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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Mehr schlecht als recht

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Ob es wohl jemandem aufgefallen wäre, hätte ich einfach an Stelle eines aktuellen Spielberichts meine Worte von letzter Saison verwendet hätte? Bittere Erinnerungen an den Valentinstag 2015, das letzte Gastspiel in Sinsheim endete jäh mit einem Gegentor in der Nachspielzeit. Für viele war klar, dass wir jetzt absteigen würden, zu einem weit späteren Zeitpunkt der Spielzeit als jetzt. Das Wort „Abstiegskampf“ möchte keiner so recht in den Mund nehmen, dabei deuten viele Zeichen darauf hin. Dass wir vor dieser Spielzeit mit ganz anderen Erwartungen, Hoffnungen und Träumen ins Stadion gingen, scheint nun beinahe vergessen.

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Wer diese Partie nicht angesehen hat und lediglich das Ergebnis vernommen hatte, dem drängte sich der Verdacht auf, der VfB hätte Moral bewiesen und endlich auch mal wieder ein eigenes Tor in der Nachspielzeit erzielt, was einem noch mindestens einen Punkt gerettet hat. Freuen will sich keiner so richtig. Gründe dafür gibt es genug, und sei es die trostlose Tabelle, an deren Ende wir uns befinden. Mal wieder.

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Was in den ersten Spielen so mutig, engagiert und leidenschaftlich aussah, bekam man an diesem Wochenende nicht zu Gesicht. Nicht alle Spiele können so laufen, erst recht nicht, wenn man mit vielen Ausfällen zu kämpfen hatte. Der kurzen Freude über den Ausgleich in letzter Minute folgte jedoch schnell wieder das, was langfristig die Stimmung zu vergiften vermag. Pfiffe. Frust. Unverständnis. Die Fanszene ist gespalten und niemand weiß so recht, wie es weitergehen soll. Dass wir den Abstiegskampf ja kennen, ist dabei keinerlei Trost – im Gegenteil.

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Boden der Tatsachen

Ich kenne das Gefühl nur allzu gut. Sonntags mit dezenten Kopfschmerzen am heimischen Rechner sitzen, eine Tasse lauwarm bis kalter Kaffee neben mir, den Kapuzenpulli bis oben hin zugezogen, auf dem Bildschirm links ein Fenster mit vfbtv, rechts ein Fenster mit einem leeren Dokument, das es Seite für Seite mit Zeilen zu befüllen gilt. Immer wieder senkt sich mein Haupt auf meine Tastatur, auf der meine beiden flachen Hände liegen.

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Stoisch starre ich die Buchstabentasten an und denke darüber nach, wie unendlich viel größer meine Motivation doch sein könnte, wenn der VfB zumindest einen Teil der Erwartungen in die Tat umgesetzt hätte. So ist Fußball. Aber so habe ich mir den Fußball nicht vorgestellt nach einer Spielzeit, die uns alles abverlangt hatte und einer Sommerpause, die unsere Hoffnungen auf hellere Tage zurückbrachte.

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Blenden ließen wir uns durch die Vorbereitungsspiele, nicht zuletzt jenes gegen Manchester City, als alles funktionierte, die Tore vorne gefallen waren und nicht hinten. Daniel Didavi traf. Filip Kostic traf. Daniel Ginczek traf. Neun Wochen später ist alles anders. Vorne fallen die Tore nicht, dafür umso mehr eben hinten. Schnell zurück auf dem Boden der Tatsachen, doch was bleibt ist die Frage, ob das wirklich alles ist, wozu der VfB in der Lage ist.

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Schlimme Erinnerungen

Den 14. Februar 2015 habe ich nicht vergessen, als ich am Samstagmorgen aufgewacht war. Ich fühlte noch die Kälte der Betonstufe, auf der ich regungslos stand und meine Hand vor den Mund hielt. Ich spürte noch den Stich ins Herz, das Spiel in letzter Minute doch noch zu verlieren. Ich erinnere mich an die Hoffnungen auf einen einigermaßen versöhnlichen Saisonausgang, als ich zur blauen Stunde das Sinsheimer Stadion verließ und ins Auto stieg.

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Wo manch andere angestrengt nachdenken müssen, gegen wen der VfB vor drei Wochen gespielt hat, erinnere ich mich noch an längst vergangene Momente, die ich lieber schnell vergessen hätte. Oft werde ich gefragt, wie ich mir so viel merken kann, ob ich das auswendig lernen würde. Habt ihr in der Schule niemals Spickzettel geschrieben, die ihr dann im darauffolgenden Test gar nicht gebraucht habt, da das Schreiben des Spickzettels schon alle Daten in den Kopf übertragen hat? Womöglich ist es bei mir nicht anders.

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Dass ich mich dabei an so viele negativen Erlebnisse erinnern kann, ist der sportlichen Talfahrt des VfB geschuldet. Als ich noch in Leipzig wohnte, fuhr ich unter der Woche noch 500 Kilometer zu den Champions League Heimspielen, gut sechs Jahre später folge ich meinem Verein auf fast jeden Schritt und Tritt, meist mit hängendem Kopf. Gelassen hat es mich nicht gemacht, dafür aber verbittert und pessimistisch. Dabei würde mir ein innerer Frieden sehr gut tun.

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Auf der Suche nach Seelenfrieden

Doch wie koppelt man seinen ganz persönlichen Seelenfrieden vom sportlichen Erfolg seines Herzensvereins ab? Es wird Zeit brauchen, diese Frage für mich selbst zu beantworten. Dass der einzige Weg über den sportlichen Erfolg führt, das kann ich vom VfB nicht verlangen, noch weniger aber von mir selbst – er wird uns weiterhin enttäuschen, wie er es so oft getan hat, das eine oder andere kleine Erfolgserlebnis kann Jahre des Abstiegskampfs nicht ungeschehen machen.

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Nach einem üppigen Frühstück in der Waiblinger Altstadt machten wir uns zu Fünft auf den Weg zum kürzesten aller Auswärtsspiele. Langer Rückstau bis zum Weinsberger Kreuz, doch genug Zeit hatten wir mitgebracht. Kein Grund für Panik, zumindest nicht wegen zu spätem Eintreffen vor den Toren des Stadions. Ein alter Parkausweis aus der Saison 2010/2011 ersparte uns grinsend die Parkgebühr, unseren Platz suchten wir uns wie alle Jahre wieder zwischen den vielen Fanbussen, die vor dem Gästeparkplatz standen.

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Zwischendrin hunderte, tausende, hoffnungsvolle Gesichter. Die Sonne schien uns auf den Pelz und bescherte uns ein herrlich perfektes Altweiberwetter im Kraichgau. Neu ist das Stadion für mich nicht, es ist der sechste Ausflug nach Sinsheim, zu Buche stehen drei Siege und zwei Niederlagen. Für manche Grund genug, optimistisch zu sein, für mich nur eine weitere Möglichkeit, dass sich der VfB der Lächerlichkeit preis gibt.

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Hoffnung mal Dreitausend

Wieder nahm ich meinen Platz ein, an ähnlicher Stelle wie die Jahre zuvor. Nach einer Weile kennt man die Stadien und weiß, wo man die besten Fotos macht und wo die Sicht aufs Spielfeld unfreiwillig von der größtmöglichen Schwenkfahne verdeckt wird. Ein wenig zitterte ich, auf keinem Fall wollte ich dieses Spiel wieder verlieren, auf so bittere und erschreckende Art und Weise wie in den beiden letzten Spielen jeweils im Februar 2014 und 2015.

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Sieht man sich an, dass sich 3.000 treue Seelen auf den Weg nach Sinsheim machten, man könnte kaum glauben, welch erfolglose Wochen – ausgenommen Hannover – hinter uns liegen. Lauter Applaus, als sie zum Aufwärmen auf den Platz kamen, als hätte sie es nie gegeben, die grotesken und nur selten verdienten Niederlagen in der noch jungen Spielzeit. Gestern noch die Mannschaft ausgepfiffen, aber heute wieder bereit, die Stimme für sie zu erheben.

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Um mich herum wurde es minütlich voller, immer mehr drängten durch das Mundloch in den Block hinein, ohne Rücksicht auf Verluste. Die Uhr tickte und bald würde es losgehen mit dem Spiel, dessen Punkte so unendlich wichtig für das Gemüt wären. Bis auf eines verlor man bisher alle Spiele, teils unglücklich, teils unfähig, teils verdient. Vom Lob, der VfB sei der beste Nichtschwimmer der Liga, können wir uns freilich auch in dieser Spielzeit nichts kaufen.

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Durchschnittlich 2,4 Gegentoren pro Spiel

Wir hatten den Tag der Deutschen Einheit. Ob die Mannschaft eine bilden würde, blieb fraglich. Christian Gentner fiel aus. Filip Kostic fiel aus. Und auch Daniel Ginczek fiel aus, was schnell im Gästeblock seine Runde machte: Bandscheibenvorfall. Gestern galt die Hinrunde für unseren bulligen Stürmer noch als gelaufen, heute ergänzte man um das Wort „mindestens“, falls eine OP notwendig wird. Wenn es läuft, dann läuft es halt richtig, nicht wahr?

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Nach vier gespielten Minuten hätte der zaghafte Optimismus im voll gefüllten Gästestehblock ein jähes Ende finden können, Ermin Bicakcic hatte den Pfosten getroffen, während die Hoffenheimer Fans noch die Überreste ihrer lächerlichen Choreographie aufgeräumt hatten. Eine ausgeglichene erste Halbzeit nahm ihren Lauf mit einigen Chancen auf beiden Seiten, doch noch sah es nicht aus wie das gewohnte Offensivspektakel, dass wir in den letzten punktlosen Wochen so oft zu Gesicht bekamen.

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So ganz wollte mir die Partie nicht gefallen, die Gastgeber fanden fiel zu einfach ihren Weg durch unseren Abwehr, was angesichts von 17 Gegentoren nach sieben Spielen und somit 2,4 Gegentoren pro Spiel ohnehin nicht das Allerschwerste zu sein scheint. Ich sollte noch recht behalten mit jenem mulmigen Gefühl, das mich umgab. Anmerken lassen wollte ich mir das nicht, sang mit, hüpfte mit, und hoffte wie jeder andere auch.

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Wieder im Rückstand

Ein weiteres Mal rannten die Blauen an, hier ein Haken, dort ein Doppelpass, einer fiel, einer pfiff. Nach gut 33 Minuten zeigte Deniz Aytekin auf den Punkt vor der Hoffenheimer „Fankurve“. Die Stinkefinger im Gästeblock habe ich nicht zählen können. Es nützte nichts. Kevin Volland verlud Przemyslaw Tyton und brachte seine Mannschaft in Führung gegen einen VfB, der wieder einem Rückstand hinterher rennen musste.

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Zum Schmunzeln zumute war mir nicht, aber kurz zuckte mein Mundwinkel, als ich mich an die die Tipps erinnerte, die ich gelesen hatte: viele hatten gesagt, der VfB würde gewinnen, doch sie waren sich fast alle in einem einig, nämlich dass der VfB den fast schon obligatorischen Rückstand wegstecken müsste. In dem Moment, wenn man auf die Anzeigetafel schaut und sich fragt, wie der Verein nur so weit sinken konnte, geht einem jeglicher Glauben ab, wie denn nur der Ausgleich fallen sollte.

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Es sei mir verziehen, aber mein erster Schritt zu mehr Seelenfrieden wird sein, dass ich diese Partie zum späten Sonntagabend nicht mehr in voller Länge ertragen kann. Eine mehr als ernüchternde erste Halbzeit fand ihr Ende, während die Sonne ihre Bann über dem Stadion zog. Frei von jeglichen Wölkchen brannte sie uns ins Gesicht, blendete uns und ließ zahlreiche Arme vors Gesicht gehen, anderenfalls vermochte man wenig bis gar nichts mehr vom Spiel erkennen zu können.

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Warme Gedanken machen

Für ein paar Minuten schloss ich meine Augen, ließ mich von den 20 Grad wärmen und stand regungslos an meinem Platz, die Hände vergruben in den Taschen meines Kapuzenpullis. Ein kleines Stück Entspannung zwischendurch, ein bisschen auftanken, ein wenig Erholung von der Anspannung, die ein jedes VfB-Spiel mit sich bringt. Für einen Moment dachte ich an all die schönen Spiele, die mir dieser Verein schon geschenkt hat, an herzerwärmenden Jubel in den Armen meiner Freunde, an euphorische Glückseligkeit. Ein junger Mann drückte sich an mir vorbei, ich öffenete die Augen und war wieder zurück in Sinsheim, wo der VfB zurück lag. Mal wieder.

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Die zweite Halbzeit hatte gerade erst begonnen, doch wirklich anwesend schien unsere Abwehr noch nicht. Eine Dreifachchance der Hausherren, immer wieder abgeblockt, was mehr mit amüsantem Slapstick gemein hatte als mit dem Verteidigungsverhalten einer Bundesligamannschaft. Schockierte Blicke in unseren Reihen, ich wusste schon, was als nächstes gesungen werden würde, noch bevor der erste seine Faust erhob: „Aufwachen, aufwachen!“

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Alexander Zorniger hatte genug gesehen. Nach 63 Minuten war er sich sicher, dass er etwas tun muss. Viele Statistiken habe ich im Kopf gespeichert, doch eine war mir neu. Noch nie habe ich gesehen, dass ein Trainer des VfB gleich drei auf einmal wechselt. Was, wenn sich einer verletzt und man 20 Minuten zu zehnt spielen muss? Was, wenn es einen Platzverweis gegen den Torhüter gibt? Solche Gedanken kennt Alexander Zorniger vielleicht nicht. Vielleicht obliegen sie ja lediglich den notorischen Schwarzmalen in unseren Reihen.2015_10_04_Hoffenheim-VfB_24

Per Kopf zum Ausgleich

Für Alexandru Maxim kam Jan Kliment, für Toni Sunjic Daniel Schwaab und für Lukas Rupp Arianit Ferati. Verstehen konnte man nicht zwingend jeden dieser Wechsel, doch einer davon hatte sich schon schnell bezahlt gemacht. 45 Sekunden hatten Jan Kliment gereicht, vom Betreten des Sinsheimer Spielfelds bis zum jubelnden Abdrehen nach seinem ersten Pflichtspieltor im roten Brustring. Eine lange Ecke von Daniel Didavi kam direkt auf den Kopf des 22-jährigen Tschechens, der im Sommer neu zu uns kam.

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Ein Tor nach einer Ecke. Wie lange haben wir das schon nicht mehr gesehen? Und dennoch: ein 1:1 wäre zu wenig. Sie müssten schon nachlegen, aber wie solle das gehen, bei unserer momentanen Phase, aus besten Chancen die wenigsten Tore zu machen, und bei einer Abwehr, bei der fast jeder Schuss ein Gegentreffer ist? Machts noch einmal wie in Hannover. Nach einem Gegentreffer den Ausgleich machen und direkt nachlegen, um den Zorn des Gegners gleich wieder zu ersticken. Wenn es doch nur immer so einfach wäre wie gegen erschreckend schwache Hannoveraner.

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Nach 70 Minuten betrat ein alter Bekannter das Feld, der den meisten VfB-Fans entweder die Zornesröte oder ein amüsiertes Lächeln ins Gesicht treibt: Kevin Kuranyi, der sich unbeliebt machte, als er den VfB verließ, um Meister zu werden und sich der VfB im Jahr darauf im Meisterschaftsrennen 2007 durchsetzte und die Schalker ins Tal der Tränen stürzte. Mit dabei: Kevin Kuranyi. Seine Zeit beim VfB war vor meiner Zeit, über Schalke und Moskau landete er letzten Sommer in Hoffenheim. Und getroffen hatte er bisher noch nicht. Nachtigall, ick hör die trapsen.

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Die seltsamen Eigenheiten des Przemyslaw Tyton

Für ein paar Minuten schien der Führungstreffer für den Traditionsverein nur noch eine Frage von Augenblicken zu sein, das Pendel schlug mittlerweile in Richtung unseresgleichen, wohlwollend besungen von uns Unentwegten, die wir doch nichts sehnlicher sehen wollten als einen Auswärtssieg bei den ungeliebten Traditionslosen. Wieder hielt ich mir den Arm so vors Gesicht, dass er die pralle Sonne verdeckte, und schaute mir den langen Abwurf von Oliver Baumann an, der immer länger und länger wurde.

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Bis über die Mittellinie war er gesegelt, direkt auf Eduardo Vargas, der auf der Nominierungsliste für den Weltfußballer des Jahres steht. Vier Stuttgarter gegen zwei Hoffenheimer, man sollte meinen, es sei ein klares Duell. Nein. Immerhin sind wir der VfB, der so ziemlich jedes Fettnäpfchen aufzuspüren vermag. Die Laufwege stimmten auch dieses Mal nicht, er spielte in den Lauf von Kevin Volland, Hoffenheims wertvollsten Spieler, den ich auch zugegebenermaßen gerne im VfB-Trikot gesehen hätte.

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Komm schon, Serey Dié, den kriegst du noch! Ich schrie wie am Spieß, als würde er mich hören können. Mit letzter Kraft erreichte der Ivorer den Neu-Nationalspieler, doch statt ins Aus zu gehen, blieb der Ball im Spielfeld. Was nun? Tyton… w.. was machst du da? Nein. Nein! Neeeeeeeiiiiiiinnnn! Es war zu spät. In unseren Ohren schrillte erneut jene unerträgliche Tormelodie, die Kevin Volland wieder als Torschützen feierte.

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Keine Hoffnung

Warum Przemyslaw Tyton seinen Kasten verließ, weiß er vermutlich nicht einmal selbst. Mittendrin merkte er, er würde den Ball nicht mehr erreichen, irrte ziellos an der Strafraumgrenze herbei. Und bei allem nötigen Respekt unserer Mannschaft gegenüber und bei aller Abneigung den Kraichgauern gegenüber, ein Kevin Volland verfügt über große Qualitäten. Das weiß er auch selbst. Noch als der Ball in der Luft war und über unseren Torhüter flog, der bösen Zungen zufolge noch schlechter ist als es Sven Ulreich war, wusste ich: der geht rein. Er tat es auch, und wir rannten erneut dem Rückstand hinterher. Mal wieder.

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Bei allem Frust, gezielt den eigenen Torhüter niederzupfeifen, ist eine unsäglich respektlose und deplatzierte Reaktion. Dreizehn Minuten blieben uns noch, den größten Schaden abzuwenden, doch so wirklich wollte daran keiner glauben. Merklich stiller wurde es in unseren Reihen, der Glauben an eine Rückkehr schien unwiederbringlich verloren. Noch einmal wurde es kurz laut, ein aufgebrachter Aufschrei „Hand!“ hallte durchs Stadion, beim Rückfallzieher von Daniel Didavi bekam ihn Ermin Bicakcic an die Hand, die nicht wirklich angelegt war.

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Aber so ist das eben, wenn es nicht läuft: dann bekommst du einen strittigen Elfmeter gegen dich, einen strittigen gegen die anderen aber nicht. Viel Hoffnung hatten wir nicht, dass hier noch ein Pünktchen in einer ansonsten unsäglich schwachen Partie herausspringen würde, doch wenn der VfB eines kann, dann Drama, in allen Belangen. Die dreiminüte Nachspielzeit begann gerade herunterzulaufen, einer der letzten verzweifelten Angriffe in Richtung Oliver Baumann.

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Zwei Minuten zwischen Sieg und Niederlage

Arianit Ferati, ein junges Juwel aus der eigenen Jungen, fasste sich ein Herz und flankte von der Strafraumgrenze. Für eine Sekunde glaubte ich zu fühlen, was 3.000 Andere mit mir fühlten: „Mach ihn!“ flüsterten wir still, als der Ball immer länger wurde. Richtig gesehen hatte ich es nicht, ein weiteres Mal blendete die Sonne, doch mit dem jubelnden Aufschrei um mich herum war mir klar, dass der Ausgleich gefallen war.

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Dass es der Kopf vom vor einigen Wochen noch öffentlich kritisierten Timo Werner war, war mir zunächst gar nicht bewusst, auf eine Durchsage und ein Anzeigen auf den Videotafeln verzichteten die Gastgeber. Für einen Moment hoffte ich auf Martin Harnik, dem ein geplatzter Knoten so gut tun würde, doch letztendlich spielte es keine Rolle, solange das Tor gefallen war.

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Und noch war es nicht vorbei. Irgendwie kam Daniel Didavi noch einmal durch die Hoffenheimer Abwehr hindurch, die sich mit Mann und Maus hinten reingestellt hatten, noch ein Pass auf Martin Harnik und wieder sah ich Timo Werner laufen. Seien die beiden Gegentore auch noch so frustrierend gewesen, sei das Spiel auch noch so schlecht gewesen, das alles konnten sie jetzt vergessen machen und uns für einen Moment das Glück schenken, das uns zu oft schon abgegangen war. Noch ein einziges Mal.2015_10_04_Hoffenheim-VfB_36

(Kein) Tag der Deutschen Einheit

Öffentlich angezählt vom Trainer, wieder erstarkt zurück gekommen in Hannover, Ausgleichstorschütze im unerwartetsten Augenblick und nun vielleicht sogar der Siegtorschütze in Sinsheim? Was wäre das nur für eine Geschichte geworden. Doch leider sind nicht alle Geschichten Wirklichkeit, das bewiesen 3.000 über den Köpfen zusammengeschlagene Hände und ein kollektives Raunen, in dem der Schlusspfiff beinahe unterging.

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Es wäre der Siegtreffer in der letzten Minute der Nachspielzeit gewesen, eine Revange für das, was am Valentinstag 2015 geschehen war. Es hatte nicht sollen sein. So richtig wusste man nicht, was man empfinden sollte. Erleichterung, dass es nach einer solch schwachen defensiven Darbietung doch noch irgendwie zu einem winzigen Pünktchen gereicht hat, oder doch lieber Ernüchterung, dass man das Siegtor nicht gemacht und genauso kläglich vergeben hat wie unzählige Torchanchen in den vergangenen Wochen?

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Man war gespalten. Das zeigte sich erst recht, als sie ein weiteres Mal in Richtung Gästeblock liefen, um sich für die lautstarke Unterstützung zu bedanken, an der es – bis zu Vollands Lupfertor – nicht gelegen hat. Vielleicht hatten sie eine wohlwollendere Reaktion der Mitgereisten erwartet, am Ende bekamen sie viele Pfiffe, ein paar klatschten, und wer gepfiffen hatte ging jene an, die klatschten – und umgekehrt. Ein Tag der Einheit war es nicht.

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Wir gehn‘ mit uns’rer Laterne

Überall sah ich die Hände hochgehen, drei Finger zeigten sie, drei Punkte hätten doch drin sein müssen. Regungslos stand ich ein weiteres Mal da, an mir drückten sich dutzende Leute vorbei, kopfschüttelnd, mit leerem Blick und hängendem Kopf. Schnell leerte sich der Block, zurück blieben ein paar wenige, die nicht auf die Abfahrtszeit einer der Busse Rücksicht nehmen mussten. Minuten später drehte die Mannschaft noch einmal zum Auflaufen auf dem Feld ihre Kreise, wortlos stand ich da und breitete meine Arme aus.

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Ein Punkt ist besser als kein Punkt. Doch am Besten wären immernoch drei Punkte, die uns aus dieser misslichen und überaus grotesken Lage im Tabellenkeller befreien könnten. Wir waren wieder hinten angekommen. 140 Tage, nach dem wir saisonübergreifend die rote Laterne abgegeben hatten, hatten wir sie wieder, welch zweifelhaftes Vergnügen. Der Vorplatz des Stadions war schon beinahe leer gefegt, als eine der Letzten verließen wir das Sinsheimer Stadion und fuhren wieder in Richtung Heimat.

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Einigkeit herrschte darüber, dass es genauso gut hätten null Punkte sein gönnen, und man sollte den psychologischen Aspekt eines späten eigenen Treffers nicht außer Acht lassen, doch war die Enttäuschung dennoch groß. Gegen fast alle machbaren Gegner hatten wir wertvolle Punkte gelassen, nach der Länderspielpause würden schon bald die großen Brocken warten. Wie wir da punkten wollen, kann ich mir nicht vorstellen. Was bleiben wird ist die Frage, wo wir jetzt stehen könnten, wenn man sich zuletzt cleverer angestellt hätte.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

2 Kommentare

  1. Einfach klasse Ute, wie du immer wieder schreibst!
    Besser kann man die Gefühlswelt der meisten VfB-Fans nicht beschreiben!
    Weiter so Ute, aber leider wird es schon wieder Abstiegskampf pur!
    Mit solch einem insgesamt stümperhaften Defensiv-Verhalten werden wir nicht viele Punkte sammeln, es fehlt definitiv die Qualität. Hlousek, Schwaab tut mir leid, in Summe nicht bulitauglich. Rüdiger dafür abgegeben…. oh je tut das weh!
    Trotz dem schönen Angriffsfußball gibt es eine altes ungeschriebenes Gesetz: „über eine intakte gute Abwehr (incl. Keeper) gewinnt man Punkte/Spiele“
    Dieses Gesetz zählt mehr als 1000 andere Worte, Fakt!
    AZ ist seit Anfang 2015 schon zumindest intern als neuer VfB-Coach bekannt gewesen, und hätte eigentlich mit Dutt zusammen genügend Zeit gehabt auch die Defensive zu verstärken, geschah leider nicht > tödlich!!!

    Trotzdem, das Leben geht weiter, niemals aufgeben….
    Die Hoffnung stirbt zuletzt!

    Liebe Grüße Matthias

  2. Pingback: Fußballkilometer 2015 | my life. my love. my blog.

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