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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Mit dem Rücken zur Felswand

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Ich werde schon irgendwie unterbewusst geahnt haben, warum ich trotz der wahrscheinlichen Urlaubsablehnung unbedingt mit nach Kroatien fahren wollte. Zwei Tage Urlaub bekam ich bewilligt \“ und wurde am Ende das Gefühl nicht los, dass es die letzte internationale Auswärtsfahrt für vielleicht lange Zeit gewesen sein könnte. Ohje, VfB. Seit Wochen das selbe Schema. Gut gespielt, vorne zu wenige Tore geschossen und hinten knallhart auf den Deckel bekommen.

Null Punkte in der Bundesliga. Mit Hängen und Würgen erst in die Europa League Play-Offs gekommen. Und nun unter Zugzwang. Ein 1:0 im Rückspiel würde reichen. Die Frage aller Fragen: wer soll es denn schießen? Viele Chancen, kein Ertrag. Zuerst kommen sie schwer in Tritt, geraten nicht einmal unverdient in Rückstand, wachen auf und fangen plötzlich an, Fußball zu spielen. Unzählige Schüsse aufs Tor, hohes Risiko, am Ende kein Treffer \“ höchstens für den Gegner, der die Kontersituation ausnutzt.

Und wir Fans bleiben ein weiteres Mal ratlos zurück. Mit fast 1.000 Leuten waren wir in Rijeka gewesen, darunter auch Felix und ich. Eine kleine Tour, die ich einem separaten Bericht abgehandelt habe, zusammen mit meinem damaligen Stammfahrer Reinhart und Stammmitfahrer Torsten machten wir uns Mittwoch Abend auf den Weg, um am Ende mit leeren Händen und hängenden Köpfen nach Stuttgart zurückzukehren. Fragt man mich, ob der Ausflug ansonsten schön war, überlege ich ein paar Sekunden und schüttele dann langsam den Kopf. Zu groß der Frust über die dargebotene „Leistung“.

Live dabei oder live auf Sky \“ der Chef entscheidet

Die Anspannung war groß, als am 9. August gegen Mittag unser Gegner für die Play-Off-Runde gezogen wurde, die letzte Hürde vor der Gruppenphase. Im Pott waren namhafte und attraktive Gegner, ich hoffte auf St. Gallen, was ausflugs- und urlaubstechnisch noch am machbarsten gewesen wäre. Es wurde HNK Rijeka aus Kroatien \“ mein erster Gedanke: ich werde nicht hinfahren können. Grund dafür war die Vermeidung von parallelen Urlauben im Geschäft, meine Kollegin Renate weilt derzeit mit der Familie noch im Urlaub. Ironischerweise in Kroatien.

Ein paar Tage ließ ich mir Zeit, dachte immer und immer wieder darüber nach, wägte gründlich ab und begab mich dann doch hoffnungsvoll zu meinem Chef. Er nickte mit einem wissenden Grinsen, „Na hoffentlich lohnt sichs!“ waren seine Worte, wie jedes Mal, wenn ich ihm einen Urlaubsantrag für ein Auswärtsspiel über den Tisch schiebe. Der Urlaub wurde bewilligt und so saß ich einige Stunden später bei einem Bier unter einem Sonnenschirm an der Adria. Beschde Lebe!

Auf der einen Seite war die Vorfreude auf das bevorstehende Spiel groß, die Sorge vor dem Scheitern war angesichts der letzten Spiele umso größer. Einige Stunden vor Anpfiff schauten wir bereits beim Kantrida-Stadion vorbei, traumhaft gelegen mit seiner gut 50 Meter hohen Felswand über der Gegentribüne, einen Steinwurf vom Mittelmeer entfernt. Oberhalb der Felswand bot sich ein atemberaubender Blick über die 10.000 Zuschauer fassende Spielstätte, in der unser Fredi Bobic vor sieben Jahren seine aktive Karriere beendete.

Mit der Großen im Schlepptau

Es war schon halb sieben geworden, als wir uns langsam aufmachten. Die letzten Meter, ein weiteres Mal an dieser gigantischen Felswand entlang, mit Anspannung und Nervosität vorbei an zahlreichen Heimfans des kroatischen Erstligisten. Am Gästeeingang stürzte ich mich sogleich auf unseren Fanbetreuer Christian Schmidt, dessen Handynummer ich leider nicht hatte, um Gewissheit über die drei Tage zuvor angestoßene Frage zu erhalten. Spiegelreflex im Stadion \“ ja oder nein.

In einem letzten Meeting mit dem Heimverein und den Ordnungskräften hatte es „Ja, es geht“ geheißen. Diese Info trug er mir vor den Toren des Gästeblocks E2 zu, nachdem ich das Risiko bereits eingegangen war und die Spiegelreflex in meiner Umhängetasche bei mir trug. Ein leichtes Lächeln huschte über meine Lippen, doch wollte ich dem Braten noch nicht so recht trauen. Er stellte mir den zuständigen Dolmetscher zur Seite, der hätte eingreifen können, wenn es Probleme gibt.

Er konnte sich im Hintergrund halten, ohne jegliche Diskussion und nach einer halbherzigen Abtastung durch eine Dame des Ordnungsdienstes lief ich weiter um die Ecke und stieg die staubigen Stufen hinauf. Die große Erleichterung war mir anzumerken, an dieser Stelle geht mein Dank an Christian Schmidt, der sich des Themas angenommen hat. Die Abendsonne senkte sich hinter den Bergen und tauchte das 67 Jahre alte Stadion in ein angenehm warmes Licht.

Die Angst vor dem Aus

Immer mehr bekannte Gesichter betraten den Gästeblock, der mit viel gutem Zureden mehr Zuschauer fassen durfte, als eingeplant war. Der VfB hatte im Anlauf nur 500 Gästekarten bestätigt bekommen, erhöhte dann aber wegen der großen Nachfrage und durch gebetsmühlenartiges Bitten des Vereins auf 900 Gästekarten. Welch wunderschönes Stadion, eines der schönsten die ich je betreten durfte. Der bisherige Tag war doch recht angenehm, tolles Wetter, ein entspannter Tag am Strand und gutes Essen.

Um den Trip als „Gelungen“ bezeichnen zu können, bedarf es jedoch ein bisschen mehr \“ dass so ziemlich alles, was in den Stunden darauf folgte, zu einem Alptraum werden würde, konnte selbst ich mit nachvollziehbarem Pessimismus nicht ahnen. Noch entspannt saß ich auf einer der hellblauen Sitzschalen, lief gelegentlich umher, begrüßte alte und neue Freunde und versuchte mir einzureden, dass selbst der VfB die Chance hat, hier als Sieger vom Platz zu gehen.

Dass bisher so ziemlich alles Spielerische, was bisher gezeigt wurde, alles andere als attraktiv war, ließ meine Zweifel an einem Erfolg zuletzt immer größer werden. Gerne möchte ich vom Gegenteil überzeugt werden. Doch wie kann ich glauben, dass eine Mannschaft, die seit Wochen komplett neben sich steht und bisher jeden einzelnen Beweis von spielerischer Klasse schuldig geblieben war, ausgerechnet hier in diesem Hexenkessel bestehen kann? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Doch so ging es mir einst in Kopenhagen auch, als ich den Bus in dem Glauben bestiegen hatte, dass dort die Reise enden würde. Zum Glück irrte ich mich.

Mit Spannung erwartet

Mit Blick auf den Sonnenuntergang und die 900 mitgereisten Schlachtenbummler, von denen nicht wenige einen Urlaub daraus gemacht hatten oder aus dem ohnehin getätigten Urlaub extra hier angereist waren, verbrachte ich die letzten Minuten. Die Anspannung stieg. Über unseren Köpfen schwirrte schon bald eine ferngesteuerte Drohne mit Kamera, ein kleiner Vorgeschmack auf die Methoden der kroatischen Ordnungskräfte, die uns nach Abpfiff noch zur Weißglut brachten.

Auch der Gegner auf den Rängen ist nicht ohne, wurden wir bereits ein paar Tage zuvor via Facebook schonmal vorgewarnt. 90 Minuten durchweg Support, laut, euphorisch und feurig. Wortwörtlich \“ eine ominöse 60. Minute wurde uns prophezeit, bei der es zumeist gegen gute Gegner in der Fankurve, Heimat der „Armada“ ein leidenschaftliches Freudenfeuer gibt. Nundenn, da bin ich ja mal gespannt.

Während Felix sich auf der linken Seite des Gästeblocks eingerichtet hat, blieb ich im mittleren Bereich dicht hinter den aktiven Fans und hatte einen hervorragenden Blick aufs Spielfeld, auf das ganze Stadion und selbstverständlich den Support unserer Leute. Noch immer freute ich mich, dass ich die Kamera mitnehmen durfte, gute Bilder waren so garantiert gewesen, einhergehend mit einer erhöhten Sichtungsdauer und Bearbeitungszeit \“ sei es drum.

Die wollen nur spielen…

Den ersten verbalen Schlagabtausch lieferte man sich bereits vor Anpfiff mit dem Gegner, doch nicht mit der „Armada“, sondern mit den Heimfans jenseits des Gästeblocks zwischen uns und der Felswand. Wie würde ich es gerne in Stuttgart sehen, wenn alle Fans mitmachen und nicht nur der aktive Kern in der Cannstatter Kurve. Hier ein bisschen pöbeln, da ein bisschen provozieren, alles nichts Wildes und im angemessenen Rahmen eines internationalen Duells, das, möchte man meinen, der VfB doch eigentlich locker gewinnen müsste. Eigentlich.

Endlich war es soweit, die Uhr schlug 20:30 Uhr, beide Mannschaften betraten den Platz, begleitet von einem nicht unwesentlichen Einsatz von Pyrotechnik im unteren Bereich unseres Gästeblocks. Das ging ja schonmal gut los! Während die Fans auf beiden Seiten von Anfang an gut aufgelegt waren, tasteten sich die Mannschaften in den ersten Minuten vorsichtig ab. Ein beschäftigungsloser Abend würde es für unsere Nummer Eins vermutlich nicht werden \“ es bewahrheitete sich bereits nach wenigen Minuten, als er entscheidend eingreifen musste. Das war knapp.

In den ersten Minuten lief nicht wirklich viel zusammen. Stattdessen mussten wir mit ansehen, wie die Kroaten besser und besser ins Spiel fanden, während unsere Jungs sich offenbar von der Atmosphäre hatten fesseln lassen. Ich gebe zu, es war beeindruckend mit anzusehen, wie alle Tribünen sich am Support beteiligen. Auf der Haupttribüne saß Reinhart, der sich, wie er später erzählte, mit Händen und Füßen zu verständigen versuchte, dass die beiden Big Mamas, die vor ihm standen, sich doch bitte hinsetzen mögen.

Das Problem mit dem Support

Das richtige Mittel wäre gewesen, Rijeka von Anfang an sein eigenes Spiel aufzuzwingen und sie gar nicht erst zur Entfaltung kommen zu lassen. Doch was genau ist eigentlich derzeit unser eigenes Spiel? Welche Ironie, dass man unter Bruno Labbadia den Gegner erstmal kommen lässt. Ist das Kind dann schon in den Brunnen gefallen, wie Fotografen-Kollege Franky bereits gut erkannt hat, wachen sie auf \“ oft zu spät für irgendwelche nennenswerten Aktionen, die noch irgendwas hätten bewirken können. Es ist ein entsetzlich mit anzusehen, was aus unserem Verein für Begeisterung geworden ist.

Mit meinem dritten Auge, meiner Kamera, war ich an diesem Tage zusehendst beschäftigt, möglichst viele positive Eindrücke aus dem einzigartigen Stadion in der drittgrößten Stadt Kroatiens mitzunehmen. Und wenn der Finger nicht gerade auf dem Auslöser lag, so bemühte ich mich, Teil des Supports zu sein, so gut es ging. Viel entgegen zu setzen hatten wir der „Armada“ aber leider nicht, viele Gesänge gingen unter.

Um dagegen anzukommen hätte es eine komplette Beteiligung des Gästeblocks benötigt, die aber leider wie allzu oft ausgeblieben war. Bis zur Hälfte des Gästeblocks wurde gesungen, gehüpft und geklatscht \“ bei den Reihen darüber war tristes Schweigen angesagt. Auf der einen Seite ist es ihnen nicht zu verdenken, schlechte Leistungen des Teams sorgen für Frust und Enttäuschung, bis man schließlich mit der Einstellung „Das wird doch eh nichts“ zu den Spielen fährt. Ob lauterer und stärkerer Support aus dem Gästeblock der Mannschaft geholfen hätte? Ich kann es nicht sagen.

Choreographie mitten im Spiel

Während bei der „Armada“ mitten im Spiel der Schriftzug „Krepat“ gebildet wurde, kam der VfB so langsam in die Puschen und spielte etwas offensiver nach vorne in Richtung Gästeblock. Ein Tor zu bejubeln war uns jedoch vorerst nicht gegönnt, man zielte nicht genau, ein Abwehrspieler war noch dazwischen oder man hatte schlichtweg Pech und trag beispielsweise nur den Außenpfosten. Wer weiß, wie das Spiel ausgegangen wäre, wenn dieser Schuss von Martin Harnik stattdessen ins Netz gerollt wäre.

In der Fankurve der Gastgeber wurden nun mehrere bengalische Feuer gezündet. In den südlichen Ländern sind Polizei und Ordnungsdienst wesentlich entspannter, was das angeht. Dort gehört Pyrotechnik zu einem guten Support und stimmigen Auftritt der Fans, während es in Deutschland nur allzu oft mit „Randale“ und „Gewalt“ gleichgesetzt wird, stets begleitet von einem lächerlichen „So etwas wollen wir hier nicht sehen!“ – und alle Kameras halten darauf.

Was mit dem Abbrennen der bengalischen Feuer begann, erstaunt mich bis heute. Ein durchaus eindrucksvoller Auftritt der „Armada“, das musste man ihnen lassen. Eine Choreographie wurde ausgerollt, mitten im Spiel. So etwas habe ich noch nie gesehen. Unseresgleichen war bemüht, dagegen zu halten, doch hatten es die aktiven Fans aus dem Kern unserer Cannstatter Kurve schwer, wenn die anderen mitgereisten Fans kaum mitzumachen vermochten.

Ernüchternde Gedanken zur Halbzeitpause

Nach weiteren Chancen auf beiden Seiten, die nicht genutzt werden konnten, ging es torlos in die Halbzeitpause. Noch 0:0 – kein besonders befriedigendes Zwischenergebnis. Klar, fragt man uns, darf es gerne ein Zwei, Drei oder Vier zu Null aus Sicht des VfB sein. Es gab wahrlich schon Zeiten, in denen mir Spiele wie diese keine Angst bereitet hatten. Wie einst zur Champions League Qualifikation in Timisoara, als ich gemeinsam mit den heutigen Tourteilnehmern Reinhart und Torsten auf langer Tour unterwegs war.

Es war eine entspannte und furchtlose Zeit. Und ging es mal in die Hose, konnte man sich darauf verlassen, dass es ein Ausrutscher war und das nächste Spiel wieder dafür entschädigte. Gegner wie Hoffenheim, Augsburg, Hannover oder derartige internationale Vereine machten uns keine Sorgen. Man ging selbstbewusst in das Spiel, gab sein Bestes und ging zumeist als verdienter Sieger vom Platz. Heute ist davon recht wenig übrig geblieben.

In den letzten vier Jahren wurde die Liebe und Leidenschaft für diesen Verein immer größer, zum Teil meines Lebens. Doch leider lässt dieser Verein es vermissen, mich zu begeistern und mitzureißen. Vor Gegnern wie Hoffenheim, Augsburg und Hannover muss einem jetzt regelrecht Angst und Bange sein. Punkte, die man einkalkulieren kann, gibt es einfach nicht mehr. Wir sind zur grauen Maus der Liga geworden, und Spiele wie diese hier, vor so einer einzigartigen Kulisse, tragen das Risiko der Blamage in sich.

Hacke-Spitze-Eins-Zwei-Drei \“ Wollt ihr uns verarschen?

Kaum war das Spiel wieder angepfiffen, legten die Hausherren auch schon los wie die Feuerwehr. Zehn Sekunden war die zweite Halbzeit alt, als schon wieder nächste Ball in Richtung Ulle flog, der so einiges von seinem Kasten abwehren musste, sehr viel mehr als uns lieb sein konnte. Unterdessen tat der Gästeblock, was er konnte. So laut wie möglich im Rahmen der Möglichkeiten \“ leider waren recht viele Zuschauer dabei, die das Spiel mit dem Urlaub verbunden hatten und ihnen der VfB offenbar nicht so am Herzen lag wie uns. Schade eigentlich.

Viel Nennenswertes passierte zunächst nicht viel. Zu kompliziert, zu umständlich, zu ungenau \“ treffender kann man das Spiel des VfB wohl kaum beschreiben. Mit Hacke-Spitze-Eins-Zwei-Drei kannst du hier nicht zu Werke gehen, wenn auf der Anzeigetafel noch das 0:0 steht, obendrei auswärts. Manchmal hatte man schon geradezu das Gefühl, als würde der VfB bereits mit drei Toren führen, den Ball ins Tor hineintragen, das konnte ja nicht gut gehen. Die Ungeduld bei den mitgereisten Fans wuchs minütlich.

Rijeka spielte mutig und leidenschaftlich, ein schnelles und direktes Kurzpassspiel war zu viel für unseren meist überforderten VfB, wenn sie nicht gerade selbst in Ballbesitz waren. Immer wieder ging mein besorgter Blick zur Anzeigetafel über der Tribüne der „Armada“, die ihren Ruf der ominösen 60. Minute nicht wirklich gerecht wurden: bis auf eine bengalische Fackel war nichts zu sehen. Dafür gab es ja nach gut einer halben Stunde einen eindrucksvollen Auftritt.

Mitten ins Herz

Bisher brachten alle Bemühungen keinen Ertrag, obwohl man sich im zweiten Durchgang gesteigert hatte. Gut eine Viertelstunde war noch offiziell zu spielen. Das 0:0 machte mir große Sorgen, zu gefährlich wäre diese Ausgangsposition für das Rückspiel in Stuttgart eine Woche später. Irgendwie noch ein oder besser zwei späte Tore schießen, und schon hätte sich der Ausflug gelohnt. Am Ende kam dann doch alles anders. Aus einer unangenehmen Vorahnung wurde bittere Gewissheit.

Viel zu viel Freiraum ließ man Ivan Tomecak. Den für ihn zuständig gewesenen Cristian Molinaro interessierte es recht wenig, wie viel Platz er ihm gelassen hatte. Warum nur? Aus Angst, Gelb zu bekommen und später mit Gelb-Rot vom Platz zu fliegen? Ist es das, was Bruno Labbadia seinen Verteidigern beigebracht hat, bloß keine rote Karte zu kassieren? Auf der gegenüberliegenden Seite war Gotoku Sakai für Leon Benko zuständig, der einst zum Pokalfinale 2007 auf Seiten der Nürnberger stand. Die Flanke kam \“ der Rest traf uns mitten ins Herz.

Das darf doch nicht wahr sein. Das 1:0 für die Kroaten in der 74. Minute. Schockiertes Schweigen im Gästeblock, während die anderen 9.100 Zuschauer einen abartigen Lärm bei ihrem Jubel erzeugten. Durch die gigantische Felswand wurde dieser akustische Effekt noch einmal um ein vielfaches verstärkt. Alles warf sich nun auf den fast 30-jährigen Kroaten, auch die Balljungen machten aus ihrer Freude keinen Hehl. Provozierende Gesten in Richtung Gästeblock. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich mir so meinen Kurztrip nach Kroatien nicht vorgestellt hatte \“ doch war es genau das, was ich befürchtet hatte.

„Stuttgart, Stuttgart, Auf Wiedersehen“

Hätte man es nicht besser wissen sollen? Ratlos blieben wir zurück, versteinert, geschockt, verzweifelt. Man ist im Vorfeld des Spiels vor ihm gewarnt worden, man wusste von der Gefahr, die von ihm ausgeht. Wie bringt man es in solch einer Situation also fertig, ihn so frei zum Kopfball kommen zu lassen? Cristian Molinaro ließ zuerst Ivan Tomecak ungestört flanken, dann war Gotoku Sakai nicht nah genug an Leon Benko dran, unser Ulle hatte keine Chance. Schon oft davor war er in diesem Spiel zur Stelle, bewahrte uns vor einem früheren Rückstand. Ohne ihn wäre das Spiel vermutlich jetzt schon „gschwätzt“ gewesen.

Es hatte sich gerade zu angekündigt, und bei so viel Unvermögen, das gegnerische Tor in den vorherigen 74 Minuten zu treffen, war das noch nicht einmal unverdient. Dummheit muss bestraft werden. Sehr zu unserem Leidwesen. Wenige Minuten später kam Martin Harnik an den Ball, drosch mit aller Kraft aber direkt in die Arme des Keepers. „Stuttgart, Stuttgart, Auf Wiedersehen“ hallte es durch die Reihen. Oh Schmerz, das Herz.

In den letzten Minuten warf man noch einmal alles nach vorne, zuerst scheiterte Vedad Ibisevic in der 81. Minute, Sekunden später dann Alexandru Maxim, der fahrlässigerweise aus der Stammformation genommen wurde \“ für mich ohne gravierenden Grund, hat man in der Rückrunde doch gesehen, wie unheimlich nützlich er sein kann. Seine Flanken und Eckstöße sind fast immer gefährlich und für ein Tor gut, dass Bruno Labbadia ihn absichtlich lange draußen schmoren lässt, grenzt für mich an Fahrlässigkeit und der Absicht, der eigenen Mannschaft zu schaden.

Eiskalt ausgekontert

Nur noch fünf Minuten. Alexandru Maxim probierte noch einmal sein Glück, scheiterte wieder am glänzend aufgelegten Ivan Vargic. Im direkten Gegenzug war es schon wieder Leon Benko, der Torschütze zum 1:0, der auf dem Weg zum 2:0 in Richtung Sven Ulreich sprintete. Zoran Kvrzic waren bei beiden Kroaten mitgelaufen, fünf VfBler waren im eigenen Strafraum, plus Sven Ulreich, der in solchen 1:1-Situationen schon oft die Oberhand behalten konnte. Fünf VfBler! Anscheinend nicht genug.

Es war ein leichtes Spiel für Zoran Kvrzic, der nur noch in den leeren Kasten schieben musste, nachdem Leon Benko mustergültig vorgelegt hatte. Was man sich mit gar nicht einmal so schlechter Defensivarbeit aufgebaut hatte, brach nun wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Vorne die Tore nicht gemacht, sie dafür hinten bekommen \“ eine der ältesten Fußballweisheiten wurde uns hier ganz gewaltig zum Verhängnis. Lärm und Geschrei, überall um uns herum.

„Stuttgart, Stuttgart, Auf Wiedersehen“ \“ es wurde lauter und lauter. Und man war fast geneigt, ihnen zu glauben. Das hier wars dann wohl. Oder geht da vielleicht doch noch was? Jetzt heißt es, zusammen zu stehen. Wenn wir hier untergehen, dann wenigstens gemeinsam. Von großem Gemeinschaftsgefühl war in den oberen Reihen des Gästeblocks nicht viel zu sehen. Ratlos saßen Viele auf ihren hellblauen Sitzschalen, mit leerem Blick ins Nichts. Schwer zu glauben, dass hier noch etwas zählbares drin ist, was uns im Rückspiel nützlich sein könnte.

Das viel beschworene Auswärtstor

Die offizielle Spielzeit war schon fast vorbei. Es gab noch einmal Freistoß für den VfB, Alexandu Maxim brachte den Ball noch einmal in den Strafraum, weiter zu Christian Gentner, in letzter Verzweiflung nahm Vedad Ibisevic sein Bein hoch und lenkte den Ball unhaltbar in die Maschen. Na endlich! Oder etwa nicht? Nur ein kurzer, verhaltener Jubel im Gästeblock, lange war ungewiss, ob der Treffer gezählt werden würde. Er zählte, Rijeka hatte Anstoß. Nach gut einer Minute erschien die so wichtige Eins auf der Anzeigetafel.

Unser Glück, dass Vedad Ibisevic noch aus dem Rückraum kam, denn Mohammed Abdellaoue stand im passiven Abseits. Hätte der Norweger und nicht der Bosnier getroffen, wäre der Treffer irregulär gewesen, über ein Abpfeiffen des Treffers hätte man sich nicht beschweren dürfen. Das so unheimlich wichtige Auswärtstor, es kam spät, aber es kam. Und auf einmal geschah das, worauf wir 90 Minuten vergeblich gewartet hatten: ein Aufbäumen des VfB!

Kurz vor Ende der Partie spielten sie auf einmal groß auf und drängten auf den späten, angesichts der Großchancen am Ende nicht unverdienten Ausgleich. Luka Maric ging nach einem Zweikampf mit Mohammed Abdellaoue zu Boden, mit einem Krampf im Bein musste der späte Torschütze des VfB erste Hilfe leisten, der Saniwagen rückte aus. Ein letztes Scheibenschießen in der fünfminütigen Nachspielzeit, auch Vedad Ibisevic hatte noch einmal eine riesen Chance zum Ausgleich, der kroatische Torwart wusste dies zu vereiteln.

Farbenfrohes Feuerwerk mit traurigem Anlass

Mit dem Schlusspfiff des niederländischen Schiedsrichters Bas Nijhuis ging im Jubel der 9.000 Kroaten unter. Ein Feuerwerk am Strand unterstrich noch einmal die Freude, die dieses Ergebnis für die Stadt bedeutet. Schön war es anzusehen, zwischen Adria und Flutlichtmasten sah man sich das Feuerwerk an, sei der Anlass auch noch so bitter. Nur langsam trotteten die Spieler in Richtung Gästeblock. Pures Entsetzen schlug ihnen entgegen, eine freundliche und Mut machende Danksagung für zumindest ein geschossenes Auswärtstor sieht definitiv anders aus.

Weit ausgebreitete Arme, leere Hände, enttäuschte Gesichter und schüttelnde Köpfe, so die Bestandsaufnahme gegen 22:30 Uhr an der Adriaküste. Viele kletterten auf den Zaun um ihren Unmut kund zu tun. Eine mehr als unangenehme Situation für alle Beteiligten. Cacau lief vorneweg, seine Gesten sagten „Was sollen wir denn machen?“ – wenn es selbst die Spieler nicht wissen, wer dann? Unterdessen jubelten die anderen. Spiele wie diese tun verdammt weh. Mit einem Bein waren wir schon draußen, soviel war sicher.

Ebenso sicher war, dass uns ein 1:0 im Rückspiel reichen würde. Einen klaren Gedanken konnte ich so kurz nach dem Spiel nicht wirklich fassen, in mir waren nur Wut, Frust und endlose Enttäuschung, obwohl es noch nicht zu spät war. Noch waren wir nicht ausgeschieden. Nach den bisher gezeigten Leistungen würde es schwer werden. Selbst wenn es „nur“ ein 1:0 ist, unter diesem Trainer könne das zur Zielsetzung des Rückspiels ausgerufen werden und am Ende ein dummer Konter das Ende bedeuten. Wenn das wirklich das Ziel sein sollte, wird es nicht aufgehen.

Das Tor blieb zu

Viel Zeit zum Trauern blieb nicht, schnell deuteten mir Felix und Torsten an, von dem Ort der Schmach verschwinden zu wollen. Je eher wir hier wegkommen, desto schneller sind wir wieder daheim. Ohne Übernachtung wollten wir direkt wieder heimfahren. Reinhart, der auf der Haupttribüne gesessen war, ist sicher schon auf dem Weg zum Auto gewesen. Langsam liefen wir die Treppenstufen nach unten zum Blockausgang. Viel bewegte sich nicht, doch das ist normal bei vielen Leuten und einem kleinen Ein- bzw. Ausgang.

Die Minuten vergingen bis wir schließlich feststellten, dass das Tor, das uns in Richtung Auto hätte durchmarschieren lassen sollen, war verschlossen. Kein Grund zum Ärgern, ein paar Minuten vielleicht noch, dann machen sie das gelb lackierte Tor gleich auf und wir können gehen. Die Uhr tickte, das Tor blieb zu. Eine erste leichte Ungeduld machte sich breit, auf die meisten aktiven Fans wartete bereits die Busse. Immer mehr drängten sich die Treppe hinunter in der Hoffnung, rauszukommen. Aber nichts ging vorwärts.

Das konnte nur eines bedeuten: Blocksperre. Doch wie lange? Eine Viertelstunde? Eine halbe Stunde? Keiner konnte das sagen, denn die Polizisten, die das Tor bewacht hatten, sprachen kein einziges Wort Englisch, geschweige denn Deutsch. Dicht gedrungen standen wir wie eingekesseltes Vieh beieinander und warteten darauf, dass man uns herauslässt. Fanbetreuer Christian Schmidt wurde einige Male mit ernster Mine und dem Telefon am Ohr gesichtet. Das Tor bewegte sich noch immer keinen Zentimeter.

Eine Stunde Blocksperre

Langsam wurde ich panisch. Mein Handy klingelte, es war Reinhart. „Blocksperre! Die lassen uns nicht heraus… Nein, ich weiß nicht, wie lange es noch dauert…. Ja wir beeilen uns, sobald wir draußen sind!“. Über eine Stunde nach Abpfiff ließ man uns dann gehen. Offenbar wurde abgewartet, bis alle, aber auch wirklich alle heimischen Zustauer das Stadiongelände verlassen hatten. Wie Schwerverbrecher wurden wir von den Polizisten mit Helm und Schlagstock begutachtet, jeder von uns anscheinend potenziell gemeingefährlich.

Schnell liefen wir die steile Straße hoch, durch die Lage direkt am Strand führten alle Wege bergauf. Weit gekommen waren wir nicht, schon bald baute sich eine Barriere aus fünf oder sechs Polizisten vor uns auf. Was soll der Scheiß? Uns normale Fans, darunter Familienväter mit ihren Kindern, ließ man nicht weiter zu den Autos und Bussen laufen. Alle paar Meter durften wir langsam weiterlaufen, um kurz darauf wieder stehen zu bleiben. Als wäre der Tag nicht ohnehin schon gelaufen gewesen, so sorgte das für zusätzliche Provokation.

Torsten, Felix und ich standen vorne direkt in der ersten Reihe. Minutenlang zog sich die Strecke in Richtung offizieller VfB-Parkplatz, wo die meisten Busse und Autos geparkt hatten. Stop and Go, immer wieder. Kreuzten Anwohner die Straße, deutete die Polizei wild gestikulierend darauf hin, dass man sich sofort ins Haus zu begeben habe \“ wir sind ja auch so gefährlich. Gefühlte Ewigkeiten später sahen wir Reinhart, der sein Auto bereits geholt und so postiert hatte, dass wir ihn gut sehen konnte. Ein Fingerzeig zu einem Polizisten alá „Das ist unser Auto“ und sein entgegenetes Kopfnicken später saßen wir dann endlich im Wagen.

Erst gestresst und dann totmüde

Wir hätten uns auch Zeit lassen können. Minutenlang zogen weitere Fans noch an uns vorbei, solange konnten wir noch nicht losfahren. Schnell zu beruhigen vermochte ich mich nicht, ich war nach wievor auf 180. Das Spiel, die Niederlage, die Blocksperre, die Kesselung, das alles war etwas zu viel für mich. Bei der nächstbesten Gelegenheit holte ich meinen Laptop aus dem Kofferraum und wollte das tun, was ich meist tue bei Auswärtsspielen. Speicherkarte rein, Bilder bearbeiten.

Viele Fortschritte konnte ich bei der nächtlichen Rücksitz-Aktion nicht erzielen \“ schon beim Kopieren der vielen hundert Bilder auf die 350 GB große Festplatte meines Auswärts-Laptops fielen mir immer wieder die Augen zu. Ich konnte die ersten Bilder noch sichten und sortieren, gab dann aber bereits kurz hinter der kroatischen Grenze auf, klappte das Gerät wieder zu und war innerhalb von zehn Sekunden tief und fest eingeschlafen.

Das war also das Ende des ersehnten Auswärtsspiels beim HNK Rijeka, was alles andere als erfolgreich gelaufen war, zumindest aus sportlicher Sicht. Tolles Stadion, tolle Lage, tolles Wetter \“ das wars dann aber auch. Damit endete ein unterm Strich enttäuschender Tag und auch der Spielbericht zum Hinspiel. Was uns auf der Heimfahrt noch an Schwierigkeiten begegnete, wird in der separaten Nachbetrachtung Erwähnung finden, gespickt mit zahlreichen Bildern, die hier keinen Platz mehr gefunden haben.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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