my life. my love. my blog.

Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Den Anschluss verpasst

| 1 Kommentar

So wirklich sicher bin ich mir nicht, wie ich hier am Besten anfangen soll. Erzähle ich vom sogenannten „Spiel“ des VfB, der jeglichen Mut und Kampf hatte vermissen lassen? Von den Provokationen der Schalker Fans und einer unendlich langen Straßenbahnfahrt? Oder doch lieber von einer abenteuerlichen Odyssee, möglich gemacht durch die Damen und Herren der Deutschen Bahn? Von allem etwas. Ein bekanntes Zitat trifft es allumfassend ganz gut: Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß.

An Tagen wie diesen möchte man meinen, dass man sprachlos zurück bleibt. Doch viel zu viel war passiert auf der Reise nach Gelsenkirchen und zurück, als dass ich schweigen könnte. Mehrmals wurde mir in den letzten Stunden angeraten, auf einen umfangreichen Spielbericht zu verzichten und es einem legendären Artikel in der Stuttgarter Zeitung gleich zu machen: „Hier sollte jetzt der Spielbericht stehen. Da sich die Mannschaft weigerte, am Spiel teilzunehmen, weigern wir uns, einen Bericht darüber zu schreiben.“ – es folgte jede Menge Weißraum und ein oder zwei Fotos.

Trotz allem Frust, den das Spielergebnis und die Selbstgefälligkeit der Verantwortlichen verursacht hat, so waren wir froh, noch heil daheim angekommen zu sein. Zwischenzeitlich sah es nicht danach aus. Dabei begann es so nett und entspannt, am frühen Morgen um 8 Uhr im beschaulichen Bad Cannstatt. Zwei Milchkaffee to go, an Gleis 2 begann eine denkwürdige Reise in die Ferne. Alles was wir wollten, waren drei Punkte \“ die bekamen wir nicht, dafür jede Menge Chaos.

Mit dem Zug in den Ruhrpott

Nach einigen Wochen der Abstinenz war es wieder soweit, wir fuhren mal wieder gemeinsam mit unseren Stamm-Auswärtsfahrern Gerd und Ingrid. Das Ziel: Gelsenkirchen. Das gewählte Verkehrsmittel: Zug. Die Strecke: hinzu über Mannheim und Düsseldorf, rückzu über Essen und Köln. Als ich am Morgen noch den Vesperrucksack packte und wir kurz darauf in den letzten Waggon der S2 aus Richtung Schorndorf einstiegen, wussten wir noch nicht, was uns erwartet. Wir waren so voller Hoffnung. Zum Frühstück gabs erst einmal eine Flasche Veltins, welche Ironie auf dem Weg zur Veltins Arena, „stilecht“ nennt man das wohl.

Gemütlich wars, und vor allem unproblematisch, die bösen Erinnerungen ans Umsteigen in Mannheim werde ich jedoch nicht so schnell loswerden. Alle Züge waren einigermaßen pünktlich, gut erholt und bestens gelaunt erreichten wir gegen halb eins Mittags den Ruhrpott. Man, ist Gelsenkirchen kackhässlich. Das nicht benötigte Gepäck wurde erstmal im Schließfach verstaut, der Tradition wegen die Nummer 9, keiner unserer Spieler trifft so gerne gegen die Königsblauen wie Vedad Ibisevic.

Zu Fuß ging es weiter, ein kurzer Spaziergang zu Fuß über den Weihnachtsmarkt, sofern man diesen überhaupt so nennen kann, mit dem Bus ging es dann zum touristischen Programm im Süden der Stadt: die Abraumhalde Rheinelbe: eine als Naherholungsgebiet erschlossene ehemalige Halde, die sich unter der Erde immer wieder selbst entzündet. Von oben hatte man einen weiten Blick aufs Ruhrgebiet. Ich verzichte absichtlich auf die Ergänzung „schönen Blick“.

Blaue Weihnachtsmützen und hochgeklappte Bordsteine

Weiter ging es nach Gelsenkirchen-Buer, einziger Stadtteil mit so etwas ähnlichem wie einer gewachsenen Altstadt. Ein leckeres Essen und einen Kaffee später zog es uns schließlich Richtung Stadion. Viel mehr konnte man in Buer nicht machen, zahlreiche Gastronomen und Geschäfte schlossen Punkt Vier ihre Türen ab. Gehen im Ruhrpott die Uhren ein wenig anders? Darüber vermag ich nicht zu urteilen, gewundert hat es uns allerdings schon.

Helle Weihnachtsbeleuchtung und blaue Nikolausmützen wohin man auch sah, auf dem Weg zur Spielstätte säumten sie unseren Weg. Noch war alles in Ordnung, die Stimmung super, nette Schwätzchen mit einigen Schalkern, auf ein offenes Tragen von unseren Schals verzichteten wir fürs erste aber dann doch lieber, man kann ja nie wissen. Gegen fünf Uhr erreichten wir das Stadion, blau beleuchtet stand sie im Dunkeln vor uns. Die Nervosität stieg, es sind tolle Erinnerungen an das Spiel in der letzten Saison. Wiederholung sehr erwünscht!

Doch den Plan haben wir offenbar ohne die Jungs gemacht. Kurz vor den Ultras erreichten wir den Gästeblock, ein weiteres Mal ausgestattet mit unseren Kameras für die übliche Foto-Dokumentation. Auch die Schalker Nordkurve war bereits gut gefüllt, überall blau-weiß, wohin man auch schaute. Leicht wird das hier heute sicher nicht, doch da sich der VfB zuletzt auswärts ein wenig leichter tat, war Hoffnung durchaus angebracht. Dass es am Ende ganz anders kommen sollte, hat ja keiner ahnen können. Oder zumindest keiner wahr haben wollen.

Zweifelsfreier Optimismus

Es gibt wahrlich bessere Uhrzeiten, aber hey, wollen wir uns mal nicht beschweren: es war zumindest ein Samstag, ein Tag, an dem wir schon seit fast zwei Monaten nicht mehr gespielt haben \“ zuletzt daheim gegen Bremen, als die Temperaturen noch mild und die Anzahl der Kleidungslagen noch nicht gefühlt zweistellig war. Schiedsrichter Michael Weiner führte kurz vor halb Sieben die Mannschaften aufs Feld, es ist das vorletzte Auswärtsspiel der Hinrunde.

Mein Tipp dieses Mal: 2:1 für den VfB, da wollte ich mich festlegen. In der Hoffnung, es funktioniert wieder so „gut“ wie gegen Gladbach. Während bei uns nahezu alle fit und an Bord waren, ist bei den Gastgebern kurz zuvor Dennis Aogo ausgefallen, auch Klaas-Jan Huntelaar war nicht mit dabei \“ machbar, oder? Zum Einlaufen der Teams präsentierte die Nordkurve ein Spruchband, auch dort war das Thema rund um die Verschärfung von Stadionverboten angekommen.

Warum bildet der VfB eigentlich vor dem Anpfiff keinen Kreis mehr? Ich bin mir nicht ganz sicher, endete diese kleine Tradition mit der Ankunft von Thomas Schneider? Wenn ja, warum? Sie bezogen Stellung, während die Gastgeber sich noch einmal eingeschworen hatten. Die Schals streckten wir in die Luft, 4.000 mitgereiste Stuttgarter, es könnte durchaus richtig geil werden heute Abend. Dass das nicht allein an uns liegt, wissen wir ja. Trotz zahlreicher Betrunkener im Gästeblock sollte es zumindest nicht am Support scheitern.

Druckvoller Beginn

Sie begannen mit Druck, wie so oft in letzter Zeit, das kann man ihnen noch nicht einmal vorwerfen, dass sie sich 90 Minuten hinten reinstellen würden. Ein Freistoß nach wenigen Minuten vor den Augen der mitgereisten Schlachtenbummler, warum das Ding also nicht gleich mal hinein nageln und eine Duftmarke setzen? Ausschlaggeber war ein Foul an Ibrahima Traoré an der Strafraumgrenze, den man genau so gut auch hätte als Elfmeter werten können.

Alexandru Maxim und auch Konstantin Rausch standen bereit, der Rumäne ist eigentlich unser „Standard-Standardschütze“, am Ende drosch der Neuzugang aus Hannover den Ball durch die Mauer, knapp vorbei am Pfosten. Es ist zwar nicht so, als hätten die Schalker gar nichts von uns gewollt, es war ein ausgeglichenes und ansehnliches Spiel in den ersten Minuten. Im Laufe der Zeit stellte sich aber das alte Problem schnell wieder ein: hat man keine gute Idee, gibt es den Rückpass nach hinten.

Fast 20 Minuten waren vergangen, ein Eckball für die Schalker vor der Nordkurve. Das „Klong“ von der Latte hatte man bis rüber in den Gästeblock hören können. Glück gehabt, das der Kopfball von Joel Matip nicht drin gewesen war. Die erste Halbzeit verbrachte ich im rechten unteren Bereich des Gästebereichs, der aus den Blöcken V und W bestand, zahlreiche VfBler waren auf die Sitzplätze drum herum und auf dem Oberrang verteilt.

Junge, mach es!

Seit Thomas Schneider als Cheftrainer am Neckar berufen wurde, versuchen sie zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten, nach vorne zu spielen. Doch was nützt es, wenn nichts Gescheites dabei rauskommt? Fehlpässe und Ballverluste prägten das Spiel, doch schienen sie zumindest das Bestreben zu haben, dass die Richtung stimmt, nach vorne! Ob das Bestreben alleine am Ende reicht, wird man abwarten müssen.

Die Stimmung war gut im Gästeblock und auch bei den Schalkern, bei denen es keine Seltenheit ist, dass zu den Liedern alle einstimmen und auch die Haupttribüne mitsingt. Etwas, was man in Stuttgart vergeblich sucht. Die Minuten verstrichen, der Anzeigewürfel unter dem Dach der Turnhalle zeigte nach wie vor 0:0, ein Ergebnis, dass auch nach 90 Minuten noch in Ordnung gewesen wäre. Doch es waren erst 31 Minuten vergangen.

Spätestens mit seinem Gala-Auftritt in Freiburg hatte er auf sich aufmerksam gemacht, unser Youngster Timo Werner spielte auch heute wieder von Beginn an. Eine halbe Stunde war vorbei, als die Herzen der Stuttgarter höher schlugen. Die Hausherren waren im Vorwärtsgang, als Vedad Ibisevic, der Schalker Schreck, den Ball eroberte und ihn weitergab an Alexandru Maxim. Der 17-Jährige Schüler rannte los, den Ball vom Rumänen direkt in den Lauf gespielt.

Das Hadern mit den Chancen / der einen Chance

Dass er von zwei Blauen gedeckt wurde, interessierte den Abiturienten herzlich wenig. Weiter, weiter, immer weiter in Richtung Ralf Fährmann, der Timo Hildebrand vertreten musste. Der Ball kam durch, den Jubelschrei hatten wir bereits auf unseren Lippen, zahlreiche Hände gingen schon nach oben, in freudiger Erwartung des 0:1 in der 31. Minute. Bei wem die Hände schon oben waren, wurden sie sogleich über dem Kopf zusammen geschlagen \“ Millimeter am Tor rollte der Ball dann doch vorbei.

„Neiiiiiiin!“ – ich wiederhole mich in dieser Sache, doch war es eine weitere Situation, der wir im Nachgang hinterher trauern würden. Es war die einzige und beste Möglichkeit, in Führung zu gehen. Wer weiß, wie das Spiel gelaufen wäre, wenn… Nein. Das bringt ja nun auch nichts mehr. In einem 17-Jährigen seinen Heilsbringer zu suchen, sagt schon einiges aus über die derzeitige Situation in Stuttgart. Er kann am wenigsten etwas dafür.

Was ist aber mit den anderen Spielern? Die Gastgeber in Königsblau waren in der ersten Halbzeit nur wenige Male bisher vor Sven Ulreich aufgetacht, einmal parierte er großartig, einmal rettete die Latte für ihn. Warum gibt man sich in einer Phase, in der Schalke nicht wirklich Vollgas gibt, damit ab, sich den Ball gemütlich hinten rum zu schieben? Man konnte nur hoffen, dass es besser werden würde.

Rückstand aus dem Nichts

So sehr hatte ich gehofft, es würde uns erspart bleiben. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ballverlust von William Kvist, die Abwehr bekam den Ball nicht weg, schnell geschalten von Julian Draxler, ein rascher Pass und Jefferson Farfan mit dem 1:0 für die Hausherren. Manchmal kann es so unheimlich einfach sein. Und so unheimlich schwer, wenn es nicht deine eigene Mannschaft ist. Aus beinahe dem Nichts heraus in Rückstand geraten. Damit war die relative Ausgeglichenheit der ersten halben Stunde hinfällig.

Okay, Scheiße. Aber noch war es ja nicht vorbei. Ereignislose zehn Minuten verstrichen, bis Michael Weiner die Teams in die Kabinen schickte, ich meine Capri Sonne innerhalb von 60 Sekunden restlos ausgetrunken hatte und meinen Platz bei Sandro einnahm, ein paar Stufen weiter oben, neben seiner Freundin Betti. Aussichtslos frustriert schien er, „blutleer“ war noch das freundlichste Wort.

Ganz die Hoffnung aufgegeben haben die wenigsten der 4.000 Tapferen, von denen sich reichlich viele schon die eine oder andere leidenschaftslose Vorstellung angetan hatten, mit nur einer einzigen Ausnahme war die bisherige Saison alles andere als komplett zufriedenstellend \“ zumindest gemessen an dem, was im Ländle der hoch gelobte Anspruch ist. Wie sehr Anspruch und Realität bisweilen auseinander driften, haben wir in den letzten Wochen immer häufiger gesehen.

Ernüchternder zweiter Durchgang

Zeit für die zweite Halbzeit. Jetzt, wo ich zum Sonntag Abend vor meinem Rechner sitze, statt gemütlich in Jogginghose auf der Couch zu lümmeln und eine Kerze anzuzünden (für den 1. Advent, nicht wegen der dargebotenen „Leistung“). Ich würde jetzt wahrlich alles andere lieber machen. Zum Beispiel die Wohnung putzen. Oder meine Steuererklärung.

Da die abenteuerliche Rückreise kein unwesentlicher Bestandteil meiner dieswöchigen Erzählung in Wort und Bild ist, werde ich nun etwas tun, was ich lange nicht mehr getan habe: bewusst auf das Anschauen der kompletten zweiten Halbzeit bei vfbtv verzichten und nur das Highlight-Video anschauen. Wobei… welche Highlights? VfB-Highlights waren keine dabei. Der Stachel sitzt tief, der Frust ist groß, auch am Tag danach, vermutlich auch noch am Tag nach dem Tag danach.

Zu wissen, dass die nächste Situation für die Schalker gleich zu Beginn des zweiten Durchgangs aus einer Fehlentscheidung des Schiedsrichtergespanns resultierte, macht es 24 Stunden später auch nicht einfacher. Eine deutliche Abseitsstellung von Adam Szalai blieb vom Linienrichter unbemerkt, der Rempler von Christian Gentner gegen Julian Draxler fand erst danach statt, als die Situation schon längst hätte abgepfiffen sein müssen.

Den Genickbruch gibts geschenkt!

Der Pfiff ertönte, doch nicht etwa auf Abseits, sondern auf Strafstoß. Das muss ein schlechter Scherz sein? Jefferson Farfan, der in der 34. Minute bereits das 1:0 für Königsblau schoss, legte sich den Ball zurecht. „Komm schon Ulle, den hasch!“ brüllte einer neben mir. Sandro schien schon genervt, „Ach was, Ulle hat doch noch nie nen Elfer gehalten!“ – „Doch, jetzt!“ – Nein, er hielt ihn nicht. Humorlos schickte er Ulle in die falsche Ecke.

Ein geschenkter Elfmeter aus einer Situation heraus, die bereits abgepfiffen sein muss und die nicht mal klar elfmeterwürdig ist. Der Fußball ist manchmal eben eine Hure. Später waren sich dann alle einig: dieses Tor war der Genickbruch für den VfB. Beim Stand von 1:0 dachte ich noch, das mein Tipp noch in Erfüllung gehen würde, beim zweiten Tor hoffte ich noch ein kleines bisschen auf den späten Ausgleich. Ich wartete vergeblich.

Für Alexandru Maxim und William Kvist kamen Moritz Leitner und Sercan Sararer. Verständnisloses Kopfschütteln im Gästeblock, was sollte dieser Doppelwechsel bewirken? Einzig und alleine die Herausnahme des schwachen Dänen machte Sinn. Alexandru Maxim herausnehmen nach gerade einmal einer Stunde? Uns dämmerte es langsam, dass unter diesen Umständen die Partie nicht zu einem (Teil-)Erfolg gedreht werden könnte.

Vom #aufbruch1893 zum #abbruch2013

Ist es die typische bruddelnde Mentalität im Ländle, die mich hat so verbittern lassen? Was ich da auf dem Spielfeld von meinem VfB sah, hatte wenig mit dem herauf beschworenen #aufbruch1893 zu tun. Im Gegenteil, eher #abbruch2013. Es ist schon ernüchternd, was sie dort darboten, teilweise so uninspiriert, als führe mach gerade 4:0 gegen einen Abstiegskandidaten. Thomas Schneider hatte im Vorfeld der Partie Schalke als Gradmesser erkoren \“ nur blöd, wenn es dann nicht wie gewünscht läuft.

Viele Worte kreisen mir im Kopf auf der Suche nach einer treffenden Beschreibung für die nahezu komplette Spieldauer. Mutlos, uninspiriert, leidenschaftslos, blutleer, kampflos, unterirdisch, zweitligareif … – es ließe sich noch weiter fortführen. Was ist aus dem Spiel gegen Hoffenheim geworden? Für mich ein Inbegriff des Aufschwungs, doch war es nicht mehr als ein Strohfeuer. Gerade das macht mich derzeit so verdammt traurig.

Achja, der Form halber noch der letzte Torschuss der Schalker: völlig unbedrängt von einer desinteressierten Stuttgarter Abwehr knallte Jermaine Jones das Ding mit einem Volleyschuss zum 3:0 in die Maschen. „Ziemlich bitter“ traf es noch nicht ganz. Ohrenbetäubender Lärm von den Tribünen, die Stimmung im Gästeblock, die ohnehin nach dem 2:0 schon deutlich abgenommen hatten, sie war bei null Dezibel angekommen.

Ruhe in Frieden, Aufbruchsstimmung 2013!

Die Hoffnung war da, das nun vieles besser wird und wir sogar wieder nach Europa kommen. Die Aufbruchsstimmung 2013, sie war definitiv gestorben. In liebevoller Erinnerung, ich werde die schönen Wochen und Monate nie vergessen. Etwas mehr als zehn Minuten plus eine Minute Nachspielzeit lagen noch vor uns, Sandros Ansage beim 2:0, es würden noch zwei Tore fallen, ich wäre dankbar, wenn es sich nicht auch noch erfüllt.

Auch der neben sich stehende Martin Harnik, der kurz vor dem 3:0 für Ibrahima Traoré ins Spiel kam, konnte nichts mehr ändern. Wo sind die, die sich wehren? Wo sind die Führungsspieler? Wo ist der Wille, eine Saison wie 2011 oder die vergangene Saison nicht wieder so eintreten zu lassen? Wo nur? Großes Kopfschütteln und wüste Pfiffe. Die Aufmerksamkeit für die Mannschaft, die sich langsam und ängstlich nach 92 teilweise desolaten Minuten dem Gästeblock näherte, hatten wir nicht lang.

Etwas anderes erregte unser Augenmerk, nämlich die pöbelnden und provozierenden Schalke-Fans auf der linken Seite des Zauns sowie auf dem Oberrang. Laut Mitfahrerin Ingrid waren es ein paar hirnlose Stuttgarter, die damit angefangen hatten \“ doch war es schon schmerzhaft, das mit anzusehen. Bevor die Situation eskalieren konnte, flüchteten wir vom Ort des Geschehens, packten uns an den Jacken und Händen und verließen zu Viert den Ort des Grauens.

Freud und Leid \“ zusammengepfercht in der Straßenbahn

Es war kurz nach 20:20 Uhr, vor einer Woche träumte ich auf Twitter noch davon, dass wir zu dieser Uhrzeit als souveräner Sieger mit der Mannschaft feiern würden. Wie man sich nur täuschen kann. Rasch liefen wir durch den Nieselregel durch zahlreiche Schalker Fans hindurch, allesamt bestens gelaunt, wer will es ihnen auch berdenken. Dicht gedrängt zwischen Hunderten quetschten wir uns gerade noch so in eine der Straßenbahnen Richtung Gelsenkirchener Hauptbahnhof.

Eine Strecke, die mir unendlich lang vorkam. Gefühlte Stunden in einer überfüllten Straßenbahn ohne offene Fenster, dafür mit hunderten heiteren und angetrunkenen Schalkern, die laut lärmend ihre Lieder sangen. Eines muss man ihnen lassen: ein erstaunliches Repertoire an Liedern haben sie da, da kann sich der VfB ein Scheibchen von abschneiden \“ immer wieder kehrende Gesänge, bis zu zehn Mal hintereinander, unbeeindruckt vom Spielverlauf. Das gefällt nicht jedem, der in der Kurve steht.

Es war entsetzlich heiß, ich hatte große Mühe, mich an Felix festzuhalten, immer wieder kniff ich meine etwa drei Millimeter langen Fingernägel in seine Hand, wann immer mir es zu viel wurde und ich am liebsten die Nerven verloren hätte. Er drückte meine Hand ganz fest, bei den hämischen Liedern einfach wegzuhören, war aber nicht so einfach möglich. Einer von ihnen brüllte mir ins Ohr: „Ich komm aus Stuttgart, ich muss nach Schwaben, fünf Stunden Rückfahrt will ich nicht ertragen!“, ohne zu wissen, dass er mich mitten ins Mark trifft. Wär ihm aber wohl auch so egal gewesen.

„Nur“ zehn Minuten Verspätung und ihre Folgen

Mit letzter Kraft erreichten wir den Bahnhof, ohne dass ich auch nur einmal was gesagt hatte. Das verstaute Gepäck aus dem Schließfach für drei Euro entnommen und ab zum Gleis, wo sogleich der Regional Express nach Essen einfuhr. Alles lief planmäßig bis jetzt, wir waren früh aus dem Stadion rausgekommen und haben die erstmögliche Fahrt nach Essen erwischt, der vorerst vermeintlich wichtigste neuralgische Punkt der Rückfahrt. Am Essener Hauptbahnhof machten wir uns dann bei einem Schaffner kundig, ob der IC nach Köln pünktlich wäre.

Er bejahte, machte uns aber nochmal darauf aufmerksam, dass durch das Bergbauproblem der Zug nur Schritttempo fahren kann und mit zehn Minuten Verspätung in Köln ankommen wird \“ da die reguläre Umsteigezeit nur fünf Minuten lang gewesen wäre, ließen wir den Zug sogleich benachrichtigen, er solle in Köln fünf Minuten auf uns warten, bei einer Strecke nach München durchaus wieder aufzuholen.

Im IC versuchte ich dann erstmal meine Bilder zu bearbeiten, der Laptop hatte was dagegen \“ wie passend nach so einem Spiel. Als wäre ich ohnehin nicht schon sauer genug gewesen, frustriert klappte ich das Gerät zu und packte zusammen, nach gut 50 Minuten erreichten wir dann Köln. Zwei Minuten vor der Ankunft gab es noch eine Durchsage: der ICE nach München über Stuttgart wird definitiv warten bis 23:05 Uhr. Die knapp 200 Zugreisenden, die von dem Thema betroffen waren, zeigten sich sichtlich erleichtert.

Oh Schreck, der Zug ist weg

Schnell noch den Zweiten Pulli drüber, die Bauchtasche umgeschnallt, die Jacke unter den Arm geklemmt und zur Tür gelaufen. Am Nachbargleis sollte dort unser ICE bereitstehen, um 22:58 Uhr waren wir am Kölner Hauptbahnhof. Der Anschlusszug allerdings nicht. Fader Beigeschmack: es war der letzte reguläre Anschluss in den Süden Deutschlands. Der Schaffner zeigte sich sehr überfordert vom wütenden Pöbel, der sich sogleich um ihn herumsammelte.

Als er leise mit gebrechlicher Stimme zugeben musste, der ICE hätte vor anderthalb Minuten die Anweisung „von oben“ bekommen, den Bahnhof zu verlassen, reagierte er auf das wütende Unverständnis nur mit einem „Bitte wenden Sie sich an die DB-Info, ich kann Ihnen nicht helfen“. Ist ja nicht so, als wäre ein nachfolgender Zug für das Gleis vorgesehen gewesen. Auch sonst war nicht viel los am Bahnhof.

Alle die Treppe runter und schnellen Schrittes zur DB-Info in der Halle des Bahnhofs, dort sammelten sich an zwei besetzten Schaltern schnell lange Schlangen. Einen alternativen ICE, auf den man sich noch hätte umbuchen lassen können, gab es nicht mehr vor dem nächsten Morgen. Jeder diskutierte, jeder wollte Antworten, jeder war sauer und vor allem: jeder wollte heim, und zwar nicht erst am nächsten Morgen.

„Sänk ju for dräwweling wis Deutsche Bahn“

Der unruhige Blick ging zur Anzeigetafel. Es gab noch einen City Night Liner, der jedoch eine halbe Stunde später schon abfahren würde. Wenig Zeit, wenn jeder erst groß und breit herumdiskutiert, warum man trotz mehrere Ansagen, das er warten würde, den ICE hat losfahren lassen. Einer regte sich sogar so sehr auf, dass die \“ Überraschung! – ebenfalls völlig überforderte Mitarbeiterin ihren Glaskasten verließ und sich an das an der Seite stehende Sicherheitspersonal wandt und die beiden Männer aus der Schlange herauszog.

Wir ließen uns umbuchen auf den City Night Liner, mit der Ansage, es würde sich erst am Gleis entscheiden, ob wir mitfahren dürfen. Am Gleis 8 solle er einfahren, dort warteten wir. Bald war er da und verblieb einige quälend lange Minuten am Gleis, hunderte Leute wollten mit, ohne eine Reservierung zu haben, der Zug nahezu ausgebucht. Lediglich in den vordersten beiden Wägen gäbe es noch wenige Sitzplätze, allerdings fährt der Zugteil nur bis Karlsruhe.

Das war uns in dem Moment egal, wir rannten nach vorne, ergatterten noch vier Sitzplätze und waren erstmal froh, dass wir nicht zu denen gehörten, die in der Kälte stehen gelassen wurden, weil sie nicht schnell genug eine Klärung bekommen hatten und nicht mehr in den Zug mit zahlreichen Schlafabteilen hineingelassen wurden. Ab Karlsruhe würden wir schon irgendwie weiterkommen, Hauptsache ein Stück weiterkommen. Schnell erregten wir aufsehen mit unserer schon jetzt unglaublichen Story.

Wenig Ruhe im Schlafabteil

Wir wechselten kurz hinter Bonn in einen Abteil mit Sitzplätzen, in dem lediglich ein englischspracher Mönch mit Brille saß \“ kein Scherz. Wir gesellten uns dazu, schnell war ich eingeschlafen. Ein paar Minuten Entspannung, bis der Fahrkartenkontrolleur kam und wir von weitem schon hören konnten, dass einer der VfB-Fans wirklich komplett schwarz gefahren war und ohne gültiges Ticket eingestiegen war. Die Rechnung über 80 Euro ist ihm sicher gewesen.

Ein stabil gebauter Mann vom Beschwerdemanagement, der Umfragen an Bord durchführte, befasste sich mit unserem Fall, bis ein weiterer Zugbegleiter kam, der uns Auskunft geben konnte, wie wir ab Karlsruhe weiterkommen. Groß, freundlich lächelnd und bestens gelaunt teilte er uns mit, dass wir nicht in Karlsruhe sondern in Mannheim umsteigen müssten und dass der nächste ICE nach Stuttgart fahren wird um… – er schaute auf sein Smartphone (oder irgendein Gerät mit Fahrplänen) \“ 6 Uhr morgens.

„Das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst?“ Uns klappte die Kinnlade runter. Das waren laut aktuellen Erkenntnissen gut vier Stunden Wartezeit am Mannheimer Bahnhof, der in den Nachtstunden zudem auch noch geschlossen hat und vielleicht so etwas wie eine beheizte Bahnhofsmission nicht hat. Keiner von uns war für das Übernachten ausgestattet, weder in einem Hotel noch am Bahnhof, der Ende November nicht gerade warm sein dürfte.

Angekoppelt, abgekoppelt, umgekoppelt \“ Hä, was?

Lange schaute er noch auf sein Apparätle, beteuerte immer wieder mit deeskalierende Mimik und Gestik, dass er uns nicht anders helfen könne, bat um Entschuldigung, blätterte in ein paar Unterlagen und teilte uns mit, dass der Zug wohl in Mannheim Wartezeit hätte und auf einen Zug aus Paris wartet, der dort angekoppelt wird. So ganz verstanden habe ich das nicht, muss ich zugeben, ich war auch so schon völlig fertig mit der Welt.

Wenn wir im Zug noch sitzen bleiben und aussteigen, bevor er nach Basel weiterfahren würde (der vordere Zugteil fuhr nach Basel, der hintere ausgebuchte Zugteil über Stuttgart nach München), hätten wir dann „nur“ noch zwei Stunden in Mannheim rumzubringen. Wir könnten noch hoffen, dass ab Mainz noch etwas im hinteren Zugteil frei wird, konnte uns aber nichts versprechen. Gesagt, getan, kurz vor Mainz wandten wir uns an den Zugbegleiter, der uns in Köln schon fast abweisen wollte.

Er hätte wohl doch noch zwei Mal zwei Plätze im Sitzabteil für uns, musste dafür allerdings einen Aufschlag berechnen, für vier Euro pro Po waren wir dabei, das Geld holen wir uns wieder von der Bahn, soviel ist sicher. Wir nahmen Platz, Gerd und Ingrid erwischten anscheinend einen Abteil mit ein paar Bekannten, während Felix und ich mit drei dubiosen und finsteren Gestalten zusammen gesteckt wurden. War mir nach wenigen Metern egal, wir rollten weiter, in Richtung Stuttgart.

Die letzten Meter nach Hause

Weitere knapp zwei Stunden war ich völlig weg, bis Gerd die Tür aufriss und uns darauf aufmerksam machte, dass wir bald in Stuttgart sind. Ein Blick aus dem Fenster, das da draußen war tatsächlich schon unsere geliebte Landeshauptstadt. Kurz nach vier Uhr nachts (oder morgens?) war es dann soweit: wir hatten Stuttgarter Boden unter unseren Füßen. Wir hatten es schon fast geschafft. Letzte Etappe: mit der S-Bahn nach Hause kommen.

Ein letztes Mal bedankten wir uns nochmal bei den Zugbegleitern, die ihr Möglichstes gegeben haben, uns noch heil nach Stuttgart zu bringen. Schnellen Schrittes zum S-Bahn-Gleis, seit einigen Monaten gibt es am Wochenende bei der S-Bahn einen Nachtverkehr. Felix lief mit Ingrid voraus, ich schlappte mit Gerd an meiner Seite hinterher, als ich eine interessante Theorie äußerte: war der VfB wie auch hinzu mit dem ICE zurück gefahren? Sind sie dafür verantwortlich, dass der Zug nicht gewartet hatte? Keine Ahnung…

Wenigstens ein Mal hatten wir Glück: nur vier Minuten später rollte die S-Bahn Richtung Schorndorf unten ein, eine Bahn, die alle vier Reisenden unserer Gruppe weiterbringt, wortwörtlich: wir fuhren eine Station nach Bad Cannstatt, Gerd und Ingrid fuhren weiter nach Weinstadt-Beutelsbach ins schöne Remstal. Für lange Verabschiedungen fehlten Zeit und Kraft, so unendlich froh, daheim zu sein.

Endlich daheim

Nichts wäre mir lieber gewesen als einfach vorn über ins Bett zu fallen. Da der Laptop im IC zwischen Essen und Köln zickte und ich am nächsten Morgen trotzdem wie gewohnt Fotos bereitstellen wollte, setzte ich mich des frühen Morgens noch hin und kopierte die Bilder auf meinen heimischen Rechner, was dann auch problemlos klappte. Für eine Sichtung und Auswahl reichte die letzte Kraft gerade noch, bis es mich endgültig dahin raffte. Zähneputzen, Pyjama an und ab ins Nest!

„Nur ein paar Stunden“ murmelte ich zu Felix, als ich unter die Bettdecke kroch. Und tatsächlich: dreiviertel Neun wars dann dann auch schon wieder. Ab zurück an den Rechner, Bilder bearbeiten und hochladen. Der Plan, danach weiterzuschlafen, war mit dem ersten Kaffee dann auch schnell wieder passé. Was für eine irre Fahrt, was für eine irre Geschichte. Wenn es schon nicht ein tolles Spiel ist, was uns in Gelsenkirchen erwartet hatte, so bleibt die Rückfahrt im Gedächtnis.

Die Deutsche Bahn und ihre Ausfälle. Theoretisch hatten wir lediglich eine Verspätung von zehn Minuten zwischen Essen und Köln, der gegen aller Zusicherungen doch abgefahrene letzte ICE brachte den Tages- bzw. Nachtablauf hunderter Reisende gehörig durcheinander. Wenn es halt mal dumm läuft, dann so richtig. Es gibt Tage, an denen geht halt eben alles schief. Zu sehen bekamen wir an einem durchweg gebrauchten Tag zwei verpasste Anschlüsse: der VfB in der Tabelle, und wir in Köln. Dabei war alles, was wir wollten, drei Punkte auf Schalke.

Gefällt mir Gefällt mir
Loading...

Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

Ein Kommentar

  1. Pingback: my life. my love. my blog. » Schall und Rausch

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.