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Unterwegs aus Liebe zum VfB Stuttgart

Weiterhin ungeschlagen

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Das Wort „traumatisiert“ trifft es vielleicht ganz gut. Anders könnte ich es mir ansonsten nicht erklären, warum ein Punktgewinn im achten ungeschlagenen Bundesligaspiel in Folge für mich persönlich ein bisschen zu wenig ist. Dass ich damit weitgehend alleine stehe, muss ich wohl oder übel in Kauf nehmen. Der Grund für das einzige finstere Gesicht im Gästeblock mag zwar nicht rational sein, doch er ist zumindest nachvollziehbar: je schneller wir ganz viele Punkte holen, desto früher können wir den Abstiegskampf zu den Akten legen. Nichts wünsche ich mir sehnlicher als das. Obwohl.. Nein. Es ist die Gelassenheit, die ich mir mehr wünschen würde. Fraglich nur, was in den nächsten Wochen und Monaten realistischer ist.

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Welch wundervolle Worte ich in den letzten Wochen niederschreiben durfte. Niemand hatte es vermutet, als wir vor 72 Tagen noch am Tabellenende lagen, perspektivlos, hoffnungslos, alternativlos. Fantastische Wochen liegen hinter uns, und ohne jeden Zweifel machen sie einiges von dem wett, was wir in der Hinrunde über uns ergehen lassen mussten. Man sollte meinen, es gibt keinen Grund, Drama zu machen, Panik zu schieben oder den mahnenden Zeigefinger zu heben. Ich tue diese irrationalen Dinge nicht, weil ich dieser zur Einheit gewordenen Mannschaft keine Punkte zutraue, im Gegenteil – doch ist es nachwievor die Angst vor dem Abstieg. Angst sieht nicht. Sie ist blind. Genau wie die Liebe.

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Kleinlaut traute sich der Optimismus in den letzten Wochen immer wieder mal hervor, gefüttert von den Ergebnissen der letzten Bundesligaspiele, genährt vom Optimismus einer ganzen Region, mit breiter Brust flüsterte er mir ins Ohr: „Mädchen, das wird!“ Doch da ist immernoch das kleine Teufelchen, was auf meiner Schulter sitzt und mir mit finsterer Mine entgegnet: „Hast du vergessen, was letzte Saison war? Das kann auch alles ganz schnell wieder den Bach hinunter gehen!“. Hin- und hergerissen sitze ich hier, versuche mein Gedankenchaos zu ordnen und weiß nicht einmal mehr, ob es Demut und Vorsicht sind, die angebracht sind, oder doch eher die Zuversicht.

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Die schönste Zeit seit Jahren

Drama-Queen war noch das Netteste, was ich mir in den letzten 24 Stunden anhören musste. Es ist hinlänglich bekannt, dass ich dazu neige, den Teufel an die Wand zu malen, meist in Form von kommenden Niederlagen – doch haben nicht die vergangenen Jahre allen Grund dazu geboten? Es sind nicht die letzten Wochen, die mich noch immer ein wenig misstrauisch auf die Tabelle schauen lassen, es ist die Erinnerung an das, was hinter uns liegt.

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Wie einen dunkler Schatten ziehe ich hinter mir her, was uns so viel Kraft gekostet hat. Noch einmal bis zum letzten Spieltag warten zu müssen, bevor der Klassenerhalt perfekt ist, verkrafte ich nicht. Dass das nicht nötig sein wird, höre ich von allen Seiten, doch von meiner inneren Stimme höre ich es nicht, dabei wäre sie doch die wichtigste von allen. Zu lange schon denke ich über die schlimmsten Konsequenzen nach, noch bevor sie überhaupt eintreffen können. Bisher hatte es der VfB immer geschafft, das Schlimmste abzuwenden. Doch hat mich das zuversichtlicher gemacht? Mitnichten.

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Wir erleben die schönste Zeit seit vielen Jahren, wie gerne würde ich das einfach nur in vollen Zügen genießen, mich zurück lehnen und mich schlicht und ergreifend an der Tatsache erfreuen, dass aus all den Spielern, die vor einigen Monaten noch ein willkürlich zusammengewürfelter und unkoordinierter Haufen war, eine Mannschaft geworden ist, die für einander da ist und alles dafür tut, gute Leistungen zu zeigen. Es gibt Momente, da sind sie kaum wieder zu erkennen, obwohl es sich de facto um die selben Spieler handelt, das ist doch fast schon absurd.

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Eher „Ohje“ statt „Wird schon“

Werde ich gefragt, wie mein Tipp für das kommende Spiel denn aussehen würde, geschieht etwas Bizarres in meinem Kopf. Es beginnt mit dem Gedanken „Das ist rational gesehen durchaus machbar“, geht direkt über in einen kurzen Moment des Optimismus, dicht gefolgt von der quälenden Erinnerung an die vergangenen Jahren, die mir ein grausames Bild projizieren: „Ohweh“. Grund dafür habe ich nicht. Die Mannschaft beweist Zusammenhalt und Stärke, hat den Weg zur eigenen Balance gefunden und erfreut uns mit guten Ergebnissen. Rational betrachtet gibt es keinerlei Grund zur Besorgnis. Aber Fußball ist eben nicht immer rational.

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Gemischte Gefühle begleiteten mich, als wir des Morgens ins Auto gestiegen waren und uns bei Nieselregen auf den Weg nach Gelsenkirchen zu machen. Wie gut ein Sieg auf Schalke täte, wäre doch ein Punkt noch ganz gut – warum ich mich nun nicht einmal selbst daran halten kann, ist mir selbst ein persönliches Rätsel. Sehr viel besser wurde das Wetter auf den knapp 450 Kilometern nicht und so stieg die Wahrscheinlichkeit, das Schalker Stadion zum ersten Mal bei geschlossenem Dach zu erleben. Turnhallenatmosphäre, wie ich später selbst erleben sollte.

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Im StarChief Diner, gut zehn Autominuten vom Stadion entfernt, stärkten wir uns bei einem leckeren Burger, bevor wir als eine der ersten den empfohlenen Gästeparkplatz aufsuchten. Die Erinnerungen waren zurück, an vergangenen Saison, als wir hier wortlos nach dem Spiel standen, ins Nichts starrten und versuchten zu begreifen, was dort eben passiert ist. Der VfB war nach dem Last-Minute-Sieg der Schalker Anfang Mai gefühlt abgestiegen und ließ uns Fans nicht mehr viel Zuversicht, wie der Klassenerhalt denn noch geschafft werden sollte.

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Viel hilft viel

Die Tore waren noch geschlossen und der Regen lief uns ins Gesicht, als wir zu fünft mit Freunden vor den Eingängen auf den Einlass warteten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es denn so wäre, wenn der VfB heute gewinnen würde. Oder besser noch, wenn ausgerechnet der Ur-Dortmunder Kevin Großkreutz in der Nachspielzeit das Siegtor erzielen würde? Man darf sich sicher sein, es hätte den Humor vieler Leute perfekt getroffen. Meinen übrigens auch.

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Eine Choreographie sollte es geben, zahlreiche Handzettel wurden ausgeteilt, bevor eine nicht enden wollende Menge an Fahnen in den Block hineingetragen wurde. Dutzende, nein, hunderte Fahnen, es wurden immer mehr und mehr. Es kribbelte gewaltig, so sehr sehnte ich mich danach, schon in ein paar Wochen dem Abstiegskampf „Adieu!“ sagen zu können, alles weitere nach oben wäre ohnehin nicht mehr als ein Bonus, den man nach der Hinrunde ohnehin als Geschenk betrachten dürfte.

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Der Gästeblock füllte sich mehr und mehr und fast jeder bekam eine Fahne in die Hand gedrückt, getreu dem Motto „Viel hilft viel“, denn nicht jeder hatte den Platz, um seine Fahne zu schwenken. Als die Mannschaften das Feld betraten, sah man nichts außer eine Wand voll roter Fahnen und höre nichts außer dem klackenden Geräusch aneinander stoßender Fahnenstöcke. Dass ich dabei leider nicht sehen konnte, wie die komplette Mannschaft in mit der 33 und dem Namen Ginczek beflockten Trainingsjacken eingelaufen war, nehme ich dabei in Kauf. Welch wundervolle Geste des neuen Zusammenhalts beim VfB.

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Rachegelüste

Der Ball rollte in der Turnhalle, in der es minütlich immer wärmer wurde. Jacken und Pullis wurden ausgezogen, so dauerte es nicht lang, dass die Ersten im T-Shirt da standen, so auch Kumpel Eric, den ich vor gut einem Jahr in Köln kennengelernt hatte. Eine hitzige Partie könnte es werden, und ohne jeden Zweifel hätten sich ein paar der mitgereisten Fans sogleich das Leibchen vom Körper gerissen, wäre der VfB bereits nach fünf Minuten in Führung gegangen. Timo Werner ließ man gewähren und Christian Gentner scheiterte an Ralf Fährmann.

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Für einen kurzen Moment dachte ich ans Hinspiel, in dem man mehr Chancen hatte, als man zählen konnte und ein einziger Anlauf der Schalker zu deren Auswärtssieg reichte. Welch bitterer Tag es doch war, wenn selbst Coach André Breitenreiter in der Pressekonferenz saß, süffisant lachte und einräumte, wie unverdient dieser Sieg doch war. Wir trachteten nach Rache und was sich vor einigen Wochen wie ein hehres Ziel erschien, wurde zur Wirklichkeit: Rache an all jenen, die uns in der Hinrunde die Punkte gestohlen und uns frustriert zurückgelassen hatten.

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Ein vorsichtiges Abtasten, alles noch ziemlich unpräzise, doch was noch nicht war, konnte ja noch werden. Ein bisschen Hoffnung hatte ich mir bewahrt, hier ein weiteres Mal mit einem breiten Grinsen den Block zu verlassen, doch erstickte jeder Gedanke an ein Erfolgserlebnis bereits nach einer Viertelstunde. Laut war der Jubel, als Przemyslaw Tyton vor 61.262 Zuschauern den Schuss von Alessandro Schöpf noch klasse parieren konnte, doch der Jubel der Schalker folgte um einiges lauter: Gegen den Kopfball von Younes Belhanda an der Strafraumgrenze war man machtlos.

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Konsequent sieht anders aus

Wie ein Messerstich in die Magengrube. Leises Raunen und fassungslose Blicke, als der Torschütze jubeln abdrehte und sein erstes Tor im Schalker Trikot mit einem Salto vor der Nordkurve feierte. Die erste Chance der Schalker landete im Tor. Und wieder war sie da, die Erinnerung an das bittere Hinspiel. Die letzten Wochen hätten mich doch eigentlich umso mehr in dem Glauben bestärken müssen, dass die Mannschaft einen Rückstand weg stecken kann. Das tröstete mich in diesem Augenblick doch herzlich wenig, sah ich doch auf dem Spielfeld eine Mannschaft, die völlig von der Rolle schien.

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Nichts klappte mehr, keine Abstimmung, keine Laufwege, das vogelwilde Verhalten der Mannschaft ersparte uns nur knapp den zweiten ohrenbetäubenden Jubel zehntausender Schalker. Ob sie nach einem Zwei-Tore-Rückstand ebenso zurück gekommen wären? Ich weiß es nicht, doch diese Frage beschäftigte mich lange Zeit in meinem Hinterkopf, während ich händeringend versuchte, den Kopf oben zu lassen und auf die entspannten Worte meines Hintermanns zu hören: „Nur Geduld, die machen das schon“. Worte, die ich nur allzu gut von meinem Kumpel Philipp kenne.

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Keine wirklich gute erste Halbzeit, weit entfernt von dem, was wir alle so gerne von unseren Jungs gesehen hätten. Viel zu oft sind die Schalker gefährlich vors Tor gekommen, es fehlte der richtige Zugriff in der Abwehr und mit dem Wissen, dass Leroy Sané Mitte der ersten Halbzeit ins Spiel kam, wuchs meine Hoffnung auf Besserung nicht wesentlich. Es sollte einiges erforderlich sein, um in der zweiten Halbzeit mehr draus zu machen.

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Frischer Wind

Die Stimmung auf Schalke war schon wesentlich besser gewesen in den letzten Jahren, sowohl auf unserer als auch auf deren Seite. Ob das wirklich einzig und allein an der schlechteren Akustik bei geschlossenem Dach zu tun hatte, vermag ich nicht hinlänglich zu beurteilen. Viel Luft nach oben also für alle, die den Brustring trugen. Ein schlechtes Spiel war es nicht von unserer Mannschaft, doch zeigte sie schon wesentlich besser, zu was sie im Stande ist, wenn sie denn wirklich willig ist. Sie können das besser, das wissen wir jetzt.

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Oft war zu lesen, wie verdient die Schalker Führung zur Halbzeitpause war, doch nicht weniger häufig war zu lesen, dass das Spiel auch hätte in eine andere Richtung kippen können. Wieviel Potenziell der VfB hat, zeigte er erst so richtig im zweiten Durchgang, unter den lauter werdenden Gesängen des Gästeblocks. Fiel der Führungstreffer für Königsblau durch ein kurioses Tor, so hätte es wie die Faust aufs Auge gepasst, wenn bei Roman Neustädter kläglichem Klärungsversuch nicht noch Junior Caicara auf der Linie gestanden hätte.

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Für das Geburtstagskind Daniel Didavi war das Spiel nach etwas mehr als einer Stunde vorbei, für ihn kam Alexandru Maxim, der ihn wohl auch am kommenden Wochenende gegen Hannover vertreten darf. Kaum wieder zurück von seiner abgesessenen Gelb-Rot-Sperre aus der Partie in Frankfurt, darf er nun erneut auf der Tribüne Platz nehmen. Die fünfte Gelbe war es, doch reagierte Jürgen Kramny wesentlich früher als bei der Eintracht und nahm ihn vom Platz, bevor sein Übermut eine Überzahl der Schalker bedeutet hätte.

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Eine Stunde Ungewissheit

Tor des Monats. Das wäre dein Preis gewesen, Alex! Welch wundervolle Flanke von Lukas Rupp, welch wundervoller Seitfallzieher unseres Rumänen, welch lautes Raunen im Gästeblock. Das wäre es gewesen. Um mich herum sah ich dutzende über den Köpfen zusammengeschlagene Hände, alle gingen im Kollektiv für eine Sekunde in die Knie und schrien laut „Nein!“ heraus. Der Hauch des Ausgleichs lag schwer in der Luft. Das spürte auch Jürgen Kramny, der alles auf eine Karte setzte, oder vielmehr auf zwei: auf Alexandru Maxim folgten wenige Minuten später Artem Kravets und Martin Harnik.

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Die geballte Offensive. Fresst das, ihr Königsblauen! Sie schienen müde und kamen nicht mehr so oft vor unser Tor. Wenn nicht jetzt, wann dann? Doch wieder war es die Chancenverwertung, die uns verzweifeln ließ. Eine ähnliche Ladehemmung wie im Hinspiel, als gefühlt tausende Schüsse aufs Tor von Ralf Fährmann kamen und kein einziger im Netz landete. Sie gaben nicht auf und versuchten es immer und immer wieder. Es war die zehnte Ecke des Spiels, irgendwann musste der Ausgleich doch fallen.

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Ja, Jaaaa, Jaaaaaaaa! Drei Minuten stand Martin Harnik auf dem Feld, da hielt er seinen Schlappen im rechten Moment hin. Was war er nicht immer verflucht worden, als Chancentod verschrien, und ohne jeden Zweifel, wäre er hier einen Schritt zu spät gekommen, es hätte nicht selten geheißen: „Ein typischer Harnik“. In einer weiß-roten Jubeltraube schrie ich meine Erleichterung so laut hinaus, bis ich husten musste, erst dann folgte das Herzen meiner Mitmenschen. Endlich! Eine Stunde hatten wir auf diesen Moment warten müssen. Eine Stunde flehentliches Warten. Eine Stunde Ungewissheit.

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Warme Gedanken für Daniel Ginczek

Erst im Nachgang sah ich, wie Martin Harnik sein Tor zelebrierte: nicht mit dem Hammer, nicht mit der fast schon in Vergessenheit geratenen bis zu den Achselhöhlen gezogenen Hosen, nein. Er rannte zur Kamera, zeigte je drei Finger ins Bild und gab noch ein Küsschen mit auf die Reise. Der Empfänger war klar, er saß zu diesem Zeitpunkt vor einem Fernseher, zwei Krücken in Reichweite, mit lässigen Klamotten und einem Cap auf dem Kopf. Daniel Ginczek, unser Held von Paderborn und so vielen anderen Spielen. Wo könnten wir jetzt stehen, wenn sein Bandscheibenvorfall nie gewesen wäre?

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All unsere Hoffnungen ruhten nun auf den Jungs in Rot. Noch eine Viertelstunde war ihnen übrig geblieben, um doch noch den Siegtreffer zu machen, den ich nach Younes Belhandas Führungstreffer für so unwahrscheinlich gehalten hatte. Woche für Woche zeigte uns der VfB zuletzt, dass er zu großen Taten imstande ist, warum auch nicht nach einer durchwachsenen ersten Hälfte irgendwie den Siegtreffer reinmurmeln? Vielleicht wäre es dann ja Jürgen Kramny gewesen, der kurz darauf lachend in der Pressekonferenz sitzt, während André Breitenreiter die Zornesröte ins Gesicht geschrieben steht. Der Teufel ist eben ein Eichhörnchen.

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Man kann nicht sagen, sie hätten nicht alles versucht. Immer wieder rannten sie an, doch scheiterten sie entweder am letzten Pass oder wie so oft an Ralf Fährmann. Schalke fand offensiv kaum noch statt, und wenn doch, machten das die Jungs hinten recht abgeklärt. Ich sage aber auch nur „recht abgeklärt“, nachdem ich mir die Szenen mit einem Abstand von einem ganzen Tag noch einmal angesehen habe. War ich persönlich etwa recht abgeklärt, als die letzten paar Minuten der Spielzeit angebrochen waren? Natürlich nicht.

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Besser ein Punkt als kein Punkt

Da stand ich, kaute auf meinen Fingernägeln herum und hoffte nur, uns bleibt das erspart, was uns am 2. Mai 2015 zum gefühlten Absteiger gemacht hat: der Todesstoß in der 89. Minute. Jene schmerzhafte Erfahrung blieb uns an diesem Sonntagabend erspart, doch eben leider auch jenes süße Gefühl des Siegtreffers in der 89. Minute. Daran konnten drei Minuten Nachspielzeit auch nicht mehr viel ändern. Przemyslaw Tyton ließ sich auf den Hosenboden fallen, vielmehr aus Erschöpfung, vermutlich weniger aus Enttäuschung. Das sah vor einigen Monaten noch anders aus. Auf einen Jubel aus dem Gästeblock wartete man allerdings vergeblich.

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Beklemmende Stille in unseren Reihen, als fragten sich alle, wie man dieses Remis nun zu bewerten hat. Ist das jetzt gut oder schlecht? Ein bisschen was von beidem. Besser ein Punkt als kein Punkt, jeder Zähler bringt uns etwas und eben dieser sorgte dafür, dass wir uns erneut am HSV vorbei auf den zwölften Platz schieben konnten. Bei mir überwog das Gefühl der Enttäuschung, wollte ich doch nichts mehr als den frühzeitigen Klassenerhalt. Unsere sensationelle Siegesserie von fünf Siegen in Folge war nun jäh gerissen.

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Mir ist bewusst, dass das nicht ewig so hätte weitergehen können. Doch mitgenommen hätte ich sie gerne, die drei Punkte, vielleicht genauso unverdient wie der Sieg der Schalker im Hinspiel. Kevin Großkreutz hatte sich 90 Minuten laute Pfiffe und wüste Beschimpfungen anhören müssen und saß nun grinsend auf seinem Hosenboden. Dem Moment der fragwürdigen Stille folgte schon bald der Applaus, als sich die Mannschaft Richtung Gästeblock bewegte. Ein Punkt auf Schalke kann durchaus als Erfolg gewertet werden, wenngleich am Ende vielleicht sogar noch mehr drin gewesen wäre.

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Zwischen Bangen und Zuversicht

Ich wollte mich so gerne freuen und wie viele andere sagen: „Ist absolut okay“. Doch konnte ich es nicht. Für ein paar wenige Augenblicke stand ich nicht in der dämpfigen Hitze der Schalker Turnhalle, ich stand in der prallen Sonne des Paderborner Gästeblocks. Alle Gedanken an das Unheil, alle Ängste und Sehnsüchte, alle Emotionen und Gefühlsausbrüche, nirgendwo sonst erlebte ich es geballt wie dort. Es ist meine größte Hoffnung von dieser Spielzeit, die ich vorschnell nach nur wenigen Spieltagen bereits den Bach hinunter gehen sah: nie wieder bis zum letzten Spieltag so sehr zittern müssen.

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Minuten später klafften bereits große Lücken im Gästeblock, die zuvor ausgeteilten Fahnen wurden eingesammelt und die meisten machten sich auf den Weg heimwärts. Eine Weile verblieben wir noch, bevor auch wir uns auf den Weg zum Parkplatz machten. So schnell würden wir von dort ohnehin nicht weg kommen, was sich auch tatsächlich bewahrheitet hatte. Gegen acht hatte Felix eingeplant, aus der Stadt zu kommen, tatsächlich standen wir eine Stunde später noch immer auf dem schlammigen und zermatschten Gelände.

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Mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der Mannschaft. Hört sich einfach an, ist in Wahrheit aber gar nicht so einfach umzusetzen. Ein erster Schritt wäre getan, nicht bereits bei einem frühen Rückstand in völlige Panik zu verfallen. Das viel wichtigere Spiel erwartet uns erst am kommenden Wochenende, wenn die massiv abstiegsbedrohten Hannoveraner nach Stuttgart kommen. In ein paar Wochen könnte der Abstiegskampf vorbei sein. Vielleicht komme auch ich dann ein wenig zur Ruhe und kann das genießen, was die Meisten von uns als großartige Zeiten empfinden. Ein Teil von mir weiß das auch. Der andere Teil fürchtet sich vor Hugo Almeida. Ich weiß. Irrational.

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Autor: Ute

31 Jahre, gebürtig aus Leipzig, seit 2010 wohnhaft in Stuttgart - Bad Cannstatt. Dauerkartenbesitzerin, Mitglied, Allesfahrerin und Fotografin für vfb-bilder.de. Aus Liebe zum VfB Stuttgart berichte ich hier von meinen Erlebnissen – im Stadion und Abseits davon. Mehr über mich

5 Kommentare

  1. Super, Deine Berichte, wollte das einfach mal schreiben. Vor allem auch der von VfB-VFL und die vom Klassenerhalt. Du bist echt sehr begabt

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