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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Vorne Hui und hinten Pfui

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„Also vorne spielen wir Europapokal, aber hinten ist Abstiegskampf angesagt“ – das waren die Worte eines VfB-Fans, der im gleichen Bus saß wie wir. Einmal quer durch Deutschland und zurück, am Ende wieder einmal zwei Punkte liegen lassen. Wie auch gegen Frankfurt und Bremen, wirklich glücklich machte es einen nicht. Die Chancenverwertung ist ein wenig besser geworden, brandgefährliche Standards, aber hinten die Abwehr wackelt nach wie vor, ein weiteres Mal brachten wir uns selbst um den nicht unverdienten Lohn.

SiegSiegUnentschiedenSiegUnentschieden – Unentschieden. So liest sich die Bundesliga-Bilanz von Thomas Schneider. Nicht schlecht, auch wenn man bedenkt, dass unsere Saison mit Niederlage – NiederlageNiederlage begann. Zwei Wochen waren vergangen seit unserem letzten Spiel. Die Länderspielpause nutzten Felix und ich für einen Kurzurlaub in Strasbourg bei spätsommerlichen Wetter und hunderten Fotos, nun wurde es mal wieder Zeit, dass es uns hinaus treibt in die weite Welt.

666 Kilometer. So zumindest laut Google Maps die exakte Entfernung. Mit DFB-Pokal und Europa League haben wir bereits 2.358 Auswärts-Kilometer hinter uns gebracht, mit der Fahrt nach Hamburg überschreiten wir bereits im Oktober die 3.000-Kilometer-Marke. Dank der Spiele in Rijeka, Berlin und Braunschweig ist schon einiges zusammen gekommen. Da machen auch die paar hundert Kilometer in die Hansestadt nichts mehr aus. Mit schönen Erinnerungen an die letzten Ergebnisse im Volksparkstadion freuten wir uns schon sehr auf die Fahrt und das Spiel.

Mit dem Bus durch die Republik

Anders als im Falle von Braunschweig habe ich nicht die Nacht durch gemacht, das sollte mir eine Lehre gewesen sein, zwei fast durchzechte Nächte haben meinem Kreislauf nicht gut getan. Um drei Uhr war die Nacht vorbei, schnell noch fertig machen, das Vesper richten, die Kameras und den Laptop bereit machen und ein kleines Frühstück. Halb fünf erreichten wir den vereinbarten Treffpunkt, mit den Jungs und Mädels vom Schwabensturm ging es auf die Reise, wenn auch nicht in gewohnter Schlagzahl, viele bekannte Gesichter fehlten.

Doch wen wundert es, ist die Ansetzung am Sonntag Nachmittag bei so einer weiten Entfernung doch mehr als ungünstig. Mindestens vier Busse (ich weiß nicht genau, wieviele es letztendlich waren) machten sich in den frühen Morgenstunden auf den Weg. Alles für den Verein mit Tradition aus Cannstatt. Dass wir wie zuletzt in Braunschweig ein zeitliches Problem bekommen könnten, kam mir nicht in den Sinn, oder wollte es zumindest nicht in Erinnerung rufen.

Ein erster Schritt für mehr Gelassenheit und für ein entspannteres Leben als Fußballfan, dass ja ohnehin so viele Unwägbarkeiten mit sich bringt. Ich blieb ruhig, obwohl wir 15 Minuten nach geplanter Abfahrtszeit losfuhren, jede Pause wurde mehrere Minuten überzogen und ein kleiner, aber nicht weiter tragischer Stau nach etwa drei Viertel der Strecke. Kein Grund zur Panik, zumindest noch nicht. Es war eine ruhige und entspannte Fahrt gen Norden, die die meisten zum Schlaf nachholen (oder alternativ: zum Vorschlafen) genutzt hatten.

Die Panik kommt zum Schluss

Langsam bahnte sich der Konvoi von unseren drei Bussen über die A7 in den Norden Deutschlands, die zunächst angepeilte Ankunft um ca. 14 Uhr wurde allmählich hinfällig, doch noch blieb ich relaxt. Erst als die Uhrzeit auf dem Display über dem Busfahrer immer weiter fortschritt und die Unruhe bei den Nebensitzern langsam größer wurde, fing auch ich an, mir Gedanken zu machen. Es wird doch nicht etwa wieder so knapp oder gar zu spät werden? Abgesehen von dem kleinen Stau sind wir gut durchgekommen, und dennoch wurde der Zeitpuffer immer kleiner.

Glücksbringer Sandro fragte auch schon nach, per WhatsApp schickte ich ihm eine aktuelle Standort-Karte, was wohl nicht wirklich funktioniert hatte, später meinte er, es hätte gut anderthalb Stunden Entfernung angezeigt. Wohlgemerkt war es hier bereits schon anderthalb Stunden vor Anpfiff, reichlich spät, wenn man bedenkt, dass wir meist spätestens eine Stunde vor Anpfiff im Block sind, ob daheim oder auswärts. „Ruhig bleiben“ lautete die Devise.

Eine Stunde später waren wir immernoch nicht ganz am Volksparkstadion angekommen, begleitet von Kastenwägen der örtlichen Polizei durften wir bis direkt vor den Gästeblock fahren, somit blieb uns ein Fußmarsch erspart. Nur noch wenige Meter, schnell das Bauchtäschle umgeschnallt, den Schal darübergehangen, Pulli an und die Kamera gekrallt.

Die Große war dabei

Um meine Schultern trug ich nicht meine kleine Stadionkamera. Die „Große“ war dabei, dank des HSV-Fanbeauftragten Thorsten Eickmeier, mit dem ich am Freitag telefoniert hatte und mir die Erlaubnis eingeholt hatte \“ danke nochmal! Schnell durch die Sicherheitskontrolle und hinein in den Block, für großes Plaudern blieb keine Zeit, der Gästebereich war schon recht voll. Sowohl bei Markus von der Cannstatter Kurve Berlin als auch bei beim sächsischen Kollegen Nico blieb nur kurz Zeit für ein hastiges „Hallo“.

„Zehn Meter runter und dann rechts“, so die Anweisung von Sandro, wo ich ihn denn finden würde. Im Entfernungen abschätzen war ich noch nie besonders gut, also ging es nach Augenmaß. Schnell fand ich ihn, an zahlreichen Leuten musste ich mich dann aber dennoch vorbei quetschen. Gut 2.000 Stuttgarter Fans hatten sich auf den Weg gemacht, ob aus dem Ländle, aus Sachsen oder von sonstwo her, eine beachtliche Zahl für ein Sonntagsspiel bei einer Entfernung, die innerhalb der Bundesliga nicht höher sein kann.

Wenige Minuten nur noch bis zum Anpfiff. Wir hatten es rechtzeitig ins Stadion geschafft, das war fürs erste wichtig. Ich hatte den Glücksbringer bei mir, so wirklich schief gehen konnte das also gar nicht. Hier in Hamburg hat alles angefangen. Hier war mein erster Stadionbesuch, hier traf ich vor fast einem Jahr Sandro, der mir seither bei allen Bundesliga-Auswärtsspielen den Sieg gebracht hat. Unsere Statistik kann sich sehen lassen! Vorletztes Jahr verfolgte ich vorm Fernseher den 4:0-Auswärtssieg, letzte Saison war ich beim 1:0-Auswärtssieg dabei. Darf natürlich gerne wiederholt werden.

Auftakt nach Maß

Begleitet von der hoffnungsvollen Erwartung von 53.167 Zuschauern führte Tobias Welz beide Mannschaften aufs Feld, es war angerichtet für das 97. Duell unserer Vereine. Die Jungs trugen die schwarzen Auswärtsleibchen, die Hanseaten spielten wie gewohnt in Weiß. Einen Szenenapplaus gab es noch für Linienrichter, die die Tornetze besonders gründlich kontrollierten \“ am Freitag sorgte ein Loch im Netz für einen irreguläres Phantomtor beim Spiel Hoffenheim gegen Leverkusen und damit verbunden zu großen Diskussionen.

Der Ball rollte, der VfB spielte zunächst auf das Tor vor der Hamburger Nordkurve. Wenige Minuten waren erst gespielt, viele hatten noch nicht einmal ihren Platz eingenommen. Kaum zu glauben, was wir hier zu sehen bekamen. Ich war gerade mit der Kamera beschäftigt und schoss die ersten Bilder des Gästeblocks, als sich die Stimmen erhoben in unseren Reihen. Passiert da vorne etwa schon was? Ein erster Angriff rollte auf René Adler, den gebürtigen Leipziger, zu.

Wer, wenn nicht er? Aktuell ist er der Beste auf dem Feld, im Sturm eroberte er die Herzen der Fans, entzückte die Kritiker und ließ nun fast im Alleingang den Dino ganz alt aussehen. Alexandru Maxim vollstreckte künstlerisch zum 0:1, schnell, wunderschön und schnörkellos. Bitte gebt diesem Mann einen Vertrag auf Lebenszeit! Über die bisherige Saison zusammen gerechnet, inklusive DFB-Pokal und Europa League hat unsere Nummer 44 schon vier Tore und acht Vorlagen auf dem Konto.

Gute Stimmung auf beiden Seiten

Respektable Leistung für jemanden, der als unscheinbarer Notkauf am letzten Tag der Winter-Transferperiode verpflichtet wurde. Die Freude war selbstredend groß, und wie leise es auf einmal im Rest des Stadions war, ist schon wirklich erstaunlich gewesen. Doch kam das Tor für den VfB nicht schon ein wenig „zu früh“? Das Spiel ist noch lang, es kann (und wie sich bald herausstellte: es wird!) viel passieren. Trotz des frühen Rückstandes waren die Hamburger Spieler relativ unbeeindruckt, ein großes Maß an Verunsicherung hätten wir natürlich gerne gesehen.

Das Spiel war noch nicht alt, aber es machte sich schnell bemerkbar: wenn die Abwehr nicht absolut wasserdicht ist, wird es schwer werden an diesem Sonntag Nachmittag. Solange die Hamburger noch nicht wirklich gefährlich sind, wie Rafael van der Vaart eindrucksvoll bewies mit einem Pressschlag zurück in die eigene Hälfte, sollte uns nicht allzu viel passieren können. Trotz allem wissen wir, wie gefährlich die Hanseaten sein können, wenn sie wollen.

Die Stimmung war gut im Gästeblock, zumindest in der vorderen Hälfte, dahinter verlief es sich leider wie so oft. Es wurde gesungen und mitgehüpft, wenn auch im hinteren Bereich nicht sehr intensiv. Was machen diese Leute eigentlich hier? Warum fährt man nach Hamburg, um dort teilweise mit verschränkten Armen an einem Fleck zu stehen und seine Stimme für den Verein nicht erheben zu können? Ich verstehe es nicht und werde es wahrscheinlich auch nie verstehen.

Das Hadern mit den vergebenen Chancen

Auch die Gastgeber erwiesen sich als lautes und gut supportendes Publikum, ansehnlich und akustisch durchaus zu vernehmen, soviel Respekt dem Gegner muss man dann schon haben \“ auch, wenn das meist nicht unbedingt meine Stärke ist. Mit ein wenig Fortune hätte es nach 15 Minuten beinahe schon 0:2 gestanden, Vedad Ibisevics Flachschuss verfehlte das Tor meines Landsmanns nur knapp \“ wer weiß, wie das Spiel dann hätte enden können.

Ein stiller Seufzer vorm heimischen Rechner beim Schreiben dieser Zeilen, Wehmut schwingt mit bei dem Gedanken an das, was der VfB ein weiteres Mal fahrlässig liegen ließ. Auf der anderen Seite hingegen vertrat Thorsten Kirschbaum unseren verletzten Stammtorhüter Sven Ulreich ein weiteres Mal, er machte es prima, als er bei einem Schuss aus zweiter Reihe sofort abgetaucht war.

Die Spielminuten schritten fort, immer wieder blickte ich durch den Sucher meiner Kamera, auf der Suche nach guten Motiven. Das würde sich garantiert in der Bearbeitungszeit der Bilder niederschlagen, für die Aufbereitung von Fotos mit der Großen brauche ich stets sehr viel länger als bei normalen Fotos mit der normalen Stadionkamera. Wie gut, dass ich den Ersatzakku für den Laptop noch in den Rucksack gesteckt hatte.

Unglücklicher Ausgleich

Etwas mehr als 20 Minuten waren bereits gespielt, statt nach vorne zu spielen, schienen sich unsere Jungs aber unverständlicherweise hinten einigeln zu wollen. Wozu denn, sie führten doch?! Im Zweikampf mit Hakan Calhanoglu verlor William Kvist den Ball, der unter Thomas Schneider neues Vertrauen und neues Selbstbewusstsein erleben durfte, ohne den er vermutlich im Winter gewechselt hätte (was hoffentlich nicht der Fall sein wird), so stark er auf einmal auch aufspielte, hier hat er sich austanzen lassen, leichte Beute für Türken im Dress des HSV.

Weiter ging es mit einem Hackentrick zu Tolgay Arslan, unser Däne wollte seinen Fehler wieder gut machen, rutschte vor ihm aber im Strafraum aus, auch Thorsten Kirschbaum war in seiner Verzweiflung aus seinem Tor herausgerannt. Eine einzige Flanke in die Mitte reichte, um den Ausgleich zu markieren: das 1:1 durch Pierre-Michel Lasogga, der vor zwei Wochen innerhalb von nur neun Minuten einen Hattrick gegen Nürnberg fabrizierte.

Wie unglücklich ist das denn zustande gekommen? Man kann nicht wirklich sagen, dass es völlig aus dem Nichts kam, der Rückzug in die Defensive nach dem Führungstreffer ist schlichtweg unverständlich. Und Hamburg nutzte das eben aus, begünstigt von einer unglücklichen Fehlerkette unserer Nummer Vier. Bitter, einfach bitter. Es ist das erste Mal seit fast drei Jahren, dass sie daheim gegen uns jubeln durften, eine Erfahrung, auf die ich liebend gern verzichtet hätte.

Wieder mit Ansage

Sie brauchten ein wenig, um sich wieder zu fangen, man begegnete sich wieder auf Augenhöhe. Spätestens beim Keeper war auf beiden Seiten Endstation, das Geschehen beruhigte sich wieder ein wenig. Auf dem Weg zur Halbzeitpause sangen wir „Auf gehts Jungs aus Cannstatt, schießt ein Tor“ \“ und als hätten sie uns erhört, sorgte ein Freistoß für den VfB für große Gefahr, zumindest für das gegnerische Tor.

Freistoß! Ding, ding, ding, ding, ding, ding! „Pass auf Sandro, jetzt kommts 1:2!“, ich drehte mich kurz um zu meinem Glücksbringer, der mit seiner Freundin Betti ein Liebeswochenende in der Hansestadt verbracht hatte, in freudiger Erwartung auf das, was jetzt folgt. Alexandru Maxim und die ruhenden Bälle, das passt einfach. Ibrahima Traoré hatte nach 37 Minuten einen Freistoß herausgeholt nach einem Foul von Jacques Zoua.

Wäre nicht das erste und garantiert auch nicht das letzte Mal, dass ich ganz genau spüre, wann die ruhenden Bälle unseres Juwels den Weg ins Tor finden. Auch die Ausführung war nichts Neues, hineingeben, einer verlängert flach per Kopf und der Spieler, der am langen Pfosten zugeteilt ist, köpft einfach hinein. Klingt unheimlich einfach und ist unheimlich erfolgreich. Es war der Kopf unseres Kapitäns, der den VfB wieder in Front brachte, Christian Gentner war zuletzt dran, wir führten wieder, die nächste Bierdusche für meine Spiegelreflexkamera.

Zufrieden in die Halbzeitpause

Schnell abgetupft mit einem Taschentuch und sich wieder der unbedändigen Freude im Block 14 A gewidmet, solche Momente machen einfach nur Spaß. Zwei Mal verfehlte Vedad Ibisevic wenige Minuten später nur knapp das 1:3, was kurz vor der Halbzeitpause zur perfekten Zeit gekommen wäre. Erst rutschte ihm der Ball über den Schlappen, dann köpfte er einen Abklatscher des Ersatz-Nationaltorwarts über das Tor, letzteres wäre aber ohnehin Abseits gewesen.

So ging es nun mit einem knappen Vorsprung in die Halbzeitpause, ein breites Grinsen in meinem Gesicht ließ sich daher nicht vermeiden. Wenn auch nicht ganz ohne zumindest eine kleine Sorgenfalte, der Ausgleich war unnötig und offenbarte doch ein weiteres Mal unsere Schwächen in der Abwehr. Sei es drum, 45 Minuten war ja noch Zeit, den Sieg zu erhöhen oder zumindest zu halten. Wie blöd wäre es denn bitte, 666 Kilometer für umsonst gefahren zu sein? Auch das hat es schon gegeben, wie sich Felix noch erinnert.

Eben jener stand wie immer ganz woanders, um eine andere Fotoperspektive liefern zu können, in der Halbzeit kam er kurz vorbei. Er musste so grinsen, als Alexandru Maxim das Tor erzielt hatte, weiß er doch, dass ich mich dann ganz besonders freue. Wie ein verliebter Teenager hatte ich ein paar Tage zuvor gestrahlt, als ich nach dem Mannschaftstraining ein Foto mit dem Rumänen gemacht hatte. Fotograf: Felix. Eifersucht? Das müsst ihr ihn selbst fragen.

Erneuter Rückschlag

Zu Beginn des zweiten Durchgangs kam beim HSV Maximilian Beister für Jacques Zoua, Thomas Schneider hingegen ließ alle elf Akteure auf dem Feld. Sie schenkten sich nicht viel, die Mannschaften, beide spielten fleißig nach vorne, es war ein Spiel für die Offensive, mit Abwehrkleistung konnte diese Partie nun wahrlich nicht glänzen. Immer wieder offenbarte sich Gotoku Sakai als Schwachstelle in der Abwehr, es sollte noch Folgen haben.

Zehn Minuten waren in Halbzeit Zwei gespielt, da ließ er sich wieder überlaufen, ein Problem, was der Japaner endlich in den Griff bekommen sollte. Dann ging es ganz schnell, das Unheil hatte ich schon kommen sehen. Marcell Jansen war durch, eine Flanke auf den erst eingewechselten Maximilian Beister und schon war der Ausgleich schon wieder da. Das gibts doch gar nicht!

Durch die Beine von Thorsten Kirschbaum. Da stellt sich die Frage: hätte er da etwas machen können? Der Frust war groß, der Blick nach rechts, wo jenseits des Zauns die HSV-Fans freudig aufgesprungen waren, blieb nicht aus. Die reinste Provokation, doch würden wir es andersrum denn anders machen? Würde es genau so weiter gehen, wie bisher, wäre die nächste Aktion ein Tor für den VfB.

Die Abwehr wackelt gewaltig

Wenn Fußball nur aus vorhersehbaren und abwägbaren Szenen bestehen würde, wäre es ja schnell langweilig. Alles andere als langweilig war diese Partie, zu meinem ganz persönlichen Leidwesen war die Partie offener als ich gehofft hatte. Immer mit Hoffnung, als Sieger wieder die lange Heimreise antreten zu können, doch auch stets mit Angst, das der Weg für umsonst war. Ich zitterte, als ich den HSV in einer Drangphase gesehen hatte.

Herzlichen Dank an unseren Thorsten Kirschbaum, ohne ihn hätte es wenige Minuten nach dem erneuten Ausgleich auch 3:2 für die Rothosen stehen können, unfassbar, wie er den noch rausgeholt hat. Ein Kopfball nach einer Ecke hätte eigentlich fast genau gepasst, die Hand des aus Cottbus gekommenen Torwarts war noch dazwischen, doch konnte er nur abklatschen, ein möglicher Nachschuss hätte spätestens dann im Tor versenkt werden müssen, im Verbund klärte man, gemeinsam und in allerhöchster Not. Puuuuh!

Die Eckbälle, die in dieser Phase des Spiels vor der Hamburger Nordkurve ausgeführt wurden, ich hatte sie nicht zählen können. Kleinliche Schiedsrichterentscheidungen, die Fouls an unseren eigenen Spielern weitgehend unbeachtet ließen und dafür jeden Schubser beim Gegner sofort mit Freistoß geahndet hatten, sorgten für eine aufgeheizte Stimmung im Gästeblock. Das Chancengewitter der Gastgeber sorgte bei mir für ein kalkweißes Gesicht.

Was für ein verrücktes Spiel!

Die heimischen Fans wurden von ihren Spielern zum lauten Support aufgefordert, etwas, was ich mir auch in Stuttgart noch mehr wünschen würde. Mit viel Hoffen und Bangen überstanden sie den Sturmlauf der Gastgeber unbeschadet, verloren dabei nie die eigene Offensive aus den Augen, sofern sie mal in Ballbesitz waren. Der Ball kam zu Ibrahima Traoré, seine Flanken bringt uns immer wieder in aussichtsreiche Situationen. Sie spielten nun auf das Tor vor dem Gästeblock, wie sehr ich mir doch wünschte, das letzte Tor in diesem Spiel würde auf dieser Seite fallen.

Heiko Westermann konnte nichts ausrichten, die Flanke kam hinein, vorne stand Vedad Ibisevic, dicht gedeckt von Johan Djourou. Und auf einmal war der Ball drin, endlich, endlich, endlich! Ein verrücktes Spiel hier, zehn Minuten nach dem Ausgleich lagen wir schon wieder vorn. Gefeiert wurde Vedad Ibisevic, später sollte es aber nicht auf sein Scorer-Konto gutgeschrieben werden, es war offiziell ein Eigentor des Hamburgers Johan Djourou.

An der Seitenlinie stand der erste Wechsel des VfB bereit, unser Youngster Timo Werner durfte aufs Feld. Fast einen Monat ist es her, als er seinen wichtigen ersten Treffer gegen Frankfurt erzielte, gerne darf er heut wieder treffen. Für ihn ging Martin Harnik, begleitet von Pfiffen des heimischen Publikums, womöglich hat er sich mit seinen jüngsten Aussagen in der Presse, er wolle in seiner Karriere noch einmal in seiner Heimatstadt Hamburg spielen, keine Freunde gemacht.

Da wirst du doch echt wahnsinnig!

Lange währte sie nicht, die Freude über den erneuten Führungstreffer unserer Jungs, denn der war nur drei Minuten später schon wieder egalisiert. Was ist das für ‚ne Scheiße hier?! Ein schneller Ball durch die Gasse in den Laufweg von Maximilian Beister, weiter zu Rafael van der Vaart, 3:3. Wieder dröhnte die Tormelodie durch die Lautsprecherboxen, die zu meinem Leidwesen auch noch ein Ohrwurm ist, ein Rama Lama Ding Dong 2.0, wenn man so will.

„Hier regiert der HSV!“ – ahja, mehr habt ihr nicht anzubieten? Ich war sauer, verbittert und enttäuscht. Das kann doch nicht wahr sein, drei Mal lagen wir vorne. Drei Tore in Hamburg sollten dabei doch eigentlich reichen, um dort mit einem Sieg wieder wegzufahren. Was war hier nur los? Für den neutralen Zuschauer feinste Fußballkost, für die jeweiligen Fans einfach nur Folter.

Man kann sagen, was man will, aber die Moral der Hamburger war definitiv vorhanden. Doch was war beim VfB los? Wie kannst du es dir drei, ich wiederhole, DREI Mal wieder nahezu selbst zunichte machen? Sandro und ich, sowie die anderen ca. 2.000 mitgereisten Fans, wir waren sprachlos. Ob das noch was wird mit dem Sieg? Jetzt sollten wir erstmal schauen, dass die Hamburger das Spiel nicht auch noch drehen, wie bitter wäre das denn bitte. Noch knapp 23 Minuten, ohje, ohje…

Nichts für schwache Nerven

Spannung pur, hier wäre wirklich noch der Sieg für beide Mannschaften drin gewesen. So etwas habe ich auch schon eine Weile nicht mehr erlebt, wirklich toll fühlte es sich nicht an, nach dreimaliger Führung nur ein Ergebnis von 3:3 auf der großen Anzeigetafel lesen zu können. Timo Werner kam einen Schritt zu spät, sonst wäre der nächste VfB-Treffer nur noch Formsache gewesen, was wäre hier los gewesen? Und der HSV hätte wohl vermutlich direkt wieder ausgeglichen.

In der Halbzeitpause zeigte ich zu Nico, der weiter links im Block stand, beide Hände hoch, mit jeweils vier Fingern. Mein Zeichen für die 44, Alexandru Maxim. Könnte man aktuell auch anders interpretieren, wirds hier vielleicht noch ein 4:4? Ich hoffe nicht, lieber ein 3:4, wie nah der HSV in der Folgezeit aber am 4:3 geschnuppert hatte, ließ mir nicht nur die Gesichtsfarbe schwinden und die Knie zittrig werden.

Hin und her, die ganze Zeit. Das hälst du ja im Kopf nicht aus! Ein Spiel unter Strom, auf dem Feld, auf den Rängen, an der Seitenlinie, einfach überall. Jeder, aber auch absolut jeder wollte hier als Sieger vom Platz gehen, mit Glück wären beide Mannschaften dazu in der Lage gewesen. Sie schenkten sich nichts, obwohl es insgesamt eine faire Partie mit wenigen Verwarnungen gab, kein großes Lamentieren, außer bei den deutlichen Szenen.

Von Boxern und Schauspielern

Weniger als 15 Minuten noch, Freistoß für den VfB durch Alexandru Maxim. Wieder drehte ich mich zu Sandro um, wir schauten uns an, grinsten, nickten und sagten nahezu gleichzeitig: „Jetzt kommts!“ – es blieb uns verwehrt, diesmal klappte es nicht mit der Wiederholung des Serientäters. Auch kurz darauf ging der Plan aus ähnlicher Position nicht auf, beim Nachschuss stand Ibrahima Traoré im Abseits.

Noch fünf Minuten, Antonio Rüdiger war mit Rafael van der Vaart an der Strafraumgrenze zugange, der Holländer provozierte den 20-Jährigen, der daraufhin die Faust ballte und minimal in den Bauch des niederländischen Nationalspielers setzte, nichts weiter Schlimmes. Betrachtet man die Reaktion von Rafael van der Vaart, muss es ein brutaler Schlag gewesen sein, schmerzverzerrt krümmte er sich am Boden und provozierte damit eine Reaktion des Schiedsrichters.

Er bekam sie auch: Glatt-Rot für unseren Innenverteidiger. Jubel bei den Gastgebern, Unverständnis bei uns. Für die Provokation des Holländers, für die unnötige Aktion unseres Verteidigers, für die Schauspieleinlage des Gegners. Man kann es auch übertreiben. Klar ist natürlich, dass Antonio Rüdiger weder der Mannschaft, die er damit in den letzten Minuten einer offenen Partie erheblich schwächt, noch sich selbst, der als Wiederholungstäter nun mit einer langen Sperre rechnen muss.

Die Kräfte schwinden

Die offizielle Spielzeit war vorbei, drei Minuten gab es noch obendrauf. Auf der Anzeigetafel stand noch immer 3:3 geschrieben, nicht auszudenken, was hier los ist, wenn auch nur noch eine Mannschaft einen weiteren Treffer erzielt. Schon jetzt würde es in Erinnerung bleiben als spannende, mitreißende und torreiche Partie. Die Kräfte bei Beiden ließen aber nach, der aufopferungsvolle Einsatz an allen Fronten forderte seinen Preis.

Alle waren stehend K.O., „Komm, pfeif ab!“ kam es dem einen oder anderen über die Lippen. Wie sagt man da noch gleich, „Es gibt in so einer Partie keinen Sieger, der Fußball hat gewonnen“? Zufrieden und glücklich sieht anders aus, zumindest wenn ich für die Brustringträger sprechen kann. Für den HSV fühlt es sich offenbar weitaus besser an, sie kamen nach dreimaligem Rückstand zurück.

Für uns ist es wie eine Niederlage, so lautete beispielsweise auch das Urteil unseres Kapitäns Christian Genter, der vor der Pause das 1:2 erzielt hatte. Irgendwie war ich am Ende froh, dass es den Hamburgern nicht gelungen ist, noch den Siegtreffer zu erzielen, einzig und allein deswegen freue ich mich zumindest ein bisschen, dass wenigstens ein einziger Punkt dabei rausgesprungen ist und sowohl Thomas Schneider als auch das Glückskäfergespann ungeschlagen bleibt.

Punkt gewonnen oder zwei Punkte verschenkt?

Und dennoch wollte nicht die ganz große Freude über ein tolles Fußballspiel aufkommen. Wen wundert es auch, wer drei Tore schießt, kann durchaus auch mal in Hamburg gewinnen. Bitter, dass es nicht gereicht hat und sie sich jedes Mal die Butter wieder vom Brot nehmen ließen. Das kann und darf nicht passieren. Die nächsten Punkte, die man hergeschenkt hat. Ich haderte mit der Szene, die zum Ausgleich geführt hatte, als William Kvist, einer der sympathischsten Spieler in unseren Reihen, zwei Mal gepatzt hatte. Es hätte ein anderer Spielverlauf sein können.

Auch die Mannschaft wusste noch nicht so recht, wie sie es einordnen sollten. Teils mit hängenden Köpfen, teils lächelnd und mit erhobenen Haupt kamen sie in unsere Richtung gelaufen, applaudierend, „Danke für die Unterstützung“. Eine Welle wäre mir lieber gewesen. Doch immernoch besser, als sie auf der gegenüberliegenden Seite sehen zu müssen, soviel ist sicher. Unter normalen Umständen ist ein Punkt in Hamburg keinesfalls etwas Schlechtes.

Die Art und Weise, wie wir uns um den verdienten Lohn gebracht haben, gibt uns allerdings zu denken. In der Offensive gehts ab, in der Abwehr wackelt man aber oft noch zu gewaltig. Unter Thomas Schneider hatte man sieben Gegentreffer in der Bundesliga kassiert. Nicht weiter tragisch, wenn es nach vorne gut läuft, in der Statistik stehen mit 15 Treffern gleich doppelt so viele Buden. Dennoch unnötig, denn heute wäre durchaus der Sieg drin gewesen. Das denken sich die Hamburger aber wahrscheinlich auch.

Das Leben, das ich wählte

Wir hätten uns nicht beschweren dürfen, hätte deren Drangphase in der zweiten Hälfte zum Erfolg geführt. Viel Zeit zum Lamentieren blieb nicht, der Gästeblock leerte sich zügig und trieb die Meisten, die mit dem Bus angereist waren, schnell nach draußen. So natürlich auch uns, bei unserer ersten Busfahrt in diesem Verbund wollte man sich schließlich nichts zu Schulden kommen lassen. Ein kurzer Tratsch mit dem Busfahrer, bald wimmelte es vor den Bussen von VfB-Fans.

Problem war jetzt nur: wer gehört in welchen Bus? In dem Konvoi fuhr man mit drei Bussen des selben Typs, das gleiche Busunternehmen, die gleiche Beschriftung, man musste schon genau hinschauen, um seinen eigenen Bus wiederzufinden. Langsam sortierte sich alles, ich machte es mir sogleich bequem, klappte den Laptop auf und fing an zu arbeiten. Das ist das Leben, was ich mir erwählt habe. Selbst nach grandiosen Auswärtssiegen bleibt oft keine Zeit, es zu genießen und gebührend zu feiern.

Es war zehn Minuten vor um Sechs, als sich der Tross begleitet von der Polizei in Bewegung setzte, nicht ohne die obligatorischen Stinkefinger einiger Hamburger Fans, von denen man nicht weiß, was sie für ein tief sitzendes Problem haben. Es war laut und feucht-fröhlich, ziemlich schwer, sich dabei auf das Aufbereiten von 450 Fotos zu konzentrieren. Es wurde gesungen und gelacht, offenbar war ich die einzige, die nicht zufrieden war mit dem Ergebnis.

Durch die Stille der Nacht

Über drei Stunden brauchte ich für die Bearbeitung, natürlich nicht ganz ohne die neugierigen Blicke der Nebensitzer. Drei Stunden, in denen ich zwischenzeitlich befürchtet hatte, der Bus würde schreien und grölen bis wir in den frühen Morgenstunden wieder unser geliebtes Stuttgart erreichen würden. Es kostete mich Kraft und Nerven, und als die Bilder soweit fertig waren, gab es Probleme mit dem Surfstick, ich hatte einfach keine Verbindung herstellen können. Nervös schaute ich auf die Uhr, es war bereits nach 22 Uhr.

Am Ende klappte alles doch noch, klappte mit einem zufriedenen Seufzer den Laptop zu, legte mir das flauschige Herzkissen zurecht und legte meine VfB-Jacke über meinen Oberkörper. Gosch zu, Glotza zu, jetzt wird gschloofa! Felix tat es mir gleich. Durchschlafen konnte ich natürlich nicht, auch wenn es mit der Zeit leiser wurde und um mich herum die Stille Einzug gehalten hatte. Kurz nach Drei Uhr erreichten wir den Treffpunkt wohlbehalten, ein kurzes „Tschau!“ und jeder ging seines Wegs. Schon am Freitag würde man sich ja ohnehin wiedersehen.

Was bleibt hängen vom 24-Stunden-Ausflug in den Norden? Noch größer als der Frust, dass man zwei Punkte wieder hatte liegen lassen, wiegt meine Hoffnung. Auf eine positive Zukunft unter Thomas Schneider, der allerdings noch einiges an Arbeit hat, auf viele weitere erfolgreiche Spiele, auf lustige Auswärtsfahrten und all die schönen Seiten des Fan-Daseins. Gegen Nürnberg darf dann gerne wieder ein deutlicher Sieg her, wenns den Jungs nichts ausmacht.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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