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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Zehn Minuten zwischen Himmel und Hölle

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Dabei sollte es etwas ganz Besonderes werden. 200 Spiele auf dem Buckel, in sechs einhalb Jahren. Unzählige Heimspiele, zahlreiche Auswärtsfahrten, spannende Derbys, legendäre Europapokalausflüge und spannende Länderspiele. Das Jubiläumsspiel warf lange seine Schatten voraus. In jenen schweren Zeiten kam die Euphorie und die Hoffnung aus dem Nichts, fast so, als wolle ich erzwingen, dass es besonders wird.

Zehn Spiele aus diesen 200 habe ich mir bereits zurecht gelegt \“ wie gerne ich doch am Sonntag Abend noch eines heraus gestrichen hätte. Stattdessen landet es auf der ungeliebten Liste der bittersten Niederlagen. Wie soll man da die richtigen Worte finden? Wochen ist es her, das letzte Erfolgserlebnis, immer wieder das gleiche Spiel: gut spielen, kämpfen, und ganz am Schluss noch die Niederlage kassieren. Bitter. So bitter, dass es jeglicher Beschreibung spottet und uns mit der Frage zurück lässt, womit wir Fans das verdient haben.

Der Abgrund rückt immer näher. Gegen Mainz mahnte ich bereits, dass der Blick nun eher nach hinten geht. Das ist nun schon einige Zeit her. Wochen sind vergangen, alles wurde verloren, ob dämlich oder unglücklich, oder gar beides. Es sollte die immer währende Hoffnung sein, die uns antreibt, die Leidenschaft in unserem Blut und die aufopferungsvolle Liebe für den Verein mit dem roten Brustring.

Wehmütige Erinnerungen

Niemand hat gesagt, es würde leicht werden. Wie schwer der Abstiegskampf tatsächlich ist und wie sehr es einem doch an den Nerven zehrt, das alles hatte ich in den letzten drei Jahren fast verdrängt. Zu schlimm die Erinnerungen an die Hoffnungslosigkeit, die Ohnmacht, die Hilflosigkeit. Der VfB überstand es, so auch wir, wir kehrten in eine neue Cannstatter Kurve zurück und erlebten viele tolle Siege und fuhren nach Europa. Dass stets das Damoklesschwert über einem schwebte, registrierte man zu lange nicht.

In den letzten Tagen gehen mir viele Spiele durch den Kopf, so viele Erinnerungen an alles, was bisher war. Ich denke an Ausflüge nach Barcelona, Timisoara, Genk und Glasgow, schwärme von Siegen gegen Schalke, Köln und Freiburg, erinnere mich an das erste Mal, als ich meine eigene Dauerkarte an den Ticketscanner vor der Cannstatter Kurve steckte und träume von all den Spielen, in denen wir uns freudetrunken in den Armen lagen.

Mehr als die Erinnerung ist davon kaum übrig geblieben. Im Hier und Jetzt befindet man sich im Abstiegskampf. Den Bock endlich umzustoßen, ja, das erwartet man seit mindestens einem Monat. Gras fressen, sagten wir zu ihnen. „Kämpfen und siegen“ schrien wir ihnen zu. Und fragten sie nach dem Spiel dann trotzdem, wie es wieder so weit kommen konnte, dass sie sich nun erneut vor einer frustrierten Kurve rechtfertigen müssen.

Vorfreude aufs Jubiläumsspiel

Tage zuvor setzte bereits die Nervosität ein. Nach sieben Niederlagen in Folge sollte meine Hoffnung normalerweise nicht größer sein als sonst, zu viel haben wir alleine schon in diesem Kalenderjahr ertragen müssen. Schon einige Male wachte ich mit einem bestimmten Gefühl auf und hatte am Ende Recht. Nicht eingerechnet: die vielen Male, wo ich ein schlechtes Gefühl hatte, und es dennoch gut ging, man kennt mich mittlerweile weitgehend als eine, die pessimistisch veranlagt ist.

„Das wird!“ – aus dem Nichts heraus entstand neue Hoffnung, ohne erkenntlichen Grund. War es die Vorfreude aufs Jubiläumsspiel, die Angst vor den Folgen einer weiteren Niederlage oder schlichtweg eine ganz persönliche Laune? So ganz sicher bin ich mir dabei nicht. Schon Tage zuvor war alles abgeklärt, wie wir fahren, wann, mit wem, wie das touristische Programm aussieht und \“ für mich und Felix besonders wichtig \“ wie es um die Mitnahme von Fotokameras bestellt ist. Alles war geregelt.

Um sieben Uhr morgens klingelte der Wecker. Auch die Nacht vor dem so unheimlich wichtigen Spiel in Frankfurt konnte mich kein düsteres Gefühl beschleichen, ich ließ es einfach nicht zu, als hätte es die letzten sieben Spiele nicht gegeben. Ein einziger Sieg, alles, was es braucht, um den ersten Schritt aus dem Tabellenkeller zu tun. Vor drei Jahren waren die Vorzeichen ähnlich, ein richtungsweisender 0:2-Auswärtssieg in Frankfurt lenkte den Klassenerhalt erstmals in die Bahnen.

Vorfreude aus dem Nichts

In Weinstadt-Beutelsbach sollte es losgehen, vorfreudig klingelten wir gegen 8:45 Uhr an der Tür. An der Gegensprechanlage brummte uns Stammfahrer Gerd nur entgegen: „Eine Stunde zu früh?“ Ohje. Ein kurzer Blick zu Felix, der neben mir stand. „Bist du sicher?“ – „Ja, natürlich!“. Du liebe Zeit, wir waren tatsächlich eine Stunde zu früh. Ein nicht eingeplantes zweites Frühstück, warum auch nicht. Ungläubige Blicke zog ich auf mich, als ich ihnen sagte, ich hätte ein gutes Gefühl für heute.

Gemeinsam machten wir uns auf den Weg, sammelten noch zwei weitere Freunde ein und erreichten gegen Mittag „Mainhattan“. Gut zwölf Jahre ist es her, dass ich regelmäßig hier war, unzählige Male war ich durchs Bankenviertel gelaufen, machte Fotos mit einer damals noch analogen Kamera, stieg wieder in den ICE in Richtung Leipzig ein und kehrte oft nach einigen wenigen Wochen wieder zurück. Trotzdem war ich erst im vergangenen Jahr das allererste Mal im Waldstadion, ein tolles Spiel war es. Wiederholung erwünscht.

Wir hatten es bereits im Vorfeld befürchtet, ein Blick ins Internet brachte uns bereits vor der Abreise gewissheit: ein Faschingsumzug würde uns in die Quere kommen und unser gewohntes touristisches Programm vermutlich behindern können. Als sich vor uns die Skyline der Mainmetropole erhob, sichteten wir bereits die ersten Narren, viele kreative Verkleidungen, unzählige Kinder, schrill, bunt und laut.

Närrisches Treiben am Main

Außer der Tatsache, dass die Straßenbahn, mit der wir ein wenig umherfuhren und ein Lokal suchten, eine etwas geänderte Streckenführung hatten, kam uns der Faschingsumzug nicht in die Querre, im Lokal „Struwwlpeter“ wurde gut gegessen und getrunken, die perfekte Stärkung für einen ohne jeden Zweifel langen und anstrengenden Tag. Viel Zeit kostete uns die Fahrt mit der Straßenbahn und der Verbleib im Lokal, zwei einhalb Stunden vor Anpfiff reichte die Zeit nicht mehr für Römer oder Maintower.

Mit jeder Minute wurde ich nur noch aufgeregter. Ob es am Ende gut geht? Ich hoffte es so sehr. Ich war dick eingepackt, mit Stiefeln, Strumpfi und diversen Lagen Oberbekleidung. Die Jahre haben mich gelehrt, dass es stets besser ist, viel zu warm angezogen zu sein, ablegen kann man immernoch, doch wenn man einmal friert, ists blöd. Es war ein komisches Wetter in Frankfurt \“ Sonne, dann wieder bedeckt und grau, dann wiederum sehr windig und kalt. Weniger Klamotten hätten es tatsächlich heute nicht sein dürfen.

Eine Ladung Konfetti gabs noch gratis obendrauf, ein unscheinbar gekleideter Herr bewarf uns mit einer Hand voll bunten Papierschnipseln, „damit die Putzfrau auch etwas zu tun hat“, meinte er. Mit der Straßenbahn ging es zum Frankfurter Waldstadion, neutral gekleidet durch die Horde Frankfurter hindurch, man weiß ja nie, auf wen man trifft, wenn man sich auf feindlichem Gebiet befindet, hier ist stets Vorsicht geboten.

Mit Herzrasen im Gästeblock

Da waren wir nun also. Da, wo es der VfB schon das eine oder andere Mal vermochte, richtungsweisende Partien in einer schwierigen Phase für sich zu entscheiden. Wie dringend wir es an diesem Sonntag Nachmittag hatten, brauche ich selbstverständlich nicht zu erwähnen. Zahlreiche bekannte Gesichter, ein ums andere Male waren weite Teile der Cannstatter Kurve auch fern der Heimat vertreten. Alles geben für den Verein, bis zum letzten Tag, auch in solch schwierigen Phasen.

Mit Herzrasen betrat ich den Block und erblickte sogleich die dazwischen gespannten Absperrbänder, auf dem Boden wurden weiße Papptafeln und rote Fähnchen ausgelegt. Auswärts eine Choreographie hinzubekommen gehört zu den besonderen Herausforderungen unserer engagierten Fanszene, die mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zaubert und vor der ich jedes Mal meinen Hut ziehen muss.

Die Reihen füllten sich, 2.800 Fans hatten sich auf den Weg gemacht. Ohne jeden Zweifel wären es vielleicht ein paar Hundert mehr gewesen, wenn es, wie man so schön sagt „laufen“ würde. Doch das tut es nicht. Da hängen wir nun, unten drin, nur die Tordifferenz trennt uns vom Relegationsplatz. Ernüchternde Aussichten, möchte man meinen. Und alleine der Gedanke an diese unsäglichen letzten Minuten, die uns bereits so viele Punkte gekostet haben. Trotz allem: Hoffnung!

Blick zurück aufs letzte Mal

Meine große Kamera hing mir um den Hals, die kleine Kamera hatte ich im Bauchtäschle verstaut, da das kleine Objektiv im Auto bleiben musste. Nur noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Langsam schaute ich mich um. Erinnerungen ans letzte Mal. Wie wild wir übereinander herfielen, jubelten, als hätte Georg Niedermeier in der 71. Minute nicht nur den Auswärtssieg klar gemacht (übrigens kam das Tor mit einer Ansage von mir), sondern gar die Meisterschaft.

Momente wie diese haben sich eingebrannt, und werden wehmütig hervorgeholt, wenn die Sehnsucht nach Glücksmomenten kaum größer sein könnte. So schwelge ich so oft in Erinnerungen, Gedanken an schöne Zeiten, flüchte für ein paar kurze Augenblicke aus der Gegenwart, die so düster scheint. Im Hier und Jetzt stand ich in Frankfurt, im Gästeblock, sah, wie die Sekunden auf dem großen Anzeigewürfel in der Mitte herunterliefen und schloss einen kurzen Moment die Augen. Was wäre wenn. Um etwa 19:20 Uhr werden wir es wissen.

Die Mannschaften betraten das Spielfeld, hinter Deniz Aytekin liefen sie vor 43.200 Zuschauern ins Waldstadion ein, welche uns gegenüber eine der besten Fanszenen Deutschlands beherbergt, jedes Mal aufs Neue ein würdiger Gegner. Man durfte ja hoffen, dass sie angeknockt waren. Meiner kleinen, aber feinen Befürchtung zufolge, waren sie nach dem späten Gegentreffer und somit dem Ausscheiden aus der Europa League allenfalls angepisst. Und zwar so richtig. Oh oh.

„Zeigt, dass ihr erstklassig seid!“

Während die Zuschauer die Mannschaften begrüßten, erstrahlte der Gästeblock wie geplant in den Vereinsfarben Weiß und Rot, in der Mitte zeigte ein rundes Emblem die Cannstatter Kanne. „Erstklassig!“ war auf dem Banner vorne zu lesen. Hier drei Punkte mitnehmen, und wir können wieder zurecht darauf hoffen, dass uns Sandhausen, Aalen und Paderborn erspart bleiben. Neue Stadien und neue Städte sehen zu können, tröstet den verängstigten Fan natürlich herzlich wenig.

Genau auf die Uhr geschaut hatte ich nicht, es waren aber erst rund fünf Minuten gespielt. Sven Ulreich bewahrte uns vor dem frühen Rückstand, riesen Reflex. Nicht zu denken, wie schwer es erst geworden wäre, wenn man hier von Beginn an einem Rückstand hätte hinterlaufen müssen. Nur schwer kam der aus dem Ländle angereiste Anhang in die Puschen, mühselig, einen guten Support zu koordinieren \“ oder bildete ich es mir nur ein, ein paar Reihen weiter oben war von den Gesängen leider nur noch wenig zu hören.

Es dauerte ein wenig, bis die Jungs Ordnung ins Spiel brachten, nach einer druckvollen Anfangsphase der Eintracht taten sie sich zunächst schwer. Etwas anderes war angesichts der mentalen Situation des Vereins auch leider nicht zu erwarten. Das Prädikat „Besonders spannend“ musste sich dieses Spiel erst einmal verdienen, doch das interessiert uns sowas von überhaupt nicht, wenn am Ende drei Punkte in meine Kameratasche gestopft werden können, in der ich extra noch ein bisschen Platz gelassen hatte.

Ein Schuss ins Glück

Halbe Stunde gespielt, auch die Kurve klatschte und sang sich allmählich ein. Das beliebte Pippi-Langstrumpf-Lied durfte selbstverständlich nicht fehlen, nicht weniger verwunderlich die Reaktionen von unserem Gegenüber. Für besonders starke Konter ist der VfB nun auch wahrlich nicht bekannt gewesen in den letzten Wochen, doch nun waren sie unterwegs in Richtung Kevin Trapp. Alexandru Maxim, Martin Harnik und Cacau. Egal wer, aber macht jetzt endlich mal ne Kiste!

Unser Rumäne passte schließlich auf unseren Österreicher, der den Frankfurter noch verlud und sein Glück einfach mal versuchte. Frankfurts Keeper war im richtigen Eck, damit gerechnet, dass der Ball tatsächlich ins Netz kullert, hatte wohl keiner von uns. Von einer Sekunde auf die nächste entlud sich der Frust unzähliger verloren gegangener Spieler, das schönste Gefühl, was es für einen Fan geben kann, das eine Tor, dass man nun mehr geschossen hat, als der Gegner. Da war er wieder, Thors Hammer.

Thomas Schneider sprang von der Bank hoch. Für einen Moment war der ganze Druck weg, er wird sich dessen bewusst sein, dass es hier in Hessen um nicht weniger als seinen Job geht. Medienberichten zufolge müsse er gehen, wenn der VfB in Frankfurt verliert. Doch er führte. Und hatte Chancen zum 0:2 aus Frankfurter Sicht, Joselu verlängerte den Freistoß von Alexandru Maxim, mit letzter Kraft war Frankfurts Schlussmann noch dran, auch Cacau scheiterte an ihm.

Alle Zeichen auf Auswärtssieg

Der Blick zur Anzeigetafel, so erleichternd und auch so verängstigend zugleich. Immer wieder rannten sie, sie fighteten und zeigten uns, dass sie wollten. So viele verlorene Spiele, so viel Leid, so viel Kummer, man sah ihnen an, dass sie es wett machen wollten. Ein einziger Moment reicht vielleicht aus, um die Weichen für einen Verbleib im Oberhaus zu stellen. Weiter machen, einfach immer weiter und weiter, bis zum Schlusspfiff, nicht bis zur 80. Minuten, oder bis zur 93. Minute, nein, bis zum Anpfiff. Gibt es dann Tränen der Freude oder Tränen der Trauer? Noch ahnte ich nichts.

Sie spielten auf das Tor vor dem Gästeblock, unentwegt schrien wir, sangen wir, klatschten wir, auf dass sie uns vielleicht erhören. Zu lange ist es her, dass wir sie mit einem Lächeln empfingen und mit ihnen feiern durften. Viel zu lange. Sie hatten ihre Chancen, nutzten sie aber nicht. Wir alle wissen, dass es Tage gibt, an denen es sich rächt. Niemand ist in den letzten Wochen prädistinierter dafür gewesen als unser Verein für Bewegungsspiele.

Über eine Stunde war gespielt, momentan standen die Zeichen auf Auswärtssieg. Aber wir haben zuletzt zu viel gesehen, um uns darauf auszuruhen. Die Angst begleitet uns auf Schritt und Tritt, auch die Spieler sind gezeichnet von den letzten Monaten, auch, wenn man es ihnen in ihrer Sturm- und Drang-Phase glücklicherweise nicht anmerken konnte. Nur noch selten kam die Eintracht zu Chancen, eine davon fischte Sven Ulreich noch von der Linie, absolute Weltklasse!

Matchball!

Nach 73 Minuten schließlich der Schock. Tranquillo Barnetta fiel im Strafraum, Deniz Aytekin zeigte auf den Punkt. Oh Gott, nein, bitte nicht. Sofort waren alle VfBler zur Stelle, um ihn umzustimmen. Und es funktionierte! Nach Funkabstimmung mit dem Linienrichter nahm er den Strafstoß zurück, Stürmerfoul des Schweizers an Cacau, auf gar keinem Fall Elfmeter. Wieder dieser schmale Grat zwischen Enttäuschung und purer Freude, das Glück war uns doch noch hold.

Das große Zittern begann. Die letzte Viertelstunde vor dem Abpfiff, höchst gefährlich, denke ich an die letzten Wochen und Monate zurück, die einem einzigen Alptraum glichen. Nur noch 13 Minuten zu spielen, jetzt das 0:2 machen und das Ding ist geritzt, kein Zweifel, dass es damit aufwärts gehen würde. Arthur Boka kniete sich richtig rein, kämpfte um jeden Ball, und luchste diesen auch noch dem völlig desorientierten Carlos Zambrano ab. Alexandru Maxim war mitgelaufen, das Tor war leer.

„Schiiiiiiieeeeeeeeeeeeeß!“ schrie der Gästeblock, aus scheinbar einer einzigen kollektiven Kehle, viele schon mit der Jubelfaust in der Luft, dem breiten Grinsen in Gesicht. Mach es, Alex, halt einfach den Schlappen hin und mach mich so glücklich, wie du es gegen Hoffenheim getan hast. Er gehorchte aufs Wort, er hielt tatsächlich den Schlappen hin. Der Ball flog… und flog… und flog… ins Ballfangnetz vor dem Gästeblock. Er war ihm über den Schlappen gerutscht. Das war der Matchball \“ fahrlässig vergeben.

Verzweiflung und Ohnmacht

Unglaublicher Frust in unseren Reihen. Alle schlugen augenblicklich die Hände über den Kopf zusammen, gingen in die Knie, verlassen von jeglicher Kraft, die man zur Unterstützung der Mannschaft aufbrachte. Die kollektive Stimme des weiß-roten Anhangs kannte nur noch ein Wort: „Nein!“. Nein, nein, nein. Noch stand die Null vorne, die Eins hinten, doch beschlich mich binnen Sekundenbruchteilen ein ganz blödes Gefühl. Die Hände betend vor dem Gesicht gefaltet, hineinbrabbelnd, hoffend, flehend, so sehnsüchtig, so verzweifelt.

Es gibt Tage, da hast du eben die Scheiße am Fuß. Wir VfB-Fans wissen das besser als kaum eine andere Bundesligamannschaft in dieser Spielzeit. Zwei Minuten später führte Sven Ulreich schließlich einen harmlosen Abschlag aus. Wir alle wissen ja, wie das abläuft. Eher unkoordiniert, lang und weit nach vorne geschlagen, irgendwer wird den Ball schon kriegen \“ und wenn es eben der Gegner ist.

Ich konnte es nicht begreifen. Ein Frankfurter köpfte den Ball vom Mittelkreis aus in den Laufweg der schwarz-rot gekleideten Kollegen, die Abseitsfalle scheiterte, Jan Rosenthal \“ vor dem Sandro, mit dem ich letzte Saison an gleicher Stelle unsere Serie erst so richtig begreifen konnte, gerade noch gewarnt hatte \“ war durchgebrochen. Ausgleich. Ich würde gerne sagen „Das gibts doch gar nicht“ \“ aber das gibts, wir haben es zuletzt oft genug erlebt.

Diese verfluchten letzten Minuten

Die Hoffnung schlug nun in blanke Furcht um. War ich vor einigen Stunden, nein sogar Minuten, noch voller Hoffnung, etwas Zählbares aus dem Waldstadion mitzunehmen, umso bedrückter war ich jetzt. Der Ausgleich fiel zehn Minuten vor Abpfiff. Fast schon ohnmächtig kämpfte ich gegen das schlimme Bauchgefühl, dass mich auf den schmutzigen und kalten Betonstufen von Block 20 beinahe mein deftiges Mittagessen erbrechen ließ.

Ans Fotografieren war nicht mehr zu denken. Die Augen weit aufgerissen, mir war so schlecht, einerseits wollte ich schnell raus, auf der anderen Seite nur allzu gern in einem letzten späten Jubeltaumel zu Boden gehen. Die Minuten kamen einem schier endlos vor, gefühlte Stunden und in Zeitlupe liefen die letzten Szenen. Ich blieb im Block stehen, in der Hoffnung, mein böses Bauchgefühl hätte Unrecht. Am Ende gab es den späten Jubel. Auf der anderen Seite.

Es ist ja nicht so, als hätte ich es nicht schon beim Ausgleich fast sicher gewusst, oder bei Alexandru Maxims vergebenen Matchball… Nun hier zu stehen, schockiert und in sich gekehrt, während alle um den Gästeblock herum sich um den Hals fielen, welches Gefühl auf dieser Welt dreht etwas so Schönes binnen weniger Momente in etwas so Schmerzhaftes? Alex Meier ließ sich feiern. 70 Minuten hatte die Eintracht nichts von uns gewollt, um nun, in den letzten zehn Minuten eiskalt zuzuschlagen. Es scheint sich herumgesprochen zu haben.

Irgendwie habe ichs geahnt

Sandro und sein Kumpel Uwe suchten augenblicklich das Weite, zusammen mit einigen anderen der 2.800 angereisten Fans. „Scheiße gelaufen“ trifft es noch nicht so ganz. Seit Wochen und Monaten, immer wieder das selbe krumme Ding mit den letzten zehn Minuten. Eine Minute vor Schluss noch das Siegtor für die Eintracht, die mit dem Matchball klinisch tot gewesen wäre. 60 Sekunden, um zumindest einen Punkt noch mitzunehmen, wenn es schon nicht drei sein konnten. Nein. Was haben wir verbrochen? Warum werden wir so bestraft?

Abpfiff. Alles zu spät. Die Punkte ein weiteres Mal verloren. Nun hatte ich auch meine Fassung verloren. Ich dachte an den möglichen Abstieg, an Jahre im Niemandsland, an eine lange Zeit ohne Europapokal, an Thomas Schneider, der wohl nun entlassen wird, an unser Juwel Timo Werner, der den Verein wohl so oder so verlassen wird, zu gefährlich die Situation für einen jungen Spieler, wehleidige Erinnerungen an all das Gute, was mir in den letzten Jahren mit dem VfB widerfahren war, die Glücksmomente, die Auswärtsfahrten, die Freundschaften. Und nun? Ich konnte nicht mehr.

Diese eine Niederlage war mindestens eine zuviel. Statt Tränen der Freude kullerten mir Tränen der Trauer über die Wange. Beruhigen? Wozu denn? Mit hängenden Köpfen \“ wie so oft \“ trotteten sie langsam in Richtung Gästeblock. Wut und Enttäuschung, etwas anderes kennen wir nicht, und sie auch nicht. Lange standen sie ratlos vor uns, die Arme enttäuscht in die Hüften gestemmt, jenen gegenüber, die ihr letztes Geld und ihren letzten Urlaubstag für sie opfern, um Woche für Woche zu fragen, wie es ein weiteres Mal dazu kommen konnte.

Am Ende der Standhaftigkeit

Die Minuten nach dem Spiel habe ich gar nicht so richtig mitbekommen. Ich war völlig fertig. Zu schmerzhaft das ganze. Alles gute zureden, ich solle mich beruhigen, sie würden das packen, sie würden die Kurve schon irgendwie noch bekommen, es nützte alles nichts. Schon das Pokal-Aus in Freiburg war schwer zu ertragen, die Niederlage in letzter Sekunde gegen die Bayern war ein echter Schock, doch wie solle ich das hier einordnen? Es war nicht nur dieses Spiel, alles, was 2014 passiert ist, brachte das Fass nun zum überlaufen.

Was nützt alle Liebe und Leidenschaft dieser Welt, wenn aus einem so schönen Hobby so bittere Momente wachsen können? Die dich an allem zweifeln lassen, dich zermürben und verbittert werden lassen. Mir war es zu viel, einfach nur zu viel. Ich war mir sicher, es würde gut gehen. Mein Gefühl reichte nur für die ersten 80 Minuten, wie auch die Konzentration der Mannschaft. Wieviel kann ein Fan nur ertragen, bevor er an der Liebe zu seinem Verein kaputt geht?

Der Block leerte sich, noch ein paar aufmunternde Klapser auf den Rücken oder die Schulter, mit meinen knallroten Augen starrte ich vor mir ins Nichts. Als letzte verließen wir den Block, ich sah noch den Frankfurter Fanbetreuer im Gespräch mit unserem Fanbetreuer Klenky. Unter normalen Umständen wäre ich hingegangen, hätte mich vorgestellt und für den Support in Sachen Kamera bedankt. Wortlos stapfte ich an ihm vorbei.

Viele Fragezeichen

Dass die Betonstufen eiskalt waren, auf die ich mich kraftlos setzte, realisierte ich gar nicht. Felix meinte, ich solle aufstehen, ich würde mir den Tod holen. Ich blickte nicht einmal auf und entgegnete nur „Achja? Das eben vor in der 89. Minute, das war doch schon der Tod“. War er das? War es das für Thomas Schneider, für den VfB, für den die Luft immer enger wird? So viele Fragen. Viele Minuten später stand ich herum, registrierte meine Umgebung kaum noch, wollte nichts anderes als heim.

Meine Mitfahrer liefen voraus, nur mühsam und langsam trottete ich hinterher. Ein paar betrunkene VfB-Fans sangen „2. Liga, niemals, niemals“ in die Frankfurter Nacht, mehr als leises Kopfschütteln hatte ich für sie nicht übrig. Nach etlichen Metern erreichten wir die Bahnstation. Eine Haltestelle bis zu der Straße, wo das Auto abgestellt war. Haltung bewahren, nichts anmerken lassen. Begeisterungsstürme der mitfahrenden Frankfurter Fans blieben aus, besonders schwere Minuten wie nach dem Spiel auf Schalke blieben mir erspart.

Am Auto angekommen saß ich hinten am Rande des geöffneten Kofferraums, zog meine wetterfesten Stiefel aus und schlüpfte in meine roten Turnschuhe. Still saß ich da, bewegungslos und schaute auf die Straße einen Meter vor uns. Wieder schüttelte ich wortlos den Kopf. Was ist nur passiert mit dem Verein, dem ich mein Herz geschenkt hatte? Nach solchen Spielen geht die Lust, noch Bilder bearbeiten, geschweige denn: in den Tagen danach einen Spielbericht zu verfassen, gegen Null. Nützt ja alles nichts, ich habe es mir ja so ausgesucht.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer

Fertig geworden war ich nicht, das Spiel hatte zu viel Kraft und vor allem zu viele Nerven gekostet. Die Daten von der Spiegelreflexkamera noch auf den Laptop gezogen, schon fielen die Augen zu. Spät Abends erreichten wir das Ländle. Alle Versuche, mich zu trösten und mich wieder aufzubauen \“ keine Chance. Nicht heute. Nicht nach so einem Spiel. Nicht in dieser fast schon gänzlich hoffnungslosen Lage. Kaum lag ich im Bett, war ich weg.

Ein weiteres mal glückselige Träume von legendären internationalen Auswärtsfahrten. Die letzte davon war im August des letzten Jahres. Was hätte sein können, wenn das letzte Tor nicht gefallen wäre, wenn wir uns in der Verlängerung durchgesetzt hätten? Was hätte dieser Auftrieb für die gesamte Saison bedeutet? Im Prinzip unnötig, sich diese Frage zu stellen, doch die Gedanken daran lassen mich nicht los. Was wäre gewesen, wenn Thiago das Tor nicht getroffen hätte, wie es in 99 von 100 Versuchen gewesen wäre?

Es hat Tage gedauert, dieses Spiel zu verarbeiten. Ein Tag ist gar seit dem 201. Spiel vergangen, am Mittwoch besuchte ich mit Felix das Länderspiel gegen Chile. Heute war ein guter Tag. Timo Werner wurde 18 Jahre und verlängerte seinen Vertrag bis 2018, ohne Ausstiegsklausel, und ebenfalls gültig in der 2. Liga, die uns hoffentlich erspart bleibt. Am Samstag gegen Braunschweig ist das Stadion ausverkauft. Wir müssen alles geben. Für die Mannschaft. Für den Verein. Für den Trainer. Für Timo Werner. Für den Klassenerhalt. Für immer Cannstatter Kurve.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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