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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Nichts für schwache Nerven

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„Sag nichts, man sieht es dir an!“ – so schloss mich Kumpel und Stamm-Auswärtsfahrer Gerd um etwa 17:30 Uhr am Samstag Nachmittag in die Arme. Völlig entkräftet, aber erleichtert. All die Sorgen und der Kummer, der Frust und die Enttäuschung, auf einmal hatte sich alle Anspannung für einen Moment entladen und schenkte uns zumindest einen Tag der Glückseligkeit. Nicht mehr als ein kleiner Schritt, doch dafür ein umso wichtiger. Mit den Kräften und den Nerven war ich am Ende. Wir wussten, was auf dem Spiel steht: Siegen oder Absteigen.

Mit schwerem Gemüt stand ich im Wohnzimmer, atmete schwer und starrte auf das Kalenderblatt, was ich nun, vier Tage zu spät, umgeblättert hatte. Ich hatte ganz vergessen, welches Bild darauf sein würde. „FINALE“ war darauf zu lesen. Jener magischer Abend, als wir die Freiburger, die auch heute zu Gast waren, mit 2:1 im DFB-Pokal-Halbfinale schlugen und ins Finale in Berlin einzogen. Zurecht Platz eins meiner besten 200 Spiele. Was ist nur alles passiert in diesem einen Jahr, die diese Partie nun schon her ist?

Dieser Stress tut mir einfach nicht gut. Das ganze Gerede von wegen „Endspiel um den Klassenerhalt“ machte mich seit Tagen völlig verrückt. Hamburg hatte am Freitag Abend vorgelegt und gegen Leverkusen gewonnen. Was, wenn wie verlieren? Was, wenn Braunschweig gewinnt? Dann haben wir ein Problem, das da heißt: Tabellenletzter. Wie wunderbar sorglos wir noch vor einem halben Jahr gewesen sind, als der Gedanke an einen möglichen Abstieg noch recht weit entfernt war.

Ein Hauch von Schicksal

Sieg oder Abstieg, Sieg oder Abstieg, Sieg oder Abstieg… Es war schwer, einen anderen Gedanken als diesen einen fassen zu können. Und genau das machte mich auch so unheimlich unruhig. Was wird passieren, wenn der VfB auch diese Partie verlieren würde? Was passiert im Moment der Niederlage? Wie schwer es sein würde, in den letzten Spielen dann trotzdem noch die Kurve zu kratzen, wissen wir alle gut genug.

Vor genau sechs Jahren war ich zum allerersten Mal im Neckarstadion. Ein Heimsieg gegen Hamburg. Wieviel Spaß es gemacht hatte, das mal aus der Nähe zu sehen, was man sonst nur im Fernsehen gesehen hatte. Wieviel Freude auf dem Weg zum Stadion dabei war. Sechs Jahre später gleicht der Weg zum Stadion dem Gang zum Schlachter. Zu wissen, was passieren würde, wenn die Mannschaft scheitert, machte es einem nicht einfacher.

Wir verließen unsere Wohnung wie zur gewohnten Zeit, liefen den gewohnten Weg und trafen vor Ort die gewohnten Leute. Mein langjähriger Kumpel Jonas war auch da. Er begleitete mich damals zu meinem ersten Heimspiel. Über eine Stunde lief er schon umher, ebenfalls unruhig und getrieben von der Angst, dass der Abstieg schon heute inoffiziell so gut wie fest stehen könnte. Noch gut anderthalb Stunden bis zum Anpfiff \“ wie soll man das nur aushalten?

An Ort und Stelle

Von den zwanzig Grad, die angekündigt waren, war nicht wirklich viel zu spüren. Regelrecht frisch wehte einem der Aprilwind um die Nase, was Felix natürlich nicht davon abhielt, die kurzen Hosen auszupacken. Da stand ich nun am Kopf der großen Treppe, gut sichtbar für alle Freunde und Bekannte, die über diese Betonstufen zu ihren Blöcken gelangen. Die Anspannung in den Gesichtern der Fans konnte ich sehen, genau so, wie sie sie in meinem Gesicht sehen konnten. „Du siehst heute ja wieder supergut gelaunt aus!“ stellte man fest. Er wird wohl Recht gehabt haben.

Hinein in den Block. So oft mit Vorfreude, doch in letzter Zeit mehr mit dem panischen Gefühl der Angst, das einen spätestens dann ergreift, wenn man die erste Treppenstufe hinunter gelaufen ist. Der Gästeblock war voll. Gut 4.000 Freiburger hatten sich auf den Weg gemacht, bei wesentlich besseren Witterungsbedingungen als jene, die wir Stuttgarter zum Hinspiel im Breisgau hatten.

Wieder bezog ich Stellung am ersten Wellenbrecher ganz unten, so wie ich es seit Jahren tue. Umso genervter reagiere ich bei jenen, die ich das erste Mal sehe und die mit aller Kraft, wenn auch subtil und unterschwellig versuchen, mich von meinem Platz zu vertreiben. Mir egal, wie alt du bist und wie alt die Kutte ist, die du auf deinen Schultern trägst, ich steh immer hier, im Gegensatz zu dir. Ich lass mich hier nicht vertreiben. Seinen Widerstand gab er erst Mitte der ersten Halbzeit auf.

Kampf bis zum Schluss!

Die Uhr tickte. Die Nervosität stieg. Stadionsprecher Holger Laser führte wie gewohnt durchs Programm vor dem Anpfiff. Auf der Anzeigetafel warb man fürs Helene Fischer Konzert im nächsten Sommer, nicht wenige Freunde und Bekannte werden dort vor Ort sein. Ein \“ zumindest für mich \“ unverständlicher Hype. Stimmt man irgendwo „Atemlos“ an, die Menge kennt den Text und singt mit. Ein wenig amüsant ist das Ganze ja schon.

Weit weniger amüsant: in den letzten Minuten vor Anpfiff war auch ich ein wenig „atemlos“, wie schon gegen Hamburg neulich bekam ich nur schlecht Luft. Alles oder nichts. Warum mache ich mir auch selbst diesen Stress? Wegzuhören und wegzuschauen, wenn alle um einen herum reden und schreiben, wie unheimlich wichtig ein Sieg wäre, ist fast unmöglich. Man steckt bereits mittendrin, es gibt kein Zurück mehr.

Die heroische Parole „Kampf bis zum Schluss“ wurde vor einigen Wochen ins Leben gerufen. Ohne jede Frage werden wir hinter der Mannschaft stehen und sie unterstützen, auch dann noch, wenn es hoffnungslos ist. Wenn wir untergehen, entscheiden wir selbst, wie es geschieht. Zwei Niederlagen standen bisweilen zu Buche, seit man gedacht hatte, der Bock wäre umgestoßen. Keiner vermag zu sagen, wie die Menge reagieren wird.

Spannung Hoffnung vor 58.500 Zuschauern

Seit Monaten sind Siege dringend notwendig. Kommt er gegen die ungeliebten Badenser nicht zustande, brauchen wir ein Wunder, um noch auf den Relegationsplatz zu kommen. Alles Nachdenken, sich Sorgen machen, Frust schieben, das alles sollte ich erst dann tun, wenn der Fall eintritt. Was habe ich davon, wenn ich mich schon vor Spielbeginn so verrückt mache? Ich kann das nicht beantworten. Alle Hoffnung, die ich hatte, konzentrierte sich auf dieses eine Spiel. Mehr als abwarten können wir sowieso nicht.

Das Stadion wurde immer voller. Fast ausverkauft, wie es mir scheint. Schön zu sehen, dass in diesen schweren Wochen das Neckarstadion doch wieder ein wenig voller wird \“ statt leerer, wie es zu erwarten gewesen wäre. Die Lücken füllten sich, der Anpfiff rückte näher. Wie immer stand ich direkt an der Treppe. Dass sich diese bald füllen würde, war leider zu befürchten. Und natürlich sind es dann immer die Herren ab 1,80 Meter Körpergröße. Natürlich. Wie immer.

Der Ball rollte. Spannung! Panik! Unruhe! Und dennoch: Hoffnung! Was bleibt einem auch anderes übrig, als zu hoffen, wenn einem bewusst ist, wieviel auf dem Spiel steht. Die Nervosität war beiden Mannschaften anzumerken, vor allem aber in unserer Kurve. Trotz allem war die Stimmung gut, unheimlich wichtig, dass wir jetzt den Kopf nicht in den Sand stecken, ungeachtet der letzten schweren Wochen.

Bloß nicht patzen!

Eine gute Viertelstunde war vergangen, erfreulich zu sehen, dass der VfB hier durchaus bemüht war, das Spiel zu machen. Im Vorfeld dieses Baden-Württemberg-Duells war allerdings zu befürchten, dass man nach der nicht belohnten Energieleistung gegen die Dortmunder wieder eine ähnliche Darbietung aufbringen würde, wie unter Nürnberger Flutlicht. Sie können kicken, das haben sie über weite Strecken gegen Dortmund und vor allem gegen die Bayern gezeigt \“ warum sie bisher so wenig daraus gemacht haben, ist erschreckend und ernüchternd zugleich.

Jeder im Ländle freut sich, dass er wieder auf dem Feld steht: Daniel Didavi, der ewig Verletzte. Eine fast zweijährige Leidenszeit liegt hinter ihm, gegen den BVB kam er zurück, und auch heute durfte er von Beginn an ran. Eng ging es zu in der Hälfte der Freiburger, mittendrin lief er, die Nummer Zehn. Einfach mal abziehen, warum auch nicht. Immer länger, immer weiter, immer schneller senkte sich der Ball in Richtung des Tores vor der Cannstatter Kurve. \“Klong!\“ – \“Neiiiiin!\“ – Latte!

Was für ein Strich, was für ein wunderschönes Tor das nur hätte sein können. Mit den Fingerspitzen lenkte Oliver Baumann das brutale Geschoss noch an die Latte, das hätte das frühe 1:0 für den Frühstarter der Liga sein können. Es wäre kurzfristiger Balsam für die Seele sein können. Ein Ruck ging durch die Kurve, der ohnehin schon laute Support wurde nur noch lauter und lauter. So ists recht, meine Freunde! Lasst uns die Mannschaft spüren, das wir da sind!

Der späte Fall des Ibrahima Traoré

Als auch Antonio Rüdiger nach einer Freistoß-Flanke von Daniel Didavi scheiterte, war uns allen bewusst: eine Leistung wie gegen Nürnberg würden sie sich hier nicht erlauben. Dass Oliver Baumann meist auch kein ganz schlechter Keeper ist, musste man sich allerdings ebenso eingestehen. Wie stehts in Nürnberg? Kaum hatte ich daran gedacht, dröhnte das Hupen durch den Lautsprecher und die Anzeigetafel erfreute uns mit der Nachricht, dass der Club gegen Gladbach hinten liegt.

Aufregung nach knapp einer halben Stunde! Ibrahima Traoré fiel im Strafraum, die Pfeife von Schiedsrichter Felix Zwayer blieb stumm. Laute Pfiffe gegen die \“Fußballmafia DFB\“. Was war passiert? Auf der Strafraumlinie (oder knapp davor) brachte Gelson Fernandes den kleinen Wirbelwind zu Fall. Er zupfte, hielt und stieß… Doch Ibrahima Traoré fiel wohl für das Verständnis des Unparteiischen etwas zu spät und zu offensichtlich.

Nach Sichtung der Szene: vertretbar, hier nicht zu pfeifen. Und wir wissen außerdem: nur wenn der VfB einen Elfmeter bekommt, heißt das noch lange nichts. Nicht jammern, weiter machen! Währenddessen war außer der Antwort \“Hurensöhne\“ auf den VfB-Wechselgesang und einem lächerlichen \“Hier regiert der SCF\“ kaum zu hören. Die Unruhe stieg immer mehr, als das Tor des VfB immer mehr auf sich warten ließ. Je länger wir noch warten müssen, desto schlechter ist das nicht nur für unsere Nerven, sondern auch für die der Spieler.

Torlos in die Pause

Ohne Tore ging es schließlich in die Pause. So dankbar ich war, dass uns ein Rückstand (den mir Jonas vor der Partie prophezeit hatte, am Ende würden wir mit 3:1 gewinnen) fürs Erste erspart geblieben ist. Ein Duell, was noch vor einiger Zeit eine klare Angelegenheit fürs Königreich Württemberg gewesen war, sieht am heutigen Tage etwas anders aus: Freiburg holte 15 Punkte in der Rückrunde und damit sogar einen Zähler mehr als in der gesamten Rückrunde. Wie es bei uns mit dem Punktesammeln aussieht, hat man zuletzt gesehen. Oder vielmehr: nicht gesehen.

Sie spielten nun auf das Tor vor der Untertürkheimer Kurve. Meine finsteren Gedanken offenbarten mir somit gleich schon den nächsten Alptraum: falls Freiburg das Siegtor vor der Cannstatter Kurve erzielt. Von Offensive war bei den Gästen nicht viel zu erkennen, doch auch das muss nichts heißen. Unsere Statistiken sprechen eine deutliche sowie deprimierende Sprache. Die Freiburger standen ziemlich gut, es gab einfach kein Durchkommen. Das Selbstbewusstsein der letzten ungeschlagenen Spiele war den Breisgauern anzumerken.

Von Vedad Ibisevic, der seit drei Wochen nach seiner langen Rotsperre wieder dabei ist, war wenig bis gar nichts zu sehen. Wie ein Fremdkörper, der mit dem Spiel und seiner eigentlichen Bestimmung \“ dem Tore schießen \“ nichts anzufangen wusste. Mit Pfiffen wurde er bedacht, als er nach einer Stunde ausgewechselt wurde. Applaus brandete kurz zuvor auf, als Alexandru Maxim und Timo Werner zur Bank liefen, Doppelwechsel! Auch für Daniel Didavi war das Spiel beendet, wie schon gegen Dortmund hielt die Puste nur für eine Stunde.

Endlich, endlich, endlich!

Nun also mit zwei neuen offensiven Kräften, mitten hinein in eine Phase, in der der SCF durchaus ein wenig mutiger geworden war. Noch stand die Null \“ für wie lange? Zu viel haben wir erlebt, um entspannt zu bleiben. Weiter anfeuern, weiter hoffen, weiter bangen, die Tore selbst schießen können wir ja leider auch nicht. Erste Amtshandlung des Rumänen: Freistoß. Es hätte das lang ersehnte 1:0 sein können, doch Abnehmer Christian Gentner säbelte nur in ein Luftloch. Diese Spannung hälst du ja im Kopf nicht aus!

Noch knapp 20 Minuten. Ibrahima Traoré behauptete schließlich den Ball an der Seitenlinie gegen zwei Freiburger, schlängelte sich vorbei und nun rollte die nächste Angriffswelle. Wir brauchen ein Tor. Jetzt! Wer will? Warum nicht das Siegtor vom Spiel gegen die Hamburger kopieren? Alexandru Maxim, Schlappen hingehalten, Tor! Eeeeeendlich! Einmal Bierdusche bitte! Hey, ich sagte einmal, nicht viermal! So unheimlich wichtig, so unheimlich gut, so unheimlich erleichternd \“ wenn da das krumme Ding mit der Schlussphase wäre. Die gefährlichste Phase des Spiels stand uns bevor, nur fünf Minuten war man noch davon entfernt.

Doch daran wollte im Moment des puren Glücks keiner denken. Wie will man da aber auch ruhig und gelassen bleiben, es ist ja doch \“nur\“ ein Tor. In dieser Saison verspielte der VfB 17 Führungen. Verständlich, warum ich gerade jetzt, im Moment des Torjubels, die größte Angst hatte. Hin- und hergerissen zwischen Kurve und Spielfeld, beides voller Spannung, beides Schauplatz wunderschöner Momente.

Das große Zittern

Das darf auf keinem Fall mehr schief gehen. Doch Christian Gentner sagte es am Sonntag nach dem Dortmund-Spiel bei \“Sport im Dritten\“. Gerade dann, wenn es nicht sein darf, passierts. Murphys Gesetze sind so unheimlich grausam. Sie spielten auf Sieg, ihnen war klar, wie unheimlich wichtig das wäre. Immer wieder rannten sie an, doch entweder hielt Oliver Baumann, oder man kam den berühmt-berüchtigten Schritt zu spät.

Schlag auf Schlag \“ doch treffen sie das Tor kein zweites Mal, zittern wir wieder bis zum Ende. Timo Werner hätte den Deckel draufmachen können, wunderschöne Ballannahme, wieder ans Gebälk! Soviel Pech kannst du doch in einem Spiel nicht haben! Endspurt in die Schlussphase, 15 Minuten noch. Kommt schon, Jungs, gebt alles, ihr könnt euch danach ausruhen, aber jetzt müsst ihr hellwach sein!

Nerven wie Drahtseile. Die hätte ich gern! Freiburg wollte sich nicht aufgeben, sie werden von unserer panischen Schlussphase in nahezu jedem Spiel mit Sicherheit gewusst haben. An der Seitenlinie fuchtelte Christian Streich wild mit den Armen, so wie man es von ihm kennt. Tief durchatmen. Wann immer die Abwehr scheiterte, Sven Ulreich war da. Zeitweise spielte er auch alleine gegen zehn Freiburger Feldspieler. Zuletzt ein wenig in der Kritik, nun war er wieder der Ulle, den wir kennen und vor allem in diesem Spiel dringend brauchen. Alles wegfetzen, was auf einen zugeflogen kommt \“ so ists brav!

\“Ulle, Ulle, Ulle!\“

Leider hatte das viele Eckbälle zur Folge, auch die parierte unsere Nummer Eins. Zwei Schüsse aus kurzer Distanz, die in jedem anderen Spiel der letzten Wochen höchstwahrscheinlich ins Netz gerutscht wären, Ulle hielt stand und machte die Partie immer mehr zur Zerreißprobe für unsere armen Nerven. Er ballte die Faust, zeigte sie in Richtung Cannstatter Kurve. Wen es jetzt noch auf den Plätzen hielt, dem war nun wirklich nicht mehr zu helfen.

Oberkörper wurden entblößt, die Jubelfaust geballt, jede Minute, jede Sekunde, jeden Moment bewusst zu erleben, auf dem Weg zu einem ganz wichtigen Sieg im Abstiegskampf. Die Minuten kamen mir vor wie Stunden. Den ganzen Weg gehen wir, für euch und mit euch, aber lasst euch diesen Sieg jetzt nicht mehr nehmen. Die letzten Augenblicke, mit brachialer Stimmgewalt holte die Kurve nun alles raus, was noch tief im Inneren schlummerte, unangetastete Reserven der letzten Wochen, als hätte man sie sich für Momente wie diese wissentlich aufgespart.

Und so hüpften wir im Takt, schrien alles heraus, was ging, auch wenn der eine oder andere am nächsten Tag heiser war. Ob Kuttenträger oder Ultra, ob Gelegenheitsstadiongänger oder Allesfahrer, Arm in Arm standen wir, sprangen wir und sangen wir. Auf dass es am Ende für einen Sieg reicht. Der Blick zur Uhr, die gnadenlos tickte. Noch würde es reichen. Doch die Furcht vor der grausamen Statistik beunruhigte mich zusehendst. Wie simpel und emotionslos mein Leben doch gewesen wäre, wenn ich vor sechs Jahren den Fuß in dieses Stadion nicht gesetzt hätte.

Kämpfen und siegen, niemals aufgeben!

Traum oder Alptraum, Sieg oder Niederlage, Klassenerhalt oder Abstieg? Wie nah alles beieinander liegt, ist jedem im Ländle bewusst. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit, ein schlampig gespielter Pass, ein Schritt zu spät, und schon siehst du das Unheil auf dich zukommen und weißt genau, dass dich der Schmerz mitten ins Herz treffen wird. Ein Rückpass von Gotoku Sakai, knapp zehn Minuten noch. Direkt in den Lauf von Admir Mehmedi, der nun alleine auf Sven Ulreich zurannte. Der mögliche Abstieg in Zeitlupe, in 3… 2… 1…

Uuuulleeeeeeeeeeeeee! Unter sich begrub er den Ball, als wäre er eine tickende Zeitbombe, als würde er sein Leben dafür geben. Die Kurve, und alle anderen VfB-Fans, rechnen ihm das hoch an. Kurz darauf entschärfte er auch noch einen strahlmäßigen Distanzschuss von Jonathan Schmid. Das ist fast mehr, als mein Herz verkraften kann. Mit dem letzten Wechsel kam Moritz Leitner für den jungen Neuzugang Carlos Gruezo, jetzt noch irgendwie die letzten zehn Minuten überstehen.

Freistoß vor der Untertürkheimer Kurve. Antonio Rüdiger, schnelle Drehung, Pfosten! Das gibts doch gar nicht! Wieviel Aluminium wollen die Jungs denn noch treffen? Der hätte genau in den Winkel gepasst. Tick. Tack. Tick. Tack. \“Kämpfen und siegen, niemals aufgeben!\“ skandierte die Kurve, wünschte sie sich doch so sehr das erlösende zweite Tor, das alle Freiburger Bemühungen im Keim erstickt und uns endlich das beschert, was wir uns so erhofft hatten.

Die lang ersehnte Erlösung

Mittlerweile hatte Sprühregen eingesetzt, der Rasen wurde rutschig, als die Uhr auf der Anzeigetafel runterlief. Noch immer war es nicht vorbei, bis zum Schluss kämpfen und alles geben, mehr verlangen wir nicht. Eckball kurz vor Schluss für den VfB. Alexandru Maxim lief zur Eckfahne vor dem Gästeblock, aus dem man nun mittlerweile nichts mehr hören konnte. Irgendwer, irgendwie, hinein das Ding. Es kann doch nicht so schwer sein! Mit dem Fuß, mit dem Kopf, von mir aus mit dem Hinterteil. Erlöst uns! Bitte! Wir flehen euch an!

Der Torschütze zum 1:0 brachte die Ecke hinein. Am langen Pfosten stand Martin Harnik. Komm, Junge, halt den Kopf hin, im wahrsten Sinne des Wortes. Bange Sekunden, eine halbe Ewigkeit flog die Kugel durch die Luft. Gespanntes Warten, bis zu dem Moment, als das Netz zappelte und es in dieser letzten Minute kein Halten mehr gab. Sucht man nach der Definition der Erleichterung, man hätte sich hier nur umsehen müssen. Alles, was wir gehofft haben, woran wir fast verzweifelt sind, mit dem 2:0 fiel so viel Ballast von uns ab, als hätte man Jahre darauf warten müssen.

Was für ein Tor. Völlig egal, wie es gefallen ist. Den Kopf zu nehmen, wäre wohl definitiv einfacher gewesen. Doch was spielt das schon für eine Rolle, denn das Tor war gefallen. Es erlöste uns endgültig, wenn auch denkbar spät. Das Zittern konnten sie uns nicht ersparen, doch sie bewahrten uns davor, mit hängenden Köpfen nach Hause zu gehen und dabei schweren Herzens alle Hoffnung auf den Klassenerhalt zu Grabe zu tragen.

Nicht mehr als ein kleiner Schritt

Es war der Todesstoß für die Freiburger. Schlagartig entspannten sich alle Muskeln, in den Beinen, im Gesicht, und auch der Herzmuskel sagte leise stöhnend \“Danke\“. Wartete man eine Ewigkeit auf den erlösenden Siegtreffer, entbrannte mit dem Schlusspfiff erneut der Jubel. Immer mehr entblößte Oberkörper um mich herum. Ich muss ja nicht Alles mitmachen. Zügig fand sich der erste Gratulant beim erleichterten Sven Ulreich ein. Gotoku Sakai, dessen Pass vor die Füße des Gegners womöglich das bittere Aus bedeutet hätten, wenn Ulle ihn nicht gehabt hätte.

Momente, in denen du entweder alles gewinnst \“ oder alles verlierst. Ein kleiner Schritt in Richtung Klassenerhalt, doch ein gefühlt ganz Großer fürs geschundene Selbstbewusstsein eines krisengeschüttelten Traditionsklubs. War das wichtig! Erst einmal tieeeef durchatmen. Und nochmal. Und nochmal. Ich zitterte am ganzen Leib, schwitzte und fror gleichzeitig und schaute ungläubig auf die Anzeigetafel. Hinten stand die Null, vorne die Zwei. \“Derbysieger\“ für die einen, einfach nur ein brutal wichtiger Sieg gegen Ostfrankreich für die Anderen.

Es tat ihnen sichtlich gut, mit lautem Applaus bedacht zu werden, als sie sich aufmachten in Richtung Cannstatter Kurve. Mit dem Pech der letzten Wochen hätte es auch anders laufen können: laute Pfiffe, wüste Beschimpfungen und schlimmstenfalls gar ein Platzsturm. Die Nerven liegen Blank im Ländle, und auch, wenn sich dieser Sieg unheimlich gut anfühlt, wir sind noch lange nicht über den Berg.

Am eigenen Schopfe aus der Scheiße gezogen

\“Oooooh wie ist das schööön, sowas hat man lange nicht gesehen\“ klang es in unseren Ohren, wenn auch noch etwas zaghaft. Gegenseitiger Applaus, keine Welle, kein Abklatschen. Ein bisschen schade, doch was zählt, ist einzig und allein der Sieg. Ich brauchte mich nur langsam umzuschauen um zu sehen, wie erleichtert meine Mitmenschen waren. Noch immer hatte ich weiche Knie und musste mich am Wellenbrecher festhalten.

Felix kam die Stufen zu mir herunter gelaufen, nachdem er 90 Minuten auf dem Oberrang umher wanderte. \“Na, wer hats mal wieder gewusst?\“ – ja, er hatte Recht. Viele Male zuvor aber eben auch nicht. Das übliche Ritual wie bei jedem Heimspiel. Erst einmal zu Gerd und Ingrid, mit denen wir schon viele Auswärtsspiele bestritten haben. Eine solche Umarmung ist doch so viel besser als jene, die Trost nach einem verlorenen Spiel spenden soll. Nochmal kurz auf Toilette, dann ab nach Hause.

Vor dem Stadion verabschiedete man sich noch von Freunden und Bekannten. \“Wir sehn uns in Gladbach!\“ – vor sechs Jahren, als ich schwer damit zu kämpfen hatte, all die Eindrücke und Reizüberflutungen zu verarbeiten, hätte ich am allerwenigsten gedacht, dass ich zur Vielfahrerin werden würde. In meinem Leben habe ich Entscheidungen getroffen, die mich in der Summe hierher geführt haben. Nach Stuttgart, Bad Cannstatt, in den Dunstkreis meines geliebten VfB Stuttgart. Auch, wenn es manchmal schwer ist: es waren gute Entscheidungen.

Neue Hoffnung, neue Ziele

Langsam liefen wir heim. Ein weiteres Mal das gleiche Programm: während ich heimgehe und mich um die Fotos kümmere, geht Felix noch mit Gerd und Ingrid feiern. Grund genug hatten sie heute ja allemal. Trotz allem verwehrt sich Felix jeglichem Tropfen Alkohol \“ bis zu dem Tag, an dem der Klassenerhalt sicher ist. Was im Falle eines Abstiegs passiert, hat er noch nicht verraten, er denkt einfach nicht daran als grundsätzlich optimistischer Mensch. So gerne hätte ich von diesem wertvollen Charakterzug etwas ab.

Da war es wieder, das grenzdebile Dauergrinsen, als ich mich vorm heimischen Rechner zu den Klängen von Pharell Williams‘ \“Happy\“ durch die große Bildauswahl klickte. Fußball kann so schön sein \“ wenn er funktioniert. So oft funktionierte er für uns VfB-Fans nicht, stürzte uns nur Woche für Woche immer tiefer in den Sumpf voller Sorgen und ließ und verzweifeln, ob es überhaupt irgendetwas oder irgendjemand gibt, der uns vorm gänzlichen Absturz bewahren kann.

Trotz aller Freude über diesen Sieg darf man eines nicht vergessen: die schweren Spiele kommen jetzt erst noch: Schalke, Wolfsburg, Gladbach und Bayern. Da wird sich zeigen, ob die Jungs tatsächlich verstanden haben, worum es geht \“ auch wenn es dafür schon ziemlich spät ist. Am Ende über dem Strich stehen und auch ein Relegationsspiel vermeiden. Der Hoffnungsschimmer ist zurück und lässt uns für mindestens eine weitere Woche an den Klassenerhalt glauben. Alle in Rot nach Gladbach!

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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