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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Was soll man dazu noch sagen?

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„Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht Meister werden“ – die Worte meines Kumpels Heinz, an Ironie kaum zu überbieten, trifft es doch den Kern der Sache: wer den Brustring im Herzen und auf dem Trikot trägt, braucht Galgenhumor, sonst sind die Geschehnisse der letzten Wochen, Monate und Jahre nur schwer zu verkraften. Eine Eigenschaft, die ich für mich selbst auch noch erst entdecken muss. Solange wird jede einzelne Niederlage ihre Spuren hinterlassen, und vor allem werden sie Zweifel hervorrufen.

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Es gibt Phasen, da macht Fußball einfach keinen Spaß. Als vor acht Jahren an der gleichen Stelle alles begann, hatte ich nicht ahnen können, worauf ich mich einlassen würde. Nicht einen Gedanken hatte ich daran verschwendet, wie herzzerreißend, aufopfernd und nervenaufreibend dieses Hobby nur sein würde, was es mich Jahre später an Geld, Zeit und Geduld gekostet haben würde und das, was mir am meisten im Leben Spaß bereiten sollte, zur hin und wieder schwersten aller Bürden werden könnte. Ich hatte es nicht geahnt.

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VfB-Fans müssen leidensfähig sein. Das haben mir insbesondere die letzten Jahre bewiesen. Dass ich von einer entspannten Sorglosigkeit und geduldigen Leidensfähigkeit ungefähr so weit entfernt bin wie die Erde vom Mond, sollten meine Freunde und Bekannte mittlerweile zur Genüge wissen. Warum dann nicht einfach den Schalter umlegen und sich fortan nicht mehr die Laune verderben lassen? Weil es einfach nicht so einfach ist. Weder den Schalter umlegen, noch VfB-Fan zu sein. Fußball kann so unheimlich toll sein. Ein bisschen zu oft ist er es für uns nicht.

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Kein Platz für Träumer

Ich träume oft. Ich träume viel. Ich träume von besseren Zeiten und frage mich jeden Tag, wann diese denn endlich wieder an den Neckar zurückkehren. Doch ich schlafe unruhig. Seit Jahren schon, wann immer der VfB Erwartungen weckte und uns Fans doch immer wieder nur enttäuscht zurück gelassen hatte. Ich hätte es besser wissen müssen, sollte man meinen. Wäre ich schon in frühen Jahren meiner Jugend zum Verein für Bewegungsspiele gekommen, ich hätte schon früh jenes Leid kennengelernt, das dem Club anhaftet und seine Anhänger ausbaden lässt.

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Nicht immer ist Fußball so grausam. Was haben wir nicht schon gemeinsam für jene wunderbare Momente erlebt, die uns auf Wolken tanzen ließen, die unsere Herzen vor Leidenschaft sprechen ließen und uns träumen ließen, dass diese tollen Zeiten niemals enden mögen. Fußball war noch nie eine Geschichte des nie versiegenden Erfolgs, es sei denn, man gehört zur Gefolgschaft des FC Bayern München.

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Wir wählten mehr oder weniger bewusst ein Leben mit einem Verein, der seine Anhänger nicht immer erfreuen kann. Weil wir lieben. Weil wir leben. Weil wir hoffen, eines Tages unsere Liebe zurückgezahlt zu bekommen. Was hin und wieder in unvergesslichen Abenden endet, verlangte uns zuletzt doch einiges an Nerven ab. Kein Grund, deswegen den Glauben an das Gute bei der schönsten aller Sportarten zu verlieren. Doch Grund genug, um zu hadern. Jedes Jahr ein bisschen mehr. Wie gut das meinem Seelenheil tut, kann sich jeder von euch selbst ausdenken.

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Bitte übernehmen Sie, Philipp Laux!

Seit Wochen hören wir nichts anderes: „Wir hätten dieses Spiel nicht verlieren müssen“. Immer und immer wieder. Alexander Zorniger, der mit so viel Elan und Optimismus beim VfB seine Arbeit aufgenommen hatte, wirkte zuletzt ziemlich ratlos. Was willst du auch noch dazu sagen, wenn man vier Spiele verliert, die noch vor der Partie als absolut im Rahmen des Machbaren erschienen waren und es nicht allzu schwer hätte sein dürfen, um zumindest das eine oder andere Pünktchen mitzunehmen.

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Unter dem Strich stehen nach nunmehr vier Bundesligaspielen exakt null Punkte. Nichts. Nada. Niente. Einfach null. Wer will mir da übel nehmen, dass meine Unruhe so früh in dieser noch jungen Saison stetig größer wird. Noch ist vieles möglich, noch ist es bei weitem zu früh, die Saison gänzlich abzuschreiben (auch wenn das im Moment des größten Frusts aus meinem Mund anders klingen mag), doch sollte der VfB nicht schnellstens anfangen zu punkten wird das immer mehr zur größten Gefahr, was ich bereits nach dem zweiten Spiel in Hamburg vehement angemahnt hatte: die Psyche.

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Das Selbstbewusstsein, dass so sauer verdient geworden war in den letzten Monaten, es schwindet mehr und mehr. Dabei war es doch nur ein zartes Pflänzchen, dass erst dort gewachsen war, wo man Brachland vermutete, in den letzten Zügen des Abstiegskampfs 2015. Nie wieder wollten wir so etwas erleben, eine Saison im gesicherten Mittelfeld, mehr erwarten wir nicht. Wie die Saison verlaufen wird, vermag niemand von uns zu sagen – womöglich weiß noch nicht einmal der VfB selbst, wo er eigentlich hin will. Er will ja, aber scheinbar kann er (noch) nicht.

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Der Fußball und seine Geschichten

Berlin. Alle Jahre wieder verbunden mit jenem Unbehagen, dass mir noch so fremd erschien, als ich vor über acht Jahren ganz unbefangen in die Hauptstadt fuhr, um mein erstes VfB-Spiel zu besuchen. Fast zwei Jahrzehnte wartete der VfB auf den ersten Auswärtssieg, und nach etlichen Spielen bei der Hertha erlebten wir erst zwei Mal dieses süße Gefühl des Sieges, dass gegen Blau-Weiß stets ein wenig besser schmeckt als so manch andere. 2010 und 2013 brach man mit jener grausamen Statistik voller bitterer Pleiten und demütigender Niederlagen, ich habe schon geng davon erlebt.

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Es sei mir also verziehen, wenn meine Gedanken und Mutmaßungen sich nicht zwangsläufig in Richtung Auswärtssieg orientieren, sondern eher im Gegenteil. Eben weil es die Hertha ist. Eben weil es der VfB ist. Eben weil der Fußball so manchen Treppenwitz der Geschichte zu schreiben vermag. Einer davon hätte die Geschichte von Vedad Ibisevic sein können. Kurz vor Ende der Transferperiode hatte es Robin Dutt geschafft, die größten aller Ladenhüter doch noch an den Mann zu bringen.

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Sein Ziel lautete „Berlin“ und ließ einen nur erahnen, was folgen würde. „Was wäre, wenn er…“ – es hätte die wenigsten überrascht. Mich schon mal gar nicht, dafür kenne ich die Eigenheiten des VfB schon zu gut, für solche Geschichten hat man sich schon immer gerne hergegeben. Und so blieb mir nicht viel mehr übrig als zu warten.

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Über Leipzig nach Berlin

Am frühen Freitagmorgen machten wir uns auf den Weg, der Fernbus als diesmaliges Beförderungsmittel unserer Wahl, da sämtliche Flüge bereits zu teuer waren. Alle Jahre wieder führte uns unser Weg nicht direkt in die Hauptstadt, sondern erst einmal nach Leipzig, in meine alte Heimat, zu meinen Eltern. Erst am Samstagmittag brachen wir auf, mit mehr als einem unguten Gefühl. Nicht nur die Sorge um die dringend benötigten Punkte im Gepäck, sondern auch die Gedanken, die um die Mitnahme unserer Kameras kreisten.

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Eine schwammige Faninfo, widersprüchliche Aussagen von der Fanbetreuung und nochmals Irritation durch einen Anruf bei der Geschäftsstelle, alles andere als geklärte Verhältnisse der Fotos betreffend. Die Tore waren noch verschlossen, als wir dort eintrafen, wo für mich alles begonnen hat. Ich hätte mir nicht träumen lassen, was in den Jahren alles passiert ist. Die Kameras bekam man recht schnell geklärt, alles halb so wild, wie sich am Ende herausstellte. Man hätte sogar darauf verzichten können, zwei weitere Ersatzkameras zu organisieren. Lieber zwei zu viel als eine zu wenig. Fotografen kennen das.

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Nur langsam füllte sich das 74.475 Zuschauer fassende Olympiastadion, immerhin waren noch gut zwei Stunden zu überbrücken. Spätsommerliche Temperaturen versüßten uns die Wartezeit, das hatten wir im September auch schon ganz anders erlebt. Noch war ich entspannt. Mit Betonung auf „Noch“. Papptafeln wurden verteilt und eine bemalte Blockfahne wurde hineingetragen, alles war bereit für die angekündigte Auswärtschoreographie. Auch auf der Gegenseite werkelten sie fleißig, auch die Ostkurve wollte eine Choreo zeigen.

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Choreo auf beiden Seiten

Schließlich war es soweit, die Papptafeln gingen hoch, auf beiden Seiten des Berliner Olympiastadions, bis kurze Zeit später die Sicht verdeckt wurde von einer riesigen Blockfahne, die über unsere Köpfe gespannt wurde. Minuten lang verharrten wir, sangen, sprangen, ohne Blick aufs Spielfeld. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab man den Blick frei auf die Protagonisten der heutigen Partie. Innerlich flehte ich sie an, uns nicht wieder zu enttäuschen. Verstanden haben sie es nicht.

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Odisseas Vlachodimos musste den rotgesperrten Przemyslaw Tyton ersetzen, doch als wäre das nicht schon spannend genug gewesen, fiel auch noch Timo Baumgartl aus und Timo Werner wurde gar nicht erst für den Kader nominiert. Man musste nur Eins und Eins zusammenzählen: ein unsicherer und physisch schwacher Torwart, eine labile Innenverteidigung und weniger Alternativem im Sturm. Man konnte nur ahnen, wo das hinführen würde.

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Die Sonne schien ins Berliner Olympiastadion, der Ball rollte, die Stimmung war gut, wie perfekt für die ersten drei Punkte der Saison. Begehrlichkeiten kennen wir zur Genüge, die Angst vor dem Unheil allerdings auch. Endlich die Wende schaffen, endlich punkten, endlich wieder das in die Tat umzusetzen, was man sich gemeinsam zum Ziel gesetzt hat. Klingt einfach und machbar – ist es doch aber ganz und gar nicht. Die Auftaktpleite im Pokal blieb uns in Kiel erspart, im Gegensatz zu letzter Saison. Was folgte, waren drei Spiele Hoffnung, Krampf, Ernüchterung. Es ist wahrlich nicht einfach, den Kopf oben zu halten.

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Früh in Rückstand

Die letzten Partien haben offenbar auch bei unserem neuen Coach Spuren hinterlassen. Offensivfußball ja, aber nicht um jeden Preis. Zu viele Konter, zu anfällig in der Abwehr, zu gefährlich bei gegnerischen Angriffen. Sie schienen, anders als in den bisherigen Spielen, nicht sofort auf Angriff spielen zu wollen. Erst einmal nach hinten absichern und nur langsam nach vorne energischer werden. Hört sich gut an, funktioniert aber nur bei einer intakten Abwehr und generell einem eingespielten Team. Dass das der VfB nur selten ist, wissen wir alle vermutlich am Besten.

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Geduld ist gefragt auf der Suche nach dem richtigen Weg, auch von uns Anhängern. An uns sollte es natürlich nicht liegen, wir klatschen, sangen und schrien, so wie wir es immer tun, um unseren Herzensverein zu unterstützen. Was ich befürchtet hatte, zeigte sich auf dem Spielfeld: die pure Verunsicherung. Sie kamen einfach nicht richtig ins Spiel. Ein übles Gefühl in meinem Bauch machte sich breit – erst recht bei jenem ominösen Einwurf nach nicht einmal 15 Minuten.

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Man hatte es ihnen schlichtweg zu einfach gemacht. Ein paar kurze Pässe, Zack, zack, Tor. So einfach geht das nun einmal nur gegen den VfB. Genki Haraguchi traf uns früh ins Mark. Da war es wieder, dieser grässliche Aufschrei von zehntausenden Herthanern, die von ihren Plätzen aufspringen, dieser Schmerz in meinem Herz. Wieder hinten. Wieder in Berlin. Wieder auf dem Weg zur nächsten Niederlage. Hört dieser Alptraum denn nie auf?

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Festgefahren

Erinnerungen wurden wach an das Heimspiel gegen Mainz. Zwölf Minuten vor dem Ende nagelte Filip Kostic den Ball unhaltbar zum 2:0 unter die Latte, der VfB auf dem Weg zum Klassenerhalt. Nach Monaten des Schreckens stand aus der Not heraus eine Mannschaft auf dem Platz, die es richten musste und Wort gehalten hatte. Sie wuchsen zusammen im letzten Moment. Verändert hat sich das Gesicht der Mannschaft kaum.

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Einst beförderte uns Kostics Strahl ins pure Glück, eine ähnliche Situation gab es auch in Berlin. Er zögerte, schloss nicht ab, den Ausgleich leichtfertig vergeben. Symbolisch, nicht wahr? Auf den Ausgleich mussten wir weiter warten, ausharren, hoffen, beten. Nichts ist momentan so unberechenbar wie der VfB. Im Internet war im Nachgang der Partie zu lesen, der VfB erinnere an einen nervösen Schüler, der vor der Klassenarbeit mehr büffelt als alle andere, sich die Nächte um die Ohren schlägt und am Ende dann doch wieder eine Fünf schreibt.

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Schon früh mussten wir singen „Auf geht’s Stuttgart, kämpfen und siegen“ – wie sonst immer nur, wenn der Karren schon fest steckt. Immer wieder bleibe ich hängen beim Testspiel gegen Manchester City, nie war mein Optimismus größer, in eine ansehnliche und vor allem nervenschonende Saison starten zu dürfen. Nach nunmehr vier Spielen ist der wunderbare Optimismus dahin, die Zweifel werden lauter und die Unruhe wird größer. Niemand von uns hat sich das so vorgestellt.

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Das Hadern mit sich selbst

Schon früh wirkte sich der Rückstand auf den mitgereisten Anhang aus. Beteiligten sich zu Beginn noch weit mehr im Unterrang am Support, ebbte es mehr und mehr ab, bis nur noch die vorderen Reihen tatsächlich durchweg sangen und klatschten. In weit schlimmeren Zeiten haben wir das noch im April und Mai diesen Jahres ganz anders gesehen. Selten war die Stimmung auf den Rängen besser als in jenen schweren Monaten des Abstiegskampfs, als es sportlich kaum schlechter hätte laufen können.

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Hat sich die positive Stimmung von vor Saisonbeginn schon etwa gänzlich gelegt? Es ist anzunehmen. Und verständlich wäre es allemal. Dass es auch anders hätte laufen können, zeigten vor allem die ersten beiden unglücklich verlorenen Spiele – der Rest wurde zum Opfer der Eigendynamik, eben jene, die ich schon sehr früh hatte kommen sehen, dabei hoffte ich so sehr, Unrecht zu behalten.

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Die erste Halbzeit neigte sich langsam dem Ende, viel Positives ließ sich bei unserer Mannschaft leider nicht beobachten. Hier mal eine Ecke, da mal ein Freistoß, hin und wieder ein Konter und zwischendurch mal die eine oder andere Möglichkeit aus dem Spiel heraus. Alles nicht zwingend genug, ohne ausreichenden Willen, wie es mir schien. So wird das nichts, Jungs! Spielt so wie gegen Köln und Hamburg, unerschrocken, leidenschaftlich, doch gern ein wenig erfolgreicher. Nichts weiter als Wunschdenken.

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Eine kurze Hoffnung

Die untergehende Sonne warf lange Schatten auf das satte Grün des Spielfelds. Daniel Didavi war zum Freistoß angetreten. Noch einmal zog er sich die roten Stutzen hoch, richtete seine Schienbeinschoner und warf einen Blick nach links zu seinem Mannschaftskollegen Florian Klein, der nach seiner Rotsperre wieder zurückgekehrt war. Wortlos schaute ich zu und formte mit meinen Lippen die Worte „Mach ihn!“.

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Ein langer Schlenzer, hoch in die Luft, eigentlich ein gefundenes Fressen für Thomas Kraft. Noch während der Ball unterwegs war, seufzte ich, direkt würde er sicher nicht hinein gehen. Doch was war das? Da schlich sich unser Neuzugang Toni Sunjic davon, die Herthaner Abwehr hatte den 1,93 Meter großen Verteidiger schlichtweg vergessen. Ein kurzes Nicken mit dem Kopf und ich ballte die Faust, so dass sich der Fingernagel meines Mittelfingers in die Handfläche bohrte.

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Kein Wort. Ich schrie nicht, ich jubelte nicht ausufernd, mehr als die Faust war mir nicht möglich. Dabei freue ich mich selbst bei Ausgleichstreffern reichlich. Habe ich etwas geahnt? Die Fahnen wehten wieder und es wurde doch noch laut im Gästeblock. Hallo, wach! Der VfB war zurück in der Partie, nun war auch der Auswärtssieg möglich, wenn sie es jetzt clever machen und noch offensiver werden.

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Volley ins Herz

Irgendwie heil in die Pause kommen, eine Brandrede von Alexander Zorniger und Vollgas im zweiten Durchgang, dann weiß die Hertha nicht einmal, wie ihr geschieht. So lautete zumindest der Plan. Doch in dem Plan des Fußballspiels wurde der VfB scheinbar nicht berücksichtigt. Schon vor der Pause mussten die Gastgeber wechseln, für den angeschlagenen Roy Beerens kam, natürlich, Vedad Ibisevic. Wenn es einen Plan gibt, vermag dieser tendenziell grausam zu sein.

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Wenige Sekunden trennten uns von der Halbzeitpause. Noch einmal Freistoß für die Hertha, jetzt bloß keinen Scheiß machen. Serey Dié, der in den ersten beiden Spielen schmerzlich vermisst wurde, brachte uns nicht nur einen gefährlichen Standard des Gegners ein, sondern sich selbst auch noch die gelbe Karte. Die Nachspielzeit war schon einige Sekunden drüber. Von der Mauer geblockt kam der Ball wieder zu Herthas Kapitän Fabian Lustenberger.

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Wie gesagt: der Fußball vermag grausam zu sein. Dann kassieren wir eben auch solche Sonntagsschüsse wie der, der uns unmittelbar vor der Pause noch das 1:2 hinein würgte. Volley mitten ins Herz, schmerzhafter geht es nicht. Wieder angepfiffen wurde die Partie nicht, es ging direkt in die Katakomben des Olympiastadions. Geschockt standen wir da. Wir hatten ja ohnehin keine andere Wahl.

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Der harte Boden der Tatsachen

Ernüchtert saß ich auf meinem Klappsitz. Langsam blickte ich mich um, nicht ein einziges Gesicht, das ich erblickte, zeigte mir ein Lächeln. Die Anspannung und der Schock des späten Gegentreffers stand den Leuten in die Augen geschrieben. Das neu gewonnene Selbstbewusstsein nach dem Ausgleich, schon wieder dahin. So schnell kann es gehen. Ratlos saß ich da, und konnte nur hoffen, dass es am Ende zu einem Punkt reicht, doch auch diese vage Hoffnung sollte sich nicht erfüllen.

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Zu ängstlich agierte die Mannschaft bereits im ersten Durchgang, was sich nahtlos in der zweiten Hälfte fortsetzte. Hertha schien dem dritten Tor näher als wir dem erneuten Ausgleich, Fabian Lustenbergers Kunstschuss, der wohl in seinem Leben nie wieder ein solches Tor schießen wird, hatte uns da getroffen, wo es am meisten weh tut.

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Minütlich kam der Support unter den 2.500 Gästefans mehr zum Erliegen, es war unheimlich schwer, gegen den verständlichen Frust anzukämpfen. Zwanzig Minuten würden dem VfB noch bleiben, um ein einigermaßen erträgliches Ergebnis herbeizuführen. Für den gelbverwarnten und offensichtlich angefressenen Filip Kostic kam Alexandru Maxim ins Spiel, der seit seiner gefeierten Vertragsverlängerung unverständlicherweise stets das Nachsehen hatte.

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Zu ängstlich, zu unkonzentriert, zu wenig

Er war es, der vielen von uns einen Jubelschrei auf die Lippen zauberte, selbst ich riss meine Arme hoch, ungeachtet der Tatsache, dass ich in diesem Moment die Schlaufe meiner Kamera nicht ums Handgelenk gebunden hatte. Auf einmal war der Rumäne durch die Abwehr hindurch, hier ein Haken, da nochmal ausgetrickst, abgezogen und auf einmal wackelte das Netz. Leider nur von außen. Traurig gingen die Arme wieder nach unten, ich biss mir auf die Unterlippe, viele Gedanken schossen mir durch den Kopf.

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Müßig die Frage nach dem „Was wäre, wenn…?“. So viele Dinge hätten anders laufen können, wenn man bereits aus gefühlten hundert Chancen gegen Köln die Punkte geholt hätte. Wir würden nicht hier sitzen, uns mit leerem Blick die Tabelle ansehen und wir wären nicht der Tatsache hilflos ausgeliefert, dass man trotz vielem Lernen in der Klassenarbeit wieder einen Blackout hatte.

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Und das Schlimmste ist: wir Fans konnten nicht das Geringste tun. Die meisten von uns waren seit der Nacht oder den frühen Morgenstunden auf den Beinen, in der vagen Hoffnung auf ein Erfolgserlebnis. Sie wurden enttäuscht. Wie so oft. Jeder andere „normale“ Mensch würde ein Hobby aufgeben, das ihm nichts als Leid und Kummer bereitet. Doch Fußball ist nicht so einfach. Der VfB ist nicht so einfach. Wir lieben. Und sind hin und wieder eben blind vor Liebe.

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Schatten unserer selbst

Ich konnte es wirklich nicht verstehen. Sie ließen die Gastgeber gewähren, nach Belieben kombinieren, als wäre die Sorglosigkeit mit einer eigenen 3:0-Führung in den letzten fünf Minuten mehr als verständlich. Das laufintensive System von Alexander Zorniger mag momentan noch nicht so ganz zur Mannschaft passen, weder von der Torgefahr, noch von der Verteidigung und ohnehin nicht von der Physis. Ob und wie man das in den Griff bekommt, wird die schwerste aller Aufgaben sein.

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Geht der Mannschaft in den letzten Minuten immer die Puste aus, egal ob zum Spiel drehen oder zum Verwalten eines Vorsprungs, dann werden diese vier Spiele nicht die einzigen Niederlagen in dieser Spielzeit bleiben – bei weitem nicht. Irgendwie noch den Ball reinstochern, von mir aus der Marke „Kacktor des Monats“, es muss nicht einmal schön sein. Mit einem Punkt wäre uns bereits geholfen. Die Zeit rannte erbarmungslos, doch sah es nicht so aus, als passiere noch etwas. Sie schnauften über den Platz und flehten förmlich um den Gnadenschuss.

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Während die Ostkurve in der letzten Viertelstunde ununterbrochen gesungen hatte, wurde es immer leiser im Gästeblock. Ein einziger Aufschrei des Jubels, mehr brauchte es nicht unbedingt. Wir warteten vergeblich. Daniel Ginczek sank im Strafraum zu Boden, verzweifelt, ratlos, enttäuscht. Wie schnell sich das Gesicht ändern kann, vor nicht allzu langer Zeit noch der gefeierte Erlöser, nun auf dem Boden der Tatsachen.

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Reine Nervensache

Was ich sagen sollte, wusste ich nicht. Keiner von uns. Fassungslos standen wir da. Nicht, dass wir Niederlagen in Berlin nicht kennen würden, doch wie so viele Dinge war es auch dieses Mal eine Frage des „Wie“. Wirklich dagegen gestemmt hat sich die Mannschaft nicht – die wirklich erschreckende Erkenntnis eines weiteren bitteren Spieltags. Warum? Wollte man nicht alles besser machen? Rückt Alexander Zorniger etwa doch wieder ab von seinem offensiven System, das bei unserer labilen Defensive nur zahlreiche Kontergegentore verursacht? Hier ging heute gar nichts. Weder nach vorne, noch nach hinten.

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Mit dem Abpfiff hatten viele der 2.500 migereisten Stuttgarter Fans dem Spielfeld bereits den Rücken zugekehrt und machten sich auf den Heim, hinfort von dieser erneuten Schmach, weit weg von dem, was Kummer bereitet. Wer geblieben war, ließ der geknickten Mannschaft ein deutliches Echo zukommen. Ein wenig alibimäßiges Klatschen, weiter als bis zur Eckfahne traute sich keiner von ihnen. Überrascht bin ich auch hier nicht. Verstehen kann man es, denn die Pfiffe und Gestik des aufgebrachten und niedergeschlagenen Anhangs waren mehr als deutlich.

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Man ist fast geneigt zu sagen „Schnauze voll! Ich geh nicht mehr zum Fußball!“ – wenn es denn nicht auch mit der Hoffnung auf die schönsten Momente verbunden wäre. Traurig sank ich auf meinem kalten, grauen Plastiksitz an der tristen Betontreppe zusammen, starrte ins Nichts und vergrub mein Kinn in meiner Hand. Wieviel Leid wäre mir erspart geblieben, wenn ich mich vor acht Jahren nicht auf den Weg nach Berlin gemacht hätte? Doch wieviel Schönes hätte ich auch verpasst?!

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Auf der Suche nach Zuversicht

Selbst Felix wusste nicht, was er sagen sollte. Ratlos zuckte er mit den Schultern und presste ein frustriertes „Ja, scheiße!“ heraus – die wohl am häufigste geäußerte Meinung zu einer Partie, die man nicht hätte verlieren müssen, so wenig wie gegen Köln, Hamburg und Frankfurt. Aber es nützte nichts. Man hatte ein weiteres Mal verloren, ohne jede Not, und beinahe ohne erkennbare Gegenwehr. Wie man das seinen Anhängern gegenüber verantworten will, die in der zurückliegenden Spielzeit schon genug durchmachen mussten, bleibt unbeantwortet.

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Die Reihen hatten sich gelichtet, als ich mich dann doch von meinem Platz erhoben hatte. Es war noch warm, doch zog ich meinen Pulli an und zog den Reißverschluss bis ganz oben hoch. Man weiß ja nie, welchen komischen blau-weißen Gestalten man da draußen über den Weg laufen würde. Mein Kopf hing tief, alles drehte sich um die erneute Angst vor einer unsäglichen Saison, die uns gar noch mehr abverlangen würde als die letzte. Die Kraft dazu hat keiner von uns.

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Welch ungewisser Blick in die Zukunft. Meinen Optimismus suche ich noch immer, doch ohne die ersten Erfolgserlebnisse werde ich diesen nicht entwickeln können. Das „System Zorniger“ sein mag definitiv der beste Weg für den VfB sein, ob es die Mannschaft allerdings auch ist, bleibt noch zu beweisen. Ich werde auch gegen Schalke dabei sein, und in Hannover, und gegen Gladbach, und in Hoffenheim… weil ich doch noch hoffe, dass die Wende zum Guten kommt.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

5 Kommentare

  1. Zwingt dich keiner, irgendwas in irgendeinen Verein zu investieren, ge? Weder emotional noch finanziell. Zieh halt deine Konsequenzen, wenn du leidest.

  2. Wird zeit das die Deppen a runde in der 2.Liga nachsitzen.

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