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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Das Licht in der dunkelsten Stunde

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Ein Schauer jagt mir über den Rücken. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Der Kloß in meinem Hals wird größer. Jedes Mal, wenn ich das Bild sehe, wie der große junge Blonde in den Armen eines Fans versinkt, vermögen auch mir die Tränen zu kommen. Es war die eine Szene, die von der Partie gegen Dortmund die emotionalste war. Eine spontane Geste des liebevollen Trosts, in einer Zeit, in der Frust und Verzweiflung unsere Emotionen beherrschen.

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Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich das einschätzen soll. Um zu hören, was nach der bitteren Niederlage vor der Cannstatter Kurve gesprochen wurde, war ich einfach zu weit weg und ein Opfer meines Handicaps, mit einer lädierten Achillessehne keine Mauer hinunter springen zu können (oder zu wollen). Manche sagen, es war das richtige Zeichen und ein Mutmacher für beide Seiten – andere sagen, die Reaktion der Kurve sei überzogen und letztendlich viel zu freundlich gewesen.

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Was bleibt, sind die gesprochenen Worte der zaghaften Zuversicht, und ein Foto, das zu Tränen rührt. Zum Ersten Mal seit langer Zeit konnte man spüren, dass es ihnen (zumindest nicht allen) scheißegal ist, wie das Schicksal des VfB am Ende der Saison aussehen würde. Ein hochemotionaler Moment, ob man nun hörte, was die Spieler sagten, oder eben nicht. Wie wir das definieren, bleibt jedem selbst überlassen. Man möchte fast sagen „Die Mannschaft lebt“ – eine durchaus paradoxe Aussage beim Blick auf eine nahezu leblose Mannschaft.

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Das Ringen um Hoffnung

Man möchte fast von einem „Sturzflug“ schreiben, doch noch tiefer können wir nicht fallen. Seit drei Wochen auf Platz 18, ohne wirkliche Aussicht auf Besserung. Sah es vor drei Wochen zumindest noch soweit entspannt aus, weil die Konkurrenz nur wenige Punkte entfernt oder gar punktgleich war, hat sich die Situation an den vergangenen beiden Spieltagen dramatisch verschärft. Zwei perfekte Spieltage der Konkurrenz hintereinander, während der VfB jeweils gegen die Bayern und gegen Hoffenheim verlor. Und auf einmal siehst du ihn, diesen bedrohlichen Abstand, der sich da auftut.

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Ist denn irgendjemand ernsthaft von einem Punktgewinn gegen die wiedererstarkten Dortmunder ausgegangen? Gewinnen müsste man seit Wochen jedes Spiel, denn der Ernst der Lage sollte jedem im Verein und auf den Rängen bewusst geworden sein. Wäre da nur nicht die Harmlosigkeit in der Offensive und ein monatelanger anhaltender Torfluch. Das letzte Mal, dass zumindest eines der Tore im Neckarstadion wie vernagelt war, war im Jahre 2009: Seit dem Abriss der Untertürkheimer Kurve gelang der erste Treffer ins Horror-Tor erst ein halbes Jahr später im Dezember. Ein Spiel, welches nicht nur aufgrund dieses Umstands in Erinnerung geblieben ist.

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Es war die Angst, die mich seit Tagen begleitet hatte. Die Niederlage in letzter Sekunde bei den ungeliebten Kraichgauern hatte ihre bitteren Spuren hinterlassen. Wie sollte man denn nun noch an die Wende glauben können? Wie sollte man Hoffnung schöpfen können, wenn nichts auf dem Feld funktioniert? Wie sollte man den Kopf oben halten können, wenn die Verzweiflung einen nach unten zieht? Uns allen ist schmerzlich bewusst, wie dunkel es aussieht. Ob wir entgegen aller Prognosen doch noch die Wende bekommen, steht in den Sternen.

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Die Angst im Nacken

Mit leichtem Gepäck lief ich in den frühen Morgenstunden am Freitag zum Bahnhof Bad Cannstatt. Mein Herz schlug schneller als gewöhnlich, den Gedanken an das Flutlichtspiel konnte ich nicht abschütteln. In meiner Tragetasche hatte ich meine Stiefel dabei, mein Mittagessen, ein zusätzliches langärmliges Oberteil, eine Thermo-Strumpfhose und den Schal, den ich bei meinem ersten VfB-Spiel einst in Berlin gekauft hatte. Und da war da noch ein Seidenschal, den wir alle noch zu gut kennen. Der, der mittig gefaltet das preisgibt, das uns schlimmstenfalls drohen könnte: „2. Liga!“.

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Wie wichtig doch die Wende ist, je schneller, desto besser. Da kam uns nur leider Dortmunds Erwachen ein paar wenige Wochen zu früh, denn vor einigen Wochen wären sie vielleicht… Doch, was rede ich denn. Wie gerne wir da doch den Befreiungsschlag gegen die Schwarz-Gelben gesehen hätten, der Glaube daran hielt sich jedoch in Grenzen. Wer sich nicht schon damit abgefunden hat, klammert sich an die kleinsten Strohhalme. Man hat ja immerhin früher schon einmal gegen Dortmund gepunktet. Früher. Wo alles besser war.

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Das ungute Gefühl saß mir im Nacken, immer wieder ging der Blick zur Uhr. Noch fünf Stunden bis zum Anpfiff. Noch vier. Noch drei. Mit Sorge betrat ich die S-Bahn, die mich vom Arbeitsort in Renningen nach Stuttgart bringen sollte. Es stiegen an jeder Station gefühlt mehr BVB-Fans ein als jene, die sich in Weiß-Rot zu erkennen gaben. Wie schon zwei Wochen zuvor gegen die Bayern sollte das Stadion ausverkauft sein. Mir schwante bereits Böses.

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Unter Flutlicht

Spannung lag in der Luft, als Felix und ich das Stadion erreichten, das erste Flutlichtspiel seit jenem bitteren Abend gegen die Bayern vor über einem Jahr, ebenfalls stellvertretend für Vedad Ibisevics bisher letztem Tor. Es war keine positive Spannung, jeder wusste, worum es ging, doch keiner wollte es aussprechen. Den Bock umzustoßen hatten wohl die wenigsten erwartet, doch die meisten insgeheim erhofft. Auch ich ersehnte dieses Wunder, das einzige, das uns jetzt noch retten könnte.

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Es war fast schon merkwürdig, mal wieder an einem Freitagabend zu spielen. Natürlich hat das auch seine Vorteile, dass man ein ganzes Wochenende zur freien Verfügung hat und etwas unternehmen kann. Die Kehrseite der Medaille: das Wochenende ist schon früh ruiniert, wenn der VfB die Pläne für zwei entspannte Tage durchkreuzt. Ein mit viel zu viel Ketchup vollgestopftes Leberkäsbrötle und die neue Ausgabe des Cannstatter Blättle in der einen Hand und mit meinem Geldbeutel und der Dauerkarte in der anderen Hand lief ich schließlich langsam die Treppen hinunter, ließ meinen Blick schweifen, so wie ich es jedes Mal tue.

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Hier zu stehen ist schon lange kein besonders angenehmes Gefühl mehr, jedes Mal kriecht diese latente Sorge in mir hoch, es würde wohl doch wieder nicht für einen Sieg reichen. Das ist es genau das, was wir brauchen, das einzige, was uns weiterhilft. Die Reihen füllten sich, und wie zu erwarten war: viele Dortmunder, die sich auf den Rängen breit gemacht hatten, viele vereinzelt oder zu zweit, doch einige auch in ganzen Gruppen. Auf der Untertürkheimer Kurve, auf der Gegentribüne, auf der Haupttribüne. Im Gegensatz zum Bayernspiel konnte man sie hier schon vor dem Torjubel gut erkennen. Bis zum Rand der Cannstatter Kurve saßen sie. Es roch nach Ärger.

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Klare Ansagen

Den halben Sonn-, äh, Samstag über, sitze ich nun hier und formuliere diese Zeilen. Es ist bereits spät Abends, doch der Vormittag beim IKEA in Ludwigsburg floss „leider“ nicht in meine Berichterstattung ein. Viele Gespräche habe ich heute geführt, wie jene emotionale Minuten nach dem Abpfiff denn einzuordnen seien, was das alles denn nun zu bedeuten habe, oder auch nicht. War ich gestern Abend auf dem geknickten Marsch nach Hause noch voller Frust, denke ich 24 Stunden später doch ein wenig lichter auf die Angelegenheit. Ob es etwas bewirkt hat, wird nur das nächste Spiel in Hannover zeigen können.

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Abertausende von Borussen, zusammengepfercht im Gästeblock auf der anderen Seite des Stadions. Ein Anblick, der einen schon ein wenig erschaudern lässt, sind die Duelle gegen Dortmund doch nicht nur aus sportlicher Sicht die meist attraktiveren, auch auf den Rängen duellieren wir uns nur all zu gern. Wer hatte denn ahnen können, dass diese Partie, die vor Jahren noch als Top-Spiel und Augenschmaus galt, heute ein tabellarischer Abstiegsfight sein würde. Dortmund hatte die Kurve schon vor dieser Partie gekriegt und war auf dem Weg zu alter Stärke – eine beunruhigende Beobachtung der letzten Wochen.

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Die Marschrichtung der Cannstatter Kurve war klar, deutlich formuliert auf einem großen 2-teiligen Transparent: „Wadenkrampf und Bluterguss – statt Selfie-Scheiß im Mannschaftsbus“. Wie die Fans reagieren würden, stand von vornherein im Raum. Der Gedanke an mögliche Konsequenzen ließ mich nicht los, als Deniz Aytekin um etwa 20:27 Uhr die Mannschaften aufs Spielfeld führte. Die letzten Reihen hatten sich gefüllt, vor 60.000 Zuschauern (wobei diese Zahl wegen der grundsätzlich immer mit eingerechneten Dauerkarten nicht unbedingt richtig ist) fing er also an, der 22. Spieltag.

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Freud und Leid

Den Willen konnte man ihnen auch in dieser Partie nicht absprechen, der forsche und mutige Beginn ließ hoffen. Doch sie brauchten nicht lange, die Gäste aus dem Ruhrpott, um erstmals vor Sven Ulreich aufzutauchen. Im Gegensatz zum VfB hatten sie den Bock umgestoßen, die Punkte geholt und das Selbstvertrauen getankt, dass uns zuletzt deutlich abging. Es sind die ungeschriebenen und unerklärlichen Mechanismen des Fußballs, dass du mit der gleichen Mannschaft ganz anders auftrittst, wenn du entweder drei Spiele gewonnen oder drei Spiele verloren hast.

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Wir wissen, wie nah Freud und Leid aneinander liegen können, und alleine die Tatsache, dass Dortmund vor drei Wochen noch zu unseren unmittelbaren Konkurrenten zählte und nun einen riesigen Sprung gemacht hat, könnte einem ein Lichtblick sein. Die Realität sieht anders aus. Wäre es da nicht umso wichtiger, der Mannschaft zu zeigen, dass wir (beinahe ungeachtet der ausbleibenden Erfolgserlebnisse) für sie da sind, dass wir sie unterstützen und dass wir nichts lieber täten, als die erste Welle seit… ich weiß es nicht einmal mehr?!

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Ein Abseitstor von Pierre-Emerick Aubameyang (ich kopiere mir den Namen jedes einzelne Mal von der VfB-Webseite) schockte uns früh, es war ein erster Vorgeschmack auf das, was folgen würde. Auf der Tribüne sprangen sie auf, doch noch freuten sie sich zu früh. Wir Fans waren da, doch schon lange nicht mehr in jener Intensität, die uns einst so ausgezeichnet hat – fast so, als würde die Verzweiflung der Mannschaft auf uns überspringen. Dabei hatten wir uns doch eine ganz andere Art eines Funkens erhofft.

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Erster Elfmeter nach elf Monaten

Knapp zehn Minuten, nachdem der Linienrichter den gabunisch-französischen Stürmer mit unaussprechlichem Namen zurückgepfiffen hatte, kannte er kein Erbarmen. Huub Stevens‘ oft beschworene Taktik der stabilen Defensive, sie scheiterte, als vier Abwehrspieler (von denen es gefühlt elf Stück auf dem Feld gab) nicht in der Lage waren, ihn aufzuhalten. Der Jubel vor der Cannstatter Kurve, zurück erinnert an jene 2:3-Niederlage nach 2:0-Führung, damals war es Marco Reus, der uns an gleicher Stelle die Zunge rausstreckte. Es trifft einen doppelt bitter.

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Die Kurve war geschockt, doch rappelte sie sich schnell, wir hatten ja schließlich keine Wahl. Wir wussten, dass die meisten Spiele, in denen man in Rückstand geriet, am Ende so oder so verloren wurden. Wie schön es doch wäre, zu wissen, dass es nicht immer automatisch die Niederlage bedeuten muss. Doch dazu müsste der VfB mal ein Tor schießen. Endlich mal wieder zuhause treffen, vor eigener Kulisse, was würden für Dämme brechen.

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Die Trillerpfeife des Unparteiischen riss mich prompt aus jenem Gedankengang. Was war passiert? Ein Weiß-Roter war vor einer von Dortmundern nur so wimmelnden Untertürkheimer Kurve zu Fall gebracht worden, ein lauter Aufschrei, ein zaghafter Jubel. Was zum…? Tatsächlich! Elfmeter! Der erste seit gut elf Monaten, doch wer sollte ihn schießen? Neuzugang Geoffrey Serey Dié, der sein Startelfdebüt bestritt, hatte einen Elfmeter im AfrikaCup-Finale verwandelt. Er? Oder doch jemand anderes?

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Das Hadern mit den Schiedsrichterentscheidungen

Ich konnte nicht erkennen, wer sich den Ball schnappte. Es wäre mir auch egal, solange eine monatelange Leidenszeit der heimischen Torlosigkeit endlich ein Ende haben würde. Neben mir, hinter mir, vor mir, alle standen sie da, mit weit aufgerissenen Augen, die Hände vorm Mund, die Nägel zwischen den Zähnen (oder wahlweise auch das Megaphon). Mein Herz schlug so laut, dass es jemand hätte hören können. Bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte…

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Wir hatten fast schon vergessen, wie sie sich anhört, die Bro Hymn, unsere Tormelodie. In einem einzigartig lautem Aufschrei der Freude erbebte das Stadion, die Last von über fünf torlosen Monaten am Cannstatter Wasen fiel ab. Was hatte man im Vorfeld nicht darüber gesprochen, man würde den Torlos-Rekord der Freiburger einstellen, doch was hatte man andererseits nicht spekuliert, wie befreiend und erfrischend dieses eine kleine Erfolgserlebnis zur rechten Zeit sein könnte. Wir hatten uns geirrt.

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Florian Klein hatte uns erlöst, sein nächstes Tor nach dem Treffer des Tages in Hamburg. Nuri Sahin hatte Georg Niedermeier bei einer aussichtsreichen Einschussposition im Strafraum gefoult. Das Regelwerk des Deutschen Fußballbunds sagt dazu: „Rot und Elfmeter“, eine harte Doppelbestrafung. Der Türke durfte auf dem Feld bleiben. Die Ironie: es war Georg Niedermeier, der beim letzten Heimspiel gegen den BVB eine tragende Rolle hatte. Er foulte im Strafraum, sah rot und der daraufhin verwandelte Elfmeter ließ das Spiel entgleiten. Man sieht sich wohl immer zwei Mal im Leben.

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Nackenschlag

Dass die Dortmunder überhaupt zur Elft weiterspielen konnten, war unverständlich, doch im Nachgang wie immer abgetan als „Tatsachenentscheidung“ – es ist wirklich interessant, wie flexibel die Schiedsrichter doch mitunter bei der Auslegung des Regelwerks sind. Natürlich fühlen wir uns benachteiligt, natürlich war das spielentscheidend, natürlich denkt sich ein Dortmunder Fan natürlich „Heul leise!“. Vielleicht hätten wir das Spiel auch gegen Zehn verloren – vielleicht aber auch nicht. Am Ende nutzte alles Wehklagen nichts. Ilkay Gündogan markierte kurz vor der Halbzeit des 1:2. Es gibt wahrlich schönere Tage.

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Bedröppelt stand ich da und schlürfte in der Halbzeitpause an meiner Capri Sonne. Unzählige Gedanken gingen mir durch den Kopf, an das, was wir bisher sahen, was wohl gerade in der Kabine loswäre und vor allem, was nach dem Spiel folgen würde. Als vor heimischer Kulisse das letzte Tor für den VfB gefallen war, lag man zur Pause hoffnungs- und erbarmungslos mit 0:3 gegen Leverkusen zurück. Die Erinnerung zeigt uns, dass diese Mannschaft zu Unglaublichem imstande ist. Es sind keine anderen Spieler wie einst an diesem sonnigen Tag im Oktober.

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Die Zeiten haben sich geändert. Wir befinden uns im Frühjahr, das Saisonende schon klar im Blick. Zerfahrener könnte die aktuelle Situation kaum sein, was in der Hinrunde noch als Ausrutscher verziehen und lediglich von Pessimisten (wie mir) als böses Vorzeichen gewertet wurde, ist nun zum erbitterten Kampf geworden. Es geht um den Klassenerhalt, um Existenzen, um Finanzen, das Image, es geht darum, die Kurve zu kriegen, und endlich aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Bisher gab es nur eine Seite, die das erkennen konnte: das waren wir Fans.

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Elf Verteidiger – null Tore

Huub Stevens‘ Defensivtaktik und seine Art, die Spieler vor der Partie einzustellen, hat weitreichende Wirkung. Die Qualität in der Abwehr reicht oft nicht aus, die Null zu halten, doch was wir seit einigen Monaten in Sachen Offensive beobachten müssen, bereitet einem Magenschmerzen und Kopfzerbrechen gleichermaßen. Wenn jeder der Spieler dazu angehalten ist, nach hinten zu arbeiten, kommen im ohnehin schon flauen Sturm keine Bälle an, folglich, wenig Torchancen und noch viel weniger Tore.

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Zuletzt konnte man das noch weglächeln mit einem „Dann gewinnen wir eben Auswärts, da sind wir um einiges besser“ – doch auch das lag in den letzten Wochen brach. Wer vorne nichts trifft und hinten ab und zu pennt, der verliert seine Spiele oft knapp, aber in erster Linie regelmäßig. Wie bitter wahr doch die Aussage ist, man verliere lieber einmal mit 0:8 als 8 Mal mit 0:1. Treffender könnte es die Misere des VfB Stuttgart nicht ausdrücken.

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Die zweite Halbzeit bot nichts, worüber ich wirklich viele Worte verlieren kann und will. Zu behäbig, zu langsam, zu sorglos, zu harmlos – einfach nur unverständlich. Es darf bezweifelt werden, ob der Ernst der Lage tatsächlich jedem, der das Trikot mit dem Brustring trägt, klar ist. Manchmal scheint es so, als wären es nur wir Fans, denen der drohende Abstieg an die Substanz geht, denn wir werden auch dann noch da sein, wenn alle Spieler bereits weitergezogen sind.

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Leichtes Spiel für die Gäste

Es war für Dortmund ein leichtes, die Partie nun runter zu spielen, über die Rolle als zu langsamer Nebenläufer kam kein Spieler auf dem Feld hinaus. Ja, Dortmund hat begnadete Spieler, die mit ihrer individuellen Klasse ein Spiel alleine entscheiden können, mit einem besseren Kader ist Dortmund für weitaus höhere Aufgaben bestimmt. Doch darf das eine Ausrede für den ausbleibenden unbedingten Willen sein? Teilweise wie ein Sparringspartner, so feuerten wir sie dennoch an, in dem glauben, es würde etwas bringen, sie würden uns hören, oder besser: uns erhören. Wir wollen nur, dass ihr kämpft – so wie wir Fans auch!

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Man hat schon so viel erlebt, warum nicht ein später Ausgleich? Es wäre immernoch zu wenig, aber stets besser als alle leeren Hände dieser Welt. Ein Tor waren sie uns voraus, die Uhr tickte, die Nerven flatterten, bei uns in der Kurve, bei Jürgen Klopp und auch bei unseren Spielern. Oh, Timo Baumgartl, du tragische Figur. Vergangene Woche der eklatante Fehlpass vor dem Last-Minute-Gegentor, heute der versprungene Ball in den Lauf von Marco Reus. Es war nun endgültig entschieden.

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Auch Ulle konnte nichts mehr machen. Eine Minute vor dem regulären Ende bedankte sich der Nationalspieler artig und ließ alle Schwarz-Gelben im Stadion aufspringen, während die Kurve in die Schockstarre verfiel. Ich bin mir nicht sicher, ob Georg Niedermeiers viel zu später Anschlusstreffer zum 2:3 in der Nachspielzeit so hätte fallen können, wenn es noch 1:2 gestanden hätte, doch war das nun ohnehin irrelevant. Es war zu spät, zu weiteren Chancen kam es nicht mehr. Der VfB hatte genau zwei Chancen im Spiel, und nutzte diese zu 100% aus. Wann konnten wir das zuletzt von unserer Mannschaft behaupten?

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Ein erster Schritt in die richtige Richtung

Die Quittung folgte prompt zum Abpfiff. Die allermeisten der Zuschauer, die sich nach Reus‘ endgültiger Entscheidung noch nicht davon gemacht hatten, pfiffen. Es gab nichts zu Applaudieren, das bekam die Mannschaft auf den ersten Metern entgegen. Ich ahnte schon, was folgen würde: sie würden bis maximal zur Strafraumgrenze kommen und dann zügig den Rückzug mit hängenden Köpfen antreten. Eine schallende Ohrfeige für uns Fans, auch wir wollen Antworten, wir wollen ernst genommen werden und wir wollen einen offenen und ehrlichen Dialog.

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Umso überraschender, wie schnell und zielgerichtet die Spieler dann doch in Richtung Kurve liefen und die ersten über die Bande kletterten. Zum ersten Mal seit langer Zeit machte die Mannschaft den entscheidenden ersten Schritt in unsere Richtung. Sie liefen heute nicht davon – und das alleine nötigte uns schon gewaltigen Respekt ab. Selbst ein Moritz Leitner, der bei seiner Einwechslung übel ausgepfiffen wurde, stellte sich den Fans.

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Sofort stürmten die Fans nach vorne, viele sprangen über die Mauern in den Innenraum und machten sich auf den Weg zu den Spielern, die all ihren Mut für diesen Gang aufbrauchen mussten. Kein Wunder, dass es im Spiel selbst zu mehr nicht gereicht hat. Es folgten weitere lautstarke Unmutsbekundungen, die ich von der Mauer des Blocks 33 aus verfolgte. Wie gerne ich da Mäuschen gespielt hätte, die Angst vorm Achillessehnenriss war dann aber doch größer.

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Emotionale Momente

Wirklich erklären kann ich es nicht: die Pfiffe verstummten und mündeten schließlich in einen lauter werdenden Applaus. Was auch immer da gesprochen wurde, was auch immer am Innenraum vor den Blöcken 34 und 35 vorgefallen sein mag, es hatte die Kraft, jene seltene emotionale Stimmung in die Kurve zu bringen, die so keiner erwarten konnte. Die Stimmung kippte, aber sehr viel anders, als auf den ersten Metern in Richtung Cannstatter Kurve zu erwarten gewesen war.

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All das konnte ich nur in einem sehr begrenzten Rahmen (im wahrsten Sinne des Wortes) verfolgen, zu weit weg, um mitlauschen zu können. Was es auch war, es machte diesen Moment beinahe wichtiger als das Spielgeschehen und alle Phrasen, die in den letzten Wochen ausgesprochen wurden. Das ganze Ausmaß dieses besonderen Moments wurde mir erst im Nachgang bewusst. Langsam liefen die Spieler zurück, hoben die Hände und applaudierten der Cannstatter Kurve, die fast vollumfänglich noch an ihren Plätzen war, kaum einer von uns hatte das Stadion verlassen.

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Georg Niedermeier lief vorbei, mit glasigen Augen biss er sich auf die Lippe, schaute in die Kurve und klopfte sich mit der rechten Hand drei Mal auf das Wappen, das er seit sechs Jahren auf dem Herzen trägt. Es gibt Momente, die bedürfen keines einzigen Wortes, sie stehen für sich in einem einzigartigen Moment, der sowohl für uns treue Gefährten als auch für die verunsicherten Spieler das einzig Wichtige und Richtige war.

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Die Tränen des Timo Baumgartl

Ihm folgte Timo Baumgartl, der lange Zeit weit hinter seinen Kollegen zurückblieb und noch im Strafraum stand, als alle anderen bereits über die Bande geklettert waren. Nur langsam traute er sich heran und ließ sich dann doch davon zu überzeugen, zu uns zu kommen. Ich habe es selbst nicht gesehen, doch die Fotos, die ich gesehen und die Erzählungen, die ich gehört habe, sprechen für sich. Sie bauten ihn auf, dieses Häufchen Elend, dieser bemitleidenswerte junge Bursche, der eine große Karriere noch vor sich hat, dieser lange Schlacks mit blonden Haaren, da stand er da, Tränen rollten ihm über das Gesicht.

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Es sind Momente, in denen wir Fans erkennen, dass wir doch nicht die einzigen sind, denen die sportliche Situation stark zusetzt. In den Arm genommen und getröstet zu werden war die richtige Entscheidung im richtigen Moment, alleine davor ziehe ich vor der Cannstatter Kurve und all jenen, die ihm Worte des Trosts spendeten, meinen imaginären Hut. Wer diesen Moment miterlebt hat, ob er nun selbst im Gespräch war oder nicht, die Meinungen ergeben einen bemerkenswert großen Nenner: das war enorm wichtig für uns alle.

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Man möchte fast sagen, es sei in der dunkelsten Stunde im unerwartetsten Moment etwas zusammengewachsen. Nun sind die Augen auf das Spiel in Hannover gerichtet, in dem sich zeigen wird, ob es reicht, den Bock umzustoßen. Lange grübelte ich, sprach mit Freunden, telefonierte, whatsappte – das alles hat mich in den späten Abendstunden am Tag danach zu der einen Erkenntnis gebracht: Es wird nicht vorbei sein, solange wir noch den kleinsten Funken Hoffnung in uns tragen, mit all der Liebe und Leidenschaft, die manche unserer Spieler in diesem emotionalen Moment vielleicht zum ersten Mal gespürt haben. Für immer Cannstatter Kurve!

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

4 Kommentare

  1. Irgendwie hab ich jedes Mal wenn ich deine Einträge lese Tränchen in den Augen- ich kann mir vorstellen wie es dir Woche für Woche ergeht. Ich hoffe so, dass der VfB es irgendwie da unten rausschafft. Aber die Hoffnung ist fast verloren. Die Geste der Jungs in die Kurve zu kommen war definitiv groß und die Bilder von Baumgartl gehen jeden von uns nach.
    Wie immer ein toller Text von dir. <3

  2. Pingback: Mit leeren Händen | my life. my love. my blog.

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