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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Zwei Nummern zu groß

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„Wo sind diese Tage, an denen wir glaubten, wir hätten nichts zu verlieren“ \“ wir müssen verrückt gewesen sein, zu glauben, dass wir in Dortmund etwas Zählbares hätten mitbringen können. Ich kann nicht warten, bis mein Frust verflogen ist \“ es würde vermutlich über eine Woche dauern, bis das Flutlichtspiels im Ruhrpott aufgearbeitet gewesen wäre. Es tut weh, diese Zeilen zu schreiben, auch, weil ich mir nun das Spiel nochmal komplett ansehen muss. Jede Minute, jedes Tor, jeder Stich ins Herz, der meine Hoffnung auf eine akzeptable Restsaison blutend zurück gelassen hat.

Diese Hoffnung hatten wir tatsächlich, zumindest bis etwa 21:26 Uhr am Freitagabend. Die Schwarz-Gelben fürchteten die Heimspiele gegen uns nicht ohne Grund, fünf Jahre ist es her, dass sie zuletzt im Westfalenstadion gegen uns gewinnen konnten. Jeder erinnert sich noch an das sensationelle 4:4 im März 2012, mein erstes Spiel in Dortmund erlebte ich einige Monate später, ein 0:0 stand zu Buche. Ein Unentschieden, mit dem ich sogar leben könnte \“ anders als mit der Punkteteilung mit Frankfurt, Hamburg, Bremen und Nürnberg.

Was am Ende zurück bleibt, ist in erster Linie Schmerz. Der wird vergehen. Doch sah ich an diesem ersten Novembertag des Jahres auch meine Hoffnung dahinschwinden. Es wäre zu schön gewesen, weiter unter Thomas Schneider ungeschlagen gewesen zu sein. Die Tatsache, dass das Gefühl, im Aufwind zu sein, nun wieder ins Gegenteil umgeschlagen ist (zumindest bei mir), macht es nicht einfacher, den Verein zu unterstützen. Eine Alternative wäre „Daheim bleiben“ \“ aber das gefällt mir auch nicht.

Mit 8.000 Stuttgartern nach Dortmund

Dass das Spiel kein Selbstläufer werden würde, war aber auch klar. Eine gewisse Angespanntheit mischte sich in den letzten Tagen vor dem Auswärtsspiel mit großer Vorfreude. 8.000 Stuttgarter würden den VfB ins Westfalenstadion begleiten, eine enorme Schlagzahl, wenn ich an die letzten Auswärtsspiele denke, die kaum mehr als 3.000 Fans anziehen konnte, von unserer zuschauermäßigen „Heimschwäche“ brauch ich gar nicht erst anfangen.

Freitagsspiel auswärts \“ und dennoch war kein Urlaub nötig, Allerheiligen sei Dank. Die enorme Menge an Fans, die das Beste hoffen, machte sich bereits am Treffpunkt bemerkbar. Wie schon nach Hamburg fuhren wir im Bus mit den Jungs und Mädels vom Schwabensturm. Ich freute mich schon sehr, es macht immer viel Spaß mit den Leuten, und bei einem möglichen Null-Punkte-Spiel ist es umso wichtiger, nette Leute um sich herum zu haben.

Kurz nach elf Uhr mittags setzte sich der Tross aus sieben Bussen, bestehend aus Commando Cannstatt und Schwabensturm in Bewegung, kurze Zeit später folgte VfBaway mit neun Bussen. Weitere zahlreiche Busse machten sich auch von überall her auf den Weg, was so manchem bei der Abfahrt nach dem Spiel zum Verhängnis wurde, mehr dazu später. Tickets, Kameras, Vesper, Laptop, das Wichtigste war dabei. Für den einen oder anderen Punkt wäre sogar noch Platz gewesen.

Ausnahmsweise mal pünktlich

Es war eine ruhige Fahrt in Richtung Westen, am späten Nachmittag regnete es immer wieder mal. Stau gab es kaum, doch wenn wir langsamer wurden, konnten sich weder Kumpel Marco noch Felix verkneifen, mich drauf anzusprechen. Sehr witzig, Jungs. Allerspätestens die Fahrt nach Braunschweig hatte mich dafür sensibilisiert, die nervenaufreibend und zeitlich eng die Anreise zu einem Auswärtsspiel sein kann.

Seit ein paar Tagen hatten wir die Uhren auf Winterzeit umgestellt, es war schon sehr früh dunkel geworden. Am frühen Abend hatten wir den Gästeparkplatz erreicht, noch ein gutes Stück zu Fuß würde uns bevor stehen. Viel machte mir das nicht aus, einen Tag zuvor bekam ich Entwarnung von meinem behandelnden Orthopäden, das Ende meiner Leidenszeit in Sachen Achillessehnenentzündung ist in Sicht. Da machen auch ein paar Meter zu Fuß nichts aus, selbst wenn es nicht schmerzfrei war.

So zogen wir über die Brücke hin zum Westfalenstadion, zahlreich, vorfreudig und laut \“ „Hurra, Hurra, die Schwaben, die sind da!“. Auswärtsfahren ist schön, Auswärtssiegen wäre umso schöner. Mit jedem Meter, den wir zurücklegten und sich vor uns das größte Stadion Deutschlands mit seiner steilen und ohne jeden Zweifel beeindruckenden Südtribüne erhob, stieg die Anspannung und die Vorfreude auf das bevorstehende Spiel.

Handy weg \“ was nun?

Vor Ort suchte ich als erstes unseren Fanbetreuer Christian Schmidt auf, der mir behilflich war beim nicht unkomplizierten Thema „Fotokamera“. Von einem meiner Objektive musste ich mich trennen, Fach Nummer 11 in der „Helmbude“ neben dem nicht ausschließlich von Gästen benutzten Eingang zum Gästebereich. Heil angekommen auf der anderen Seite, stärkte ich mich sogleich, Felix leistete derweil Freunden von uns noch Gesellschaft.

Bei Bockwurst und Cola, der gewohnt ungesunden Ernährung des geneigten Stadionbesuchers, ereilte mich sogleich der erste große Schock. Ich sah Felix von weitem mit zwei Bekannten stehen, ich wunderte mich noch, warum er auf meine Nachricht, wann er reinkommt, nicht reagiert hatte. „Ich hab grad kein Handy“ \“ bitte was? Im Bus hatte er es noch, an der Eingangskontrolle nicht mehr. Panik! Verloren? Geklaut? Ich rief die Nummer an. Sekunden der Stille, dann ging die Mailbox ran \“ kein gutes Zeichen. Die Stimmung war gedämpft, nicht auszudenken, wenn das Telefon tatsächlich weg gewesen wäre.

Da wir den Umstand ohnehin nicht ändern konnten, verließen wir uns auf positive Gedanken: das Telefon ist bestimmt noch im Bus. Hinein ging es in den Gästeblock, wo ich mich sogleich auf die Suche nach meinem Glücksbringer Sandro machte. Lange musste ich nicht suchen, mit Freundin Betti und Kumpel Uwe war er abermals am Start, die Glückskäfer vom Dienst waren wieder vereint. Wenn sich unsere Ungeschlagen-Serie hier fortsetzen würde, wir dürften kein Auswärtsspiel mehr verpassen.

Tagträume einer romantischen Fanatikerin

Jedes Mal aufs Neue beeindruckend, wie sich gegenüber dem Gästeblock die gelbe Wand empor hebt, von der ersten bis zu letzten Reihe bedingungsloser Support. Bei uns in Stuttgart gibt es das nicht, selbst innerhalb der Stehplätze in der Cannstatter Kurve beteiligt sich längst nicht jeder an der Unterstützung über 90 Minuten, eine bedauernswerte Tatsache. Dass selbst ich bisweilen als Bruddler und Nörgler mein Dasein friste und sich meine Enttäuschung lautstark kund tut, mag ich an der Stelle aber natürlich auch nicht abstreiten.

Vor uns machten sie sich warm, die Protagonisten des Abends. Anhand der Trainingsbekleidung kann man schon recht gut abschätzen, wer spielen würde und wer nicht. Timo Werner war einer von Ersteren. Der Junge ist 17 Jahre jung, seine ganze Fußballkarriere noch vor sich \“ man stelle sich nur vor, er würde vor dieser gigantischen Kulisse ein Tor, geschweige denn, das entscheidende Tor erzielen? Tagträume einer romantischen Fanatikerin, die ihren Verein immer und überall begleiten möchte \“ und am liebsten siegen sehen möchte.

Nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff, die Fans auf der Südtribüne zückten ihre Schals und sangen sich schonmal warm für ein Duell, das beiden Parteien in Erinnerung bleiben wird. Kaum drangen die ersten Töne von „You’ll never walk alone“ zückten zahlreiche Zuschauer um mich herum ihre Handykameras, um diesen Moment festzuhalten. Auch ich zückte meine Spiegelreflex-Kamera, die mir um den Hals hing, aber auch nur deswegen, weil es als Fotografin meine selbst auferlegte Pflicht ist, so etwas mit in die Fotodokumentation aufzunehmen.

Wir wären dann soweit

Endlich konnte es losgehen! 80.645 begrüßten die 22 Spieler, wieder einmal ausverkaufte Hütte, wie könnte es auch anders sein. In Stuttgart hat es das (zumindest offiziell) seit 278 Tagen nicht mehr gegeben, ein weiterer Punkt, der im Ländle trauriger Alltag geworden ist, dabei schien der VfB zuletzt unter Thomas Schneider mehr oder weniger gefestigter als zuvor noch unter Bruno Labbadia, wo ein Kurs nicht erkennbar und die Angst vor dem Abgrund groß war. Die letzten Unentschieden der Brustringträger warfen jedoch Fragen auf, vorne wie hinten.

In der Offensive klappt es eigentlich ganz gut, recht schnell gehen wir in Führung, kassieren im Gegenzug aber allzu oft auch schnell den Ausgleich, am Ärgerlichsten war es in Hamburg, als man es drei Mal innerhalb von 90 Minuten hinbrachte, zu führen und dann den Ausgleich hinnehmen zu müssen. Mangelnde Chancenverwertung ist das eine Thema, die wacklige Abwehr ist jedoch das weitaus größere Problem \“ Torschusstraining kann man üben, doch eine anfällige Verteidigung spricht sich schnell herum in der Bundesliga.

Ein gefundenes Fressen also für die hochkarätig besetzten Dortmunder, die auch in diesem Jahr den Bayern ein Bein stellen wollen. Gerne, es gibt nichts langweiligeres als schon Wochen vor Ende der Saison einen sicheren Deutschen Meister zu haben. Nur nicht unbedingt heute, wenn wir schonmal hier sind, würden wir auch gerne was mitnehmen. Das dachten sich allerdings auch schon andere Mannschaften vor uns. Braunschweig, Bremen, Hamburg, Freiburg und Hannover konnten nicht einen Punkt mitnehmen, kassierten dafür zusammen 15 Tore.

Hoffen auf ein neues Wunder

Statistisch gesehen haben wir keine Chance. Die wollten wir nutzen! Schließlich lechzte das 4:4 vom März 2012 nach Wiederholung, zumindest, wenn es nach uns geht. Das Spiel lief bereits, Dortmund setzte die erste Duftmarke durch Kuba, Sven Ulreich war zur Stelle. Die Stimmung war prächtig, der zahlenmäßig gut aufgestellte Gästeanhang um uns herum hatte gute Laune und war zuversichtlich. Niemand glaubte so wirklich daran, dass wir hier gänzlich gar keine Chance haben.

Wie nah die bittersüße Ironie und der harte Boden der Tatsachen einander waren, sollten wir schon bald feststellen. Zehn Minuten waren erst gespielt, es hätte unter Umständen schon schlimmer kommen können, wir wissen alle, wie schnell die Borussen ihre individuellen Fähigkeiten ausspielen und als harmonierendes Team die gegnerische Abwehr aushebeln können. Angst? Nein. Respekt? Definitiv. Hoffnung auf das Wunder? Warum eigentlich nicht.

Wo wir auf unserem Weg zum Stadion noch trocken angekommen waren, bekamen nun die Spieler das triste Novemberwetter ab. Es fing an zu regnen und hörte bis zu unserer späteren Abreise auch nicht mehr auf. Mit Sandro und Uwe hatte ich noch das Thema beim Aufwärmen der Jungs, die danach in die Kurve kamen und uns applaudierten, die beiden wollen ein „Plopp!“ gehört haben, der Moment, in dem sich die Jungs in die Hose gemacht haben. Danach sah es in den ersten Minuten aber gar nicht aus. Sucht der VfB sein Heil etwa in der Offensive?

Prädikat „Potenziell gefährlich“

Drei Minuten waren vergangen seit Ulles erster Glanztat, die uns vor einem frühen Rückstand bewahrt hatte. Für uns gab es Freistoß vor der Südtribüne, klare Sache für unseren Spezialisten Alexandru Maxim, um den es in den letzten Tagen vermehrt Gerüchte gab, er hätte bereits Kontakt zu Borussia Dortmund gehabt und würde angeblich schon bald dorthin wechseln. Gründe dafür hätte er einige, regelmäßige internationale Spiele, besseres Gehalt und in zwei Jahren schon der erste Kumpel.

Wenn die Leihe von Moritz Leitner beendet ist und er ohne Kaufoption zurück nach Dortmund geht, fürchte ich, dass er den blonden Rumänen gleich mitnehmen könnte. Verfrühter Trennungsschmerz? Dabei hatte ich mir nach Mario Gomez und Christian Träsch eingeredet, es würde mir nicht mehr passieren. Es bleibt abzuwarten, was passiert \“ momentan und hoffentlich noch für ein paar Jahre trägt er den Brustring, und solange er nicht nur tolle Freistöße und Eckbälle schießt, sondern auch für kreative Glücksmomente sorgt, werde ich die Zeit genießen.

Diesen einen Freistoß konnte Roman Weidenfeller gerade noch zur Ecke klären, der Versuch, ins lange Eck zu spitzeln, war eine tolle Idee, doch mit dem Dortmunder Kapitän, der heute sein 300. Bundesligaspiel bestritt, stand ein guter Gegner im Kasten der Gastgeber. Sogleich lief er herüber auf die andere Seite, bereit für die Ecke. Sorgfältig legte er sich mit beiden Händen das nasse Spielgerät zurecht, begleitet von den Pfiffen der Südtribüne. Gespanntes Warten im Gästeblock, jeder ruhende Ball der Nummer 44 trägt das Prädikat „Potenziell gefährlich“.

Mit Köpfchen nach Vorn

Fünf Schritte lief er zurück und schlug dann mit rechts den Ball nach innen. Mats Hummels (gell Schatz, „Mats“, nicht „Max“, hihi) säbelte daneben, der Ball kam schlussendlich zu Karim Haggui, der als dritter Neuzugang aus Hannover gekommen war. Wer es gewesen war, wussten wir nicht, sofern es überhaupt eine Nennung des Torschützen durch Stadionsprecher Norbert Dickel gab, so ging sie im grenzenlosen Jubel von 8.000 euphorischen VfB-Fans unter.

Die Hand zur Faust geballt schrie ich einfach nur meine Begeisterung heraus, herzte Sandro, herzte Uwe, herzte alle in einem liebevollen Gruppenkuscheln. Ein unerwarteter Moment der Freude, so früh im Spiel, so sehr gefeiert als wäre es der Siegtreffer in letzter Minute. Wir hätten wissen müssen, wie gefährlich es momentan für uns ist, zu führen, denn das Fußballspielen wird daraufhin für ein paar Minuten oft eingestellt. Und nicht zu vergessen, es war eine Top-Mannschaft, die wir hier auf ihrem eigenen Terrain provoziert hatten. Ob wir dem am Ende standhalten?

Lange Gesichter bei den Dortmundern, ein kurzer Blick nach links auf die Osttribüne, nach oben in den Oberrang, der mit zahlreichen Schwarz-Gelben gespickt war, noch hatten wir gut Lachen. Noch! Wir ahnten noch nicht, dass es der erste und auch sogleich letzte Jubel in diesem Spiel sein würde. Sechs wunderbare Minuten, in denen der beiläufige Blick auf die Anzeigetafel eine Wohltat war. Sechs begeisternde Minuten, die uns Fans mitgerissen haben. Sechs hoffnungsvolle Minuten, in denen wir tatsächlich glaubten, eine reelle Chance zu haben.

Spiel gedreht in wenigen Minuten

Kurz darauf konnten Sven Ulreich und Daniel Schwaab im Verbund noch klären, doch war es gefühlt die letzte Aktion der Dortmunder, die sie nicht genutzt hatten. Die Uhr tickte, die Hoffnung lebte. Die darauffolgende Ecke fand den Kopf von Sokratis, unhaltbar für unseren Ulle, da war der schnelle Ausgleich. Es ist der erste Jubel der Dortmunder Heimfans, den ich miterleben muss, beim 0:0 in der letzten Saison jubelte keiner, das 4:4 verpasste ich durch meine selbst auferlegte „Zwei-Monats-Sperre“ nach der Knie-Operation im Februar 2012.

Sieben Zentimeter Größenunterschied trennen unseren Abwehrspieler Gotoku Sakai vom Ausgleichstorschützen Sokratis, es war ausreichend, um ihn gewähren zu lassen. Kann passieren. Kann auch in Dortmund passieren. Trotz allem schmerzte der Ausgleich und der laute Jubel um uns herum. Alles auf Anfang. Und wenn wir hier mit einem Punkt rausgehen, es ist mehr, als uns vermutlich die Meisten hätten im Vorfeld zutrauen wollen. Einst fuhr der VfB als designierter Verlierer in den Ruhrpott und lieferte gemeinsam mit den Schwarz-Gelben das beste Spiel der Saison.

Lange brauchten sie nicht, bis der nächste Angriff rollte. Gerade hatte Marco Reus noch den Ball nicht richtig stoppen können, unmittelbar danach korrigierte er diese Unzulänglichkeit und erhöhte Sekunden nach dem Ausgleich auf 2:1, diesmal war es unser Torschütze Karim Haggui und der Däne William Kvist, der geschlafen hatte und nicht vehement genug den Ball geklärt hatte. Das gibts doch gar nicht. Kaum mehr als 20 Minuten waren gespielt, die zwischenzeitliche und schmeichelhafte Führung egalisiert und umgedreht.

Beeindruckendes Dortmunder Kurzpassspiel

Das ist verdammt bitter, doch noch war es nicht vorbei. So sieht Effektivität aus, meine Damen und Herren. Stille kehrte ein im Gästeblock, was angesichts der bitteren letzten Minuten kein Wunder gewesen war. Die Vorsänger hatten gut zu tun, die 8.000 mitgereisten Stuttgarter in mehreren Blöcken zu koordinieren, und vor allem, die hängenden Köpfe wieder aufzurichten. Nicht nur mir war es schwer gefallen. Doch war es nicht ein Stück weit erwartbar, dass Dortmund zu Allem fähig war? Wie anfällig unsere Abwehr gewesen ist, hat man zuletzt oft sehen können.

Drei, vier, fünf kurze Pässe, mehr brauchten die Gastgeber nicht, um wieder gefährlich vor dem Kasten von Sven Ulreich aufzutauchen. Das machte sich aber auch „anfällig“ \“ sofern man das überhaupt so nennen kann \“ für Kontersituationen, einmal kurz den Ball nicht wegschlagen können, schon stand Timo Werner alleine vor seinem fast doppelt so altem Gegenüber auf, gerade noch so konnte er ihn halten mit einer artistischen Einlage. Wie eingangs gesagt: Was wäre hier los gewesen…

Schnell war uns eines klar geworden: hier geht es nur über den Kampf, die spielerischen Mittel hatten wir hier definitiv nicht. Ein wenig mehr Körpereinsatz hätte es sein dürfen, hingen den Jungs noch die Aussagen von Jürgen Klopp im Nacken, der nach dem Last-Minute-Auswärtssieg bei uns über eine zu harte Gangart gemeckert hatte, seine eigenen Spieler aber im umgekehrten Fall selbstverständlich stets in Schutz nimmt. Seinen Vertrag hat er nun verlängert, auch ein psychologischer Vorteil im Vorfeld des Spiels.

Ohne weiteren Schaden

Im Vergleich zu den ersten Minuten verlief der Rest der ersten Halbzeit weitgehend ereignisarm, doch auch hier hatten wir ein wenig Glück, dass die Dortmunder Spieler die Bälle im Vorwärtsgang verloren hatten oder ein Bein oder Kopf unserer Jungs noch im Weg war. Mit Glück würde es „nur“ mit einem 2:1 für den BVB in die Halbzeitpause gehen, hier war noch alles drin, sofern die Halbzeitansprache von Thomas Schneider Gehör findet bei seinen Schützlingen, die spürbar zu kämpfen hatten mit der Durchschlagskraft der Hausherren.

Wenige Minuten vor dem Pausenpfiff gab es plötzlich Verwirrung vor der Südtribüne. Timo Werner war von Kevin Großkreutz gefoult worden und kam zu Fall, innerhalb des Strafraums, ein Pfiff ertöne, Schiedsrichter Florian Meyer eilte herbei, die Hand streckte er langsam in die Höhe. In der Erwartung, er würde sogleich auf den Elfmeterpunkt zeigen, freute sich schon der halbe Gästeblock, eine willkommene Gelegenheit zum möglichen Ausgleich.

Sofort war natürlich Stinkstiefel Roman Weidenfeller zur Stelle, wie könnte es auch anders sein. Viele Borussen, viele Stuttgarter, mittendrin Florian Meyer. Unklar, was nun passiert. Er hatte gepfiffen, also war die Sachlage eigentlich klar. Oder etwa doch nicht? Verwirrung. Keiner wusste so recht, was los war. Nach Rücksprache mit seinem Assistenten an der Seitenlinie nahm er die Entscheidung zurück und gab Schiedsrichterball. Was zum…?!

Elfmeter? Schwalbe? Nö, Schiedsrichterball!

Eine derart eigenartige Entscheidung habe ich lange nicht gesehen. Der Unparteiische unterbrach das Spiel, eine Tatsachenentscheidung, nur wenn er sich sicher ist, darf er das Spiel unterbrechen. Eigentlich. Wer weiß, was Roman Weidenfeller in seiner ganz und gar charmanten Art und Weise zu ihm gerufen hatte, was ihn veranlasste, die Entscheidung dem Linienrichter zu überlassen. Es ist ja durchaus nichts Neues, dass er sich in solchen Momenten gerne mal einschaltet.

Später gab Florian Meyer zu, sich in diesem Moment nicht sicher gewesen zu sein, ob ein Kontakt zwischen Kevin Großkreutz und Timo Werner bestand oder nicht \“ warum hat er denn dann sonst gepfiffen? Sonst läuft das Spiel weiter und es gibt die üblichen „Aufstehen, kein Elfmeter!“-Gesten des Unparteiischen. Somit gab es also keinen Elfmeter. Ob es eine Fehlentscheidung war, kann man so nicht ganz klar sagen \“ doch im Zweifel natürlich stets für den Gefoulten. Andere Schiedsrichter hätten hier auf den Punkt gezeigt.

Der sonst so besonnene William Kvist flippte förmlich aus, das blanke Unverständnis bei Alexandru Maxim, Ungläubigkeit beim gefoulten Timo Werner, ein kleines Privat-Techtelmechtel mit Kevin Großkreutz, die beiden hatten sich offenbar ziemlich lieb. Und wieder die Frage „Was wäre, wenn…“ – wir werden es nie erfahren. Mit dem 2:1 ging es in die Kabinen, aufgeben wollte keiner der mitgereisten Gäste. Warum auch, bei diesem Zwischenstand kann man durchaus noch etwas korrigieren. Mit ein wenig Glück war hier durchaus noch ein Punkt drin.

Alles noch drin

Wie das Spiel wohl am Ende ausgeht? Wünsche, Träume, Hoffnungen, durchaus legitim am späten Freitag Abend. Immer wieder zog der Wind eiskalt gegen unsere Gesichter und drückte den Regen in den Stehbereich der Gäste. Etwas zu trinken hatte ich nicht dabei, den Block verlassen wollte ich aber auch nicht, wenn ich einmal den Platz verlasse, ist er weg \“ ich hatte ohnehin schon zu kämpfen mit einem, der in der ersten Halbzeit meinen Platz am Wellenbrecher streitig machen wollte und mich permanent nach vorne zu drücken versuchte. Keine Chance, mein Lieber.

Felix war unterdessen in einem anderen Block und fotografierte von einer anderen Perspektive. Oft werden wir gefragt, wie wir es nur aushalten, nie ein Spiel gemeinsam sehen zu können. So verrückt es klingt, aber um unterschiedliche und abwechslungsreiche Bilder veröffentlichen zu können, nehmen wir in Kauf, 90 Minuten voneinander getrennt zu sein. Manchmal sehen wir uns und winken uns zu, doch treffen wir uns in der Regel erst danach wieder \“ entweder freudestrahlend oder mit hängendem Kopf. Auf letzteres würde ich gern jedes Mal verzichten.

Das Spiel lief wieder, nun würde der VfB auf das Tor direkt vor uns spielen. Eine Art Vorahnung? Es war Christian Gentner, der einst nach dem letzten Treffer der Partie auf dem Rasen in unsere Richtung rutschte und sich von tausenden mitgereisten VfB-Fans feiern ließ, während hinter ihm die Dortmunder Mannschaft ohnmächtig in sich zusammen gebrochen war. Ich konnte es kaum glauben, was ich damals im TV gesehen hatte, unvergesslich, auch ohne dabei gewesen zu sein.

Kein Land in Sicht

Sandro war sich sicher, es wäre Alexandru Maxim, der es ihm gleichtun würde. Machts noch einmal, Jungs! Es würde schwer werden, am Ende wieder jubeln zu dürfen. Mit jedem abgefangenen Pass, mit jeder nicht erfolgreich ausgenutzten Standardsituation, mit jedem gelaufenen Kilometer, es war offensichtlich, dass die Kräfteverhältnisse anders sind als an jenem magischen Abend am 30. März des letzten Jahres. Individuelle Fehler nutzte man eiskalt aus, Die Moral stimmte, etwas Glück hatte man natürlich auch.

Dortmund kann Spektakel, das wissen wir nicht erst seit unserem vorletzten Gastspiel. Zuletzt hatte das Hannover zu spüren bekommen, 5:0 hieß es am Ende für die Schwarz-Gelben. Und der VfB? Der VfB ist hinten löchrig wie Schweizer Käse, es verdichtet sich der Verdacht, dass der junge, wenn auch manchmal hitzköpfige Antonio Rüdiger eine wichtige Stütze in der Verteidigung ist. Nach langer Verletzungspause war Georg Niedermeier gegen Nürnberg wieder halbwegs fit, dass ihm noch einiges zu alter Stärke fehlt, haben wir gesehen. Ihn aber draußen zu lassen war sicher nicht die klügste Entscheidung von Thomas Schneider.

„Schorsch“ machte sich derweil warm vor der Südtribüne und sah dabei zu, wie wie sich unsre Jungs schwer taten. Zehn Minuten hatten sie sich Zeit gelassen, bis die Bälle wieder flüssig durch die Reihen der Gastgeber kursierten, keine Chance für den offenbar überforderten VfB. Ein Hackentrick von Kuba, der einmal mehr unglücklich agierende Gotoku Sakai hob das Abseits gegen Robert Lewandowski auf und war Zuschauer in der ersten Reihe, als der abwanderungswillige Pole ein leichtes Spiel hatte.

Doppelschlag nach der Pause

Nun also schon 3:1, die zweite Hälfte war noch gar nicht alt. Ohje, VfB. War der Drops schon gelutscht? Ich wollte es nicht glauben. Kaum gab es erneuten Anstoß am Mittelkreis, verloren sie den Ball auch schon wieder, wenige Sekunden dauerte es. Karim Haggui und Gotoku Sakai, einer schlafmütziger als der andere, wieder Robert Lewandowski, wieder Tor. 4:1. Die größten Optimisten unter uns, die jetzt sagen „Ein 4:4 ist ja immernoch drin!“ mögen bitte vortreten. Nein? Keine Freiwilligen?

Das Spiel war entschieden, da legte ich mich jetzt schonmal fest. Zu krass traf uns dieser schnelle Doppelschlag ins Genick, es bedürfe schon mehrerer Wunder, hier noch die sichere Niederlage abzuwenden. Jetzt wirds bitter, jetzt wirds deutlich, jetzt wirds peinlich. Es möge sich bitte der Boden auftun und mich verschlucken. Mein Blick ging nach oben in den Oberrang, Hohn und Spott gabs zum frustrierenden Zwischenstand gratis mit dazu.

Stille im Gästeblock. Wer nicht schon den Mut beim 2:1 verloren hatte, war jetzt endgültig verstummt, jedenfalls viele davon. Nur der harte Kern war noch am Singen, die VfB-Fans auf dem Oberrang saßen weitgehend auf ihren Plätzen. Zwischen ihnen die dümmlich grinsenden Gesichter der Dortmunder, die sich in diesen Block verirrt hatten. „Solange es nicht allzu schlimm wird am Ende“ hatte ich noch zu Sandro und Uwe gesagt, kurz bevor das 4:1 das markerschütternde Geräusch des heimischen Jubels für ganz lange Gesichter sorgte.

Der beste Torschütze ohne einen Torschuss

Es war ein Gefühl, als wären doppelt so viele Dortmunder auf dem Platz gestanden. Nur wenige Male gelang unseren Jungs mal ein Pass, der nicht sofort wieder abgefangen wurde, spätestens bei Roman Weidenfeller war Endstation. Würden sie sich doch so einfach unterkriegen lassen? Für den harten Kern kein Grund, zu kapitulieren. Tapfer hielten wir unsere Schals in die Höhe. Solange wir stehen, werden wir kämpfen, solange wir leben, werden wir nicht aufgeben. Auch dann, wenn es manchmal schwer ist.

Wann gedenkt Thomas Schneider zu wechseln? Fast 70 Minuten ließ er sich Zeit, bis er den von der Gelbsperre bedrohten Vedad Ibisevic vom Feld nahm und positionsgetreu den Norweger Mohammed Abdellaoue ins Spiel brachte. Stürmer für Stürmer, denn aus der Abwehr konnte man ja keinen herausnehmen. Nicht einen Torschuss hatte er abgegeben, irgendwie bezeichnend für die Chancenlosigkeit der Schwaben.

Die Borussen rannten währenddessen weiter an, sie hatten anscheinend noch nicht genug, der VfB sehnte sich schon jetzt nach der Erlösung. Überstanden hatten wir es noch lange nicht, und als wenn diese Niederlage nicht jetzt schon heftig genug ausfallen würde, sie setzten noch einen drauf. Schneller Ballgewinn, schnelles Umschalten, schneller Pass \“ so einfach kann Fußball aussehen, nur leider war es die völlig falsche Mannschaft, die uns hier vorführte, wie schön das aussehen kann. Kuba an den Pfosten, Robert Lewandowski machte seinen Hattrick perfekt und stürzte uns immer tiefer in die Schande.

In die Einzelteile zerfallen

Jetzt sitze ich nun hier am späten Sonntag Abend, auf der rechten Bildschirmseite das Dokument mit meinen Zeilen, auf der linken Seite das Browserfenster mit vfbtv. Am liebsten würde ich das Fenster schließen, mich bettfertig machen und schlafen gehen. Es tut weh, das Ganze nochmal sehen zu müssen. Man musste alles befürchten, aber so etwas? Leere Blicke in Richtung Südtribüne, dort hopste alles von unten bis ganz oben, die Ost- und Westtribüne stimmten mit ein. So laut, so schmerzhaft, so grässlich.

Lautstark feierten sie sich und ihre Mannschaft, der neue Spitzenreiter grüßte nun von der Tabellenspitze, zumindest für einen Tag, dann würden die Bayern spielen und sie sich gegen Hoffenheim zurück holen wollen (was auch gelang). Dass uns wahrscheinlich nichts, aber auch wirklich gar nichts erspart bleiben würde, dachte man sich zurecht eine Viertelstunde vor Schluss. Julian Schieber kam aufs Feld, der blanke Hohn und die pure Verachtung des Gegners. Der ehemalige Stuttgarter im Dress des BVB, nicht gerade freundlich empfangen von unseresgleichen.

Würde es nicht ins Bild passen, wenn ihm an diesem perfekten BVB-Tag ein Tor gelänge. Er weiß ja, wies funktioniert, er erzielte beim Sensationsspiel damals den 2:2-Ausgleich und den zwischenzeitlichen 2:3-Führungstreffer, einst im VfB-Trikot von den Fans geliebt, von den Trainern über die Jahre oft vernachlässigt, zog er schließlich weiter um für viel Taschengeld auf der Dortmunder Bank Platz zu nehmen.

Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Sie konnten nicht mehr, schwere Beine und hängende Köpfe, noch bevor die besorgniserregende Partie zu Ende war. Was für eine unglaubliche Klatsche. Das nennt man wohl gnadenlose Effektivität. Wie schön sich das anfühlen kann, wissen wir, das Spiel gegen Hoffenheim brachte Hoffnungen an den Neckar zurück, von denen man nun nicht mehr weiß, was sie denn wert gewesen waren. Vor einigen Wochen strahlte ich nach dem 6:2 die pure Freude heraus, ein Aufbruch zu neuen Ufern, so dachte ich jedenfalls.

Genau zwei Monate sind seitdem vergangen. Ich wünschte, die Aufbruchsstimmung hätte hoch gehalten werden können. Vermutlich war sie nun spätestens jetzt im Sande verlaufen. Ich schaute auf die Uhr, es konnte nicht schnell genug gehen, bis der Abpfiff ertönt und wir endlich wieder nach Hause fahren können, schnell weg von diesem Ort der Schande. Doch wie es nunmal so ist an einem gebrauchten Tag, an dem alles, aber auch wirklich alles gegen dich läuft: dann gibts eben immer nochmal einen auf die Fresse.

Man konnte fast nicht hinsehen: der schnelle Abwurf von Roman Weidenfeller, der Pass von Kuba, die Flanke von Robert Lewandowski, die Ballannahme vom Neuzugang Pierre-Emerick Aubameyang, ein Lupfer über Sven Ulreich und erneuter Jubel. Wenn es einen Grund gibt, wofür ich Fan des VfB Stuttgart geworden bin: selten war er soweit entfernt wie in diesem Moment. Ich habe ja schon viel erlebt in den letzten sechs einhalb Jahren, doch so etwas? Bitterer war wohl nur die Klatsche in München mit selbem Ergebnis.

Lacher der Nation?

Es ist an diesem Abend kein Kraut gewachsen gegen diese überragende Dortmunder Mannschaft. Wir waren nicht mehr als Kanonenfutter, daran konnte auch die Statistik von einem Ballbesitz von 50%/50% nichts ändern. Ibrahima Traoré kam für Moritz Leitner ins Spiel, der sich glücklich schätzen durfte, überhaupt so lange auf dem Feld gestanden zu haben. Wäre der junge Flügelflitzer die bessere Wahl gewesen, statt des jungen Moritz Leitner, der im Herzen sowieso ein Borusse ist?

Schwer zu sagen, Thomas Schneider stand regungslos an der Seitenlinie. Es war zu kalt, um weiterhin im Polo-Shirt dazustehen. Ich erspare mir an der Stelle einen ergänzenden Kommentar zum Thema Aberglaube. Die erste Niederlage nach sieben ungeschlagenen Spielen unter dem neuen Coach, dass es irgendwann einmal so kommen musste, war mir bewusst. Doch hätte ich, wie jeder andere auch, liebend gerne darauf verzichtet, dass es so derart deutlich wird.

Kaum etwas missfällt mir mehr, als das Gefühl, Fan vom Lacher der Nation zu sein. Erst jetzt ließ es die Borussia gemächlich angehen. Nicht, dass sie nicht mehr konnten, sie wollten nur nicht mehr. Zu guter letzt bekam dann auch Julian Schieber noch die Möglichkeit, auf 7:1 zu erhöhen, er war längst vom Schiedsrichter zurück gepfiffen worden, als sein Ball ins leere Tor rollte, kurzer Jubel auf der Südtribüne. Bitte pfeift endlich ab, ich ertrag diese Scheiße nicht mehr.

Mit Galgenhumor gegen den Schmerz

So viele Leute um mich herum, neben mir, vor mir, hinter mir, sie sangen immernoch. Es war der einzige Grund, warum ich nicht zum ersten Mal überhaupt vorzeitig das Stadion verlassen hatte. Im Novemberregen sangen und hüpften sie immer weiter, auch ich stieg gegen Ende wieder mit ein. „Always look on the bright side of life“, Galgenhumor vom Feinsten, jedenfalls bei jenen, die noch genügend Selbstironie hatten. Es gibt eben solche Tage, dessen sind wir uns alle bewusst. Früher oder später reißt jede Serie, und dein Verein wird sicher auch nicht jeden Spieltag so abgewatscht werden. Trotz allem Supports: es tat weh.

Zu den Klängen von „Drum sagen wir ‚Auf Wiedersehen‘, die Zeit mit euch war wunderschön“ pfiff Florian Meyer endlich ab. Viel schlimmer hätte es kaum kommen können. Doch war das Spiel von der Anlage her tatsächlich so eklatant schlecht, wie das Ergebnis es vermuten lässt? Schwer zu sagen, auch ein paar Tage danach vermag ich diese Frage nicht mit Gewissheit zu beantworten. Die Borussen freuten sich natürlich, völlig zurecht, eine super Leistung. Es hätte Spaß gemacht, dabei zuzusehen, wenn wir denn nicht das völlig überforderte Opfer gewesen wären.

Langsam kamen sie in unsere Richtung. Erinnern wir uns zurück an jenen schicksalhaften August, der uns viele Nerven gekostet hatte. Jedes Spiel verloren, wenn auch nur knapp. Die Wut hatte sich ihren Weg gebahnt, die Idee von einer Aufbruchsstimmung schien schnell vergessen. Dann kam Thomas Schneider, mit ihm kehrte eine neue Offensive und eine neue Hoffnung an den Neckar zurück.

Kopf hoch, Jungs

Szenen wie diese nach der Partie wären noch vor wenigen Monaten undenkbar gewesen. Der Frust wäre ihnen mit voller Wucht entgegen geschlagen. Da war kein Frust. Nur aufmunternder Applaus von 8.000 Schlachtenbummlern. Als wollten sie sagen: „Passiert“. Natürlich darf man sich ärgern obgleich der Höhe der durchaus verdienten Niederlage, doch liegt es auch an uns, die Jungs wieder aufzurichten. Wir Fans wollen und werden bis in alle Ewigkeit Einfluss nehmen auf die Leistung unserer Mannschaft, wozu sonst stehen wir morgens auf, machen Überstunden, nehmen kostbare Urlaubstage, reisen quer durch die Republik oder ganz Europa…?

Weil wir bei ihnen sein wollen und uns und unseren Nachkommen erzählen wollen, wie das einst gewesen war, als man die schon am Boden liegende Mannschaft nach Vorne geschrien und mit ihnen am Ende gemeinsam gejubelt hat. Es sind die Geschichten, die der Fußball schreibt, dazu gehört auch das eine oder andere dunkle Kapitel. Betrachten wir es nicht als Kapitel sondern als kleine Gruselgeschichte.

Nächstes Wochenende wird sich zeigen, welche Lehren die Jungs und auch das Trainerteam aus dieser bitteren Lektion ziehen werden. Es geht nach Freiburg, nicht gerade mit positiven Erinnerungen an das letzte Ligaspiel und das jüngste Pokal-Aus im engen Gästekäfig des Dreisamstadions. Es wird noch ein paar Tage dauern, bis ich dieses Spiel für mich selbst abhaken kann. Vergessen wird es nicht, hoffentlich auch bei der Mannschaft nicht, ein mahnendes Beispiel, wie man es tunlichst nicht machen sollte.

Handy wieder da \“ besser als Nix

Viel Zeit blieb nicht, sofort verabschiedete ich mich von Sandro, Betti und Uwe und quetschte mich in die Schlange auf dem Weg nach draußen. Dort wartete Felix bereits, stets gut zu finden, mit fast zwei Metern Körpergröße überragt er die Allermeisten. Schnell nach draußen, noch das abgegebene Objektiv einsammeln und zurück zum Bus. Es regnete immernoch ein wenig, schnell die Kapuze auf und durch die Menge hindurch. Die Worte blieben mir im Halse stecken, noch konnte ich kaum etwas sagen. Wäre mehr als ein „Was für eine Scheiße“ notwendig gewesen?

Rasch folgten wir der Menge zum Busparkplatz, wo nach unserer Ankunft am Nachmittag zahlreiche weitere Busse eingetroffen waren. Wo zum Teufel ist jetzt unser Bus? Die Suche begann, hindurch durch die Reihen unzähliger Fahrzeuge fanden wir schlussendlich nach etlichen durchforsteten Reihen den Doppeldeckerbus mit der Röhler-Aufschrift und der eleganzen lilafarbenen Innenausstattung, meiner herzallerliebsten Freundin Dani hätte es gefallen.

Die Busfahrer waren auch schon da, ließen Felix und mich aber vorerst im Regen stehen. Mir war bewusst, warum es Felix so verdammt eilig hatte, denn von den Jungs und Mädels, mit denen wir die Fahrt angetreten hatten, war weit und breit noch keine Spur. Schlussendlich öffneten sie die Türen, Felix stapfte hinein, in der Hoffnung, schnell fündig zu werden. Da lag es, zwischen dem Kasten mit den leeren Mezzomix-Flaschen. Das Handy war da, die Erleichterung riesengroß. Wenigstens ein was Positives.

Von Nachtschwärmern und Langschläfern

Nach und nach füllte sich der Bus, auf meinem Schoß hatte ich den Laptop bereits aufgeklappt und kopierte die ersten Fotos auf die Festplatte. Die Logistik in dem engen Gefährt war ein weiteres Mal nicht so einfach, wenig Platz, kaum Bewegungsfreiheit und dafür aber drei Kameras, die versorgt werden musste. Erst gegen Mitternacht setzte sich der Tross in Bewegung, für neugierige Blicke der Mitfahrer war also noch genug Zeit.

Frühstens am nächsten Morgen würden die Bilder online gehen, halb so wild, doch bearbeiten musste ich sie natürlich trotzdem schonmal. Gute Entscheidung, wie sich später herausstellte. Losgelöste Feierlaune auf der Rückfahrt wäre mir lieber gewesen, für einen Auswärtssieg hätte ich nur allzugerne auf mein Grundbedürfnis des Schlafens verzichtet. So blieb es gemäßigt, als wir die Nacht durchfuhren. Die Bilder waren fertig, der Akku fast leer, endlich ein bisschen entspannen und die eine oder andere Stunde schlafen.

Gegen fünf Uhr morgens erreichten wir die Heimat. Von allen verabschieden war leider nicht drin, viele waren schnell verschwunden. Felix holte das Auto, dass er nahe dem Trainingsgelände geparkt hatte und setzte mich daheim ab. Ich schlief durch bis um Vier, Felix machte durch und fuhr kurze Zeit später nach Kaiserslautern und sah dort einen 4:1-Sieg gegen St. Pauli. Mein Frust war entsprechend groß. Was wird das nur werden in Freiburg? Wir wissen, wie die perfekte Antwort aussehen könnte. Aber auch, wie es schlimmstenfalls laufen kann. Wäre ja nichts Neues in Freiburg.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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