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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Hätte, hätte, Unglückskette

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Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. So einfach kann der Fußball sein. Sozusagen das Beste hoffen, aber das Schlimmste erwarten. Lange Zeit ist es her, dass ich aufgegeben habe, zu diesem einen Auswärtsspiel neben Kamera und Ticket auch die Hoffnung mitzunehmen. Jedes Jahr das Selbe. Du fährst hin und weißt eigentlich schon, was höchstwahrscheinlich passieren wird. Am Ende bist du dennoch frustriert \“ denn es hätte auch anders laufen können.

Kein Mensch in der Stuttgarter Fanszene hätte sich womöglich mehr über einen Auswärtssieg in Wolfsburg gefreut als ich. Fünf einhalb lange Jahre, mit einer Statistik von 1:12 Toren mein größter Dämon. Viele machen sich darüber lustig, singen die Tormelodie und ziehen mich mit Wolfsgeheul auf. Der Schmerz von vielen Jahren, er kann sich einfach nicht abbauen.

Es war der vorletzte Spieltag der Saison 2007/2008, meine erste Saison mit dem VfB, der 10. Mai bei herrlichem Sonnenschein. Der VfB fuhr als Tabellenfünfter zum Tabellensiebten. Viel Hoffnung hatte ich im Gepäck, für uns ging es um den Einzig in den UEFA-Cup. Fast einen Monat nach meinem ersten Heimspiel in Stuttgart wurde Wolfsburg zum Ziel erkoren, wo der VfB das internationale Geschäft klar machen kann. Seit diesem sonnigen Tage stehe ich dem Fluch von Wolfsburg gegenüber.

Der besorgniserregende Blick zurück

So viele Erinnerungen. Sehe ich das grüne Neonlicht der Volkswagen Arena, rutscht mir ein ums andere Mal das Herz in die Hose. Längst habe ich aufgegeben, ein mögliches Ergebnis anhand der aktuellen Tabellenplätze und des aktuellen physischen Zustands der Mannschaften zu tippen. Schon lange macht das keinen Sinn mehr, denn es ist ohnehin immer das Gleiche. Mit 0 Punkten zurück nach Hause. Vor fünf Jahren war der Heimweg erträglich, heute ist er 380 Kilometer länger. Der Frust ist der Selbe. Jedes Mal.

„Dann fahr halt einfach nicht hin!“ – die häufigste Antwort auf meine Prophezeiungen. Einmal im Leben einen Punkt aus Wolfsburg mitnehmen \“ mehr verlange ich doch gar nicht. Und wenn es noch Jahre dauert. Auch hatte es in Berlin nahezu zwei Jahrzehnte gedauert, bis man mit drei Punkten an den Neckar zurückkehrte. Die Betriebssportgruppe von Volkswagen, kritisch beäugt vom Rest der deutschen Fanszene. Eigentlich lächerlich, sich deswegen ins Hemd zu machen. Ein Sieg in Wolfsburg, er wäre mir wichtiger als die meisten Anderen.

Daheim zu bleiben ist niemals eine schöne Option. Auch dieses Mal nicht. Die letzte Amtshandlung vor der vorgezogenen Winterpause, der 17. Spieltag findet bei uns erst im neuen Jahr statt, dank der Bayern und ihrer Klub-WM in den nächsten Tagen. Samstag, 18:30 Uhr in 530 Kilometern Entfernung. Was solls, nehmen wir das eben mit, sei es auch umsonst. Dabei sein alles, oder wie sagt man so schön…?

Entspannt im Bus

Vom Optimismus der Anderen konnte ich mich nicht anstecken lassen, als wir morgens kurz nach neun Uhr mit den Jungs und Mädels vom Schwabensturm aufgebrochen waren. Mit dem Bus im Konvoi, die Erfahrungen von Hamburg und Dortmund waren positiv, da fiel die Entscheidung nicht schwer. Laut den Erzählungen eines Freundes waren wir dann aber doch ganz froh, nicht bei der Auswärtsfahrt nach Schalke dabei gewesen zu sein. Eine Horror-Busfahrt hatten wir 2013 schon, das muss reichen.

Im flotten Tempo ging es über die Autobahn Richtung Norden, ein wenig Vorschlafen hatte gut getan. Es wurde getrunken, gelacht, gequatscht und gesungen, ich genoss die gute Stimmung solange wir noch nicht in Niedersachsen waren. Immer wieder schneite es, doch nur selten lag die Außentemperatur bei unter null Grad. Da erwischte es uns im Januar beim letzten Gastspiel weitaus fröstelnder.

Im Dunkeln erreichten wir die Autostadt, schon zuvor wurde ich immer unruhiger, doch als ich schließlich das grüne Neonlicht sah, wurde mir schlecht. Ich wollte jetzt auf einmal doch lieber daheim sein und gar nichts vom Spiel mitbekommen. Direkt vor dem Stadion kamen wir auf dem Gästeparkplatz zum Stehen, schnell aus dem Bus hinaus gekullert und durch die Kontrolle, bevor der aktive Kern mit dem Material durchkommt.

Problemfall Kamera

Unsere Sorgen bezüglich Kameramitnahme bewahrheiteten sich vor Ort glücklicherweise nicht. In der bereitgestellten Faninfo fanden sich im Abgleich mit der Stadionordnung des VfL sowie den Erfahrungen der letzten Jahre einige Widersprüche. Kamera erlaubt? Wenn ja, wie groß? Wo ist die Grenze zwischen „Okay“ und „Wurfgeschoss“? Der obligatorische „Auswärts-Anruf“ (um sicherzugehen, ob und welche Kameras von uns mitdürfen) auf der Geschäftsstelle irritierte mich sehr, dass keinerlei Kameras erlaubt wären.

Am Donnerstag und Freitag wurden nochmal alle Kanäle bemüht, von unserem Fanbetreuuer Christian Schmidt bis hin zum Facebook-Team des Gastgebers. Die Spiegelreflex-Kamera müsste definitiv daheim bleiben, das war überall auch genau so verlautet worden. Wegen meiner kleinen Kompaktkamera machte ich mir keine Sorgen, doch was ist mit Felix, dessen Kamera etwas überdimensionierter ist? Was ist mit den Fotografen-Kollegen, die unter Umständen sonst ebenfalls Probleme bekommen?

Am Ende war alle Aufregung für umsonst \“ umso größer aber der Frust, als ich vor Ort einige Reihen vor mir eine Spiegelreflex-Kamera mit Telezoom-Objektiv erspähte \“ ich kannte den Fotografen nicht einmal (es war keiner der aktiven Fanszene). Da schnappt einem schon ein bisschen das Messer in der Tasche auf. Dann hätte ich ja vielleicht doch…? Nun war es doch aber ohnehin schon zu spät. Unsere kleinen Kameras mussten es dann tun, Felix nahm seine alte und etwas kleinere Kamera mit, ohne jegliche Diskussion.

Von Glücksbringern und Unglücksbringern

Glücksbringer Sandro und dessen Wegbegleiter Uwe gabelten wir sogleich auf, ein letztes Wiedersehen vor der Winterpause. Was haben wir alles erlebt in diesem Kalenderjahr, gell Sandro? Bis auf Freiburg im Pokal und Dortmund in der Bundesliga, unsere Bilanz konnte sich wahrlich sehen lassen. Auf ein Neues im neuen Jahr, wir starten einfach eine neue Siegesserie. Wäre diese nicht schon in Dortmund gerissen, vielleicht wäre ich dann doch mit neuer Hoffnung in die Autostadt gefahren.

Wolfsburg macht mir wahrlich ein bisschen Angst. Die Niederlagen scheinen vorprogrammiert, von hochverdient bis dumm und unglücklich war so ziemlich alles dabei. Einiges ist beim VfB passiert, seit wir das letzte Mal hier waren. Tabellenplatz, Trainerteam, Philosophie, Vorstand und Wappen. Der Gästeblock war noch genau so, wie wir ihn zurück gelassen hatten: kalt, schlechte Sicht und eingepfercht von Metallzäunen. Nur Freiburg ist schlimmer.

Da stand ich nun, wie fast in jedem Jahr seit Mai 2008. Nur einmal fuhr ich nicht hin, im Jahr meines Umzugs waren in der Hinrunde 2010/2011 keine Auswärtsspiele für mich drin, aber auch da verloren sie mit 0:2. Nur für den Fall, dass jemand denkt, ich würde Unglück bringen \“ nein, die Jungs können es auch ohne mich, bzw. eben nicht. Es ist das sechste Spiel in fünf einhalb Jahren.

Never change a winning team?

Es war soweit, die Mannschaften liefen ein mit ihren Einlaufkindern, allesamt mit grünen Weihnachtsmützen auf. Lasst es bitte schnell hinter uns bringen, damit wir das abhaken können. Welche Ironie, mit einem Auswärtsspiel in Wolfsburg begann und endet das Kalenderjahr 2013. Ob auch die Laune die gleiche sein wird, bleibt abzuwarten, doch konnte ich es mir einfach nicht vorstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass sie gerade richtig gut drauf sind.

Mit den Niedersachsen hatten wir es bereits in der Woche zuvor zu tun, mit einer Achterbahnfahrt der Emotionen feierten wir einen Heimsieg gegen Hannover. Der Ball rollte in der Volkswagen Arena. Standardspezialist Alexandru Maxim durfte noch nicht wiederkehren, gegen Hannover blieb er durchweg auf der Bank sitzen. Es tat uns nicht weh, ihm tat die Denkpause hoffentlich gut, zuletzt war er nicht besonders effektiv.

Dass er nun wieder nicht spielte, verstand ich nicht. „Never change a winning team“? Was war dann mit Rani Khedira, der draußen blieb? Fragen über Fragen, nur die eine schien mir von Vornherein beantwortet: die Frage nach dem möglichen Ausgang. Im vergangenen Jahr endete das letzte Spiel vor Weihnachten mit einem Heimsieg und einem lustigen Video der Mannschaft. Heute vermutlich mit einer ätzend langen Heimfahrt mit schlechter Laune.

0:0 \“ das Beste dran

Mit den Fotos hatte ich alle Hände voll zu tun, entweder das oder Beteiligung am Support, der stete Wechsel zwischen Fotografin und Fan. Auf das Spiel achtete ich zunächst gar nicht explizit, wer will es mir auch verdenken. Hin und wieder ein nervöses Raunen, ansonsten gab es nicht viel, was mich in den ersten Minuten aufs Spielfeld schauen ließ.

Recht schnell musste Sven Ulreich entscheidend eingreifen, in der Mitte hatte Maximilian Arnold freie Schussbahn, zog aber direkt auf unsere Nummer Eins, der an den Gegentreffern gegen Hannover nicht ganz unschuldig war. Wie schön es mal wäre, einfach ohne Gegentor zu bleiben, das gab es zuletzt in Braunschweig – vor fast zwei einhalb Monaten!

Das Spiel begann ausgeglichen und weitgehend langweilig, nicht zu vergleichen mit der Partie der vergangenen Woche. Ausgeglichene Laufbereitschaft, ausgeglichene Zweikampfbilanz, ausgeglichener Ballbesitz \“ demzufolge auch ein ausgeglichenes Zwischenergebnis. Das langweiligste aller Fußballergebnisse, bleibt es dabei, würde ich mich freuen.

Kein besonders ansehnliches Spiel

Mit Sicherheit war ich nicht die einzige, die eine derart erschreckende Bilanz in Wolfsburg vorzuweisen hatte. Zu diesem sogenannten „Top-Spiel“ machten sich 1.200 Fans auf den Weg. Trotz allem war die Stimmung gut, ein stimmgewaltiges Lehrbeispiel für die Anhänger und Angestellten der Volkswagen AG. Bei weitem war es nicht ausverkauft, nur 25.501 Zuschauer waren da, 30.000 Zuschauer passen hinein in diesen emotions- und stimmungslosen Betonklotz im Allerpark.

Übernatürlich lang anhaltende Wechselgesänge innerhalb des Gästeblocks zeugte davon, dass man hier zumindest stimmungstechnisch als Sieger heimfahren wollte. Auf der anderen Seite konterte man ein „VfL“ trocken mit „Hurensöhne“. Immer mehr nahm das Spiel den gewohnten Verlauf: die Gastgeber wurden stärker und fingen an zu drücken, womit unsere Abwehrreihe alle Hände voll zu tun hatte. Offensive? Die fand vorerst nicht wirklich statt.

Eine halbe Stunde war gespielt, viel war seither noch nicht wirklich passiert, zahlreiche Zweikämpfe und mindestens genau so viele kleine Unterbrechungen. Kein besonders schnelles Spiel, ich wünschte mir schon jetzt den Abpfiff herbei. Warum ich trotzdem hergefahren war, verstehe ich selbst nicht so recht. Vielleicht war ja doch der Hauch einer Hoffnung da?

Tor aber doch kein Tor

Nach vorne zu spielen traute sich der VfB erst nach einer guten halben Stunde, ein toller Pass von Vedad Ibisevic in den Lauf unseres Teenagers Timo Werner, sofort witterte der Gästeblock die Morgenluft. Wortlos starrte ich auf ihn, wie er alleine in Richtung Diego Benaglio unterwegs war. „Mach es, mach es, mach es“, immer wieder die selben Worte in meinen Gedanken.

Mit dem Fuß war der Keeper der Wölfe noch dran, konnte die Bogenlampe ins Tor jedoch nicht verhindern. Konnte das hier tatsächlich wahr sein? Timo Werner auf dem Weg zum Führungstor? Robin Knoche rannte noch mit, im offenbar letzten Moment kratzte er den Ball noch von der Linie. Nein, nein, nein. Das konnte doch jetzt wirklich nicht wahr sein!

Es geschah auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions. Somit erfuhr ich mit vielen anderen erst Minuten später, dass der Ball die Linie in vollem Umfang über der Linie war und somit hätte zählen müssen. Der Linienrichter hatte freie Sicht. Kein Tor. Kein „Tor für die Gäste“. Kein Jubel. Nur viel Frust und Ungläubigkeit, wie der Ball nur nicht hatte drin sein können. Er war drin \“ gesehen hatten es zumindest die TV-Kameras ganz genau.

War ja klar

Wie bitter ist das denn? Sofort schoss mir ein Gedanke in den Kopf. Welcher das wohl war? Richtig! So etwas rächt sich meist gleich danach. Slobodan Medojevic senste wenige Minuten später erstmal Georg Niedermeier direkt vor der Kamera an der Seitenlinie um, nur die gelbe Karte für den Wolfsburger. Der Gästeblock tobte, „Fußballmadia DFB“ schallte es durch unsere Reihen. Einige Zeit musste Schorsch behandelt werden, Zeit genug, um den angeregten Diskussionen rund um die Torlinientechnik zu lauschen, die um mich herum entbrannten.

Wirklich überrascht war ich dann nicht, ich hatte es ja angekündigt. Solche Beinahe-Tore, seien sie fahrlässig vergeben oder zu Unrecht nicht gegeben, rächen sich. In diesem Falle: nur acht Minuten später. Ein Foul von Moritz Leitner an Diego war dem Ganzen vorausgegangen, dass auch der Brasilianer kein Kind von Traurigkeit ist \“ aber ganz gerne mal nur so tut \“ wissen wir ja alle zur Genüge.

Ricardo Rodriguez stand bereit, um den Freistoß auszuführen. Sofort hatte ich ein ungutes Gefühl, aber in Wolfsburg habe ich das ja bekanntlich eigentlich immer. Mein Blick ging zu den Abwehrspielern und den Wolfsburgern, gespickt mit jeder Menge potenziell gefährlichen Kopfballschützen. Mit Effet zog er den ruhenden Ball aufs Tor, unberührt von Freud und Feind segelte der schließlich in aller Seelenruhe ins Netz. Guten Morgen, Sven Ulreich.

Ein Moment der Stille

Ulles Fehler oder nicht? Er war offenbar davon ausgegangen, dass noch zumindest einerrankommt. Keine Diskussionen, dafür jede Menge Frust. Irgendwie erwartungsgemäß. Da war es wieder. Rama Lama Ding Dong. Genervt zog ich meine rote Strickmütze tief ins Gesicht. Oh Gooooott, bitte nicht schon wieder.

Kurze Stille im Gästeblock, aber selbst im Jubel ist den Wolfsburger Anhängern einfach nicht mit Respekt zu begegnen. Vielleicht auch deshalb, dass sie sich an Heimtore gegen den VfB so sehr gewöhnt haben, dass es nichts Besonderes mehr darstellt. Die Meisten stimmten bald wieder mit ein, verloren war das Spiel ja noch nicht ganz, genug Zeit, doch noch etwas zu erzwingen. Noch ein paar Minuten bis zur Pause.

Mit der letzten Aktion, dem Beinahe-Ausgleich durch Christian Gentner, ging der erste Durchgang zu Ende. Viel besser wurde es aber danach auch nicht. Die Wolfsburger machten das ganz clever, in dem sie kaum etwas hinten anbrennen ließen, überall war Robin Knoche zur Stelle und putzte fast alles weg. Man addiere dazu die miserable Chancenverwertung des VfB und heraus kommt dabei die personifizierte Harmlosigkeit. Nur wenig ging nach vorne, hinten wackelte man immer wieder.

Die nächste Fehlentscheidung

Wenige Minuten nach Wiederanpfiff, Freistoß für die Hausherren. Naldo drosch das Leder aus fast 30 Metern gegen die eng gestellte Mauer, man weiß ja mittlerweile sehr gut, dass er ein ausgezeichneter Freistoßschütze ist, der gerne mal einen Strahl ins Netz lenkt. An der Mauer prallte er ab, Situation fürs erste gelöst, zumindest bis Schiedsrichter Deniz Aytekin pfiff und den Freistoß wegen Handspiels wiederholen ließ.

Martin Harnik hatte sich mit dem Arm am Körper angelegt beim Hochspringen weg gedreht \“ dass so für etwas einen Freistoß gibt, ist allenfalls im Bereich von „Kann“, aber nicht „Muss“. Wo soll sein Arm denn hin, in Luft auflösen? Gelb gabs dafür auch noch. Ziemlich abenteuerlich, Herr Aytekin. Also, das ganze nochmal, diesmal von weiter vorne. Wieder stand Naldo bereit, schoss aber nicht selbst, sondern überließ es Diego.

Wieder hinein in die Mauer, dumm abgefälscht von Christian Gentner, nichts zu Halten für Sven Ulreich, der in die andere Richtung unterwegs war. Tja, ziemlich doof jetzt. Die zweite einschneidende Fehlentscheidung, die den Lauf des möglichen Spiels gravierend in die andere Richtung gelenkt hat. Zuerst das Tor von Timo Werner nicht gegeben, dann ein angebliches Handspiel vor dem 2:0. Das nennt man dann wohl eine Verkettung unglücklicher Umstände.

Geht da doch noch was?

Überstanden war die Geschichte noch nicht. Kurze Zeit später drosch der kleine stets unschuldige Diego unserem Japaner Gotoku Sakai den Ellenbogen ins Gesicht, auch der bereits verwarnte Slobodan Medojevic stieg hoch gegen Martin Harnik ein. Für ein Foul dieser Größenordnung gibt es für gewöhnlich Gelb. Es wäre ein Platzverweis gewesen und der Serbe hätte vom Feld gemusst.

Nur kurz konnte man sich darüber aufregen, nach fast einer Stunde Frust war es endlich da, das erste VfB-Tor in Wolfsburg nach über fünf Jahren. Es war doch noch nicht ganz vorbei! Der Anschluss in der 57. Minute, volley, flach, wunderschön. Geht hier vielleicht doch noch was? Nach den Fehlentscheidungen mehr als verdient. Wer weiß, wie es sonst hätte kommen können?

Dass ein Führungstreffer alleine nicht reicht, habe ich damals bitter erfahren müssen, Martin Lanig war es damals, schon lange spielt er nicht mehr beim VfB. Es waren Minuten der Hoffnung und der letzten Zuversicht. Nur knapp verfehlte Vedad Ibisevic den möglichen Ausgleich, Diego Benaglio klärte noch in allerallerallerhöchster Not. Hier war nun endgültig Feuer im Spiel, die Gedanken an all die Jahre der Enttäuschung und des Schmerzes, für ein paar Minuten waren sie ausgeblendet.

Schreien für den Auswärtserfolg

Eine halbe Stunde noch zu spielen. Das spürte auch der mitgereiste Anhang, der nun spürte, dass hier doch noch etwas Gutes passieren kann. Schreien, Hüpfen, Klatschen, auswärts sind die Fans des VfB einfach ein anderes Kaliber als in der breiten und oft nicht einheitlich zu koordinierenden Cannstatter Kurve.

Vorne fleißig und hinten stabil, genau so wollten wir das sehen. Für Ibrahima Traoré kam 20 Minuten vor Schluss der erste Neuzugang der Saison, der bereits im Winter als Sommer-Neuzugang fest stand. Viel hat er bisher nicht gezeigt, der Sercan Sararer. Auch der gelbverwarnte Diego ging und ließ sich dabei, wie könnte es auch anders sein, alle Zeit der Welt. Sie führten ja schließlich, warum also beeilen? So eine unglaublich falsche Schlange, da fällt dir nichts mehr ein.

Wie unheimlich wichtig Timo Werner mittlerweile ist, haben die letzten Wochen gezeigt. Unglaublich abgeklärt macht der 17-Jährige fast alles richtig, nur dieses eine Mal fehlte ihm die Umsicht. Wie gerne wollte er selbst machen, das zweite (und eigentlich dritte, wenn mans genau sieht) Tor wollte er alleine machen, übersah aber den besser postierten Martin Harnik. So rannte er auf Diego Benaglio zu, der sich ihm noch beherzt in den Weg stellte.

Zu viele Chancen liegen gelassen

Entsetzen im Gästeblock, erleichterter Applaus von den anderen Tribünen. Man, Timo, warum hast du hier nicht abgespielt? Kann man hier dem jungen Mann einen Vorwurf machen? Nicht wirklich, der Kleine hat noch Welpenschutz. Zurecht trat er wütend gegen die Werbebande, ein paar mahnende Worte gab es von Vedad Ibisevic gratis mit dazu. Wir waren schon drauf und dran, den Ausgleich zu bejubeln. Doch noch immer stand vorne die Zwei und hinten die Eins.

Wieviele Chancen braucht der VfB denn noch? Offenbar viele, Dauerbeschuss auf den Kasten der Wolfsburger, ein Hochkaräter nach dem anderen. Der VfB gegen Diego Benaglio. Wenn sie nun genau so weiter machen, ist es eine Frage der Zeit, bis der Gästeblock zum Tollhaus wird. Es wäre uns allen \“ und ganz uneigennützig mir selbst \“ so zu wünschen nach vielen Jahren der Entbehrung in der Autostadt.

Den nächsten Hochkaräter hielt er auch, Christian Gentner aus dem Rückraum ins kurze Eck, gerade noch zur Ecke geklärt, die aber auch nichts einbrachte. Es ist wie verhext, das Tor schien wie zugenagelt. Sie hatten genug Möglichkeiten und auch genug Zeit, den Ausgleich zu machen, nun rannte uns die Zeit davon. Gab ich mich etwa schon mit der Niederlage ab? Nicht wirklich, der Ausgleich wäre nun mehr als verdient gewesen. Die Wölfe wackelten, das taten sie nicht oft in den letzten Jahren, wenn der VfB zu Besuch war.

Mit aller Kraft nach vorne

Ein letztes Mal Vollgas geben. Scheiß auf die lädierte Achillessehne, scheiß drauf, dass das rechte Knie am nächsten Tag blau sein würde, scheiß auf das turtelnde Pärchen hinter mir, die teilweise nichts gesehen haben weil ich immer wieder an den hochgeklappten Metallsitzen hochstieg, um besser sehen zu können. Hier einen Punkt mitnehmen, das wäre so richtig schön. Aber wie in den Jahren davor, den Plan hatte Wolfsburg ohne uns gemacht.

Die Gastgeber standen fast nur noch hinten drin und versuchten, dem Stuttgarter Dauerbeschuss standzuhalten, es kostete ihnen viel Mühe, viele Ballverluste konnte man noch erzwingen. Hier geht noch was, hier geht noch was, hier geht noch was! Morgen habe ich keine Stimme mehr, juckt mich nicht die Bohne, wenn wir hier nach fünf einhalb Jahren ausnahmsweise mal nicht verlieren. Noch knapp zwölf Minuten.

Es wurde dunkel um mich herum. Ein einziges Mal nicht aufgepasst, ein einziges Mal in einen dummen Konter gelaufen, ein einziges Mal hielt die Abwehr in unserer besten Phase nicht stand. Gotoku Sakai zeichnet sich dafür verantwortlich, der vor Ivan Perisic nicht mehr klären konnte. Der erzielte vorletzte Saison im Trikot der Dortmunder noch das 4:3 im Westfalenstadion, bevor Christian Gentner den Schlusspunkt unter ein denkwürdiges Spiel setzte.

Alles vorbei?

Am Ball vorbei gegrätscht, Ulle konnte auch nicht mehr viel machen, sah aber auch dieses Mal mehr als dämlich aus. Direkt vor der Wolfsburger Kurve. Der Versuch, die Körperfläche zu vergrößern und somit den Ball zu blocken, ging schief, er trudelte langsam Richtung Netz, nur noch ein kleiner Nachschuss und das Ding war drin. Da fällt dir nichts mehr ein.

Unheimliche Leere in mir. Das durfte doch nicht wahr sein, wie kannst du in 90 Minuten nur so eine Scheiße am Fuß haben? Vom Schiedsrichter mehrfach benachteiligt und am Ende ein saudummes Kontertor gefangen. Die Mutter aller unglücklichen Spiele. Von der Nordkurve ertönte das Europapokallied und streute so nochmal zusätzlich Salz in die Wunde.

Wer glaubte hier bitte noch an die Wende? Wer nicht in der Lage ist, die größten Chancen zu nutzen, warum sollte es dann bitte in den letzten zehn Minuten klappen? Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Die Gegentore dreizehn, vierzehn und fünfzehn. Die erschreckende Bilanz in der Autostadt, sie wird schlechter und schlechter.

Kein Ende der Leidenszeit

Es wurde still im Gästeblock, viele verstummten. Und die Wolfsburger? Manche machten sich sogar schon auf dem Weg nach Hause. Ich kann und werde es nie verstehen. Glaubte auch Thomas Schneider nicht mehr daran? Er hatte selbst getroffen, als im Jahre 2002 das Stadion eröffnet wurde, der VfB gewann mit 2:1 \“ und bekam am Ende noch das Gegentor von Tomislav Maric auf Seite der Wolfsburger, heute ist er Thomas Schneiders Co-Trainer.

Damals Gegner, heute Trainergespann. Alfons Higl, der zweite Co-Trainer, musste zusammen mit Armin Veh einst vor fünf Jahren seine Sachen packen, als der VfB es zuletzt wagte, hier ein Tor zu erzielen. Geschichten, die der Fußball schreibt. Wie gern ich euch die Geschichte erzählt hätte, wie ich nach Jahren des Frustes mein Wolfsburg-Trauma besiegen konnte.

Es ist aufgeschoben, nicht aufgehoben. Vielleicht klappt es ja irgendwann mal. Was bedeutet: ich werde so lange nach Wolfsburg fahren müssen, bis es mal zum Punkt reicht. Hier und heute war das Ding offenbar gegessen. Auch der Mannschaft versetzte das 3:1 einen herben Schlag, mit der Herausnahme von Vedad Ibisevic schien auch Thomas Schneider das Ergebnis akzeptiert zu haben. Für ihn kam der so ziemlich ungefährlichste Stürmer im VfB-Trikot, Mohammed Abdellauoe.

Dem Schicksal gefügt

Ob wir nun 3:1 verlieren oder 4:1, darauf kam es nun auch nicht wirklich an, es hätte mich nicht überrascht. Mit dem Tor von Ivan Perisic war man endgültig ausgeknockt. Nach nur 20 Minuten Einsatzzeit verließ Sercan Sararer wieder das Feld, eine Verletzung machte ihm zu schaffen. Für ihn kam Alexandru Maxim, viel zu spät nach meiner Ansicht. Doch nun war das Ding sowieso gesessen, die offizielle Spielzeit war ohnehin schon rum.

Sie fügten sich in ihr Schicksal. Ein letzter Abschlag von Sven Ulreich, dann war es vorbei. Gotoku Sakai war nicht zu trösten, sofort sank er verbittert zu Boden. So fühlte ich mich auch. Am liebsten zu Boden sinken und erstmal nicht wieder aufstehen. Teils Trost spendend, teils mit leeren Händen zeigend empfingen wir sie kurze Zeit später am Gästeblock. Sie hatten sie bemüht, waren hinten aber ein weiteres Mal zu schludrig und vorne nicht kaltschnäuzig genug.

So endet das Jahr nun also, wie es angefangen hatte: mit einer Pleite in Wolfsburg, für mich die Mutter aller Pleiten und mein größter Dämon. Auch im nächsten Jahr werde ich einen neuen Anlauf wagen. So lange, bis es schließlich mal klappt. Mit gesenkten Haupt verließ ich den Block, verabschiedete mich noch von Sandro, der meine Meinung durchaus teilte: „Jedes Jahr die gleiche Scheiße“. Wohl wahr. Vor dem Stadion wartete bereits der Bus auf uns, der uns wieder nach Hause bringen sollte.

Der lange Weg zurück

Gleich die Bilder bearbeitet und dann eingeschlafen. Ein paar wenige Pausen mussten ausreichen, doch verzögerte sich die Heimkehr trotzdem. Die genauen Gründe dafür kenne ich nicht, lag es an einer reinen Vorsichtsmaßnahme, um den drei Stunden zuvor in Hannover gastierenden Nürnbergern auf der Heimfahrt zu entgehen? Oder dass auf einmal einer der vier Busse weg war? Gab es einen Unfall, Stau auf der Autobahn? Ich weiß es nicht.

Es war bereits vier Uhr morgens, als der Reiseleiter durchs Mikrofon die obligatorische Endreinigung in Wunnenstein angekündigt hatte. Bierkisten verstauen, durchwegen, Müll entsorgen, jeder packte mit an. Eine gute halbe Stunde später erreichten wir unser Neckarstadion, wo bereits der VfB-Weihnachtsmarkt, der zeitlich ungünstig gelegt wurde, schon wieder abgebaut wurde. Daheim waren wir dann um fünf Uhr morgens.

Samstag am Arsch. Ein Ausflug, der sich (mal wieder) nicht gelohnt hat. Hoffen wir an dieser Stelle einfach mal auf ein besseres Jahr 2014. Die geraden Jahre liegen mir irgendwie, von daher bin ich nicht zuletzt optimistisch gestimmt. Für das neue Jahr stehen schon einige Veränderungen in den Startlöchern. In Wolfsburg zu gewinnen, das steht zumindest auf meinem Plan. In jedem Jahr.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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