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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Der Abschluss einer kompletten Saison

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Es war der 43. Punkt im 34. Spiel. Die 34er-Saison ist somit komplett. Felix und ich haben es geschafft, in einer Saison, die derart durchwachsen war und unheimlich viel Frust und Enttäuschung mit sich brachte, durchweg jedes einzelne Spiel zu besuchen. Von Hamburg bis München, von Wolfsburg bis Dortmund. Auf der Anzeigetafel stand das Ergebnis, was wohl kaum so richtig befriedigend sein kann. Dennoch war es ein gelungener Abschluss. Mit Freude, viel Lachen und einer gemütlichen Runde mit Grillen und ganz viel Flüssignahrung.

Wie hätten wir uns gefreut, wäre das letzte Saisonspiel in unserem heimischen Neckarstadion mit einem Sieg zu Ende gegangen. Ein Unentschieden zum Abschluss, somit hat man nun doch die Hälfte aller Heimspiele verloren, nur 5 Siege stehen zu Buche. Wir haben wahrlich einiges durchmachen müssen. Und auch, wenn uns das euphorische Halbfinale gegen Freiburg ins Pokalfinale nach Berlin geführt hat, so kann es kaum die Missstände überdecken, die sich immer wieder in dieser Spielzeit offenbart hatten.

Eine Choreographie sollte es geben, ein krönender Abschluss für uns Fans, die im Gegensatz zur Mannschaft stets mit ganzem Herzen dabei waren und alles gegeben haben. Von so manchem Spieler kann man das über die komplette Saison hindurch nicht gerade behaupten. Das Amt für öffentliche Ordnung hatte die Abschluss-Choreographie jedoch auf Drängen der Polizei verboten. Warum? Durch die „Verfehlungen“ der letzten Wochen.

Kurzfristiges Choreo-Verbot

Lief man auf dem Weg zum Halbfinale auf der Straße und zündete \“ wohlgemerkt außerhalb des Stadions \“ 3 Bengalos und provozierte die Freiburger vier Tage später im Bundesliga-Duell mit einem großen „Finale“-Banner, wurde dies nun als Grund angeführt, die Choreographie zu verbieten. So kann und so darf es nicht sein. Armes Deutschland, wenn harmlose Aktionen, bei denen keiner zu Schaden kam (den Stolz der Badenser mal ausgenommen), ausreichen, um die engagierte Arbeit mehrerer Wochen unter fadenscheinigen Gründen zunichte zu machen. Dass so etwas die aktiven Fans unseres VfB wohl kaum aufhalten kann, ist sonnenklar.

Gemeinsam marschierte man zum Stadion, aus Protest, friedlich, stimmungsvoll, stolz. Keine Provokation, keine Verletzten, kein Krieg \“ das muss völlig überraschend gewesen sein, schließlich sind emotionale Szenen und ein bisschen Pyrotechnik gleich Grund genug, einen kriegsähnlichen Zustand auszurufen, der mit jeden Mitteln bekämpft werden muss. Keiner von diesen Leuten ist jemals als Fan im Stadion gewesen, stand nie in der Kurve und weiß nicht, wie es ist, seinen Herzensverein anzufeuern. Bedauerlich, dass solche Leute über uns entscheiden wollen.

Felix und ich stießen erst ein wenig später dazu. Ich war nervös und aufgeregt, die Pumpe schlug schnell. Aber warum? Es ging hier nur noch um die goldene Ananas, ich korrigiere, um Ergebniskosmetik einer ganzen Saison (wohl kaum machbar) und wegen der Verteilung der TV-Gelder für die nächste Saison. Vom Selbstvertrauen für Berlin ganz zu schweigen. Bevor wir losgingen, schnürte ich mein Bauchtäschle um, das auf einmal gar nicht mehr so schwer zuging wie sonst. Heutige Ausnahme: die Spiegelreflex nahm ich mit. Mit Anspannung.

Perfektes Fußballwetter

Petrus meinte es gut mit uns. Letztes Jahr schickte er uns kübelweise Regen zum letzten Heimspiel, die letzten Tage ließen uns nichts Gutes hoffen. Weit über 4 Wochen hängen wir dem Wetter hinterher, allenfalls Aprilwetter, wie man schon fast sagen muss. Viel Wind und Regen, wenig Sonne \“ so die traurige Bilanz der letzten Wochen. Für einen Tag gabs traumhaftes Wetter mit Sonne satt, wenig Wolken, kein Regen. Perfektes Stadion- und Saisonabschlusswetter.

Gewundert hätte es mich nicht sonderlich, wenn die heutigen Gäste aus Mainz am Ende des Tages die drei Punkte mitnehmen würden. Zu viel erlebt in dieser Saison, Wiedergutmachung für die neuerliche Schmach im Hinspiel war zumindest nicht zu erwarten. Die Köpfe der Spieler sind bereits in Berlin, so wie unsere auch. Die Vorfreude ist schon groß auf den 1. Juni, meine ganz persönliche Sorge aber auch. Wirklich Lust auf eine Klatsche habe ich nicht, obwohl ich ohne jede Frage meinen Verein unterstützen werde.

Früh ging es hinein ins Stadion, ohne jedes Murren ging die Große durch die Kontrolle. Ein letztes Mal verabschiedete ich Felix vorm Eingang des Blocks 33, ein letztes Mal lief ich die weiß-roten Treppenstufen hinunter, ein letztes Mal ließ ich meinen Blick durch die Kurve schweifen. Die Hälfte des Gästeblocks war gefüllt, wartend und vorfreudig schaute ich mich um, entdeckte Glücksbringer Sandro auf einem der Sitzplätze im hinteren Teil der Cannstatter Kurve und winkte ihm zu. Auch er komplettiert seine 34er-Saison, möge er mir ein letztes Mal in Berlin Glück bringen. Ich verlass mich auf ihn!

Ein „netter“ Gruß an die Behörden

Die letzten Minuten vergingen, nicht mehr lang bis zum Anpfiff. Wenige Minuten vor dem Einlaufen der beiden Mannschaften, gab es das Signal für eine zuvor ausgelegte Ersatz-Choreographie. Mit roten Fahnen und weißen und schwarzen Pappen bildete man trotz des ausgesprochenen Choreo-Verbots etwas Tolles. Auf dem Platz wurden noch die Spieler verabschiedet, die uns verlassen werden: Tim Hoogland (war von Schalke ausgeliehen), Federico Macheda (war von Manchester United ausgeliehen), Felipe Lopes(war von Wolfsburg ausgeliehen) und Marc Ziegler (Karriereende, vielleicht noch ein Auslandseinsatz).

Inzwischen wurde die Choreographie gewendet, aus einem weißen großen Feld mit dem Banner „Choreoverbot?“ wurde ein schwarzes Feld in der Mitte der Cannstatter Kurve, ein großer weißer Stinkefinger prangte in der Mitte – „Fickt Euch Behörden!“ war darunter zu lesen. Eine perfekte Antwort auf den Behördenirrsinn, der die geplante Choreographie nicht genehmigen wollte. Respekt an Alle, die an dieser Aktion beteiligt waren und genau die richtige Antwort gegeben hatten.

Schlussendlich konnte das Spiel nun endlich losgehen. Los gehts, das letzte Mal Bundesliga in dieser Saison! Tolle Stimmung in der Cannstatter Kurve, doch auch dieses letzte Mal blieb ich von nervtötenden und aggressionsfördernden Mitmenschen nicht verschont. Der einzige Grund, sich auf die Sommerpause zu freuen, kreischende Mädels die Kapitän Serdar Tasci total scharf finden, und mein persönlicher Favorit, der Bruddler vom Dienst.

Das geht ja (nicht) gut los…

Ein weiteres Mal wurde die Choreo gewendet, hinter dem Stinkefinger kam das alte VfB-Wappen zum Vorschein, welches neben dem Sturz von Dieter Hundt bei der Mitgliederversammlung am 22. Juli im Mittelpunkt steht. Schiedsrichter Michael Weiner hatte das Spiel angepfiffen, die Anfangsphase gehörte ausschließlich den Gästen aus Mainz, was mich in den ersten Minuten aber noch nicht sonderlich störte. Nach nur neun Minuten hätten die Null-Fünfer sogar in Führung gehen müssen, als unsere schlafmützige Abwehr Glück hatte, dass Andreas Ivanschitz nur die Latte traf. Es ging spannend los hier!

Fünf Minuten waren seit dem Lattentreffer vergangen, die Kurve hopste gut gelaunt bei angenehmen Temperaturen um die 20 Grad. Nach einem nicht wirklich engagiert vorgetragenen Vorwärtsgang unserer Jungs, die in den neuen, schlafanzuähnlichen gestreiften Trikots spielten, liefen sie in einen Mainzer Konter. Sven Ulreich stürmte aus seinem Kasten, der Neu-Nationalspieler Nicolai Müller ging ohne weiteres an unserer Nummer Eins vorbei, statt einzuschießen, legte er nochmal zurück und Ede brauchte nur noch ins leere Tore zu treffen.

Erst 16 Minuten gespielt, schon stand es 0:1 \“ nicht gerade meine Vorstellung von einem gelungenen Saisonabschluss. Möge es zumindest ein Hallo-Wach-Effekt sein für die VfB-Spieler, die noch nicht wirklich gedanklich im Spiel waren. Wenige Minuten später köpfte Vedad Ibisevic nach einer Ecke von Alexandru Maxim am Tor vorbei, es hätte die richtige Antwort für den ernüchternden Rückstand sein können.

Hoffenheimer Gedankenspiele

Die Kulisse war da im Neckarstadion! Der Gästeblock hatte sich bis zum Anpfiff noch gut gefüllt, viele Fahnen und zu Beginn ein wenig orangefarbener Rauch waren jedoch alles, was die mitgereisten Mainzer zu bieten hatten. Sie unterstützen ihr Team optisch ansprechend, fanden aber nie Gehör der anderen Zuschauer. Hinter ihnen liegt eine Schwächephase, die Pläne für die internationalen Plätze hatten sie längst ad acta legen müssen.

Acht Spiele hat die Mannschaft von Thomas Tuchel, der im Jahr 2000 seine Trainerkarriere bei der U15 des VfB begann, jetzt nicht mehr gewinnen können. Im Normalfälle wäre der VfB derjenige gewesen, der einer frustrierten Mannschaft zu neuem Selbstbewusstsein verhilft. An uns haftet das beschämende Image des guten Samariters, der nur selten punkten kann, wenn es wahrhaftig darauf ankommt.

Wir lagen zwar zurück, aber erfreute uns die Tatsache doch nur zu sehr, dass das ungeliebte Projekt Hoffenheim seit der sechsten Minute in Dortmund zurücklag. Wenn es dabei bleibt und die Augsburger ihr Endspiel um den direkten Klassenerhalt gewinnen, war es das mit Hoffenheim \“ dann wären sie Vorletzter und damit direkt abgestiegen, dann wäre Düsseldorf in der Relegation. Die Meisterschaftsfrage war längst entschieden, die Frage um die internationalen Plätze und die Abstiegsränge war aber bis zum letzten Spieltag offen gehalten worden.

Spiel gedreht in elf Minuten

Diesmal waren es die Mainzer, die in einen Konter liefen. Und in was für einen! Der Ball kam auf rechts schließlich zu Martin Harnik, der seit seinem Siegtreffer im Pokal-Halbfinale nicht mehr getroffen hatte. Eine flache Hereingabe, Torhüter Christian Wetklo stand am kurzen Pfosten. Für einen kurzen Moment dachte man sich wohl „Was zum Geier macht Harnik da? Wer soll mit der Hereingabe was anfangen?“ – da jubelte man schon.

Irgendwie habe ich es geahnt, als der Österreicher noch unterwegs war und keiner geglaubt hatte, dass der Ausgleich wenige Sekunden später fallen würde, zückte ich bereits die Kamera, drehte das Objektiv bis zum Anschlag auf und drückte den Auslöser. Wie ein Daumenkino schoss die Kamera Bilder vom Pass bis zur jubelnden Untertürkheimer Kurve. Christian Wetklo hatte sich den Ball selbst ins Nest gelegt. Das dritte Eigentor im dritten VfB-Spiel in Folge, zuvor lenkten Gotoku Sakai gegen Fürth und Sven Ulreich auf Schalke die Kugel ins eigene Netz.

Der VfB war wieder da, es wurde lauter im Stadion, die Beteiligungsrate stieg rund um die Stimmungsblöcke signifikant an. Wir hatten ja keine Ahnung, was noch folgen würde! In der 33. Minute versagten die Mainzer beim Klärungsversuch, sie brachten den Ball nicht aus der Gefahrenzone. Im Mittelfeld steht dort mittlerweile Arthur Boka, der seine Sache dort besser macht als als Außenverteidiger. Engagiert setzte er sich dort und knallte den Ball ohne jede Chance für den Eigentorschützen Christian Wetklo in die Maschen. Spiel gedreht!

Die Führung doch noch hergeschenkt

Bis zur Halbzeitpause ging es hin und her, ein offener Schlagabtausch. Es mangelte zunächst an richtig gefährlichen Chancen, so widmete ich der Kurve meine Aufmerksamkeit. Mittlerweile führte Augsburg gegen Fürth, Dortmund führte gegen Hoffenheim, wir führten gegen Mainz. So lässt sichs leben! Die 3 wichtigen Partien an diesem Spieltag, es lief gut für uns und alles gegen Hoffenheim. Wie schön wäre es gewesen, wenn es dabei geblieben wäre.

Unsere Jungs konnten die 2:1-Führung noch nicht einmal in die Pause retten. Gibt es tatsächlich Tore, die zum richtigen oder falschen Zeitpunkt fallen können? Ich weiß es nicht. Nicolai Müller drückte die Kugel gerade noch so über die Linie. Serdar Tasci schlug den Ball noch raus, aber es war zu spät. Klar über der Linie entschied Michael Weiner leider zurecht auf Tor für die Gäste. Schon wieder dieser Nicolai Müller, im Hinspiel wurde er mit zwei Toren zum Matchwinner.

Kurz vor dem Pausenpfiff scheiterte Martin Harnik nur denkbar knapp am 3:2 für den VfB, auch Vedad Ibisevic konnte die erneute Führung nicht klar machen. Den meisten Zuschauern ist das zu diesem Zeitpunkt schon beinahe egal gewesen. Wir erfreuten uns an einer nach wie vor tollen Stimmung, zumindest gemessen an den Verhältnissen dieser durchwachsenen Saison. Man hat sich hier daheim oft schwer getan, wir wollten stets ein guter Rückhalt sein für die Mannschaft, gedankt bekommen in Form von Heimsiegen haben wir es jedoch beileibe selten.

Das Siegtor zu Unrecht aberkannt

Mit Feuer und Temperament ging es nahezu ungezügelt weiter \“ auf allen Seiten des Stadions. Wir in der Kurve, die Jungs auf dem Spielfeld. Wir wollten den Dreier zum Abschluss, das ließen wir unsere Mannschaft spüren, die sich auch bemühte, ein gutes Spiel abzuliefern. Das die Bemühung alleine auch keine Tore schießen kann, sollte klar sein. Eine gut gemeinte Flanke von Alexandru Maxim landete vor den Füßen des Mainzers Radoslav Zabavnik, vermeintlich geklärt. Stattdessen schoss er an den Pfosten des Mainzer Tors. Woah, Alter! Auch hier hätte der hämisch ausgelachte Christian Wetklo keinerlei Chancen gehabt, dies zu verhindern.

Nun verflachte das Spiel, nicht jedoch unsere Hoffnung auf einen Heimsieg. Es gab mir Zeit, mich um tolle Fotomotive zu kümmern, die mir die Cannstatter Kurve auch dieses Mal bot. Bekannte Lieder, bekannte Leute, ich freue mich, Teil des Ganzen zu sein. Hin- und hergerissen zwischen Stehplatz und Spielfeld wurde mir und uns allen nicht gerade eine spektakuläre Spielphase zuteil. Es mangelte an guten Gelegenheiten. Eine tolle Generalprobe gegen vermeintlich übermächtige Bayern sieht anders aus.

Eine gute Stunde war gespielt, als wir erneut laut jubelten \“ es ging binnen Sekunden in lautes Pfeiffen über. Alexandru Maxim brachte die Hereingabe auf Vedad Ibisevic, der mustergültig zum 3:2 vollendete. Doch was soll das? Abseits soll es gewesen sein? Wie heißt es noch gleich, im Zweifel für den Angreifer? Es war kein Abseits, eine Fehlentscheidung brachte uns hier um das verdiente 3:2.

Das große Nichts

Wieder sollte es das gewesen sein für eine ganze Weile mit einem flüssigen und schön anzusehenden Spiel. War man zufrieden mit dem 2:2? Die Frage nach dem „Warum“ war nicht unberechtigt. Wollten unsere Jungs nicht noch einmal ihren Fans einen Heimsieg zum Abschluss der schlechtesten Saison unserer Bundesligageschichte schenken? Auch Mainz wusste im zweiten Durchgang wenig mit dem Spiel anzufangen, erst zehn Minuten vor Schluss kamen sie wieder einigermaßen gefährlich vor das Tor von Sven Ulreich.

Die letzten Minuten der Partie waren bereits angebrochen, auch den anderen Plätzen ging es parallel geradezu drunter und drüber. Immer wieder offenbarte die Anzeigetafel unerwartete Ereignisse. Vor meinem inneren Auge zog die Saison vorbei, es war streckenweise frustrierend und deprimierend. Und dennoch liebe ich diesen Verein mehr, als ich je ausdrücken könnte. Der Soundtrack zu meinem Kopfkino: „Solange wir in der Kurve stehen, wird auch deine Fahne weiter wehen“.

Bald ist diese Saison vorüber, die Kür folgt am 1. Juni im Berliner Olympiastadion, eine halbe Stunde von dem kleinen Stadion entfernt, wo unser Weg ins Finale begann. Bis auf Raphael Holzhausers Fernschuss war es nicht weit her mit weiteren Torchancen beider Mannschaften, die irgendwie noch über Sieg und Niederlage hätten entscheiden können. Im Grunde war es auch gar nicht wichtig. Die Bedeutungslosigkeit dieser Partie offenbarte sich ausschließlich in der zweiten Halbzeit, nach die erste durchaus unterhaltsam auf hohem Niveau stattfand.

Welch wunderbare Selbstironie

Ein wenig bedröppelt schauten sie sich an. Ohne jegliche Nachspielzeit pfiff das Wiener Würstchen, das unseren Siegtreffer fälschlicherweise aberkannte, die Partie ab. Das war sie, die Bundesligasaison 2012/2013. Aus und vorbei. Die 34er ist komplett. Grund zur Freude auf jedem Fall. Ein Sieg hätte es noch sein dürfen, aber allenfalls besser als eine Niederlage, von denen wir schon reichlich hatten, sie haben ihre Spuren hinterlassen. Bevor die Mannschaft in die Kurve kam, verweilten sie auf Höhe der Mittellinie und ließen von Stadionsprecher ein Video ankündigen, das auf der Anzeigetafel gezeigt wurde.

Selten so gelacht und gefeiert nach einer Saison, in der es außer dem Erreichen des Pokalfinals nicht viel zu feiern gab. Herrlich inszeniert, ich vermute aus einer Idee heraus von Georg Niedermeier und Vedad Ibisevic, die das Heimspiel gegen Fürth aufgrund ihrer beiden Gelbsperren im Stehblock bei den Ultras schauten. Die Mannschaft mit alten Trikots und Fahnen, im Stehblock, singend und tanzend. Höhepunkt des ganzen: Martin Harnik, „Stuttgart international…“, die Kurve stimmte mit ein und feierte diese wunderbare Selbstironie. Ganz stark gemacht.

Sie schenkten uns keinen Heimsieg, doch sie zauberten uns nach schweren Monaten ein Lachen ins Gesicht. Wir feierten sie euphorisch, wieder ließen sie sich abklatschen und drehten eine lange Ehrenrunde, immer wieder schossen sie kleine VfB-Fußbälle ins Publikum, einen davon zu fangen war mir aufgrund der Angst um meine Spiegelreflex leider nicht vergönnt. Ein Lächeln bleibt zurück, aber auch ein Schulterzucken, ein hoffnungsvoller Blick und ein sorgenvoller Bauchschmerz \“ es mischte sich alles an diesem letzten Tag.

Das blanke Entsetzen

Zu guter letzt noch die Ergebnisse aus den anderen Stadion. Blankes Entsetzen, nach dem Hoffenheimer Ausgleich gegen Ende der Partie schafften sie es tatsächlich, ausgerechnet beim Champions-League-Finalisten Dortmund noch das Siegtor zu erzielen. Augsburg gewann in Fürth und war damit direkt gesichert, Düsseldorf verlor gegen Hannover und überraschenderweise stand das ungeliebte, ja gerade zu gehasste Projekt aus Sinsheim auf dem Relegationsplatz. Ich konnte es kaum glauben. Sie waren also immernoch nicht weg. Auf einmal sind wir alle Kaiserslautern-Fans.

Wie könnte es auch anders sein, verließen wir auch am letzten Spieltag das Stadion als Letzte. Normalerweise rufen hier sofort die Bilder, die gesichtet, sortiert, bearbeitet und hochgeladen werden wollen. Geduld, Geduld. Dieser Abend im Kreise der Cannstatter Kurve war noch lange nicht vorbei. Draußen wurden bereits Tische und Bierbänke aufgestellt, die kleinen Mini-Fußbälle flogen durch die Luft, der Grill feuerte, die ersten Brötchen für die Steaks wurden aufgeschnitten, die ersten Liter Alkohol gingen für kleines Geld über die improvisierte Theke.

Es war ein entspannter Abend. Gemeinsam mit Freunden verweilten wir noch einige Stunden zu Fuße unseres Neckarstadions und beschlossen wie immer das letzte Heimspiel mit einem gemeinsamen Grillfest. Letztes Jahr fiel es, zumindest für mich und Felix, wortwörtlich ins Wasser. Starke Regenfälle trieben uns schnell zurück nach Hause und gaben uns keine Zeit, auf besseres Grillwetter zu warten. Tage wie diese bestätigen mich jedes Mal aufs Neue, dass ich damals die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Ich habe die Liebe gefunden \“ auf mehr als eine Weise.

Berlin, Berlin, bald fahr’n wir nach Berlin!

Nach einem leckeren Steak in einem völlig unförmig geschnittenen und plattgedrückten Brötchen und diversen Flaschen Flüssignahrung brachen auch wir auf. Sehr lang ging es bei den anderen auch nicht mehr, sie zogen weiter in ihre Kneipe. Für die wenigsten war es die letzte Zusammenkunft dieser Spielzeit, einige wird man nächstes Wochenende in Reutlingen treffen, die meisten ohnehin dann in Berlin. In zwei Wochen ist es soweit. Wer hätte damals gedacht, dass wir so weit kommen, der Losfee sei Dank.

Gemütlich schlenderten wir zusammen mit drei Freunden Richtung Cannstatter Bahnhof, am Kreisverkehr hinter dem Tunnel trennten sich die Wege. Schon bald wird man sich wiedersehen, das steht außer Frage. Wir kürzten ab und waren schon bald daheim in unserer gemeinsamen Wohnung. Dass es für mich noch ein langer Abend werden würde, befürchtete ich schon fast. Insgesamt 939 Fotos von uns beiden mussten nun zeitnah verarbeitet werden.

Bis spät in die Nacht hinein trug ich Auswahlen zusammen, korrigierte Tonwerte, beschnitt dutzende Bilder und sortierte alles fein säuberlich in mein Ordnungssystem. Wenn mein Leben so ordentlich wäre wie meine Datenablage, ich müsste niemals Schlüssel, Geldbörse und andere Dinge suchen. Nun gilt es nichts mehr zu tun, außer sich auf Berlin zu freuen. Doch natürlich ist Vorsicht geboten. Die Tatsache, im Pokalfinale zu stehen, gibt mir als Einziges Kraft und Zuversicht. Alles weitere entscheidet der Fußballgott. Oder die Kaltschnäuzigkeit der ungeliebten Bayern.

[youtube ynbm_nm1_ac]

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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