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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Daheim und doch fremd

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Fußball ist Leidenschaft, Emotion und Hingabe. 90 Minuten alles geben, für seinen Verein schreien, singen und klatschen. Er kann grausam sein, aber eben auch wunderschön. Du gehst ins Stadion mit einer positiven Anspannung und willst deine Mannschaft zum Sieg schreien. Und es gibt da noch so Tage, wo dir alles fast völlig egal ist, du einen entspannten Abend mit Freunden genießt und du trotz Heimstadion nicht wirklich heimisch bist. Das Länderspiel gegen Chile war so ein Tag.

Nach Brasilien 2011 war es nun mein zweites Länderspiel, dass ich im Neckarstadion gesehen hatte. Die Nationalmannschaft hatte zum Test gegen Chile eingeladen, vergangenen Mittwochabend trafen beide in Stuttgart aufeinander. Wie grundentspannt es sein kann, wenn es mal nicht der VfB ist, der spielt \“ der verzückt uns ja derzeit nun auch nicht gerade mit fußballerischer Feinkost.

Sieben Niederlagen in Folge, Abstiegskampf, doch wenigstens an einem Abend konnte man im Stadion sein, ohne Angst und ohne Furcht. Dass es trotz allem einfach nicht \“unseres\“ ist, war deutlich zu spüren. Viele Dauerkartenbesitzer aus der Kurve hatten sich über den VfB ihre Karten gesichert, so auch wir, gemeinsam mit zwei Freunden aus dem Fanclub.

Farbenfroh und schrill

Schon von weitem waren sie weder zu übersehen noch zu überhören. Am Cannstatter Carré hatten sie sich versammelt, die chilenischen Fans. Wo sind sie nur hergekommen? Scheinbar aus dem Nichts, Hunderte und Tausende von Ihnen, eingewickelt in Fahnen, bemalt in ihren Landesfarbe, mit Trommeln, mit Pfeifen und mit Vuvuzelas. Sie waren gut gelaunt und friedlich, es machte Spaß, ihnen beim Einstimmen auf dieses doch eher unbedeutende Testspiel zuzuschauen.

„Chi- Chi- Chi! Le-Le-Le! Chile! Chile!“ – meterweit konnte man ihren Schlachtruf noch vernehmen. Es war ein komisches Gefühl, mit jedem einzelnen Meter auf dem Weg – den man doch besser kennt als sonst keinen – merkte man, dass es anders war. Vor drei Jahren, als hier im Sommer mit einem Testspiel gegen Brasilien das frisch umgebaute Stadion kurz nach dem Bundesligastart gegen Schalke nachträglich eröffnet wurde, war es vermehrt die Neugier, die uns antrieb.

Heute galt es, lediglich einen entspannten Abend zu verbringen und an wenigstens einem Tag die Sorgen und die Ängste, die die hiesige VfB-Fanszene umtreiben, ausblenden können. Ein ganz kleines Bisschen hatte ich es ja vermisst, das Dauertröten und die vielen Deutschlandtrikots die unseren Weg zum Neckarstadion kreuzten. Und mittendrin: die Chilenen, lachend, singend, stimmungsvoll.

Ein befremdliches Gefühl

Für Felix und mich endete der Weg nicht wie sonst üblich vor den Toren der Cannstatter Kurve, es ging noch weiter zum Restaurant beim PSV, wo ich noch zwei zusätzliche Tickets für meinen Physiotherapeuten Denis in Empfang nahm, dem wir sie kurze Zeit später vor dem Fanshop im Carl-Benz-Center überreichten, unweit vom üblichen Treffpunkt, wo sich sonst die Fanszene trifft, wo aber an diesem Abend keiner stand \“ ein befremdliches Gefühl.

Nicht einmal kontrolliert wurden wir, als wir durch die selben Drehkreuze gingen, durch die wir sonst auch immer laufen. Nun ärgerte es mich nur umso mehr, dass meine große Kamera daheim lag \“ es wurde mir angeraten, noch am Nachmittag hatte ich mit dem DFB persönlich telefoniert und erkundigte mich nach den Mitnahmerichtlinien.

Oft habe ich bei Spielen, bei denen der DFB selbst Veranstalter war (z.B. Pokalspiele) die Erfahrung gemacht, dass man oft keine Spiegelreflexkameras mitnehmen kann. Nun lag sie daheim, dabei hatte ich lediglich die kleine Kompaktkamera, die mir schon bei zahlreichen Partien treue Dienste erwiesen hatte. Schade drum, irgendwie zumindest.

Zwischen Wehmut und Entspannung

Wir waren früh dran, genehmigten uns noch etwas zu Trinken im benachbarten Stadionimbiss \“A-Block\“, bewunderten ein weiteres Mal das riesige Schwarz-Weiß-Bild auf der einen Seite, welches am letzten Heimspiel in der alten Cannstatter Kurve aufgenommen wurde. Ein Tag, an dem viele Tränen geflossen waren. Knapp vier Jahre später bringt die Erinnerung daran viel Wehmut mit, es war eine tolle Zeit \“ als der VfB hin und wieder zumindest noch gewann.

Statt einfach nach rechts unten durchzulaufen, waren wir nun im linken Bereich, die Tickets waren mit Reihen- und Platznummern versehen. Freie Platzwahl? Bei Länderspielen leider Fehlanzeige. Die Metallsitze waren hochgeklappt. Ich hatte sie schmerzlich vermisst, seit jenem düsteren Abend, als nur wenige Sekunden der Nachlässigkeit ein jähes Aus in der Europa League bedeuteten. Seither hatte ich sie nicht mehr gesehen, die Wahrscheinlichkeit, mich bei einem VfB-Spiel wieder drauf stellen zu können, um bessere Fotos zu machen, geht bekanntermaßen gegen Null.

Recht gut gefüllt waren die Reihen schon, es konnte losgehen. Zwei mal 45 Minuten berieseln lassen, entspannen, abschalten \“ das alles, was man als VfBler mit Herzblut üblicherweise im Stadion nicht tut. Heute war das ausnahmsweise mal erlaubt. Die Einlaufkinder, die Flaggen, das Bundeswehrorchester und die Nationalhymnen. Eine Reise in vergangene Tage, einst besuchte ich 2007 und 2008 zahlreiche Länderspiele.

Choregraphie für Anfänger

Eine Choreographie sollte es geben, obwohl es nicht die Blöcke der Cannstatter Kurve waren, die als sogenannte \“Singing Area\“ verkauft wurden, sondern die gegenüberliegende Seite auf der Untertürkheimer Kurve. Weiße und schwarze Papptafeln lagen aus, hier und da ein bisschen goldene Folie. Der obligatorische Hinweiszettel, befestigt mit einem kleinen Stück Klebeband auf den Metallsitzen, durfte natürlich nicht fehlen. Sponsored by DFB, versteht sich von selbst.

Hat es beim Singen der Nationalhymne noch gerade noch so geklappt, verstummten die meisten Besucher nach Abpfiff des Testspiels nahezu völlig. Wurde hier und da mal ein verkapptes \“Deutschland, Deutschland!\“ intoniert, blieb es weitgehend ruhig. Etwas anderes war auch nicht zu erwarten. Mit einem Schmunzeln hatte ich vor dem Spiel noch gelesen, Chile wäre durchaus als Geheimfavorit auf den WM-Pokal zu verstehen \“ im Laufe der Partie verstand man allerdings recht schnell, worauf dies begründet war.

Sie waren richtig, richtig frech \“ fleißig nach vorne, leidenschaftlich, schnell. Etwas, was ich mir so sehr vom VfB wünschen würde, derzeit aber einfach nicht belohnt werde. Das Spiel selbst in aller Ausführlichkeit zu analysieren, werde ich mir an dieser Stelle sparen, es sei mir bitte verziehen. Schön anzusehen war es nicht und erfüllte tatsächlich einzig und allein den angestrebten Zweck: Abseits vom VfB mal einen entspannten Stadionabend mit Freunden zu verbringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

1:0 durch Mario Götze \“ aber sonst so?

Etwas zu lachen gab es auch: als auf dem Oberrang, da, wo bei Heimspielen unseres VfB die \“Alte Garde\“ beheimatet ist, wurde ein \“Jaaaa, der VfB!\“ angestimmt, mehrere Hunderte in der Cannstatter Kurve stimmten mit ein, grinsten, und kamen nicht umhin, die Reaktionen der Nicht-VfB-Fans zu bemerken. Eine junge Dame schräg vor uns, völlig entrüstet und schockiert: \“Das ist ja völlig unangemessen!\“. Schleich dich, Schlampe \“ mit solchen Aussagen hast du hier eh nichts verloren. Raus aus unserer Kurve!

Die 54.449 Zuschauer (übrigens mehr, als leider der aktuelle VfB-Heimspiel-Schnitt) sahen ein äußerst mäßiges Spiel, das nur schwer in Tritt kam. Man kam nicht umhin, nicht gerade Sympathie zu entwickeln für einige Nationalspieler, die hier auf dem Feld standen: Manuel Neuer, Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, als Bayernspieler muss man sie ja nicht unbedingt gern haben. Wir quatschten, lachten, machten unsere Witze und vergaßen tatsächlich für ein paar wenige Stunden, dass wir es als Fans des VfB nicht leicht haben.

Nach 16 Minuten erzielte Mario Götze das 1:0 für die Deutschen, kurze Freude, braves Händeklatschen der umgebenden Zuschauer \“ die zumindest allesamt standen \“ und das Einfordern weiterer Tore. Auf der Untertürkheimer Kurve wurde zum Torjubel ein riesiges Trikot ausgerollt, auch das kenne ich schon all meinen Länderspielen der letzten Jahre. Nichts Neues, nichts Spektakuläres, nichts, worauf man sich jetzt groß aufgeilen kann.

Verwöhntes Event-Publikum

Im zweiten Durchgang wurden die Chilenen, die immer wieder gut zu hören waren im Gästeblock, immer besser. Ist es etwa das Stadion, das hier die Seuche hat und stets der Heimmannschaft am Ende noch zwei Tore einschenkt? Der Nationalelf blieb es erspart, was uns seit Wochen in Frust und Trauer stürzt. In Hälfte Zwei fielen keine weiteren Treffer, wenngleich Chile ihn definitiv verdient gehabt hätte.

Zum gelegentlichen Raunen aus dem ersten Durchgang gesellte sich zunehmend der eine oder andere Pfiff, vermehrt besonders im zweiten Durchgang. Verwöhntes Nationalmannschaftspublikum, Eventfans, die teilweise viel Geld für ihre Karte zahlen und dafür auch gebührend unterhalten werden wollen. Nur ein 1:0 gegen Chile? Das darf doch nicht wahr sein! Entsprechend laut wurde der Unmut kommuniziert.

Matthias Ginter vom SC Freiburg feierte sein Debüt im Nationaltrikot, wurde teilweise ausgepfiffen von offensichtlichen VfB-Fans. Wer will schon gerne einen Badenser auf dem Stuttgarter Rasen sehen? Dass man da pfeifen muss, nunja. Unvergessen die Bilder in meinem Kopf, sie zeigten besagten Debütanten, auf dem Boden liegend, hier in Stuttgart. Er weinte. Freiburg scheiterte im Halbfinale des DFB-Pokals auf schwäbischem Boden vor einer geschlossenen Mannschaftsleistung und einem unvergesslich sensationellem Support der Cannstatter Kurve.

Vereinsliebe statt Länderspielwahn!

Das Testspiel neigte sich dem Ende, ein zweites Tor wollte einfach nicht fallen. So blieb es beim knappen 1:0, was mit wüsten Pfiffen bei Spielende quittiert wurde. Was erlauben die sich eigentlich, hier nicht 5:0 oder höher zu gewinnen? Schnell verließen auch wir das Stadion, es war spät geworden. Dachten sich auch die anderen Besucher und drehten der Mannschaft den Rücken zu. Später sollte es heißen, das \“frustrierte Stuttgarter Publikum, welches gerade eh nicht gerade von schöner Fußballkunst verwöhnt ist\“, wäre ganz sicher Schuld an den Pfiffen gewesen.

Noch kurz für kleine VfB-Fans, dann schnell ab nach Hause. Die Bilder bearbeitete ich noch am selben Abend, waren ja nicht so wahnsinnig viele. Und so endete ein entspannter Abend mit Freunden, der doch eines nur umso deutlicher klar machte: nichts, überhaupt nichts auf der Welt geht über die einzig wahre Vereinsliebe, für die man einsteht, hunderte und tausende von Kilometern überwindet und für die man in den schwächsten Momenten stark sein will.

Wenige Tage später sollte es weitergehen mit dem Heimspiel gegen Braunschweig. Diesen Spielbericht habe ich erst danach geschrieben, der Artikel ist rückdatiert, damit die Reihenfolge gewahrt bleibt. Noch wussten wir nicht, welchen Schub wir einen Tag später durch die Vertragsverlängerung von Timo Werner erfahren sollten, und wir wussten auch nicht, welch bittere Konsequenzen es am Ende haben sollte. Man kann kurz die Sorgen um den VfB zur Seite schieben \“ und sie kehren dann doch immer wieder zu einem zurück.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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