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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Viel zu spät aufgewacht

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Einige Tage ist es nun schon her, der Frust sitzt noch immer tief. Blankes Unverständnis, verbitterte Enttäuschung und verzweifelte Ratlosigkeit ist alles, was an diesem Mittwoch Abend im Breisgau zurück blieb. Die Tränen sind mittlerweile getrocknet, doch der Kratzer, den dieses Spiel hinterlassen hat, ist tief. Die richtigen Worte zu finden, ist nicht gerade leicht. Ausgerechnet Freiburg. Was sich auf dem Papier liest wie ein knappes Spiel zweier Bundesligisten, in dem der Glücklichere gewonnen hatte, ist für uns Fans eine schallende Ohrfeige.

Alle sagen nun „Jetzt konzentrieren wir uns halt auf die Bundesliga!“ – klar, geht ja nicht anders, denn mehr ist nach dem Ausscheiden in der Europa League und nun auch im DFB-Pokal nicht mehr übrig. Kaum hatte ich das Aus in der Europa League verkraftet, muss ich nun auch hinnehmen, dass mit dem Ausscheiden in der zweiten Runde nun auch eine mögliche Wiederauflage des Pokalfinals 2013 möglich wäre.

Wortlos und erschüttert saß ich auf den Betonstufen. Nach und nach verabschiedeten sich meine Freunde und Bekannte. Apatisch starrte ich auf Freiburgs Fankurve. Die Spieler des SCF saßen vor ihren Fans auf dem Rasen und stimmten eine Humba an. Ich konnte noch nicht begreifen, was hier in den letzten 100 Minuten passiert war. Auch jetzt fällt es schwer, der Tatsache ins Gesicht zu blicken, dass wir gegen die \“ ja, ich benutze dieses Wort durchaus bewusst, ohne jede Form der Reue \“ verhassten Freiburger ausgeschieden waren.

Ein magischer Abend im April

Blicke ich zurück auf die vergangene Pokalsaison, die ihren beinahe krönenden Abschluss in der Hauptstadt fand, kommt mir unter anderem ein Wort in den Sinn: „Glück“. Wir hatten es in jeder einzelnen Pokalauslosung, jedes Mal zog die Losfee, sei sie weiblich oder männlich, einen Gegner aus dem Topf, den wir mehr oder weniger problemlos aus dem Weg räumten und schließlich erst im Finale auf die Bayern getroffen waren, die uns in den letzten Jahren für gewöhnlich spätestens im Februar den Garaus machten.

Nach Falkensee-Finkenkrug, St. Pauli, Köln und Bochum, die mit einem Gesamt-Torverhältnis von 12:1 abgefertigt wurden, war die wichtigste und größte Hürde das Halbfinale. Bis auf das Pokal-Auftaktspiel in Brandenburg spielten wir nur daheim, so auch gegen den SC Freiburg, der in der letzten Saison hervorragende Arbeit ablieferte und überraschend erfolgreich mit dabei war \“ was man vom VfB währenddessen nicht unbedingt behaupten konnte.

Wie gerne ich noch heute an diesen magischen Abend vom 17. April zurück denke, die Leidenschaft, die Extase, die Freude \“ Momente für die Ewigkeit, etwas wie das hatte ich vorher noch nie erlebt. Die Gänsehaut kehrt zu mir zurück, wann immer ich an jene Stunden im Neckarstadion denke, als wir die Finalhoffnungen der Badenzer mit einem 2:1 unter uns begruben und eine dunkle Saison innerhalb von 90 Minuten vergessen gemacht hatten.

Kurioser Stellungswechsel

161 Tage später ist die Erinnerung daran immer noch da. Tief unten verborgen, überlagert von Trauer und Frust. Dass es mit Abstand betrachtet kein Weltuntergang ist, wollte mir einfach nicht in den Kopf. Die Welt drehte sich trotz allem weiter \“ ob mir das hilft, den „Verlust“ des letzten Pokalwettbewerbs zu verdauen, ist eine andere Frage.

Dabei waren die Vorzeichen ganz andere als beim letzten Aufeinandertreffen im DFB-Pokal. Einst waren wir die abstiegsgefährdete Mannschaft, die im Achtelfinale der Europa League gegen Lazio Rom die Segel streichen musste, und Freiburg war der leidenschaftlich aufspielende Verein, der von allen unterschätzt wurde, sich aber zahlreiche Sympathien erspielt hatte, nicht zuletzt durch die direkte Mundart ihres Trainers Christian Streich, einem \“ wie sagt man so schön \“ „Typen“.

Verkehrte Welt in Baden-Württemberg! Freiburg konnte noch kein Spiel in der Bundesliga gewinnen, seit am 9. August die 51. Bundesliga-Saison gestartet war. Drei Unentschieden, drei Niederlagen. Eine Bilanz mit Ansage, zahlreiche Leistungsträger zerstreute es nach der Überraschungssaison in alle Himmelsrichtungen. Der VfB dagegen im Aufwund nach den Siegen gegen Hoffenheim und Berlin, dazu das Unentschieden gegen Frankfurt. Man könnte fast sagen „Es läuft!“, zumindest in Württemberg.

Die gleiche Szene im Kopfkino

Eine Szene spielte sich immer und immer wieder in meinem Kopf ab. Ein ums andere Mal sah ich vor meinem inneren Auge erneut den gegen Frankfurt verschossenen Elfmeter von Vedad Ibisevic. Jeden Tag, jede Stunde, bis das Pokalspiel beim Rivalen vor der Tür stand. Immer und immer wieder, als hätte ich die Hoffnung, dass er im 98.293.723sten Versuch ins Tor trifft und nicht daneben schießt. In mir trug ich tagelang die Sorge, dass die Mannschaft und vor allem der Bosnier einen Knacks davon trägt.

Alleine für den Gedanken, dass ich einem verschossenen Strafstoß eine solche Bedeutung andichten wollte, lachte mich Felix geradezu aus. Mit gemischten Gefühlen waren wir in den Breisgau aufgebrochen. Zusätzlich zum gewöhnlichen Reisegepäck bestehend aus Vesper, Kameras und Laptop, ergänzte ich das Proviant um Taschentücher, Hustenbonbons, Pfefferminztee und Schmerztabletten.

Eine Erkältung knockte mich zu Beginn der Woche aus, ein paar Tage dick eingepackt mit der Wärmflasche und die volle Breitseite an bewährten chemischen und pflanzlichen Mitteln ließ mich wieder verhältnismäßig früh auf den Damm kommen. Entgehen lassen konnte ich es mir nicht, das stand außer Frage. Und so starteten wir unsere Tour, gemeinsam mit Gerd & Ingrid sowie drei weiteren Mitgliedern von unserem Fanclub „Boys in Red“ \“ eine lustige Fahrt stand uns bevor.

Schlimmster Gästeblock der Liga

Weit ist es nicht in den Breisgau, dem Südwestlichsten aller Bundesligisten. Wir waren nicht alleine, 2.300 VfBler machten sich auf die Reise ins knapp 180 Kilometer entfernte Freiburg. Die Zeit reichte, um in aller Seelenruhe im Wohngebiet Nahe des Stadions zu parken, danach kehrten wir gemütlich in eine Pizzeria ein und dinierten auf der Terasse. War es tagsüber noch richtig warm, wurde es gut frisch im Laufe der Zeit. Essen war gut und reichlich, langsam liefen wir rüber zur Spielstätte.

Die Erinnerungen an das Dreisamstadion sind gemischt: bei gerade einmal zwei erlebten Partien stehen ein Sieg vorletzte Saison und eine derbe Niederlage aus letzter Saison zu Buche. Eines jedoch würde mir aber unabhängig vom Ausgang der Partie nicht gefallen: der Gästeblock. Schlimmster Gästeblock ever.

Ein kleiner Metallkäfig, wenig bis gar keine Sicht aufs Spielfeld, siffige Toilettenanlagen \“ nur drei der Gründe, warum ich die Auslosung dieser 2. Runde nicht gerade freudig begrüßt hatte. Umso mehr freute ich mich zumindest auf Jemanden, der auch dort sein würde. Auf den obligatorischen Auswärts-Glücksbringer Sandro wollte ich auch dieses Mal nicht verzichten, zuletzt funktioniert hatte es beim letzten Auswärtsspiel in Berlin.

Zwei Glückskäfer und ihre Auswärtsserie

Unsere Serie muss weiter ausgebaut werden. So platzierte ich mich brav neben ihm, Felix bezog Stellung auf der oberen Seite des Käfigs. Erst wenige Minuten vor Anpfiff kamen dann auch der aktive Kern der Fanszene in den Block, lange hatte es gedauert, die Gründe dafür kenne ich jedoch nicht. Nun konnte es so wirklich losgehen, die Nervosität war unbestreitbar da, meine Sorge vor dem Elfmeter-Knacks konnte ich aber einfach nicht abschütteln.

Vor Anpfiff der zweiten Pokalrunde blieben die üblichen Scharmützel natürlich nicht aus. Pfiffe während des Badner-Lieds, geradezu ein Wechselgesang ala „Stuttgarter/Freiburger Arschlöcher“ (nicht zutreffendes bitte streichen), Stinkefinger, pöbelnde Gesten und so weiter. Ja, man hat sich nicht unbedingt lieb im Bundesland. Muss man ja aber auch nicht.

Mein drittes VfB-Heimspiel war einst gegen Karlsruhe, ich habe schon früh mitbekommen, wieviel Brisanz ein baden-württembergisches Duell in sich trägt. Thomas Schneider sagte vor der Partie, dass es in so einem Spiel natürlich ein gewisses Maß an „Hass“ geben würde, was in der Presselandschaft nicht wirklich gut ankam. Fragt man uns Fans, auf beiden Seiten, sind wir jedoch die letzten, die das verneinen würden.

Überraschende Startaufstellung

Mittwoch Abend, 20:30 Uhr. Es war soweit. Der Gästeblock war soweit vollzählig, der Rest des 24.000 Zuschauer fassenden Dreisamstadions auch, es konnte losgehen. Die meisten waren ohne den Hauch eines Zweifels angereist, dass das auch in die Hose gehen könnte, wenn man denn nicht konzentriert genug zu Werke geht. Doch konnte ich doch nicht die Einzige sein, die zur Vorsicht raten wollte?!

Thomas Schneider, der neben seiner „Hass„-Aussage auch noch selbstbewusst kund tat, dass es eine Überraschung wäre, wenn der VfB ausscheiden würde, wusste selbst zumindest schonmal zu überraschen. Statt den zuletzt tollen Leistungen von Alexandru Maxim und Timo Werner fanden sich die beiden Blondschöpfe nur auf der Bank wieder. Timo Werner angeblich, um ihn für eine eventuelle Verlängerung zu schonen, Alexandru Maxim, weil er wohl noch vom Spiel gegen Frankfurt angeschlagen war. Die besten Zwei draußen, mir schwant Böses.

Zwischen den Pfosten war es auch nicht der Dauerbrenner Sven Ulreich, sondern sein Vertreter Torsten Kirschbaum. Ulle hatte sich im Spiel gegen Frankfurt die Hand verletzt, eine Untersuchung am nächsten Tag brachte eine ernüchternde Diagnose und mehrere Wochen Pause für unsere Nummer Eins. „Kirsche“ macht das aber schon, da waren wir uns sicher. Um bei uns Nummer Zwei zu werden, gab er seinen Posten als Nummer Eins in Cottbus auf \“ das verstehe wer will.

Starker Freiburger Beginn

War es auch nicht die perfekte Startformation, die in den Spielen zuvor noch erfolgreich war, so hatten sie unsere Unterstützung. Von Beginn an schrien wir sie nach vorne, klatschten, hüpften und sangen für unsere Mannschaft. Glücksbringer Sandro, der neben mir stand, stellte das schon ganz richtig fest: hier offenbart sich, wer alles Stimmung machen will und wer nicht. Das Berliner Operettenpublikum war ein Ärgernis, nur wenig Support war im Gästeblock des Olympiastadions möglich. Hier jedoch waren wir zur Stelle und gaben alles.

Drei Minuten gespielt, Freiburg im Vorwärtsgang und drauf und dran, schon schnell in Führung zu gehen \“ die Panik stand mir schon ins Gesicht geschrieben, es dauerte eine Weile, bis ich meine Gesichtsfarbe wieder hatte. Das Abseitstor der Freiburger zählte nicht. Zwei Minuten später die nächste Gelegenheit für die Hausherren, nur das Bein von Daniel Schwaab blockte noch den strammen Schuss vom Freiburger Admir Mehmedi.

Kein besonders guter Start für den VfB. Das änderte sich auch so schnell nicht, sie haderten mich sich selbst und kamen nicht in Tritt, was die Freiburger natürlich ausnutzen wollten. Beobachtet von 2.300 Gästefans taten sich unsere Jungs in den schwarzen Ausweichtrikots doch merklich schwer. Sie versuchten das Beste, was sie konnten \“ auch wenn das nicht besonders viel war. Wieder dachte ich an das tolle Spiel gegen Hoffenheim und wie wenig dieser Leidenschaft hier vom VfB auf dem Spielfeld zu sehen war.

Elfmeter? Fehlanzeige!

Es sei mir in diesem besonderen Falle verziehen, dass ich mir nicht das komplette Spiel noch einmal zu Gemüte führen möchte, auch wenn ich es könnte. Zu schmerzhaft das Wissen um das Ausscheiden, zu frisch noch die Wunden. Auf einzelne Details kann und will ich nicht eingehen. Dass es mich am Ende so hart ins Mark treffen würde, konnte ich nicht ahnen, als ich in der ersten Halbzeit zwar keine besonders prickelnde Leistung meiner Mannschaft sah, aber zumindest noch viel Hoffnung hatte, dass alle Sorge am Ende unberechtigt war.

Die erste Halbzeit schritt voran, Freiburg war verdammt gefährlich. Das spürten wir Fans natürlich auch und ließen uns noch lauter für die Jungs mit dem Brustring singen. Wenn sie es schon selbst nicht aus eigener Kraft schaffen, dann vielleicht mit unserer Unterstützung. Die Proteste waren schlussendlich groß, als bei einem Freistoß Gelson Fernandes in der Freiburger Mauer hochsprang und dabei den Arm bewusst nach oben zog.

Es hätte Elfmeter geben müssen, klare Fehlentscheidung. Ob dieser Strafstoß drin gewesen wäre, wäre aber nochmal auf einem ganz anderen Blatt gestanden, nicht wahr? Als sich die Gemüter langsam wieder beruhigt hatten und wie „Fußballmafia DFB“-Sprechchöre verstummt waren, wandten wir uns wieder dem Support zu: Arm in Arm hüpften wir, in der Hoffnung, es am Ende des Spiels gemeinsam mit der Mannschaft machen zu können.

Torlos in die Pause

Mit dem 0:0 ging es in die Pause. Was man dem Freiburger Gästeblock trotz allem zu Gute halten muss: die hohen Stufen geben eine prima Sitzgelegenheit für die Halbzeitpause ab. Ich hatte Durst, wollte aber nicht aufstehen, wenngleich der Imbissstand nur ein paar wenige Meter entfernt war. Der Aberglaube halt, ich hab da so meine schlechten Erfahrungen damit gemacht. Ich plauschte mit Sandro und versuchte zu vergessen, wieviel Angst ich vor dem möglichen Ausgang dieser Partie hatte.

Die meisten Menschen in meinem Umfeld mahnen mich geradezu zum Optimismus, positives Denken würde mir gut zu Gesicht stehen. „Wird schon!“ heißt es dann meistens, während ich mit einem bedröppelten Blick am liebsten fragen möchte: „Ganz sicher?“. Ich genoss die paar Minuten Pause, erhob mich rechtzeitig wieder um trotz lädierter Achillessehne weiter für meinen Verein einzustehen.

Beide Mannschaften kamen wieder aufs Feld, und als Wolfgang Stark die Partie wieder anpfiff, schien der VfB gedanklich noch in der Kabine. Wie die Feuerwehr kamen die Breisgauer aus der Pause. Lediglich Torsten Kirschbaum war zur Stelle, bevor Neuzugang Mike Hanke nahezu ungedeckt einköpfen konnte. Wenigstens einer, der wach ist.

Nicht unverdienter Rückstand

Es gab eine erneute Ecke für die Gastgeber. Der Rest ist schnell, aber nicht schmerzlos erzählt: Jonathan Schmid brachte den Eckstoß hinein, Matthias Ginter köpfte ein zum 1:0 für Freiburg. Wie unterschiedlich die Emotionen der Nummer 28 doch sein können. Einst lag er bitterlich weinend auf dem Rasen des Neckarstadions, hier brachte er seine Mannschaft in der 52. Minute in Führung. Für Torsten Kirschbaum war aus kurzer Distanz überhaupt nichts zu machen.

Alexandru Maxim, der sich zusammen mit zahlreichen Reservisten vor der Kurve der Freiburger warm machte (soviel also zum Thema Verletzung), wird sich seinen Teil gedacht haben. Wären wir in der Situation, wenn er auf dem Feld gestanden hätte? Schwer zu sagen, wir alle kennen ja die Sage von dem Pokal, der stets seine eigenen Regeln hat.

Stille im Gästeblock, Jubel auf der anderen Seite. „Scheiße!“ war noch das höflichste Wort. Lange damit aufhalten konnten wir uns nicht, keine Zeit! Wie schon gegen Frankfurt drängte der VfB unverzüglich auf den sofortigen Ausgleich. Warum immer erst dann, wenn ihr schon hinten liegt, Jungs?! In Co-Produktion schossen sie drei Mal aufs Tor, alle drei scheiterten an der Freiburger Abwehr oder spätestens an Oliver Baumann.

Tausend Chancen, kein Tor

Sie spielten auf das Tor vor unserem Gästeblock, sehr schlecht einsehbar durch diverse Metallstreben, die die freie Sicht aufs Spielfeld verdecken. Zuerst Martin Harnik, Dann Ibrahima Traoré und zu guter letzt noch der „Elferdepp“ Vedad Ibisevic. Drei Chancen, kein Tor. Das gibts auch nur beim VfB! Und warum ist es eigentlich fast immer so, dass fast jeder Torhüter gegen den VfB über sich hinaus wachsen muss?

Da kannst du als Fan schier durchdrehen! Vor unseren Augen bekamen sie den Ball einfach nicht ins Tor. Eine Ecke von Konstantin Rausch fand den Kopf von Vedad Ibisevic, der sichtlich um Wiedergutmachung bemüht war, der Freiburger Keeper konnte aber nur abklatschen, doch auch Mohammed Abdellaoue konnte den Ball nicht im Tor unterbekommen, da der Ex-VfBler Julian Schuster die Kugel noch von der Linie kratzte. Das gibts doch gar nicht! Wieviele Chancen wollen wir denn noch ungenutzt verstreichen lassen?

Für den erst aus Hannover gekommenen Norweger kam nach einer Stunde der junge Timo Werner aufs Spielfeld. Mohammed Abdellaoue wirkte auch in diesem Spiel wieder wie ein Fremdkörper, der nicht in die Mannschaft hinein passt \“ uns Fans freute es natürlich, unseren Publikumsliebling und jüngsten VfB-Torschützen der Bundesligageschichte auf dem Feld zu haben.

In die Falle getappt

Es war die Drangphase des VfB, begleitet von euphorischen Stuttgarter Fans, die im Unter- und Oberrang alles gegeben hatten, schien es nur eine Frage der Zeit, bis der nun auch verdiente Ausgleich fallen würde. Unsere Jungs wurden mit jeder Minute stärker, mehr Pässe kamen an, Zweikämpfe wurden gewonnen, das Umschalten nach Ballverlust funktionierte besser \“ sie müssten halt nur mal eine von den dutzenden Chancen nutzen, die sie sich selbst herausspielen. Nur noch 20 Minuten zu spielen, das hohe Tempo hatte die Freiburger ein wenig müde gemacht.

Und mittendrin verlor der VfB dann doch den Ball, Freiburg konterte schnell. Jonathan Schmid setzte sich durch gegen Jonathan Schmid, passte noch einmal auf Mike Hanke, der schon ausgewechselt werden sollte. Als unsere Bemühungen um den Ausgleich am größten waren, erstickte der Ex-Gladbacher unsere Hoffnungen im Keim. Kurzer Prozess an der Dreisam. Der Torschütze zum 2:0 verließ danach den Platz. Heilandsack, warum konnte er nicht schon vorher ausgewechselt werden…?

Mit dem Ballverlust sah ich das Unheil bereits kommen. War es der Pessimismus in mir, der mir zugeflüstet hat „Pass auf, gleich passierts!“, war es eine gewisse Vorahnung? Als die Kurve der Badenzer die Arme nach oben riss und die Tormelodie eingespielt wurde, schloss ich für ein paar Sekunden meine Augen. Nein, nein, nein… Warum nur… Ist es nicht verrückt? In unserer stärksten Phase schießt Freiburg das Tor, was es nun nahezu unmöglich machte, noch innerhalb von 90 Minuten zu gewinnen.

Geht doch noch was?

Es dauerte gut fünf Minuten, bis ich mich wieder am Support beteiligen konnte. Man kann sagen, was man will, viele der 2.300 mitgereisten Fans erhoben nach dem 2:0 nicht mehr ihre Stimme für den Verein für Bewegungsspiele, sie verstummten, einige von ihnen verließen bereits das kleine Stadion in beschaulichen Freiburg. Sie hatten genug gesehen. Auch ich hatte schon genug gesehen. Für mich war das Spiel schon fast gegessen. Aber eben nur fast.

Noch ein Distanzschuss von Ibrahima Traoré, wieder Oliver Baumann, das gibts nicht. Es scheint, als wollte der Ball an diesem Tag einfach nicht hinein. Nächste Chance, diesmal kam der Ball zu Timo Werner, der angepeitscht von unserer Anfeuerung den Ball gekonnt mit der Brust mit den Strafraum nahm und ins Tor hinein chippen wollte, auch er scheiterte an Freiburgs Nummer Eins.

Wie krass ist das bitte? Der Junge ist 17 Jahre alt, SIEBZEHN, und bringt hier so einen Trick? Unglaublich. Auch, wenn es hier zu Ende sein sollte, wir werden noch Freude an ihm haben. Cacau war in den letzten Minuten für William Kvist gekommen, auch er konnte den Keeper nicht überwinden. Die Uhr tickte gnadelos, der Rückstand wurde von „ziemlich schlecht“ zu „nahezu uneinholbar“. Doch sag niemals nie, man denke nur mal an Bayern (Manchester 1999) und Dortmund (Malaga 2013).

Zu späte Wiedergutmachung

Nur noch drei Minuten. Vedad Ibisevics Wiedergutmachung für den verschossenen Elfmeter kam spät. Zu spät. So knapp vor Schluss hadern sowohl Mannschaft als auch Fans zurecht mit den vergebenen Chancen in 90 regulären Minuten. Am Ende die große Frage, warum es wieder nicht gelungen ist, aus so vielen teilweise hochkarätigen Gelegenheiten ein Tor zu erzielen, und zwar rechtzeitig. Der Bosnier traf in der 87. Minute. Es war zu spät. Doch wir glaubten noch ein wenig an das Wunder. Auf der Gegenseite erwiderte man derweil unsere Provokation vom Liga-Heimspiel im April entsprechend.

Eine einzige Chance, sie würde vielleicht schon reichen. Eine gute Freistoßposition für den in der 75. Minute und damit viel zu spät eingewechselten Alexandru Maxim, eine gut getimte Flanke auf den Kopf von z.B. Christian Gentner, oder sei es drum, ein Elfmeter in der letzten Minute \“ egal wie, nur hauptsache noch irgendwie treffen. Drei Minuten oben drauf. Alle Bemühungen brachten nichts, sie warfen alles nach vorne und standen am Ende ohne etwas da.

Nach 93 Minuten pfiff Wolfgang Stark die Partie ab. Kopfschütteln, Ratlosigkeit. Ich schaute nach rechts, neben mir saß Sandro frustriert auf einer Betonstufe, das Gesicht zum Boden gewandt. Soviel also zu unserer Auswärtsbilanz. Am Ende war es nochmal sehr spannend geworden, gereicht hat es nicht. Im Prinzip: „Selbst schuld“ \“ wer 87 Minuten lang kein Tor schießen kann, muss sich auch nicht wundern, wenn es auch in den letzten sechs Minuten nicht klappt.

Nichts mehr außer Bundesliga

Freiburg feiert, Stuttgart trauert. Ausgerechnet. Wie werden gleich die Reaktionen aussehen, fragte ich mich. Wüstes Pfeifen? Aufmunternder Applaus? Nur langsam liefen sie in unsere Ecke, sie ließen sich Zeit, viel Zeit. Zaghafter Applaus kam ihnen entgegen. Das Interessante war: kaum Pfiffe. Man stelle sich vor, es wäre nicht Thomas Schneider gewesen, der hier seine Spieler trösten musste, sondern Bruno Labbadia? Wie wäre dann die Reaktion der Fans gewesen?

Müßig zu sagen, Fakt ist, dass wir hiermit auch das Aus im DFB-Pokal verkraften müssen. Keine leichte Aufgabe, auch für mich nicht \“ ich hatte Geld gespart und Urlaub aufgehoben für die internationalen Spiele und für die Pokalspiele unter der Woche. Eine Niederlage in der Bundesliga wäre zwar empfindlich, aber lange nicht so folgenschwer wie diese Schelte gewesen.

Einen Sonderapplaus gab es für unseren Youngster Timo Werner, der von einem der Ultras an den Zaun gerufen wurde, wahrscheinlich noch ein paar aufbauende und lobende Worte für den Teenager, lautes Klatschen für unsere Nummer 19, lauter als für die gesamte Mannschaft zusammen. Der Gästeblock leerte sich schnell, an mir strömten sie vorbei, als ich noch minutenlang auf der Stufe saß.

Was tun, wenns weh tut?

Felix vermochte mich nicht so schnell wieder aufzurichten. Warum mich das Ausscheiden so hart getroffen hatte, konnte er einfach nicht verstehen. Seine Devise und auch dir von vielen anderen, die mir in den letzten Tagen bei der Verarbeitung des Pokal-Aus geholfen hatten: gegen einen Erstligisten rauszufliegen, der auch noch Europapokal spielt, ist zwar doof, aber nicht wirklich schlimm. Es gab schon ganz andere, die sich blamiert haben. Hören wollte ich diese Worte nicht.

Es war Freiburg. Und damit das Schlimmste, was hätte passieren können, zumindest in dem Moment. Ich konnte nicht einfach aufstehen, mich schütteln und weitermachen. Meine bessere Hälfte hatte Mühe, mich hochzuziehen. Ein letzter Gang nach draußen, vorbei an dümmlich grinsenden Ordnern, hinein in die Nacht, mitten hindurch durch zahlreiche Freiburger Fans. Normalerweise müsste ich mich doch bestätigt fühlen, oder? Warum hat es dann so sehr geschmerzt?

Geahnt hatte ich es, was passieren könnte. Was wäre passiert, wenn Vedad Ibisevic den Elfmeter verwandelt hätte? Hätte es Einfluss auf die Psyche gehabt? Hätten sie sich in Freiburg von Anfang an ganz anders präsentiert? Hätten sie leidenschafltlicher nach vorne gespielt? Vielleicht. Sie hätten eine Chance auf ein erneutes Pokalfinale in Berlin gehabt. Sie hätten weiterkommen können, wenn nicht sogar sollen. Nun haben wir nichts außer dem Ligabetrieb \“ und ich persönlich ein wenig Bammel vor Braunschweig.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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