sondern auch über Bruno Labbadia, der am Spielfeldrand unablässig mit dem Kopf nickte, als wolle er ihn selbst reinmachen. Damals selber als Stürmer erfolgreich, weiß er genau, was in seinen Jungs vor sich geht.

Unbeschreibliche Szenen, hier ging jetzt endgültig alles drunter und drüber. Bierbecher flogen, Fans stürzten im Jubeltaumel zu Boden, diverse unbeabsichtigte Ellenbogenchecks sorgten bei mir noch am Tag darauf für Kopfschmerzen, T-Shirts wurden vom Leib gerissen. Einen Moment hielt ich inne und schaute mir ganz in Ruhe das Treiben an, dabei war ich innerlich dennoch völlig aufgefühlt, meine Gedanken tanzten Pogo, als mich sowohl bekannte als auch wildfremde Leute in den Arm schlossen.

Auf dem Feld wurde es wieder ruhiger. In der Kurve nicht. Gemeinsam sangen wir unsere Lieder, ich bin mir nicht sicher, wie weit die Beteiligungsrate gereicht hatte, aber es muss enorm gewesen sein. Von Außenstehenden, die ihre Karten auf Haupt- oder Gegentribüne hatten, hörte man nach dem Spiel einhellig: bockstarker Support. Ich denke, jeder Einzelne kann an diesem Tag stolz auf sich sein.

Mit der Führung in die Halbzeitpause

Unterbrochen wurde die grenzenlose Freude der VfB-Fans in diesem Spiel nur durch eines: die Halbzeitpause. Erschöpft sanken hinter und neben mir die Leute völlig erledigt auf die Stufen zum Verschnaufen. Wer kann es ihnen verdenken, der flotte Marsch zum Stadion, die Choreographie und 45 Minuten nonstop schreien und singen, das schlaucht und kostet mehr Energie, als man denkt. Sind die Temperaturen dann auch noch im zweistelligen Bereich, sind jene gut beraten, die viel trinken. Der leichenblasse junge Mann holte das gleich erstmal nach.

Ich schlürfte binnen weniger Sekunden meine Capri Sonne leer und hatte postwendend gleich schon wieder Durst. Zum Rausgehen und Trinken holen reicht die Zeit nicht, seit der Neueröffnung des Stadions und dem damit verbundenen verpassten ersten Tor vor der neuen Kurve habe ich niemals wieder im Neckarstadion zur Halbzeitpause den Block verlassen. Das Tor des Österreichers wird immer dieses eine Tor sein, dass ich nicht gesehen habe, etwas, das ich mir vermutlich niemals verzeihen kann.

Die Anspannung blieb und wurde wieder größer, als nach 15 Minuten die Mannschaften wieder auf dem Feld waren. Es täte gut, noch weitere Treffer zu erzielen, unsere Nerven hätte es spürbar entlasten können. Wer in der Pause auf den Stufen saß, konnte sich nur mit Mühe wieder hochrappeln, aber wer einmal wieder auf den Beinen stand, war bis in die Haarspitzen motiviert.

Weiter, weiter, immer weiter

Hoffentlich zeigen die Jungs keine Nerven. Eine unheimlich intensive erste Halbzeit lag hinter ihnen, die Angst davor, dass am Ende die Kräfte nachlassen, war definitiv da. Wir Fans haben unseren „Job“ gut gemacht und standen wie eine Wand hinter der Mannschaft, die sich vor einigen Monaten noch laute Pfiffe anhören musste. Seitdem ist die Mannschaft kaum wieder zu erkennen. Biss, Leidenschaft, Spielwitz, und nicht zuletzt der Erfolg, Dinge, die wir vor gar nicht allzu langer Zeit noch so schmerzlich vermisst haben.

Sie legten los wie die Feuerwehr, als sie aus der Kabine kamen. Nach nur 5 Minuten hatte Christian Gentner die Möglichkeit, auf 3:1 zu erhöhen, der Ball ging aber wenige Zentimeter am Tor vorbei. Kollektives Raunen durchschnitt eine ansonsten derart positive Stimmung in unserem geliebten Neckarstadion, die positive Laune aller Zuschauer riss einen förmlich mit. Die Jungs wollten und konnten, eine aussichtsreiche Kombination.

Wie wäre es wohl gewesen, wenn man hier ohne Erfolgserlebnis angetreten wäre? Vor einigen Monaten hätte ich mir Momente wie diese nicht einmal im Traum ausmalen können. Wenige Minuten nach Gentes Chance war auch Vedad Ibisevic drauf und dran, uns hier vorzeitig zu erlösen. Ähnlich wie die kuriose Szene vor wenigen Tagen an gleicher Stelle gegen Gladbach, so wurde auch hier der Ball von der Linie gekratzt, kurz bevor die Cannstatter Kurve jubeln konnte.

Freiburg, wir hören nichts!

Es war erst die 53. Minute, als man die Gelegenheit zum 3:1 vergab, das Spiel war noch lang. Mein Hals kratzte, erst später daheim stellte ich fest, dass ich noch ganz tief unten im Bauchtäschle ein paar Hustenbonbons gehortet hatte, versteckt unter einem Päckchen Taschentücher. Immer wieder musste ich husten oder ein paar Sekunden aussetzen, als die Kurve schrie und für die Mannschaft sang, die auf dem Feld ihr Bestes gab.

Was machen eigentlich die Freiburger Fans? Nach ihrer Choreographie zu Spielbeginn, ein paar wenigen Momenten der akustischen Aufmerksamkeit und einigen wenigen Klatscheinlagen und dem Torjubel zum 1:1 hat man von ihnen nicht viel gesehen. Schwacher Auftritt für 12.000 Fans. Oder war die Cannstatter Kurve, in der ich stand, einfach nur zu laut, als dass ich deren Versuche des Supports hätte vernehmen können?

Freiburg war angepisst, das war zu spüren. Das 2:1 wollten sie nicht einfach so hinnehmen und versuchten immer wieder ihr Glück. Unsere Defensive stand stabil, konnte aber natürlich nicht auf Dauer dem Druck standhalten. Wenn das passiert, sind wir sowohl froh als auch stolz, einen Mann wie Sven Ulreich zwischen den Pfosten stehen zu haben. Wer es schafft, selbst abgefälschte Bälle bravourös zu parieren, ist eine wahre Nummer Eins.

Ulle, Ulle, Ulle!

„Passt auf den Kruse auf!“ vernahm ich immer wieder in den hinteren Reihen des Blocks 33. Recht haben sie, ist er doch Freiburgs erfolgreichster Torschütze, bereits 11 Tore in Bundesliga und DFB-Pokal plus zahlreiche Torvorlagen. Der ist gefährlich, darauf musste man doch vorbereitet sein. Umso erschreckender, dass keiner so wirklich auf ihn draufging, als er sich den Ball von Ibrahima Traoré holte.

Auch der bullige Antonio Rüdiger konnte nicht mehr wirklich energisch eingreifen, als der Freiburger, der schon als Abgang fest steht, einfach abzog. Er fälschte den Ball sogar noch ab, änderte die Flugbahn und stellte damit Sven Ulreich vor vermeintliche Probleme. Ich konnte kaum hinsehen, alle hielten den Atem an. Eine gefühlte Ewigkeit war der Ball in der Luft, unsere Nummer eins sprang hoch, riss die Hand nach oben und klärte den Ball zur Ecke. Riesen Jubel von allen Seiten, was für eine riesen Parade in der 70. Minute.

Für solche Aktionen lieben wir unseren Ulle. Bei vielen anderen Torhütern wäre dieser Ball wohl reingegangen, nicht jedoch bei unserem gebürtigen Schorndorfer. Minütlich stieg die Spannung zum Ende hin immer weiter an, obwohl man hätte denken können, nach dem 2:1 ginge es fast gar nicht mehr besser. Wer sonst nicht mitmacht, wurde kurzerhand mitgerissen von einem atemberaubenden Atmosphären, deren Zeuge wir an diesem Abend wurden.

Am Ende der Kräfte

Es wurde lauter und lauter. Die Uhr tickte herunter, für den VfB quälend langsam, für die Freiburger rasend schnell. Immer wieder peitschten wir die Mannschaft nach vorn, völlig von Sinnen kletterten nun alle, die in der ersten Reihe standen, auf die kleine Mauer am vorderen Teil des Blocks. Bei Siegen passiert das öfters, doch waren es zu viele diesmal. Ich stand etwa dritte Reihe \“ schmerzliche Konsequenz: die letzten Minuten habe ich nicht einmal sehen können.

Der Versuch der Alten Garde, wie wenige Tage zuvor eine Laola-Welle zu starten, ging gründlich nach hinten los. Es waren noch fünf Minuten reguläre Spielzeit, zu früh, um wirklich erleichtert feiern zu können. Das hier war so eines dieser Spiele, in denen der VfB auch gerne am Ende mal ein Tor kassiert und vor lauter Schock schlimmstenfalls noch ein zweites. Es wäre der „Sudden Death“ gewesen.

Viel sehen konnte ich nicht, den Rest des Spiels musste ich mich auf mein Gehör und die Reaktionen der anderen Verlassen. Einmal kam der VfB nochmal gefährlich vor Freiburgs Tor, Oliver Baumann klärte gerade noch so. Die Freiburger krochen schon auf dem Zahnfleisch, nicht im Stande, die letzte Kraft für einen Schlussspurt aufzubringen. Auch dem VfB konnte man ansehen, dass er an seine Grenzen und darüber hinaus gegangen war, doch fighteten sie bis zum Ende.

Dem Wahnsinn nahe

Das Spielfeld konnte ich nicht sehen, also sah ich mir die Kurve an. Wie in Zeitlupe speicherte ich jeden einzelnen dieser Eindrücke in meinem Gedächtnis, ein emotionaler Film, in dem Begeisterung und Euphorie die Hauptrollen spielen. Auch auf den Tribünen hielt es wohl keinen mehr auf den Plätzen. Die reguläre Spielzeit war bereits vorbei, das quälende Warten auf den Abpfiff, oder vielmehr auf den Jubel der Spieler und das Einspielen von „Paradise City“.

Wie von Sinnen fragte mich ein verschwitzter obenrum völlig entblößter Fan, wie lange das Spiel noch geht, er schrie mich förmlich an, anders vermochte man sich nicht mehr zu verständigen. „Keine Ahnung!“ kreischte ich zurück und zuckte die Schultern, die vom steifen Nacken vor eine Woche noch nicht vollständig wieder in Ordnung war, doch das war mir egal. Schmerzen waren irrelevant, nur noch wenige Sekunden, dann hatte man es geschafft.

Auf dem Platz stand mittlerweile Raphael Holzhauser, er kam für Alexandru Maxim, der sich seinen verdienten Sonderapplaus abholen durfte. Während der Österreicher im Zusammenspiel mit Cristian Molinaro nochmal einen Freistoß herausholte, um Zeit zu gewinnen, war ich mir mittlerweile sicher: das nimmt uns keiner mehr. Er legte sich den Ball noch zurecht, lief an und drosch den Ball gegen das Ballfangnetz vor der Cannstatter Kurve, rannte wie ein Irrer hinterher und zeigte uns die Jubelfaust. Es war geschafft.

Wir können alles. Auch Berlin.

Vermutlich hatte keiner so recht den Abpfiff mit eigenen Ohren gehört, die Reaktion der Spieler auf dem Feld war eindeutig. Ersatzspieler, Trainer und Betreuer stürmten das Feld. Sehen konnte ich es nicht, aber ich sah dafür die Cannstatter Kurve. Unbeschreibliche Szenen, für die ich keine Worte finde. Das ist Freude, das ist Leidenschaft, das ist Erleichterung \“ das ist Liebe! Wer nicht dabei war, hat definitiv etwas verpasst, und wer hier mittendrin stand und diese Zeilen liest, wird mit Sicherheit an diese Emotionen zurück erinnert. Ich schreibe diese Zeilen mit Gänsehaut.

Die Freiburger sanken wie bewusstlos zu Boden. Die TV-Bilder zeigten den 18-jährigen Matthias Ginter, der am Boden lag und bitterlich weinte. Ganz andere Bilder auf der anderen Seite. Die Mannschaft kam schon recht bald in die Kurve und feierte mit uns. Fürs erste in ihren völlig verschwitzten und grasgefärbten Brustring-Trikots, schon bald mit den offiziellen Pokalfinal-Shirts: „Wir können alles. Auch Berlin.“ – der perfekte Spruch für die Württemberger, die alles können, außer Hochdeutsch.

Minuten lang tanzten und hopsten sie auf dem Rasen umher, frenetisch gefeiert von der Kurve, die so viel Leid erfahren musste in der aktuellen Saison. Schließlich brachen sie auf zu einer ewig langen Ehrenrunde, bei der sie am liebsten jeden einzelnen persönlich abklatschen wollten. Die Mauer vor mir war voll besetzt, kein Platz, keine Sicht, durch die Beine der Vorderleute hindurch konnte ich ein wenig etwas sehen.

Grenzenloser Jubel

Langsam begann ich zu begreifen, was hier eben passiert ist. Soeben ist der VfB ins Pokalfinale eingezogen. Rein spielerisch und tabellarisch gesehen sogar als Underdog schlugen wir mutig kämpfende, aber glücklose Breisgauer. Am Ende war es spannender, als uns allen lieb war, doch wir haben es geschafft. Mit feuchten Augen sah ich mich um. Gestandene Männer, zwei Meter Schulterspannweite, voll tätowierter Rücken. Sie weinten.

Es dauerte ewig, bis sich die Kurve leerte. Der Ordnungsdienst, der normalerweise schon 10 Minuten nach Abpfiff anfängt, die Zuschauer aus dem Block zu werfen, ließ uns gewähren. Viele konnten ihr Glück noch gar nicht so richtig fassen, es war ein kleines bisschen wie damals, beim letzten Spiel der Cannstatter Kurve vor ihrem Abriss im Sommer 2010. Einst war es die Trauer, die kaum größer hätte sein können, heute war es die Freude, die kaum größer hätte sein können.

Felix kam in den Block rüber, erleichtert fiel ich ihm die Arme und drückte ihn ganz fest. War das hier tatsächlich Wirklichkeit? Es war schon längst dunkel geworden. Mit der geballten Jubelfaust liefen wir nach draußen, die große Treppe hinunter zum Fahnenraum, wo meine Kamera unversehrt in der Ecke stand. Hunderte Leute, eine Horde euphorisierter Ultras, friedlich, freundlich, freudig – und vor allem feucht-fröhlich.

Nein Mann, ich will noch nicht gehen…

Zu bekannten Klängen aus der Kurve tanzten wir auf den wenigen Quadratmetern um ein paar Bengalos herum: „Stimm mit ein, ja spürst du nicht die Kraft, die Leidenschaft, die Spiele drehen kann uns allen Freude macht, die Leidenschaft. Werd ein teil davon, sei wild und frei, immer dabei, verbieg dich nicht für den Verband die Polizei, sei wild und frei“. Zwischen Bier und Bengalos gab es nicht einen, der nicht gefangen genommen wurde von dieser Atmosphäre.

Keiner wollte so wirklich nach Hause gehen. „Nein Mann, ich will noch nicht gehen… Ich will noch ein bisschen tanzen!“ – doch auch der größte Spaß hat irgendwann ein Ende, zumindest für jene, die am nächsten Morgen früh arbeiten gehen müssen. Ich für meinen Teil hatte bereits proforma bei den Kollegen mit „Ich komm dann wohl später“ Bescheid gegeben.

Felix an der Hand, die Kamera auf dem Rucksack, das Grinsen im Gesicht und Leidenschaft im Herzen liefen wir nach Hause, nicht ganz ohne die Pöbeleien frustrierter Freiburger. Irgendwie kann ich sie ja verstehen… Auf der anderen Seite sollten sie dankbar sein, überhaupt mal bis ins Halbfinale gekommen zu sein. Sie sollten artig „Danke“ sagen und nach Hause fahren. Wenn man mal so überlegt: es waren 3 auf einen Streich: Finale, Europa und das gewonnene „kleine Derby“. Gegen Christian Streich.

Fiiiinaaaaale, ohoooooooo!

Durch die Stille der Nacht liefen wir den Seelberg hoch zu unserer Wohnung. Wir hatten immernoch Gänsehaut. Felix war schon lange schlafen gegangen, als ich noch vor meinem Rechner saß, Bilder bearbeitete und versuchte, wieder ruhiger zu werden, was selbstredend schwer genug war. Gegen halb 4 Uhr nachts ging ich dann schlafen, sofern man das überhaupt „schlafen“ nennen kann.

Wie geplant suchte ich später das Geschäft auf. Der erste Griff in den Kleiderschrank: Das „Acht Zehn Hundert Dreiund Neunzig“-Shirt von Kick-S. Damit wollte ich rein zufällig am Büro meiner Programmierer-Kollegen vorbei die Treppe hochgehen, leider war keiner da. Hätte der VfB verloren, hätte ich mir etwas anhören dürfen. Unter ihnen sind zwei Freiburg-Fans. Sie schwiegen eisern an jenem Tag, nachdem sie zuvor große Reden geschwungen hatten.

Mittlerweile ist das Spiel vier Tage her, ich schwebe noch immer etwa einen Meter über den Boden. Viel Verschnaufpause nach diesem mitreißenden Erlebnis gab es nicht, denn nach Freiburg ist vor Freiburg: so kurz nach dem Pokalhalbfinale müssen die Breisgauer schon wieder im Ländle antreten, diesmal zur Bundesliga. Das zu verlieren, wäre weit weniger schmerzhaft. Aber herschenken müssen wir es ja nun auch nicht, oder?

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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