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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Ulle hält den Dreier fest

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Es heißt, dass auch die schmerzhaften Erfahrungen im Leben eines Tages ihr Gutes haben. Sei es eine wertvolle Erfahrung, die man mitnimmt, oder die Vorsicht, beim nächsten mal besser aufzupassen. Nicht einmal einen Monat ist es her, als ich ratlos und frustriert nicht wusste, was ich sagen, geschweige denn, was ich schreiben sollte. „Der Frust sitzt tief nach der zweiten Niederlage im zweiten Spiel. Soviel zum Thema Aufbruchsstimmung, nicht wahr?“ – so meine Worte aus dem Spielbericht Leverkusen.

27 Tage sind seitdem vergangen. Es war nicht die letzte schmerzhafte Erfahrung, es folgte eine Niederlage in Augsburg und das Ausscheiden in der Europa League gegen Rijeka. Bruno Labbadia kostete es den Job, der neue Trainer Thomas Schneider brachte neuen Wind herein, was gegen Hoffenheim gleich mal eindrucksvoll demonstriert wurde \“ die Demontage des ungeliebten Nachbarns weckte das, was ich einst schon verpufft sah. Sie war wieder da, die Aufbruchsstimmung, doch war es an der Mannschaft und dem Trainerteam, diesen Aufschwung aufrecht zu erhalten.

Mit Vorfreude und Besorgnis gleichermaßen blickte ich auf das nächste Spiel: nach Berlin sollte es gehen, Spielstätte unseres Pokalfinals im Juni. Als letztes Spiel der ersten fix terminierten fünf Spieltage der Bundesliga war schnell klar, was geht: langes Wochenende in Leipzig! Was sich schon im Juni bewährt hat, wurde auch diesmal wieder organisiert: Nächtigen in der Heimatstadt, im Elternhause, plus Freunde treffen, plus zwei Mal Fußball. Perfekt!

Über Leipzig fahrn wir nach Berlin

Das Auswärtsspiel am Freitag Abend, Samstag Nachmittag bei den Amateuren gegen RB Leipzig, Abends zur Open Air Geburtstagsfeier meiner besten Freundin Julia samt Live-Musik, Sonntags ganz entspannt zurück. Unser gemeinsamer Kumpel Andi wollte uns begleiten, mit einem Mietwagen war die Abfahrt auf etwa sechs Uhr morgens am Freitag geplant \“ am Donnerstag Nachmittag musste er wegen Fiebers absagen, denkbar unglückliches Timing. Ihn traf keinerlei Schuld, er kurierte sich daheim aus, Felix und ich mussten kurzfristig umdisponieren.

Mit dem Bus? Mit dem Zug? Mit dem Auto? Alle Möglichkeiten wurden am Donnerstag Abend nochmal geprüft, schlussendlich stand die Entscheidung fest: mit dem Auto. Gegen sieben Uhr verließen wir vollgepackt für offenbar zwei Wochen Urlaub das Haus und quetschten uns in den morgendlichen Berufsverkehr, der recht schnell und problemlos überstanden wurde.

In Gedanken war ich schon in Berlin, jahrelang war dies stets die Stätte regelmäßiger Niederlagen, von meinem ersten VfB-Spiel an war dies kein gutes Pflaster. Bis 2010, als ein 1:0-Auswärtserfolg in einem halbleeren Stadion eingefahren und der Dämon besiegt wurde, der dem VfB fast 19 Jahre lang das Leben schwer gemacht hatte. Trotzdem stand nach nunmehr 22 Jahren erst Sieg in Berlin zu Buche, nicht gerade eine ermutigende Statistik. Hier zu gewinnen würde den mehr als mäßigen Stat in diese Saison ein wenig vergessener machen.

Glücksbringer: Check! Auswärtssieg: Check?

Punkt Zwölf erreichten wir den Plattenbaublock, zwei Straßen von meiner damaligenWohnung entfernt, aus der ich 2010 auszog (seither blieb die Wohnung unbewohnt) um mein neues Leben in Stuttgart zu beginnen. Viele Erinnerungen an die Stadt, in der ich die ersten 24 Jahre meines Lebens verbracht habe, doch keinerlei Reue, hier weg gegangen zu sein. Lediglich die Familie fehlt mir \“ gut vier Monate nach ihrem Besuch in Stuttgart schloss ich sie wieder in die Arme.

Erstmal Mittagessen, dann Mittagsschläfchen. Das ist was Feines! Noch einen Kaffee, ein Stück Kuchen und es ging weiter in Richtung Berlin. Vier Uhr Nachmittags setzten wir uns ins Auto meines Papas, unbehelligt von württembergischen Kennzeichen und aufgeklebten VfB-Wappen erreichten wir nach anderthalb entspannten Stunden auf der Autobahn die Hauptstadt.

Drei Mal entschieden wir uns um, wo wir nun letztendlich parken wollten und folgten schlussendlich dem Tipp meines Glücksbringers Sandro, der auch mit in Berlin war. So konnte dem Auswärtssieg nichts mehr im Wege stehen! Voraussetzung dafür: direkt nebeneinander stehen. In Augsburg schafften wir es aufgrund unseres späten Erscheinens zehn Minuten vor Anpfiff nicht zueinander, obwohl wir wohl letztendlich nur wenige Meter voneinander weg standen.

Wo alles begann

Über sechs Jahre ist es her, als ich hier mein Herz an den Verein für Bewegungsspiele verlor. Was einst als Sympathie begann, wurde Liebe. Die Erinnerungen an damals sind noch da, die Hoffnung, dass es schon klappen würde, war heute fast so groß wie im Jahre 2007. Der Glaube daran, dass wir trotz des schlechten Starts noch viel Freude an dieser Mannschaft haben würden, er lebte. Keiner von uns braucht jede Woche einen 6:2-Sieg gegen einen schwachen Gegner. Die knappen Spiele gewinnen, das wäre wichtig.

Die Zeit reichte noch, um gemütlich in der Kneipe, oder vielmehr über der Kneipe einzukehren: die Terasse unweit des Stadioneingangs lud zu Bier und Wurst ein, nicht nur Rijeka-Mitfahrer Reinhart und Torsten waren dabei, auch Fotografen-Kollege Markus und Glücksbringer Sandro. Schließlich liefen wir rüber zu den Eingängen, gefolgt von einer groben und völlig entspannten Körperkontrolle. Westlich des Olympiastadions ging die Sonne unter, angenehme Temperaturen um die 17 Grad.

Über meinem neuen VfB-Pulli aus dem Fanshop (mit altem Wappen!) trug ich eine schwarze Sweatjacke, zugezogen bis obenhin. Es war Felix‘ ausdrückliche Auflage gewesen, neutral nach Berlin zu fahren, erst im Gästeblock ging der Reißverschluss auf. Viel war noch nicht wirklich los, dafür, dass eine Stunde später eine Bundesligapartie steigen sollte.

Mit ausgedünntem Anhang in der Hauptstadt

Nur 1.400 Gäste aus Stuttgart haben sich auf den Weg gemacht. Beim letzten Gastspiel bei der Hertha vor über zwei Jahren \“ ebenfalls ein Freitagsspiel \“ waren es 2.300 Gäste. Woran lags? Reichte das 6:2 gegen Hoffenheim noch nicht aus, um die Leidenschaft der Fans wieder zu entfachen? Wie auch dem neuen Cheftrainer Thomas Schneider bei seiner Arbeit mit der Mannschaft, gleiches gilt auch für das zuletzt oft angespannte Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans: man braucht Zeit.

Zeit, um den Stolz und die Freude über den VfB wieder zu erwecken, ich bin froher Hoffnung, dass dies schon bald gelingen würde. Bis es soweit ist, wird der treue Kern der Cannstatter Kurve immer hinter seinem Verein stehen, durch dick und ganz, ganz dünn. Für unserereins stellt sich nicht die Frage, ob es sich lohnen würde, ein Auswärtsspiel in Braunschweig an einem Sonntag Nachmittag mitzunehmen.

Wo auch immer sie spielen, am Liebsten wollen wir immer und überall mit dabei sein, egal wie weit \“ in der Hoffnung, dass sie uns ein bisschen von der Leidenschaft zurück geben. Mindestens 1.500 Gäste sind meistens mit dabei, je nach Entfernung auch mal mehr, bei internationalen Auswärtsspielen (Seufz!) oft deutlich weniger. Auswärtsfahren ist schön, Auswärtssiegen noch schöner. Wer will es mir also verübeln, dass ich im Falle einer Niederlage gerade hier in Berlin doch recht frustriert gewesen wäre.

Es ist angerichtet!

In den letzten Minuten des Wartens füllte sich das Stadion noch etwas, insbesondere in der Berliner Ostkurve war jede Menge los \“ im Gegensatz zu dem Bild, was der mitgereiste Anhang abgab. Die Treuen platzierten sich wie alle Jahre wieder im unteren Bereich des Gästeblocks, in den oberen Reihen war einiges an klassischem Sitzpublikum vorzufinden.

Wie ich sie mag, diese Leute, die kurz vor Anpfiff in den Block kommen und suchend durch die Reihen laufen um die Nummern der grauen Schalensitze mit dem Aufdruck auf ihrer Eintrittskarte abgleichen. Vor 46.624 Zuschauern führte Deniz Aytekin die Mannschaften auf den Platz, Hertha in blau-weiß gestreift, der VfB mit den roten Auswärtsleibchen, die nur noch in dieser Saison das „neue“ Wappen tragen \“ ab der Saison 2014/2015 tragen sie das einzig wahre Wappen auf der Brust.

Hoffentlich ist der VfB dann gewappnet mit einem erwartbaren Ansturm auf die neue Trikotkollektion. Mögen sie es besser anstellen als mit den wenige Tage zuvor veröffentlichten Traditionstrikots, auf deren Ansturm sie nicht vorbereitet waren. Bestellt haben wir uns diese Traditionstrikots nicht, die 93 Euro plus 11 Euro für eine Rückennummer schienen uns dann doch für arg überzogen. Aber schnieke sehen sie ja schon aus…

Offensive? Fehlanzeige!

Neben mir stand Glücksbringer Sandro, den ich für den Rest des Spiels nicht außer Augen lassen würde. Das Spiel lief, die Anspannung war groß. Die mitgereisten Ultras hatten es doch spürbar schwer, Stimmung in den Gästeblock zu bekommen, zu viele waren dabei, die sonst nie ins Stadion gehen, die nach Berlin übergesiedelten Schwaben \“ ausgenommen natürlich die Jungs und Mädels der Cannstatter Kurve Berlin, die engagiert zu Werke gehen \“ blieben teilweise sitzen, sangen nicht mit, hüpften nicht mit.

Auch die Jungs auf dem Feld taten sich schwer. Sie fanden nicht wirklich ins Spiel und ließen die Hertha machen. Eine gefährliche Situation, die sie da herauf beschworen hatten. Mit zunehmender Spieldauer kippte die Partie vorwiegen in Richtung der Gastgeber, registriert von uns 1.400 Gästen. Schon früh mussten wir feststellen, dass es kein komplett beschäftigungsloser Tag für unseren Keeper Sven Ulreich werden würde.

Offensive beim VfB? Sie war nicht wirklich vorhanden in den ersten Minuten. Dass das Spiel fast nur in der eigenen Hälfte stattfand und uns einige Male durchaus in große Bedrängnis hätte kommen lassen, erfreute uns nicht unbedingt. Die totale Offensive gegen Hoffenheim, nun Angsthasenfußball in der Hauptstadt? Als stünde Bruno Labbadia noch immer an der Seitenlinie, so defensiv und vorsichtig gingen sie zu Werke.

Schwache erste Hälfte

Die größte Schwachstelle der ersten Halbzeit war schnell gefunden. 25 Jahre jung, 181 cm groß, tunesischer Herkunft, geboren in Berlin: Änis Ben-Hatira. Auf der linken Seite (aus Berliner Sicht) hatte es unser Gotoku Sakai schwer, ihn im Zaum zu halten, immer wieder brachte er gefährliche Flanken in den Strafraum oder war kurzerhand selbst durchgebrochen.

Es wurde langsam unruhig im Gästeblock, was der VfB ablieferte, hatte nichts mehr mit der Leistung fünf Tage zuvor zu tun. Auch in der zwischenzeitlichen Statistik schlug sich das nieder, was wir mit eigenen Augen sehen konnten: 68% Ballbesitz für die Hertha, 86% angekommene Pässe (beim VfB nur 72%). Und so schritt die erste Halbzeit fort, weit entfernt von der Freude, die uns das letzte Heimspiel bereitet hatte. Das war wirklich, nunja, drücken wir es mal höflich aus: nicht wirklich gut.

Erst gegen Ende des ersten Durchgangs fanden sie zur Stabilität in der Defensive, nach vorne ging zwar nach wie vor relativ wenig, doch den Kasten hinten komplett dicht zu machen, wäre schon einmal ein guter Schritt. Hertha hatte gegen uns noch nie ein Problem damit gehabt, gerade in den letzten Minuten des Spiels doch noch einen (Sieg-)Treffer zu erzielen.

Beinahe noch der Treffer vor der Pause

Aus einem Zweikampf entwickelte sich fünf Minuten vor dem Pausenpfiff ein Ballbesitz für den VfB, über Vedad Ibisevic, der gegen seinen Ex-Klub gleich dreifach getroffen hatte, brachte den Ball nach vorn. Für die Herthaner war die Situation damit erledigt, denn weit und breit war kein VfBler. Nur mit dem jungen Timo Werner hatten sie nicht gerechnet, der im Rücken von Herthas Kapitän Peter Pekarik mitgelaufen war.

Der ist jung, der ist schnell, der ist talentiert \“ und erkämpfte sich den Ball von dem zehn Jahre älteren Slowaken. Alarmstufe Rot für die Berliner, Johannes van den Bergh eilte herbei und brachte zusammen mit dem geschlagenen Peter Pekarik unseren Youngster zu Fall. Freistoß für den VfB! Klare Sache für Alexandru Maxim, unserem Meister der ruhenden Bälle.

Ein kurzer, aber wohl überlegter Anlauf unserer Nummer 44, auf den kurzen Pfosten gezogen fand der Freistoß schnell den Kopf unseres neuen offiziellen und schon lange inoffiziellen Kapitäns Christian Gentner, der die Binde seit dem Abgang von Serdar Tasci am Arm tragen darf. Thomas Kraft musste sich ganz schön strecken, um den gefährlichen Versuch noch über den Pfosten zu lenken. Es war die erste und leider auch die einzige gute Gelegenheit im gesamten ersten Durchgang.

Leistungssteigerung erwünscht!

Auch den darauffolgenden Eckball konnte er entschärfen, diesmal war er gegen unser junges Eigengewächs, den 17-jährigen Timo Werner zur Stelle. Tief durchatmen im Olympiastadion. Das war nun eine tolle Doppelchance, doch gefallen konnte uns das, was wir hier geboten bekamen, nicht wirklich. Mit dem 0:0 ging es dann erst einmal in die Pause. Hier und da war ein Kopfschütteln zu vernehmen. Reicht das aus, um am Ende etwas Zählbares aus der Hauptstadt mitzunehmen?

Angespannt schlürfte ich meine Capri Sonne, bis zu einem Liter im Tetra Pak war erlaubt. Wie wärs mit einem Liter Milch für den kleinen Durst zwischendurch? Sandro und ich waren uns sicher: es würde eine enormen Leistungssteigerung bedürfen, um hier zu Chancen zu kommen, und vorne die Kaltschnäuzigkeit, um diese auch zu nutzen. Was am Ende zu Buche steht, blieb abzuwarten.

Es war stockfinster, die Flutlichtanlage sorgte zwar dafür, dass es auf dem Spielfeld schön hell war, doch sie machte mir große Probleme beim Fotografieren. Auf der Suche nach einem guten Weißabgleich hatte ich damit zu kämpfen, dass meist ein Teilbereich des Fotos unter- oder überbelichtet war. Keine leichten Bedingungen für Fotografen, zumindest aus dem Block heraus. Die weiten Entfernungen durch die Aschebahn um das Spielfeld herum tun dann noch ihr Übriges.

Arsch hoch!

Die Mannschaften waren wieder auf dem Feld, und auch der Gästeblock rückte wieder dichter zusammen, nachdem viele in der Halbzeitpause die Imbissstände aufgesucht hatten, die mit moderaten Preisen und einem doch recht großen Angebot aufgewartet hatten. Es konnte losgehen mit der zweiten Hälfte. Ich dachte an die Worte meines Chefs, der mir auch dieses Mal sein obligatorisches „Na hoffentlich lohnt sichs!“ loswurde, als er die Unterschrift unter meinen Urlaubsantrag setzte, den er schon vor vielen Monaten auf den Tisch gelegt bekam.

Wenn es sich nur immer lohnen würde, wann immer er diese Worte sagt, ich wäre in den letzten Monaten und Jahren ein ausgeglichenerer und zufriedener Mensch. Hier und heute stand ich in Berlin, schaute auf die Anzeigetafel und stellte mir die Frage, ob auch nach den zweiten 45 Minuten noch das 0:0 stehen würde. Ich schaute nach rechts, dort stand mein Glücksbringer Sandro.

Unsere Statistik kann sich sehen lassen, von drei Spielen seit einem Jahr, die wir nebeneinander gestanden hatten \“ wobei die Glücksbringer-Geschichte bei weitem noch nicht so alt ist \“ sprangen drei Siege raus, darunter auch die Unerwarteten in Schalke und Frankfurt. Heute Nummer Vier? Gerne doch! Doch dazu muss die Mannschaft ihren Allerwertesten hochbekommen, und auch die mitgereisten Fans waren gefordert.

Die Führung fast aus dem Nichts

Sie ließen es langsam angehen zu Beginn der zweiten Hälfte, fünf Minuten war sie schon alt. Christian Gentner war am Ball, sein Gegenspieler Tolga Cigerci berührte den Ball noch, bevor unser Kapitän in den Strafraum flanken konnte. Es gab Eckball, wieder war unser Rumäne zur Stelle, der schnell integriert wurde und trotz der zwischenzeitlichen Strafversetzung auf die Bank durch Bruno Labbadia ist ein unverzichtbarer Spieler geworden, wer hätte es gedacht, als einst im Januar der Transfer verkündet wurde?

Die Situation ähnelte dem Freistoß kurz vor der Halbzeitpause. Kurzer Anlauf von Alexandrum Maxim, gezogen auf Christian Gentner, Kopfball. Wo Thomas Kraft in der 40. Minute noch zur Stelle war, scheiterte er hier in der 49. Minute. Tor für den VfB! Klar und deutlich konnte ich sehen, wie der Ball rechts im Netz einschlug, ein kurzer, verstohlener Blick zum Linienrichter, die Fahne war unten. Alles klar, jetzt darf ich auch jubeln!

Begeistert viel ich Sandro in die Arme, Felix möge es mir verzeihen, er war zum Fotografieren aus anderen Perspektiven auch dieses Mal schon vor dem Anpfiff des Spiels aus meinem Blickfeld gerückt, er hatte es sich mit Kumpel Torsten auf der rechten Seite des Gästeblocks gemütlich gemacht. Endlich, endlich, endlich! Ein wenig aus dem Nichts, nachdem Hertha in der ersten Halbzeit bis auf die letzten paar Minuten drückend überlegen war.

Im Kollektiv gegen die alte Dame

Was den neutralen Betrachter verwunderte, erfreute den Nutznießer des Moments, und der kam ohne jeden Zweifel aus Stuttgart. Gerne schaue ich mir auch heute, Tage später, die Szene des Tores an. „Gente“ wusste gleich, bei wem er sich zu bedanken hatte: mit weit ausgebreiteten Armen rannte er zur Linie, wo der kleine Blonde bereits wartete und ihn warmherzig umarmte. Der Rest der Mannschaft stieß dazu, das alles direkt vor der Berliner Ostkurve. Das sind meine Jungs!

Nur drei Minuten später kassierte man nach einem schnellen Umschalten der Hertha beinahe den Ausgleich, Sven Ulreich war zur Stelle. Wir feierten ihn frenetisch für diese wichtige Parade, ohne zu ahnen, dass es nicht seine letzte an diesem Abend sein sollte. Auch Antonio Rüdiger, gebürtiger Berliner, machte eine starke Partie und klärte ein ums andere Mal aussichtsreiche Möglichkeiten der Hausherren.

Eine gute Stunde war gespielt, als der Vorlagengeber zum Führungstreffer das Feld verließ. Die Frage nach dem „Warum?“ war nicht unberechtigt, zwei Tore und zwei Assists beim Kantersieg gegen Hoffenheim bestätigten seine immer besser werdende Form. Nun war für ihn Feierabend, ein warmer Applaus zu unserem Unersetzlichen. Ich bin mit Sicherheit nicht die einzige, die ihn schnell ins Herz geschlossen hat.

Immer wieder Ulreich

Von der Bank sah er dann, wie es wieder Sven Ulreich war, der uns vor dem Ausgleich durch Hajime Hosogai, Nationalmannschaftskollege von Gotoku Sakai, gerettet hatte. Für den Rumänen kam Ibrahima Traoré, der im Spiel bei seinem Ex-Klub überhart mit Rot vom Feld gestellt wurde und nach abgesessener Sperre von einem Spiel nun wieder mit dabei war. Kurze Zeit später kam Martin Harnik für Timo Werner.

Manchmal gibt es so Tage, an dem unsere Nummer Eins über sich hinaus wächst, heute war wieder einer davon. Ob Tolga Cigerci, Johannes van den Bergh oder John-Anthony Brooks \“ sie alle konnten „Ulle“ nicht überwinden. Es gelang den Jungs nicht, für Entlastung zu sorgen und so musste Sven Ulreich beinahe minütlich punktgenau zur Stelle sein. Hertha drückte gewaltig, und keiner vom VfB wusste damit richtig umzugehen.

Eine Frage der Zeit, bis hier wohl der Ausgleich fallen würde. Gemessen an den Chancen hätte es hier schon 4:1 stehen können. Fahle Gesichter im Gästeblock. „Um Gottes Willen“, immer wieder fehlte nicht viel, bis wir das markerschütternde Geräusch des Berliner Jubels zu hören bekommen würden. Natürlich kann man nicht jeden Gegner wie eine Dampfwalze überfahren, doch würde schon wesentlich mehr als das Verteidigen notwendig sein, um hier ein oder drei Punkte mitzunehmen.

Von guten und schlechten Heimserien

Uns 1.400 Leuten war bewusst, wie knapp wir hier in diesen Minuten gerade noch davon gekommen waren. War es die Verzweiflung und fehlender Glaube, hier noch ein Tor zu erzielen, oder waren es die müden Beine \“ ich weiß es nicht, aber es kam uns zu Gute, dass Hertha wieder einen Gang zurückgeschalten hatte und für Entspannung in unseren Reihen sorgten.

Wir, die den Weg nach Berlin auf uns genommen hatten, die Urlaub eingereicht oder den letzten Ferientag genossen hatten, sangen für unseren VfB \“ „Oh du mein VfB, wenn ich in deiner Cannstatter Kurve steh“, eines meiner Lieblingslieder, fernab der Cannstatter Kurve, doch jedes Mal warmherzig und voller Liebe. Die Achillessehne schmerzte, doch angesichts des Spielstands interessierte mich das für zumindest 90 Minuten nicht.

Die offizielle Spielzeit neigte sich langsam dem Ende, man sehnte sich schon seit der 49. Minute nach dem sofortigen Abpfiff. Wir wissen, dass Hertha gefährlich sein kann. Beim letzten Gastspiel beendeten sich eine historische Heimflaute mit einem Sieg gegen uns, wie könnte es auch anders sein, oft waren wir verschrien als die guten Samariter der Liga. Und jetzt? Jetzt ist Hertha hier in Berlin seit über einem Jahr ungeschlagen, unter dem neuen Trainer Jos Luhukay vermochte kein einziger Verein mehr als einen Punkt mitzunehmen.

Spannend bis zum Schluss

„Jetzt macht doch endlich das 2:0 und gut is’!“ – so und in zahlreichen ähnlichen Wortlauten war es zu vernehmen, die Uhr tickte für den VfB, ob es am Ende reicht, ja, das war die große Frage des Abends. Nur noch ein paar wenige Minuten, Thomas Schneider wechselte noch einmal und brachte mit Cacau nochmal neue Offensive herein, der völlig ausgepumpte Moritz Leitner durfte vom Feld. Er war fleißig und hat sich gut reingehangen, der verdiente Applaus aus der einen Ecke des Stadions.

Wen hätte Bruno Labbadia in dieser Situation eingewechselt? Tamas Hajnal (wenn er noch da gewesen wäre)? Cristian Molinaro? Tunay Torun? Fraglich, was es gebracht hätte, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in dem Zustand vor einigen Wochen diese Partie noch verloren hätten. Es spricht durchaus für Thomas Schneider, dass er nach nur wenigen Wochen mit dieser Mannschaft, bei seiner ersten Station als Trainer einer Bundesligamannschaft, die so verunsichert und frustriert ist, so viel heraus holen kann.

Die offizielle Spielzeit war abgelaufen, nur noch zwei Minuten galt es zu überstehen. Tick, tack, tick, tack. Gleich war es überstanden, mit leuchtenden Augen schaute ich hinaus aufs Spielfeld, auf den Schiedsrichter, in der Hoffnung, dass er endlich die Pfeife in den Mund nimmt und den Auswärtssieg des VfB besiegeln würde. Nur noch wenige Sekunden, gleich war es geschafft, gleich, gleich, gleich.

Luftloch statt Tornetz

Herthas letzter Angriff rollte, die vermutlich letzte Szene des Spiels. Adrian Ramos setzte sich noch ein letztes Mal gegen Christian Gentner durch, die Flanke kam in den Strafraum. Was nun, VfB? Würde Ulle ein weiteres Mal den Sieg festhalten? Gelingt der Hertha jetzt der Ausgleich in der Nachspielzeit? Eine gefühlte Ewigkeit später senkte sich der Ball vor dem Tor, Peter Pekarik war mitgelaufen und schien den Ausgleichstreffer auf dem Fuß zu haben.

Er streckte sein Bein nach vorn, in meinem Kopf nur „Oh Shit, oh Shit, oh Shit!!!“ – er traf nur ein Luftloch, nicht jedoch den Ball. Arthur Boka war bei ihm, verletzte sich dabei am rechten Oberschenkel, und einen Ulle in Topform vor den Augen des Bundestrainers zu überwinden, wäre nochmal ein anderes Thema gewesen \“ aber beschweren hätten wir uns nun wirklich nicht dürfen. Das war Glück, dass Peter Pekarik hier am Ausgleich vorbeisegelte.

Das war dann aber wirklich die allerallerallerletzte Szene des Spiels, Deniz Aytekin pfiff das erste Spiel des fünften Spieltags ab und sorgte für einen mehr als erleichterten Jubel auf dem Spielfeld und selbstverständlich auch im Gästeblock. Selbst Thomas Schneider konnte jetzt auch endlich strahlen, die Anspannung fiel von ihm genauso ab, wie von uns, die wir 90 Minuten lang bangen mussten und selbst das Tor des Tages keine Ruhe hinein brachte.

Weiter im Aufschwung

Für eine Nacht auf dem siebten Tabellenplatz. Was vor einigen Wochen noch so weit entfernt schien, rückt wieder ins Blickfeld. Gerade erst von der Europa League verabschiedet, wecken die letzten Wochen erneut gewisse Begehrlichkeiten. Mit einem fetten Verband humpelte Arthur Boka vom Platz, gestützt von Mannschaftsarzt Heiko Striegel und Physiotherapeut Gerhard Wörn \“ es hat sich einiges getan in den letzten Wochen, bezeichnend diese letzte Szene in der sich mit aller Macht gegen das Unheil gewehrt wird.

Das musste gefeiert werden, so viel Zeit sollte mir Felix zumindest noch zugestehen, der möglichst schnell die Heimreise antreten wollte. Schaue ich in diese Gesichter, in die meiner Freunde und Bekannter, der vielen Fans, oder in die Gesichter der Mannschaft und des Trainerteams, so kann ich noch immer kaum glauben, dass das hier wirklich passiert ist. Zwei Spiele, zwei Siege \“ Abheben sollte man deswegen nicht, doch erfreuen wir uns natürlich sehr an dem aktuellen Zustand, dass sich offenbar Alles zum Guten wendet.

Umso leidenschaftlicher feierten wir mit der Mannschaft, wir hüpften und sangen, machten eine Welle und sind aller fester Überzeugung, dass dies noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. Sollte es ohnehin nicht sein, denn mit viel Glück und mit viel Ulle haben die Jungs heute den Auswärtssieg erringen können \“ oder vielmehr „niederringen“. Ich strahlte über das ganze Gesicht, zu wissen, dass der Sieg über Hoffenheim kein Zufall war, und die lange nicht für möglich gehaltene entspannte Vorfreude auf das, was erst noch vor uns steht.

Zügig „nach Hause“

Dann musste es doch recht schnell gehen, das dachten sich aber leider alle anderen auch. Deren Busse hatten vor dem Stadion gewartet, nicht wenige werden den direkten Heimweg angetreten haben, gut acht Stunden trennen die Hauptstadt von meiner geliebten Wahlheimat. Für große Verabschiedungen blieb keine Zeit, Sandro hatte Recht behalten und verabschiedete sich mit den Worten „Falls wir uns jetzt gleich im Gedränge verlieren, kommt gut heim!“, kurz darauf war er weg. Felix fand ich schnell wieder, schnellen Schrittes liefen wir heraus, die schwarze Sweatjacke wieder zugezogen bis zum Hals.

Mein Fuß schmerzte sowieso schon, die letzten raschen Meter bis zum Auto waren aber nicht wirklich förderlich. Schnell zum Auto, das wir auf einem Parkplatz für fünf Euro Parkgebühr abgestellt hatten, Laptop aus dem Kofferraum geholt und schon konnte es recht zügig losgehen mit der Aufbereitung der Fotos. Ich war noch nicht einmal fertig geworden, als wir mein Elternhaus erreichten, es war schon nach Mitternacht. Am Küchentisch saß ich noch in den letzten Zügen, bevor ich mich glücklich und zufrieden zur Ruhe legte.

Jetzt, wo das Adrenalin verflogen war, spürte ich, wie schändlich ich heute meine ohnehin schon entzündete Achillessehne behandelte. Für Montag Morgen hatte ich einen Termin beim Orthopäden vereinbart. Am Samstag Nachmittag sollte es weitergehen mit einem straffen Programm. Der wichtigste Teil war erstmal erledigt. War kein schönes Spiel \“ doch auch für dreckige Siege gibt es drei Punkte.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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