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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Siebzehn Jahr, blondes Haar

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„Warum tust du dir sowas nur immer wieder freiwillig an?“ – eine Frage an mich selbst, als ich im strömenden Regen vor dem Dreisamstadion stand. Der Himmel wolkenverhangen, die Jacke durchnässt, ein kalter Wind pustete uns um die Ohren. Absolutes Anti-Wetter für einen Besuch im (vermutlich) einzigen Stadion der ersten beiden deutschen Ligen, in dem mindestens ein Teil der Gästefans bei widrigen Wetterbedingungen im wahrsten Sinne des Wortes im Regen stehen gelassen wird. Ein Bericht über einen kalten, grauen Novembertag im Schwarzwald und plötzliche Hitzewallungen.

Ich verbitte mir, von einer „Revange“ zu sprechen. Einst besiegten wir Freiburg im Pokal-Halbfinale und fuhren nach Berlin, verloren aber in Freiburg in der laufenden Saison und schieden damit schon nach der 2. Runde aus. Eine Schande, die ich bis heute nicht ganz verwunden habe, es tat verdammt weh an diesem Tag. Wieviel würde es brauchen, bis man tatsächlich von so etwas wie Wiedergutmachung oder der Zurechtrückung der baden-württembergischen Verhältnisse sprechen konnte?

Sechs Minuten im Himmel erlebten wir eine acht Tage zuvor in Dortmund, bis das Unheil seinen Lauf nahm und der Optimismus, etwas Zählbares mitzunehmen, den Bach herunter gegangen war. Der Frust war entsprechend groß, meine Sorge vor einer neuerlichen Niederlage ebenfalls, und das ausgerechnet in Freiburg? Wieder in Freiburg? Nüchtern betrachtet war es wichtig, nicht den Anschluss an die internationalen Plätze zu verlieren. Und emotional? Wieder einmal völliges Gefühlschaos, irgendwo zwischen Hoffnung und Furcht.

Mit dem Auto in den Breisgau

Wieder ein Auswärtsspiel, wieder einmal Diskussionen zum Thema „Wie kommen wir hin?“. Im Laufe der Jahre sind zahlreiche Wege genutzt worden: Flugzeug, Bahn, Bus, Auto, ja selbst zu Wasser waren wir bereits unterwegs, um unseren geliebten VfB zu unterstützen. Gewählt wird das entsprechende Verkehrsmittel nach verschiedenen Gesichtspunkten: wer alles dabei ist, was es kostet, wie schnell man da ist, wie das zu erwartende Wetter ist, wie attraktiv die Strecke ist und wie einfach die Fahrt zu absolvieren ist.

Es wurde ein weiteres Mal hin und her überlegt, bis der Entschluss einige Tage zuvor fest stand: mit dem Auto von Felix‘ Papa, nur zu Zweit, neutral gekleidet mit einem Parkplatz im Wohngebiet. Ähnlich hatten wir es das letzte Mal auch gemacht, in größerer Gruppe und bei definitiv besserem Wetter. Der Blick auf die meteorologischen Voraussagen verhieß nichts Gutes.

Genoss man vor einigen Tagen noch genüssliche 15 Grad in den letzten Biergärten, schien im Südwesten des Landes bereits der Winter seine Fühler auszustrecken. Gegen elf Uhr vormittags brachen wir auf, bepackt mit Vesper, Kameras und Laptop. Über die A81 ging es in Richtung Freiburg, schon unterwegs prasselte der Regen unablässig gegen die Windschutzscheibe. Je weiter wir fuhren und je höher wir kamen, desto mehr bestätigte sich ein unangenehmer Verdacht \“ aus dem Regen wurde Schnee.

Schneeflocken im Schwarzwald

Es ist der erste Schnee des Winters 2013, den ich zu Gesicht bekomme. Die Wiesen und Wälder jenseits der Straßen waren bereits weiß bedeckt. Wir waren früh dran, viele der angekündigten Mitreisenden brachen erst nach uns auf, ohne zu wissen, ob es Probleme geben würde. Ohne weitere Probleme erreichten wir Deutschlands südwestlichste Bundesligastadt, stellten das Auto ab und liefen \“ wie könnte es auch anders sein \“ im strömenden Regen ein paar Meter in Richtung Bahnhof Littenweiler, von dort geht eine weitere Straße zum Stadion.

Weit waren wir nicht gekommen, durchnässt von wenigen Metern flüchteten wir uns zugleich in ein Café, der Regen war zu stark, um weitere Meter zu überstehen. Mit Milchkaffee und Cappuchino begann es, den Plan, die Stadt noch ein wenig zu Fuß oder mit der Straßenbahn zu erkunden, war schnell ad acta gelegt. Weiter ging es mit Tee, belegten Brötchen und einem Radler. Zwei Stunden vergingen im Flug, die Vorfreude stieg, mit ihr aber ebenso die Befürchtung, ein weiteres Mal den Breisgau als Verlierer zu verlassen.

Ein letztes Mal war ich noch für kleine Allesfahrer, zupfte meine Strumpfhose zurecht als ich von draußen laute Gesänge hörte: „Wir sind eure Hauptstadt ihr Bauern!“ – die ersten Schlachtenbummler waren also eingetroffen. Wieder ging es hinaus in den Regen, liebenswerte Freunde und Bekannte wurden begrüßt. Auf einen trockenen Unterschlupf mussten wir allerdings noch ein wenig warten. Auf die paar Tropfen kam es schlussendlich auch nicht mehr an. Hinein ging es, endlich ein Dach über dem Kopf.

Kalt, nass und widerlich

In die vordersten Reihen traute sich keiner, unbedeckt vom Stadiondach stand man hier nahezu knöcheltief in einer Pfütze aus Schneeregen, der kalte Novemberwind zischte durch jede Ritze der 24.000 Zuschauer fassenden Spielstätte der Freiburger. Absolutes Anti-Wetter. Per Facebook hielt man sich auf dem Laufenden, was die anderen Gästefans so treiben, ob sie gut voran kommen oder im Stau stecken. Bilder von verschneiten Straßen, Fotografen-Kollege Franky tuckerte mit dem Bus einem Schneepflug hinterher. Wir hatten anscheinend Glück gehabt. Selbst in die Randgebiete Stuttgarts schneite es.

Der Bereich im Trockenen füllte sich nur langsam, man verbrachte die Zeit mit netten Plaudereien, unter anderem mit Helmut, den ich im September hier in Freiburg kennengelernt hatte und der wie auch wir Teilnehmer an der Braunschweig-Horror-Tour war. Meine Reaktion nach der letzten Partie im Freiburger Gästekäfig hat er seit jeher nicht vergessen, nicht nur er hoffte, Ähnliches würde mir und uns allen heute erspart bleiben.

Die Uhr tickte nur langsam, die regendurchnässte Jacke vermochte bei dem kalten Wind nicht zu trocknen. Am Montag nicht krank zu sein bedürfe ein Wunder. Nach und nach erschienen auch die letzten schnee- und staugeplagten VfB-Fans, die Tapfersten stellten sich in die vordersten Reihen und kamen wortwörtlich von dem Regen in die Traufe. Die Foto-Verteilung war schnell geregelt, ein kurzer Abschiedskuss, Felix ging nach rechts, ich ging nach links.

Gedankenspiele im Gästeblock

Auch Glücksbringer Sandro (sei die Serie auch in Dortmund gerissen) war da, doch zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Position bereits eingenommen. Spätere Positionswechsel sind mit 1,59 Metern Körpergröße kein allzu leichtes unterfangen, sofern man gewillt ist, noch etwas vom Spiel zu sehen. Alle Jahre wieder die üblichen Reaktionen beim eingespielten Badner-Lied, Provokation vom feinsten, Zorn und Wut im Gästeblock, same procedure as every year.

Ob es Freiburgs letzte Saison im Oberhaus ist? In der Europa League noch sieglos, in der Liga auf Platz 16. Das Mitleid hält sich wie immer in Grenzen. Gedankenverloren streifte mein Blick durch den engen Gästeblock mit den hohen Stufen, bei denen ein falscher Schritt schwere Folgen haben kann, zum Himmel der sich noch immer nicht entleert hatte, zur Freiburger Heimkurve, in der Hoffnung, sie würden nicht einmal jubeln. Wünsche und Vorstellungen waren vorhanden \“ Gewissheit und wissentlicher Optimismus allerdings nicht.

Nach dem Aufwärmen waren die Mannschaften rasch wieder in der Kabine verschwunden, wer will es ihnen auch verdenken. Solange unsere Jungs selbst bei diesen widrigen Bedingungen alles geben und um etwa 19:20 Uhr als Sieger wieder in den Bus steigen, ist alles okay. Wer sich erkältet, hat zwei Wochen Zeit, sich auszukurieren. In unseren Reihen wurden die letzten Vorbereitungen getroffen, weiß-rote Fahnen wurden verteilt, das Tragebändchen meiner Kamera legte ich schon jetzt behutsam um mein Handgelenk uns zog es vorsichtig fest. Noch einmal tief ein- und wieder ausatmen, dann war es schon soweit.

Heimat und Liebe

Punkt 17:30 Uhr am Sonntag Abend, die Mannschaften betraten das Feld, angeführt von Felix Zwayer. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon längst die Fahnen erhoben, in der rechten Hälfte zeigte man gelbe Fahnen mit dem Stuttgarter Stadtwappen, links die Brustringfahnen. „Heimat & Liebe“ stand auf Transparenten vor dem Block zu lesen, eine kleine aber feine Choreographie. Es war an der Zeit, Wiedergutmachung zu betreiben, hoffentlich hatten das Jungs auch im Hinterkopf.

Ein Transparent mit der Aufschrift „Stuttgart Schweine“ hatten sie hochgehalten, es könnte beinahe niedlich sein. 200 Kilometer Entfernung, vom Umfeld und von den Medien trotz allem zum „Derby“ hochstilisiert, weil die armen Freiburger ja sonst keines hätten. Dem VfB wird bisweilen auch ein Derby gegen Hoffenheim zugesprochen, dabei ist der einzig wahre Derbygegner in den Gefilden der zweiten Liga unterwegs: die ungeliebten Karlsruher…

Der Ball rollte über das nasse Geläuf, tolle Stimmung im Gästeblock, tolle Bilder von den wehenden Fahnen. Im Trockenen hatte ich gestanden, so weit oben, dass ich noch ein Stück Dach über mir hatte, aber so weit unten, dass ich noch einen einigermaßen guten Überblick hatte. Nüchtern betrachtet war Freiburg durchaus schlagbar, wenn auch die Statistik der letzten Spiele jeweils immer für die Heimmannschaft gesprochen hatte. Doch wir kennen ja unseren VfB. Wenn sich ein Fettnäpfchen auftut, macht man nur allzu gerne die Arschbombe direkt hinein.

Ohne langes Abtasten

Sie beschäftigten sich nicht lange mit dem Abtasten, sogleich gab es Chancen auf beiden Seiten, nur knapp verfehlte man das gegnerische Tor. Keiner wollte den ersten Fehler machen. Die Freiburger nicht, da sie in einer ohnehin schon brenzligen Tabellensituation sind, und wir nicht, da es nach den letzten sieglosen Spielen und dem Ausscheiden im DFB-Pokal dringend nach Revange dürstete. Was treibt einen nur immer wieder hierher in den schlechtesten Gästeblock der Liga?

Nicht wenige sagten am 25. September „Ich komm nie wieder hierher“, heute standen sie wieder neben mir, teilweise Meter entfernt, aber sie waren wieder hier. Wie ich auch, die nach dem letzten Spiel so geknickt gewesen war. Es gibt Dinge, die wir uns immer wieder antun, in der Hoffnung, es würde gut gehen. Meine Karte für Wolfsburg habe ich übrigens auch in diesem Jahr wieder bestellt, falls ihr euch schon gefragt habt.

Keine zehn Minuten waren gespielt, ein schnell ausgeführter Einwurf von Konstantin Rausch, der den zuletzt unsicheren Gotoku Sakai ersetzte, über Timo Werner und Alexandru Maxim kam der Ball zu ihm zurück, Hacke, Spitze, eins zwei drei, Christian Gentner war derweil auf der linken Seite durchgebrochen, schnell begleitete man den Kapitän in Richtung Freiburger Tor. „Das könnte doch durchaus etwas…“ – den Gedanken konnte ich noch nicht einmal zu Ende denken.

Mit dem Außenrist zur frühen Führung

Flanke, Außenrist, Tor! So einfach? So einfach! Ein verrücktes Tor, Vedad Ibisevic wurde gedeckt von seinem Freiburger Gegenspieler, was ihn aber nicht daran hinderte, mit Hilfe der Latte den frühen Führungstreffer zu markieren. Du liebe Zeit, ging das schnell! Nicht, dass es uns gestört hätte, doch war ein Gedanke sogleich in meinem Kopf: wie war das denn die letzten Male, als der VfB in Führung ging? Richtig. Man kassierte recht schnell den Ausgleich.

Jubelnd drehte er ab, fatzte mit seiner rechten Hand das Fähnchen an der Eckmarkierung ab und ließ sich feiern, vor der Freiburger Fankurve. Aus Erfahrung weiß ich, wie schmerzhaft das sein kann, diesen Jubel machtlos ertragen zu müssen. Allzuviel Energie wollte ich in die Führung nicht investieren, vermutlich aus Sorge, fünf Minuten später wieder bei Null zu beginnen.

Wer es geschossen hat, hatte man live im Stadion kaum sehen können, zumindest nicht aus dem beengten Metallkäfig heraus. War einem aber irgendwie egal, solange es zählt, ist alles recht. Arm in Arm sprangen wir, die Gesänge aus unseren Lungen ließ in der Kälte kleine Atemwolken entstehen. Meine lädierte Achillessehne befindet sich auf dem Weg der Besserung, die Ersatz-Bandage drückte gegen meinen Knöchel und schmerzte sehr, doch wollte ich auf den Support nicht verzichten.

Eiskalt ausgenutzt

Die Gastgeber standen ganz offensichtlich unter Schock. Kaum war das Spiel nach dem Tor wieder angepfiffen, sorgte ein eklatanter Fehler von Fallou Diagne in der eigener Hälfte für erneute Freude beim euphorischen Gästeanhang. Wohlgemerkt waren nur wenige Sekunden vergangen, seit das 0:1 auf der Anzeigetafel erschienen war, der aktive Kern der mitgereisten Stuttgarter noch nicht einmal wieder beruhigt von Vedad Ibisevics Führungstor.

Nun verlor ich trotz aller Bemühungen um Standfestigkeit den Boden unter meinen Füßen, schwankte hin und her, knickte mit dem rechten Fuß um, konnte mich gerade so am Vordermann abstützen, mein Wadenmuskel verkrampfte, laut hatte ich geschrien \“ vor Freude! Was war denn hier los? Da rannte er, der junge Mann mit der Nummer 19. Timo Werner, 17 Jahre, Abiturient, Nesthäkchen und Kistenschlepper.

Gerade war der Gästeblock noch gehopst, bis die ersten erstarrten, dann alle anderen, ein gebannter Blick in Richtung Freiburger Fankurve, in Richtung Oliver Baumann, in Richtung Glückseligkeit. Zwei Tage sind seither vergangen, immer und immer wieder habe ich mir seit Sonntag Abend diese Szene bei vfbtv angesehen, rauf und runter, abspielen, zurückspulen und wieder abspielen. Was für ein Riesending.

Drei Gegner vernascht

Fallou Diagne versuchte den jungen Stürmer abzugrätschen, der sich zügig dem gegnerischen Tor näherte. Keine Chance, gekonnt sprang er darüber, ließ auch Matthias Ginter, der im Pokalspiel das Führungstor erzielte, einfach stehen, als wären es die beiden, die 17 Jahre waren, und er der gestandene Routinier. Auch auf den Sitzplätzen am Rande des Gästeblocks sprangen sie nun auf, im Glauben, gleich stehen bleiben zu können.

Mein Herz schlug wie verrückt, eine gefühlte Ewigkeit rannte er auf den Torhüter zu, in der Realität war es wahnsinnig schnell gegangen. Ein letzter Schuss, mit der Pieke ins Netz hinein. Unglaublich. Dieser Junge ist einfach nur unglaublich. Jetzt gab es kein Halten mehr, scheiß doch auf die lädierte Achillessehne, das reinste Tollhaus. Ein unfassbares Solo, durchspaziert durch die Freiburger Abwehr, zum Schluss den Keeper vernascht.

Es heißt zwar, es bedeutet nichts, sie sagen, es sind sowieso alles Söldner. Als alte Fußballromantikerin kann ich mir jedoch einen tiefen Seufzer und ein zufriedenes Schmunzeln nicht verwehren, wann immer ich mir diese Szene anschaue. Küsschen für das Wappen, von einem 17-Jährigen, der schon mit sechs Jahren zum VfB gekommen war. Nun erzielte er das 0:2, keine Minute nach dem 0:1. Ja gibts das denn? Sein zweites Tor seit dem so wichtigen Ausgleich gegen Frankfurt.

Der Junge zeigts den Alten

Daniel Schwaab gesellte sich zur Jubeltraube, das Mikrofon war ganz in der Nähe. „Timo… hey… geil!“ – das Lachen des Kommentators wird nun für unbestimmte Zeit herhalten müssen, wann immer ich einen deprimierenden Durchhänger habe. Okay, nun resümieren wir mal kurz: zehn Minuten gespielt, der VfB führte 0:2 \“ gerne mehr davon! Was wäre hier los gewesen, wenn Konstantin Rauschs Flanke seinen Mitspieler Vedad Ibisevic noch besser erreicht hätte und der Ball nicht knapp neben sondern im Tor gelandet wäre? Holla die Waldfee.

Der Freude tat die vergebene Chance keinen Abbruch \“ laut schallte es „Württemberg“ hinaus in den Rest des Stadions, frustriert bepfiffen vom heimischen Publikum. Auf dem Spielfeld ging es unterdessen ein wenig gemächlicher zu, die Freiburger taten sich erwartungsgemäß schwer, Antworten auf den schnellen Doppelschlag zu finden. Coach Christian Streich hatte sieben Änderungen in seiner Mannschaft vorgenommen, die am Donnerstag zuvor in Estoril nur 0:0 gespielt hat. Es harmonierte nicht wirklich \“ sehr zu unserer Freude.

Nur eine nennenswerte Chance erspielten sich die Gastgeber, nach 24 Minuten wäre Admir Mehmedi beinahe der Anschluss geglückt, per Oberschenkel ging der nasse Ball aber über das Tor vor dem Gästeblock. Da hatten wir zugegebenermaßen Glück gehabt. Die Stimmung war nachwievor prächtig zwischen den kühlen Metallzäunen, wer hätte gedacht, dass wir schnell 0:2 führen würden?

Warten auf das dritte Tor

Sie standen gut in der Abwehr, doch nach vorne ließen sie es ruhig angehen. Warum nicht versuchen, den Freiburgern schon früh den K.O. zu versetzen und am Ende ein Schützenfest draus zu machen. Jedes Tor würde den Schmerz des Ausscheidens ein wenig lindern. Doch meckern konnte man nun nicht wirklich, mit Freuden nahmen wir das, was wir hatten, feierten durch, sangen laut und hopsten gegen die Kälte.

Bei Temperaturen knapp über Null war das hier kein besonders angenehmes Spiel. Halbzeitpause, ein kurzes Wiedersehen mit Felix, der die erste Halbzeit im Regen verbrachte, ohne Dach, der Witterung ausgeliefert. Seine mangelnde Lust, weiterhin Fotos zu machen, konnte ich demnach gut nachvollziehen. Die Hoffnung lebte, hier zu siegen wäre dann doch noch ein wenig süßer als in fast allen anderen Stadien.

Kaum war das Spiel wieder angepfiffen, die nächste Chance für den VfB, Immanuel Höhn konnte den Flachschuss von Konstantin Rausch gerade noch von der Linie kratzen. Wenig später war er auf der anderen Seite gefragt, in einem Zweikampf ging er zu Boden, blieb auf dem regengetränkten Rasen sitzen und hielt sich mit der Hand den Oberschenkel. Für ihn ging es nicht weiter, es musste gewechselt werden.

Wachsende Unruhe

Der VfB kurzzeitig in Unterzahl, da schrien die heimischen Fans empört auf. Was war passiert? Gesehen hatte ich nichts, mit der Aufmerksamkeit war ich gerade bei den Fans neben mir. Offenbar sprang Moritz Leitner der Ball halb auf die Brust, halb auf den Oberarm oder die Schulter, die Aufregung kann ich mit etwas Abstand zwar nachvollziehen, bin aber froh dass es Schiedsrichter Felix Zwayer anders gedeutet hatte.

Für den verletzten Konstantin Rausch kam dann doch Gotoku Sakai ins Spiel. Hoffentlich schmeißt er mit dem Hintern nicht das um, was man sich vorne bereits aufgebaut hat. Auch wenn Freiburg zumindest im ersten Durchgang in der Offensive kaum stattfand, so musste Ulle dann doch entscheidend eingreifen und mit einer tollen Parade bei einem Freistoß den Anschlusstreffer verhindern.

Mit zunehmender Spieldauer stieg auch die Unruhe, denn was ich da auf dem Rasen sah, vermochte mich so gar nicht entzücken. Ein kurzer Blick zur Anzeigetafel und mir wurde schnell bewusst, wie absurd der Gedanke doch eigentlich war, zu glauben, dass es doch schief gehen würde. Mehr Optimismus, wenn ich bitten darf.

Einen Gang zurück geschalten

Wieder schrien sie auf, sprangen auf von ihren Plätzen, verurteilten den Unparteiischen zur Schiebung. Doch auch hier war das unabsichtliche Handspiel allenfalls von der Marke „Muss man nicht geben“ \“ wir wissen alle, dass sich solche Situationen innerhalb einer Saison meist ausgleichen. Warum wenige Minuten später nach einem kleinen Streifer des Freiburgers Felix Klaus unser Sven Ulreich so theatralisch zu Boden ging, konnte ich noch viel weniger nachvollziehen, das war doch nun wirklich nicht nötig.

Es waren hektische Minuten, es wollte keine Ruhe einkehren, ein Freiburger fiel im Strafraum, wieder kein Elfmeter und wieder Glück für uns. Reißt euch doch mal zusammen, Leute! Auch die Stimmung im Gästeblock hatte unterdessen einen kleinen Durchhänger, wie auch unsere Jungs auf dem Feld. Unklar, warum die Mannschaft so zurück geschalten hatte.

Bei einem Stand von 0:2 brauche man doch „einfach“ nur ein drittes Tor machen und der Sieg ist geritzt. Wenn „einfach“ nur tatsächlich einfach wäre. Mit zunehmender Spieldauer wurde das Gemurmel in unseren Reihen lauter, die Sorge vor dem nur allzu lässigen Umgang mit einer vermeintlich ausreichenden Führung stand uns deutlich ins Gesicht geschrieben.

Um den Anschlusstreffer gebettelt

Nach 77 Minuten kam bei den Gastgebern Mike Hanke für Sebastian Freis. Fast schon verstört schaute ich zu meinem Nebenmann und brachte nur ein karges „Hanke? Da war doch mal was…“ über die Lippen. Richtig, er traf im Pokal zum zwischenzeitlichen 2:0 für die Hausherren. Gelingt es ihm wieder? Ich konnte es nicht fassen. Kaum auf dem Feld nutzte er eine der vielen Unaufmerksamkeiten in der zweiten Halbzeit zum Anschlusstreffer und machte es dann doch noch einmal richtig spannend.

Unsere Jungs hatten geradezu darum gebettelt, vermochte man meinen. „Das gibts doch nicht!“, Ernüchterung machte sich breit. Meine Befürchtung, der VfB würde den Sieg doch wieder herschenken, sie war wohl doch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Dreizehn Minuten noch zu spielen, mir wurde dann doch schnell wieder Angst und Bange. Die anfänglichen Hitzewallungen der ersten zehn Minuten, sie machten Platz für zitternde Hände und weiche Knie.

Ein letztes Bemühen, ein letztes Aufbäumen, um dem nun drohenden Ausgleich entgegen zu wirken. Für Moritz Leitner kam Martin Harnik ins Spiel, ich gönnte ihm so sehr das Tor, das er so dringend braucht, um wieder zu sich selbst und zu alter Stärke zu finden. Würde es heute endlich fallen? Ihm zu wünschen war es auf jedem Fall, er hatte sich stets bemüht, doch wie das manchmal eben so ist, wenn dir die Scheiße am Fuß klebt. Nur noch zehn Minuten.

Den alten Abstand wieder hergestellt

Es gab einen Eckball für die Freiburger, angefeuert von ihren Fans, die nun Morgenluft schnupperten, kritisch beäugt von unseresgleichen, die nicht zu Unrecht fürchteten, dass eine Zwei-Tore-Führung am Ende doch nicht immer unbedingt ausreicht. Die Ecke wurde abgefangen, Kontergelegenheit! Kommt schon, Jungs, gebt Gaaaaaaaaaas! Ich schrie mir die Seele aus dem Leib, wenn mich Tags darauf keine Erkältung dahin gerafft hat, ist zumindest die Stimme dahin.

Timo Werner hatte noch nicht genug, wie ein Dampfhammer legte er den Turbo ein weiteres Mal ein, erkämpfte sich den Ball gegen zwei Freiburger, die ihn gedoppelt hatten, Alexandru Maxim und Vedad Ibisevic waren mitgelaufen, vor ihnen kein einziger Freiburger mehr. Drei potenzielle Torschützen, drei Möglichkeiten und ein völlig hilfloser Oliver Baumann. Die einfachste Gelegenheit wäre gewesen, abzuspielen auf die besser postierten Mitspieler.

Gesehen habe ich von dieser Situation recht wenig, hier galt wie immer: Orientierung an den Reaktionen der anderen. Als alles um mich herum laut aufschrie, fiel mir ein Stein vom Herzen. Am Ende machte er es selbst. Timo Werner, Superstar! Nicht zu fassen. Die wunderschöne Erlösung nach langen quälenden Minuten und dem zwischenzeitlichen Anschluss durch Mike Hanke. Auf den Tribünen verließen die ersten Zuschauer das Dreisamstadion.

„Tiiiiimo Werner!“

„Wir singen Freiburg, Freiburg, zweiiiite Liiiga, oh ist das schön, euch nie mehr zu sehen!“ – was böse klingt und sich nicht unbedingt gehört, sang sich trotzdem fast wie von selbst. Was mussten wir uns alles anhören beim letzten Pokalspiel hier im Breisgau? Lächeln und Winken, Männer! Wenige Minuten nach der offensichtlichen Entscheidung durfte er gehen, begleitet von lauten „Tiiiiimo Werner“ Gesängen aus dem Gästeblock, ich hoffe, er hat sie vernommen.

Für die letzten Minuten kam Ibrahima Traoré ins Spiel, das 1:4 hätte gerne noch fallen dürfen. Jetzt waren wir siegessicher, der Wille der Gastgeber endgültig gebrochen. Erst jetzt stimmten wir das „Auswärtssieg“-Liedchen an, wie wunderbar es sich doch jedes Mal anfühlt. Noch ein kleines Techtelmechtel zwischen Sven Ulreich und zwei frustrierten Badensern, sei es drum, der Drops war gelutscht, da nützten auch die „Ulreich du Arschloch“ Gesänge aus der heimischen Kurve nichts mehr.

Drei Minuten gab es oben drauf, es war ein langsames Warmsingen in Erwartung eines ersehnten Auswärtssieges. Der Blick auf die Anzeigetafel beruhigte mein Gemüt. „Sieg!“, er fühlte sich toll an. Mit einer letzten Gelegenheit knallte Alexandru Maxims Freistoß an den Pfosten, bevor der Schlusspfiff in der Freude des Abends unterging. Aufgrund derersten Halbzeit war der Sieg verdient, doch machten es die Jungs unnötig spannend.

„Auswärtssiegen ist schö-hö-hö-hööööön!“

Sie ließen sich feiern, zurecht, allen voran unser kleiner Matchwinner Timo Werner. Zehn Jahre ist er jünger als ich, geboren am 6. März 1996 in Bad Cannstatt, ich ging damals in die vierte Klasse einer Leipziger Grundschule. Da hat er den alten Hasen gezeigt, wo es lang geht. Besser als der Kommentator konnte man nicht zusammenfassen: „Timo… hey… geil!“. Drei erhoffte Punkte und ein etwas beruhigter Blick auf die Spiele nach der Länderspielpause, Gladbach und Schalke warten auf uns.

Ein kurzes Abklatschen durch den Zaun, doch keine Welle, so berauschend war die Mannschaftsleistung dann doch nicht. Thomas Schneider grinste, als wir Timo Werner gesondert noch einmal feierten. Das Trainerteam hat noch viel Arbeit mit der Mannschaft vor sich, so viel steht fest, doch es ist unheimlich erfreulich, dass wir einen wie Timo Werner haben, ein Juwel, das es behutsam zu behandeln gilt.

Der erste Gang führte mich ein paar Treppenstufen hinunter zu Kumpel Marco, dessen Frage „Na, bisch zufrieden?“ wortlos mit einer freudigen Umarmung beantwortet wurde. Felix holte mich alsbald ab und fragte mich lachend, ob ich auch dieses Mal etwas zum Meckern hätte. Nein, heute ausnahmsweise nicht. Bis auf das nass-kalte Wetter war es ein toller Tag. Jetzt nur noch heil und unbeschadet wieder nach Hause kommen und alles wäre gut.

Problemlose Heimreise

Es hatte sogar aufgehört zu Regnen, es war fast so, als freute sich Petrus mit uns. Ein paar Leute verabschiedet, als jeder seines Weges ging. Wie wir hergekommen waren, gingen wir wieder: im Schatten des Mobs. Schnell laufen konnte ich ohnehin nicht, der schmerzende Knöchel durch die viel zu eng sitzende Bandage machte mir weit mehr zu schaffen als die chronische Achillessehnenentzündung. Am liebsten wollte ich die Schuhe und die Bandage auf der Stelle ausziehen und barfuß über den nassen Asphalt zum Auto laufen, das ließ ich dann aber doch lieber bleiben.

Auf dem Weg zum Gefährt hörte ich jemanden meinen Namen rufen, das Fenster vom Rücksitz eines Autos mit Ludwigsburger Kennzeichen ging runter, ein Bekannter rief mir zu, ein kurzes Winken und er war zusammen mit anderen in der Nacht verschwunden. Langsam legten wir ab und ich bereitete mich vor auf die Aufbereitung der Bilder, Pflichtprogramm nach einem Auswärtsspiel, sei es auch ein selbst auferlegtes.

Fertig geworden war ich nicht, nach zwei Stunden Fahrt übers Höllental erreichten wir die heimische Wohnung in Bad Cannstatt. Felix legte sich ab, während ich bis spät in die Nacht hinein noch bearbeitete, retuschierte und zensierte. Es war offiziell schon Montag, als ich mich mit meiner Kuscheldecke zudeckte, mit einem grenzdebilen Dauergrinsen. Ich hatte eine Antwort auf meine Frage, warum ich mir das jedes Mal antue – „Genau deswegen“.

[youtube corrbHsloWU]
Video von soke2

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

2 Kommentare

  1. Nett geschrieben, aber woher nimmst Du die Zeit?

  2. Gute Frage, Markus! :)

    Die Bilder bereite ich für gewöhnlich noch am selben Tag auf, die Berichte beginne ich in der Regel am Tag darauf. Das dauert ca. 4-6 Stunden, je nach Tagesform. Die Zeit nehme ich mir einfach, weil es mir wichtig ist. Bei Sonntagsspielen schleppt sich das Schreiben oft über mehrere Tage. Oft reicht dann das Wochenende nicht mehr für viele andere Aktivitäten – deswegen bin ich den Länderspielpausen nicht unbedingt abgeneigt 😉

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