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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Schall und Rausch

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Minuten des bangen Wartens, des Zitterns, der Ungewissheit. Reicht es? Oder reicht es, wie so oft, am Ende nicht? Die Uhr tickte herunter, jetzt bloß keinen Fehler machen. Auf der großen Anzeigetafel stand es in großen Lettern geschrieben. 3:2. Noch ein paar Minuten. Bitte nicht wieder ein Unentschieden, wir brauchten den Sieg so dringend. Welche Ironie des Schicksals, dass der ehemalige Hannoveraner sechs Minuten vor Schluss derjenige war, der den Sack zumachte. Stuttgart im Rausch, wenn man so möchte.

Viele Stunden waren vergangen, seit ich ohne Unterbrechung auf den Beinen war, die Füße schmerzten. Innerhalb von Sekunden war jeder Schmerz vergessen, fast schwerelos umarmte man jeden, der im Taumel nicht gleich zu Boden gegangen war. Sechs Minuten vor Schluss entkam der VfB dem drohenden Schicksal und schenkte uns Fans den zweiten Heimsieg der Saison, nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, doch natürlich gerne gesehen, bevor die Stimmung im Ländle zum Negativen umschlägt.

Mein „Arbeitstag“ als Fan-Fotografin im ehrenamtlichen Dienste von vfb-bilder.de begann nicht erst mit Betreten des Stadions, er begann schon einige Stunden zuvor, am nahe gelegenen Cannstatter Bahnhof. Die aktive Fanszene rund um die Ultras hatten zu einer farbenfrohen und kreativen Protestaktion aufgerufen, um gegen die verschärften Richtlinien für Stadionverbote zu demonstrieren.

Wir werden nie so sein, wie ihr uns haben wollt

Endlich mal wieder ein Klassiker. Samstag, 15:30 Uhr. Das gab es schon lange nicht mehr, zuletzt daheim gegen Bremen. Es ist das letzte Heimspiel vor der Winterpause, umso schöner wäre es, hier ein Erfolgserlebnis im Gedächtnis zu behalten, bevor das erste Spiel nach der Winterpause vermutlich nicht von allzu viel Erfolg geprägt sein wird. Dick angezogen machten wir uns auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt, von weitem sah man schon die Menschenmenge.

Es hatte fast ein wenig was von einer Karawane im Winter. Ein gemeinsamer Marsch zum Stadion, traditionell immer vor dem ersten Heimspiel einer neuen Saison, heute ein weitaus ernsterer Anlass (mehr dazu auf der Webseite des Commando Cannstatt). Stadionverbote können jeden treffen, der vielleicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist, Vereine und Verbände werden zu Marionetten der Politiker, die in uns Fußballfans nicht mehr sehen als eine gewalttätige Horde geistig umnachteter Schwerverbrecher.

Zum Kreativsein wurde aufgerufen, viele sind dem nachgekommen. Mit zahlreichen Doppelhaltern, Fahnen und anderem Material setzte sich die Menge in Bewegung, entlang der Strecke durch den Tunnel an der Daimlerstraße. Im Sommer war die Karawane einen anderen Weg gelaufen, sehr zum Verdruss von uns persönlich, Felix hatte am Veielbrunnenweg einen erstklassigen Fotoplatz im dritten Obergeschoss reserviert gehabt.

Kollegiale Verstärkung

Auf dieses Ereignis konnte und wollte ich selbstverständlich nicht verzichten, mit der großen Kamera bepackt lief ich vorneweg und kreuzte die Wege meiner geschätzten Fotografenkollegen. Das Wetter spielte nicht immer mit, immer wieder regnete es leicht bis mäßig, ziemlich nervtötend für Fotografen, die das Problem der Wasserspritzer nur allzu gut kennen dürften. Bis vor die Haupttribüne bewegte sich der Marsch zu einer kurzen Abschlusskundgebung und viel Applaus für die mitgelaufenen Fans. Dieses Thema geht jeden an, da es jeden von uns treffen könnte.

Damit war der erste Tagesordnungspunkt abgehakt, schnellen Schrittes lief ich hinüber zum Fancenter, wo meine Kollegin Nina bereits auf mich wartete. Gegen Gladbach klappte es leider nicht, diesmal war sie mit dabei. Als sie zuletzt im Neckarstadion war, gab es das Carl-Benz-Center ebenso wenig wie die Cannstatter Kurve in der Form, wie wir sie heute kennen. Jogi Löw war damals noch Trainer. Es ist schon laaaaaange her, meinte sie.

Umso größer die Veränderung, die das Stadion und dessen Besucher in der Zeit durchlebten. Eine organisierte Fanszene ist damals Ende der der 90er gerade erst entstanden, nicht zu vergleichen mit der farbenfrohen Kurve, in der wir alle zwei Wochen stehen. Schnell noch die Karte für Nina übergeben bekommen und ihr ein paar liebe Freunde vorgestellt, die seit jeher meine treuesten Weggefährten sind, darunter natürlich auch Gerd und Ingrid.

Erwartung (o)der Enttäuschung?

Knapp eine Stunde vor Anpfiff gingen wir \“ wie eigentlich immer \“ ins Stadion hinein und nahmen unsere Position ein, Nina und ich im Block 33, Felix im Block 37. Zwischen uns der aktive Kern mit viel Leidenschaft und vielen farbenfrohen Fahnen, Doppelhaltern und Schals. Die Quelle des Supports und Herzstück des Stadions. Auf dem Feld machte sich Sven Ulreich bereits warm, kaum waren wir runter gelaufen, kam die Mannschaft heraus.

Schwer zu sagen, was das hier denn werden würde. Fakt ist, dass der heutige Gegner aus Hannover noch nicht eine Auswärtspartie gewinnen konnte. Wer nicht immer optimistisch in die Zukunft sieht, fängt da schnell an zu unken: „Haja, kommt ja wie gerufen, dass sie dann zum VfB müssen, der baut solche taumelnden Mannschaften gerne mal auf“.

Auch ich gehöre meist zu diesen Leuten, die im Falle des Falles eher vom schlimmsten Fall ausgehen. Oft genug wurden Erwartungen enttäuscht und das Maß nach unten geschraubt. Dieses Heimspiel nicht zu gewinnen, würde in jedem Falle Unruhe am Neckar heraufbeschwören, hier und da war vor einer Woche sogar schon von den ersten „Schneider raus“ zu hören, die Niederlage bei den zuletzt schwachen Schalkern war Gift fürs schwäbische Gemüt.

Mutige Mannschaftsaufstellung

Auf gehts, hinein ins letzte Heimspiel. Dr. Felix Brych führte die Mannschaften aufs Feld, sehen konnten wir das jedoch nicht, da die vordersten Reihen der Cannstatter Kurve lediglich die Rückseite eines langen Banners zu Gesicht bekamen. Das Motto des Tages lautete ganz klar: Protest gegen die neuen Richtlinien, die bereits vor Monaten heimlich, still und leise in einem Frankfurter Konferenzzimmer beschlossen wurden und nun der Öffentlichkeit zugespielt wurden. Seit wann können jede effektiv über Dinge entscheiden, mit denen sie sich nicht auskennen?

Soweit ist es schon gekommen. Fraglich, was folgen wird. Englische Verhältnisse, mit vollen Stadien zu teuren Ticketpreise, dafür aber ohne jede Stimmung? Oder italienische Verhältnisse, die ganz und gar von den Fans leergespült wurden? Wir alle lieben diesen Sport mehr als alles andere, ein Umstand, den manche Politiker gern zur persönlichen Profilierung ausnutzen und die irrsten Richtlinien auf den Weg bringen. Die leidtragenden sind wir, die jede Woche ins Stadion kommen.

Die Aufstellung ließ erahnen, was Thomas Schneider vorhatte. Der Kapitän Christian Gentner fehlte wegen einer Knieverletzung, für ihn übernahm der Dienstälteste Vedad Ibisevic das Amt, da auch Georg Niedermeier nicht in der Startelf stand. Rani Khedira und Timo Werner spielten von Beginn an, auch Martin Harnik bekam die Chance zu zeigen, dass er wieder zurück zur alten Stärke finden kann, und der zuletzt etwas ins Formtief gefallene Alexandru Maxim blieb draußen. Höchst interessant. Mein Chef würde wohl sagen: „Wenns hilft…?“

Der schicke Schneider

Was ebenfalls aufgefallen war: Thomas Schneider stand nicht im typischen Trainingsanzug an der Seitenlinie sondern im edlen Zwirn \“ so kennt man den Coach ja gar nicht?! Vor einigen Tagen war ich noch überzeugt, hier wäre mit Glück kaum mehr als ein Punkt zu holen, die Niederlage in Wolfsburg am kommenden Wochenende sei ja ohnehin schon allein aus statistischen Gründen vorprogrammiert.

Es war der Frust, der viele Tage in mir gehaust war, Schalke hatte deutliche Spuren hinterlassen. Und heute? Das kommt ganz drauf an, wie sich die Jungs präsentieren. Sie sind sich hoffentlich bewusst, dass die Stimmung in Stuttgart ziemlich schnell ziemlich schlecht werden kann, ausbleibende Erfolgserlebnisse über mehrere Wochen hinweg rufen viele Bruddler auf den Plan, das Stadion wird leerer statt voller.

Noch immer plagt uns der niedrige Zuschauerschnitt im heimischen Neckarstadion, auch heute waren nur 47.630 Zuschauer gekommen, wenige Tage zuvor waren erst 46.000 Tickets verkauft worden. Kein lohnendes Geschäft an den Tageskassen. Es ist schon schade, denn selbst in weitaus schlechteren Zeiten kamen mehr Zuschauer als jetzt, seit dem Amtsantritt von Thomas Schneider, der in den ersten Wochen frische Geister wecken konnte.

Wenig hoffnungsvoller Auftakt

Ein paar Minuten waren erst gespielt, als Mame Diouf im Strafraum fiel \“ es wäre der Inbegriff des Fehlstarts gewesen. Man kann sich streiten, ob man hier auch Elfmeter hätte geben können oder nicht, der Unparteiische zeigte sofort „Weiterspielen“, zu unserer Freude. Die offenbar ein wenig überforderte Nina musste erst einmal hineinfinden, die völlige Reizüberflutung machte ihr schnell zu schaffen \“ hier hüpfen, da singen, dort gucken, drüben passiert auch was. Ein einziges WirrWarr an äußeren Reizen, in der Kurve und auf dem Spielfeld.

Sie taten sich zu Beginn tatsächlich ein wenig schwer, was ich schon befürchtet hatte. Der Aufbaugegner für schwächelnde Mannschaften? So oft war das schon passiert, dass ich es nicht mehr zählen kann. Von der eklatanten Heimschwäche mal ganz abzusehen, es waren schwierige letzte Wochen für das weiß-rote Herz. Drei bis sechs Punkte unter dem Weihnachtsbaum, das wäre doch mal was.

Wer ein Fan der Stuttgarter Nachwuchsarbeit ist, die ja stets Jahr für Jahr große Talente hervorbringt, verfolgt den Weg des Rani Khedira sicherlich schon länger. Oft eingesetzt bei den Stuttgarter Amateuren in der dritten Liga, absolvierte er seinen ersten Bundesliga-Einsatz gegen Hoffenheim, seien es auch nur ein paar Minuten gewesen. Der kleine Bruder von Sami spielte nun von Beginn an, machte seine Sache ziemlich gut und grätschte gleich mal Artur Sobiech in letzter Not den Ball ab.

Thors Hammer schlägt wieder zu

Die Stimmung war gut in der Cannstatter Kurve, so gut sie nur sein kann in dieser doch nicht gerade von Erfolgen geprägten Phase unseres VfB. Etwas mehr als zehn Minuten schauten wir dem Treiben des durchaus schnellen Spiels zu, Hannover war im Vorwärtsgang, doch konnte ein Grüner alleine nicht viel ausrichten gegen drei Stuttgarter. Moritz Leitner schnappte sich den Ball, mal schauen, was draus wird.

Besonders viel Leistung konnte der aus Dortmund ausgeliehene Mittelfeldspieler noch nicht zeigen, anderthalb Jahre am Neckar verbleiben noch dem 21-Jährigen. Doch nun rannte er so schnell wie vermutlich noch nie im Brustringtrikot, rechts war der junge Timo Werner mitgelaufen, der von dem Leihspieler mustergültig angespielt wurde. Sofort weiter nach innen, vier Hannoveraner im Strafraum und zwei Stuttgarter, ob das was wird?

Genau sehen konnte ich es nicht, weil zu viele Beine dazwischen waren, doch das war mir sowas von egal. Es war gefallen, das Führungstor. Als Torschütze feierten wir den zuletzt geächteten Martin Harnik, der \“ laut einiger meiner Nebensteher \“ nur angeschossen werden konnte, damit der Ball reingeht. Keinesfalls wurde er nur angeschossen, er hat das ganz einfach richtig gut gemacht. Es wird dem Österreicher gut tun und ist hoffentlich der lang ersehnte Schritt in die richtige Richtung.

Schöne Momentaufnahme

Der Spielverlauf auf den Kopf gestellt, denn bisher waren es eher die Gäste, die mit gefährlichen Aktionen bedrohlich nah in Richtung Sven Ulreich gekommen sind. Umso erfreulicher, dass sie dem 2:0 recht nah gekommen waren, als der Schiedsrichter ein Foul am ehemaligen Hannoveraner Konstantin Rausch als Vorteil weiterlaufen ließ und sowohl Martin Harnik als auch Vedad Ibisevic ihr Glück versuchten. Der Bosnier köpfte ins Netz, stand jedoch im Abseits.

Immer wieder hupte es über den Lautsprecher, auf der Anzeigetafel wurden die Zwischenstände aus den anderen Stadien mitgeteilt. Schnell wurde klar, dass es für Bremen schwer werden würde, sich in ihrem Heimspiel gegen die Bayern achtbar aus der Affäre zu ziehen. Was in dem Moment interessierte, war unser eigenes Spiel, was alleine schon aufregend genug war. Vor der Untertürkheimer Kurve war Timo Werner durchgebrochen, suchte den Abschluss aber zu spät.

Genießen wir es, solange es andauert. Neben mir stand ein offenbar schon leicht angesäuselter junger Mann mit einem Becher Glühwein (oder Punsch?). Er verfolgte eine Strategie, die in manchen schweren Zeiten gar nicht allzu dumm ist: sich einfach schon vor dem Spiel derart besaufen, dass man nichts mehr mitbekommt und einem alles egal ist. Nur so könne man es manchmal ertragen.

Nimm du ihn, ich hab ihn sicher

Die ersten fünfzehn Minuten nach dem Führungstreffer hatten wir überstanden, warum also nicht mal nachlegen? Geschlagen geben wollten sich die Gäste aus Niedersachsen nur leider nicht, nach fast einer halben Stunden war die Führung egalisiert. Es waren bange Minuten, in denen jeder, der sich gerade noch über die frühe Führung des VfB gefreut hat, aus den Superjungs eine Stümpertruppe machte.

Bedanken dürfen wir uns bei Daniel Schwaab und Sven Ulreich, die mit einer Slapstick-Einlage direkt mit daran beteiligt waren. Ulle rannte heraus, Daniel Schwaab mit einem verzweifelten Alibiversuch, den Ball weg zu köpfen. Das Ergebnis sah aus wie beste schwäbische Comedy: über Sven Ulreich sprang der Ball, Artur Sobiech musste nur noch frei vor dem leeren Tor einschießen.

Es war ein wenig befremdlich, ich sah die Situation nicht so recht, so richtig jubelte auch keiner der Gäste. Was war hier los? Abseits? Abgepfiffen? Einen Moment war ich beruhigt, war ich doch im Glauben gelassen worden, das Tor würde nicht anerkannt werden. Warum aber gibt es Abstoß vom Mittelkreis? Erst dann griff Stadionsprecher Holger Laser zum Mikrofon: „Tor für die Gäste…“

Drei Tore in vier Minuten

170 Sekunden später. Einhundertundziebzig, in Worten. Schneller Angriff der Gäste, die nun wieder hoffen konnten, ein Foul, ein Freistoß, eine gelbe Karte für Antonio Rüdiger. Der Rest ist schnell erzählt. Szabolcs Huszti führte den Freistoß aus und fand den Kopf Salif Sané, dessen Kopf noch eine unangenehme Begegnung mit Sven Ulreichs Faust machte. Es nützte nichts, auch dieser Ball war im Tor, diesmal zeigte Dr. Felix Brych sofort auf den Mittelkreis.

What the fuck…? Das konnte doch nicht wahr sein, innerhalb von wenigen Minuten das Spiel aus der Hand gegeben und nun in Rückstand geraten? Wut und Frust in der Cannstatter Kurve, es wurde schnell ungemütlich. Der Torschütze blieb am Boden liegen, musste behandelt werden und den ganzen Frust der Kurve einstecken. Kurz darauf, als er wieder aufs Feld durfte, konnte er auf einmal hüpfen wie ein junges Reh. Was für eine Wunderheilung!

Was machst du nur, VfB? Das, was er am Besten kann, das Dasein als ewige Wundertüte der Liga fristen. 120 Sekunden später. Einhunderundzwanzig. Flanke von Timo Werner, der Kopf von Vedad Ibisevic, Tor, Ausgleich. Waaaaas? Was ist hier los? Ist ja irre hier! Was wird das hier am Ende, ein 5:5? Beide Tore gehen auf die Kappe unserer sonst so sicheren Nummer Eins, nun die schnelle Antwort. Verrückt das Ganze.

Himmel, ist das aufregend hier!

Zum Mitschreiben: es war erst 32 Minuten gespielt. Weiter, weiter, immer weiter. Einen Konter nutzten unsere Jungs clever, in dem sie Timo Werner steil schickten, nach einem Foul im Strafraum gab es aber auch hier keinen Strafstoß. Es war nicht das erste „Fußballmafia DFB!“ an diesem Tag. Viel passierte dann allerdings nicht mehr im ersten Durchgang, bis auf eine brenzlige Situation, in der Mame Diouf im Abseits stand, sonst wären die Gäste erneut in Führung gegangen.

Das war ziemlich turbulent, das kann man schon sagen. Umso erleichterter war ich, als nach der Aufregung der ersten 45 Minuten erst einmal der Griff in die Kameratasche ging. Hmmm, lecker Capri Sonne. Bisher hats Nina gut gefallen. Belustigt beobachteten wir das Treiben in der Pause, das kleine Spielchen mit dem Bierbecher im Ballfangnetz, zu Beginn des zweiten Durchgangs gelang es tatsächlich einem, zu treffen. Viel Spaß dem Aufräumtrupp nach dem Spiel, der Graben vor der Kurve war voll mit Papierkugeln.

Ohne irgendwelche Wechsel kamen beide Mannschaften wieder heraus. Halbzeitstand also 2:2 \“ hier muss doch noch was gehen, bitte nicht schon wieder ein unbefriedigendes Unentschieden. Nur Geduld, doch wenn es so einfach wäre, hätte ich auch kein Problem mit meiner mangelnden Gelassenheit. Es ging weiter, der VfB spielte nun in Richtung der Cannstatter Kurve, die heiß war auf den zweiten Heimsieg der Saison. Forza VfB!

Wie von Sinnen zur erneuten Führung

Die ersten Minuten waren gespielt, die Kurve hervorragend aufgelegt, wollte sie doch mehr als das fünfte Unentschieden daheim unter Thomas Schneider. Moritz Leitner wusste durchaus zu gefallen, ebenso wie Timo Werner und Martin Harnik, die beide Gas gegeben hatten und um jeden Ball kämpften. Der perfekte Pass in die Lücke, auf der Seite kam Ibrahima Traoré angerauscht mit einem Mordstempo, dass einem schier schwindlig werden konnte.

Der Rest war nur noch eines: lauter Jubel. Das 3:2 in der 52. Minute, wir waren wieder in Führung. Vor der Kurve sank er auf die Knie, schnell bedeckt von einer ganzen Horde Mitspieler. Das ganze vor der Augen von Felix, direkt vor dem Block 37, beste Sicht in der ersten Reihe. Was war das hier bitte für ein verrücktes Spiel? Das macht nach Adam Riese ein Tor alle zehn Minuten. Was den neutralen Zuschauer einfach nur erfreut, ist für die jeweiligen Fans ein echter Nervenkrieg.

Arm in Arm, gemeinsam für den VfB, 1893, hey, hey. Was machen eigentlich die gegnerischen Fans? Die waren zwar recht schlecht zu hören, machten aber optisch immer wieder mit Fahnen und Doppelhaltern auf sich aufmerksam. Wie viele werden es wohl gewesen sein, 1.500 Sechsundneunziger? Schwer zu sagen. Respekt nur an all diejenigen, die den weiten Weg auf sich nehmen. Kaum wieder beruhigt, hatte Martin Harnik beinahe zum 4:2 getroffen, am Ende zwischte das Leder dann doch noch am Pfosten vorbei.

Nah dran am nächsten Tor

Die Leistungen von den Spielen gegen Gladbach und Schalke schienen vergessen, die bösen Geister ausgetrieben, die Mannschaft war nicht wiederzuerkennen! Sie machten das richtig gut, was wir Fans selbstverständlich zu honorieren wussten. Vom fehlerfreien Spiel waren sie trotz allem noch weit entfernt, doch legten sie nach der Pause nochmal einen Zahn zu. Vielleicht wirds ja doch was mit dem Heimsieg…? Die Erinnerungen an das letzte Heimspiel gegen die Niedersachsen sind jedenfalls keine guten.

Besonders auffällig: sie scheinen fleißig am Ausnutzen von Kontersituationen gefeilt zu haben, nach missglückten Standardsituationen der Gäste funktionierte das Umschalten für die Verhältnisse der letzten Wochen recht schnell. Noch ein kurzer Blick in die Statistik: in dieser Saison hat Hannover in der zweiten Halbzeit kein Tor mehr erzielt. Die Hoffnung lebt im Neckarstadion.

Wie nah wir dem Sieg waren, offenbarte uns der emsige Martin Harnik, der sich seine Aufstellung wirklich verdiente. Nur knapp verpasste er das 4:2, kurz darauf scheiterte Vedad Ibisevic mit einem erneuten Flugkopfball an Ron-Robert Zieler. Aufregung pur, Ibrahima Traoré stachelte uns noch einmal an, wild gestikulierend schien er uns zu sagen: „Auf gehts, feuert uns an, gebt Gas, dann packen wir das mit euch zusammen!“ – auf solche Spiele haben wir lange warten müssen!

Jetzt bloß kein Fehler!

Mehrere Minuten Dauerbeschuss auf das Tor der Gäste. Man muss schon fast enttäuscht sein, dass es „nur“ 3:2 stand, weiterhin führten wir, aber solange das Spiel noch nicht vorbei war, läuft man natürlich stets Gefahr, ins offene Messer zu laufen. Zumal Antonio Rüdiger schon seit der 30. Minute mit Gelb vorbestraft war, wir alle kennen seinen Hang zur Hitzköpfigkeit.

Wenn ich am Montag ins Büro zurückkehre, bin ich mir sicher, dass Nina gelähmt, taub und stumm ist. Die Beine waren schwer, die Schreie in der Kurve zu laut, sie selbst machte sich natürlich auch bemerkbar. Einfach ungewohnt für die liebe Kollegin aus der Redaktion. Da ist Ann, unsere Kollegin, vermutlich schon wesentlich abgehärteter, sei es auch auf einem Sitzplatz mit Dauerkarte. Hoffentlich bringt sie mir Glück, sonst nehme ich sie nicht mehr mit. Jedenfalls hat sie mir das genau so abgekauft.

Sie standen gut, nutzten aber ihre vielen hochkarätigen Chancen nicht. Und Hannover? Die bekamen weitgehend nichts auf die Reihe. Jetzt noch das 4:2 und der Drops wäre endgültig gelutscht, wie mein alter Bremer Kumpel Dennis sagen würde. Zehn Minuten noch zu spielen, für den jungen Rani Khedira kam William Kvist ins Spiel, der erste Wechsel des Spiels. Thomas Schneider lässt sich oft Zeit mit seinen Wechseln, oft zum Verdruss der Fans, wenn es schlecht läuft.

Koka macht den Sack zu

Die letzten paar Minuten schadlos überstehen und die 3:2-Führung irgendwie über die Bühne kriegen, mehr musste es wirklich nicht sein. Der VfB dem 4:2 näher als Hannover dem 3:3. Bald habt ihr es geschafft Jungs, jetzt bloß nicht schludrig werden sondern weiter nach vorne spielen. Ibrahima Traoré, der wieder ein bockstarkes Spiel zeigte, dessen Verbleib in Stuttgart aber nachwievor ungewiss ist, war wieder einmal unterwegs. Vier Stuttgarter, sechs Hannoveraner, nur noch etwas mehr als sechs Minuten.

Auch Timo Werner stand noch auf dem Feld, ein fast schon unverzichtbarer Baustein in der aktuellen Stammformation, das Durchschnittsalter der VfB-Mannschaft betrug übrigens 23,4 Jahre. Ein Doppelpass mit Konstantin Rausch, nicht im Abseits gestanden, alleine auf dem Weg zum Tor. Luft anhalten. Sekunden, die einem wie eine Ewigkeit vorkamen. Ich konnte weder blinzeln, noch atmen, noch schreien, ich starrte einfach nur Wortlos auf den Neuzugang aus Hannover.

Wie in Trance. Ich fiel Nina um den Hals, klatschte meine um mich herum stehenden Nachbarn ab, es war perfekt. Der Ex-Hannoveraner mit dem 4:2 in der 84. Minute. Jubeln wollte er nicht, geradezu entschuldigend hob er die Hände, ließ sich aber dennoch von seinen Kollegen beglückwünschen. Muss ich erwähnen, wie groß die Freude in der Kurve war? Ich glaube nicht. Nicht einmal für die, die nicht dabei waren \“ ihr könnt es euch sicher auch so vorstellen.

Entspanntes Feiern

Gelassenheit und Entspannung, manchmal kann es so einfach sein. Zum ersten Mal seit über drei Monaten ein berechtigtes „Hier regiert der VfB“. Der Blick auf die Anzeigetafel tat gut, da sah ich auch gerne mal über die ansteigenden Schmerzen in meinen Füßen hinweg. Ibrahima Traoré verließ den Platz und bekam seinen Sonderapplaus, für ihn kam Sercan Sararer. Jegliche Gegenwehr hatte Hannover nun eingestellt. Hier war definitiv nichts mehr zu holen, ein beruhigendes Gefühl, es sei denn, man war an diesem Samstag Nachmittag als Gast im Neckarstadion.

Die Nachspielzeit lief schon, auch Mohammed Abdellaoue, der hier vor einem Jahr zwei Tore für Hannover schoss, durfte nochmal ran. Auch er war bisher eher glücklos beim VfB, seinen Wechsel nach Stuttgart verstanden ohnehin die wenigsten. „Ihr könnt nach Hause fahrn!“, wenn man es selber singen darf, ist es die schönste Melodie von allen.

Um etwa 17:20 Uhr war es dann geschafft. Dr. Felix Brych pfiff die Partie ab und hinterließ zufriedene Gesichter bei all Jenen, die dem Verein für Bewegungsspiele wohlwollend gesinnt sind. Take me down to the Paradise City. Was für ein Spiel, was für ein purer Wahnsinn. Man vermochte es ja kaum zu glauben, wenn man es selbst nicht miterlebt hat. Ein wohliger Blick auf die Tabelle, wir waren nun Zehnter.

Heimerfolg mit Seltenheitswert

Gelöste Stimmung in der Cannstatter Kurve, Stolz und Zuversicht, dass die letzten Wochen hoffentlich nur ein Ausrutscher waren und nun wieder in die Spur zurück gefunden wird und in der Rückrunde eine sensationelle Aufholjagd gestartet wird. Man wird ja noch träumen dürfen. Lachend und Grinsend liefen sie zu uns und machten die Welle, ein seltenes Erlebnis vor heimischer Kulisse. Saisonübergreifend stehen im Kalenderjahr 2013 gerade einmal sechs Heimsiege in der Bundesliga zu Buche, diesen hier eingeschlossen.

Sie hatten uns oft leiden lassen, oft den Frust der Fans zu hören bekamen, gaben oft ihr Möglichstes, aber noch öfter dann eben nicht. Heute war es anders, schöner, besser, zufriedenstellender. Im Graben zwischen Kurve und Spielfeld klatschten Sie schließlich noch mit den Fans ab, die schnell genug waren, sich einen Platz in vorderster Front zu sichern. Auch Felix hatte das Privileg, kein Wunder, seine Riesenpranke reicht bis hin zur Untertürkheimer Kurve.

Nina verabschiedete sich beim Rausgehen aus dem Block, ob sie am Montag noch eine Stimme und ein Gehör hat, wird sich zeigen. Ein lohnenswerter Ausflug für die Kollegin, die gerne wieder mitkommen darf, wenn sie möchte. Raschen Schrittes ging es nach Hause, schnell die zahlreichen Bilder von der Protestaktion und vom Spiel bearbeiten, die gute Laune genießen, so lange sie noch anhält. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir mit einer Niederlage in die Winterpause gehen, ist nicht sehr hoch. Fünf einhalb Jahre traumatische Erlebnisse in Wolfsburg. Ich werde nicht ruhen, bis ich dort meinen allerersten Punkt mitnehmen darf.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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