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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Vorweihnachtliche Glücksgefühle

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Wohin nur mit all diesen Emotionen? Darauf war ich absolut nicht vorbereitet. Was wir gestern im Neckarstadion zu sehen bekamen, entbehrt normalerweise jeglicher Logik, fassungslos standen wir ein weiteres Mal da, doch nicht vor entsetzen, sondern gar vor Freude. Wer hätte es denn ahnen können? Am Tag danach, den ich unfreiwillig ausgeschlafen begann, sollte man eigentlich meinen, diese Zeilen würden sich so einfach schreiben lassen wie noch nie in dieser Saison. Ein Trugschluss, wie ich gut zwei Stunden nach dem Aufstehen feststellen musste.

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Nicht das Ringen um Worte, vielmehr die Ablenkung von allen Seiten. Hier Twitter, da Facebook, hier die Highlights anschauen und da noch einmal die Stimmen zum Spiel. Konzentration sieht anders aus. Ich war nicht darauf vorbereitet, am späten Abend mit einem Lächeln nach Hause zurückzukehren, ich wähnte mich in der Gewissheit, als Fan des Tabellenletzten in die Winterpause zu gehen und zu versuchen, mich nicht von der Statistik herunterziehen zu lassen, dass wohl bisher jeder Herbstabsteiger auch tatsächlich abstieg.

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Die Abschlusstabelle der Bundesligahinrunde lege ich mir unter den Weihnachtsbaum: Über dem Strich zu sein war das Einzige, was man sich als VfB zu Weihnachten nur wünschen konnte. Immer wieder huscht ein seliges Lächeln über meine Lippen, wie vor genau 30 Wochen, als ich über das geschrieben hatte, was in Paderborn geschehen war. Mir muss niemand sagen, dass noch rein gar nichts erreicht ist. Die Lage ist immernoch bedrohlich und durch die Ernennung von Jürgen Kramny zum Cheftrainer nicht wesentlich aussichtsreicher. Gut für die Köpfe ist es jedoch allemal.

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Mitten im Stress

Hin und wieder muss ich dann doch ein wenig über mich selbst lachen, wenn ich mich nach dem Spiel an das erinnere, was ich zuvor noch gesagt hatte. Für mich bestand keinerlei Zweifel: es würde lediglich eine Frage der Höhe sein, und selbst das dritte Unentschieden in Folge gegen den Tabellenvierten, ich würde es mit Kusshand nehmen. Für beinahe absurd hielt ich die Aussage meiner nicht unbedingt fußballkundigen Kollegin Renate, die der Meinung war, das nächste Spiel würde der VfB mit zwei Toren Unterschied gewinnen, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass zwischen beiden Mannschaften 14 Punkte, 14 Tabellenplätze und 24 Tore Differenz liegen.

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Lass es nur schnell vorbei sein. Es war das einzige, was ich mir von der letzten Partie der Hinrunde erhofft hatte. So sehr ich den Fußball und den VfB in mein Herz geschlossen hatte, auf nichts anderes freute ich mich in diesen Tagen so sehr wie auf die anstehende Winterpause. Keine Spiele, keine Niederlagen, kein Frust. So wirklich in meine Tagesplanung hatte der Hinrundenabschluss gegen Wolfsburg ohnehin nicht, zu viel noch zu tun vor Weihnachten, zu viele Vorbereitungen, zu viele Punkte auf der ToDo-Liste, die noch offen sind.

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Mein Kopf war voller Gedanken, was ich noch alles zu erledigen hatte, statt der Angst vor einer weiteren Klatsche, die, wie ich mir sicher war, garantiert kommen würde. Wer für diesen Spieltag wirklich optimistisch war, dem war entweder nicht mehr zu helfen, oder es handelte sich nicht um einen VfB-Fan. Hinter uns liegt nun ein brutales Kalenderjahr, das sich die abtrünnigen Gedanken eines masochistischen Fußballgotts nicht viel übler hätte ausdenken können.

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Das Stadion leergespielt

Die meiste Zeit über lagen wir am Boden, mit dem Gesicht im Matsch, als alle anderen über uns drüber rannten, ohne Rücksicht, ohne Mitleid. Zurück blieben wir Fans, die wir doch bisher immer wieder in die Cannstatter Kurve zurückkehrten, in vager Hoffnung auf mentale Rückzahlung und in weiser Voraussicht, dass das Leben als VfB-Fan in den letzten Jahren nicht einfach ist. Wieviel Kraft dieses Jahr 2015 gekostet hat, können sich nicht nur die vorstellen, die bei jedem einzelnen Spiel dabei waren (nunja, fast jedes Spiel). Wir können nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Nur noch ein einziges Mal, dann ist Winterpause.

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Nur gut 45.000 Karten hatte der VfB im Vorfeld abgesetzt, wie bereits vergangene Saison sind die Besucherzahlen wieder massiv rückläufig, die nächste Kartenaktion des VfB wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wen wundert es auch, bei der anhaltenden Erfolglosigkeit? Mitreißenden Fußball, der Spaß macht und erfolgreich ist – das ist das, wonach wir uns sehnen. Vereinbar waren diese beiden Dinge unter Alexander Zorniger allerdings wohl nicht, schön anzusehen, aber erfolglos.

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So zog der VfB seine Konsequenzen aus einem „Missverständnis“ und handelte erneut getreu den alten Verhaltensmustern bei Misserfolg. Der ewige Kreislauf begann von vorn. Immer und immer wieder, als seien sie dazu verdammt, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Ob sich daran jemals etwas ändern wird? Es bleibt wie immer abzuwarten. Meine Furcht war groß, der Baum würde noch vor Heiligabend brennen, nach dem 1:1 gegen Bremen, das insgesamt zu wenig war, vermutete ich das Pokalaus gegen Braunschweig und eine herbe Klatsche zum Abschluss gegen Wolfsburg – es wäre ein ungemütliches Weihnachtsfest geworden.

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Kaum noch Hoffnung

Nach einer weiteren Nachtschicht, um die Braunschweig-Bilder fertig zu machen, war die Nacht um sechs Uhr schon wieder vorbei. Was ich in den letzten Wochen und Monaten alles schon besorgen wollte, aber nicht geschafft hatte, es kam nun wie ein Bumerang zu mir zurück. Dies noch, jenes noch, zu vieles, was noch zu erledigen war. Vorfreude aufs Spiel? Mitnichten. Nur noch ein Mal. Es gab schon Zeiten, da schwang mit der Aussicht auf Winter- und Sommerpausen schon Gejammer mit, man wolle weiter jede Woche Fußball schauen. Heutzutage lieber nicht.

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Fast kam es einem so vor, als hätte man sich nicht zwei Stunden vor Anpfiff auf den Weg zum Stadion gemacht, sondern bereits sehr viel früher. Nichts war los auf den Straßen, nur ein paar wenige sichteten wir im weiß-roten Schal. Immer wieder schaute ich auf meine Armbanduhr, um mich zu vergewissern, dass wir nicht doch viel zu früh losgelaufen sind. Wie hier die 45.000 + X zustande kommen sollten, war mir schleierhaft.

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Optimismus hört sich anders an. Als ich alleine vor dem Stadion stand und meine Lauscher aufsperrte, vernahm ich kein einziges Mal „Ich denk, die gewinnen heute“, ich vernahm nur „Wie hoch verlieren wir heute?“ und „Gott sei Dank ist dann Winterpause“, sinnbildlich für eine Fanszene, die die Hoffnung auf entspannte Zeiten und ihren Glauben an die Stärke der Mannschaft bereits verloren hat, die es jedoch immer wieder schafft, sich für den Support aufzuraffen. Man will sich ja schließlich nicht vorwerfen lassen, es habe an uns gelegen.

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Sehnsucht nach der Winterpause

Die milden Temperaturen lassen nicht darauf schließen, dass am Tag darauf der vierte Advent und wenige Tage später Weihnachten sein würde, fast schon frühlingshaftes Wetter. Es wunderte mich fast schon ein bisschen, dass sich Felix keine kurze Hose angezogen hat, wie er es bei solch milden Witterungen gerne tut.Viel zu warm war ich angezogen, die Thermo-Strumpfhose hätte ich sogar weglassen können. Ein kleines Schnitzelbrötchen auf die Hand, es sollte mein Abendessen sein. Um mich herum postierten sich die selben bekannten Gesichter, die einzigen, die mir in der Winterpause tatsächlich fehlen werden.

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Noch machten wir uns lustig über die paar wenigen hundert Wolfsburger, die die knapp 530 Kilometer auf sich genommen hatten, vor ein paar Jahren waren es noch um die 50. Ironischerweise war es einst das selbe Ergebnis, kurz darauf investierten sie kräftig und mauerten sich im oberen Bereich der Tabelle fest. Was der Erfolg eines Werksclubs so ausmachen kann, ist mitunter erstaunlich. Nur langsam füllten sich die Reihen des Neckarstadions, die Zeit bis zum Anpfiff verging nur quälend langsam.

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Mit dem VfB der ersten paar Spiele dieser Saison hatte diese Mannschaft nicht mehr sehr viel gemein, wenngleich es doch die selben Gesichter und die selben Namen auf ihren Trikots waren. Sahen wir vor Monaten eine Offensive, die alles und jeden von Anpfiff an direkt überrennen wollte, beginnt man nunmehr mit einer „geordneten Defensive“, wie es so schön im Fußballfachdeutsch heißt. Diese hatten wir ja aber auch nötig, bei 36 Gegentoren bis zum jetzigen Tage.

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Eine Frage der Höhe

Die Kurve schien überreif für die Winterpause, da hatten die Vorschreier Schwerstarbeit zu verrichten. Wie motiviert man tausende Fans, die in den letzten zwölf Monaten so viele Enttäuschungen verarbeiten mussten und die sich an genau der selben Stelle wähnen, als man bereits letzte Saison jede Hoffnungen auf den Klassenerhalt begraben wollte? Wie ermuntert man sich gegenseitig, niemals aufzugeben und bis zum Schluss alles zu geben, was wir ja nicht weniger auch von der Mannschaft erwarteten?

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Wir alle hatten uns etwas anderes vorgestellt, als sich vor einem halben Jahr zwei Tage nach dem Klassenerhalt in Paderborn Robin Dutt ans Mikrofon setzte und kund tat, die Weichen würden neu gestellt werden. Was waren wir nicht hoffnungsvoll, zu schnell holte uns die Realität wieder ein. Ist es da so verwunderlich, dass es auch uns Fans an Zuversicht fehlt? Wie solle man sich gegen die stark besetzten Niedersachsen durchsetzen, wenn man bereits gegen einen Zweitligisten die Verlängerung brauchte, um in die nächste Pokalrunde einzuziehen?

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Gerade eben hatte der VfB noch einen Eckball gehabt. Gerade eben schwenkten wir noch unsere Schals. Gerade eben hielt ich noch mit der Kamera auf das Tor vor der Untertürkheimer Kurve. Nach 14 Minuten führten die Wolfsburger. Deprimierten Blickes wandte ich mich an meine Nebensteherin Nina, „Und so beginnt es“ sagte ich still. Ein irreguläres Tor, denn zuvor war es ein Handspiel bei der Ecke wenige Sekunden zuvor. Ohne jede Frage: hier geht es nur um die Höhe der Niederlage. Heute kann ich darüber lachen. Gestern nicht.

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Glücksschuss

Das wirklich Beeindruckende daran: nicht nur die Reaktion der Mannschaft, sondern vor allem anderen die Reaktion der Kurve. Es fiel schwer, ohne jede Frage. Doch was machte es für einen Unterschied, ob wir angesichts des drohenden Niedergangs noch ein einziges Mal unsere Faust heben und unsere Stimmen erklingen lassen, oder eben nicht. Nicht wenige von uns hatten von diesem Kalenderjahr schon gut 38 Spiele in den Knochen, bei Felix und mir war es wegen des ersten Pokalspiels in Kiel eines weniger. Ja, es hatte Kraft gekostet. Aber ja, wir wollten doch selber einen positiven Jahresabschluss.

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Ein paar wenige Minuten mussten ausreichen, um sich zu schütteln. Sie waren erneut unterwegs Richtung Diego Benaglio. Das Halsband meiner Kamera hatte ich doppelt um mein rechtes Handgelenk gebunden, hielt sie mir vor die Nase, schaute mit dem rechten Auge durch den Sucher und kniff das andere fest zu. Ich sah den wieder genesenen Daniel Didavi am Ball, dessen Zukunft sich schon bald entscheiden würde. Ich sah seinen Schuss aus der zweiten Reihe. Ich sah, wie der Ball länger und länger wurde. Und ich sah, wie er im Winkel einschlug und im Netz zappelte. Danach sah ich erstmal nichts mehr.

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Das Prinzip „Erst freuen, wenns tatsächlich geschafft ist“ warf ich gleich über Bord, als wäre es heute ohnehin egal gewesen. Ob wir gewinnen oder verlieren, es würde das letzte Mal in 2015 sein. Hellauf begeistert fiel man sich um den Hals, ich ertappte mich mit einem fröhlichen Lachen inmitten einer euphorischen Cannstatter Kurve. Das war nicht nur irgendein Ausgleichstor. Das war Zucker in seiner reinsten Form. Ob es für das Tor des Monats reicht, wissen wir nicht, für den VfB jedoch unumstritten eines der schönsten Tore des Jahres.

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Nicht die Wolfsburger, die man sonst kennt

Gut, gut, gut. Ein Tor gegen Wolfsburg – damit rechnete ich ja nicht einmal im Traum! Doch ich kenn ja meine Pappenheimer. Eingeplant hatte ich ohnehin keine Punkte, also konnte ich mich nun auch dem fügen, was um mich herum passierte. Ein magisches Tor, welches uns binnen weniger Sekunden die Magie in die Kurve zurück brachte. Die Fans waren zurück, als ob sie bereits vorher gewusst hatten, was dieser Moment auslösen würde.

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Je länger wir dem Rückstand hinterher gelaufen wären, desto mehr Morgenluft hätten die Gäste gewittert. Alles auf Null, das Wettrennen gegen die Zeit begann von vorne, doch wer hier wirklich an ein glückliches Ende glaubte, musste schon sehr viel Bier vor der Partie getrunken haben (oder zu wenig). Wirklich viel war den auswärtsschwachen Wolfsburgern nicht eingefallen, doch das hatte ja noch nicht viel zu bedeuten. Sie waren zaghaft, und die Weiß-Roten nutzten das eiskalt aus.

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Julian Draxler blieb unsichtbar, wie auch seine beiden Nationalmannschaftskollegen Max Kruse und André Schürrle. Seit wann der VfB kontern kann, war mir ebenso schleierhaft wie die Tatsache, dass den Wolfsburgern abgesehen vom irregulären Führungstreffer nichts so recht gelingen wollte. Sie verloren den Ball und wieder bestätigte Lukas Rupp seine in den letzten Wochen positive Entwicklung in Richtung Führungsspieler, obwohl er erst seit dem Sommer bei uns ist.

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Unfassbare Szenen

Kontern im eigenen Stadion, schon alleine dafür gab es minütlich Szenenapplaus. All der Frust der letzten Wochen, vornehmlich von der makabren Pleite gegen Augsburg, nichts war davon zu spüren, als wir sie nach vorne schrien. Schnelles Umschaltspiel, das hatten wir nicht allzu oft in dieser Spielzeit bei unserer Mannschaft beobachten können, waren wir doch bisher immer diejenigen, die mit regelmäßigen Kontertoren ins Hintertreffen geraten waren. Timo Werner hatte sich davon gestohlen, mein Hals kratzt noch von dem Moment, als ich ihm „Lauuuuuuuuuf!“ hinterher schrie.

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„Rüüübeeeeeeeeeer“ war das letzte, was ich noch aus meinem Mund bekam, bevor die Kurve im gellenden Geschrei unterging. Wieder hatte ich kurz zuvor die Kamera drauf gehalten, in der Hoffnung, mir möge ein ähnlicher Glücksschuss gelingen wie beim 1:1 keine zehn Minuten zuvor. Alles ein wenig unscharf und fiel damit bei der Bildsichtung durchs Raster, doch schaute ich des Nachts mit einem breiten Lächeln auf die 4.752 mal 3.168 Pixel große Bilddatei.

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Die ganze Saison schon warten wir auf ein Tor von unserem Flügelflitzer, nun endlich war es gefallen. Ob wir in der Rückrunde noch einmal in den Genuss kommen, Filip Kostic zu bejubeln, ist fraglich. Viele Sympathien verspielte er im Sommer, als er vier Tage vor Schließung des Transferfensters nach Schalke wollte und in den Folgemonaten oft durch pomadige Lustlosigkeit auffiel, doch wissen wir alle, wieviel ein funktionierender Filip Kostic für den VfB wert sein kann. Dann hat er nämlich keinen Wert, an solchen Tagen wie in der Schlussphase des Abstiegskampfs 2014/2015 ist er schlichtweg eines: Unbezahlbar.

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Immer wieder, immer weiter

Wie war das möglich? Innerhalb von weniger als zehn Minuten hatte der VfB das Spiel gedreht. Wie ging das denn? Die Kurve schrie und hüpfte, angesichts einer der besten Saisonleistungen. Was war hier nur los? Mit „Logischer Konsequenz“ konnte man das nicht begründen,es war die kurze Wiederauferstehung einer gefallenen Mannschaft, die viel tiefer nicht mehr hatte fallen können. Noch benebelt vom 2:1 sahen wir noch im Augenwinkel, wie Lukas Rupp nur knapp das 3:1 verfehlte, der Pfosten war im Weg. Was wäre das hier für ein Tollhaus geworden?

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Verstehen konnte ich es nicht, aber ich genoss es – in vollen Zügen! Der Boden unter meinen Füßen vibrierte, ein Hauch von Sehnsucht lag in der Luft, eine Erinnerung an vergangene, erfolgreichere Tage. Ungeachtet der Halsschmerzen, die mich am nächsten Tag ereilen würden, es war an diesem Tag irrelevant. Angestachelt von den Worten des Vorschreiers, die für eine kollektive Gänsehaut sorgten, wurden wir lauter und lauter: „Dieser Sieg gehört nur uns, wir lassen uns das jetzt nicht mehr nehmen!“

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Innerhalb weniger Tage war es das zweite Heimspiel gegen Niedersachsen, doch wo sich gegen Braunschweig unsere Angst noch mit ein wenig Ernüchterung vermischt hatte, fühlte sich das hier anders an, geradezu stolz, erhaben, zuversichtlich. Es ist die selbe Mannschaft wie seit Wochen, doch war es heute anders. Man stelle sich nur vor, Timo Werner hätte wenige Minuten vor der Pause nach Emiliano Insuas langem Pass nicht direkt Diego Benaglio angeschossen, nachdem er bereits Naldo und Timm Klose davon gelaufen war. Ein wenig mussten wir uns noch gedulden. Wir wussten es nur noch nicht.

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Woge der Begeisterung

Welch ungewöhnliches Gefühl, wenn das Neckarstadion die Mannschaft mit tosendem Applaus in die Kabine verabschiedet. Capri Sonne schürfend stand ich nun also hier, schaute mich langsam um und blickte in Gesichter, die allesamt von Verwunderung zeugten. „Geile erste Halbzeit“, so der Grundtenor, doch alleine die bloße Anwesenheit eines Bas Dost ließ mich daran zurück erinnern, dass jede Partie zwei Halbzeiten hat. Das sind sie nun also, die letzten 45 Minuten des mehr als harten Jahres 2015. Mehr als alles andere hoffte ich, sie würden alleine schon für uns alles geben.

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Ein Tag, so wunderschön wie heute. Die zweite Halbzeit hatte gerade begonnen, ich vermag mir nicht vorzustellen, wieviele noch draußen an den Imbissständen standen oder sich noch ihren Weg durchs Gedränge bahnten. Sie alle hatten jenes Tor nicht gesehen, dass endgültig unsere Hoffnungen schürte, hier gegen den haushohen Favoriten drei Punkte zu holen. Wieder Daniel Didavi. Wieder ein Traumtor.

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Was wir nicht für Pech hatten in dieser Spielzeit, wenn nichts von alledem, was man sich vornahm, so richtig funktionieren wollte, als würde ein Fluch über dem VfB liegen. Auf einmal passte alles. Die Laufwege, die Abstimmung, die Schnittstellen, einfach alles. Ein Kopfball von Rupp, eine Übergabe von Christian Gentner, ein Pass von Florian Klein in den Lauf des Doppeltorschützen. Manchmal kann es so schön sein.

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Nur für uns

Un. Fass. Bar. Mir schossen wieder die Worte des Vorschreiers in den Kopf, immer wieder klangen sie in meinem wirren Kopf nach. DAS HIER IST NUR FÜR UNS. Manchmal ist es für mich nicht ganz einfach, die Emotionen wiederzugeben, die ich gemeinsam mit tausenden anderen in diesem Moment erlebt habe. Viele Menschen verbinden mit Weihnachten und Jahreswechsel den mehr oder weniger bewussten Wunsch, Dinge zu Ende zu bringen, um im neuen Jahr neu anzufangen. Das ganze Drecksjahr 2015 hinter sich zu lassen, das wollte auch der VfB und tat genau das Richtige in genau dem richtigen Moment.

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Mein Kumpel Sascha saß auf der Mauer, griff sich an den Kopf und starrte beinahe apathisch in die Menge, die sich schreiend in den Armen lag. Die Emotionen bahnten sich in ihren Weg in unseren Reihen und schenkten uns jenes selige Gefühl, das uns bisweilen schweben lassen mag. Wohin ich auch blickte, niemand stand mehr hier mit versteinerter Mine, niemanden hörte ich bruddeln, ich sah nur weit aufgerissene Augen und das Lachen in den Gesichtern jener Menschen, mit denen ich schon seit Jahren im Block 33 stehe.

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Es stand 3:1. Drei zu eins! Für einen Moment überlegte ich noch, ob ich den Zwischenstand kurz mit der Kamera festhalten sollte, weil es im Augenblick so unwirklich, so schön, fast schon absurd war. Ich hielt die Kamera hoch und wandte sie auf die Kurve, verzichtete dann doch auf die Anzeigetafel. Zuletzt hielt ich es dort fest, wo der VfB einst auch mit 3:1 führte. Das Trauma von Leverkusen dürfte uns allen noch lebhaft in Erinnerung sein.

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Ein Mann weniger

So richtig ausgelassen vermochte ich mich demnach auch noch nicht zu freuen, jedenfalls nach außen hin. In mir drin fuhren meine Emotionen Achterbahn. In Leverkusen verspielte man in den letzten 20 Minuten eine Zwei-Tore-Führung, wer will es mir also verdenken, dass ich seither immer abwarte, bevor ich mir drei Punkten fest plane. Wäre es nach mir gegangen, sie hätten so schnell wie möglich das vierte und fünfte Tor gemacht, um auch ja sicher zu gehen, dass hier nichts mehr anbrennen kann.

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Die Chancen dazu hatten sie allemal, wieder war Diego Benaglio zur Stelle, als Timo Werner alleine auf ihn zurannte. Dieter Heckings Halbzeitansprache muss laut gewesen sein, die Wolfsburger taten jetzt wieder etwas mehr, nach 56 Minuten sah Toni Sunjic, der Siegtorschütze vom Pokalabend gegen Braunschweig, die erste Verwarnung des Spiels, wenngleich der beim Tackling den Ball spielte und es eigentlich keine Verwarnung war, sondern allenfalls Freistoß. Eine gelbe Karte mit unfreiwilligen Folgen.

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So euphorisch sie bis zum Beginn der zweiten Halbzeit spielten, nach gut einer Stunde zogen sie sich ein wenig zurück. warteten auf weitere Möglichkeiten zum Kontern und gaben den Wolfsburgern ungewollt viel Raum. Sie taten nun alles, um die Bälle hinten rauszuschlagen, wenn sich schon keine große Gelegenheit mehr bot, das 4:1 zu machen. Manchmal auch etwas zu ungestüm: 20 Minuten vor dem Spielende senste Toni Sunjic an der Mittellinie völlig unnötig Bas Dost um. Schiri, der hat schon Gelb.

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20 Minuten Angst und Panik

Langsam schlurfte er vom Feld. War die erste Verwarnung eigentlich gar keine, war es die zweite schon. Hätte man hier nicht Gnade vor Recht ergehen lassen und es bei einer mündlichen letzten Verwarnung belassen können? Ich weiß es nicht. 20 Minuten in Unterzahl. 20 Minuten gegen Gäste, die rein von der namentlichen Qualität durchaus in der Lage waren, uns zurück auf den Boden der Tatsachen fallen zu lassen. 20 Minuten Zittern. Und alle Euphorie und Freude der ersten 70 Minuten schlug in sorgenvolle Blicke um.

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Für Daniel Didavi war Feierabend, den hatte er sich verdient. Jetzt ging es nur noch ums Halten, Timo Baumgartl kam ins Spiel und füllte die Lücke in der Abwehrreihe. Diese Spannung hätte es jetzt für das leidgeplagte Stuttgarter Publikum nun wirklich nicht mehr gebraucht. Was wäre erst gewesen, wenn Dr. Felix Brych den Wolfsburgern den Elfmeter in der 73. Minute gegeben hätte? Nicht auszudenken, wenn hier der Anschlusstreffer in Unterzahl gefallen wäre.

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Blankes Entsetzen: Sebastian Jung frei vor dem Tor von Przemyslaw Tyton, zehn Minuten vor dem Ende. Aus einem Meter Entfernung köpfte er zwei Meter über das Tor. Wieder drangen die Worte des Vorschreiers in meinen Kopf. WIR LASSEN UNS DAS JETZT HIER NICHT MEHR NEHMEN! Nicht heute, nicht mehr in diesem Jahr, wir haben genug gesehen! Die letzten Minuten zogen sich eine Ewigkeit, eine Minute fühlte sich zehn Mal so lang an.

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Ist denn heut‘ schon Weihnachten?

Noch einmal alle Kräfte bündeln. Immer wieder murmelte ich „Rafft euch“ in mein um den Hals geschlungenes Tuch. Noch ein paar Minuten alles geben, das galt vor allem auch für uns, für einen letzten Endspurt im Jahr 2015 schrien wir noch ein Mal alles heraus, was wir konnten. Die offizielle Spielzeit war schon fast zu Ende, jeder rechnete mit gut zwei Minuten Nachspielzeit. Filip Kostic lag nach einem Foul am Boden, doch statt den Ball fairerweise heraus zu spielen, spielten die Wolfsburger immer weiter und zogen sich nicht erst jetzt den Unmut der Cannstatter Kurve zu.

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Für den Torschützen zum 2:1 war das Spiel vorbei, für die komplette Mannschaft aber noch lange nicht. Vier Minuten gab Dr. Felix Brych oben drauf, wobei sein Geheimnis bleibt, wo er die denn hernahm. „Macht jetzt bloß keinen Scheiß“, flüsterte ich still und kaute den letzten Rest meiner Fingernägel herunter. Die Hälfte der Nachspielzeit war vorbei und das Lied, welches vor 4 Wochen noch blanker Hohn war, klang nun voller Euphorie: „Oh wie ist das schön“. Zuerst wollte ich nicht, doch schon bald stimmte ich mit ein.

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So langsam sickerte die Erkenntnis durch: der VfB würde dieses Spiel tatsächlich gewinnen. Mit 3:1 gegen Wolfsburg. Ein letzter Abstoß von Przemyslaw Tyton. Und dann war es soweit: um 20:22 Uhr pfiff der Unparteiische die Partie ab und ließ die Kurve erneut jubeln. Es gab nicht sehr viel, was den grauen Alltag eines VfB-Fans erhellen konnte, so sehr unsere Nerven gefoltert wurden, so erleichternd und erlösend kam dieser Abpfiff daher. Willkommen im Paradies.

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Das schönste aller Weihnachtsgeschenke

Der letzte Akkord des Jahres, und was für ein Schöner. So richtig begreifen konnte ich es nicht, weder bei Daniel Didavis zweitem Schuss ins Glück, noch beim Abpfiff, selbst am Tag danach noch nicht. Dieser Verein ist und bleibt mir hin und wieder ein Rätsel. Es kann eine komplett verkorkste Hinrunde nicht mit einem Sieg wieder gut machen, doch es erleichtert den Gang in die Winterpause ungemein. Noch mehr als die Mannschaft selbst haben es jedoch wir Fans verdient, heute mit einem Lächeln heimzukehren.

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Den Applaus holten sie sich zurecht. Was. Für. Ein. Spiel. Mehr davon! Viel mehr! Auf ihrer Ehrenrunde verteilten sie viel Abklatschen und wünschten uns frohe Weihnachten, während auf der Anzeigetafel ein zuvor gedrehtes Weihnachtsvideo lief, in dem die Mannschaft „Feliz Navidad“ sang. Glücklicherweise spielten sie an diesem Tag besser, als sie singen können. Wenn sie auch nur ein, zwei Mal öfter diese Energieleistung hätten abrufen können, wer wäre hier schon im Vorfeld davon ausgegangen, Wolfsburgs Sieg wäre nur eine Frage der Höhe gewesen? In Wahrheit war es unser Sieg. Nur unserer.

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Ein paar letzte Umarmungen und unzählige viele Weihnachtswünsche wurden verteilt, bevor wir uns von dannen machten. Draußen im Umlauf vor der Kurve schallte es laut, immer wieder „Jaaaaa, der VfB“, mit diesem vorzeitigen Weihnachtsgeschenk hatte niemand gerechnet. Wie es in und nach der Winterpause weiter geht, müssen wir abwarten. Es braucht Verstärkung in der Defensive, und seit heute ist auch die Trainerfrage geklärt, Jürgen Kramny wird zum Chef beordert. Ob das gut ist oder nicht, wird die Rückrunde zeigen. Unser größter Wunsch wurde schon jetzt erfüllt: auf dass wir fortan wieder die Hoffnung in uns tragen.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

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