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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Eiskalt ausgenutzt

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Wie grausam und schmerzhaft der Fußball sein kann, haben wir oft genug und lange genug in dieser Saison erleben müssen. Eine nervenaufreibende Odysee quer durch Deutschland, eine Rückrunde, die an all unseren Kräften zehrt und uns bis zum Ende der Spielzeit nahezu vollständig ausgelaugt haben wird, das große Sehnen nach dem Ende dieser Höllensaison. Fußball ist nicht immer die schönste (Neben)Sache der Welt, sondern eben auch manchmal das Gegenteil davon. Doch es gibt Tage, da kann der Fußball auch so schön sein. Einfach schön. Und schön einfach.

30 Spieltage mussten wir nun darauf warten. Ob das am Ende die womöglich entscheidenden drei Punkte waren, bleibt jedoch weiterhin abzuwarten. Wenn es ein Wort gibt, für diesen gesamten Spieltag, so möchten nicht wenige von einer „Wiederauferstehung“ zu den Osterfeiertagen sprechen. Besser hätte es kaum laufen können. Der Druck war immens, wie oft scheiterte der VfB schließlich schon der Großchance und vertendelte fahrlässig die Steilpassvorlage der Konkurrenz?

Alle hinter uns patzten, sowohl Hamburg, Braunschweig als auch Nürnberg verloren ihre Spiele, teilweise deutlich. Das muss man nutzen. Oder…? Leichter gesagt als getan. Für gewöhnlich pflegt es der VfB, solche Gelegenheiten liegen zu lassen, wie auch schon am vergangenen Wochenende, als in letzter Minute \“ mal wieder! – zwei wertvolle Punkte vor der Ziellinie verschüttet wurden. Meinen Augen konnte ich kaum trauen, als ich zur Anzeigetafel hinauf blickte. Stand da wirklich 3:1 drauf? Mit dem Schlusspfiff stand fest: die wohl wichtigsten drei Punkte der ganzen Saison.

Wir haben begriffen

In einem lauten „JAAAAA“ entlud sich die Anspannung, grenzenloser Jubel, wohin ich auch schaute. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, stießen mit ihren halbvollen Bierbecher an, die sie zuvor im Freudentaumel bereits verschüttet hatten. Welch seltenes Gefühl es doch ist, am Ende des Spiels einen Sieg feiern zu dürfen. Wer hätte gedacht, dass es so kommen würde? Natürlich. Felix. Der war sich wie so oft seiner Sache ziemlich sicher, ging optimistisch von drei klaren Punkten aus. „Mutige Prognose“ stammelte ich daher und zog eine nervöse Schnute.

Lange hatte ich am Abend des Ostersonntags noch am Rechner gesessen und alle 832 von insgesamt drei Fotografen und vier unterschiedlichen Kameras zu sichten und zu verarbeiten. Der Plan lautete eigentlich, noch in irgendeiner Form mit den ersten Zeilen dieses Spielberichts zu beginnen. Dafür reichte die Kraft zum späten Abend dann doch nicht. Diese Saison hat deutliche Spuren hinterlassen, die Angst und die Nervosität folgen einem auf jedem Meter, hängen einem mit ihrem Atem im Nacken, wenn man im Block steht, und lassen einen immer wieder erschaudern.

Geduld bewahren, mehr blieb uns nicht übrig. Die Rahmenbedingungen stimmten. Schaue ich mich in den letzten ein, zwei Monaten im VfB-Umfeld und der Fanszene um und blicke ich im Stadion auf prall gefüllte Tribünen, so fällt es umso schwerer, einen Blick auf die Tabelle zu wagen. Was die Unterstützung der leidgeplagten Fans für die Mannschaft und den Verein im Abstiegskampf angeht, so darf getrost von einer geschlossenen Höchstleistung gesprochen werden. Zusammenstehen statt Zerfleischen, Gas geben statt Aufgeben. Wir haben begriffen.

Es ist noch Benzin im Tank

Das schwere Restprogramm bereitete uns seit Monaten große Sorgen. War man sich vor gar nicht allzu langer Zeit sicher, dass es unser Untergang sein könnte, so beschleicht mich das leise Gefühl, dass es vielleicht sogar ganz gut sein könnte. Wie oft sich der VfB gegen große Gegner leichter tat als gegen die kleinen Unbequemen, haben wir Jahr ein, Jahr aus, immer wieder erlebt. Die Vorzeichen könnten nicht unterschiedlicher sein. Dringend benötigte Punkte auf der einen Seite, Anpeilen der Champions League auf der anderen Seite. Klare Sache, möchte man da doch eigentlich meinen.

Dass nach langer Zeit mittlerweile nun auch die Mannschaft begriffen hat, worum es geht, durften wir zuletzt ein wenig häufiger erfahren. Jetzt, auf den letzten Metern, drücken sie noch einmal aufs Gaspedal, ein bisschen Benzin ist noch im Tank, da sie bis Mitte der Rückrunde ganz gern mal gemütlich unterwegs waren. Das Selbstvertrauen wächst, die Fans stehen geschlossen hinter der Mannschaft. Das war in dieser Spielzeit nicht immer so.

Nach der Niederlage in Nürnberg begruben die meisten ihre Hoffnungen und beschäftigten sich ernsthaft mit dem Thema Abstieg. Bei mir setzte die frustrierte Phase schon viel früher ein, spätestens nach der Niederlage gegen Berlin war mir klar, dass es hinten raus gewaltig eng werden könnte. Nach zahlreichen weiteren verlorenen Spielen und zwischenzeitlich Platz 17 in der Tabelle gab es nicht mehr viel, was einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte.

Geschlossenheit im Abstiegskampf

Blicke ich zurück auf die kräftezehrenden letzten vier Monate, so kann ich noch immer kaum glauben, was sich hier in den letzten Wochen entwickelt hat. Wir sind in der Kurve zusammen gerückt, medienwirksame Aktionen wir „Kampf bis zum Schluss“, „Alle in Rot nach Gladbach“ sowie „Jetzt weiß-rot!“ lockten jene hinter dem Ofen hervor, die schon mit der Saison und mit dem VfB abgeschlossen hatten. Ein trauriger Zuschauerschnitt von etwa 45.000 bei den Heimspielen und vielen leeren Sitzplätzen zeigte deutlich, wie viele im Ländle zum VfB stehen.

Die Cannstatter Kurve war immer da. Immer motivierend, aber eben manchmal auch kritisch und verzweifelt. Woche für Woche traten die Jungs uns entgegen, zuckten die Schultern, als wollten sie sagen „Was sollen wir denn tun?“. Kämpfen. Wir wollen, dass ihr kämpft. Diese Message kam nicht sofort beim ersten Mal an. Nun ist die Erkenntnis schlussendlich zu dem Letzten durchgesickert. Der Sieg gegen Hamburg war wenig schön anzusehen, der Sieg gegen Freiburg war am Ende ähnlich nervenaufreibend. Mal wieder souverän einen Sieg nach Hause bringen, wäre das nicht schön?

Am Sonntag Mittag starrte ich minutenlang auf das Post-It vor dem Monitor. Es war beim Schreibtisch aufräumen wieder aufgetaucht. Felix notierte hier vor dem Heimspiel gegen Hamburg die letzten Partien und dahinter, wie viele Punkte der VfB wohl holen würde. Drei mal lag er richtig, zwei mal lag er daneben. Drei Punkte prognostizierte er für die Partie gegen Schalke. So viel Optimismus hätte ich auch gerne. Unruhig lief ich in der Wohnung umher, so unheimlich wichtig wäre nach den Ergebnissen des Vortages, dass wir die Gunst der Stunde nutzen.

In Reih und Glied

Kameras: check. Batterien: check. Speicherkarten: check. Geldbörsen mit Dauerkarten: check. Handys: check. Trinkpäckchen: check. Drei Punkte: auf der ToDo-Liste. Wir waren früh dran, als wir gegen um drei das Haus verließen und zum Stadion pilgerten. Es war recht still, das Gros der Fans vergnügte sich auf dem am Samstag eröffneten Frühlingsfest, die meisten anderen trudelten erst danach ein. Dem angekündigten Fanspalier wollte ich natürlich gerne beiwohnen und das eine oder andere tolle Motiv einfangen. Viele Kinder und Eltern, überall Schals und Fahnen, in Reih und Glied standen viele schon da vor dem Tor vor der Haupttribüne.

Für 15:45 Uhr war die Ankunft des Busses angekündigt. Weit und breit war nichts von dem großen Gefährt zu sehen, mit über einer Viertelstunde Verspätung trudelten sie dann in Schneckentempo ein, die Fans standen Spalier, applaudierten, zeigten ihr Schals, sangen und schrien, auf dass den Jungs noch einmal klar wird, dass wir hinter ihnen stehen. Als der Bus durch das Tor fuhr, verflüchtigte sich die Versammlung recht schnell, auch ich machte mich alsbald auf den Weg zum Block.

Die Sonne schien auf den Rasen und tauchte auch die Gegentribüne und den Gästeblock in grelles Licht. Da bin ich ganz dankbar drum, bei den Stunden, die man im Block verbringt, nicht sprichwörtlich gebraten zu werden. Viele Blaue konnte ich im Eck schon sichten, in den Blöcken daneben sowie auf der Haupttribüne hatten sie sich ebenfalls breit gemacht. Mit hohen Ansprüchen sind sie angereist, sie wollen in die Champions League, während wir einfach nur überleben wollen. Wem würde es gelingen, sich durchzusetzen?

Die Patzer der Konkurrenz

Weiße und rote Papptafeln waren bereits zwischen die Stufen des Stehblocks gesteckt worden, eine erneute Choreo, um unserer Liebe und unseren Rückhalt in dieser schweren Zeit ein weiteres Mal Ausdruck zu verleihen. Um mich herum schauten viele auf ihr Smartphone, das Spiel der Nürnberger gegen Leverkusen lief noch. Meine letzte Info war ein Zwischenstand von 1:1, bald folgte das zweite Tor der Werkself. Wie sehr uns eine Niederlage der Franken doch in die Karten spielen würde, war jedem bewusst. Bremen und Freiburg waren uneinholbar enteilt. Die letzten Vier dürfen es nun unter sich ausmachen.

Nur zäh wollte die Zeit vergehen, bis es endlich losgehen würde. Die Stehblöcke füllten sich, und auf den Tribünen wurden leere Lücken schon bald geschlossen. Nervös stand ich nun da, versuchte immer wieder verzweifelt, die Kicker-App zu öffnen, doch das Handynetz im Stadion ist seit jeher zu eigentlich nichts zu gebrauchen. Erleichterung machte sich breit, als das dritte Leverkusener Tor vermeldet wurde. Kurz vor Anpfiff gab es noch gestikulierende Handzeichen. Mein bester Freund streckte mir vom Nachbarblock vier Finger entgegen. Das Ding war durch und damit klar, dass alle Konkurrenten verloren haben.

Einigkeit bestand aber schnell darin, dass uns das nichts bringen würde, wenn wir nicht in der Lage wären, das eiskalt auszunutzen. Die letzten Minuten waren angebrochen, die Papptafeln wurden langsam zur Hand genommen und der Countdown eingeläutet. Ein weiteres Mal Gänsehaut, ein weiteres Mal eine große Herausforderung, aus 1,59 Metern Körpergröße etwas Brauchbares zu machen. Motto der Choreo: \“Aller guten Dinge sind drei \“ Niemals 2. Liga!\“

Der Lieblingsgegner ist zu Gast

Als im hohen Bogen die Überreste der Choreo zu kleinen Papierbällen zerdrückt nach vorne flogen, waren die Mannschaften bereits eingelaufen. Wie entspannt das Duell doch wäre, wenn man nicht auf die Tabelle schauen müsste, sondern sich einfach nur darauf verlassen könnte, dass hier und heute unser Lieblingsgegner zu Gast war. Gegen niemanden sonst hat der VfB in der Bundesliga so oft gewinnen können wie gegen Königsblau.

Eine Statistik, die gerne an diesem 31. Spieltag ausgebaut werden darf. Doch dass wie immer Druck und Nerven eine große Rollen spielen, macht die Situation so unheimlich angespannt. Mit der Platzwahl wechselten sie die Seiten \“ ein Omen für einen unerwarteten Rollentausch? Noch konnten wir ja nicht ahnen, was uns erwarten würde. Mit dem Wissen, dass es gut ging, und dass es bis auf lapidare Nebenkriegsschauplätze nichts gab, woran man sich hätte stören können, sitze ich nun vor dem heimischen Rechner, lächele wissend und lasse meine Finger über die Tastatur fliegen.

Nach wenigen Sekunden lag der erste Schalker schon am Boden, so ists recht, kämpft, beißt, grätscht, reißt euch den Allerwertesten auf, es geht doch um so verdammt viel. Sie taten sich schwer in den ersten Minuten, nur wenig machte Hoffnung, dass der Spielverlauf einen anderen Weg einschlagen würde, als jenen, den man bei einer solch offenbar nicht zu unterschätzenden Partie erwartet hatte. Laut und leidenschaftlich sang und hüpfte die Kurve im Takt, als hätte es das dunkle Kapitel der Abstiegsangst nie in dieser Saison gegeben.

Führung aus dem Nichts

Noch hielt die Abwehr, aber Schalke wurde stärker und erspielte sich mehr Spielanteile. Keine angenehme Beobachtung, die man hier bei etwa 16 Grad machen musste. Eine kampfbetonte Partien mit zahlreichen Fouls und Nicklichkeiten nahm ihren Lauf, gute 20 Minuten waren bisher gespielt. Nur selten gab es Torchancen für die Träger des Brustrings, doch es gibt eben Tage, da musst aus sehr wenig möglichst viel machen. Daniel Didavi, der wie Phönix aus der Asche auferstanden war, stand bereit und pustete die Backen auf, während er Anlauf nahm.

Im nächsten Moment kramte ich in meiner Kameratasche nach einem Taschentuch und musste Bier vom Objektiv meiner Kamera wischen. So richtig gesehen hatte ich es nicht, war es auch weit entfernt vor der Untertürkheimer Kurve. Martin Harnik sei unter der Woche noch beim Frisör gewesen, offenbar brachte es so viel, dass der Ball nun viel leichter über den Kopf ins Tor gleiten wollte. Ralf Fährmann flog, Martin Harnik sprang, das Publikum jubelte. Sowas nennt man dann wohl \“den Spielverlauf auf den Kopf gestellt\“, oder?

Ein kurzer Moment der Freude, doch Obacht! Die letzten Monate sollten genug Warnung sein, jetzt nicht überheblich zu werden. Ein Tor reicht nicht. Auch zwei Tore reichen nicht. Am Ende scheiterte es meist an dem einen Tor, was man nicht mehr geschossen hat und die grausame Kehrseite des Fußballs in den letzten Minuten eiskalt zuschlägt und uns mit leeren Händen zurücklässt.

Das Problem mit der inneren Zerrissenheit

Natürlich war die Führung schön und erfreulich, doch wer jetzt schon mit drei Punkten rechnet, hatte den VfB offenbar zuletzt nicht aktiv verfolgt. Schon jetzt wünsche ich mir, die Erinnerungen an diese Saison schnell wieder zu vergessen, doch ihr kennt mich. Ich vergesse nicht. Nicht mal, wenn ich es wollte.

Über uns leuchtete die Eins auf der Anzeigetafel, ein weiter Weg für die Mannschaft, die schneller Tore schießt als alle anderen Teams, aber auch hinten raus mehr Tore in der Schlussphase kassiert als alle anderen Mitstreiter der Bundesliga. Frühe Führungen nützen gar nichts, wenn sie lediglich Hoffnungen schüren, die am Ende wieder bitter enttäuscht werden.

Nirgendwo sonst birgt eine erfreuliche Führung der eigenen Mannschaft soviel innere Zerrissenheit wie hier am schönen Neckarstrand. Wir wissen sehr gut, warum. Es ist das ewige Hadern mit vergebenen Möglichkeiten, die liegen gelassen wurden, es verpasst wurde, den Sack einfach zu schließen. Spätestens am Ende kommt das Zittern, das galt es um jeden Preis zu vermeiden.

Erneutes Hadern

Puuuuh, verdammte Hacke. Das war schon schön anzusehen, was Leon Goretzka da machte, schöne Ballannahme mit dem Rücken zum Tor, Fallrückzieher… Zu unserem Glück mit zu viel Rücklage. Aufwachen, Leute, nicht nachlassen! Unvermindert kam der Support aus den Reihen hinter Sven Ulreich, wir peitschten sie nach vorne, mit einem lauten Zisch schienen wir Ibrahima Traoré nach vorne zu schicken, toller Pass auf den mitgelaufenen Cacau, der nur noch den Fuß hinhalten musste.

Überall sprangen die VfB-Fans auf, streckten bereits die Jubelfaust in die Luft, das muss doch das 2:0 sein! Oh Gott! Nein! Nein! Nein Nein Nein! Wieder eine Großchance nicht verwertet. Bitte nicht schon wieder Chancen am Fließband und am Ende die Punkte durch die Hände sickern lassen. Bitte nicht mehr, bitte nicht heute, man kann es sich einfach nicht mehr leisten. Noch war genug Zeit. Aber die Psyche, ihr wisst schon.

Trotz aller Angst (oder vielmehr: meiner ganz persönlichen Angst) davor, dass sich vergebene Chancen am Ende meist rächen, musste man den Jungs eines doch lassen: sie machten das bisher schon richtig gut. Gegen Dortmund brachte eine enorme Leistungssteigerung noch keine Punkte, in Gladbach scheiterte man wieder mal am persönlichen Pech und nun ließ man ein weiteres Mal nicht erkennen, in welche punktemäßigen Bedrängnis man am unteren Tabellenende festhängt.

Nur nicht nachlassen

Wo sonst das Selbstvertrauen enorm ansteigt und man sich seiner Sache sicher sein kann, wusste man hier mit der knappen Führung noch nicht so recht etwas anzufangen. Ein Sieg muss her, und wenn das entscheidende Tor auch mal zu unseren Gunsten am Ende fällt. In der Pause blickte ich in angespannte Gesichter, \“Jetzt bloß nicht nachlassen\“ war die Meinung der meisten, die ich angesprochen hatte, und auch jener, deren Meinung ich ohne Nachfragen zu Ohr bekam.

Ewig lang fummelte ich an meinem Tetra Pak mit pappsüßem Pfirsich-Eistee herum, die Alufolie wollte einfach nicht aufgehen, bis ich mit dem Fingernagel ein wenig nachhelfen musste. So ähnlich ist es wohl auch mit den VfB-Toren. Geschenkt bekommt man nichts, manchmal muss man eben nachhelfen und das Glück erzwingen.

Was so leicht daher gesagt ist, ist die eine Sache, auf dem Platz möchte ich jedoch nicht stehen und den Druck einer ganzen Region auf meinen Schultern lasten haben. Begleitet von 40.000 im Vorfeld verteilten VfB-Fähnchen betraten sie wieder das Feld, auf geht’s in den zweiten Durchgang. Nun spielten sie in Richtung Cannstatter Kurve, angetrieben von jenen Unentwegten, die ihrem Verein überall hin folgen würden, ohne auch nur eine Frage nach dem \“Warum\“ zu stellen.

Ernüchternde Spielstatistik

\“Wir wollen Stuttgart, wir wollen Stuttgart, wir wollen Stuttgart, siegen sehen, oh wie wär das, oh wie wär das, oh wie wär das, wunderschön\“ – nur wenige andere Lieder spiegeln so sehr das wieder, wonach sich der leidgeprüfte VfBler so schmerzhaft sehnt. Es sind nicht die schönen oder spektakulären Spiele, die wir sehen wollen, wir wollen nur eines: Punkte, und zwar so viele wie möglich.

Wie gut, dass im Neckarstadion außer den Toren, Ecken und Auswechslungen keine Spielstatistiken eingeblendet werden. Unter 60% Passgenauigkeit bei unserer Mannschaft, über 80% bei den Gästen aus Gelsenkirchen. Soll uns am Ende nicht interessieren, wenn es denn nach 90 plus X Minuten trotzdem reicht. Ein weiteres Mal wurde Schalke ein wenig präsenter und versuchte, Zugriff zu finden auf das Spiel, das ihnen nach gut 20 Minuten zu unseren Gunsten entglitten war.

Stetig hoffte man, das zweite Tor würde folgen, bevor die Knappen auf die Idee kommen, am aktiven Spielgeschehen teilzunehmen und womöglich den Ausgleich zu machen. Unscheinbar kam er daher, der Ballgewinn von Christian Gentner, der den Ball gleich weitergab zu Ibrahima Traoré auf der rechten Außenbahn. Dessen Flanke in den Strafraum wurde länger. Und länger. Und immer länger.

Nachgelegt!

Das letzte, was ich sah, war, wie sich Cacau im Duell mit Tim Hoogland, der in der letzten Saison selbst das VfB-Trikot trug, hochgeschraubt hatte und mit seinem wenig behaarten Kopf zuletzt dran war. Was sich danach vor den Köpfen zahlreicher groß gewachsener Menschen abspielte, musste ich ein weiteres Mal meinem Hörvermögen überlassen. Ich hätte das Bier ja lieber selbst getrunken. Aber sei es drum, im Haar, auf der Jacke, auf der Hosen, von mir aus, ist mir sowieso egal.

Bisher läufts doch ganz gut! Erneut fand ich mich wieder in einem weiß-roten Jubeltaumel, ballte die Faust und schnaufte tief durch. Doch auch dieses Mal wollte sich die grenzenlose Freude und vor allem die Erleichterung, noch nicht breit machen. Wir führten auch mit zwei Toren gegen Dortmund, verloren am Ende aber trotzdem. Endlich mal für ein starkes Spiel belohnen, das wäre doch mal Etwas.

Warum nicht immer so? Immer weiter, immer lauter, immer mehr, trotz aller anzuratender Vorsicht war die Geräuschkulisse da. Auch auf der Haupttribüne machten sie mit, auf den letzten Metern schaffen wir es sogar, die Gräben zuzuschütten und gemeinsam für das zu kämpfen, was hoffentlich spätestens am Ende des 33. Spieltags perfekt ist: der Klassenerhalt.

Gotoku Sakai, unsre Nummer Zwei, Gotoku Sakai, fehlerfrei…

\“Hier regiert der VfB\“ hallte es durchs Stadion, als Gotoku Sakai vor der Haupttribüne zum Einwurf antrat. Man spürte: hier geht noch was! Er warf den Ball zu Cacau, der ihn direkt in den Lauf des jungen Japaners zurückspielte. An gewöhnlichen Tagen geht so eine Aktion ungenutzt ins Toraus und es gibt Abstoß für den gegnerischen Torwart. Aber heute war kein gewöhnlicher Tag. Wieder zurück in den Strafraum, nahezu blind gespielt, nur getrieben von der Hoffnung, irgendwer würde schon dastehen.

So schnell konnte ich gar nicht schauen, mit der Vorlage von Gotoku Sakai baute sich vor mir eine undurchdringliche Mauer auf. Warte… Hören… Einen Moment noch… JAAAAAAAAAA! Vorsorglich bückte ich mich schützend über meine Kamera, bevor sich der nächste Schwall Gerstensaft über mich ergießen konnte. Wieder war es Martin Harnik, der die Pille volley draufdrosch und unhaltbar in den Maschen versenkte.

Ich glaub das nicht. Träum ich oder wach ich? Holger Laser kreischte geradezu in sein Mikrofon, die Zuschauer antworteten: Stuttgart? DREI! Schalke? NULL! Und das ist auch? Gut so! Himmel hilf, das darf jetzt definitiv nicht mehr schief gehen. Wohin mit den Emotionen, wenn man sich doch eigentlich selbst verboten hat, sich vor dem Abpfiff über sicher geglaubte drei Punkte zu freuen. Irgendwo zwischen erleichterter Freude, doch noch immer mit dem Gefühl der Vorsicht im Hinterkopf.

Drei zu Null \“ reicht doch, oder?

Freudig und ausgelassen feierte die Kurve in einem wilden Pogo, dazu die Aussicht auf die Anzeigetafel, tolle Stimmung, tolle Mannschaftsleistung, an Tagen wie diesen bist du nicht sicher, ob du nicht jeden Moment aus einem wunderschönen Traum aufwachst und dich am Morgen des Spieltags wiederfindest, mit den selben Ängsten, die dich schon seit Wochen nicht loslassen wollen. Wie kann man mit so einer starken Leistung gegen den Abstieg kämpfen?

Der Gästeblock war verstummt. Oft waren wir auch in der Situation, dass binnen weniger Minuten jegliche Hoffnung auf einen Punktgewinn gestorben war. \“Zweite Liga, niemals, niemals niemals!\“, so laut wie wir nur konnten, dieses Gefühl der großzügigen Führung, es löste weitere Blockaden und setzte neue Kräfte frei, die wir mit Sicherheit noch gut gebrauchen können.

Über 20 Minuten galt es, das irgendwie über die Zeit zu bringen. Niemand wollte so recht daran glauben, dass hier sogar noch das vierte Tor fällt. Dass es ohne Zittern beim VfB offenbar gar nicht geht, ist eine traurige Gewissheit. Adam Szalai traf in der 69. Minute zum 3:1-Anschluss. Schlagartig zuckte jeder im Stadion zusammen, gut zu beobachten um mich herum. Wo vorher jeder sang und hüpfte, verharrten sie nun und starrten wortlos aufs Spielfeld hinaus.

Das große Zittern

Jeder andere hätte vermutlich mit den Schultern gezuckt und sich gedacht: \“Nicht mehr als Ergebniskosmetik\“, doch wir wissen nur allzu gut, wie fatal das sein kann. Sie zitterten und wackelten, der Anschlusstreffer hatte die müden Schalker Beine geweckt. Tim Hoogland stand stand zu einem Eckball bereit. Jetzt bloß nicht das 3:2 kassieren, dann brennt hier wieder der Baum und die so klar verdienten Punkte sind womöglich wieder den Bach runter. Auf einmal lag der Ball im Tor, hunderte Schalker riss es von den Plätzen.

Schock! Doch dann der Blick zum Linienrichter, die Fahne war oben. Abgepfiffen! Das Tor zählt nicht! Aber warum? Abseits? Nein, das war es nicht. Offenbar war der Ball bei der Flugkurve in den Strafraum bereits hinter der Torauslinie. Es wäre der Supergau gewesen. Nun hätte man lange suchen müssen nach eben jenen, die sich dann noch des Sieges sicher gewesen wären. Im Gegenzug scheiterte Martin Harnik an seinem dritten Tor und ließ die Verzweiflung in der Schlussphase immer größer werden.

Nur noch zehn Minuten. Der Arbeitstag von Daniel Didavi war zu Ende, mit stehenden Ovationen von den Rängen verließ er das Feld und machte Platz für Alexandru Maxim. Jetzt noch ein 4:1, das wär doch etwas wirklich Feines. Ausreichend Offensivkraft stand ja ohnehin auf dem Feld. Der Gedanke, ein ganzes Spiel lang freiwillig auf einen spielberechtigten Vedad Ibisevic zu verzichten, wäre noch vor einigen wenigen Wochen untragbar gewesen, durch Lustlosigkeit hatte er sich es aber selbst zuzuschreiben.

Alleine vor dem Tor

Solange er hinten die Gegentore verhindert, ist sein Job eigentlich getan. Was Gotoku Sakai hier aber an Offensivkraft mit einbrachte, ließ uns schon mitunter ein wenig die Augen reiben. Alleine vor Ralf Fährmann. \“Was mach ich jetzt mit dem Ball? Ich bin doch gar kein Stürmer\“ schien er in diesem Augenblick zu denken. Ein Vollblutstürmer hätte den Torwart getunnelt oder ihn überlupft. Womöglich zu viel verlangt von einem, der so oft schon mit dem Verhindern von Toren überfordert scheint. Grinsend schaute ich rüber in den Nachbarblock und summte leise ihr Lied.

Alles warf Schalke nun in die Waagschale, und wo die sonst so konsequente Abwehr scheiterte, war Sven Ulreich zur Stelle. So viel Spannung, wie der VfB in den letzten Minuten seinen Anhängern zumutet, geht wahrlich auf keine Kuhhaut mehr. Zittern und Bangen, bis zum Ende. Der Blick zur Uhr. Nur noch wenige Minuten, dann hätten wir es geschafft. Vorne stand die Drei, hinten die Eins. Alles gut \“ zumindest für den Moment.

Noch einmal eine Doppelchance durch die Schalker, um Himmels Willen, hier kann man ja nicht mehr zuschauen! Kommt schon Jungs, ihr könnt das schaffen, aber dazu müsst ihr euch jetzt zusammenreißen. Was ich vermutet hatte, offenbarte sich schließlich auch auf der Anzeigetafel: Ausverkauftes Haus. Die offizielle Spielzeit war schon fast abgelaufen. Erst jetzt traute ich mich, mich mit einem Sieg des VfB \“abzufinden\“. Hier brennt nun nichts mehr an.

Mit letzter Kraft

Günter Perl ließ sich jedoch großzügig Zeit, was das Abpfeifen der dreiminüten Nachspielzeit anging. Flehendes Warten auf den erlösenden Pfiff. Schwer zu beurteilen, ob er überzogen hatte, fehlt es im Neckarstadion doch an einer Anzeige der restlichen Minuten und Sekunden während der Nachspielzeit. Ein zaghaftes \“Oh wie ist das schön\“ machte die Runde, doch entlud sich all der Jubel erst, als es um etwa 19:25 Uhr überstanden war. Aus, aus, aus, das Spiel ist aus!

Im ersten Moment fehlten die Worte, die Wichtigkeit dieses Sieges zu beschreiben. Es war nur eines: Erleichterung. Begleitet von einem grenzenlosen Jubel, ein wunderbares Spiel gesehen zu haben und nicht einfach bloßes Glück oder grässliches Gegurke zum Punktgewinn gekommen zu sein. Ein wenig Glück war natürlich auch hier mit dabei, dem guten Auge des Linienrichters sei Dank. Nicht auszudenken, wie es auch hätte laufen können, wenn dem Treffer die Anerkennung nicht verwehrt worden wäre.

Das alles interessierte jetzt nicht mehr. Hier standen wir, und freuten uns über die womöglich entscheidenden Punkte im Abstiegskampf, ein richtungsweisender Sieg, den man, wenn man ehrlich ist, so nicht unbedingt auf dem Zettel haben musste. Um mich herum nur strahlende Gesichter und ein steigender Geräuschpegel mit jedem Meter, den die Mannschaft auf dem Weg zur Cannstatter Kurve zurücklegen musste. Kommt, wir wollen mit euch feiern!

Nicht ausruhen, nachlegen!

Darauf haben wir so verdammt lange warten müssen. Lauter Applaus, aber auch wildes Gestikulieren alá \“Nicht nachlassen, weitermachen, in Hannover nachlegen!\“. Eine Welle, wie gut das doch tat. Wenn sie doch jetzt nachlegen würden, direkt am Freitagabend in Niedersachsen, dazu noch ein bisschen Schützenhilfe der Konkurrenz und schon könnte man am Wochenende den Klassenerhalt feiern. Wie gut der Sieg auch tat, wie sehr wir uns auch darüber freuten, so sollte doch erst gefeiert werden, wenn es tatsächlich überstanden ist.

Einige Zeit später, als sich der Block schon halb geleert hatte, erhaschte mich Felix. \“Na, was stand auf dem Zettel?\“ fragte er mich, natürlich in einer Tonlage, die nur eine Antwort zuließ: er wollte Recht bekommen. Und er bekam es auch. Drei Punkte standen auf dem Post-It, was ich vor einigen Stunden noch hilflos angestarrt hatte. Ein weiteres Mal dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis der Rausschmeißtrupp uns zum Gehen zwang und wir mit einem breiten Grinsen nach Hause laufen konnten.

Hinter dem Tunnel trennten sich wie üblich die Wege. Beladen mit drei Kameras, zwei Stadionzeitungen und einem Schlüssel machte ich mich auf dem Weg nach Hause, wo ich noch bis in die späten Abendstunden mit den Fotos beschäftigt war. Es tat so unheimlich gut, zu wissen, dass sie es heute spielerisch gelöst haben und dadurch neues Selbstvertrauen tanken können. Die Leistungssteigerung der letzten Wochen ist somit wahrlich keine Einzelerscheinung.

Ein hoffnungsvoller Ausblick

Vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, fünf Punkte Vorsprung auf den direkten Abstiegsplatz. Ein ansehnliches Polster, doch noch ist nichts erreicht. Erst dann, wenn auch der Relegationsplatz so weit entfernt ist, dass man nicht fürchten muss, eine Ehrenrunde drehen zu müssen, ja, erst dann werde ich mich zurück lehnen und den Klassenerhalt freuen. Zu oft hat mich die Mannschaft schon enttäuscht, dass ich ihnen noch nicht erreichte Punkte schon vorab zuschreiben möchte, zu viel ist passiert.

Immer wieder riss es mich vom Rechner weg, Daniel Didavi war am Abend zu Gast bei Sport im Dritten, auch Auszüge aus dem Spiel waren zu sehen, die man natürlich nicht verpassen wollte. Viel zu häufig wollte man da am liebsten gekränkt wegschauen und nicht daran denken, was man wieder hatte miterleben müssen. Die Saison neigt sich dem Ende, ob das Polster am Ende reicht, wird sich womöglich schon am nächsten Wochenende offenbaren.

In München nicht mehr punkten zu müssen und auch vor den Wolfsburgern nicht zittern zu müssen, es wäre die ideale Situation für die letzten beiden Spieltage. Noch hat man es selbst in der Hand, doch halte ich alleine den weitläufige Gedanken, die Konkurrenz sei schlichtweg zu schlecht, für zu einfach. Ein Schlusswort an meine Freunde aus der Kurve: Wir haben schon viel erlebt, haben gejubelt und auch in dieser Spielzeit so unzählige Male gelitten. Bald haben wir es geschafft, lasst uns diese letzten Meter zusammengehen, voller Leidenschaft und Wille. Kampf bis zum Schluss. Wir sehen uns in Hannover.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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