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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Glück auf Schalke

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Die letzten Sekunden. Noch einmal Freistoß für den Gegner, in den letzten Zügen der Nachspielzeit. Panik. Furcht. Angst. Das Entsetzen ins Gesicht geschrieben faltete ich die Hände vor meinem Gesicht. Ulle hatte ihn sicher. Es war die letzte Aktion des Spiels. „Pfeif aaaaaaaaaaab!“ schrie ich, wie viele andere neben mir auch. Geschafft. Abpfiff. Die Jubelfaust in die Luft. Es ging um nichts mehr \“ und dennoch tut dieser Sieg gut.

Verstehen muss man diesen Verein nicht. Die letzten Spiele gegen Augsburg und Fürth gingen zusammengerechnet mit 0:5 verloren. Bittere Erkenntnisse, wenige Wochen vor unserem Pokalfinale in Berlin. Mit „Sorgenvoll“ würde ich die Gefühlslage, mit der wir aufgebrochen waren, nicht gerade bezeichnen. Ich meine nur, ich hätte das Ergebnis vorher anders getippt. Anders herum. Souverän und kämpferisch, clever gemacht und angestrengt \“ als hätte es die vielen Rückschläge in dieser Spielzeit niemals gegeben.

Zufrieden sitze ich nun auf meinem roten Drehstuhl, die rote Ikea-Lampe wirft Licht auf die Tastatur (nicht rot). Ich erinnere mich an Samstag und grinse still in mich hinein. Es war meine Premiere auf Schalke, das letzte von 3 Stadien in dieser 34er-Saison, dass ich bisher noch nicht kannte. Nach Gladbach und Dortmund konnte ich nun auch hier einen Haken machen. Und dennoch schwingt nach dem Sieg im Pott ein wenig Wehmut mit. Bald ist die Saison vorbei. Was machen wir denn nur in der Sommerpause?

Guten Morgen? Wohl eher gute Nacht?!

Freitag Abend saß ich länger. Sehr viel länger, als es mir gut getan hätte und um einiges länger, als ich noch Stunden zuvor geplant hatte. „Um Acht geh ich ins Bett!“ – soviel dazu. Der Wecker meines Smartphones war erbarmungslos. Es war drei Uhr nachts. Wie ein Zombie quälte ich mich aus dem Bett und stapfte völlig übermüdet über den buchefarbenen Laminatboden. Der Laptop wurde gepackt, der Fresskorb befüllt, die Bauchtäschle vorbereitet \“ und schließlich auch Felix geweckt.

Quasi mitten in der Nacht. Leicht hektisch brachen wir auf, um 4:30 Uhr sollte es losgehen in Weinstadt-Beutelsbach, die letzte gemeinsame Auswärtsfahrt dieser Saison. Höchstwahrscheinlich würden wir heute nicht auf Schalke gewinnen, dessen war ich mir sicher. Ebenso sicher war ich mir, ich würde mich im Falle einer Niederlage noch nicht einmal arg aufregen. Doch wir alle wissen es natürlich besser.

Zusammen mit Gerd, Ingrid, Katrin und Thomas ging es Richtung Westen. Viel mitbekommen habe ich nicht, ich habe einen Großteil der Fahrt verschlafen. Es war gut frisch im Auto und auch draußen, wir alle hatten das Wetter an diesem Tage unterschätzt. Auf ein touristisches Kulturprogramm konnten und wollten wir natürlich auch dieses Mal nicht verzichten. Heute stand der Landschaftspark Duisburg-Nord auf dem Plan.

Zwischen Hochofen und Gartenbau

Aus dem eigentlichen Plan, vor Ort einen der Hochöfen, die damals in Betrieb waren, wurde leider nichts. So vertrieben wir uns anderweitig die Zeit in dem 200 Hektar großen Park, der um ein stillgelegtes Hüttenwerk herum gebaut wurde. Es gab viel zu entdecken im rund um die Uhr und kostenlos zugänglichen Park. Da der „Hochofen 5″ seit wenigen Tagen jedoch wegen Renovierungsarbeiten für gut zwei Monate gesperrt ist, liefen wir einfach so im Park umher, machten Fotos und schauten uns alles an. Wir hatten ja Zeit.

Nach gut zwei Stunden waren wir durch und picknickten noch direkt am Parkplatz. Mit Kaffee, Muffins, geschmierten Broten und anderen Leckereien stärkten wir uns für das Spiel im gut 40 Kilometer entfernten Gelsenkirchen. Es war gut frisch, doch kam immer wieder auch die Sonne raus. Immer wieder gesellten sich Regenschauer dazu, die zwar kurz, aber recht heftig waren. Ich hatte weder mein festes Schuhwerk noch eine Regenjacke dabei. Das hab ich ja ganz toll hinbekommen.

Die „Turnhalle“ erreichten wir gut anderthalb Stunden vor Anpfiff, eine gute Zeit. Alles lief reibungslos bisher. Da standen wir nun, mitten auf dem Parkplatz C1 zwischen Ordnungskräften und Imbissbude. Wir wollten uns fertig machen und loslaufen, bis der nächste Wolkenbruch unsere Pläne kurzfristig wieder einmal durchkreuzte. Wir warteten geduldig, bis es wieder einigermaßen trocken war und liefen los. Mit Thomas‘ nicht benötigtem Pullover versteckte ich auch das letzte bisschen Rot an mir, man kann ja nie wissen, was für Gestalten einem begegnen.

Da ist ja der Glückskäfer!

Am Mittwoch wurde einen Tag früher als üblich (durch den Feiertag) die Fan-Info unserer Fanbetreuung veröffentlicht. Ich staunte nicht schlecht, als ich über den Wortlauf „Spiegelreflex geht in Ordnung“ stolperte. Die Freude war groß, die Skepsis folgte aber sogleich. Moment mal… einfach so, ohne Beschränkung der Objektivlänge oder ähnliches? Das konnte ich nicht glauben. Der freundliche Mitarbeiter auf der Schalker Geschäftsstelle gab mir in meiner Befürchtung leider recht.

Offenbar hatte sich ein Missverständnis eingeschlichen, die Spiegelreflex durfte nicht mit hinein. Zumindest für das gemeine Fußvolk, wie ich im Gästeblock selbst feststellen musste. Die normale Stadionkamera kam problemlos durch die Kontrollen. Von den Ultras war weit und breit noch keine Spur. Irgendwie seltsam. Gemeinsam betraten wir den Gästeblock, für Katrin und mich war es das erste Mal. Hoffentlich wirds ‚ne gute Premiere!

Einer der ersten, die ich sah, war mein Glücksbringer. Sandro heißt er, wie ich mittlerweile weiß. Jedes Spiel, das wir bisher Seite an Seite gesehen hatten, gewann der VfB \“ in Hamburg und in Frankfurt. Sandro, falls du das liest: lass uns zusehen, dass du in Berlin neben mir stehst, hehe. Felix versorgte mich noch mit etwas Essbarem, bevor er seinen Platz in der oberen Ecke einnahm. Ich blieb in der Mitte des Blocks, umgeben von einigen Leuten, die bereits auf der Hinfahrt ziemlich gekübelt haben müssen.

Ein Blick in die Statistik

Kurz vor knapp wurde der Block dann auch endlich richtig voll, der treue Kern der Cannstatter Kurve traf ein und nahm seinen Platz wie üblich im unteren Bereich des Stehblocks ein. Die Jungs und Mädels werden mir fehlen in der Sommerpause, aber noch haben wir ja das Heimspiel gegen Mainz und das Pokalfinale in Berlin. Alles war angerichtet, das Stadion war voll, es konnte losgehen. Für uns ging es um nichts mehr, für Schalke ging es noch um die Champions League Qualifikation. Nach den letzten beiden Auftritten tendieren die Chancen zum Punktgewinn gegen Null.

Es ist eine Weile her, dass der VfB zuletzt auf Schalke gewann und ihnen die Europa League versaute. Cacau stand damals in der Startelf und erzielte das 1:0 für den VfB und der damals nur ausgeliehene Georg Niedermeier, der erst zwei Monate zuvor debütieren durfte, durfte die letzten zwei Minuten für Ciprian Marica auf dem Platz stehen. Seitdem ist einiges passiert. Keiner der anderen Spieler vom damaligen Sieg ist heute noch da. Ciprian Marica und der damalige Manager Horst Heldt verdienen ihr Geld mittlerweile bei den Knappen.

Es war soweit, 15:30 Uhr, das letzte Auswärtsspiel, die vorletzte Chance, sich Selbstvertrauen für Berlin zu holen. Mit Brustringfahnen und einem riesigen Wimpel mit überdimensionalem Schal an der Balustrade huldigten wir unserem geliebten alten Wappen, das wir uns hoffentlich zur Mitgliederversammlung am 22. Juli wiederholen können. Auch auf der Nordkurve wurde eine Choreographie gezeigt. Kurzzeitig musste ich meinen Standpunkt verlassen, der Fotos wegen. Es dauerte gut 15 Minuten, bis ich meinen Glücksbringer wiederfand.

Hurra, Hurra, die Schwaben die sind da!

Nach den ersten Minuten in den unteren Reihen lief ich wieder ein Stück nach oben und wechselte so mehrmals meinen Standpunkt. Viel mitbekommen hatte ich demnach nicht in den ersten fünf Spielminuten. Dass die Gastgeber nach nur 22 Sekunden den ersten Torschuss abgaben und es hier genauso gut hätte schon 1:0 für die Hausherren stehen können, war reiner Glücksfall. Auch der VfB erspielte sich in den ersten Minuten schon die ersten Gelegenheiten, was mich dann doch schon nach den zuletzt schwachen Auftritten gewundert hat.

Gut 4.100 Fans waren mit angereist und sahen einen guten Beginn der Jungs, die in ihren roten Auswärtstrikots aufliefen. Tim Hoogland durfte ran für den rotgesperrten Antonio Rüdiger. Ausgerechnet Tim Hoogland, der eine Saison von \“ genau! – Schalke ausgeliehen ist und seit dem 3. Spieltag kein einziges Spiel mehr gemacht hat. Er wird zurückgehen nach Gelsenkirchen, für den VfB ist außer Spesen fast nichts gewesen.

Nach dem etwas hektischen Beginn beruhigte sich das Spiel ein wenig und beide Mannschaften neutralisierten sich weitgehend, es ging hin und her, aber ohne die notwendige Konsequenz. Ein wenig Zeit, mich im Block umzuschauen. Durch das späte Eintrudeln des treuen Kerns konnte ich kaum Freunde und Bekannte begrüßen, die darunter waren. Wie immer die üblichen Verdächtigen. Arm in Arm hüpften wir auf den Betonstufen, die vielen ausgeteilten Brustringfahnen sorgten für eine tolle optische Untermalung. Die Stimmung war super in der Turnhalle.

Mit dem Dampfhammer aus 35 Metern

Eine Viertelstunde war vorbei, ich kämpfte mich durch die Reihen. Hätte ich mir lieber mal die Reihennummer gemerkt, in der ich stand. Auch, wenn es um nichts mehr geht, wenn schonmal ein Glücksbringer da ist, soll es mir recht sein. Der VfB fand mehr und mehr ins Spiel, sehr zu unserem Wohlwollen. Eine Flanke fand den Kopf von Vedad Ibisevic, der nicht ausreichend Druck hinter den Ball bekam. Welcher Schalker dem Bosnier zugeteilt war, war nicht genau zu definieren. Dabei hat er ja bereits im Hinspiel für einen Schalker Alptraum gesorgt.

Auch unsere neue Nummer 44 stand wieder auf dem Feld. Hat er auch den sympathischen William Kvist verdrängt, er strahlt Stabilität und Torgefahr aus. Der Rumäne kam Ende Januar, hat sich schnell zurecht gefunden und ist in der Lage, den Unterschied auszumachen. Die Gegner können ihn oft noch nicht so recht einschätzen, so auch der ehemalige Stuttgarter Timo Hildebrand, der seinen Schuss aus 35 Metern nicht erahnen konnte und sich ganz schön strecken musste. Uiiiiii!

Trotz der Chance von Alexandru Maxim plätscherte das Spiel weitgehend vor sich hin. Eine wirklicher Wille von S04, noch die Champions League Qualifikation zu schaffen, war bisher nicht wirklich erkennbar. Warum eigentlich? Auch die Fans waren noch lange nicht so eindrucksvoll, wie man es mir angekündigt hatte. Auch in Frankfurt und Dortmund wurden meine Erwartungen unterboten. Was man ihnen zu Gute halten muss: jeder kommt in Blau-Weiß ins Stadion und steht bei wichtigen Aktionen auf, auch wenn er nicht dazu aufgefordert wurde.

Der Schalker Schreck

Gerade eben waren noch die Hausherren im Vorwärtsgang, so schnell konnte man ja kaum schauen. Der immer stärker gewordene VfB nutzte eine Kontergelegenheit aus, Georg Niedermeier und Ibrahima Traoré waren zur Schnelle. Der Große zum Kleinen, der Kleine nach innen. Dort stand, wie könnte es beim heutigen Gegner auch anders sein: Vedad Ibisevic. Keine Konsequenz in der Verteidigung des Revierclubs, dafür beim Bosnier. Vor unseren Augen erzielte er das 0:1. Richtig jubeln konnte ich nicht einmal, eine dezente Jubelfaust links, den Finger auf dem Auslöser rechts.

Das die Freude groß war beim mitgereisten Anhang, war selbstverständlich, das brauche ich euch nicht zu erzählen. Vom Oberrang herunter ergossen sich die ersten Liter Bier auf die Stehplätze der Blöcke V und W zwischen Südkurve und Gegentribüne. Es war auf einmal ziemlich still auf der Nordtribüne. Schalke, wir hören nichts! Die ersten Pfiffe des Heimpublikums, es sollten nicht die letzten sein. So muss sich Fürth gefühlt haben, als sie in unserem Stadion in Führung gegangen waren.

Sympthomatisch fürs Schalker Spiel: mittelmäßig bemüht, ohne Druck, ohne Leidenschaft, ohne Genauigkeit. Und es gefiel uns! Es sind solche Spiele, die immer ein wenig mehr Spaß machen, wenn man sie gewinnt, und die umso bitterer sein können, wenn man sie verliert. Ein nicht gerade freundschaftliches Verhältnis sorgt regelmäßig bei den Begegnungen für Reibereien und unfreundliche Worte auf beiden Seiten. Auch das ist Fußball.

Mit der knappen Führung in die Pause

Bei all der Freude, die wir im Gästeblock hatten, es stand immernoch ein Gegner auf dem Feld, der schon zum Hinspiel den selben Tabellenplatz hatte wie an diesem Tag auch: den Vierten. Mit einem Sieg und gleichzeitigem Nicht-Sieg der Frankfurter hätte man die Qualifikation bereits sicher. Bei allen hochstilisierten Emotionen im Vorfeld, auf dem Platz war wenig davon zu sehen. Nur einmal kamen sie nochmal gefährlich zum Abschluss, sieben Minuten vor Schluss drosch Stinkstiefel Jermaine Jones die Kugel aus zweiter Reihe auf Sven Ulreich, mit Glück stand er goldrichtig und ließ ihn nach vorne abprallen, was ohne Folgen blieb.

Mit Pfiffen schickte sie ihre Mannschaft in die Kabine, wir feierten unsere Jungs, wer konnte schon wissen, wie lange noch. Es sind seltene Momente, in denen wir stolz sein konnten auf die Mannschaft, die durch drei Wettbewerbe gleichzeitig lange zu kämpfen hatte und in der Bundesliga in der im Gegensatz zu den Vorjahren recht schwachen Rückrunde so unheimlich viele Spiele vergeigt hatte. Die leidgeprüften Viertausend, sie freuten sich angesichts des Spielstands. Doch wir alle denken nur an eines. Berlin.

In der Pause zuzelte ich an meiner Capri Sonne und schwätze fleißig mit dem Glücksbringer, der auch dieses Mal wieder Glück brachte bisher. So kanns manchmal gehen. Es war gut voll im Block, teilweise dicht gedrungen war kaum Bewegungsfreiheit, doch genau das macht eben das Stadionerlebnis aus. Faszination Stehplatz. Knöcheltief in Bier, Blut und Schweiß. Freud und Leid nah beieinander. Gute Freunde, flüchtige Bekannte und ein paar nervige Bruddler. So soll es sein.

Schalke \“ eine Stuttgarter Filiale

Einige Tage zuvor veröffentlichte der VfB auf seiner Webseite einen Artikel mit der Überschrift „Die Ehemaligen ärgern„. Es waren in der Tat einige dabei. Neben Manager Horst Heldt (2003 bis 2006 Spieler und von 2006 bis 2010 Manager), Torhüter Timo Hildebrand (1998 bis 2007) und Stürmer Ciprian Marica (2007 bis 2011, nur 19 Tore in 93 Spielen) war es auch Trainer Jens Keller, den wir noch in Erinnerung hatten.

Von Oktober bis Dezember 2010 war er kurzzeitig Trainer bei uns, auf ihn folgte Bruno Labbadia, der noch heute auf der Trainerbank sitzt, wenn auch nicht ohne Gegenwind. Jens Keller verlängerte wenige Stunden zuvor seinen Vertrag mangels Alternativen bis 2015. Ob sie sich damit einen Gefallen getan haben? Armin Veh, ebenfalls Ex-Trainer, sagte ab und blieb überraschenderweise doch bei seiner Eintracht, Stefan Effenberg war ebenfalls im Gespräch. Ich hätte es ja äußerst amüsant gefunden.

Es konnte weiter gehen mit dem zweiten Durchgang. Ob es am Ende zum Sieg reicht? Schwer zu sagen. Man hat sich ohnehin gegen die Großen stets leichter getan, es würde ins Bild passen, dieses Spiel überraschend doch zu gewinnen. Es wäre Schützenhilfe für die Freiburger, die wir sowohl in Pokal als auch Bundesliga binnen vier Tagen gleich zwei Mal besiegten. Die Freiburger waren uns egal. Uns ging es vielmehr darum, Selbstvertrauen zu tanken.

Wer trifft als nächstes? Schwer zu sagen…

Viele nennenswerte Aktionen gab es zunächst nicht, bei weiterhin exzellenter Stimmung schaute man dem Treiben zu. Ein wenig Unruhe machte sich recht schnell bei mir breit, denn die Gastgeber drängten auf den Ausgleich. Es dauerte trotzdem gut eine Stunde, bis die erste gute Chance für die Schalker kam, ein Freistoß drosch Jefferson Farfan weit über Sven Ulreichs Kasten. Die Reaktionen im Gästeblock schräg hinter dem Tor? Ihr könnt es euch vorstellen.

Wohin ich auch blickte in dem kleinen abgesperrten Bereich der Blöcke V und W, ich sah nur rote Schalks und die Brustringfahnen vor mir. Wir stehn in unserer Kurve, schwenken unsere Fahnen, singen alle gemeinsam, Stuttgart wird nie untergehen. Wer das Pech hatte, so ungünstig hinter einer dieser Fahnen zu stehen, so dass sie einem die Sicht versperrte, verpasste Vedad Ibisevics Nachschuss zum möglichen 2:0 aus Sicht des VfB. Ein bisschen weniger Rücklage, das wäre es gewesen.

Es wurde wieder schneller und hektischer, nach einer langen mehr oder weniger behäbigen Phase. Schalke wollte den Ausgleich, es wackelte bedächtig hinten in unserer Abwehr. Es wurde unruhig im Gästeblock, die Heimfans wurden lauter, meine Sorgen wurden größer. Es geht um nichts mehr. Dennoch würde ich lieber die 3 Punkte mitnehmen, wenn wir schonmal so weit gekommen sind. Martin Harnik, der erneut blass geblieben war, schenkte S04 einen Freistoß in zentraler, aussichtsreicher Position. Oh oh.

Mit Karacho an den Pfosten

Ich würde mal sagen: das war ziemlich knapp. Jefferson Farfan und Klaas-Jan Huntelaar, der im Sommer 2009 beinahe zum VfB gewechselt wäre, der sicher geglaubte Transfer dann aber doch platzte, standen bereit. Den letzten aussichtsreichen Freistoß drosch Jefferson Farfan über die Mauer, der Holländer wollte stattdessen lieber schießen. Damals machte ich eine Fotomontage von ihm im VfB-Trikot \“ leider zu früh gefreut, er wollte nicht in die großen Fußstapfen des Verräters treten.

Die Mauer stand, Sven Ulreich fokussierte den Ball mit allerhöchster Konzentration. Ein Pfiff von Schiedsrichter Deniz Aytekin, der Freistoß war somit freigegeben. Der Holländer lief an, schoss, unerreichbar für Sven Ulreich, direkt an den rechten Pfosten, Jermaine Jones‘ Nachschuss kratzte unser Alexandru Maxim gerade noch weg. Du lieber Himmel, war das spannend und nervenaufreibend. Da haben wir Glück gehabt, um es vorsichtig auszudrücken.

Es wurde ziemlich laut in der oft hämisch als „Turnhalle“ bezeichneten Veltins-Arena. Ausverkauftes Haus, 61.673 Zuschauer sagen nun ein immer spannender werdendes Spiel, in dem „Scheiße Null-Vier“ dem Ausgleich zwischenzeitlich näher war als der VfB dem Ausbau der Führung. Die Blau-Weißen erhoben sich von ihren Sitzschalen, feuerten ihre Mannschaft an, klatschten, sangen.

Der Bosnier und sein Lieblingsgegner

Die meisten hatten sich gerade erst wieder hingesetzt. Mit einem ganz normalen Abstoß von Sven Ulreich fing es an. Nicht wie sonst hoch und weit nach dem Motto „Abschlag um dein Leben!“, ganz gemütlich nach links zu Cristian Molinaro, der ein bisher recht passables Spiel ablieferte. Was passiert nun? Ein weiter Ball zum vorgelaufenen Christian Gentner, nur knapp war Gente nicht im Abseits gewesen. Der Rest liest sich wie eine Geschichte aus dem Lehrbuch.

Christoph Metzelder war einst Nationalspieler. Bis 2008 spielte er im Trikot der Nationalmannschaft, ein gestandener Innenverteidiger, fast zwei Meter groß, bullig, schnell, furchteinflößend. Nicht, dass es mir in dieser Situation etwas ausgemacht hätte, aber was er nur drei Minuten nach Schalkes Pfostenklatscher darbot, war Kreisklasse. Er war Vedad Ibisevic zugeteilt. Hat ihn denn keiner gewarnt? Im Hinspiel stand er nicht auf dem Platz.

Welch wunderschöne Flanke auf den völlig allein gelassenen Bosnier. Beinah verstolperte er den Ball auch noch! Apathisches Kreischen im Gästeblock, sorgenvolle Blicke beim Schalker Publikum. „Schieeeeeeeeeß“ schrie ich. Timo Hildebrand kam ihm noch ein Stück entgegen, Auge in Auge standen sie sich gegenüber. Sie kennen sich noch aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Hoffenheim. Erbarmungslos. Durch die Beine. Das war das 2:0 für den VfB.

Ein erfolgreiches Auswärts-Duo

Bierduuuuusche! Alles wurde nass, Haare, Pulli, Hose, ein paar Tropfen auf die Kamera. Der Gerstensaft flog, der Gästeblock im allergrößten Glück. Zufrieden rannte er vor der Schalker Nordkurve entlang, suchte den Flankengeber, der erste Gratulant war aber nicht er, sondern derjenige, der uns kurz zuvor noch mit Ach und Krach vor dem sicheren Ausgleich rettete. Der Rumäne und der Bosnier. Stuttgart International.

Hier regierte jetzt der VfB. Schalke unter Schock. Der VfB obenauf. Wer hätte das gedacht nach Augsburg und Fürth? Richtig. Niemand! Alles sprang, alles klatschte, alles schrie \“ es sind solche Momente, für die ich diesen Verein liebe, diese Momente, in denen ein einfaches Tor zur richtigen Zeit einfach das Allergrößte ist. Geht sich ja gut aus mit meiner Premiere in Gelsenkirchen. Ich umarmte Sandro, meinen Glücksbringer. Auch er musste feststellen: „Funktioniert auswärts ja echt gut mit uns beiden!“. Recht hat er.

Schalke war tot. Schalke konnte nicht mehr. Schalke war in die Knie gezwungen worden, ausgerechnet von dem Verein, der durch die Schützenhilfe der Anderen nur knapp dem drohenden Relegationsplatz von der Schippe gesprungen war. Es schien so, als könnten sie nicht mehr aufstehen. Die Gastgeber hatten noch einmal ein paar kleine Gelegenheiten, konnten Sven Ulreich aber nicht überwinden oder scheiterten an der eigenen Unfähigkeit. Wie bereits beim letzten Auswärtssieg vor vier Jahren, als sie überraschend die Europa League herschenkten.

Unfreiwilliger Torschütze

Es waren die letzten Minuten. Den Blau-Weißen fiel herzlich wenig ein, aus der so nicht zu erwartetenden Niederlage noch etwas Zählbares zu machen. Mittlerweile hatten die Freiburger ihr Spiel in Fürth gedreht und waren auf einem guten Weg zu den internationalen Plätzen, sie sind Nutznießer der drohenden Schalker Niederlage. Ich hatte kaum einen Zweifel daran, dass sich unsere Jungs das jetzt nehmen lassen. Die Stimmung brodelte in unseren Reihen, wir waren heiß auf diesen Sieg.

Nachspielzeit: zwei Minuten. Das werden sie jetzt wohl unbeschadet über die Bühne bringen, oder? Ich fotografierte schonmal die Anzeigetafel in der Mitte des Daches. 0:2 stand in großen weißen Lettern auf blauem Grund. Welch überaus schönes Bild. Schalke versuchte es ein letztes Mal, nur noch ein paar wenige Sekunden zu spielen. Klaas-Jan Huntelaars Schuss fälschte Georg Niedermeier unglücklich ab, unser Ulle riss nur noch den Arm hoch und legte sich das krumme Ding ganz blöd ins eigene Netz.

„Oh Gott, Scheiße!“ im ersten Moment, „Scheißegal“ in Bruchteilen von einer Sekunde. Vorwurfsvolle Blicke des Schorndorfers in Richtung des gebürtigen Münchners. Wir alle hatten gehofft, dass Sven Ulreich eines Tages ein Tor schießen würde. Aber so? Das hatte sicherlich keiner so gewollt. Dumm gelaufen. Aber das sollte es doch jetzt gewesen sein.

Drama, Baby!

Wer glaubte, Deniz Aytekin würde das Spiel endlich abpfeifen, sah sich getäuscht. Laute Pfiffe aus unseren Reihen, die Spielzeit war abgelaufen, die drei Punkte sollten uns gehören. Es wurde lauter und lauter. Die Wut brach ungebremst aus uns heraus, als Jermaine Jones, der für solche Aktionen bekannt ist, noch einen Freistoß schindete. Das kann doch nicht wahr sein!

Aus einer ausgelassenen und emotionalen Stimmung wurde Stille, die Minen verfinsterten sich, Hände wurden über dem Kopf oder vor dem Gesicht gefaltet. 4.100 stille Gebete, dass dieser Freistoß nicht zum späten Ausgleich für die Gastgeber werden würde. Eine halbe Minute war die Nachspielzeit bereits vorbei, Timo Hildebrand kam mit nach vorne. Oh Gott, das hälst du ja im Kopf nicht aus!

Jefferson Farfan trat an, flankte vors Tor, wo die Schalker bereits einköpfbereit zur Stelle waren, Sven Ulreich flog aus seinem Tor hinauf in die Luft, streckte die Arme gen Himmel und entfesselte laute Jubelschreie, als er den Ball in seinen beigefarbenen Torwarthandschuhen festhielt. Das war die wirklich letzte Aktion, das Spiel war vorbei. Noch im Strafraum unseres Keepers brachen mehrere Schalker frustriert in sich zusammen.

Erleichterte Begeisterung

Es war nun mehr Erleichterung als jene selbstbewusste Freude, die uns bis zum unfreiwilligen Anschlusstreffer inne wohnte. Innerhalb von zwei Minuten hätten wir den Sieg beinahe hergeschenkt. Beinahe. Es hat gereicht, mit Glück, aber auch mit Willensstärke und einer nicht für möglich gehaltenen Leistungssteigerung. Böse Zungen behaupten ja, es hätte nach den letzten beiden Partien ja auch kaum schlimmer kommen können.

Begeistert und erleichtert zugleich empfingen wir sie in der Ecke des Stadions. Sie waren platt und erschöpft, sind viel gerannt und hatten kaum noch Kraft für große Jubeltänze. Oder fehlte es an der Lust, mit den Fans diesen moralisch wichtigen Sieg zu feiern? Nur die Jungs können diese Frage beantworten. Sie klatschten uns zu, wir klatschten ihnen zu. Wir wollten die Welle. Die Jungs kehrten uns den Rücken und trabten langsam wieder in Richtung Kabine. Waren es die Pfiffe nach den letzten beiden peinlichen Blamagen, die sie zur schnellen Umkehr bewegten?

Der Block leerte sich recht zügig, die Busse vor dem Stadion warteten bereits, viele von uns hatten eine weite Heimreise vor sich. Zeitlich unabhängig warteten wir geduldig, bis sich der größte Trubel gelegt hat und liefen dann geschlossen hinaus zum Auto zurück. Die Sonne schien, am Himmel und in meinem Gemüt. Das tut richtig gut. Auch, wenn es um nichts mehr ging. Ich hoffe, die Jungs nehmen das mit, legen gegen Mainz noch einmal nach und stimmen sich mit uns dann so richtig ein auf den großen Tag in Berlin.

Zurück nach Hause

Das übliche Programm: Bildbearbeitung und dann eine Runde schlafen, sofern es möglich ist. Ein kleiner Pinkel- und Picknick-Zwischenstopp, noch ein paar hundert Kilometer, dann waren wir wieder daheim. Es war bitterkalt (für Mitte Mai) und recht windig, als wir unsere Sachen vom einen Auto in Felix‘ Gefährt umlagerten. Eine kurze Verabschiedung, dann war sie geschafft, die letzte Auswärtsfahrt der Bundesligasaison 2012/2013.

Es ist wieder spät geworden. Mittlerweile ist es Montag, 22:30 Uhr. Dies sind die letzten Zeilen der Schalke-Tour, ich war am Vortag leider nicht fertig geworden. Jetzt noch Rechtschreibprüfung, Bilder rein und publizieren. Danach gehts ab ins Bett, um 7 Uhr in der Früh ist wieder Training im Fitnessstudio angesagt.

Spaß hats gemacht, vom unbeständigen Wetter mal ganz abgesehen. Ich werde es in den nächsten Monaten nach dem Pokalfinale vermissen, mit den ganzen Verrückten unterwegs zu sein und vor Ort die selben lieben Leute zu treffen, die mich eine ganze Saison durchweg begleitet haben. Ein Heimspiel noch, dann mache ich einen Haken hinter meine allererste 34er-Saison. Es wird hoffentlich nicht die letzte gewesen sein.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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