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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Schwaben helfen Schwaben

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24 Stunden später bin ich mir nach wie vor nicht sicher, was ich davon halten soll. Als der vorschnellen Panik und Paranoia zugeneigten Person fehlt es mir schlicht und ergreifend an der Fähigkeit, das Ergebnis des Spiels unter „Scheißegal!“ abzustempeln und mich nun einfach nur auf Berlin zu freuen. Eine Schande, was uns gestern in der Fuggerstadt dargeboten wurde, „Arbeitsverweigerung“ trifft es wohl ganz gut. Als wäre es Absicht gewesen, die bayerischen Schwaben in der Liga zu halten und dafür Hoffenheim nach unten zu schicken.

Alle anderen konnten schon wieder lachen und scherzen, während ich mit verschränkten Armen vor mich hin grummelte. Untröstlich wie immer, gelang es mir auch nicht, zu vergessen, dass nach der Niederlage der Abstieg sogar rein rechnerisch noch möglich ist \“ zwar unwahrscheinlich, es müsse schon mit dem Teufel zugehen \“ doch solange wir nicht schwarz auf weiß wirklich sicher sind, dass die einzige Aufmerksamkeit dem Endspiel in Berlin gelten sollte, bleibe ich wachsam. Spiele wie diese tragen natürlich nicht gerade zum Wohlsein bei.

Samstag Morgen, 6 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Und das zum Samstag! Anders als an anderen Tagen hatte ich, so kurz vor Vollendung meiner ersten 34er-Saison das Gefühl, heut überhaupt keine Lust aufs Stadion zu haben. Wieder mal Halsschmerzen, wie kurz nach meiner letzten Woche Urlaub. Felix und ich sind am Donnerstag von unserem 4-tägigen Trip ins Allgäu zurück gekommen, feierten am Freitag mit dessen Familie und später mit gemeinsamen Freunden seinen Geburtstag.

Mit dem Zug nach Augsburg

Tap-tap-tap-tap. Kruschtel-kruschtel. Tap-tap-tap-tap. Auf Socken lief ich über das buchefarbene Laminat unserer Wohnung und suchte alles zusammen, was wir für den Tag brauchen würden: Die Batterien für beide Kameras inklusive Speicherkarten räumte ich in unsere Bauchtäschle, die Tickets fürs in die Prärie gesetzte Augsburger Stadion faltete ich sorgfältig in der Mitte und schob sie in den Geldbeutel, hier noch alle Klamotten bereit gelegt, da noch ein kleiner Fressbeutel und schon ging es los.

Anders als sonst wäre die Strecke ins knapp 170 Kilometer entfernte Augsburg nicht mit dem Auto bewältigt worden, sondern ausnahmsweise mit dem Zug. Ein Großteil der Fans reiste mit einem eigenen Sonderzug an, wir reisten privat zu fünft mit dem Wochenend-Ticket. Bei einem Fahrpreis von 8,50 Euro pro Person ein nicht auszuschlagendes Angebot. Auch ein kleines touristisches Programm durfte natürlich nicht fehlen, wie erreichten am späten Vormittag den Augsburger Hauptbahnhof, alle Umstiege in Schorndorf, Aalen und Donauwörth klappten problemlos.

Nach ein wenig Sightseeing und einem kleinen Mittagessen ging es langsam in Richtung Straßenbahnhaltestelle. Noch ein Eis in der Waffel für unterwegs, da entdeckten wir den VfB-Mannschaftsbus vorm Steigenberger-Hotel. Am Eingang versammelten sich bereits einige VfB-Fans und andere Schaulustige, nach einem Zwischenstopp im wenige Meter entfernten Supermarkt gesellten wir uns dazu.

Die ganze Bahn, die hüpft, olé olé

Wäre das witzig, wenn gerade jetzt noch die Mannschaft rauskommen würde, vielleicht noch schnell ein Foto machen? Unsere Aufmerksamkeit erregte aber fürs erste eine vorbeifahrende Straßenbahn, die im Schneckentempo die Straße entlang fahren wollte. Zuerst verstand ich nicht, warum sich auf einmal alle umdrehten, ein genauer Blick enthüllte: die Bahn hüpfte wild auf und ab. Das wird doch nicht…?! Oh doch… die Shuttle-Straßenbahn für die mit dem Sonderzug angereisten Fans.

Belustigt und amüsiert schauten wir dem Hüpfen zu, einige Bekannte winkten uns zu, der völlig verzweifelte Bahnfahrer musste schließlich genau vor dem Bus anhalten. Nach offenbar sehr direkten Worten ging es hüpfend weiter. Direkt danach kamen auch die Spieler mit ihren Trolley-Koffern aus dem Hotel gelaufen direkt in den Bus, Schaulustige und Fans bildeten einen Spalier für die Mannschaft, die hoffentlich wenige Stunden später die letzten notwendigen Punkte zum definitiven Klassenerhalt einfahren würde.

Für Fotos mit den Jungs reichte die Zeit nicht, der Bus fuhr ab und wir liefen langsam in Richtung Straßenbahn. Der Weg zog sich ewig, doch das wusste ich noch von vergangener Saison. Etwas mehr als ein Jahr ist es her, als ich nach meiner Knie-OP und einer 2-monatigen Auswärts-Abstinenz wieder auswärts fahren durfte. Es war jene tolle Zeit, als der VfB nach einem Rückstand stets hoch gewonnen hat, so auch in Augsburg.

Der Betonblock im Gewerbegebiet

Inmitten von friedlichen und ruhigen FCA-Fans nahmen wir die letzten Meter zum Betonklotz. Unattraktiv und unpersönlich, mitten im Gewerbegebiet. Es war trocken, trotz im Wetterbericht angesagtem Regen für die gesamte Region. Hier und heute den letzten benötigten Punkt mitzunehmen, sollte doch eigentlich kein Problem sein, oder? Entspannt ging es durch die Kontrollen, hindurch durch viele bekannte Gesichter. Weniger als eine Stunde bis zum Anpfiff, direkt hinein in den Block.

Eine an einen Ast geklebte „Pro altes VfB-Wappen„-Fahne erregte sogleich oberhalb des Mundlochs von Block X meine Aufmerksamkeit, bevor sich Felix‘ und meine Wege wieder trennten. Nur wenige haben Verständnis dafür, dass wir nie die Spiele zusammen ansehen. Beide sind wir stets im Stadion, doch meist meterweit voneinander entfernt. Jeder jubelt ein wenig für sich allein, erst nach dem Spiel freut man sich oder leidet man gemeinsam. Verschiedene Foto-Perspektiven erfordern jedoch dieses notwendige Übel.

Ich postierte mich inmitten des aktiven Kerns, während ich Felix nach einigen Minuten des angestrengenden Suchens weit rechts von mir in der obersten Reihe erspähen konnte. Das Stadion füllte sich, 30.660 Zuschauer füllten das ausverkaufte Haus, darunter gut 3.000 württembergische Schwaben. Das schwäbische Derby konnte beginnen, für die Augsburger ging es von vornherein um wesentlich mehr als für unsere Jungs, die so wie wir Fans nur noch Berlin im Kopf zu haben scheinen.

Die Schwerfälligkeit des Schreibens

Es fällt mir schwer, über das Spiel zu schreiben, das gebe ich zu. Manchmal braucht ein Blick zurück etwas mehr Zeit, als ich am Anfang dachte. Meist, wenn berufliche Gegebenheiten die abendliche Freizeit etwas kürzer treten lassen und der Zeitraum zwischen Spiel und Bericht auch gern mal bis zu mehrere Wochen dauert, wie beim Rückblick auf das Heimspiel gegen Hamburg, das so schmerzhaft war, dass es drei Wochen dauerte, bis meine 13.784 verbitterten Zeichen publiziert wurden.

Einfach darüber hinweg sehen zu können, die Schultern zu zucken und mir beruhigt zu sagen „Passiert…“, das kann ich nicht. Irgendwie hatte ich mir den gestrigen Ausflug zum schwäbischen Konkurrenten anders vorgestellt. Und sitze ich vor meinem Rechner, werden viele Dinge schnell interessanter. Die Waschmaschine muss noch fertig gemacht werden, der Geschirrspüler muss noch ausgeräumt werden, und oh, da läuft ja „X-Factor \“ Das Unfassbare“ auf RTL II. Die Folgen hab ich lange nicht mehr gesehen, ich bleib lieber gleich sitzen.

Beinahe einen ganzen Tag vertan, die letzten Stunden vorm Ende meines einwöchigen Urlaubs, wovon ich mit meiner besseren Hälfte 4 Tage im Allgäu war, nicht nur zum Entspannen, sondern auch zum Sport machen: Radfahren und Inline-Skaten standen neben den obligatorischen Fotos auf dem Programm. Wurden wir innerhalb von 8 Tagen zuletzt mit den Liga-Siegen gegen Gladbach und Freiburg sowie dem euphorisch gefeierten Einzug ins Pokalfinale beschenkt, wäre nun ein Sieg in Augsburg ein toller Abschluss.

Im Zeichen des alten Wappens

Zu den Klängen vom Fluch der Karibik, der im Neckarstadion als Song fürs Aufwärmen der Mannschaft verwendet wird, betraten alle 22 Protagonisten das Spielfeld. Rechts von mir wurde noch eine große Blockfahne mit altem Wappen ausgebreitet. Da stand ich nun gestern, inmitten von vielen bekannten Gesichtern. Den Einlauf der Mannschaften habe ich nicht einmal mit eigenen Augen sehen können, ein Banner mit der Aufschrift „Traditionsverein“ blockierte mir die Sicht.

Um mich herum zahlreiche Schals, Doppelhalter und Fahnen, alles unter dem Motto des alten Wappens. Unter meinem schwarzen Kapuzenpulli trug ich es nah bei meinem Herzen. Felix lieh mir ein Retro-Shirt mit altem Wappen aus, was mir zwar zeltmäßig viel zu groß war, doch mich wenigstens angemessen kleidete für meinen Herzensverein, der mir in dieser Spielzeit schon viel Freude, aber auch viel Schmerz zugefügt hatte.

Es ist das vorletzte Auswärtsspiel der Saison \“ am Ende hoffentlich mit genug Selbstvertrauen für das Pokalfinale, auf das wir alle natürlich schon sehr hinfiebern. Nach nur 2 Minuten wäre es an Martin Harnik gewesen, die schnelle Führung zu markieren, völlig frei flog er aber am Ball vorbei \“ und damit der rückwirkend betrachtet wichtigsten Chance, das Spiel in andere Bahnen lenken. Immer wieder diese vermaledeite Chancenverwertung \“ es war ja noch Zeit, dachten wir. Würde schon gut gehen am Ende, dachten wir.

Furioser Beginn

Wie beherzt die bayerischen Schwaben in die Partie gegangen waren, bekamen wir recht schnell zu spüren, nur Sekunden nach Martin Harniks Chance tauchte auf einmal Jan Moravek vor Sven Ulreich auf, da haben wir, mit Verlaub, etwas Dusel gehabt, dass ihm der Ball versprang und unser Ulle noch klären konnte, bevor es zum schnellen Rückstand kommen konnte. Was war denn hier los? Die Mannschaft um Markus Weinzierl war in dieser Phase der Saison keinesfalls zu unterschätzen.

Die Augsburger kämpfen um den Klassenerhalt mit viel Leidenschaft und Wille. Etwas, was ich mir auch vom VfB gewünscht hätte. In diesem Spiel. In dieser Schlussphase der Spielzeit. In dieser ganzen gesamten Saison eigentlich. Die vergangenen Tage waren wie ein wunderschöner Traum, gleich zwei Mal binnen von vier Tagen schlug man die ungeliebten Badenser, verbesserte sich für eine Nacht auf Rang 10.

Welch unreale Situation, wenn man als Fan nicht einmal einschätzen kann, in welche Richtung es geht: gewinnt der VfB alle Spiele und patzt die Konkurrenz, wäre sogar rein rechnerisch die Qualifikation zur Europa League auf dem Liga-Weg möglich, ein Abstieg wäre aber auch noch drin, wenns ganz dumm läuft. Und wir wissen alle, wie dumm es manchmal laufen kann.

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Vergangene Saison führte Augsburg nach 5 Minuten, bevor Serdar Tasci, der aktuell noch verletzungsbedingt zum Zuschauen verdammt ist, in der 24. Minute den Weg frei machte für den Auswärtssieg, der uns auf Europakurs brachte. Schön war die Zeit, der Jubel war einst groß, ich hätte so gerne beim Pogo mitgemacht, doch war natürlich Vorsicht geboten auf den steilen Rängen des Gästeblocks. Etwas mehr als ein Jahr ist das jetzt her, das Knie ist längst verheilt, die zahlreichen Wunden vieler verlorener Spiele allerdings nicht.

Mächtig Unruhe und Tempo auf dem Feld, auf den Rängen gute Laune und tolle Stimmung der mitgereisten Fans aus unserem schönen Hauptstädtle. Unablässig schlugen die Stöcke auf das Fell der ans Geländer befestigten Trommel, notdürftig geflickt mit Unmengen an Gaffa-Tape. Von meinem Standpunkt aus war es recht schwer überschaubar, wie hoch die Beteiligungsrate im Gästeblock insgesamt war, zu klein meine Körpergröße, zu groß die um mich herum befindlichen Personen.

Ich sah das Spielfeld, konnte zumindest ein paar wenige Fotos machen und dabei auch noch supporten \“ in meinen Augen alles, worauf es ankommt. Es ist nicht immer leicht, alle drei Dinge miteinander so zu vereinbaren, dass ich auch etwas vom Spiel gesehen habe, nah am Stimmungskern war und am Ende des Tages so viele Fotos bereit stehen, um eine gute Auswahl für die Veröffentlichung auf vfb-bilder.de zu haben.

Gelbe Karten und Torchancen im Minutentakt

Noch nicht einmal eine halbe Stunde war gespielt. Während der Gästeblock Arm in Arm geschlossen hüpfte, gelang es in den ersten Minuten den Gastgebern immer wieder, unsere Abwehr zu überwinden oder eklatante Fehlpässe im Mittelfeld auszunutzen, nur mit Mühe und Not bewahrte uns die Abwehr oder die Unfähigkeit der Augsburger vor dem Rückstand. Das hatten wir uns mit Sicherheit ganz anders ausgemalt, so auch unsere Mannschaft, die teilweise mit dem beherzten Auftritt des Gegners nichts, aber auch wirklich gar nichts entgegen zu setzen hatten.

Nach 17 Minuten folgte die erste von 8 gelben Karten, jeweils zu gleichen Teilen verteilt, Antonio Rüdiger sah den gelben Karton. Der Support der Augsburger war zunächst nicht besonders, vereinzelt ein paar optische Highlights und Spruchbänder, doch alles in allem noch kein erstligatauglicher Auftritt. Sie steigerten sich, man hatte offenbar gerade erfahren, dass Hoffenheim bereits mit 2:0 gegen Nürnberg führt. Dann bräuchte Augsburg einen Sieg, um die Kraichgauer auf Distanz zu halten. Immer wieder Chancen auf beiden Seiten, wovon die Augsburger bereits die wesentlich aussichtsreicheren hatten.

Wenn es am Ende eine Frage der Chancenverwertung ist und der VfB sich hier den Auswärtsdreier holt, soll es mir egal sein, die Fürther verloren einen Tag zuvor mit 2:3, bei einem Torschussverhältnis von 20:4 \“ Statistiken, die Bände sprechen. Das Spiel wurde ruppiger, bis zur Halbzeitpause musste Schiedsrichter Manuel Gräfe noch drei Augsburgern die gelbe Karte zeigen, sowie auch unserem neuen Star Alexandru Maxim, deren Grund aber bis heute nicht klar erkennbar war.

Peng \“ voll in die Fresse!

Autsch, das tat ja schon beim Zuschauen weh! Wenige Minuten vor der Halbzeitpause war Augsburg im Vorwärtsgang bis es plötzlich laut „Klatsch!“ machte \“ und der 1,89 Meter große Georg Niedermeier umfiel wie ein Baum. Daniel Baier zog aus 16 Metern ab und traf unseren Schorsch damit voll im Gesicht. Sofort war das Team um Dr. Best auf dem Feld, mehrere Spieler versammelten sich vor dem regungslos am Boden liegenden Innenverteidiger.

Banges Warten, ob er wieder aufsteht. Ein Augsburger gesellte sich dazu, als wolle er ihn auslachen und/oder ihm mitteilen, er solle nicht simulieren. Schleich dich, falscher Schwabe! Aufbauende Rufe aus dem Gästeblock: „Niedermeier, Niedermeier, hey, hey!“, bis er schlussendlich wieder aufstand und sich gestützt von den Ärzten vom Feld schleppte. Er kam wieder, umjubelt vom mitgereisten Anhang. Unser Schorsch. Wo andere sich auswechseln lassen, schüttelt er sich kurz und spielt weiter. Dafür lieben wir ihn \“ auch, wenn er ein Bayer ist!

Viel passierte dann bis zur Pause nicht mehr, mit einem für beide Seiten eher unbefriedigenden 0:0 ging es in die Kabinen. Die Gastgeber konnten mit ihrer Chancenverwertung nicht zufrieden sein, hätten wir hier schon zurück gelegen, man hätte sich nicht einmal beschweren dürfen. Und unsere Mannschaft wusste den willensstarken Klassenerhaltskämpfern nicht wirklich etwas entgegen zu setzen. Der Support von den Rängen ist das Eine \“ das Ergebnis am Ende das Andere!

Von Schützenhilfe und Sekundenschlaf

Erstmal Pause. Vor mir sackte einer der Fotografen recht schnell in sich zusammen, etwas Sorgen machte ich mir da schon, „Was ist denn mit dem los?“ – „Müde!“ bekam ich als Antwort zu hören. Die ganzen 15 Minuten hockte er mit über den Kopf gezogener Kapuze auf der Treppenstufe direkt vor mir, regungslos und besorgniserregend. Ich behielt ihn im Auge, als sich mir die Gelegenheit bot, mit einem guten Freund ins Gespräch zu kommen, der während der ersten Halbzeit zu weit entfernt war.

„Eigentlich wäre es ganz gut, wenn wir heut verlieren“ \“ sein Argument lautet „Hoffenheim“, was weitgehend im Sinne von allen Bundesliga-Vereinen sein dürfte. Bis auf die nahe und bequeme Anfahrt ins gut 90 Kilometer entfernte Sinsheim vermag man den Kraichgauern nichts Gutes zu wünschen. Ließe man Augsburg hier gewinnen und hole man die Punkte bei der in diesem Falle definitiv abgestiegenen Spielvereinigung Greuther Fürth, wäre eine direkte Rettung des ungeliebten Kommerzvereins ausgeschlossen.

Ich wollte und konnte nicht glauben, was ich da zu hören bekam. Absichtlich verlieren, damit Hoffenheim absteigt? Das kann die Mannschaft so jedenfalls keineswegs gewollt haben. Und wohl auch der junge Mann zu meiner Rechten nicht, am Ende sah ich ihn aus dem Augenwinkel, mit schüttelndem Kopf und dem Kinn in die Hand vergraben. Noch war es aber nicht soweit. Die ausgetrunkene Tüte der Capri Sonne lag bereits auf dem Boden, als sich die Haupttribüne der SGL Arena wieder füllte und auch die Mannschaften wieder aufs Feld kamen.

Der nächste Akt im Karten-Festival

Mit dem Ende der Halbzeitpause erwachte zunächst der offenbar tatsächlich einfach nur totmüde gewesene Fotografenkollege wieder zum Leben, binnen weniger Sekunden wieder quicklebendig. Respekt vor jenen, die an so einem Ort erholsamen Schlaf haben können. Es konnte weitergehen mit dem zweiten Durchgang. Es sind die letzten Stadionstunden in der Spielzeit 2012/2013, normalerweise sollte ich jeden Moment meiner 34er-Saison genießen, doch tat mich aufgrund des Spielverlaufs schwer. Ich hatte ja keine Ahnung, was noch folgen würde.

So rassig, wie das Spiel im ersten Durchgang bereits war, es ging unvermindert weiter. Mit unveränderter Aufstellung brachten beide Trainer ihre Jungs wieder aufs Feld, freudig empfangen von den jeweiligen Fanlagern. Die 8. gelbe Karte des Spiels sah unser Bosnier in der 55. Minute. Es ist seine Zehnte, er wird gegen Fürth gesperrt sein. Ich kann darauf verzichten, am Ende der Saison zu beklagen, dass uns nur ein einziger Punkt fehlte weil gegen den leichtesten Gegner des Restprogramms einer der zuverlässigsten Stürmer in unseren Reihen fehlte.

Horror-Szenarien in meinem Kopf, teilweise sogar auf dem Rasen. Augsburg wurde stetig mutiger, beobachtet von den Gästefans spielten sie immer wieder in die Richung von Sven Ulreich, der bisher alles von seinem Kasten vor der Augsburger Fankurve fernhalten konnte. Eine Stunde war gespielt, in einem Zweikampf gegen Tobias Werner verletzte sich Alexandru Maxim und musste erst einmal draußen behandelt werden. Es gab Ecke für die Gastgeber.

Der Schock nach einer Stunde

Wie diese Ecke geendet hat, wissen wir alle noch zu gut. Sascha Mölders schraubte sich hoch, köpfte an Ulles Brust, von der der Ball unglücklich hinter die Linie fiel. Saublöde Szene, der war nicht unhaltbar. Stille. Leises Kopfschütteln, fassungslose Blicke, zuckende Schultern. Es ist nicht so, als habe sich dieser Treffer nicht angekündigt, doch sahen wir uns nun einer nicht zu unterschätzenden Gefahr ausgesetzt: das Augsburger Oberwasser. „Augsburg EINSSSS, Stuttgart NULLLLLL“. Das tat weh. Schmerzverzerrt schloss ich die Augen.

Kurz darauf beinahe noch das 0:2 kassiert, die Augsburger Fans jetzt natürlich mit akustischer Stimmgewalt. „You only sing when you’re winning!“ – verletzter Stolz, doch wahre Worte aus unseren Reihen. Vorher hörte man von den gastgebenden Fans nämlich so gut wie nichts. Wenig später musste der angeschlagende Alexandru Maxim, der binnen weniger Wochen unsere Herzen erobert hat, vom Feld, für ihn kam der noch torlose Federico Macheda, dessen Zukunftsaussichten beim VfB über die Saison hinaus nach wie vor unklar sind.

Hoffentlich ist dem 1,78 Meter großen blonden Rumänen nichts ernsthaftes zugestoßen, wir brauchen ihn dringend für den Saison-Endspurt und insbesondere für das Endspiel in Berlin am 1. Juni. Mit Bauchschmerzen beobachtete ich, wie er vom Feld trabte. In den letzten durchaus erfolgreichen Wochen war er an fast allen wichtigen Toren mitbeteiligt und sorgte zusätzlich für Stabilität in der Abwehr, indem er wichtige Zweikämpfe bereits im Mittelfeld gewann. Dazu noch gefährliche Standards, eine Art neuer Supermann.

Marke „Tor des Monats“

13 Minuten waren noch zu spielen, als Georg Niedermeier mit einem Kopfball verdammt nah am nicht unverdienten Ausgleich war, doch kratzte Ragnar Klavan den Ball für den bereits geschlagenen Oldie-Keeper Alexander Manninger von der Linie. Das hätte es doch sein müssen! Stattdessen waren wieder die Hausherren am Drücker. Was soll diese verdammte Scheiße? Die Verärgerung machte sich langsam breit bei den Unsrigen.

Mir zog sich jedes Mal aufs Neue der Magen zusammen, jedes Mal aufs Neue, wenn einer der im schwarzen Auswärtsdress gekleideten Herren den Ball vertändelte oder die Augsburger \“ und ich finde es schändlich, das zugeben zu müssen \“ schlicht und ergreifend bissiger und fleißiger waren. Nicht weniger übel wurde mir in der 83. Minute, als Marcel De Jong in der eigenen Hälfte den Ball bekam und nach einem schnellen Solo über das Feld einfach abzog, keine Chance für Sven Ulreich.

2:0. Tor des Monats. Verbitterung und lange Gesichter auf der einen Seite, frenetischer Jubel auf der anderen Seite. Salto rückwärts ins Glück des aufopferungsvoll kämpfenden FCA. Die Augsburger Bank stürmte das Feld, alles schmiss sich auf den eingewechselten Torschützen mit der Nummer 17. Der VfB konnte nur Zuschauen und Staunen. So, lieber VfB, sehen verdammt wichtige Tore aus. Und was für ein Schönes noch dazu, wie ich neidisch anerkennen muss.

Als wäre es nicht schlimm genug gewesen…

Das wars endgültig. Der Support aus dem Gästeblock wurde fürs erste eingestellt. Bange Blicke, verzweifelte Momente auf den grauen Betonstufen. Keine Fahnen, keine Doppelhalter, keine Schals. Der Frust war groß. Dabei hätte es uns ja fast schon egal sein müssen. Doch das war es nicht. Und auch das Spiel war noch nicht vorbei. Ich schaute rüber zu dem jungen Mann, der noch meinte, es wäre vielleicht ganz gut, zu verlieren. Er schaute nicht zurück, sein starrer Blick aufs Spielfeld sprach Bände. Ich schaute auch rüber zu Felix, konnte ihn nicht entdecken. Dafür viele andere versteinerte Zuschauer.

Unsere Jungs waren angeknockt, wenn nicht sogar schon ausgeknockt. Lustlos spielten sie sich den Ball zu, in einer Manier, die du dir eigentlich nur erlauben kannst, wenn du bereits in der 85. Minute selbst mit 4:0 führst \“ wir lagen hier zurück, wie bitter, wie schändlich, und regelrecht peinlich. Der mittlerweile eingewechselte Shinji Okazaki verlor den Ball auf eine unnötige Art und Weise gegen André Hahn, der damit fürs Erste auf und davon war.

Mit ihm mitgelaufen war der Südkoreaner Dong-Won Ji, ein Pass, ein Schuss, und wieder der Jubel der Augsburger. Knapp 2 Minuten waren vergangen, als wir die Partie ohnehin schon verloren hatten. Nein, es musste eine Klatsche sein. Es reichte nicht, als dankbares Opfer herzuhalten, das die Hoffenheimer indirekt in die 2. Liga schickt, das, was hier abging, war tatsächlich an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten.

Am Ende bleibt nur Frust

Der Rest der Partie ist nicht mehr erwähnungswürdig. Man hatte genug von dieser herz- und willenlosen Darbietung, Pfiffe aus dem Gästeblock und erneute Rufe „Bruno raus“ \“ als wäre das zielführend. Man könnte jetzt natürlich sagen „Scheiß drauf“, doch wie eingangs erwähnt, vermag ich soviel Gelassenheit nicht an den Tag zu legen. Mehr als 24 Stunden später regt es mich immernoch auf. Einen ganzen Tag kostete mich der Rückblick auf diesen finsteren Tag, beruhigen kann ich mich noch immer nicht.

Nicht nur ein verlorenes Spiel, sondern auch eine peinliche Darbietung und die Vergrößerung unseres negativen Torverhältnisses auf -17. Nur 5 Tore mehr kassierten die Hoffenheimer, die durch Augsburgs Sieg weiterhin zittern müssen. Was bringt es uns, die Hoffenheimer in die 2. Liga zu schicken, wenn wir selbst hinterher müssen, wenn das Worst-Case-Szenario eintrifft? Was nützt es uns, auf der Bühne Europas eine Rolle zu spielen, wenn man sich nächste Saison gegen Paderborn und Co. Blamieren könnte? Nein, ich will von „Ach komm, wir steigen doch net ab!“ nichts hören!

Entsprechend die Reaktionen nach dem Spiel. Pfiffe, nur wenig Klatschen, und auseinander gestreckte Arme, sinnbildlich für eine leere Ausbeute. Schnell kehrten sie wieder um, so, wie sie schon zum Gästeblock gekommen waren: mit hängenden Köpfen. Schnell leerten sich die Reihen, kaum Zeit für große Verabschiedungen. Der Sonderzug für die meisten Fans wartete bereits, und auch unser Weg zurück nach Hause sollte schnellstmöglich angetreten werden.

Heimweg mit Hindernissen

Mit dem Shuttle-Bus ging es über einen ellenlangen Umweg um Augsburg herum zum Hauptbahnhof zurück. Dort holte ich noch meinen Laptop aus dem Schließfach Nummer 44. Mit Absicht gewählt, welche Ironie, dass das 0:1 kurz nach seiner Verletzung fiel \“ Zufall? Recht bald fuhr der Zug in Richtung Aalen, auf einem der benachbarten Gleise stand bereits der Sonderzug bereit. Vorzeitig setzte sich das öffentliche Verkehrsmittel in Bewegung, die ersten Bilder wurden gesichtet.

Alles lief gut, bis zum 5.000-Seelen-Städtchen Lauchheim kurz hinter der bayerisch-württembergischen Grenze, wo der Zug halten musste und alle Fahrgäste die Bahn verlassen mussten: Personenunfall, Schienenersatzverkehr mit dem Bus. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie es aussieht, den Inhalt eines ganzen Zuges in einen einzigen Bus zu quetschen. Auf dem Weg dorthin kletterten wir über das Gleisbett, mein Schienbein tut heute noch weh vom Anschlagen am Bahnsteigrand.

Nach einer gefühlten Ewigkeit aber glücklicherweise mit Sitzplatz erreichten wir Aalen, wo unser Anschlusszug natürlich – wie könnte es auch anders sein an diesem unglücklichen Spieltag \“ bereits weg war. Die Wartezeit wurde verbracht im nahe gelegenen China-Restaurant, ein halber Liter Bier und eine angeblich „kleine“ Portion des Gerichts unserer Wahl zu später Stunde in Schaufelbagger-Geschwindigkeit herunter geschlungen werden musste.

Nur wenig Positives

Der Rest der Fahrt verlief dann problemlos, in Schorndorf stiegen wir in die ebenfalls schon abfahrbereite S-Bahn in Richtung Filderstadt. Zwei von uns fünf Auswärtsfahrern, jene beide, mit denen wir ohnehin fast ausschließlich jedes Auswärtsspiel bestreiten, stiegen in Beutelsbach aus, Felix und ich natürlich im verregneten Bad Cannstatt, während Johannes, der letzte im Bunde, noch bis Filderstadt weiterfahren musste. Aktuell ist Frühlingsfest auf dem Wasen, entsprechend belebt war auch der Bahnhof.

Zahlreiche Lederhosen-Träger und Dirndl-Trägerinnen kreuzten unseren kurzen Weg aus dem Bahnhof heraus. Die letzten Meter im Regen, den Ausflug in die Fuggerstadt hatte ich mir mit Sicherheit anders vorgestellt. Was bleibt zurück nach diesem Auswärtsspiel? Die notwendigen Punkte fehlen uns noch, und solange wir noch nicht safe sind, kann ich diese Niederlage nicht mit einer „Scheißegal“-Einstellung abhaken.

Das Positive an diesem Tag: nette Gesellschaft bei An- und Abreise, ein Wiedersehen mit Freunden im Stadion, ein spätes aber gutes Abendessen und die Tatsache, dass Hoffenheim absteigen muss. Nicht viel, wenn ich auf der anderen Seite ein blamables Spiel meiner Mannschaft, unangenehme Halsschmerzen, Probleme bei der Abfahrt und nur wenig gute eigene Fotos entgegensetze. Das Restprogramm: Fürth (daheim), Schalke (auswärts) und Mainz (daheim) \“ Schnell die Klasse sicher machen, fit halten, Selbstvertrauen holen und dann mutig und befreit zugleich nach Berlin fahren.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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