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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Fünfzehn Ecken und ein Punkt

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So richtig glücklich machte es einen nicht. Ein wenig bedröpppelt blieb man zurück, doch schnell kehrte das Lächeln wieder in die Gesichter zurück, wohlwissend, dass es am Ende auch ganz schnell ganz dumm hätte ausgehen können. Fühlte sich das Unentschieden gegen Frankfurt noch wie eine Niederlage an, kann man mit diesem Punkt durchaus zufrieden sein. Lediglich die Chancenverwertung, ich sag es immer wieder. Und werde einfach nicht müde, mich zu wiederholen.

Das einzige Spiel zur besten Uhrzeit: Samstag, 15:30 Uhr. Die DFL meinte es mal wieder nicht gut mit uns und drückte uns trotz des Ausscheidens in der Europa League zahlreiche Sonntagsspiele auf, vorzugsweise solche, die im nördlichen Teil Deutschlands sind. Von so etwas wie Fairness, dass Vereine, deren Fans zu weiten Spielen anreisen wollen und dies am liebsten ohne Urlaub und ohne das Schwänzen der Schule tun möchten, haben die Damen und Herren vom Verband noch nie gehört.

Alles war schon sorgfältig ausgerechnet. Ich gebe zu, ich mag voreilig gewesen sein, als ich im Urlaubskalender im Geschäft meine Urlaubstage vorsorglich eingetragen hatte. Wären wir nicht in der letzten Minute der Nachspielzeit in den dämlichsten Konter aller Zeiten gelaufen, hätte der VfB am vergangenen Donnerstag, dem Tag der deutschen Einheit, in der Europa League gespielt, hätte an diesem Wochenende am Sonntag gespielt und ich hätte das Olly Murs Konzert in der Stuttgarter Liederhalle besuchen können. Hätte, Hätte, Fahrradkette.

Bazitrachten raus aus Stuttgart!

Es wäre wirklich mehr drin gewesen, und so steht nach einem Eckenverhältnis von 15:1 lediglich ein Punkt zu Buche. Glücksbringer Sandro meint, dass wir diesen zwei liegen gelassenen Punkten noch hinterher trauern würden. Trotz allem nehme ich positive Dinge aus der Partie mit: das kleine Dankesvideo der Mannschaft für unsere Choreographie gegen Frankfurt erinnert uns immer wieder daran, warum wir diesen Verein so lieben, Martin Harnik hat wieder getroffen und wir sind unter Thomas Schneider nach wie vor in der Liga ungeschlagen.

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Der Tag begann mit typisch norddeutschem Wetter. Es wollte in den Morgenstunden gar nicht mehr aufhören mit regnen. Nicht auszudenken, wieviele vorhatten, vor dem Spiel noch auf den benachbarten Wasen zu gehen. Im Festzelt ist es zwar schön trocken, trotz allem behagte mir das Wetter natürlich nicht. Aber wie heißt es doch so schön: es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Im Laufe des Nachmittags wurde es dann doch nochmal wärmer, der Regen zog sich zurück und so konnte ich sogar auf die Regenjacke verzichten.

Sie waren einfach überall, es war nicht auszuhalten. Dirndl und Lederhose gehören auf die Münchner Wiesn, und nicht auf unseren Wasen! Auf dem Weg zum Stadion säumten sie unseren Weg, einige liefen an der Ecke Daimlerstraße/Mercedesstraße zum Wasengelände herüber, wo noch bis 13. Oktober das Volksfest statt findet, andere wiederum hatten offensichtlich vor, das heutige Heimspiel gegen Bremen zu besuchen. In Lederhose ins Stadion? Wo sind wir denn hier? Bazitrachten raus aus Stuttgart, und vor allem raus aus unserem Stadion!

Das neue StoCCarda ist da!

Es waren jene letzten Meter zum Stadion hin, vorbei an der Porschearena, ab diesem Zeitpunkt erspähen wir für gewöhnlich stets einen guten Freund von uns, der aber selbst noch nicht da war. Dafür standen andere wohlbekannte Gesichter bereit. Sie hielten das hoch, worauf ich seit Wochen hingefiebert hatte: die neue Ausgabe des StoCCarda, dem Szenemagazin unserer Ultras. Gespickt mit vielen Spielberichten und zahlreichen Fotos der Saison 2012/2013 \“ auch mit vielen Bildern von Felix und mir. Die Freude ist jedes Mal groß, es in Händen zu halten.

Die Freude war so groß, dass wir uns gleich zwei Ausgaben kaufen mussten, um wenige Meter weiter festzustellen: „Ähm… Und wohin jetzt damit während des Spiels?“. Gute Frage eigentlich. Darüber würden wir uns Gedanken machen, wenn wir drin sind, jetzt mussten erstmal noch zwei Karten an Kumpel Sebastian übergeben werden, die ich dank meines besten Freundes noch organisieren konnte. Als es wieder anfing, leicht zu nieseln, entschieden wir uns, lieber reinzugehen, bevor die Hefte nass werden.

Jedes Mal kribbelt es, jedes Mal ist es ganz besonderes Gefühl, die Treppe zum Block hochzulaufen und einen ersten Blick ins geliebte Neckarstadion zu werfen. Als ich vor einigen Jahren meine ersten Heimspiele erlebte, blieb ich jedes Mal dort oben stehen, schaute ins weite Rund und flüsterte leise: „Willkommen zu Hause“. Bad Cannstatt ist mittlerweile mein Zuhause, man kann fast sagen, ich bin einfach nur meiner Bestimmung gefolgt.

Gemischte Gefühle

Nun also gegen Bremen. Immer wieder denke ich bei dieser Partie an meinen alten Leipziger Kumpel Dennis, niemals werde ich die Zeit vergessen, in der wir die Spiele unserer beiden Mannschaften in der Bundesliga-Konferenz in unserer Stammkneipe gesehen haben, oft auch im direkten Duell \“ unserer Freundschaft hat das nie geschadet, weder bei 6:3-Siegen des VfB, noch bei 4:0-Siegen der Bremer.

Die üblichen kleinen Scharmützel im Vorfeld, jeder möchte den Sieg für sich selbst beanspruchen. Dabei habe ich nicht nur durchweg positive Erinnerungen an persönlich erlebte Heimspiele gegen die Norddeutschen. Letzte Saison blamierten wir uns bei einer desaströsen Leistung, vor vier Jahren und genau einem Tag sorgte ein späteres 0:2 dafür, dass ich aus Aberlauben vor einem Heimspiel nie wieder auf den Wasen gehen wollte.

Doch auch traumhaft schöne Erlebnisse waren dabei. Ein glattes 6:0 in der Fast-Abstiegs-Saison und vorletzte Saison erledigte Ex-Bremer Martin Harnik seine damaligen Kollegen nahezu im Alleingang und wurde völlig zurecht nach der Partie auf das Podest beordert und stimmte mit uns das Europapokal-Lied an. Eines war zumindest garantiert, ob daheim oder auswärts: Tore fallen irgendwie immer, das letzte 0:0 ist nun schon sieben Jahre her.

Eine neue Erwartungshaltung

Das Stadion füllte sich, wobei „Füllen“ wie immer in den letzten Wochen relativ zu betrachten ist. Voll war das Stadion schon sehr lange nicht mehr, unser Durchschnitt bei Bundesligaspielen liegt bei gerade mal um die schätzungsweise 47.000 Besucher, Gästefans mit eingerechnet. 60.000 Zuschauer passen rein, wir sind weit entfernt davon, regelmäßig ausverkauft zu sein. Dabei gibt es genug Gründe, um optimistisch zu sein.

Wer, wenn nicht Thomas Schneider, ist in der Lage, dem VfB neues Leben einzuhauchen? Wir haben, abgesehen von Rijeka und Freiburg, erfolgreiche Wochen hinter uns, das macht definitiv Lust auf mehr. Hatte man vor einigen Wochen noch die Leute gefragt, was sie tippen würden, sie hätten auf „Maximal Unentschieden“ getippt, wenns gut läuft. Nach fünf Wochen unter Thomas Schneider ist jedes Unentschieden wohl kaum gut genug.

Die Erwartungshaltung ist nun schon wieder ziemlich hoch, was auch Gefahren birgt, manche sind im Nachhinein froh gewesen, dass es „nur“ einen Punkt gab. Ich gehöre eher zu denjenigen, die den zwei Punkten hinterher trauern werden. Mit einem Sieg könnten wir auf Platz vier kommen, wer hätte das gedacht nach diesem desaströsen Auftakt? Gedankenverloren schaute ich mich in der Kurve um und „parkte“ ein paar Minuten vor Abpfiff mein StoCCarda-Heft bei Sandro, im Trockenen, auf den Stufen des Stehplatzbereichs wäre es wohl nur nass geworden.

„Danke für die Choreographie“

Immer wieder überrascht uns die Mannschaft mit witzigen Aktionen, mit Filmchen, die sie extra für uns Fans gedreht haben, wie das kleine Weihnachtsvideo vom Spiel gegen Köln oder das Stehblockvideo zur Einstimmung auf das Pokalfinale. Auch dieses Mal kündigte uns Stadionsprecher Holger Laser ein Dankeschön-Video für die Choreographie gegen Frankfurt an, eine charmante und witzige Aktion.

Nach dem Training bauten sie eine kleine Choreographie nach, mit einem Rückblick auf unsere große Choreo, natürlich durfte auch das Wappen nicht fehlen \“ es war jenes Wappen, was bei der Mitgliederversammlung geschwind „ausgetauscht“ wurde. Dazu die Buchstaben „DANKE“, mit Megaphon und „1893“. Mit breit grinsenden Gesichtern schauten wir auf die Anzeigetafel, als sich hinter unserem Rücken die Mannschaft auf dem Platz warm machte.

Applaus brandete auf \“ solche Aktionen sind es, die ein tolles Gefühl vermitteln. „Oh VfB, hier im Stadion, schlägt dein Herz, lebt deine Tradition“ schrien wir hinaus zu den Jungs, mögen sie unsere Worte hören und sich zu Herzen nehmen. Wir stehen hinter euch, Jungs! Momente der Gänsehaut in den letzten Minuten vor dem Anpfiff. Die Mannschaftsaufstellung war ordentlich, bis auf die Tatsache, dass Timo Werner nach seiner eher unglücklichen Darbietung in Braunschweig nun wieder nur auf der Bank saß. Trotz allem war die Vorfreude groß.

Furioser Auftakt

Punkt 15:30 Uhr, Schiedsrichter Peter Sippel pfiff die Partie an, bei der ich mir in zwei Sachen ziemlich sicher war. Punkt 1: Alexandru Maxim bringt eine Vorlage, aus der ein Tor entsteht, entweder aus einer Ecke oder aus einem Freistoß. Punkt 2: nach seinem Formtief zuletzt würde es doch ideal ins Bild passen, dass ausgerechnet Martin Harnik treffen würde, es wäre nicht nur gut für ihn, denn Vedad Ibisevic wird uns nicht immer den Hals retten können, es wäre zudem auch noch so herrlich ironisch.

Viele der 50.410 Zuschauer, von denen nicht wenige vom Wasen „herübergespült“ wurden, hatten noch nicht einmal ihre Plätze eingenommen, als Ibrahima Traoré nur knapp das frühe 1:0 verfehlte, Sebastian Mielitz konnte klären, es war der Auftakt, den wir sehen wollten. Gleich rauf aufs Feld und richtig Dampf machen, nicht erst warten, bis der Gegner sein Spiel entfaltet hat, denn dann wird es, das wissen wir alle, unheimlich schwer, in die Spur zurück zu finden.

Kurz darauf scheiterte Vedad Ibisevic am kurzen Pfosten, es gab die erste Ecke des Spiels, gerade einmal fünf Minuten war das Spiel alt, als Alexandru Maxim zur Tat geschritten war. Alex und die ruhenden Bälle \“ das passt wie angegossen. Ich wandte mich zu einem unseren Fanclub-Kumpels, „Jetzt fällts 1:0″ meinte ich noch zu ihm. Warum auch nicht, hat ja in Braunschweig auch schon funktioniert sowie zahlreiche Male davor auch schon.

Wieder mit Ansage

Und auch dieses Mal sollte ich mich nicht täuschen. Gerade hatte ich meinen Satz ausgesprochen, da flog der Eckball auch schon weit aufs Spielfeld hinein, in Richtung langem Pfosten, Daniel Schwaab hatte noch die Ecke per Kopf verlängert, ob das Absicht war? Am langen Pfosten und völlig ungedeckt stand Martin Harnik, linkes Bein vor, rein ins Netz. Vor einigen Wochen hätte er ihn vielleicht noch an den Pfosten oder daran vorbei gesetzt. Nun war der Ball drin, direkt vor dem Gästeblock.

Immer wieder erinnert es mich an Dennis‘ Worte im Jahre 2010, was denn der VfB mit einem Krampenkicker wie ihm wollte. Genau das, lieber Dennis. War der Jubel des Österreichers in Braunschweig zum 0:4 noch recht verhalten und ohne den Anflug eines Lächelns, so war die Freude hier um einiges größer, da es so viel wichtiger war, hier schnell in Führung zu gehen. Da war er wieder, Thors Hammer.

Felix lachte mich am Abend zuvor noch aus, ich schaute den Film zum ersten Mal und meinte zwischendrin, ich sei davon überzeugt, unsere Nummer Sieben würde den Hammer wieder auspacken. Ein unheimlich wichtiges Tor in diesem Spiel und auch für die Psyche des Martin Harnik, der sein letztes Tor vor der Partie in Braunschweig am ersten Spieltag in Mainz erzielt hatte, das 3:2 in der 82. Minute reichte am Ende trotzdem nicht mehr.

Was ist los, Cannstatter Kurve?

Genau betrachtet war dieses Tor einstudiert und eine nahezu exakte Kopie des Tors gegen Frankfurt, auch da kam die Ecke von Alexandru Maxim, Christian Gentner verlängerte den Kopfball und am langen Pfosten stand Timo Werner, der nur noch einnicken musste. Viel zu lachen hatte Werder nicht wirklich in den ersten Minuten, abgesehen von einem Überraschungsschuss von Nils Petersen wollte bei den Bremern nicht wirklich zusammen laufen \“ nicht, dass uns das groß gestört hätte.

Trotz der frühen Führung und der jüngsten Erfolgserlebnisse in der Bundesliga (aber auch nur da…) wollte die Stimmung in der Cannstatter Kurve einfach nicht so recht in Schwung kommen, auch eine Sache, die ich einfach nicht nachvollziehen kann. Ein guter Support macht sich nicht von ganz alleine, jeder einzelne sollte seinen Teil dazu beitragen. Zu traurig, jedes Mal mit ansehen zu müssen, wie ein einzelner etwa 50 Zentimeter hoher Metallzaun das abrupte Stimmungsende zwischen den Blöcken 33 und 34 darstellt.

Nur ein paar Leute machen dann noch mit, völlig unverständlich in meinen Augen, nur in seltenen Fällen machen alle mit, so dass es wirklich viel Spaß macht, wie gegen Hoffenheim und streckenweise gegen Frankfurt \“ da ging was, so stellt man sich das vor. Viel Zeit zum Grübeln und Ärgern hatte ich nicht, das Spiel war packend und mitreißend, es machte Freude, den Jungs zuzusehen.

Vedads dritte Gelbe

In der Cannstatter Kurve wurde ein Transparent ausgerollt, das vielen von uns aus der Seele sprechen dürfte, die eingangs erwähnten Worte „Bazitrachten raus aus Stuttgart“ \“ die haben hier nun wirklich nichts verloren, das meine sogar ich, die erst denkbar spät den Weg zum VfB gefunden hat (besser als nie!) und ihre Kindheit jenseits der Mauer verbrachte. Wer Lederhose und Dirndl tragen möchte, dem steht es frei, das Oktoberfest zu besuchen, wo dies Tradition hat und gern gesehen ist, da möchte ich ja noch nicht einmal was sagen.

Ein Trend, den viele meinen, mitmachen zu müssen. Pfui Deifl! Während das Transparent noch in die Luft gehalten wurde und der Meinung eines großen Teils Bühne geboten wurde, fand vorne schon der nächste Angriff statt. Vedad Ibisevic steht derzeit nach wievor mit ganz oben in der Torjägerliste, heute wieder zu treffen, wäre sicher nicht schlecht. Und wieder war er unterwegs.

Schon fast war er durch, kam dann aber noch vor der Strafraumgrenze zu Fall, offenbar hatte Luca Caldirola ihn mit einem ausgestellten Bein am Durchlaufen hindern wollen. Gibt Freistoß, dessen waren wir uns sicher, vielleicht noch Gelb für den Bremer. Stattdessen gab es Gelb für eine Schwalbe. Nanu? Beim genaueren Betrachten der Bilder zieht der Bremer aber noch seinen Fuß zurück. Eine Schwalbe war es nicht, doch war es auch kein freistoßwürdiges Foul. Knifflige Situation, aber kein Grund, völlig auszurasten, wie so manche andere in der Kurve.

Die Angst vor dem Strafstoß

Sie gingen sehr engagiert zu Werke in den ersten Minuten, sie überrannten die Bremer förmlich, genau so wollten wir das gerne sehen. Mit zunehmender Spieldauer ebbte die Aggressivität im Spiel aber ab und so gestattete man schließlich doch den Bremern, ins Spiel zu finden. Hinten standen unsere Jungs ziemlich gut, und wenn nach vorne etwas ging, wurde es stets gefährlich.

Eine halbe Stunde war vorbei, und nachdem die Bremer Abwehr mehrmals in höchster Not klären musste, folgte eine Ecke nach der anderen. Immer wieder brachte Alexandru Maxim die Ecken hinein, gar nicht schlecht getreten, doch wollte der Ball einfach nicht ins Tor. Man konnte nicht ahnen, wie sehr wir gerade dann in der zweiten Halbzeit mit der Chancenverwertung hadern würden.

Zehn Minuten noch in der ersten Halbzeit, Werder kam mit einem ihrer wenigen Annäherungsversuche in Richtung Torsten Kirschbaum, der auch in diesem Spiel den an der Hand verletzten Sven Ulreich vertreten musste. Mehmet Ekici war auf dem Weg in den Strafraum, als Christian Gentner klären wollte, ein kurzer Pfiff und die Angst war riesengroß vor dem, was jetzt wahrscheinlich folgen würde.

Einmal kurz nicht aufgepasst

Offenbar würde es gleich Elfmeter für Werder geben. Umso überraschter waren wir, als Peter Sippel den gelben Karton aus seiner Brusttasche zog und sie dem türkischen Nationalspieler zeigte. Ebenfalls eine Schwalbe?! Gesehen hatte ich es von meinem Standpunkt in der Cannstatter Kurve nicht. Hier war die Entscheidung auf Schwalbe wohl noch klarer als bei der Szene mit Martin Harnik: unser Kapitän berührte den Bremer noch nicht einmal.

Beschwert hatte sich keiner der Gäste, im ersten Moment fürchtete man tatsächlich, es würde den Elfmeter geben. Wenige Sekunden später war Daniel Schwaab in der Abwehr gefragt, in aller Seelenruhe oblag es ihm, den Ball aus dem Gefahrenbereich entweder herauszuholzen und weit nach vorne zu schlagen, oder \“ noch besser \“ das Spiel von hinten heraus aufzubauen. Er entschied sich für etwas Undefinierbares, was irgendwo dazwischen lag: den flachen Pass nach vorne, direkt vor die Füße des Gegners.

Zlatko Junuzovic konnte den Ball für sich behaupten, Antonio Rüdiger ging nicht energisch genug zu Werke, offenbar aus Angst, damit einen Strafstoß zu provozieren, so konnte Martin Harniks Nationalmannschaftkollege aus den Reihen der Bremer noch flanken, Arthur Boka grätschte den Ball noch weg, nur leider da hin, wo er erst herkam, zu Zlatko Junuzovic. Wieder schlief unser großer, bulliger Innenverteidiger, eine erneute Flanke und Nils Petersen musste nur noch den Fuß hinhalten. Der Ausgleich für Werder.

Der Ausgleich aus dem Nichts

Unnötig, Leute, so unnötig wie ein Kropf. Das ist die Strafe, dass unsere Jungs ihre vielen Chancen zuvor nicht genutzt hatten, und obwohl sie ein wenig zurück geschaltet hatten, man kann nicht wirklich sagen, dass es sich angekündigt hatte, im Gegenteil. Zu wissen, dass der VfB näher am 2:0 dran war als Werder dem Ausgleich, ist bitter und enttäuschend. Für einen Moment erstarrte ich, und während die Kurve bereits wieder gesungen hatte und unsere Mannschaft wieder nach vorne schrie, konnte ich es noch kaum fassen.

Gute Laune natürlich beim mitgereisten Anhang, lange Gesichter in der Cannstatter Kurve. Die Jungs waren durchaus um eine schnelle Antwort bemüht, das sagt auch die Statistik von ca. 90% angekommenen Pässen und weiteren Vorstößen nach vorne, doch so recht wollte in den letzten Minuten der ersten Halbzeit nichts gelingen. Mit dem 1:1 ging es dann erstmal in die Pause.

Viele strömten aus dem Stehplatzbereich nach draußen für einen Toilettengang und/oder um die Imbissstände aufzusuchen, literweise Bier, Würste und Pizzen wurden innerhalb der Viertelstunde an mir vorbei getragen. Mit ein wenig Sorge dachte ich an den zweiten Durchgang. Sie waren überlegen, doch das Gegentor machte mich nachdenklich. Sie werden doch nicht anfangen, die Bremer, die bereits unter die Räder gekommen waren, wieder aufzurichten.

Nichts zu melden für Werder

Mein Nebensteher meinte noch, dass es jetzt eine richtig deftige Halbzeitansprache braucht, doch ist dies nicht die Spezialität von Thomas Schneider, der die Aufnahmefähigkeit vor dem Spiel und in der Halbzeitpause nur für begrenzt hält. So Unrecht hat er da nicht, unser neuer Coach. Doch ein paar Worte, um die Konzentration zu schärfen, tun mit Sicherheit gut in so einer Phase des Spiels, in der es bereits 3:1 hätte stehen müssen, wenn man die Chancen, die gegen Braunschweig noch alle im Tor gelandet waren, auch genutzt hätte.

Man überrannte die Bremer förmlich, die gar nicht so recht wussten, wie ihnen geschah. Sie stellten sich schließlich einfach nur noch hinten rein und entschieden sich, offensiv am Spiel nicht mehr Teil zu nehmen. Sie machten uns das Leben schwer, die Bremer. Ein Ballbesitz von gefühlt 90% ließen sie immer wieder nach vorne rennen, angeheizt von der Kurve, die sich so langsam eingesungen hatte und minütlich lauter und euphorischer wurde.

Das zweite Tor lag in der Luft, man konnte es schon riechen, der Duft wehte in unsere Reihen, jedes Mal, wenn die Jungs in unsere Richtung rannten. Ob es Alexandru Maxim aus 20 Metern direkt probierte, über eine Ecke auf den Kopf von Vedad Ibisevic, mit mehreren direkten Pässen in den Lauf von Martin Harnik, die Chancen, die sie sich gegen mauernde Bremer erarbeitet hatten, würden für drei weitere Spiele ausreichen.

Ecken im Minutentakt

Knapp vorbei, Abseits, Sebastian Mielitz oder ein Bremer Abwehrspieler, irgendwas kam immer dazwischen, was das zweite Tor verhinderte, was selten so verdient gewesen war wie in dieser Situation. Wirklich viel war den Bremern nicht eingefallen, den Ball von ihrem Kasten fern zu halten, viele verzweifelte Klärungsversuche mündeten in zahlreiche Ecken für den VfB. Beinahe im Minutentakt musste Alexandru Maxim antreten, um die Ecken zu bringen, jede von ihnen birgt Gefahr für den Gegner und ist potentielle Vorbereitung zu einem Tor, egal zu welcher Phase des Spiels.

Gut 20 Minuten waren noch zu spielen, nach unzähligen Versuchen war der Ball dann endlich im Netz \“ nur leider ungültig, dass Peter Sippel die Situation bereits abgepfiffen hatte, habe ich gleich gesehen, bzw. gehört. Der Jubel Zehntausender, so sehnsüchtig erwartet, so bitter mussten wir ihn wieder ruhen lassen. Das wäre es gewesen, das Tor, auf dass man so lange nun hingearbeitet hat. Martin Harnik hatte den Ball noch reingeben wollen, Vedad Ibisevic drosch aus kürzester Distanz den Ball in die Maschen, nur leider war das runde Leder schon hinter der Torauslinie.

Etwas Zeit blieb ja noch, doch mit jeder Chance, die unsere Jungs nach vorne trieb, desto leichtsinniger und offener wurden sie hinten und gaben Raum für Konter. Gut für uns, dass Bremen anscheinend keine Lust hatte, etwas anderes zu tun als nur hinten drin zu stehen. Alles nach vorne, immer und immer wieder, es schien nur eine Frage der Zeit, bis es endlich fällt und alle Dämme in der Kurve brechen würden. Wir mussten uns anscheinend in Geduld üben.

Heilandsack, diese Chancenverwertung!

Die letzten zehn Minuten waren angelaufen, Thomas Schneider hatte noch nicht gewechselt. Warum so lange warten? Wäre es nicht sinnvoll gewesen, in dieser Sturm- und Drangphase unserer Jungs einen frischen Spieler zu bringen, der offensiv noch Akzente setzen kann und in einer solchen Partie, in der der Ball einfach nicht ins Netz will, einfach nur goldrichtig steht und den Kopf oder den Fuß hinhält? 70% Ballbesitz. Siebzig Prozent! Damit muss doch mal irgendjemand was anfangen können! Es war zum Haare raufen.

Der VfB immer wieder im Vorwärtsgang, Werder völlig, aber auch wirklich komplett abgemeldet, sie holzten einfach nur noch alles weg, darunter auch das Bein von Martin Harnik, der sehr fleißig war und sich wirklich bemühte. Das Ganze fand im Strafraum statt, auf den Elfmeterpfiff warteten wir vergeblich und mussten uns schließlich damit abfinden, dass es uns vermutlich nie wieder so leicht gemacht werden würde, am Ende aus einem Unentschieden noch einen Sieg zu machen, der verschossene Elfmeter gegen Frankfurt wird noch laaaaange im Gedächtnis haften bleiben.

Sie kämpften, sie fighteten, sie rannten, sie taten alles, um den zweiten Treffer doch noch irgendwie über die Linie zu bringen. Das wussten wir Fans zu schätzen und gaben gerade in den letzten Minuten noch einmal Vollgas, applaudierten Arthur Boka, der beim Versuch, einen bereits ins Toraus gekullerten Ball noch zu retten, einen der Bremer Einwechselspieler von den Beinen holte. Kampf und Leidenschaft, das wollen wir sehen, so oft haben wir schon vor heimischer Kulisse leiden müssen, wenn wir die vergangene Saison mit dazu rechnen.

Warten auf den „Lucky Punch“

Unser Co-Trainer Tomislav Maric rief ihn herbei, unseren Youngster. Lange hatte er sich vor der Untertürkheimer Kurve warm gemacht, lange mussten wir warten auf den ersten Wechsel unserer Mannschaft. Zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit kam Timo Werner für den emsigen Ibrahima Traoré ins Spiel. Ein Bremer wusste inzwischen genau, wie er eine ganze Kurve gegen sich aufbringen kann: das nie enden wollende Zeitspiel des Sebastian Mielitz, immer wieder Zielscheibe des Zorns, zu Recht.

Zwei Minuten Nachspielzeit, wir mussten die Jungs nicht einmal mehr für die letzten Sekunden nach vorne schreien, sie waren immer nur im Vorwärtsgang in der kompletten zweiten Halbzeit und weiten Teilen der ersten Halbzeit. Hier braucht es einen „Lucky Punch“, einen Siegtreffer in letzter Minute. Man stelle sich nur vor, was hier los gewesen wäre, wäre hier im letzten Moment noch der Ball über die Linie gegangen.

So etwas hat es hier schon lange nicht mehr gegeben, blättere ich durch virtuelle Statistiken, so ist bereits fast ein Jahr vergangen, seit der VfB einen späten Siegtreffer in einem Bundesliga-Heimspiel markierte, es war Vedad Ibisevics 2:1 gegen Frankfurt in der 84. Minute. Das letzte Mal in der Nachspielzeit ist sogar noch länger her. Vier einhalb Jahre, ein Spiel, dass ich nie vergessen werde. Der Schiedsrichter hatte bereits die Pfeife im Mund, als ein wenige Wochen später nach München abgewanderter Stürmer in der 92. Minute den 1:0-Siegtreffer gegen Hamburg schoss.

Sekunden der Panik

Mit diesem einen Spiel am 12. April 2009 fiel letztendlich meine Entscheidung für die Dauerkarte, drei Jahre lang hatte ich kein einziges Heimspiel mehr verpasst, weder Bundesliga, noch DFB-Pokal, noch Champions League \“ bis schließlich meine Knie-Operation im Februar 2012 meine Serie reißen ließ. Der VfB hatte es in den letzten Jahren nicht so mit Last-Minute-Treffern vor heimischem Publikum, zumindest nicht auf der richtigen Seite.

Die vermutlich letzte Aktion in dieser Partie, Alexandru Maxim stand bereit zu \“ nein, nicht Eckball – einem Freistoß in nicht ungefährlicher Position. Wir wissen, wie gefährlich er sein kann, wieviel er drauf hat. Es schien am Ende fast so, als hätte der Fußballgott etwas dagegen gehabt, dass wir hier noch als Sieger vom Platz gehen. Der Freistoß konnte noch geklärt werden, wieder Abstoß von Sebastian Mielitz, wieder Zeitspiel. Gelbe Karte? Fehlanzeige!

Ein langer Abschlag nach vorn, Sekunden vor dem Schluss. Flashback! Ewig lang siegte der VfB nicht mehr in letzter Sekunde, dafür kassierten sie recht häufig im letzten Moment noch ein folgenschweres Tor, zuletzt in der 94. Minute gegen Rijeka, was den Ausgleich und das damit verbundene Aus in den Europa League Play-Offs bedeutete. Es wurde schnell unruhig im Stadion, als der Ball eine gefühlte Ewigkeit in der Luft war. Wie war das Sprichwort noch gleich, „Wenn du die Tore vorne nicht machst…“?!

Super Leistung, bis aufs Ergebnis

Es blieb uns erspart. Peter Sippel pfiff um 17:22 Uhr die Partie ab und ließ uns mit einem etwas fragenden Blick zurück. Definitiv zwei Punkte zu wenig. Bereits gegen Frankfurt ließ man Punkte liegen, und nun auch noch gegen mauernde Bremer, die nichts zum Spiel beigetragen haben, außer in der Abwehr Beton anzumischen. So richtig wusste ich damit nichts anzufangen, schaute in die Gesichter der Fans, die neben mir standen. Für Begeisterungsstürme konnte dieses 1:1 nicht gerade sorgen, Angst und Bange musste uns nun deswegen nicht sein.

Weiterhin ungeschlagen unter Thomas Schneider, ein leidenschaftlicher Kampf, wo lediglich die Chancenverwertung zu bemängeln waren. Weiter machen, weiter arbeiten, weiter kämpfen, wenn sie das beherzigen, was sie in diesen 92 Minuten angetrieben hat, so dürfen wir unsere Blicke nach vorne richten. Langsam liefen sie zu unserer Cannstatter Kurve, holten sich ihren verdienten Applaus ab, nicht ohne ein nochmaliges Einheizen unserer Ultras. Die Treppen waren verstopft, es dauerte, bis ich Sandro am oberen Ende erreicht hatte.

Sorgsam hatte er mein StoCCarda aufbewahrt, ein paar Worte wechselten wir noch, bevor ich mir meinen Weg nach draußen bahnen musste. Ich freue mich auf Hamburg, denn Sandro ist wieder mit dabei, somit steht einem weiteren Auswärtssieg nichts im Wege, da kann man auch die beiden liegen gelassenen Punkte verschmerzen. Nun ist erst mal Länderspielpause, Zeit genug für Thomas Schneider und sein engagiertes Team, etwas die Chancenverwertung zu üben. Dann klappts auch mit den verdienten Siegen, da bin ich mir sicher.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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