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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Es besteht noch Hoffnung

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Für einen Moment war die Welt perfekt. Der Schmerz war vergessen und die Fehler vergeben, die in den letzten Wochen gemacht wurden. Für einen Moment feierten wir, als wäre es die Meisterschaft gewesen. Drei Punkte, so unendlich wichtig, wichtig für den Abstiegskampf, wichtig für die Tabelle, aber vor allem: wichtig für das krisengeschüttelte Nervenkostüm. Für einen Moment fand wir das Lächeln wieder, dass uns abhanden gekommen war. Heimsieg. Endlich.

Uff. Das war nichts für schwache Nerven. Mittlerweile hat das Herzrasen sich gelegt, das Zittern hat aufgehört, mein Puls ist wieder normal. Gegen ein glattes 4:0 hätte ich heute auch nichts einzuwenden gehabt. Raus aus dem Schlamassel, in dem man sich vor einem Jahr noch nicht einmal wähnen musste, bei uns allen sind die Nerven überstrapaziert. Auch für einen dreckigen 1:0-Sieg gibt es drei Punkte, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie knapp es am Ende war, zeigen 55.000 zitternde Knie.

Seit Tagen war ich angespannt, konnte schlecht schlafen, war unkonzentriert und nicht richtig bei der Sache. Mit Sicherheit ging es nicht nur mir so, was wir als Fanszene des VfB in den letzten Monaten durchleiden mussten, wurde Wort für Wort jedes Wochenende aufs Neue an dieser Stelle abgehandelt. Quälende Momente, in denen ich mich zwingen musste, die Finger über der Tastatur zu bewegen. Lange machte es keinen Spaß mehr. Bis heute.

Alles oder Nichts

Wir wussten, was passieren würde, wenn der VfB gegen die ebenfalls abstiegsbedrohten Hamburger nicht gewinnen würde. Es wäre der halbe Abstieg, die Hoffnung bei den Allermeisten würde erlöschen und das grausame Schicksal würde wohl seinen Lauf nehmen. Selten waren die Zeiten so angespannt wie jetzt gerade. Und aus meiner persönlichen Erfahrung heraus: so etwas habe ich noch nie erlebt. Selbst 2011 nicht, als es lange aussichtslos schien.

So viele Spiele, bei denen ich sehr aufgeregt war, die man einfach nicht verlieren wollte, sei es aus Stolz auf den Brustring oder aus Angst um das Ausscheiden aus einem Wettbewerb. Zahlreiche Partien ließen mich unruhige Nächte durchleben und meine Nerven auf eine Geduldsprobe stellen. Kein Spiel möchte man freiwillig verlieren. Wer will das schon? Es ist die Angst, die uns lähmt, und uns in jeder Sekunde vor Augen führt, wie viel für den VfB hier auf dem Spiel steht.

Die heutige Partie gegen Hamburg war mit Sicherheit eine der richtungsweisenden Spiele der letzten Jahre. Wohin geht die Reise? Darf man noch hoffen auf den Klassenerhalt? Oder wäre mit alles anderem als einem Sieg schon heute fast alles vorbei? Es gibt so Tage, da hast du gar kein Gefühl. Weder ein gutes, noch ein schlechtes. Dann wachst du bereits mit Nervosität auf, die sich im Laufe des Tages zu massivem Herzrasen entpuppen sollte.

Einfach cool bleiben… Einfach?

\“Bleib cool, es ist doch noch gar nichts verloren!\“ sagte mein Chef am Freitag noch zu mir. Das sagt er immer und stärkt mich mit seinem Optimismus. Ich bin sehr dankbar dafür, denn ohne die Optimisten in meinem Leben, hätte ich schon lange keinen Spaß mehr an dem wohl schönsten Hobby der Welt. Was soll er auch anderes sagen, so oft wie er mir in den letzten Monaten tröstende Worte aussprechen musste. Der Blick auf den Kalender und das immer näher rückende Spiel, es machte mich schon fertig, noch bevor der Ball rollen konnte.

Samstag. Es war soweit. Oh Gott, das überlebe ich nicht. Unruhig und nervös. Ohne ersichtlichen Grund lief ich den ganzen Vormittag durch die Wohnung, von einem Zimmer ins nächste. Ich muss hier raus. Traf sich gut, dass ich ohnehin noch zum Fahrradgeschäft meines Vertrauens musste. Durch unangenehmen Nieselregen strampelte ich den Buckel rauf zum Laden, nach fünf Minuten war alles erledigt und ich fuhr wieder heim. Im Flur sah ich bereits den Schal liegen \“ und wieder ergriff mich die Nervosität.

Immer wieder Blick auf die Uhr. Als würde es etwas daran ändern, wie bedeutend diese Partie heute ist. Gewinnen wir das Spiel, darf neue Hoffnung geschöpft werden. Gewinnen wir das Spiel nicht… tja, daran will gerade noch keine so richtig denken. Mein Herz raste jetzt schon. Die letzten Dinge packte ich ein, Dauerkarte, Taschentücher, Kamera. Jacke und Stiefel mussten mit, nach einigen Tagen traumhaften Frühlingswetters regnete es wieder pünktlich zum Wochenende.

Positiver Zuschauerzuspruch

Der übliche Weg zu jedem Heimspiel führte uns ein weiteres Mal per Abkürzung durchs Cannstatter Carré, die große Treppe hinunter und durch den Tunnel unterhalb der Bahngleisen. Viele VfB-Fans säumten unseren Weg, vor einigen Tagen waren bereits 50.000 Karten verkauft, und das ganz ohne die 2,50-Euro-Aktion von den Heimspielen gegen Berlin und Braunschweig. Unter dem Motto \“Zusammenhalten!\“ versucht der VfB händeringend, die Leute ins Stadion zu locken. Kein leichtes Unterfangen in Zeiten des sportlichen Misserfolgs.

Zwischen die Stuttgarter mischten sich auch zahlreiche Hamburger, die die weite Reise auf sich genommen haben. Wir wissen selber, wir waren in der Hinrunde dabei, als der VfB das Kunststück fertig brachte, trotz dreimaliger Führung nicht zu gewinnen. Die Stimmung war extrem angespannt, die Nervosität konnte man nahezu jedem anmerken. Vor einigen Jahren noch wäre das alles kein Problem gewesen. Und wenn man verliert, dumm gelaufen, dann gehts in der nächsten Woche weiter.

Uns rennt die Zeit davon. Lange hat man gewartet, immer wieder gesagt \“Dann gewinnen wir eben das nächste Spiel\“ – bis es bald kaum noch Spiele gab, die man gewinnen konnte. Am Stadion angekommen trafen wir Freunde vor den Toren der Cannstatter Kurve. Kaum ein Wort brachte ich heraus, zu groß war die Anspannung und die Furcht vor dem, was uns erwarten würde, wenn es nicht klappen sollte.

Tolles Intro mit klarer Ansage

Langsamer als sonst stapfte ich die weiß-roten Treppenstufen hinunter bis zu meinem Stammplatz, direkt vor dem ersten Wellenbrecher direkt neben den Stufen. Es wurden zahlreiche Fahnen verteilt, wo welche hinkommt, war anhand von Absperrband genau abgesteckt. Ein aufgewertetes Intro sollte es heute sein, so war auf den kleinen Zetteln zu lesen, die überall an den Wellenbrechern klebten. Mit einem gewissen Maß an Unbehagen beobachtete ich, wie sich die leeren Reihen füllten. So viel Anspannung hältst du ja im Kopf nicht aus.

Ein Blick auf den Gästeblock. Gut 4.000 Hamburger waren aus dem Norden angereist, wer weiß wie viele von ihnen kamen jedoch aus dem schwäbischen Umland. Auch bei ihnen dürfte die Angst groß sein, dicht gedrängt geht es zu im Tabellenkeller. Wen es am Ende wirklich erwischt, ist aktuell noch nicht wirklich absehbar. Beiden Mannschaften und deren Fanlagern dürfte klar sein, um wie viel es geht. Verlieren verboten.

Die Minuten vergingen. Immer schlechter bekam ich Luft, öffnete Jacke, öffnete Pulli, es half nichts. Tief durchatmen. Das wird ein Nervenspiel heute. Zum Einlaufen der Mannschaften erstrahlte die Kurve wie geplant in einem wunderschönen Intro, Fahnen wehten, sowohl weiß-rote Brustring-Fahnen als auch Fahnen aus roter oder weißer Folie. Auf einzelnen Doppelhaltern war vor der Kurve zu lesen: \“Kampf bis zum Schluss\“. Die Kurve gibt nicht auf, und solange es rein rechnerisch auch nicht mehr möglich ist, werde auch ich nicht aufgeben.

Fahnen hier, Pyro da

Ein nettes Intro auf der einen Seite, Pyrotechnik auf der anderen Seite. Während mir die Fahnen um die Ohren flatterten, sichtete ich mehrere Bengalos im Gästeblock, die das Neckarstadion für ein paar Minuten in ein wenig Rauch hüllten. Eine kurze Ansage über die Lautsprecher, dann konnte es schon losgehen. Für enorme Stimmgewalt im Sinne eines engagierten Supports reichte es bei mir leider nicht, zu schwer hatte ich zu kämpfen, Luft zu bekommen.

Die drei angesäuselten Bubis vor mir, die mir nicht nur die Sicht versperrten sondern mir auch teilweise so nah kamen, dass ich sie mit einem Arm von mir fernhalten musste, taten ihr übrigens dazu. Es ist eines dieser Spiele, wo man eigentlich gar nicht da sein will, wo man schon vor Betreten des Stadions ahnt, dass es einem an die Substanz gehen wird. Wer hier einen klaren Sieg erwartet hatte, hat die letzten Wochen anscheinend nicht ganz genau hingesehen.

Spannung lag in der Luft. So dick, dass man sie mit einem Messer hätte zerschneiden können. Der VfB brauchte spätestens jetzt dringend einen Sieg, alles andere würde die nächsten schweren Wochen nur umso zäher und unerträglicher machen. Wie sehr sie von einem Erfolgserlebnis abhängig waren, zeigt ein Blick auf die Statistik, wie viele Punkte man gerade in den letzten zehn Minuten hergeschenkt hat.

Frühe erste Chancen

Huub Stevens‘ erste Amtshandlung im Neckarstadion war zunächst, die Bank zu tauschen. Nicht mehr jene, die der Cannstatter Kurve näher ist, sondern die andere. Aberglauben? Eine Gewohnheit? Oder etwas ganz anderes? Wenn es denn am Ende zum Sieg reicht, kann uns leidgeplagten Fans alles recht sein, was notwendig ist. Der Rauch hatte sich gelegt, der Ball rollte.

Nur wenige Plätze waren leer geblieben, ein positives Zeichen, wenn es darum geht, die Mannschaft selbst in schweren Zeiten zu unterstützen. Dass auch bei den Mannschaften die Angst mitspielt, konnte man bereits in den ersten Minuten auf dem Feld erkennen. Ängstlich, unsicher und nervös. Jeder hier im Stadion. Das spürte man auch. Sie spielten bereits in der ersten Halbzeit in Richtung Cannstatter Kurve. Im Tor: René Adler, der alte Leipziger.

Lange dauerte es nicht, bis er den ersten Angriff auf sich zukommen ließ. Eine Flanke von Konstantin Rausch, Verwirrung in der Hamburger Abwehr, doch brauchte Vedad Ibisevic zu lange, um sich den Ball erst zurecht zu legen, Ibrahima Traoré bekam den Fuß dann auch nicht mehr dran. Das hätte es schon sein können. Keine zehn Minuten waren erst gespielt.

Fehler machen verboten

Bloß kein Tor kassieren und irgendwie unbedingt eins selber schießen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Auch die Hamburger igelten sich nicht gerade ein, mit der besseren Ausgangslage und dem besseren Selbstbewusstsein würde es schwer werden, dagegen anzukommen, wenn die eigenen Köpfe tief hängen. An der Stelle kommen wir Fans ins Spiel, als Rückendeckung, als zwölfter Mann. Die Kurve schrie und sang, als ginge es um den Europapokal. Möge uns die Mannschaft erhören.

Von allen 45 Toren, die der VfB in dieser Saison wettbewerbsübergreifend erzielt hat, waren zahlreiche einstudierte Varianten dabei: Freistoß oder Eckball, Kopfballverlängerung und dann per Kopf ins Tor. So hat es schon oft geklappt, wenn auch in den letzten Monaten nicht oft genug. Ibrahima Traoré führte aus, Christian Gentner stieg hoch und traf beinah selbst, auch Vedad Ibisevic kam den berühmten Schritt zu spät. So ein verdammter Mist, schon wieder war es sehr knapp gewesen.

Minütlich wurde ich nervöser. Schon zwei hochkarätige Möglichkeiten, wo nur wenige Zentimeter fehlten. Rächt sich das am Ende wieder? Wie so oft in letzter Zeit? Besonders gefährlich schienen die Hamburger nicht zu sein, doch jedes einzelne Mal, als sie die Mittellinie überquerten und in Richtung Sven Ulreich liefen, ergriff mich die Panik. \“Nein, nein, NEIIIIN, RAUUUUUUUS DAAA\“ – mit weitem Vorsprung auf meiner persönlichen Liste der am häufigsten gerufenen Dinge während dieser Partie.

Der HSV und seine Traumtore

Zehn Minuten waren noch zu spielen im ersten Durchgang, da packte der Hamburger Milan Badelj glatt ein Mordsding aus! Aus der zweiten Reihe hatte er abgezogen, zum Glück verzog er. Ein weiteres Tor des Monats wollten wir nun wirklich nicht kassieren. Bereits letzte Saison setzte uns Artjoms Rudnevs, der in den Spielen davor und danach nicht einmal die Toilettenschüssel beim Daraufsitzen getroffen hätte, mit einem Traumtor K.O. Auch dieses Mal wäre Ulle vermutlich nicht mehr dran gekommen.

Die Partie, die ohnehin nicht auf einem hohen spielerischen Niveau stattfand, verflachte immer mehr. Sieht so brutaler Abstiegskampf aus? Wenn man sich den Ball teilweise so trostlos zukickt, dass man meinen könnte, der VfB würde zwei Minuten vor dem Ende mit 4:0 führen? Erst einmal war Pause, etwas durchschnaufen. Trotz des geringen Niveaus, spannend war es dennoch, denn jede einzelne Torchance ließ den ohnehin schon hohen Puls noch einmal nach oben schnellen.

Wie immer musste die Capri Sonne als Halbzeitverköstigung herhalten, während sich die Massen an mir vorbei drückten, um die Imbissstände aufzusuchen. Seitenwechsel. Diesmal spielen wir in Richtung Untertürkheimer Kurve. Ob das so gut ist? Der Ball rollte wieder, die Kurve war erneut voll da. Einen Rückkehrer durften wir an diesem Tage begrüßen, sein Stadionverbot wurde aufgehoben.

Riesige Anspannung

Langsam schaute ich mich um, betrachtete die Gesichter der Leute, die um mich herum standen. Wirklich viele freudelächelnde und grundentspannte Minen konnte ich nicht entdecken. Wesentlich besser für meinen Puls wäre eine 3:0-Führung gewesen. So pumpte das Blut durch meine Adern, mein Kopf dröhnte und die Brust schmerzte. Luft, ich brauche Luft! Wenn der VfB hier nicht bald ein Tor schießt, muss ich raus hier und das Ende des Spiels in der benachbarten Kneipe A-Block anschauen.

Ein paar Spieler schickte Huub Stevens zum Aufwärmen vor die Cannstatter Kurve, Alexandru Maxim lief vorneweg, klatschte uns zu und motivierte uns zu noch mehr und zu noch lauterem Support. Augenblicklich wurde er erhört. Auch Timo Werner wurde neugierig beobachtet. Er lachte und schaute grinsend in die Kurve, als einer hinter mir \“Timo Werner Fußballgott\“ rief. Die kleinen Momente, in dem man die Anspannung vergisst.

Christian Gentner war unterwegs in Richtung René Adler, als Hakan Calhanoglu (wie spricht man den eigentlich aus? \“Schallanollu\“?) ihn legte. Ein lauter Aufschrei hallte durchs Stadion, sofort waren einige Hamburger bei Schiedsrichter Dr. Felix Brych. Seine Hand ging zur Hemdtasche. Wir wussten was das bedeutet. Jubel brach aus, als wir den grell leuchtenden roten Karton sehen konnten. Platzverweis für Hamburg! Und nicht nur gegen irgendeinen Spieler, ausgerechnet gegen den, vor dem ich \“ und viele andere wohl auch \“ die meiste Angst hatten.

Hamburg in Unterzahl

Eine vertretbare Entscheidung, in der 16. Minute hatte er bereits Gelb gesehen nach einem Foul an Moritz Leitner. Und wer dann eben so in den Mann hinein fährt, hat es nicht anders verdient. Doch wie bei allen Entscheidungen im Fußball: steht man auf der anderen Seite, sieht man das oft anders, dann wäre die Gelb-Rote eine total harte Entscheidung gewesen und der Schiedsrichter wäre gekauft gewesen. Oh bitte.

Das Glück war uns hold und so durfte der VfB fast die komplette zweite Halbzeit in Überzahl bestreiten. Augenblicklich ging ein massiver Ruck durch die Kurve. Noch lauter, viel lauter! Jetzt erst recht! \“Achtzehnhundertdreiundneunzig, Hey, Hey!\“ – es war der Startschuss für einen hoffnungsvollen zweiten Durchgang. Ein wenig beruhigte sich mein Puls, wenn es der VfB jetzt gut anstellt, wird der HSV früher oder später müde sein und einbrechen.

Es blieb dabei: ein Augenschmaus war die Partie nicht. Keiner wollte einen Fehler machen. Jetzt clever spielen, das deutete auch unser Kapitän an, und tippte mit dem Zeigefinger an seine Schläfen. Alexandru Maxim lief nach gut einer Stunde zur Bank, er sollte kommen, vielleicht ja für Moritz Leitner, an dem das Spiel weitgehend vorbei läuft…?

Frischer Wind aus Rumänien

Eine Ecke in der 64. Minute, die kurze Unterbrechung nutzte der VfB und nahm Arthur Boka für den Rumänen vom Feld. Erste Amtshandlung: erstmal die Ecke ausführen. Was für eine tolle Geschichte es doch geworden wäre, wenn aus dieser Szene sogleich das Tor gefallen wäre? Ein wenig mussten wir uns noch gedulden \“ wir wussten es nur noch nicht. Die Uhr tickte. Elf gegen Zehn. Da muss doch was gehen!

Mit dem Platzverweis für die Gäste hörte und sah man nun nur noch wenig vom mitgereisten Anhang aus der Hansestadt. Dafür war die Cannstatter Kurve umso lauter. Weiter, weiter, immer weiter. Der HSV wackelte und zeigte schon die ersten Ermüdungszeichen nach der Gelb-Roten. Noch 20 Minuten. Von Moritz Leitner kam der Pass auf Ibrahima Traoré, der an der Seitenlinie durchgestartet war, doch Heiko Westermann war bei ihm. Chance vertan \“ dachten wir!

Er bekam den Ball einfach nicht weg. Eine Kopfballkerze in die Luft, steil nach oben, da ließ sich der flinke Mittelfeldspieler mit der Nummer 16 nicht zwei Mal bitten, luchste im den Ball wieder ab und rannte einfach weiter. Auf der Untertürkheimer Kurve standen sie alle auf, als würden sie wissen, was folgt. Um Alexandru Maxim, der gerade einmal fünf Minuten auf dem Feld stand, kümmerte sich keiner.

Wiedergutmachung geglückt

Er hatte ja versprochen, dass er den vergebenen Matchball gegen Frankfurt wieder gut machen würde. Schlappen hin und rein das Ding. Unhaltbar aus kurzer Distanz. Über 50.000 erleichterte Jubelschreie im Neckarstadion. So gut, so wichtig, so dringend. Nichts und niemand stand mehr gerade in der Cannstatter Kurve. Ein wildes weiß-rotes Gewusel, Umarmungen wohin man schaute, von oben regnete es Bier, die Anspannung von fast 70 Minuten entlud sich schlagartig.

Es war eine Frage der Zeit. Die Frage schien fürs erste beantwortet. In der Hoffnung, dass den Hamburgern keine Antwort dazu einfällt. Viel war den Hamburgern tatsächlich nicht mehr eingefallen. Was mich aber natürlich nicht gerade dazu veranlasste, mich zu entspannen. Die letzten zehn Minuten waren angelaufen, trotz mehrere Chancen nach dem 1:0 fiel das zweite Tor ein weiteres Mal nicht. Nach dem Gesetz einer leidlichen Serie wissen wir, was jetzt kommen würde. Ob mit einem Mann mehr auf dem Platz, machte dann keinen Unterschied.

Die letzten zehn Minuten. Mein Puls war wieder da und ein lange nicht mehr dagewesener Nervenkrieg begann. Wie wichtig es wäre, dieses knappe 1:0 entweder über die Zeit zu retten oder doch noch das zweite Tor zu machen. Irgendwie, irgendwer, nur bitte, vergeigt es nicht schon wieder! Die letzten fünf Minuten, plus Nachspielzeit. Das hält man ja im Kopf nicht aus. Abpfeifen, am besten sofort abpfeifen!

Viele vergebene Möglichkeiten

Und auf einmal war sie dann doch da, die große Chance! Sekundenbruchteile, in denen die Zeit still zu stehen schien. Weit aufgerissene Augen, alle Blicke richteten sich auf die Untertürkheimer Kurve. Alle standen und schrien \“SCHIEEEEEEEEEESS!\“. Christian Gentner hatte durch die Hamburger Abwehr durchgesteckt auf Konstantin Rausch, der im rechten Moment gestartet war. Alleine vor René Adler. Junge, schieeeeeeeß doch!

Der Schlussmann war zur Stelle. Heilandsack, wieviele Chancen kannst du eigentlich in ein paar wenigen Spielen vergeben? Oh Gott, Leute, schaut auf die Uhr! Wir haben keine Zeit mehr, um den Ball ins Tor zu tragen! Jetzt das 2:0 machen oder wieder am Ende das Gegentor kassieren. Diese Spannung ist ja nicht auszuhalten. Er hätte es machen müssen, keine Frage. Wenn es am Ende trotzdem reicht, wirds uns egal sein.

Für Konstantin Rausch kam Cacau ins Spiel, noch einmal frischer Wind. Tick. Tack. Tick. Tack. Die Uhr tickte, die letzten Minuten zogen sich ewig lang. Eine halbe Ewigkeit bis zu dem Moment, in dem Dr. Felix Brych abpfeifen würde, hoffentlich endlich mit den ersehnten drei Punkten auf der Haben-Seite.

Oh Schmerz, das Herz!

Angst und Panik, Herzrasen und kalter Schweiß, nicht hinsehen wollen, aber auch nicht abwenden können. Worte zu finden für die letzten erschreckend spannenden Minuten fällt schwer. Da vertändelten sie wieder den Ball in der gegnerischen Hälfte, bei der Vorgeschichte der letzten Monate kann das gravierende Folgen haben. Oh Gott, nein, nein, nein, jetzt reißt euch doch ein letztes Mal zusammen, wir haben es doch bald geschafft.

Immer weiter kamen sie in Richtung Sven Ulreich. \“Weg, weg, weg!\“, \“Geh doch drauf\“, \“Passt auf\“, alles schrie wild durcheinander, euphorischer Support wich dem blanken Entsetzen und der Furcht, jetzt noch das ertragen zu müssen, was die letzten Male stets passiert war: ein spätes Gegentor. Wir mussten gewinnen. Die Wut der Fans möchte ich kein weiteres Mal erleben.

Schockstarre. Nicht nur in der Kurve, auch bei der Mannschaft, sie schienen gelähmt, verunsichert, panisch. Aus Angst, einen Freistoß oder gar einen Elfmeter zu provozieren, hinderten fünf Stuttgarter die drei Hamburger nicht einmal energisch, obwohl sie der Kurve und somit dem Tor von Sven Ulreich mit jedem Schritt immer näher und näher kamen.

Die Angst vor dem späten Gegentor

Ein abgefälschter Ball, ein durchgelaufener Hamburger, alleine vor Ulle. Das darf doch nicht wahr sein. Das ist der Ausgleich, das ist der Ausgleich, scheiße verdammt, ihr seid soooo blöd! Das darf doch nicht wahr sein, wieder so ein scheiß krummes Ding, das hälst du doch im Kopf nicht aus! Ich sah den Ball schon drin. Mit seiner gesamten Körperfläche warf sich Ulle hinein. Alles oder Nichts, etwas anderes gibt es nicht. Von seiner Brust prallte es ab, \“Ulle, Ulle, Ulle!\“ skandierte die Kurve.

Hilfe, meine Nerven! Es war noch immer nicht vorbei. Zurecht regte sich unser Torwart auf, war die Abwehr in dieser durchaus kritischen Situation einfach nicht vehement genug. Wenn du weißt, wieviele Punkte du schon in den letzten zehn Minuten liegen gelassen hast, darfst du doch nicht völlig ohne Not so fahrig umgehen, wenn der Gegner, sei er auch in Unterzahl, doch noch einmal vors Tor kommt?! Vielen war die Gesichtsfarbe schon völlig entwichen. Ich möchte lieber nicht wissen, wie ich ausgesehen haben muss.

Doch was ist das? Eine Meinungsverschiedenheit zwischen Sven Ulreich und Georg Niedermeier? Die beiden schrien sich an, gerieten aneinander und schubsten sich herum. Es gab Gelb für unseren Schlussmann. Ist so etwas wirklich nötig? Die einen sagen \“Gut so, die Mannschaft lebt!\“, doch ist schlechte Stimmung im Abstiegskampf wirklich hilfreich? Ich lass diese Frage jetzt einfach mal so stehen.

Hoffen, Beten und Bangen

Wer das zweite Tor nicht macht muss hinten zumindest sattelfest sein. Jetzt noch irgendwie die Zeit runter laufen lassen. Für Ibrahima Traoré kam Timo Werner. Drei Minuten Nachspielzeit. Doch noch das 2:0? Fast wäre es das gewesen, Vedad Ibisevic, der nach fünf Mal Zusehen heute wieder spielen durfte, hätte beinahe noch René Adlers Abpraller verwerten können. Er drosch das Leder drüber. Wie viel Last uns hier von den Schultern gefallen wäre… Noch mussten wir uns gedulden.

Eine scheinbar endlose Hängepartie, nervös kaute ich auf den Nägeln und brachte kein Wort mehr raus. Immer wieder der Blick auf die Uhr. Hört dieses Spiel denn nie auf! \“Pfeif aaaaaaaaaaab!\“ krächzte ich mit der letzten Kraft, die mir noch geblieben war. Die Hände zitterten, die Knie schlotterten, ein wenig schwindlig war mir in den letzten Momenten, die es noch zu überstehen galt.

Macht keinen Scheiß, ich flehe euch an, so lange haben wir gemeinsam auf diesen Tag warten müssen, das könnt ihr uns jetzt nicht (wieder) antun! Ein letztes verzweifeltes Mal rannten die Gäste aus dem hohen Norden an, die Mauer schmiss sich dagegen, und koste es blaue Flecke, blutige Lippen oder ausgeschlagene Zähne. Um 17:23 Uhr war es soweit. Als die Spieler ihre Jubelfäuste in die Luft streckten, war es vorbei. Sieg. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie schön das ist.

Endlich!

Lange ist es nicht her, als ich in Frankfurt Tränen vergoss. Heute huschte erneut eine Träne über meine Wange. Wie ein erzieltes Tor bejubelten wir den Abpfiff, der uns nicht früh genug hätte kommen können. Drei Punkte. Zu Null gespielt. Das richtungsweisende Duell gegen den Abstiegskonkurrenten gewonnen. Selbst dieser Sieg bringt uns nicht da hin, wo wir uns zu Beginn der Saison noch gerne gesehen hätten, doch fühlte er sich genau so an.

Es rumpelte gewaltig in der Kurve, als die Steine von unseren Herzen fielen. Es war geschafft. Die Verkrampfungen lösten sich, das Zittern hielt noch ein paar weitere Stunden an. Zu lange ist es her, dass wir dieses unbeschreiblich schöne Gefühl genießen durften. Vor fast vier Monaten schoss Konstantin Rausch vor der Cannstatter Kurve in der 84. Minute das vorentscheidende 4:2 gegen seine Ex-Kollegen aus Hannover. Es war der bisher letzte Sieg, bis zum heutigen Tage.

Es dauerte bei dem einen oder anderen, bis er es realisiert hat. Erst nach Abpfiff traute sich die Kurve ein zaghaftes \“Sieg!\“. Wie unheimlich wichtig, man kann es einfach nicht oft genug sagen, es war genau zur rechten Zeit. Oder anders: später hätte der Sieg nicht kommen dürfen, denn noch ist es bei der aktuellen Tabellensituation noch nicht zu spät, gerade noch so die Kurve zu kratzen und sich ans Ufer zu retten.

Ein Sieg für den Kopf!

Mit hochgestreckten Jubelfäusten liefen sie in Richtung Kurve, frenetisch bejubelt von denen, die seit Wochen zu jedem einzelnen Spiel quer durch die Republik fahren, denen es egal ist, wieviele Urlaubstage dafür draufgehen, oder wieviel Geld sie ausgeben müssen, um dabei zu sein \“ nicht nur die Mannschaft hatte es sich verdient, sondern auch wir Fans. Die unheimliche Erleichterung war überall zu spüren, zu sehen und zu hören. Die Spieler strahlten, sofern ich das durch die zahlreichen Leute hindurch, die sich bereits auf die Mauer gestellt haben, richtig sehen konnte.

Eine Welle gab es heute nicht. Dafür ist es (noch) zu früh. Es ist noch nicht überstanden, aber es war ein Anfang und ein großer Schritt in die richtige Richtung. Wir schöpfen neue Hoffnung in einer Zeit, in der sie schon fast verloren schien. Trostlose Wochen und Monate, die üble Serie ist besiegt, zumindest fürs erste.

Wieviel sind diese drei Punkte am Ende wert? Mehr als das, was sie eigentlich sind, ein Mittel zum Zweck im Abstiegskampf. Für den VfB sind sie viel mehr als das. Für die Tabelle, für die Fans, für den Abstiegskampf \“ und vor allem, und das schätze ich an diesem Wochenende noch viel wichtiger ein als alles andere: für die Köpfe der Spieler. Sie können noch gewinnen, und sie können noch zu Null spielen. Wenn es eine Lehre aus diesem Spiel gibt, dann diese. Es war nicht schön anzusehen. Es war uns egal.

Erschöpfte Erleichterung

Denkbar langsam leerte sich der Block. Ich schaute in zahlreiche Gesichter, als ich nahezu regungslos unten an meinem Platz stand, mich mit dem Rücken gegen den Wellenbrecher lehnte und noch gar nicht so recht greifen konnte, was ich hier erlebt habe. Eine Mischung aus Freude und Erleichterung, viel Hoffnung und ein wenig mehr Selbstvertrauen spiegelte sich in den Gesichtern der Fans wieder, die nach und nach den Block verließen.

Felix kam zu mir. Er ist der festen Überzeugung, er habe meinen Jubelschrei bei Alexandru Maxims Tor bis zum Block 37 hören können. Erschöpft und völlig fertig schlossen wir uns in die Arme, zufrieden sagte ich: \“Er hat uns ja versprochen, er macht es wieder gut\“. Wieder ging es ein paar Treppenstufen nach oben zu unseren Freunden, die wir sonst immer vor jedem Spiel sehen, doch heute hatte man sich verpasst. Was machen wir denn jetzt nächsten Mittwoch? Eine gemeinsame Fahrt nach Nürnberg war eigentlich schon fest eingeplant.

Draußen vor den Blockeingängen sangen sie: \“Zweite Liga, niemals, nieeeeemaaaals, niemals!\“, die meisten jedoch schwiegen \“ und genossen einfach nur das längst vergessene Gefühl eines Sieges. Und was für ein dreckiger Sieg. Die Chancen waren da, das Spiel mit 3:0 zu gewinnen. Dass man vor Selbstbewusstsein nicht gerade strotzt, sollte klar sein. Freute ich mich nach dem Spiel in Bremen noch über ein \“zumindest nicht verlorenes Spiel\“, darf ich nun nach endloser Wartezeit mit einem breiten Grinsen nach Hause gehen.

Mit einem Lächeln im Gesicht

Vor dem Stadion noch ein paar Freunde getroffen, auch hier war der Grundtenor stets der selbe: große Erleichterung und Hoffnung, dass man wenige Tage später in Nürnberg einen draufsetzen kann und vielleicht den einem oder anderen Großen doch noch einen \“ von mir aus unverdienten \“ Punkt abknöpft. Es fällt sehr schwer, nicht wieder in höheren Sphären zu schweben, uns ist der Ernst der Lage ebenso bewusst wie hoffentlich der Mannschaft.

Mit dem Gefühl eines Sieges, den man so dringend brauchten, liefen wir schließlich mit der Masse in Richtung Cannstatter Bahnhof. Wieder mischten sich ein paar Hamburger darunter. Sie waren still und ließen den Kopf hängen. Wir wissen selbst nur allzu gut, wie es sich anfühlt, hunderte von Kilometern zu reisen und dann doch mit leeren Händen die Heimreise antreten zu müssen. Dennoch hält sich das Mitleid in Grenzen, im Abstiegskampf muss jeder auf sich schauen.

Felix ging noch etwas trinken, während ich daheim die Bilder bearbeitete. Das übliche Geschäft. Im benachbarten Wohnzimmer lief der Fernseher in hoher Lautstärke, die Sportschau auf der ARD lief bereits. Ich wollte hören, wenn der VfB dran ist. Bis zum Schluss hoben sie es sich auf. Endlich mal wieder mit einem breiten Grinsen im Gesicht die Sportschau genießen. Noch am selben Abend fing ich an zu schreiben. In Nürnberg sollte tunlichst nachgelegt werden. Frankfurt fertigte sie am Sonntagnachmittag mit 5:2 ab. Doch wir wissen: angeschlagene Boxer sind gefährlich.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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